Der Weltkrieg
von
Karl Helfferich
III. Band
Vom Eingreifen Amerikas
bis zum Zusammenbruch
[Illustration]
1919
Verlegt bei Ullstein & Co in Berlin
=Alle Rechte=, insbesondere das Recht der Übersetzung, =vorbehalten=.
=Amerikanisches Copyright 1919 by Ullstein & Co, Berlin=
* * * * *
Inhalt
Vorwort 11
Vom U-Bootkrieg bis zur Friedensresolution des Reichstags 15-135
=Der U-Bootkrieg und die Neutralen= 17-22
Erklärung des Kriegszustandes mit Deutschland durch den
amerikanischen Kongreß 17, 18. Druck auf die Neutralen 19,
20. Kriegserklärungen Chinas, Siams und amerikanischer
Staaten 21, 22.
=Die russische Revolution= 23-27
Das revolutionäre Rußland zwischen Krieg und Frieden 23,
24. Erklärung der russischen Regierung 25. Umbildung des
Kabinetts 26. Neue russische Offensive 27.
=Der Fortgang der militärischen Operationen= 28-30
Offensivtätigkeit der Feinde im Westen 28, in Italien,
Mazedonien, Palästina 29 und im Osten 30.
=Der U-Bootkrieg im ersten Halbjahr= 1917 30-43
Aussichten des uneingeschränkten U-Bootkriegs 30-34. Die
ersten Ergebnisse 35, 37. Englische Gegenmaßnahmen 38-39.
Die Hilfe Amerikas 40, 41. Englands Bedrängnis 42.
Enttäuschung 43.
=Unser Verhältnis zu Österreich-Ungarn= 44-74
=Die Stellung Deutschlands und Österreich-Ungarns zum Krieg= 44-49
Czernin über Österreich-Ungarns Beitritt zum U-Bootkrieg
44, 45. Der Krieg ein »österreichisch-ungarischer
Verteidigungskrieg für Deutschland« 46. Hilfsbedürftigkeit
Österreich-Ungarns auf militärischem, wirtschaftlichem und
finanziellem Gebiet 47, 48.
=Die polnische Frage= 49-58
Stellung der Polen in Österreich 49, 50. Österreichs
polnische Wünsche 51, 52. Proklamation eines selbständigen
Königreichs Polen 53, 54. Österreichische Absichten auf
Angliederung 55, 56. Deutschlands entgegengesetzte
Interessen 57, 58.
=Die Bestrebungen auf wirtschaftliche Annäherung zwischen
Deutschland und Österreich-Ungarn= 58-60
Naumanns »Mitteleuropa« 58. Schwierigkeiten der
handelspolitischen Einigung 59. Verhandlungen 60.
=Die österreichisch-ungarischen Friedensbestrebungen= 61-74
Kriegsmüdigkeit Österreich-Ungarns 61. Handschreiben Kaiser
Karls an Kaiser Wilhelm und Immediatbericht des Grafen
Czernin 62-64. Brief Kaiser Karls an den Prinzen Sixtus von
Parma 65-67. Erwiderung des Reichskanzlers auf den Bericht
Czernins 68-73.
=Die innere Lage= 74-102
=Der Verfall des Burgfriedens= 74-85
Politische Forderungen der Sozialdemokratie 75. Änderung
des Vereinsgesetzes 76-78. Der Streit um die Kriegsziele
79, 80. Ablehnung des Budgets durch die Sozialdemokratie
81-84.
=Innerpolitische Wünsche und Forderungen= 85-92
Schwierige Lage der Regierung 85-87. Milderung des
Belagerungszustandes 88-90. Die »Neuorientierung« 91, 92.
=Die Gestaltung der innerpolitischen Lage unter Einwirkung der
russischen Revolution= 93-102
Die Frage der innerpolitischen Reformen 93-95. Das
preußische Wahlrecht 96, 97. Die Osterbotschaft des Kaisers
98, 99. Forderung der Parlamentarisierung 100-102.
=Die Julikrisis= 102-136
Sozialdemokratische Angriffe im Hauptausschuß 103 bis 109.
Vorstoß Erzbergers und Abwehr 110-113. Motive Erzbergers
114, 115. Die Frage des gleichen Wahlrechts für Preußen
116, 117. Kronrat vom 9. Juli 118, 119. »Reichsrat« 120.
Das gleiche Wahlrecht durch königliche Order gesichert 121,
122. Friedensresolution und Kanzlerkrisis 123-126.
Hindenburg und Ludendorff gegen das Verbleiben Bethmanns
127. Bethmanns Rücktritt, Michaelis Nachfolger 128-131. Die
Friedensresolution vorzeitig veröffentlicht 132.
Verhandlungen mit den Parteien 133. Antrittsrede des neuen
Kanzlers 134, 135. Ergebnis der Krisis 135, 136.
Die Kanzlerschaft des Herrn Michaelis 137-241
=Die Friedensresolution des Reichstags und ihre Wirkungen= 139-153
Wortlaut der Resolution und Wirkung auf unsere Feinde 139,
140. Besprechungen des Prinzen Sixtus von Parma in Paris
und London 141-144. Anzeichen aufkeimender Friedensneigung
bei den Westmächten 145-147. Umschwung infolge der
Erzberger-Aktion und der Julikrisis 148-151.
Ergebnislosigkeit der Sozialistenkonferenz in Stockholm
152, 153.
=Die Bildung der Regierung des Herrn Michaelis= 153-161
Mangelnde politische Erfahrung des neuen Kanzlers 153-155.
Wechsel in den Reichsämtern 156-159. Kaiser und Reichstag
160, 161.
=Die militärische und politische Entwicklung unter der
Kanzlerschaft Michaelis= 162-181
Besprechungen mit Czernin 162, 163. Rundschreiben des
Papstes vom 1. August 1917 164-167. Stellung des Kanzlers
erschüttert 168. Siebenerkommission 169, 170. Kronrat über
die belgische Frage 171, 172. Englands Friedensfühler ein
Mißverständnis 172. Die Antwort auf die Papstnote 172-174.
Wirkungen der Papstnote bei der Entente 175-177. Czernins
Friedensprogramm 178. Kühlmann zur elsaß-lothringischen
Frage 179. Tätigkeit an den Fronten 180, 181.
=Die zweite Kanzlerkrisis= 181-202
Die Vaterlandspartei 182, 183. Interpellationen im
Reichstag gegen alldeutsche Propaganda 184-191. Agitation
der Unabhängigen Sozialdemokraten in der Marine,
Verschwörung unter den Mannschaften der Hochseeflotte
192-195. Der Kanzler gegen die unabhängige
sozialdemokratische Partei 196, 197. Die bürgerlichen
Mittelparteien und Mehrheitssozialisten gegen den Kanzler
198-202.
=Von Michaelis zu Graf Hertling= 202-216
Die Mehrheitsparteien für das Mitbestimmungsrecht bei
Ernennung eines neuen Kanzlers 202-206. Unhaltbarkeit der
Stellung des Kanzlers Michaelis 207-209. Kandidatur des
Grafen Hertling 210, 211. Mein Rücktrittsanerbieten 212,
213. Ernennung des Grafen Hertling zum Reichskanzler
214-216.
=Die »Parlamentarisierung«= 217-234
Fortdauer der Krisis 217, 218.
Parlamentarisierungsforderungen 219-223. Der Posten des
Vizekanzlers 224-226. Mein Entlassungsgesuch genehmigt 227.
Von Payer Stellvertreter des Reichskanzlers 228. Der
Übergang zum parlamentarischen Regime 229-233.
=Die Anfänge des Grafen Hertling= 234-241
Stellung der Parteien zum neuen Kanzler 234-237. Tätigkeit
an den Fronten 238, 239. Russisches
Waffenstillstandsangebot 240, 241.
Der Ost-Friede 243-351
=Der Waffenstillstand von Brest-Litowsk= 245-252
Funksprüche 245-248. Russische Forderungen 249.
»Waffenruhe« 249, 250. Der Waffenstillstandsvertrag
unterzeichnet 251, 252.
=Die Vorbereitungen für die Friedensverhandlungen= 252-260
Vorbereitung der wirtschaftlichen Verhandlungen 252 bis
256. Die politischen und territorialen Fragen 257.
Dualismus unserer Vertretung in Brest 258-260.
=Die erste Phase der Brester Friedensverhandlungen= 260-272
Eröffnungsansprache Kühlmanns 261, 262. Das Programm
Czernins 263-266. Eingreifen der Obersten Heeresleitung
267. Das Selbstbestimmungsrecht der Nationalitäten 268,
269. Rußland gegen die deutsche Formulierung 270. Verlegung
der Verhandlungen nach Stockholm abgelehnt 271, 272.
=Die zweite Phase der Brester Friedensverhandlungen= 272-278
Anerkennung der ukrainischen Delegation 272, 273.
Diskussion Trotzki-Kühlmann 274, 275. Eingreifen des
Generals Hoffmann 275, 276. Neue Vorschläge Deutschlands
276, 278.
=Spannung zwischen der politischen Leitung und der
Heeresleitung= 278-280
Meine Unterredungen mit dem deutschen Kronprinzen und
General Ludendorff 279, 280.
=Der Friedensvertrag mit der Ukraine= 281-286
Die Wünsche der Ukraine 281, 282. Die ostgalizische Frage
283. Trotzki gegen einen Sonderfrieden der Ukraine 284,
285. Unterzeichnung des Friedensvertrages 286.
=Die letzte Phase der Brester Friedensverhandlungen= 286-297
Rußland erklärt den Kriegszustand für beendet 287. Stellung
der Verbündeten zu dieser Erklärung 288, 289. Kronrat in
Homburg 290. Wiederaufnahme der Kriegshandlungen 290-292.
Unterzeichnung der Verträge ohne Verhandlungen 293, 294.
Bolschewistische Propaganda 295-297.
=Der Friede von Bukarest= 298-316
Haltung der rumänischen Regierung 298, 299.
Österreichisch-ungarische Sonderinitiative 300-302.
Interessenkonflikte der Vierverbandmächte 302-306. Die
wirtschaftlichen Forderungen 307-309.
Meinungsverschiedenheiten zwischen politischer Leitung und
Oberster Heeresleitung 310-314. Unterzeichnung des
rumänischen Friedensvertrages 315, 316.
=Ergebnis und Folgen der östlichen Friedensschlüsse= 316-351
Die Bestimmungen der Friedensverträge 317-319. Zerfall des
russischen Reiches 320-324. Die Frage der Randstaaten
325-331. Finnland, Ukraine 332, 333. Anschlußbestrebungen
des Baltenlandes 334-338. Ein unabhängiges Litauen 339,
340. Die polnische Frage 341, 342. Die Verhältnisse in der
Ukraine 343-345. Finnland 345, 346. Kaukasusgebiete
346-348. Unbefriedigende wirtschaftliche Ergebnisse
349-351.
Die Entscheidung 353-572
=Diplomatisches Zwischenspiel= 355-396
Brief Lansdownes 355, 356. Botschaft Wilsons vom 5.
Dezember 1917 357-360. Dezemberreden Lloyd Georges 360,
361. Die Entente gegen Friedensverhandlungen 362, 363.
Lloyd George über die Kriegsziele 364, 365. Wilsons
vierzehn Friedensprogrammpunkte 366-371. Für Deutschland
unannehmbar 372. Rede Balfours 373, 374. Schwierigkeiten
und Gegensätze bei den Alliierten 376-378. Czernins
Erwiderung auf Wilson 378, 379. Graf Hertling über das
Programm Wilsons 380-384. Note des Obersten Kriegsrates der
Entente 385. Rede Wilsons vom 11. Februar 1918 386-389.
Erklärung Hertlings 390. Rede Balfours 391. Neuer
Verhandlungsversuch Czernins gescheitert 392, 393.
Schiffsraumnot der Alliierten 394. Englische Vergewaltigung
Hollands 395, 396.
=Die große Offensive= 397-416
Vorstoß auf Amiens 397, 398. Vorstoß an der Lys 399, 400.
Zäher Widerstand der Feinde 400, 401. Hilfeleistung
Amerikas 401-403. Energische Kriegsmaßnahmen in England und
Frankreich 404, 405. Deutsche Offensive vom Damenweg bis
zur Marne 406-408. Besorgnis in Paris 409. Eingreifen der
amerikanischen Truppen 410, 411. Mißglückte österreichische
Offensive am Piave 412, 413. Fortschreitende Paralysierung
der Wirkungen des U-Bootkriegs 414-416.
=Neue innere Krisen= 417-435
Aussichtslosigkeit der rein militärischen Beendigung des
Krieges 417, 418. Mangelnde militärisch-politische
Zusammenarbeit 419, 420. Rede Kühlmanns vom 24. Juli 1918
421-424. Wirkungen der Rede 424-427. Kühlmanns Abschied
428. Zuspitzung der inneren Lage 428, 429. Das preußische
Landtagswahlrecht 429. Opposition der Konservativen und
eines Teiles der Nationalliberalen 430. Die
Sozialdemokraten gegen den Etat 431-433. Von Hintze
Staatssekretär des Auswärtigen 434, 435.
=Der Wendepunkt= 436-441
Neue Offensive an der Marne und beiderseits Reims 436, 437.
Feindliche Gegenangriffe 438, 439. Erzwungener Rückzug 440,
441.
=Meine Moskauer Mission= 442-493
Graf Mirbach, diplomatischer Vertreter in Moskau 442, 443.
Die Lage in Sowjetrußland 444-446. Graf Mirbach ermordet
446, 447. Meine Ernennung zu seinem Nachfolger 448-450.
Zusatzverträge zum Brester Vertrage 451-453. Die Frage der
Lostrennung Estlands und Livlands 454, 455. Bedrohte Lage
der deutschen Vertretung 456-458. Meine Ankunft in Moskau
459 bis 462. Erste Unterredung mit Tschitscherin 463, 464.
Äußere und innere Krisis in Sowjetrußland 465-467.
Bolschewikiherrschaft 468 bis 472. Indirekte Unterstützung
der Bolschewisten durch Deutschland 473. Zwiespältigkeit
der deutschen Ostpolitik 474-479. Meinungsverschiedenheit
mit Berlin 480, 481. Ermordung Generalfeldmarschalls von
Eichhorn 482. Geplante Anschläge auf die deutsche Mission
483-485. Verlegung der deutschen Mission 486. Meine Abreise
487, 488. Die Zusatzverträge gegen meinen Einspruch
paraphiert 489, 490. Mein Rücktritt 491-493.
=Der Zusammenbruch= 493-572
=Unser Verhältnis zu Sowjetrußland und unseren Bundesgenossen= 493-499
Konsolidierung der Bolschewikiherrschaft 493, 494. Joffes
Tätigkeit in Berlin 495. Ratifikation der Brester
Zusatzverträge 496. Mißstimmung bei unseren Bundesgenossen
497, 498.
=Die Entscheidungskämpfe im Westen= 499-508
Unsere militärische Lage 499-501. Weitere
Rückzugsbewegungen 502, 503. Durchbrechung der
Siegfriedstellung 504, 505. Neue Frontverkürzung erzwungen
506-508.
=Der Zusammenbruch Bulgariens und der Türkei= 509-512
Durchbruch der Alliierten zwischen Doiransee und Monastir
509. Waffenstillstandsgesuch Bulgariens 510. Niederlage der
Türken in Palästina 511 und in Mesopotamien 512.
=Der österreichisch-ungarische Friedensschritt= 512-517
Note Graf Burians an die Kriegführenden 512-514. Wirkung in
Berlin 515, 516. Ablehnung bei den Feinden 516, 517.
=Kritische Zuspitzung in Berlin= 517-522
Anklagen der Mehrheitsparteien gegen die Regierung 517-519.
Ein »Systemwechsel« gefordert 520-522.
=Die Lage im Großen Hauptquartier= 522-527
Kritische Zuspitzung 523. Notwendigkeit politischer
Schritte 524. Die Oberste Heeresleitung für
Waffenstillstandsverhandlungen 525-526. Rücktritt des
Grafen Hertling 527.
=Das Reichskabinett des Prinzen Max von Baden= 527-533
Prinz Max von Baden Reichskanzler 528, 529. Die
Demokratisierung der Regierung 530, 531. Das Programm der
neuen Regierung 532, 533.
=Das Ersuchen um Waffenstillstand und Frieden= 533-541
Die Verhandlungen über das Waffenstillstandsersuchen
534-536. Note des Prinzen Max an Wilson 537-540.
=Der Notenwechsel mit Wilson= 541-552
Wilsons Forderungen präzisieren und steigern sich 541-544.
Meine Stellung zu den Bedingungen 545. Die deutsche
Antwortnote vom 20. Oktober, Einstellung des U-Bootkriegs
546, 547. Wilson endlich zur Einleitung von
Waffenstillstandsverhandlungen bereit 548. Deutschland
sieht Vorschlägen entgegen 549. Abreise der
Bevollmächtigten 551.
=Die Kapitulation unserer Verbündeten= 552-555
Auflösung Österreich-Ungarns 552, 553. Waffenstillstand
zwischen Österreich-Ungarn und den Alliierten 554.
Kapitulation Bulgariens und der Türkei 555.
=Das Ende= 556-573
Demokratische Reform 556, 557. Die Revolution im Anmarsch
557, 558. Wirkung der Friedenspropaganda 559-561. Erlaß des
Kaisers vom 28. Oktober 562, 563. Abdankung des Kaisers
gefordert 563. Revolution in Kiel 564, in München und
andern Städten 565, in Berlin 565-568. Kampfloser Sieg der
Revolution 569. Der Waffenstillstand 569-571.
Schlußbetrachtung 572, 573.
Nachtrag
Graf Czernins Geheimbericht und Erzbergers Aktion im
Reichstag 575-594
Zeittafeln 597-636
Personenverzeichnis 637-646
Sachverzeichnis 647-658
* * * * *
Vorwort
Mit diesem Bande führe ich meine Darstellung des Weltkrieges zu Ende: bis
zur Revolution und zum Abschluß des Waffenstillstandes.
In den Vorgängen, die das Buch schildert, liegt das Schicksal unseres
deutschen Vaterlandes umschlossen. Im Niederschreiben habe ich alles noch
einmal durchlebt, was in den beiden letzten Kriegsjahren mein ganzes Sein
ausgefüllt und mich in allem Denken und Fühlen tiefer ergriffen hat, als
das schwerste persönliche Schicksal den Menschen ergreifen kann.
Es ist die größte Tragödie der Völkergeschichte. Sie hat unser Volk aus
verzweifeltem Ringen zu aufatmendem Hoffen geführt, sie hat ihm das
Wunder der Selbstbehauptung gegen die Übermacht einer ganzen Welt zum
Greifen nahe gebracht, sie hat unser Volk schließlich aus der Gipfelnähe
des Sieges in den tiefsten Abgrund von Not und Schmach gestürzt.
Ich habe diese Tragödie geschrieben, wie ich sie erlebt habe. Mein
einziges Streben bei der Darstellung war, durch mein Zeugnis dem
deutschen Volke zu helfen, Klarheit über das ungeheure Geschehen zu
gewinnen, das wie ein furchtbares Naturereignis betäubend und
sinnverwirrend über das lebende Geschlecht niedergegangen ist. Was ich in
der Vorrede zum ersten Bande als meinen Leitsatz aufgestellt habe, ist
mein Leitsatz geblieben: der aufrichtige Wille zur Wahrheit. Zwar bin ich
mir darüber klar, daß der Einzelne, auch wenn er den Dingen noch so nahe
gestanden hat, heute nur ein Teilbild der gewaltigen Vorgänge zu geben
und nur eine subjektive Wahrheit zu erreichen vermag. Aber ich will
zufrieden sein, wenn es mir gelingen sollte, in dieser Begrenzung die
Erkenntnis der Ursachen und der inneren Zusammenhänge der großen
Völkertragödie zu fördern und damit der Gesundung unseres armen deutschen
Volkes zu dienen.
* * * * *
Der vorliegende Band war abgeschlossen und bereits gesetzt, als die in
der Sitzung der Nationalversammlung vom 25. Juli 1919 vorgebrachten
»Enthüllungen« über das angebliche englische Friedensangebot vom Herbst
1917 den Anlaß zu einer eingehenden Erörterung der Vorgänge jener Zeit
gaben. Es war nicht mehr möglich, meine sehr kurze Darstellung jener
Vorgänge auf den Seiten 170 bis 172 so zu erweitern, wie es auf Grund der
jetzt veröffentlichten Aktenstücke und stattgehabten Diskussionen
erwünscht gewesen wäre. Ich gebe deshalb eine ausführlichere Darstellung
jener Episode in einem diesem Bande beigefügten Nachtrag.
Dagegen hat das von der Reichsregierung der Nationalversammlung am 31.
Juli 1919 vorgelegte Weißbuch über die Vorgänge zwischen dem 14. August
1918 und dem Abschluß des Waffenstillstandes meine Darstellung in allen
wesentlichen Punkten bestätigt und mir keinen Anlaß zu nennenswerten
Änderungen oder Ergänzungen gegeben.
Berlin, im August 1919
=Karl Helfferich=
* * * * *
=Vom U-Bootkrieg bis zur Friedensresolution des Reichstags=
Der U-Bootkrieg und die Neutralen
Mit dem Scheitern der Friedensbemühungen und der Erklärung des
uneingeschränkten U-Bootkriegs ist der Völkerkrieg in ein neues Stadium
eingetreten. Der Anschluß der Vereinigten Staaten an unsere Feinde, der
für eine Anzahl überseeischer Neutraler ein Vorbild zu gleichem Tun war,
hat den Krieg eigentlich erst zum »Weltkrieg« gemacht.
Wilson beantwortete die Mitteilung über die Eröffnung des
uneingeschränkten U-Bootkriegs nicht sofort mit einer Kriegserklärung;
dazu wäre er nach der Verfassung der Vereinigten Staaten ohne Zustimmung
des Kongresses nicht berechtigt gewesen. Er antwortete zunächst nur mit
dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen. Am 3. Februar 1917 machte er
in einer Botschaft dem Kongreß von diesem Schritt Mitteilung. Er fügte
hinzu, daß er sich bis zum Beweis des Gegenteils weigere, zu glauben, daß
Deutschland seine Ankündigung, die mit seinen in der Note vom 4. Mai 1916
gegebenen feierlichen Versprechungen in Widerspruch stehe, tatsächlich
wahr machen werde; sollte er sich darin irren, so werde er »den Kongreß
um die Ermächtigung ersuchen, die Mittel anwenden zu können, die
notwendig sind, um unsere Seeleute und Bürger bei der Verfolgung ihrer
friedlichen und legitimen Unternehmungen auf dem offenen Meer zu
schützen«.
Am 26. Februar richtete Wilson an den Kongreß eine Botschaft, die sich
auf den Boden der »bewaffneten Neutralität« stellte und die Bestätigung
seiner Vollmachten zur Bewaffnung der amerikanischen Handelsschiffe und
zur Inanspruchnahme der erforderlichen Kredite nachsuchte. In einer
weiteren Botschaft vom 3. April 1917 erklärte er die »bewaffnete
Neutralität« für »mehr als unnütz«. Es entspreche der gewöhnlichen
Klugheit, die deutschen U-Boote zu zerstören, ehe sie die Absicht eines
Angriffs erkennen ließen; zudem leugne die deutsche Regierung das Recht
der Neutralen, in der Sperrzone überhaupt Waffen anzuwenden, um die
Rechte zu verteidigen, die kein moderner Jurist jemals bestritten habe.
Er schlug vor, der Kongreß möge beschließen, »den Kriegszustand
anzunehmen«, der Amerika von Deutschland auferlegt sei, und sofort alle
Maßnahmen zu ergreifen, nicht nur um das Land in vollen
Verteidigungszustand zu setzen, sondern auch um Deutschland die
Bedingungen zur Beendigung des Krieges aufzuerlegen.
Die Erklärung des Kriegszustandes mit Deutschland wurde am 4. April vom
Senat mit 82 gegen 6, am 5. April vom Repräsentantenhaus mit 374 gegen
80 Stimmen beschlossen. Mit ähnlich starken Mehrheiten wurde am 29. April
von beiden Häusern des Kongresses ein Gesetz angenommen, das die
allgemeine Wehrpflicht einführte. Gleichzeitig wurde ein Kriegskredit von
7 Milliarden Dollar bewilligt, aus dem sowohl die eigenen Kriegsausgaben
gedeckt, wie auch die Alliierten finanziell unterstützt werden sollten.
Niemand konnte mehr im Zweifel sein, daß die Vereinigten Staaten ihre
volle Kraft aufbieten würden, um der Koalition unserer Feinde zu helfen,
uns niederzuzwingen.
So erfüllten sich die Befürchtungen derjenigen, die von der Eröffnung des
uneingeschränkten U-Bootkriegs nicht nur den Abbruch der diplomatischen
Beziehungen, sondern auch den Krieg mit Amerika, nicht nur eine
Unterstützung der Entente mit Geld und Waffen, sondern auch das Einsetzen
der ganzen amerikanischen Volkskraft erwartet hatten.
Aber Herr Wilson ging noch weiter: er machte den Versuch, die ganze
bisher noch neutrale Welt gegen die Mittelmächte mobil zu machen.
Schon in seiner Botschaft vom 3. Februar 1917 hatte er verkündet, er
nähme als ausgemacht an, daß alle neutralen Regierungen denselben Weg
einschlagen würden wie die Vereinigten Staaten. Alsbald nach dem Abbruch
der Beziehungen wandte sich die amerikanische Regierung an die
Regierungen der neutralen Länder mit der Aufforderung, sich ihrem
Vorgehen anzuschließen. Die europäischen Neutralen beschränkten sich
jedoch darauf, unmittelbar bei der deutschen Regierung gegen den
uneingeschränkten U-Bootkrieg Einspruch zu erheben, ohne weitere
Konsequenzen zu ziehen. Am meisten gefährdet erschienen unsere
Beziehungen zu Spanien; es gelang jedoch durch einige nicht unerhebliche
Zugeständnisse, auch dieses Land so weit zu beschwichtigen, daß ein Bruch
vermieden wurde.
Die Aufforderung der Vereinigten Staaten zu einem gemeinsamen Vorgehen
wurde am schärfsten von der schwedischen Regierung zurückgewiesen. Sie
erinnerte die Regierung in Washington daran, daß sie, die schwedische
Regierung, mehrfach Vorschläge zu einem Zusammenarbeiten der Neutralen
zwecks Aufrechterhaltung des Völkerrechts gemacht habe (Vorschläge, die
in der Hauptsache gegen die völkerrechtswidrige Seekriegführung Englands
gerichtet waren). Mit Bedauern habe sie aber feststellen müssen, »daß die
Interessen der Vereinigten Staaten ihnen nicht gestatteten, sich diesen
Vorschlägen anzuschließen«. In dem Ziel der Abkürzung der Übel des
Krieges sei die schwedische Regierung mit der amerikanischen einig. Aber
das von der amerikanischen Regierung gewählte Verfahren stehe durchaus im
Gegensatz zu den Prinzipien, die bisher die Politik der schwedischen
Regierung geleitet hätten; diese wolle in der Zukunft wie in der
Vergangenheit den Weg der Unparteilichkeit und Neutralität gegenüber den
beiden kriegführenden Gruppen weiter verfolgen und ihn nur dann
verlassen, wenn die Lebensinteressen des Landes und die Würde der Nation
dazu zwängen.
Auch in der Folgezeit bewahrten die europäischen Neutralen trotz der
schwierigen Lage, in die sie durch den doppelten Druck des Handelskrieges
unserer Feinde und des deutschen U-Bootkriegs gerieten, ihre Neutralität.
Dagegen folgten eine Reihe überseeischer Länder dem Beispiel der
Vereinigten Staaten. Den Reigen eröffnete China, das sich schon im
Februar 1917 auf den amerikanischen Standpunkt stellte, Mitte März auch
formell die Beziehungen zu Deutschland abbrach und uns später (Anfang Mai
1917) den Krieg erklärte. China wurde durch den U-Bootkrieg unmittelbar
kaum berührt. Es folgte lediglich dem Druck der Vereinigten Staaten, in
denen es gegenüber den Gefahren, die seinem Bestande von Japan und
anderen Angehörigen der uns feindlichen Koalition drohten, den einzigen
Beschützer sah. Eine unmittelbare Unterstützung konnten unsere Feinde aus
dem Beitritt Chinas kaum ziehen. Aber die Kriegserklärung Chinas an
Deutschland eröffnete die namentlich von England heiß gewünschte
Möglichkeit, alles, was die Tüchtigkeit und Intelligenz deutscher
Kaufleute in Jahrzehnten auf chinesischem Boden an Handelsniederlassungen
und geschäftlichen Beziehungen aufgebaut hatten, in Grund und Boden zu
zerstören.
Ähnlich zu beurteilen ist auch das Abschwenken weiterer überseeischer
Neutraler in das Lager unserer Feinde. Bolivia hatte sich schon gleich
nach dem 3. Februar 1917 den Vereinigten Staaten angeschlossen. Cuba und
Panama traten Anfang April der Erklärung des Kriegszustandes durch die
Union bei. Kurz darauf, am 11. April, brach Brasilien aus Anlaß der
Versenkung eines brasilianischen Dampfers die Beziehungen zu uns ab. Es
folgten eine Reihe mittel- und südamerikanischer Republiken, so daß auf
dem amerikanischen Erdteil schließlich nur noch Mexiko, Argentinien,
Chile, Paraguay, Columbia, Venezuela und Salvador in der Neutralität
verharrten. Auch das Königreich Siam, in dessen Häfen Deutschland seit
langem bedeutende Handelsniederlassungen gegründet und entwickelt hatte,
fügte sich dem Druck der Entente und erklärte uns ohne jeden Anlaß Ende
Juli den Krieg.
In Europa vermochte Griechenland der von der Entente ausgeübten
Erpressung nicht zu widerstehen. Am 11. Juni 1917 sah sich König
Konstantin, der mit bewundernswerter Unerschrockenheit an der Neutralität
festgehalten hatte, zur Abdankung und zum Verlassen des Landes gezwungen.
Damit war Griechenlands Übergang in das Lager unserer Feinde besiegelt.
So stand schließlich gegen uns und unsere drei Verbündeten die ganze Welt
im Kampf, bis auf die drei skandinavischen Staaten, die Niederlande, die
Schweiz, Spanien, Persien, Mexiko und einige südamerikanische
Republiken.
Die russische Revolution
Während die überseeische Welt mehr und mehr in den Krieg mit uns
hineingezogen wurde, eröffnete der Ausbruch der Revolution in Rußland im
März 1917 die Aussicht auf eine Durchbrechung der feindlichen Koalition.
Erinnerungen an den Siebenjährigen Krieg wurden wach, in dem in der
Stunde der höchsten Gefahr dem großen König die Kunde kam von dem Tod
seiner unversöhnlichen Feindin, der Kaiserin Elisabeth, und von dem
Entschluß des neuen Zaren, den Krieg mit Preußen alsbald einzustellen.
Solche Hoffnungen sollten sich jedoch fürs nächste nicht erfüllen. Zwar
waren die sozialistischen Massen, deren Aufstand das alte Regime gestürzt
hatte, Gegner des Krieges. Aber die Regierung des Fürsten Lwoff, die sich
auf den Trümmern der zaristischen Autokratie bildete, war eher eine
Regierung der imperialistischen Liberalen als eine Regierung der den
Frieden begehrenden Massen. Vor allem der neue Minister des Auswärtigen,
Herr Miljukow, versicherte gegenüber den Ententebotschaftern und in
öffentlichen Reden, daß Rußland den Krieg bis zum Endsieg über
Deutschland fortsetzen werde. Am 22. März 1917 erklärte er vor den
Vertretern der russischen Presse: »Für uns ist ein entscheidender Sieg
unerläßlich; die Liquidierung des Deutschen Reichs, ohne die eine
Festigung der Ideen, für die wir kämpfen, unmöglich ist, ist heute
notwendiger und wichtiger denn je.«
Die Entente suchte die Kriegsstimmung des revolutionären Rußland mit
allen Mitteln zu steigern. Der Präsident Wilson sprach in seiner
Kongreßbotschaft vom 2. April 1917 von den »wunderbaren und ermutigenden
Ereignissen in Rußland«, durch die ein neuer würdiger Teilnehmer an dem
»Ehrenbund« der Nationen entstanden sei. Jetzt, nachdem die
Zarenherrschaft gestürzt war, die weder das demokratische England noch
das republikanische Frankreich von dem Bündnis mit Rußland abgehalten
hatte, ertönte in den Reihen unserer Feinde noch lauter als zuvor das
heuchlerische Feldgeschrei »Demokratie gegen Autokratie«; den Russen
wurde eingeredet, daß ein Sieg Deutschlands den Verlust ihrer neuen
republikanischen Freiheit bedeute. Der Reichskanzler bezeichnete in
seiner Reichstagsrede vom 29. März 1917 diese Ausstreuungen als »eitel
Lüge und Verleumdung« und betonte, daß wir nicht beabsichtigten, uns in
die inneren Angelegenheiten Rußlands einzumengen. Er fügte hinzu, daß wir
nichts anderes begehrten, als möglichst bald wieder mit dem russischen
Volk in Frieden zu leben, »in einem Frieden, der auf einer für alle Teile
ehrenvollen Grundlage aufgebaut ist«.
Einen Augenblick lang schien es, als ob die Friedenssehnsucht in Rußland
die Oberhand gewinnen sollte. Unter dem Druck der in den Arbeiter- und
Soldatenräten organisierten Massen beschloß die russische Regierung am
10. April eine Erklärung, in der es hieß:
»Die Verteidigung unseres eigentlichen nationalen Vaterlandes bildet die
hauptsächlichste Aufgabe unseres Krieges. Die provisorische Regierung
überläßt es dem Willen des Volkes, in enger Gemeinsamkeit mit unseren
Verbündeten alle den Weltkrieg und seine Beendigung betreffenden Fragen
endgültig zu entscheiden, hält es aber für ihr Recht und ihre Pflicht,
schon jetzt zu erklären, daß das freie Rußland nicht das Ziel hat, andere
Völker zu beherrschen, ihnen ihr nationales Erbe wegzunehmen und
gewaltsam fremdes Gebiet zu besetzen, daß es vielmehr einen dauerhaften
Frieden auf Grund des Rechtes der Völker, ihr Schicksal selbst zu
bestimmen, herbeiführen will. Das russische Volk erstrebt nicht die
Steigerung seiner Macht auf Kosten anderer Völker, es hat nicht das Ziel,
irgendein Volk zu unterjochen oder zu erniedrigen.«
Aber obwohl die deutsche und die österreichisch-ungarische Regierung in
offiziösen Erklärungen alsbald von dieser Kundgebung Akt nahmen und deren
Übereinstimmung mit ihren eigenen Absichten feststellten, kam die Sache
des Friedens nicht vom Fleck. Auch daß die deutschen Sozialdemokraten
eine Resolution des russischen Kongresses der Arbeiter- und Soldatenräte,
die am 14. April zugunsten eines allgemeinen Friedens ohne Annexionen und
Entschädigungen gefaßt wurde, am 20. April mit einer Entschließung
beantworteten, die sich für das gleiche Ziel aussprach, blieb ohne
Wirkung; desgleichen die vom Reichskanzler am 15. Mai im Reichstag
abgegebene Erklärung:
»Wenn Rußland weiteres Blutvergießen von seinen Söhnen fernhalten will,
wenn es alle gewaltsamen Eroberungspläne für sich aufgibt, wenn es ein
dauerndes Verhältnis friedlichen Nebeneinanderlebens zu uns herstellen
will -- ja dann ist es doch eine Selbstverständlichkeit, daß wir, die wir
diesen Wunsch teilen, das dauernde Verhältnis der Zukunft nicht
zerstören, seine Entwicklung nicht durch Forderungen unmöglich machen
werden, die sich mit der Freiheit und dem Willen der Völker selbst nicht
vertragen und die in das russische Volk selbst nur den Keim zu neuer
Feindschaft legen würden.«
Zwar erzwang der Arbeiter- und Soldatenrat Mitte Mai eine Umbildung des
Kabinetts, bei der Miljukow ausschied und Kerenski das Kriegs- und
Marineministerium übernahm. Zwar stellte sich die neue Regierung
grundsätzlich auf den Boden eines Friedens ohne Annexionen und
Entschädigungen und des Selbstbestimmungsrechts der Völker. Aber in
derselben Kundgebung, die diese Grundsätze proklamierte, lehnte das neue
russische Kabinett »jeden Gedanken an einen Sonderfrieden« ab und sprach
die Erwartung aus, daß »das revolutionäre Heer Rußlands nicht die
Vernichtung seiner westlichen Alliierten durch die deutschen Truppen
gestatten wird, damit sich diese dann mit ganzer Macht auf Rußland
werfen«.
Daß die neue russische Regierung gleichzeitig Schritte in Aussicht
stellte, um ihre Verbündeten für einen Frieden ohne Annexionen und
Entschädigungen und des Selbstbestimmungsrechts der Völker zu gewinnen,
konnte die Tatsache nicht aus der Welt schaffen, daß auch nach diesem
Umschwung an einen Sonderfrieden mit Rußland, und damit an Frieden
überhaupt, noch nicht zu denken war.
Eine in der ersten Maihälfte aus den Kreisen des russischen Arbeiter- und
Soldatenrates angeregte vertrauliche Aussprache mit deutschen Vertretern
an der Dünafront verlief unter diesen Umständen ergebnislos. Ja es gelang
dem Druck der Ententemächte, das neue russische Kabinett zu veranlassen,
gegen Ende Juni 1917 die russischen Heere zu einer neuen großen Offensive
gegen Deutschland vorzuschicken. Die Offensive war von Kerenski, der als
Vertreter der revolutionären Massen in das Kabinett eingetreten war,
vorbereitet und befohlen worden. Wenige Wochen nach ihrem Beginn ersetzte
Kerenski den Fürsten Lwoff als Ministerpräsident. Die Auflehnung der
Anhänger Lenins, der Bolschewisten, gegen die Kriegspolitik wurde blutig
unterdrückt, Lenin selbst mußte sich längere Zeit hindurch verborgen
halten.
So war es um die Mitte des Jahres 1917 offenkundig, daß der Friede mit
Rußland, den man von der Revolution erhofft hatte, nur durch einen neuen
Schlag gegen die russische Armee gebracht werden konnte.
Der Fortgang der militärischen Operationen
Im Westen hatten sich unterdessen neue gewaltige Kämpfe abgespielt.
Hindenburg war dem erwarteten großen Offensivstoß der Feinde ausgewichen,
indem er unsere zwischen Arras und der Aisne in weitem Bogen
vorspringende Front auf eine fast gerade Linie zurückgenommen hatte, die
von der Gegend östlich Arras über St. Quentin nach den Höhen nördlich von
Vailly führte. Die Zurücknahme unserer Truppen auf diese neue, stark
befestigte Linie war Mitte März unbemerkt vom Gegner durchgeführt worden.
Durch planmäßige Zerstörung aller Verkehrswege und Stützpunkte in dem
geräumten Gebiet war für den Feind die Annäherung gegen die neue Front
außerordentlich erschwert worden. Dafür unternahmen Engländer und
Franzosen im April eine mit stärkstem Einsatz geführte Flügeloffensive.
Die Engländer stießen vom 9. April an bei Arras vor, während die
Franzosen etwa eine Woche später an der Aisne und in der Champagne nach
sechstägiger stärkster Artillerievorbereitung zum Angriff auf breiter
Front vorgingen. Die Offensiven hatten das Schicksal aller früheren: sie
kamen über bescheidene Anfangserfolge nicht hinaus, unsere Truppen
vermochten in heldenhafter Gegenwehr den Durchbruch zu verhindern.
Anfang Juni holten die Engländer zu einem neuen wuchtigen Stoße aus,
dieses Mal in Flandern. Ihr Ziel war, die Höhenkette um Ypern zu nehmen,
die flandrische Ebene zu gewinnen und damit unsere Stellung an der
flandrischen Küste, die als Basis für den U-Bootkrieg von der größten
Wichtigkeit war, unhaltbar zu machen. Auch hier errangen die Engländer,
vor allem durch gewaltige unterirdische Sprengungen im Wytschaetebogen,
Anfangserfolge, die jedoch bald an dem eisernen Widerstand unserer
Truppen ins Stocken kamen. Mit ungeheurer Zähigkeit setzten die Engländer
hier ihre Angriffe fort bis in den November hinein.
Gleichzeitig mit diesen schweren Kämpfen an der Westfront holten die
Gegner auf allen übrigen Kriegsschauplätzen zu neuen Vorstößen aus. Die
Italiener faßten ihre Kräfte zu neuen gewaltigen Angriffen am Isonzo
zusammen, die abermals an den österreichischen Stellungen sich brachen.
In Mazedonien versuchten die Verbündeten die bulgarisch-deutschen Linien
zu sprengen, um doch noch unsere Verbindung mit der Türkei zu
durchschneiden und den Rumänen, die sich in der Moldau noch tapfer
wehrten, Entlastung und Hilfe zu bringen. Über die Halbinsel Sinai hinaus
stießen die Engländer gegen Palästina vor, wurden jedoch im März und
April in Gefechten bei Gaza von den Türken zurückgewiesen. Dagegen gelang
ihnen die Erneuerung des im Jahre 1916 bei Kut-el-Amara so kläglich
gescheiterten mesopotamischen Feldzuges. Nach gründlicher Vorbereitung
nahmen sie mit Beginn des Winters 1916/17 den Vormarsch nach Norden
wieder auf, schlugen die an dem Mangel rückwärtiger Verbindungen
leidenden Türken in einer Anzahl von Gefechten, besetzten am 11. März
1917 Bagdad und drangen in den folgenden Wochen und Monaten weiter nach
Norden hin vor.
Dazu kam nun Ende Juni die neue Kerenskische Offensive, die sich in der
Hauptsache gegen die österreichischen Stellungen in Ostgalizien und
Wolhynien richtete. Mit Menschenopfern, die kaum hinter denjenigen der
Brussilow-Offensive vom Juni 1916 zurückblieben, gelang es den Russen,
nicht unerhebliche Anfangsvorteile zu erzielen, bis in der
zweiten Julihälfte ein wuchtiger Gegenstoß der deutschen und
österreichisch-ungarischen Truppen einsetzte.
Der U-Bootkrieg im ersten Halbjahr 1917
Diese höchste Steigerung des Ringens der Landheere wurde begleitet durch
den Vernichtungskampf unserer U-Boote gegen die feindlichen
Handelsflotten.
Die Aussichten des U-Bootkrieges waren in wichtigen Punkten erheblich
günstigere als in irgendeinem früheren Zeitpunkt.
Am 1. Januar 1917 betrug die Anzahl der U-Boote (Torpedo- und
Minen-U-Boote) 148 gegen nur 62 ein Jahr zuvor. Die neu hinzugekommenen
Boote zeichneten sich vor dem alten Bestande aus einmal durch eine
stärkere Bewaffnung mit Torpedos und Artillerie, dann durch einen
erheblich größeren Aktionsradius. Die Leistungsfähigkeit unserer
Tauchbootflotte war also im Laufe des letztverflossenen Jahres in noch
weit stärkerem Maße als im Verhältnis von 62 zu 148 gestiegen. Für das
erste Halbjahr 1917 wurde die Fertigstellung von weiteren 50 U-Booten
erwartet.
Die guten Ergebnisse des seit dem Monat Oktober wieder aufgenommenen
Kreuzerkriegs der U-Boote in den britischen Gewässern waren ein Beweis
der erheblich gesteigerten Leistungsfähigkeit unserer Tauchboote. Die
monatlichen Versenkungen hatten seit dem November 1916 den Satz von
400000 Bruttotonnen überschritten. Das Ergebnis des U-Boot-Kreuzerkriegs
war damit ein wesentlich besseres, als es jemals zuvor in den schärferen
Formen des U-Bootkriegs erreicht worden war. Der »verschärfte
U-Bootkrieg« hatte eine monatliche Höchstleistung von nur 225000
Bruttotonnen im April 1916 zu verzeichnen gehabt.
Die im Dienst unserer Feinde fahrende Handelsflotte hatte im bisherigen
Verlauf des Krieges und namentlich in den letzten vier Monaten vor dem
Beginn des uneingeschränkten U-Bootkrieges eine immerhin merkbare
Schwächung erfahren. Nach den Angaben unseres Admiralstabs waren vom
Kriegsausbruch bis Ende Januar 1917 insgesamt etwa 5 Millionen
Bruttotonnen versenkt worden, davon 1660000 Tonnen in den letzten vier
Monaten. Der Bedarf an Handelstonnage für die Zwecke der Kriegführung war
unausgesetzt stark. Die Neubauten blieben weit hinter denjenigen des
Friedens zurück. Während England im letzten Friedensjahr rund 2 Millionen
Bruttotonnen Schiffsraum vom Stapel hatte laufen lassen, erreichten seine
Neubauten im Jahre 1916 nur etwa 580000 Tonnen. Der sich aus allen diesen
Umständen ergebende starke Druck auf den britischen Seeverkehr kam in
einem ansehnlichen Rückgang der in den Häfen Großbritanniens und Irlands
ein- und auslaufenden Schiffe zum Ausdruck. Im letzten Friedensjahr hatte
der Ein- und Ausgang beladener Schiffe in den britischen Häfen 117
Millionen Tonnen (netto) betragen, im Jahre 1916 stellte er sich nur noch
auf 66 Millionen Tonnen. Der Eingang war allein von 49 auf 30 Millionen
Tonnen gesunken. Insbesondere die letzten Monate zeigten einen scharfen
Rückgang, von 2787000 Tonnen im August auf 2214000 Tonnen im Dezember
1916 und 2221000 Tonnen im Januar 1917. Der Monatsdurchschnitt des
letzten Friedensjahres hatte 4090000 Tonnen betragen. Der Eingang
beladener Schiffe in den britischen Häfen war also gegenüber der
Friedenszeit um 45 vom Hundert abgedrosselt. Von dem uneingeschränkten
U-Bootkrieg durfte man eine weitere scharfe Einschränkung erwarten.
Dabei war, soweit es sich aus amtlichen Statistiken, Berichten von
Sachverständigen, der britischen Fachpresse und anderen Quellen
entnehmen ließ, die Versorgung der britischen Inseln mit Nahrungsmitteln,
insbesondere mit Brotgetreide, knapper als in irgendeinem der früheren
Kriegsjahre. Um die Mitte des Januar stellten sich nach dem ersten
englischen Fachblatte, dem »Grain Seed and Oil Reporter«, die sichtbaren
Bestände Englands an Weizen und Mehl auf 5258000 Quarters gegen 6336000
und 5882000 Quarters in den beiden Vorjahren. Infolge der schlechten
Welternte, über die ich bereits früher gesprochen habe, waren die
Zufuhren andauernd ungenügend. In den sechs Wochen von Anfang Dezember
bis Mitte Januar hatten die Einfuhren von Weizen nur 2,1 Millionen
Quarters erreicht, gegen 3,4 und 3,3 Millionen Quarters in den beiden
Vorjahren. Wenn diese an sich schon knappen Zufuhren durch den
uneingeschränkten U-Bootkrieg noch weiter eingeschränkt werden konnten,
dann trat der Hungerkrieg gegen England aus dem Bereich der Phantasie
heraus und wurde eine praktische Möglichkeit.
Trotz dieser erheblich gebesserten Aussichten hatte ich die Eröffnung des
uneingeschränkten U-Bootkriegs am 1. Februar 1917 bis zum letzten
Augenblick mit allem Nachdruck bekämpft. Ich hatte es für notwendig
gehalten, die volle Wirkung der Friedensaktion abzuwarten und nicht durch
Überstürzung eine noch so schwache Möglichkeit, doch noch zum Frieden zu
kommen, zu zerstören. Ich war ferner der Überzeugung, daß nichts
versäumt werden dürfe, um Amerika draußen zu halten, und ich konnte
schließlich die Befürchtung nicht überwinden, daß die allzurasch auf
unseren Friedensschritt und die Friedensanregung Wilsons folgende
Eröffnung des uneingeschränkten U-Bootkriegs den falschen, aber in seiner
Wirkung auf die Neutralen für uns überaus nachteiligen Eindruck erwecken
werde, als seien unsere Friedensbemühungen nicht ernst gemeint, sondern
nur eine Maskierung unserer U-Bootkriegs-Absichten gewesen.
Nachdem nun einmal die Entscheidung gefallen war und es kein Zurück mehr
gab, stand unser Schicksal auf der Hoffnung, daß unter den
verhältnismäßig günstigen Vorbedingungen die Wirkungen des U-Bootkriegs
England innerhalb einer kürzeren Zeit friedensbereit machen würden, als
sie Amerika brauchte, um das volle Gewicht seiner gewaltigen Hilfskräfte
gegen uns in die Wagschale zu werfen. Ich konnte und wollte diese
Hoffnung, die in den geschilderten Verhältnissen unserer eignen
Tauchbootflotte, der Entwicklung des britischen Schiffsverkehrs und der
Welternte eine starke Begründung hatte, nicht von mir weisen. In den
Verhandlungen des Hauptausschusses des Reichstags vom 31. Januar und 1.
Februar 1917 habe ich dieser Hoffnung Ausdruck gegeben und sie mit dem
vorliegenden Tatsachenmaterial, das im wesentlichen oben wiedergegeben
worden ist, begründet. Einen Termin für die Niederkämpfung Englands habe
ich nicht genannt und hätte ich nach meiner Beurteilung der Sachlage
auch nicht nennen können. Vorwürfe, die später von nicht uninteressierter
Seite in diesem Punkte gegen mich erhoben worden sind, haben in meinen,
in dem Stenogramm des Hauptausschusses festliegenden Ausführungen keine
Begründung. Ich habe im Gegenteil dem Ausdruck meiner Hoffnung, daß es
uns gelingen werde, England friedensbereit zu machen, bevor Amerika in
der Lage sei, effektiv in den Krieg gegen uns einzutreten, im bewußten
Gegensatz zu den von anderer Seite in Aussicht gestellten bestimmten
Fristen den Zusatz hinzugefügt: »Eine Garantie kann natürlich niemand
übernehmen.«
Die Hoffnung wurde bestärkt durch die guten Anfänge des U-Bootkriegs.
Zunächst übertrafen die Leistungen der U-Boote die Schätzungen. Statt der
angenommenen 600000 Tonnen, die ja schon nach den Leistungen des
U-Bootkreuzerkriegs als zu gering erscheinen mußten, erreichte nach den
Angaben unseres Admiralstabs die Versenkung im Monat April 1091000 Tonnen
und im Monat Juni 1016000 Tonnen. Das Gesamtergebnis der ersten sechs
Monate des uneingeschränkten U-Bootkriegs war -- immer nach den Angaben
unseres Admiralstabs -- 5-1/2 Millionen Tonnen. Auch die Abschreckung der
neutralen Schiffahrt vom Verkehr mit England, auf die der Admiralstab so
stark gerechnet hatte, schien Tatsache zu werden. Die Schiffsbewegung im
»Neuen Wasserweg« (Rotterdam), die in der ersten Januarwoche 1917 noch
einen Eingang von 79000 Nettotonnen aufgewiesen hatte, ging auf 6000
Tonnen in der dritten Märzwoche zurück. Die Entwicklung des britischen
Schiffsverkehrs ließ sich leider nicht mehr unmittelbar verfolgen, da vom
Februar 1917 die Veröffentlichung der Schiffsstatistik eingestellt wurde.
Aber die starken Versenkungen, verbunden mit dem Fernbleiben eines großen
Teils der neutralen Handelsschiffe, konnten nicht ohne Wirkung bleiben.
Auch die Ziffern der britischen Einfuhr wurden vom Februar an nicht mehr
in der alten Vollständigkeit veröffentlicht. Vor allem wurden für die
Nahrungsmitteleinfuhr die Mengenangaben geheimgehalten. Aber die Daten,
die noch publiziert wurden, zeigten eine sehr erhebliche Einschränkung
fast auf der ganzen Linie. Die Einfuhr des Monats Februar 1917 betrug dem
Werte nach nur noch 70 Millionen £ gegen 90 Millionen im Januar. Die
Einfuhrmenge des Februar 1917 wies gegenüber derjenigen des Februar 1916
einen Rückgang auf: bei Wolle um 17%, bei Baumwolle um 27%, bei Eisen und
Stahl um 59%, bei Holz um 42%, bei Rindfleisch um 17%, bei Butter und
Schmalz um 21%, bei Eiern um 39%. Im März 1917 stellte sich der Rückgang
der Einfuhrmenge: bei Wolle auf 33%, bei Baumwolle auf 53%, bei Eisen und
Stahl auf 62%, bei Holz auf 64%. Über Fleisch, Butter und Eier wurden vom
März ab Mengenzahlen nicht mehr bekanntgegeben.
Die schwierige Lage der britischen Getreideversorgung ergab sich aus den
knappen Beständen in dem Hauptbezugslande, den Vereinigten Staaten. Das
Ackerbaudepartement schätzte am 1. März 1917 die noch in den Händen der
Farmer befindlichen Bestände an Weizen auf nur 101 Millionen Bushels (=
ca. 2-1/2 Millionen Tonnen) gegen 241 Millionen Bushels um die gleiche
Zeit des Vorjahres. Die Ernteaussichten auch für das Jahr 1917 waren
schlecht.
Alle diese Ziffern erhielten ihren Hintergrund durch Äußerungen der
britischen Staatsmänner und der britischen Zeitungen sowie durch
Informationen der verschiedensten Art über den Stand der Dinge in
England. Lloyd George hatte zu Anfang des Krieges als Schatzkanzler das
geflügelte Wort von den »silbernen Kugeln« gesprochen, mit denen England
siegen werde; er hatte dann als Munitionsminister alle Hoffnungen auf die
Massenherstellung von Kriegsmaterial und Munition gesetzt; als er jetzt
am 12. April 1917 eine Begrüßungsansprache an den neuen amerikanischen
Bundesgenossen hielt, da lautete sein Hilferuf: »Schiffe, Schiffe und
noch einmal Schiffe!« Schon im Februar 1917 hatte Lloyd George im
Unterhaus bekannt, die britischen Getreidebestände seien »geringer als
jemals seit Menschengedenken«. Im April erklärte der Unterstaatssekretär
des britischen Kriegsernährungsamts, Captain Bathurst, der Verbrauch an
Brotstoffen gehe um 50 vom Hundert über die noch vorhandenen und die
noch zu erwartenden Vorräte hinaus; er stellte außerdem in Aussicht, daß
die Kartoffelvorräte in vier Wochen aufgebraucht sein würden.