»Geheimen, aber sicheren Nachrichten zufolge hat Ministerpräsident Ribot

kürzlich zum italienischen Botschafter in Paris geäußert, Frankreich

ginge der Erschöpfung entgegen.« Unsere eigene innere Lage sei infolge

des langen Krieges und der Abgeschlossenheit vom Weltmeer schwierig, aber

er, der Kanzler, habe das feste Vertrauen, daß es gelingen werde, die

Schwierigkeiten ohne dauernde Gefährdung der Volkskraft und ohne

Bedrohung des staatlichen Gefüges zu überwinden. Gleichwohl stimme er mit

dem Grafen Czernin voll überein in der Verfolgung des Zieles, »einen

ehrenvollen, den Interessen des Reiches und unserer Bundesgenossen

gerechtwerdenden Frieden so bald wie möglich herbeizuführen«. Er teile

auch die Ansicht, »daß das wichtige Moment der Schwächung Rußlands

ausgenutzt und daß eine erneute Friedensaktion zu einem Zeitpunkt

eingeleitet werden muß, an dem die militärische und politische Initiative

noch in unseren Händen ruht«. Graf Czernin selbst habe den Zeitpunkt

hierfür in zwei bis drei Monaten ins Auge gefaßt, an dem die feindlichen

Offensiven ihr Ende gefunden hätten. In der Tat würde gegenwärtig bei den

weitgespannten Erwartungen der Franzosen und Engländer eine zu stark

unterstrichene Friedensbereitschaft nicht nur zur Erfolglosigkeit

verdammt sein, sondern auch durch den in ihr ruhenden Schein der

hoffnungslosen Erschöpfung der Mittelmächte die Kräfte der Gegner neu

beleben. Augenblicklich wäre ein allgemeiner Friede nur durch

Unterwerfung unter den Willen unserer Feinde zu erkaufen. Ein solcher

Friede aber würde vom Volke nicht ertragen werden und verhängnisvolle

Gefahren für die Monarchie heraufbeschwören. Die Entwicklung der

Ereignisse in Rußland dränge den Kampf der (russischen) Parteien immer

mehr auf die Friedensfrage; diese Entwicklung müsse aufmerksam verfolgt

und begünstigt, kommende russische Sondierungsversuche müßten zwar ohne

zur Schau getragenes Empressement, aber doch sachlich so behandelt

werden, daß sie zu tatsächlichen Friedensverhandlungen führten.

Daß der hier gezeigte Weg -- unabhängig von der Frage des Erfolges des

U-Bootkriegs -- unter den damaligen Verhältnissen der einzig mögliche

war, hat die Entwicklung der nächsten Monate gezeigt; mehr noch die erst

später bekanntgewordene und auch heute in deutschen Kreisen noch

auffallend wenig bekannte Folge, die die französische Regierung mit ihren

Verbündeten dem Brief des Kaisers Karl gegeben hat. Davon später!

Graf Czernin selbst kam für längere Zeit nicht auf seine Anregung des mit

weitgehenden und schmerzlichen Opfern anzubietenden Friedens zurück. Im

Gegenteil, die Besprechungen, die er am 17. und 18. Mai 1917 erneut in

unserem Hauptquartier zu Kreuznach führte, bewegten sich auf ganz anderen

Grundlagen als denjenigen des Verzichtens und Opferns; es drehte sich bei

ihnen um politische Kompensationen von sehr erheblichem Umfang, die für

den Fall einer Erweiterung des deutschen Machtbereiches nach Osten die

österreichisch-ungarische Monarchie für sich in Rumänien beanspruchte.

Auch hat sowohl der Gang der militärischen Ereignisse wie die Entwicklung

der inneren Verhältnisse in Deutschland und Österreich-Ungarn gezeigt,

daß die Zentralmächte in ihren Heeren und Völkern damals noch sehr

erheblicher Leistungen fähig und noch nicht darauf angewiesen waren, Hals

über Kopf einen Frieden um jeden Preis zu schließen. Die militärische wie

die innere Lage, so schwer sie war, gestattete, die Entwicklung in

Rußland abzuwarten und die sich aus dieser ergebenden Vorteile

wahrzunehmen. Sie gestattete auch noch die glänzende Herbstoffensive in

Venetien, den von dem Grafen Czernin als Ding der Unmöglichkeit erklärten

Winterfeldzug und darüber hinaus die gewaltige deutsche

Frühjahrsoffensive im Westen.

Es war also im Frühjahr 1917 noch kein Grund zu der von dem Grafen

Czernin propagierten Panikstimmung vorhanden. Die Diplomatie hatte für

ihre Betätigung zur Herbeiführung des Friedens noch einen reichlich

bemessenen Spielraum. Es kam jetzt in der Tat alles darauf an, daß

Regierende und Regierte die Nerven behielten und daß die Politik die sich

ihr im weiteren Verlauf der Ereignisse bietenden Gelegenheiten klug und

besonnen zur Herbeiführung eines erträglichen Friedens ausnutzte.

Besonnenheit und Klugheit war für die deutsche Politik jetzt um so mehr

geboten, als der Schritt des Grafen Czernin vom April 1917 zeigte, daß

auf unseren österreichisch-ungarischen Bundesgenossen kein unbedingter

Verlaß mehr war.

Die innere Lage

Der Verfall des Burgfriedens

Als Ende Juli 1914 das gewaltige Schicksal des Krieges über Deutschland

hereinbrach, fand es ein einiges Volk. Die Überzeugung, daß es gelte,

Haus und Herd gegen einen frevelhaften Angriff zu verteidigen, war,

ebenso wie der entschlossene Wille zur Verteidigung, Gemeingut aller

Stände und Schichten. Alles Trennende trat hinter den einen Gedanken

zurück, daß es gelte, das Vaterland aus schwerster Bedrängnis zu retten.

Das Wort des Kaisers: »Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur

Deutsche« war der Ausdruck der Stimmung, die das ganze Volk erfüllte. Der

»Burgfriede« war das Kriegsgesetz der Heimat.

Auch diejenige Partei, die unsere Staats- und Gesellschaftsordnung

grundsätzlich bekämpfte und ihre Ziele auf internationaler Grundlage zu

erreichen suchte, die Sozialdemokratie, stellte sich schützend vor das

bedrohte Vaterland.

Am 4. August 1914 erklärte der Abgeordnete Haase als Sprecher der

Sozialdemokratischen Partei im Reichstag:

»Es gilt, die Kultur und die Unabhängigkeit des eigenen Landes

sicherzustellen. Da machen wir wahr, was wir immer betont haben: Wir

lassen in der Stunde der Gefahr das eigene Vaterland nicht im Stich.«

Der Kriegskredit und alle Kriegsgesetze wurden in jener Reichstagssitzung

einstimmig angenommen.

Der große Aufschwung vaterländischer Gesinnung verlor jedoch mit der

Dauer des Krieges an Kraft. Die Enttäuschung der Hoffnungen auf ein

rasches und gutes Ende des Krieges, die schweren Verluste, von denen kaum

eine Familie verschont blieb, die Vernichtung zahlreicher Existenzen, die

wachsenden Schwierigkeiten der Volksernährung, der Druck des

Belagerungszustandes -- das alles wirkte zusammen, um die Geschlossenheit

der »inneren Front« zu lockern.

Als der Reichstag am 10. März 1915 den Etat für 1915 und den dritten

Kriegskredit beriet, da kündigte die Sozialdemokratie bereits eine Reihe

politischer Forderungen an; es kam auch aus Anlaß einer Rede des

Abgeordneten Ledebour zu einem heftigen Auftritt. Aber Etat und

Kriegskredit wurden schließlich dieses Mal noch ohne Widerspruch

angenommen.

Bei dieser Gelegenheit wurde vom Bundesratstisch aus zum erstenmal das

Wort »Neuorientierung« ausgesprochen. Gegenüber den aus dem Hause

geäußerten Wünschen nach politischen Reformen führte mein Vorgänger im

Reichsamt des Innern, der Staatssekretär Delbrück, aus, der

Reichskanzler und die verbündeten Regierungen erkannten an, »daß die

großen Ereignisse, die der Krieg gebracht hat, uns vor die Notwendigkeit

stellen werden, zu prüfen, inwieweit unsere innere Politik einer

Neuorientierung bedarf. Aber« -- fügte er hinzu -- »es ist auch

wiederholt darauf hingewiesen worden, daß der Herr Reichskanzler und die

Verbündeten Regierungen der Meinung sind, daß eine solche Prüfung nicht

wohl angängig ist während des Krieges, mit Rücksicht darauf, daß alle

Gegensätze, die die einzelnen Teile und Parteien unseres Volkes bewegen

und getrennt haben, soweit als möglich nicht diskutiert werden sollten,

solange unsere Heere an den Grenzen kämpfen; und an diesem Grundsatz

müssen die Verbündeten Regierungen festhalten.«

Eine »Neuorientierung« wurde also in Aussicht gestellt, aber erst für die

Zeit nach dem Kriege; solange der Krieg dauerte, sollte der »Burgfriede«

allem andern vorgehen.

Schon im Sommer 1915 verließ der Reichstag seinerseits diesen Standpunkt,

indem er einem Initiativantrag auf Änderung des Vereinsgesetzes seine

Zustimmung gab. Die Reichsleitung hatte sich gegen die bisherige

Gepflogenheit an den Verhandlungen über diesen Initiativantrag beteiligt.

Den Beschlüssen des Reichstages stimmten zwar die Verbündeten Regierungen

nicht zu; aber sie brachten im Frühjahr 1916 ihrerseits eine Novelle zum

Vereinsgesetz an den Reichstag, durch die vorgesehen wurde, daß die

Gewerkschaften und die entsprechenden Vereine der Arbeitgeber nicht den

für politische Vereine geltenden Beschränkungen unterliegen sollten. Die

Bedeutung der Novelle war in erster Linie eine »deklaratorische«; denn es

handelte sich darum, der ursprünglichen Absicht des Gesetzgebers

gegenüber einer zu engen Auslegung des Vereinsgesetzes durch die Gerichte

und Verwaltungsbehörden Geltung zu verschaffen.

Dieser Gesetzentwurf war in parlamentarischer Behandlung, als ich am 1.

Juni 1916 das Reichsamt des Innern übernahm. Ebenso war damals schon die

Zustimmung der Verbündeten Regierungen zu einem schon vor Jahren vom

Reichstag angenommenen Initiativantrag behufs Aufhebung des

Jesuitengesetzes in die Wege geleitet.

Der Reichstag drängte weiter. Ich kam schon am 5. Juni bei der zweiten

Lesung der Novelle zum Vereinsgesetz in die Lage, zu diesem Drängen

Stellung zu nehmen. Ich führte damals aus:

Die Verbündeten Regierungen hätten zwar geglaubt, berechtigten Wünschen

durch eine Deklaration des bestehenden Gesetzes Rechnung tragen zu

können, aber sie glaubten nicht, auf umstrittenem Boden Änderungen

bestehender Gesetze vornehmen zu sollen, solange der Krieg noch dauere.

Bis dahin gehörten alle unsere Kräfte der Verteidigung des Vaterlandes

und der Sicherstellung eines Friedens, der uns gestatte, unbehelligt von

außen unser Haus neu zu bestellen und die Arbeit an der Hebung des

gesamten Lebensstandes unseres Volkes wieder aufzunehmen. Die

Neubestellung unseres Hauses werde sich vollziehen auf der Grundlage des

Erlebnisses, das dieser Krieg für unser Volk und für jeden einzelnen von

uns bedeute. Im brüderlichen Zusammenhalten, in der Gemeinsamkeit der

Taten und Opfer müsse sich das gegenseitige Verhältnis der einzelnen

Berufsstände, Klassen und Konfessionen wandeln und klären. Dem neuen

Inhalt unseres militärischen und staatlichen Daseins würden sich neue

Formen anpassen. »Die Aufgaben, die uns hier bevorstehen, sind so

umfassend und so weitschichtig, sie hängen auch so eng miteinander

zusammen, daß es nicht angeht, die eine oder die andere Frage, mag sie

dem einzelnen auch noch so brennend und wichtig erscheinen, getrennt für

sich vorweg zu behandeln.«

Dieser Standpunkt wurde auch von der Mehrheit des Reichstags damals noch

geteilt.

Aber die großen Risse und Sprünge im »Burgfrieden« waren gleichwohl

unverkennbar. Nicht etwa nur auf dem Gebiet der inneren Politik, sondern

auch in der Frage der Kriegsziele und in der Frage der Kriegsmittel,

namentlich des U-Bootkriegs.

Von der einen Seite, die man sich gewöhnt hat als »alldeutsch« zu

bezeichnen, wurden weitgesteckte Kriegsziele proklamiert, große

territoriale Erwerbungen in West und Ost, zum mindesten die politische,

militärische und wirtschaftliche Beherrschung wichtiger, unseren Grenzen

vorgelagerter Gebiete. Vor allem wurde verlangt, daß wir, um uns zu

sichern und um England jederzeit in Schach setzen zu können, Belgien und

die flandrische Küste »fest in der Hand behalten« müßten; manche

verlangten darüber hinaus, daß wir durch die dauernde Festsetzung in

Calais und Boulogne die Ungunst der geographischen Lage Deutschlands zum

Weltmeer verbessern, aus dem »nassen Dreieck« herauskommen und den freien

Ausgang zum Kanal und Atlantischen Ozean gewinnen müßten. Es waren nicht

die Schlechtesten der Nation, die für solche Ziele sich einsetzten; ich

nenne nur den Grafen Zeppelin, der mir einmal sagte, der Krieg sei für

uns verloren, wenn er uns nicht zum mindesten die belgische und

französisch-flandrische Küste bis über Boulogne hinaus bringe. Es waren

auch nicht etwa nur die »Alldeutschen«, die sich für so weitgehende Ziele

einsetzten; unter anderen hat z. B. Herr Erzberger, später einer der

schärfsten Bekämpfer der alldeutschen Kriegsziele, im September 1914 in

einer an die Spitzen der Reichs- und Heeresleitung gerichteten

Denkschrift nicht nur die Annexion des Erzgebietes von Longwy und Briey,

die deutsche Oberherrschaft über Belgien und das französische

Küstengebiet bis nach Boulogne, sondern auch den Übergang der Cherbourg

vorgelagerten normannischen Inseln aus britischen in deutschen Besitz

verlangt!

Auf der anderen Seite wuchs in dem langen Krieg die Friedenssehnsucht.

Die pazifistische Propaganda fand von Monat zu Monat einen

aufnahmefähigeren Boden. Der einfache Mann aus dem Volke sah die

glänzenden Siege unserer Heere, er sah, daß unsere Feinde von unseren

Grenzen ferngehalten oder, wo sie eingebrochen waren, wieder vertrieben

wurden; er sah, daß wir in Ost und West weit in Feindesland standen.

Diese handgreiflichen Wahrnehmungen, die über unsere wirkliche Lage

hinwegtäuschten, führten auf der einen Seite zu der Überspannung der

Kriegsziele; auf der anderen Seite aber bereiteten sie den Boden für den

Eindruck, unser ursprüngliches Verteidigungsziel sei erreicht,

Deutschland könne jeden Augenblick einen ehrenvollen, seinen Bestand und

seine Zukunft sichernden Frieden haben, wenn nur auf Eroberungspläne

Verzicht geleistet werde. Der wahre Sachverhalt, daß unsere Feinde, trotz

unserer Abwehr- und Angriffserfolge auf den verschiedenen europäischen

Kriegsschauplätzen, in keinem Augenblick bereit waren, mit uns einen

Frieden auf Grund unseres Standes vor dem Krieg zu machen -- dieser auch

von dem Grafen Czernin in seiner bereits mehrfach angeführten Rede vom

Dezember 1918 ausdrücklich bestätigte Sachverhalt --, war bei uns nur

wenigen klar und wollte jedenfalls dem einfachen Manne aus dem Volke

nicht in den Kopf.

Verschärft wurde der Streit um die Kriegsziele unverkennbar dadurch, daß

der Gegensatz von Unternehmertum und Arbeiterschaft in diese

außenpolitische Frage stark hineinspielte. Die Führer und Verbände

unserer großen Industrien, vor allem der »Schwerindustrie«, setzten sich

mit Nachdruck für weitgespannte Kriegsziele ein, während die große Masse

der Arbeiter vor allem den Frieden herbeisehnte. Eine häßliche Agitation

brachte die Haltung des großindustriellen Unternehmertums in der Frage

der Kriegsziele in Zusammenhang mit den Gewinnen der Industrie aus

Kriegsaufträgen. Die Worte »Kriegsgewinnler« und »Kriegsverlängerer«

begannen die öffentliche Erörterung der Kriegsziele zu vergiften.

Der Streit um den U-Bootkrieg, der vom Frühjahr 1916 an immer schärfere

Formen annahm, tat ein übriges, um den »Burgfrieden« zu erledigen.

Diese Entwicklung mußte natürlich auch in den parlamentarischen

Verhandlungen zum Ausdruck kommen.

Das Jahr 1915 war auf diesem Felde im großen ganzen noch friedlich

verlaufen. Aber schon am 24. März 1916 richtete bei der Beratung des

Notetats für das Rechnungsjahr 1916 der Abgeordnete Haase -- wie im

Verlauf der Sitzung durch den Abgeordneten Scheidemann festgestellt

worden ist, ohne von der sozialdemokratischen Fraktion dazu beauftragt zu

sein und ohne dieser auch nur Kenntnis von seiner Absicht zu

geben -- die heftigsten Angriffe gegen die Reichsregierung und die

»Kriegsverlängerer«; er erklärte, daß er mit einer Anzahl von Freunden

den Notetat, ebenso wie später den Hauptetat, ablehnen werde. Das

Auftreten Haases führte zu einem großen Tumult. Das Haus entzog ihm, von

dem Präsidenten befragt, das Wort, und sein Fraktionskollege Scheidemann

schüttelte ihn unter Beifall und Händeklatschen ab. Es kam zur Spaltung

der sozialdemokratischen Fraktion: der linke Flügel, die heutigen

»Unabhängigen Sozialdemokraten« schieden aus und schlossen sich als

»Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft« zu einer besonderen Fraktion

zusammen.

Aber auch die alte sozialdemokratische Partei, die

»Mehrheitssozialdemokraten« machten eine wichtige Schwenkung. Sie hatten

schon gegen die Kriegssteuern gestimmt, soweit diese den Verbrauch und

Verkehr belasteten. Nun erklärte am 7. Juni 1916 bei der dritten Lesung

des Hauptetats für das Jahr 1916 der Abgeordnete Ebert namens der

sozialdemokratischen Fraktion, daß die Aufnahme der neuen Steuern in den

Etat sie veranlasse, gegen den Etat zu stimmen. Er fügte hinzu,

mitbestimmend für diesen Entschluß der Etatsverweigerung sei gewesen, daß

in der inneren Politik die notwendigsten Forderungen politischen und

sozialen Fortschritts unberücksichtigt geblieben seien. In der ersten

Periode des Krieges habe noch mit einem Schein von Berechtigung gesagt

werden können, daß ein Ausbau der politischen Zustände mitten im Krieg

allzu große Schwierigkeiten bereite. In den zweiundzwanzig Kriegsmonaten

sei es jedoch sehr wohl möglich gewesen, die Bahn zum Neuen frei zu

machen. Noch immer verlaute nichts von der Reform des Klassenwahlrechtes

in Preußen und in anderen Bundesstaaten. Auf dem Gebiet der

Volksernährung habe die Regierung nicht die nötige Entschlossenheit

aufgebracht. Statt durch die Aufhebung des Belagerungszustandes und der

Zensur dem deutschen Volke Vertrauen zu beweisen, dulde man Willkür und

Ausschreitungen der Behörden. In der Entwicklung von Recht und Freiheit

wie in der Besserung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse müsse

dem Volke endlich ein weiteres Entgegenkommen bewiesen werden; da es die

Regierung bisher daran habe fehlen lassen, ergäbe sich für seine Fraktion

die Schlußfolgerung, den Etat abzulehnen.

Die Mehrheitssozialdemokraten haben in der Folgezeit zwar den

Kriegskrediten zugestimmt, freilich niemals mehr ohne Schwanken und ohne

Verhandlungen; aber bei der Etatsverweigerung sind sie geblieben. Sie

haben damit ihre grundsätzliche Oppositionsstellung wieder scharf

unterstrichen.

Diese Schwenkung der Sozialdemokratie mußte als ein ernstes

Symptom genommen werden, zumal da bei ihr die Führer der

Mehrheitssozialdemokraten allem Anschein nach weniger die Führenden als

die von der Masse ihrer Partei Geschobenen waren. Die Wirkungen der

Leiden und Entbehrungen des langen und sich immer weiter verlängernden

Krieges auf die breiten Schichten des Volkes äußerten sich in wachsender

Verdrossenheit und Unzufriedenheit. Wie immer in solchen Zeiten fanden

sich Leute, die ihren Beruf darin erblickten, unbekümmert um das Wohl des

Ganzen, die Mißstimmung zu schüren und die Massen aufzureizen. Die

Führer der Mehrheitssozialdemokraten gaben zwar durch ihre Haltung

gegenüber den Leuten um Haase und Ledebour zu erkennen, daß sie die

Politik der Aufreizung nicht mitmachen wollten; auch die Haltung der

sozialdemokratischen Gewerkschaften zeigte im großen ganzen Einsicht,

guten Willen und vaterländische Gesinnung. Aber die Verweigerung des

Budgets für 1916 und die von dem Abgeordneten Ebert gegebene Begründung

bestätigte, daß diese Kreise es für notwendig hielten, in ihrem Verhalten

zur Regierung und zu den anderen Parteien der Stimmung der den

Aufwiegelungen der Radikalen unterliegenden Massen Konzessionen zu

machen.

Ich brauche kein Wort darüber zu verlieren, wie wichtig es für den Gang

des Krieges und für das Schicksal Deutschlands war, die Millionen der

sozialdemokratischen Arbeiterschaft bei der Fahne des Vaterlandes

festzuhalten. Jedem denkenden Menschen mußte es als geradezu unmöglich

erscheinen, den Krieg zu einem guten Ende zu führen, wenn ein großer und

gut organisierter Teil des werktätigen Volkes grollend beiseite trat oder

gar dem Durchkämpfen des Krieges sich feindlich widersetzte. Hier lag

unsere größte Sorge. Vor allem Herr von Bethmann Hollweg war durchdrungen

davon, daß die Erhaltung des guten Willens der Sozialdemokratie die

Schicksalsfrage des deutschen Volkes sei.

Mit dem Festhalten an starren Formeln und der grundsätzlichen Ablehnung

einer jeden Forderung war diese große und entscheidende Aufgabe

ebensowenig zu lösen wie mit hemmungsloser Nachgiebigkeit. Die

Aufrechterhaltung des festen Gefüges unserer staatlichen Ordnung, die

Erhaltung der Disziplin und der Kampfesfreudigkeit unseres Heeres, die

Sicherung der Kriegsarbeit in der Heimat -- das waren die Grenzen, die

jeder Nachgiebigkeit gezogen waren. Darüber, was innerhalb dieser Grenzen

notwendig und möglich sei, konnten allerdings die Meinungen erheblich

auseinandergehen.

Innerpolitische Wünsche und Forderungen

Als ich das Reichsamt des Innern übernahm und alsbald bei der Beratung

der Novelle zum Vereinsgesetz vor weitgehende Anträge gestellt wurde,

vertrat ich zwar den bisher von der Reichsleitung und den Verbündeten

Regierungen eingenommenen Standpunkt, daß die von meinem Vorgänger mit

dem ebenso unbestimmten wie verheißungsvoll klingenden Wort von der

»Neuorientierung der inneren Politik« in Aussicht gestellten Reformen

erst nach Sicherung des Friedens in Angriff genommen werden könnten. Aber

eine ernste Prüfung war unausweichlich geworden, ob dieser Standpunkt

sich bei einer längeren Dauer des Krieges aufrechterhalten lasse und was

geschehen könne, um die großen Massen des Volkes angesichts der

wachsenden Erschwerungen des täglichen Lebens und des immer zunehmenden

physischen und psychischen Druckes des Krieges fähig und willig zu Kampf

und Arbeit zu erhalten.

Dieses Ziel war nur erreichbar, wenn sich die breitesten Schichten des

Volkes davon überzeugten, daß der Friede nicht an uferlosen

Eroberungsplänen scheiterte, sondern an dem Vernichtungswillen unsrer

Gegner. Die Aufgabe war eine schwierige und heikle. Denn die Beruhigung

des deutschen Volkes darüber, daß seine besten Söhne nicht für

Eroberungs- und Unterjochungsziele bluteten, daß alle Leiden des Krieges

um unserer Verteidigung und Erhaltung willen getragen werden müßten,

durfte nicht zur Ermutigung des Feindes und zur Zermürbung der eigenen

Kampfkraft werden, wenn anders sie nicht gerad kriegsverlängernd wirken

sollte. Deshalb bedurfte das deutliche Abrücken von überspannten

Kriegszielen als Gegengewicht eine ebenso kräftige Abweisung der

übertriebenen Schwarzseherei und des Geistes der Niederlage. Die

schwierige Lage der Reichsleitung, deren an das eigene Volk sich

richtenden Worte stets auch vom Ausland gehört und dort geschickt

ausgenutzt wurden, fand weder rechts noch links volles Verständnis. Der

Kanzler sah sich bald in eine Kampfstellung gegenüber den ihn scharf

angreifenden »Alldeutschen« gedrängt, während ich als Stellvertreter des

Reichskanzlers in meinem Bestreben, hier ergänzend zu wirken, je länger

desto mehr die Angriffe der pazifistisch gerichteten Gruppen, namentlich

der Sozialdemokraten beider Richtungen, auf mich zog.

Auf dem Gebiet der Volksernährung war angesichts der in ihrer Wirksamkeit

sich steigernden Hungerblockade eine durchgreifende Verbesserung der

Verhältnisse nicht zu erhoffen. Durch die mit meiner Übernahme des

Reichsamts des Innern zusammenfallende Schaffung des Kriegsernährungsamts

sollte die Organisation der Volksversorgung nach Möglichkeit

vervollkommnet werden. In dem Oberpräsidenten von Batocki erhielt das

neue Amt einen ungewöhnlich ideen- und kenntnisreichen, beweglichen und

tätigen Mann als Leiter. Aber niemand machte sich eine Illusion darüber,

daß auch die beste Organisation und die trefflichste Leitung kein

Kornfeld auf der flachen Hand wachsen lassen kann und daß bis zum Ende

des Krieges und darüber hinaus die Knappheit der Lebensmittel die

Widerstandskraft unseres Volkes auf die härteste Probe stellen werde.

Blieb das Gebiet der inneren Politik.

Hier gingen die Beschwerden und Forderungen nach zwei verschiedenen

Richtungen: einmal auf Aufhebung oder Milderung der auf Grund des

Kriegszustandes verhängten Beschränkungen der persönlichen Freiheit und

des politischen Lebens; dann auf eine freiheitliche Ausgestaltung unserer

gesamten politischen und sozialen Verhältnisse.

Der Weltkrieg, III. Band Vom Eingreifen Amerikas bis zum Zusammenbruch · 第 4 / 38 段