Zufuhr der für die Volksernährung und Kriegführung wichtigsten Güter nach
Möglichkeit zu sichern, stellte sie die Einfuhr aller irgendwie
entbehrlichen Dinge unter Verbot. Den gesamten britischen Schiffsraum
stellte sie unter eine einheitliche Kontrolle; aus den nicht unmittelbar
dem Verkehr mit England dienenden Linien zog sie so viel Schiffe für die
Versorgung Englands heraus, daß nach dem Ausspruch des britischen
Handelsministers von der internationalen Schiffahrt Großbritanniens nur
noch ein Skelett verblieb. Der stärkste Druck wurde auf die Neutralen
ausgeübt, um ihre Schiffahrt in den Dienst Großbritanniens zu zwingen.
Überall, wo es gelang, einen neutralen Staat zur Kriegserklärung an
Deutschland zu bewegen, wurden die in seinen Häfen liegenden deutschen
Schiffe konfisziert. Nach jeder Möglichkeit wurde auf eine Hebung der
Produktion im eigenen Lande hingearbeitet. Eine Steigerung der Förderung
einheimischer Eisenerze sollte den Ausfall an fremden Zufuhren decken;
gesteigerter Holzschlag in den eigenen, nicht sehr ausgedehnten Wäldern
sollte Ersatz schaffen für den Ausfall in der Zufuhr fremden
Grubenholzes; vor allem aber wurde ein großartiges landwirtschaftliches
Programm aufgestellt, das durch die Umwandlung von Grasland in Ackerland
die britischen Inseln von der ausländischen Getreidezufuhr unabhängig
machen sollte. Natürlich wurden auch die größten Anstrengungen gemacht,
um den während des Krieges so stark zusammengeschrumpften Bau von
Handelsschiffen wieder hochzubringen. Die vorhandenen Lebensmittel wurden
durch scharfe Vorschriften über die Ausmahlung und über Zusatzmittel
gestreckt, der Verbrauch wurde durch eine knapp zugemessene Verteilung
empfindlich eingeschränkt.
Amerika suchte nach Möglichkeit zu helfen. Vor allem im Schiffbau, der
nach anfänglichen Fehlschlägen, so mit dem massenhaften Bau von
Holzschiffen, in der Tat einen großen Aufschwung nahm; dann aber auch mit
der Zufuhr von Lebensmitteln. Hier geschah, was ich von Anfang an
gefürchtet hatte. Die amerikanische Regierung ließ sich weitgehende
Vollmachten für die Regelung der inneren Lebensmittelverteilung und der
Lebensmittelausfuhr erteilen. Auf Grund dieser Vollmachten gelang es
gegen die Mitte des Jahres 1917, für die Versorgung Englands größere
Mengen von Getreide verfügbar zu machen.
Von der zweiten Aprilhälfte an bis in den Juli hinein stieg die Besorgnis
in England auf ihren Höhepunkt. Wir erhielten in jener Zeit aus einer
unbedingt zuverlässigen Quelle Nachrichten, daß Lloyd George bei seinem
Besuch in Paris sich geradezu verzweifelt über die Ernährungslage
Englands ausgesprochen habe. Es schien in der Tat, als sei dem
U-Bootkrieg der Erfolg beschieden. Wie nahe er damals seinem Ziele war,
das werden wir zweifellos aus den englischen Darstellungen über die
Entwicklung des Krieges bestätigt erhalten.
Die amerikanische Hilfe brachte in letzter Stunde die Rettung. Es gelang,
für die kritischen Monate Juni und Juli genügende Mengen von Brotgetreide
im letzten Augenblick verfügbar zu machen. Amerika gab auf Grund der
Einschränkung seines eigenen Verbrauchs aus seinen knappen Beständen
Getreide für England ab und deckte die dadurch entstehende Lücke in der
eigenen Versorgung zum Teil durch Zufuhren aus Australien. Der vorhandene
Schiffsraum wurde unter Zurückstellung aller anderen Bedürfnisse auf die
Getreidezufuhr konzentriert; sogar Schiffe mit Gefriereinrichtungen für
den Fleischtransport wurden in die Getreidefahrt geworfen. Ziffern über
die Getreideeinfuhr sind, wie erwähnt, seit dem Februar 1917 nicht mehr
veröffentlicht worden; aber aus zuverlässigen Angaben privater Herkunft
läßt sich schließen, daß die Getreideeinfuhr Englands in dem einen Monat
Juni 1917 kaum viel niedriger gewesen sein muß, als in den fünf
vorhergehenden Monaten zusammen.
So gelang es England, den Zusammenbruch seiner Ernährungswirtschaft vor
dem Hereinkommen der neuen Ernte zu verhindern. Ebensowenig wie alle die
großen militärischen Aktionen zu Land hatte der U-Bootkrieg vermocht,
eine rasche Entscheidung herbeizuführen. Die von mir immer bezweifelten
und in den internen Beratungen wie in den Verhandlungen des
Hauptausschusses des Reichstages bekämpften Berechnungen der
wirtschaftlichen Sachverständigen des Admiralstabs, nach denen der
uneingeschränkte U-Bootkrieg in fünf Monaten zum Ziel führen sollte,
hatten sich als trügerisch erwiesen. So staunenswert die Leistungen
unserer U-Boote waren, so sehr der von ihnen versenkte Schiffsraum den
Voranschlag des Admiralstabs übertraf -- auch diese Leistungen genügten
nicht, die Versorgung Englands so weit einzuschränken, daß innerhalb der
fünf Monate seine Volksernährung oder seine Kriegstüchtigkeit
entscheidend getroffen worden wäre. Auch im U-Bootkrieg konnte nur auf
lange Sicht gearbeitet werden. Der U-Bootkrieg wurde zum aufregenden
Wettlauf zwischen Neubau von U-Booten und Vervollkommnung der Sicherungs-
und Abwehrmittel, zwischen Versenkung von Frachtraum und Neubau von
Handelsschiffen, zwischen Herabminderung der britischen Zufuhren und
Hebung der eigenen britischen Produktion, schließlich zwischen der
Organisation des amerikanischen Millionenheeres und der Vernichtung der
Widerstandsfähigkeit der feindlichen Armeen, denen wir an der Westfront
gegenüberstanden.
Es mußte ein zäher Kampf werden.
Daß unsere Aussichten in diesem Kampf nicht ungünstig waren, dafür war
eine Bestätigung eine halbamtliche Auslassung der britischen Regierung,
die Anfang August 1917 ausgegeben wurde. Sie besagte im wesentlichen
folgendes:
England hatte bei Kriegsausbruch eine Handelsflotte von Ozeandampfern im
Umfang von 17-18 Millionen Tonnen; davon waren über 15 Millionen Tonnen
regelmäßig für das Mutterland beschäftigt, der Rest diente dem Verkehr
zwischen fremden Ländern, Kolonien usw. Ein großer Teil dieses
internationalen Verkehrs mußte den unmittelbaren Bedürfnissen des
britischen Mutterlandes geopfert werden. Gegenwärtig besitzt
Großbritannien einschließlich der weggenommenen feindlichen Schiffe etwas
über 15 Millionen Tonnen, davon 14 Millionen im unmittelbaren Dienste des
Mutterlandes. Von diesen 14 Millionen Tonnen ist aber nur etwa die Hälfte
für den Handel verfügbar, da die andere Hälfte in den Dienst der Marine,
des Heeres, der Verbündeten und der Kolonien hat gestellt werden müssen.
-- Das bedeutete also, daß damals dem Handelsverkehr der britischen
Inseln nur noch etwa 7 Millionen Tonnen Schiffsraum gegen 15 in
Friedenszeiten zur Verfügung standen. -- Die britische Einfuhr im letzten
Jahr vor dem Kriege habe 58 Millionen Gewichtstonnen betragen; im Jahre
1916 sei die Einfuhrmenge auf 43 Millionen Tonnen zurückgegangen, und im
laufenden Jahre werde sie noch erheblich niedriger sein. Von den 58
Millionen Tonnen der Friedenseinfuhr seien weniger als ein Viertel auf
Nahrungsmittel entfallen, der ganze Rest auf Bedürfnisse des Handels und
der Industrie. Im Jahre 1916 dagegen habe die Einfuhr von
Nahrungsmitteln, Munition und Materialien für die Herstellung von
Kriegsbedarf nicht weniger als zwei Drittel der Gesamteinfuhr
beansprucht. Einer Einfuhr von Industrie- und Handelswaren in Höhe von 40
Millionen Tonnen im Jahre 1913 habe also im Jahr 1916 nur eine Einfuhr in
Höhe von 14 bis 15 Millionen Tonnen gegenübergestanden. Im laufenden
Jahre könne man in keiner Weise hoffen, auch nur annähernd diese
verkürzte Menge zu erhalten.
Die »Frankfurter Zeitung« bemerkte damals zu dieser Veröffentlichung:
»Was in aller Welt, so muß man sich fragen, will diese Offenheit? Damit
wird doch Punkt für Punkt das bestätigt, was von ruhigen Beobachtern der
englischen Verhältnisse längst gesagt, was aber fast in der ganzen
englischen Presse bis vor kurzem leidenschaftlich bestritten wurde. Was
will diese Darstellung? Will sie allmählich abbauen oder abwiegeln?«
Aber auch wenn man die Aussichten auf den schließlichen Erfolg des
U-Bootkriegs noch so hoffnungsvoll beurteilte -- die allzu bestimmten
Voraussagen, daß der uneingeschränkte U-Bootkrieg innerhalb von fünf oder
sechs Monaten zur Niederwerfung Englands führen werde, waren in zu weite
und zu tiefe Kreise gedrungen, als daß nach Ablauf der genannten Zeit das
Ausbleiben des entscheidenden Erfolges nicht eine Enttäuschung und einen
Stimmungsrückschlag hätte hervorrufen müssen.
Unser Verhältnis zu Österreich-Ungarn
Die Stellung Deutschlands und Österreich-Ungarns zum Krieg
Über den Beitritt Österreich-Ungarns zum uneingeschränkten U-Bootkrieg
hat sich Graf Czernin in einer öffentlichen Rede vom 11. Dezember 1918,
auf die ich in der weiteren Darstellung noch öfters zurückkommen werde,
wie folgt geäußert:
»Meine damaligen Ministerkollegen Tisza und Clam sowohl wie meine
Wenigkeit waren mit Kaiser Karl in der Ablehnung dieses Vorschlages
vollständig einig, und rückhaltlos zugestimmt hat dem Gedanken nur der
damalige Admiral Haus. Es muß hier konstatiert werden, daß die deutsche
Motivierung nicht so sehr darauf ging, England durch Hunger zu besiegen,
sondern darin gipfelte, daß die Westfront nur zu halten sei, wenn die
amerikanischen Munitionstransporte versenkt würden, daß also ein rein
technisch-militärisches Moment in den Vordergrund geschoben wurde. Ich
habe damals ernstlichst die Absicht ventiliert, uns in dieser Frage von
Deutschland zu trennen, und die geringe Zahl unserer U-Boote hätte unser
Nichtmitmachen kaum bemerkbar gemacht. Aber ein anderer Umstand fiel in
die Wagschale. Sollte der U-Bootkrieg in den nördlichen Gewässern mit
Erfolg geführt werden, dann mußte er gleichzeitig im Mittelmeer
einsetzen. Blieb dieses frei, so wären die Transporte über Italien,
Frankreich und Dover nach England gegangen und hätten den nördlichen
U-Bootkrieg paralysiert. Um aber den U-Bootkrieg in der Adria führen zu
können, mußten wir den Deutschen unsere Stützpunkte, wie Pola, Triest und
Cattaro, überlassen. Taten wir dies, so machten wir de facto den
U-Bootkrieg mit. Unterließen wir es, so fielen wir damit Deutschland in
den Rücken und verhinderten seinen U-Bootkrieg, d. h. wir kamen in
direkten Konflikt mit Deutschland. So gaben wir zu diesem Vorschlag mit
schwerem Herzen unsere Einwilligung, nicht gewonnen durch Argumente, aber
bezwungen durch die Ohnmacht, anders handeln zu können.«
Diese Äußerung zeigt, mit welchem Widerstreben man sich in Wien zur
Beteiligung an dem uneingeschränkten U-Bootkrieg entschloß; sie zeigt
aber noch mehr: Die Bemerkung des Grafen Czernin, daß er damals ernstlich
die Absicht ventiliert habe, sich in dieser Frage von Deutschland zu
trennen, wirft ein Streiflicht auf die Gestaltung der Beziehungen
zwischen den beiden Bundesgenossen.
Das Verhältnis zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn stand seit dem
Ausbruch des Krieges unter der Wirkung starker, sich teilweise
widerstreitender Einflüsse.
Der Krieg war entstanden aus einem Anlaß, der von den
österreichisch-ungarischen Staatsmännern als eine unmittelbare
Lebensfrage der Donaumonarchie aufgefaßt worden war, während er uns nur
mittelbar dadurch berührte, daß die Erhaltung Österreich-Ungarns von der
deutschen Politik als ein vitales Interesse auch für uns aufgefaßt
wurde. Aber die Koalition, die alsbald gegen uns auf den Plan trat,
richtete ihre Spitze in erster Linie gegen Deutschland, während sie
Österreich-Ungarn gewissermaßen als Feind zweiten Grades behandelte.
Graf Czernin sagte in seiner erwähnten Rede:
»Wir hatten öfters den Eindruck, einen Separatfrieden ohne Deutschland
schließen zu können, jedoch niemals wurden uns die Bedingungen genannt,
unter welchen Deutschland seinerseits Frieden schließen könne. Niemals
wurde uns vor allem erklärt, daß Deutschland seinen vorkriegerischen
Besitzstand würde behalten können, und immer wurden wir dadurch in der
Situation belassen, einen =Verteidigungskrieg für Deutschland= führen zu
müssen. Wir waren durch unseren Vertrag zur gemeinsamen Verteidigung des
vorkriegerischen Besitzstandes gezwungen; dadurch, daß die Entente
niemals erklären wollte, daß sie mit einem Deutschland sprechen wolle,
das keine Eroberungsabsichten habe, daß die Entente immer erklärte, sie
wolle Deutschland vernichten, zwang sie uns gewaltsam den
Verteidigungskrieg für Deutschland auf.«
Aus dem Krieg, in dem der deutsche Bundesgenosse der in ihren
Lebensgrundlagen bedrohten österreichisch-ungarischen Monarchie
beisprang, war also, nicht etwa nur in dem Kopf des Mannes auf der
Straße, sondern auch in der Vorstellung des die auswärtige Politik der
Monarchie leitenden Staatsmannes ein österreichisch-ungarischer
Verteidigungskrieg für Deutschland geworden!
Auf der anderen Seite stand die militärische Gestaltung mit dieser
politischen Auffassung des Krieges keineswegs im Einklang. Seit der
Hilfe, die österreichisch-ungarische Truppen uns im Herbst 1914 für den
Schutz von Schlesien geleistet hatten, war stets die deutsche Armee der
gebende und helfende Teil. Nicht österreichisch-ungarische Truppen
verteidigten die deutschen Grenzen, sondern deutsche Truppen wehrten
wiederholt das Äußerste von Österreich-Ungarn ab. Nur mit deutscher
Unterstützung wurden im Winter 1914/15 die Russen vom Einbruch über die
Karpathen in die ungarische Tiefebene abgehalten. Nur der Einsatz einer
großen deutschen Armee gewann im Frühjahr 1915 die Schlacht bei Gorlice
und befreite Galizien. Nur die Hilfe deutscher Truppen warf im Herbst
1915 die Serben nieder und machte damit Österreich-Ungarn nach Südosten
hin Luft. Nur deutsche Divisionen brachen im Sommer 1916 die
Brussilow-Offensive und bewahrten so wenigstens Mittel- und Westgalizien
vor erneuter Eroberung. Und schließlich hielt nur die aus den schwersten
Kämpfen im Westen herübergeholte deutsche Armee im September 1916 den
Vormarsch der Rumänen in Siebenbürgen auf, um dann das Land unseres
Bundesgenossen abermals zu befreien und den neuen Feind auf seinem
eigenen Boden niederzuwerfen.
Mochte es also auch politisch eine gewisse Berechtigung haben, von einem
Verteidigungskrieg Österreich-Ungarns für Deutschland zu sprechen,
militärisch blieb Deutschland der Verteidiger Österreich-Ungarns.
Die Hilfsbedürftigkeit der Donaumonarchie blieb nicht auf das
militärische Gebiet beschränkt. Von Anfang an und dauernd sah sich
Österreich-Ungarn auf die finanzielle Unterstützung Deutschlands
angewiesen. Zwar brachten die österreichischen und ungarischen
Kriegsanleihen recht gute Ergebnisse; aber für die Zahlungen an
Deutschland und das neutrale Ausland bedurfte Österreich-Ungarn
fortgesetzt erheblicher »Valutakredite«. Ebenso nahm auf dem Gebiet der
Volksernährung die österreichische Reichshälfte wiederholt unsere
Unterstützung in Anspruch, so knapp es auch mit uns selbst bestellt war.
Wir haben getan, was wir konnten, um unserem Bundesgenossen in seinen
Bedrängnissen zu helfen. Aber wir vermochten bei der bundesfreundlichsten
Gesinnung und beim besten Willen nicht alle seine Wünsche zu erfüllen,
und wir mußten im eigenen Interesse an unsere Hilfe Bedingungen knüpfen,
die nicht immer als angenehm empfunden wurden. So mußten wir die
Gewährung der Valutakredite davon abhängig machen, daß Österreich-Ungarn
für seinen Zahlungsverkehr mit dem Auslande eine ähnlich strenge
»Devisenordnung« erließ, wie wir sie erlassen hatten; ferner davon, daß
Österreich-Ungarn sich bei seinen Einkäufen im Ausland dieselben
Beschränkungen auferlegte wie wir; denn andernfalls wäre der von uns
erstrebte Zweck, den Rückgang des Kurses der Reichsmark auf den neutralen
Plätzen aufzuhalten, durch die österreichisch-ungarischen Verfügungen
über die von uns gewährten Markkredite geradezu vereitelt worden. Und
wenn in kritischen Augenblicken von den Österreichern unsere knappen
Bestände an Brotgetreide und Mehl in Anspruch genommen wurden, so mußten
wir darauf bestehen, daß in Österreich eine ähnlich straffe Organisation
der Volksernährung durchgeführt wurde wie bei uns; denn wir konnten es
vor dem eigenen Volke nicht verantworten, seine kargen Rationen noch
weiter zu kürzen, um die Österreicher vor den Folgen ihres Wirtschaftens
aus dem Vollen zu bewahren. Aber alles das ging natürlich nicht immer
ohne Reibung und Verstimmung.
Die polnische Frage
Kompliziert wurde das Verhältnis vor allem durch die polnische Frage.
An der Gestaltung der polnischen Dinge nahm Österreich-Ungarn ein ganz
besonders lebhaftes Interesse. Im österreichischen Staatsleben spielten
die Polen infolge des unüberbrückbaren Gegensatzes zwischen Deutschen und
Tschechen eine hervorragende Rolle: die Unterstützung des Polenklubs war
für jede verfassungsmäßige Führung der Staatsgeschäfte eine
Notwendigkeit. Darüber hinaus hatte man in Wien die klare Erkenntnis, daß
Erhaltung oder Verlust Galiziens von der Lösung der Frage abhänge, was
aus Russisch-Polen werden solle. Die Wiener Politik zog daraus die
Folgerung, daß sie sich für die Ordnung der polnischen Verhältnisse die
Vorhand sichern müsse; es schwebte ihr dabei wohl von Anfang an eine
Vereinigung Russisch-Polens mit Galizien und die Angliederung dieses
neuen Gebildes in einer mehr oder weniger losen Form an Österreich-Ungarn
vor. Als Baron Burian den Reichskanzler Mitte April 1916 in Berlin
besuchte, äußerte er halb im Scherz, halb im Ernst, er werde erst nach
Wien zurückreisen, wenn er Polen in seinem Handkoffer mitnehmen könne.
Sein Handkoffer war für Polen doch etwas zu klein, und er hat es nicht
mitgenommen. Die polnische Frage blieb zwischen Deutschland und
Österreich-Ungarn ungeklärt. Die Wiener Regierung benutzte diesen
Zustand, um in Polen selbst für ihr Ziel eine rege Propaganda zu
entfalten, und zwar nicht nur in dem von österreichisch-ungarischen
Truppen besetzten südlichen Teil, dem Bezirk von Lublin, sondern auch in
dem von unseren Truppen besetzten Generalgouvernement Warschau.
Die sich aus diesem Zustand ergebenden Verhältnisse wurden allmählich
unhaltbar.
Nach der schweren Niederlage der Österreicher in Wolhynien und Galizien
im Juni 1916 schien Herrn von Bethmann die Gelegenheit gekommen, eine
Klärung herbeizuführen. Der Kanzler reiste mit Herrn von Jagow am 10.
August 1916 nach Wien, um dort mit Baron Burian auf einer Grundlage ins
Reine zu kommen, die vor allem die von Österreich beanspruchte
Präponderanz in den polnischen Angelegenheiten beseitigen und uns
Bewegungsfreiheit geben sollte. Die beiden Herren kamen zurück mit einer
Vereinbarung, die ein autonomes Königreich Polen mit Anlehnung an die
beiden Zentralmächte ins Auge faßte. In den militärischen Dingen sollte
Deutschland den ausschlaggebenden Einfluß haben; über die Regelung der
wirtschaftlichen Beziehungen Polens zu den beiden Zentralmächten sollte
zunächst noch zwischen mir und der Wiener Regierung verhandelt werden.
Ich hatte, ebenso wie der Unterstaatssekretär Zimmermann, ernstliche
Bedenken gegen jede Festlegung auf die Errichtung eines autonomen und
selbständigen Polen. Ich fürchtete, daß ein solches Polen für uns ein
unzuverlässiger Nachbar sein werde, daß es seine Begehrlichkeit alsbald
auch auf unsere teilweise polnisch bevölkerten Ostmarken richten werde,
daß es notwendigerweise zum Zankapfel zwischen uns und unserem
Verbündeten werden müsse und daß die geplante Autonomieerklärung der
immerhin noch denkbaren Verständigung mit Rußland einen schweren Stein in
den Weg rollen könne. Von der Idee, daß ein autonomes Polen noch während
des Krieges für uns nutzbar gemacht werden könnte, die damals schon in
manchen Köpfen spukte, hielt ich nichts. Es war mir eine Beruhigung, daß
in Wien ein bestimmter Zeitpunkt für die Autonomieerklärung nicht
festgelegt worden war und daß der Kanzler den Wert der Wiener
Verständigung hauptsächlich in dem negativen Ergebnis sah, daß Polen der
Wiener Regierung aus den Zähnen gezogen sei und wir bei allen künftigen
Entschließungen an erster Stelle mitzusprechen hätten. Auch der Kaiser
sprach sich in jener Zeit in einem Telegramm an den Kanzler, später auch
persönlich mir gegenüber, sehr entschieden dahin aus, daß von jeder
Proklamation einer polnischen Autonomie vorläufig abzusehen sei,
hauptsächlich um nicht einen Frieden mit Rußland zu erschweren.
Dagegen drängte das Wiener Kabinett unausgesetzt auf einen baldigen Erlaß
der Autonomieerklärung. Es fand Unterstützung in deutschen politischen
und parlamentarischen Kreisen, so bei gewissen Abgeordneten des Zentrums
und der Freisinnigen Volkspartei -- ich nenne nur die Namen Freiherr von
Rechenberg, Erzberger und Friedrich Naumann --, vor allem aber bei dem
Generalgouverneur von Beseler. Der Generalgouverneur hoffte, auf Grund
einer Autonomieerklärung in kurzer Zeit eine ansehnliche polnische Armee
aufstellen, ausbilden und im Kampf für die Unabhängigkeit Polens Schulter
an Schulter mit den Zentralmächten ins Feld stellen zu können. Angesichts
der schweren Kämpfe, die uns für das kommende Frühjahr bevorstanden, war
diese Aussicht für die Oberste Heeresleitung eine große Verlockung; die
Oberste Heeresleitung schloß sich dem General Beseler an und forderte
eine schleunige Entscheidung.
Der Kanzler war zu der Überzeugung gekommen, daß ein Separatfriede mit
Rußland auch von Stürmer, der im Juli Ssasonoff als Minister des
Auswärtigen ersetzt hatte, nicht zu erlangen sei. Alle bisher dem Zaren
und der russischen Regierung auf den verschiedensten Wegen gemachten
Andeutungen, daß wir für einen billigen Frieden zu haben seien, auch die
Andeutung, daß eine dem russischen Interesse Rechnung tragende Regelung
der Meerengenfrage bei unserem türkischen Bundesgenossen zu erreichen
sei, hatten kein Ergebnis gehabt. Insbesondere war eine im Frühjahr 1916
durch Vermittlung eines deutschen Großindustriellen und des japanischen
Gesandten in Stockholm gemachte Sondierung entgegen der getroffenen
Abrede von der russischen Regierung alsbald den Ententeregierungen
mitgeteilt worden.
Außerdem war Herr von Bethmann von der Notwendigkeit und Möglichkeit der
Errichtung eines sich an die Mittelmächte anlehnenden polnischen
Pufferstaates überzeugt. Er sah die große Zukunftsgefahr für Deutschland
in der gewaltigen und auch künftighin weiter wachsenden russischen Masse,
gegen deren Ansturm wir ein politisches und militärisches Vorfeld
schaffen müßten.
Den Ausschlag dafür, daß die im Grundsatz Mitte August in Wien
vereinbarte Proklamation der beiden Kaiser über die Errichtung eines
selbständigen Königreichs Polen nicht länger hinausgeschoben, sondern am
5. November 1916 verkündet wurde, gab jedoch das Drängen der
militärischen Stellen. Mein Bestehen darauf, daß vorher zum mindesten
zwischen Österreich und uns, womöglich aber auch zwischen der
präsumptiven polnischen Regierung und den beiden Mittelmächten alle
grundsätzlichen Fragen politischer, militärischer und wirtschaftlicher
Art geregelt sein müßten, war erfolglos.
Die Proklamation der beiden Kaiser war zunächst nur ein Programm und
sollte nur ein Programm sein; sie schuf den polnischen Staat noch nicht,
sondern stellte seine Errichtung als Ziel auf. Die Durchführung sollte
zwischen den beiden Mittelmächten und einflußreichen polnischen Kreisen
erst noch vereinbart werden.
Die Wiener Regierung suchte sich sofort bei den Polen noch einen
besonderen Stein im Brett zu sichern, indem sie gleichzeitig mit dem
Zwei-Kaiser-Manifest über die Errichtung des polnischen Staates, aber
ohne vorherige Verständigung der deutschen Regierung, ein Kaiserliches
Manifest über die Gewährung einer erweiterten Autonomie an Galizien
veröffentlichte.
Auf der anderen Seite griff der Generalgouverneur von Beseler den
weiteren Verhandlungen vor; er erließ, ohne vorherige Verständigung mit
dem österreichisch-ungarischen Generalgouverneur in Lublin und mit den
Berliner Stellen, am 13. November 1916 eine Verordnung über die Bildung
eines Staatsrates und eines Vereinigten Landtages im Königreich Polen.
Mit diesem nicht mehr rückgängig zu machenden Schritte, den der General
von Beseler mit der Notwendigkeit erklärte, den Boden für die Werbung der
polnischen Freiwilligen-Armee vorzubereiten, war der polnische Staat aus
dem Stadium des Programms ohne weiteres in das Stadium der Durchführung
hinübergeführt worden.