Zu dem Nebeneinander der österreichischen Verwaltung im Lubliner Bezirk

und der deutschen Verwaltung im Warschauer Bezirk kam nun noch das

Kondominium der beiden Zentralmächte beim Staatsrat. Die Polen, die gar

nicht genug auf dem einmal betretenen Weg des Ausbaues ihres Staates

weiterdrängen konnten, hatten die schönste Gelegenheit, die deutschen und

die österreichischen Vertreter gegeneinander auszuspielen. Die

Verhältnisse waren bald so unerquicklich wie nur möglich.

Es wurde im weiteren Verlauf der Dinge immer klarer, daß Österreich,

trotz der bei den Verhandlungen vor dem Erlaß der Novemberproklamation

gegebenen Zusagen, auch weiterhin darauf ausging, sich Polen in

irgendeiner Form anzugliedern, und daß es für diese Lösung in Polen

selbst eine umfangreiche Agitation entfalten ließ.

Zunächst wurde von österreichischer Seite die Ernennung des Erzherzogs

Karl Stephan zum Regenten und späterhin zum König von Polen eifrig

propagiert.

Über diesen Gedanken wurde in den ersten Apriltagen 1917 im deutschen

Hauptquartier zwischen den beiden Kaisern eine Unterhaltung geführt. Nach

Wien zurückgekehrt, suchte Kaiser Karl auf dem Wege telegraphischer

Korrespondenz den Kaiser Wilhelm auf die alsbaldige Ernennung des

Erzherzogs zum Regenten und seine Designation zum König von Polen

festzulegen. Kaiser Wilhelm wiegelte jedoch ab mit dem Hinweis, daß nach

seiner Ansicht jeder weitere Schritt vermieden werden müsse, der eine

Verständigung mit dem neuen Rußland erschweren könne.

Späterhin wurde von österreichischer Seite die sogenannte

»austro-polnische Lösung« angeregt, nach der das neue aus Russisch-Polen

und Galizien bestehende Königreich zum mindesten durch Personalunion mit

der österreichisch-ungarischen Monarchie verbunden werden sollte; nachdem

die österreichische Regierung das Gefühl gewonnen hatte, daß die deutsche

Regierung diesen Gedanken nicht a limine abweisen würde, ging sie weiter

und verlangte auch die wirtschaftliche, insbesondere die zollpolitische

Angliederung Polens an die österreichisch-ungarische Monarchie. Die

großen deutschen Interessen, die in der polnischen Frage auf dem Spiel

standen, konnten bei aller Geneigtheit, dem Bundesgenossen in einer so

tief in seine staatlichen Verhältnisse einschneidenden Frage Verständnis

und Entgegenkommen zu zeigen, nicht mit einer leichten Handbewegung zur

Seite geschoben werden.

Österreich suchte seinen Wünschen den Boden zu bereiten vor allem durch

eine eifrige Unterstützung der polnischen Forderungen auf einen

beschleunigten Ausbau des polnischen Staatswesens.

Wir hatten klüglich das entgegengesetzte Interesse. Nicht nur, daß wir

uns die Möglichkeit einer Verständigung mit Rußland über Polen auch jetzt

noch offenhalten mußten -- wir durften auch nicht übersehen, daß Polen,

das für Österreich abseits seiner Etappenstraßen lag, für uns

Etappengebiet war, das, solange der Krieg mit Rußland dauerte, im

Interesse des Zentrums unserer Ostfront unter allen Umständen fest in

unserer Hand bleiben mußte; wir durften ebensowenig übersehen, daß die

Gesinnung der Polen gegenüber ihren deutschen »Befreiern« auch nach der

Zwei-Kaiser-Proklamation keineswegs eine solche war, daß wir unser Haupt

ruhig in ihren Schoß legen konnten. Die Werbung des Generals von Beseler

war mehr als kläglich gescheitert; die große Masse der polnischen

Bevölkerung sah in uns nach wie vor den Feind.

Trotzdem fand das polnische und österreichische Drängen auf einen

beschleunigten Ausbau des polnischen Staates im deutschen Reichstag

eifrige Befürworter. Im August 1917, in einem Augenblick, in dem der

polnische Staatsrat sich demonstrativ aufgelöst hatte, weil die zu mehr

als drei Vierteln aus österreichischen Staatsangehörigen bestehende

»Polnische Legion« Befehl zum Abmarsch an die russische Front erhalten

hatte, brachten Zentrum, Freisinnige und Sozialdemokraten im

Hauptausschuß des Reichstags einen Antrag ein, der u. a. die sofortige

Schaffung eines polnischen Ministeriums und die unverzügliche Umwandlung

des Staatsrates in eine Volksvertretung verlangte. Einer der Herren

Antragsteller verlangte in seiner Begründung sogar die Übertragung der

Polizei an die Polen; ein anderer, der heute ein hohes Staatsamt

bekleidet, hatte sogar die Naivität, uns vorzuhalten, ein hervorragendes

Mitglied des polnischen Staatsrates habe ihm gesagt, Graf Czernin habe

erklärt, die Wiener Regierung sei zur Erfüllung der polnischen Wünsche

bereit, wenn nur die deutsche Regierung nicht Widerstand leiste -- das

alles noch dazu in Gegenwart der führenden Mitglieder der polnischen

Fraktion des Reichstages!

Eine Einigung zwischen Berlin und Wien über die polnische Frage wurde

auch späterhin nicht erzielt. Die Meinungsverschiedenheiten erfuhren

vielmehr in der kritischen Zeit des Krieges, wie ich weiter unten

darstellen werde, eine erneute Zuspitzung.

Die Bestrebungen auf wirtschaftliche Annäherung zwischen

Deutschland und Österreich-Ungarn

Während die unselige polnische Frage eine Quelle von Reibungen und

Verstimmungen zwischen den beiden Verbündeten war, schienen die

Bestrebungen nach einem wirtschaftlichen Zusammenschluß ein neues und

starkes Band um Deutschland und Österreich schlingen zu wollen. Das

Naumannsche Buch über Mitteleuropa fand nicht nur in Deutschland, sondern

wohl noch mehr in Österreich eine begeisterte Leserschaft. Als Naumann in

Wien in einer großen Versammlung persönlich seine Gedanken entwickelte,

wurde er von den Zuhörern wie der Künder einer neuen Zeit gefeiert.

Der alte Kaiser Franz Joseph hat mir damals, im Februar 1916, über das

Wirtschaftsbündnis ein nachdenkliches Wort gesagt: »Es wird über die

Sache zu viel geredet, und das ist schade.« Das war in der Tat schade;

denn die großen Schwierigkeiten, die in der Sache lagen, konnten mit den

Mitteln der Beredsamkeit nicht überwunden, wohl aber gelegentlich noch

vergrößert werden.

Diese Schwierigkeiten erhellten schon aus der Tatsache, daß von dem

gesamten Außenhandel Deutschlands nur etwa 9 Prozent auf den Handel mit

Österreich-Ungarn kamen, von dem österreichisch-ungarischen Außenhandel

dagegen nicht weniger als 42 Prozent auf den Handel mit Deutschland. Eine

handelspolitische Einigung zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn

ließ also für Deutschland die Sorge für neun Zehntel seines Außenhandels

offen, für Österreich-Ungarn dagegen nur für zwei Fünftel. Für

Deutschland war infolgedessen eine Einigung auf Grundlagen, die seine

Handelsbeziehungen mit den übrigen Ländern erschweren mußten, also vor

allem eine Einigung auf Grund eines Systems von Vorzugszöllen,

schlechthin unannehmbar, während die österreichischen und ungarischen

Anhänger des Gedankens der wirtschaftlichen Annäherung gerade auf ein

System gegenseitiger Vorzugszölle hinarbeiteten.

Mein eigener Gedanke, den ich den österreichisch-ungarischen

Präferenzideen gegenüberstellte, kam hinaus auf die Schaffung einer

weitgehenden wirtschaftlichen Gemeinschaft zwischen den beiden Reichen,

die nicht nur das Zollwesen, sondern auch das Niederlassungsrecht, das

Handelsrecht (einschließlich des Rechtes der Handelsgesellschaften) und

das Verkehrswesen (Eisenbahnen und Binnenwasserstraßen) umfassen sollte.

Speziell auf dem Gebiet des Zollwesens erstrebte ich ein einheitliches

Zolltarifgesetz mit einem einheitlichen Zolltarifschema und mit im großen

ganzen einheitlichen Zollsätzen nach außen und wenigen Ausgleichszöllen

im Innern. Den starken Widerstand der österreichischen und der mit

künstlichen Mitteln großgezogenen ungarischen Industrie hoffte ich durch

Maßnahmen auf dem Gebiete der Syndizierung und Kartellierung überwinden

zu können. Es ist mir schließlich auch gelungen, den Grafen Tisza, der

vorher dem Gedanken der wirtschaftlichen Annäherung durchaus ablehnend

gegenübergestanden hatte, für Verhandlungen auf dieser Grundlage zu

gewinnen.

Die Verhandlungen, bei denen die österreichischen und ungarischen

Kommissare mit großer Hartnäckigkeit immer wieder auf das für uns

schlechterdings unannehmbare Präferenzsystem zurückkamen, zogen sich

lange über mein Ausscheiden aus meinen Ämtern hin und waren noch nicht

abgeschlossen, als im Herbst 1918 die Katastrophe eintrat.

Die österreichisch-ungarischen Friedensbestrebungen

In diesem Nebeneinander von Interessengemeinschaften und

Interessengegensätzen trat eines immer klarer zutage: die

zunehmende Kriegsmüdigkeit unseres Verbündeten. Die Völker der

österreichisch-ungarischen Monarchie litten infolge der laxeren

Verwaltung und schlechteren Organisation noch stärker unter dem Druck des

Krieges als das deutsche Volk. Ihre moralische Widerstandskraft gegenüber

diesem Druck war geringer; denn für den Tschechen, Polen, Slowaken,

Rumänen war der Krieg nicht, wie für das deutsche Volk, ein Kampf um das

nationale Dasein. Dazu kam für die leitenden Kreise der Monarchie

zweifellos das durch die Entwicklung des Krieges ausgelöste drückende

Gefühl der Abhängigkeit von Deutschland. Der durch den U-Bootkrieg

veranlaßte Eintritt Amerikas in den Kampf gegen die Mittelmächte, ferner

die russische Revolution, die auf die österreichischen Slawen

unmittelbarer einwirkte als auf die deutschen Massen, mußten die

Kriegsmüdigkeit unseres Bundesgenossen noch steigern.

Gegen Ende März 1917 war Graf Czernin für zwei Tage in Berlin. Er sprach

bei dieser Gelegenheit sehr offen aus, daß Österreich-Ungarn den Krieg

nicht mehr lange werde fortsetzen können; ein weiterer Winterfeldzug sei

jedenfalls eine Unmöglichkeit.

In den ersten Apriltagen kam Graf Czernin in Begleitung des Kaisers Karl

und der Kaiserin Zita nach dem deutschen Hauptquartier, wohin sich auch

der Kanzler und der Staatssekretär Zimmermann begaben. Kaiser Karl gab

eine ähnliche Schilderung der Lage, wie sie Graf Czernin in Berlin

gegeben hatte. Bestimmte Vorschläge machte er jedoch ebensowenig wie sein

Minister des Äußern. Soweit ich unterrichtet bin, fiel nur in Form einer

sondierenden Andeutung die Bemerkung: am besten wäre es, wenn wir

Elsaß-Lothringen den Franzosen anböten, um auf diese Weise zum Frieden zu

kommen; Österreich-Ungarn sei an sich bereit, ganz Galizien und auch das

Trentino herzugeben, das habe aber keinen praktischen Zweck, denn der

Friede könne nur im Westen gemacht werden. Die Kriegslage wurde bei uns,

zumal da die russische Revolution uns die Befreiung von unserm großen

östlichen Feinde in Aussicht stellte, in keiner Weise als derartig

angesehen, daß die Preisgabe der Reichslande auch nur hätte in Erwägung

gezogen werden können.

Am 14. April ließ Kaiser Karl durch einen persönlichen Adjutanten an

Kaiser Wilhelm ein Handschreiben überbringen, dem ein Bericht des Grafen

Czernin vom 12. April beigefügt war.

In diesem Berichte führte Graf Czernin im wesentlichen aus:

Die militärische Kraft der Monarchie gehe ihrem Ende entgegen. Die

Rohmaterialien für die Munitionserzeugung gingen zur Neige. Dumpfe

Verzweiflung habe sich aller Volksschichten bemächtigt. Im Spätsommer

oder Herbst müsse um jeden Preis Schluß gemacht werden. Der Krieg, der in

der Weltgeschichte ohne Vorbild sei, habe für ganz Europa die

revolutionäre Gefahr heraufbeschworen. Auf die österreichischen Slawen

wirke die russische Revolution stärker als auf die Reichsdeutschen; aber

auch die innere Situation Deutschlands sei nicht wesentlich anders als

diejenige Österreich-Ungarns. Eine weitere Winterkampagne werde auch in

Deutschland Umwälzungen hervorrufen, die dem verantwortlichen Verteidiger

des dynastischen Prinzips viel ärger erscheinen müßten als ein von den

Monarchen geschlossener schlechter Friede. Die amerikanische

Kriegserklärung habe die Situation zweifellos wesentlich verschärft. Der

Fortgang der russischen Ereignisse lasse sich noch nicht übersehen. Eine

französisch-englische, wahrscheinlich auch eine italienische Offensive

ständen unmittelbar bevor. Wenn es gelungen sei, in etwa zwei bis drei

Monaten diese Angriffe abzuschlagen, »dann müssen wir, bevor Amerika das

militärische Bild neuerdings zu unseren Ungunsten verschiebt, einen

weitergehenden detaillierten Friedensvorschlag machen und uns nicht davor

scheuen, eventuell große und schwere Opfer zu bringen«. Die deutschen

Hoffnungen auf den U-Bootkrieg halte er für trügerisch. Admiral von

Holtzendorff habe vorausgesagt, der verschärfte U-Bootkrieg werde England

binnen sechs Monaten mattsetzen. Es seien seither zweieinhalb Monate

vergangen, und an einen Niederbruch Englands sei auch nicht einmal zu

denken. Auch in einigen Monaten werde England nicht gezwungen sein, die

Waffen niederzulegen, aber es werde sich dann vielleicht die Rechnung

stellen, »ob es klug und vernünftig sei, diesen Krieg à outrance zu

führen, oder ob es nicht staatsmännischer sei, goldene Brücken zu

betreten, wenn ihm dieselben von den Zentralmächten gebaut werden; dann

wäre der Augenblick gekommen für weitgehende schmerzliche Opfer der

Zentralmächte«. Der Kaiser Karl habe die wiederholten Versuche der

Feinde, ihn von seinem Bundesgenossen zu trennen, abgelehnt; aber

gleichzeitig habe der Kaiser ihn, den Grafen Czernin, beauftragt, den

deutschen Staatsmännern zu sagen, daß Österreich-Ungarn am Ende seiner

Kräfte sei und daß Deutschland über den Sommer hinaus nicht mehr auf

Österreich-Ungarn werde rechnen können. Er habe diesen Befehl ausgeführt,

und die deutschen Staatsmänner hätten ihm keinen Zweifel darüber

gelassen, daß auch für Deutschland eine weitere Winterkampagne ein Ding

der Unmöglichkeit sei. Wenn sich nicht in einigen Wochen die Möglichkeit

ergäbe, mit Paris oder Petersburg zu sprechen, dann müsse noch

rechtzeitig die letzte Karte ausgespielt und die angedeutete äußerste

Proposition gemacht werden.

Dieser Schritt des österreichischen Kaisers und des Grafen Czernin, der

wie die Drohung einer befristeten Aufkündigung der Waffenbrüderschaft

aussah, überraschte um so mehr, als die Befürwortung »weitgehender

schmerzlicher Opfer« Hand in Hand ging mit den österreichischen

Aspirationen auf Polen. Bei demselben Besuch im deutschen Großen

Hauptquartier, bei dem Kaiser Karl den Deutschen Kaiser auf die

sofortige Ernennung des Erzherzogs Karl Stephan zum Regenten und seine

Designierung zum König von Polen festzulegen suchte, machte er uns mit

dem Grafen Czernin die Zumutung, daß wir Elsaß-Lothringen herausgeben

sollten. Und an demselben 13. April, an dem der Kaiser Karl die

Denkschrift des Grafen Czernin an Kaiser Wilhelm abschickte, sandte er

ihm ein Telegramm, in dem er die Zustimmung des Deutschen Kaisers erbat,

dem Erzherzog Karl Stephan Mitteilung von den ihn betreffenden Absichten

machen zu dürfen!

Bekannt war uns ferner, daß seit einiger Zeit der frühere

österreichisch-ungarische Botschafter in London, Graf Mensdorff, in der

Schweiz weilte, um dort mit Vertrauensleuten der Entente Fühlung zu

nehmen.

Nicht bekannt dagegen war uns damals der im Frühjahr 1918 von der

französischen Regierung veröffentlichte Brief des Kaisers Karl an seinen

Schwager, den Prinzen Sixtus von Parma. In diesem Briefe hieß es nach der

französischen Version, die zunächst von der Wiener Regierung als

»verfälscht« bezeichnet worden ist, an deren Richtigkeit aber nach dem

Verlauf der Auseinandersetzung zwischen Herrn Clemenceau und dem Grafen

Czernin ein Zweifel wohl kaum mehr möglich ist:

»Mein lieber Sixtus! -- Das Ende des dritten Jahres des Krieges, der so

viel Trauer und so viel Schmerzen in die Welt brachte, rückt heran. Alle

Völker meines Reiches sind enger als je vereint im gemeinsamen Willen,

die Integrität der Monarchie selbst um den Preis der schwersten Opfer zu

erhalten... Niemand dürfte die von meinen Truppen davongetragenen

militärischen Vorteile bestreiten, besonders die auf dem

Balkankriegsschauplatz. Seinerseits hat Frankreich eine prächtige

Widerstandskraft und Begeisterung gezeigt. Wir alle bewundern rückhaltlos

die wunderbare traditionelle Tapferkeit seiner Armeen und den Opfergeist

des ganzen französischen Volkes. Deshalb ist es mir besonders angenehm,

zu sehen, daß, obwohl wir augenblicklich Gegner sind, kein

Auseinandergehen der Gesichtspunkte oder Aspirationen mein Reich von

Frankreich trennt. Ich bin berechtigt, hoffen zu dürfen, daß meine

lebhaften Sympathien für Frankreich, vereint mit jenen, die in der

Monarchie herrschen, auf immerdar die Rückkehr eines Kriegszustandes

vermeiden werden, für den mir keine Verantwortung zufällt. Zu diesem

Zweck und um die Echtheit dieser Gefühle auf bestimmte Art kundzutun,

bitte ich Dich, geheim und inoffiziell Herrn Poincaré, dem Präsidenten

der französischen Republik, mitzuteilen, daß ich mit allen Mitteln und

unter Aufbietung alles meines persönlichen Einflusses bei meinem

Verbündeten die gerechten französischen Ansprüche hinsichtlich

Elsaß-Lothringens unterstützen werde.«

Der Brief sprach dann über Belgien, das wiederhergestellt und entschädigt

werden müsse, und über Serbien, das gleichfalls wiederhergestellt werden

und einen Ausgang nach der Adria erhalten solle, allerdings unter der

Bedingung, daß es sich unter Garantie der Ententemächte zur Unterdrückung

jeder gegen Österreich-Ungarn gerichteten Agitation verpflichte.

Vorschläge über Rußland müßten bis zur Konstituierung einer gesetzlichen

und endgültigen Regierung vorbehalten bleiben. Der Brief schloß:

»Nachdem ich meine Gedanken dargelegt habe, bitte ich Dich, mir

Deinerseits nach Besprechung mit den beiden Mächten zuerst die Meinung

Frankreichs, dann diejenige Englands auseinanderzusetzen, um dergestalt

eine Grundlage vorzubereiten, auf der offizielle Besprechungen begonnen

werden können.«

Dieser Brief wurde von dem Prinzen Sixtus dem Präsidenten Poincaré in

Urschrift vorgelegt; mit Zustimmung des Prinzen wurde eine Abschrift an

den französischen Ministerpräsidenten und Minister des Äußeren Herrn

Ribot weitergegeben; er war vom 31. März 1917 datiert, war also

geschrieben und abgesandt wenige Tage vor dem Besuch des österreichischen

Kaiserpaares im deutschen Hauptquartier, bei dem die polnische Krone für

den Erzherzog Karl Stephan gesichert werden sollte und bei dem Kaiser

Karl und Graf Czernin beiläufig die Abtretung Elsaß-Lothringens als

Mittel zur Beendigung des Krieges empfahlen; zwölf Tage vor der

Übersendung der Denkschrift des Grafen Czernin, in der von »weitgehenden

schmerzlichen Opfern« zwecks Herbeiführung des Friedens gesprochen

wurde.

Der Brief des Kaisers Karl läßt erkennen, daß dieser für sich die

»Integrität der Monarchie« erhalten wollte, »selbst um den Preis der

schwersten Opfer«; daß er sich andererseits gegenüber den Franzosen

bereit erklärte, auf uns wegen der Herausgabe Elsaß-Lothringens den

stärksten Druck auszuüben; dies, nachdem unsere Truppen ihm die Monarchie

vor den Russen und Rumänen gerettet, Galizien und Siebenbürgen

wiedererobert hatten!

Aber der Kaiserbrief war damals noch nicht bekannt. Bei allem Mißtrauen,

das auch schon aus dem für uns sichtbaren Verhalten des österreichischen

Kaisers und seiner Umgebung sich ergeben mußte, erforderte die

Denkschrift des Grafen Czernin eine sachliche Prüfung und eine sachliche

Erwiderung.

Auch bei uns war man von dem fortdauernden und zunehmenden Ernst der Lage

durchdrungen, und gerade das zweifelhafte Verhalten unseres

Bundesgenossen war dazu angetan, den Ernst der Lage noch zu verschärfen.

Aber man sah bei uns weder die militärische, noch die maritime, noch die

innere Lage so hoffnungslos an, wie Graf Czernin sie seinem Kaiser zum

Zwecke des Druckes auf Deutschland gemalt hatte. Ich glaube auch nicht,

daß irgendein deutscher Staatsmann dem Grafen Czernin gegenüber einen

weiteren Winterfeldzug für ein »Ding der Unmöglichkeit« erklärt haben

kann, so sehr wir alle mit dem Grafen Czernin darüber einig waren, daß

man, wenn irgend möglich, den Krieg vor dem Winter zu Ende bringen

müsse. Das erschien jedoch nur erreichbar, wenn es gelang, einen

moralischen Zusammenbruch sowohl des eigenen Volkes wie des

österreichisch-ungarischen Bundesgenossen zu verhindern und in der

entscheidenden Zeit die Zuversicht aufrechtzuerhalten.

Die oberste Heeresleitung hob in ihrer Stellungnahme zu der Denkschrift

des Grafen Czernin die starke militärische Entlastung hervor, die damals

schon die russische Revolution für die Ostfront bedeutete; im Westen sei

es gelungen, die große Offensive der Feinde aufzufangen, unsere Position

sei so stark und achtunggebietend, »daß wir jedem militärischen Ereignis

mit vollem Vertrauen entgegensehen können und auch in der Lage sein

werden, den Kampf auch ohne Österreich fortzusetzen«. Durch die

Entlastung im Osten werde aber auch Österreich-Ungarn genügende Truppen

für die Durchführung der Kämpfe an der italienischen Front bis zur

Beendigung des Krieges haben. Der Ausgang des Krieges sei mehr wie je

eine Nervenfrage geworden. Auch bei unseren Gegnern sei das

Friedensbedürfnis stark; zeigten wir jetzt zu viel Entgegenkommen, so

würden sie glauben, daß unser Friedensbedürfnis größer sei als das

ihrige, und sich ablehnend verhalten. Nur indem wir unseren Willen zum

Weiterkämpfen offen bekundeten, würden wir zu aussichtsvollen

Friedensverhandlungen gelangen.

Der Admiralstab wies auf die bis dahin erzielten großen Erfolge des

uneingeschränkten U-Bootkriegs hin; in den zweieinhalb Monaten seit

seiner Eröffnung seien 2 Millionen Tonnen, etwa ein Fünftel des auf

England fahrenden Schiffsraums, versenkt worden. Ein Monat U-Bootkrieg

vernichte mehr Tonnage, als England im ganzen Jahr 1916 ausgebaut habe.

Die angekündigten tausend amerikanischen Holzschiffe würden nur den

Verlust von vier Monaten decken, wenn sie schon da wären; sie würden aber

zu spät kommen. Die aus England vorliegenden Nachrichten zeigten, daß

Vorräte, die eine Lücke in der Zufuhr überbrücken könnten, nicht

vorhanden seien. Schon jetzt, nach zweieinhalb Monaten, müsse den

verantwortlichen Personen in England klar werden, daß der U-Bootkrieg die

Lebenshaltung der Bevölkerung auf ein unerträgliches Maß herabdrücken und

die Kriegsindustrie so beeinträchtigen werde, daß die Hoffnung,

Deutschland durch Übermacht an Munition und Geschützen zu schlagen,

aufgegeben werden müsse.

Die Erwiderung des Reichskanzlers auf die Denkschrift des Grafen Czernin

wurde am 4. Mai dem Kaiser vorgelegt. Sie stützte sich in ihren

Ausführungen über die militärische Lage und den U-Bootkrieg auf die

Äußerungen der Obersten Heeresleitung und des Admiralstabs und nahm

außerdem Bezug auf eine Rede, die ich am 28. April im Hauptausschuß des

Reichstages in Kenntnis der österreichischen Zweifel über die Wirkungen

des U-Bootkriegs und nicht zum wenigsten in der Absicht, diesen Zweifeln

entgegenzuwirken, gehalten hatte. Sie fügte hinzu:

Der Weltkrieg, III. Band Vom Eingreifen Amerikas bis zum Zusammenbruch · 第 3 / 38 段