Bilder; niemand kennt sie oder kümmert sich um sie, denn die Personen,
welche sie vorstellen, sind sämtlich längst begraben; aber in jungen
Tagen habe ich diese gekannt, und nun ist auch sie gestorben und weilt
schon seit einem halben Jahrhundert nicht mehr auf Erden.“
„Meine Eltern sagten, du seiest ganz allein,“ begann der kleine Knabe
wieder.
„O,“ sagte der Greis, „die alten Gedanken und alles, was sie in meiner
Seele wachrufen, kommen und besuchen mich, und nun kommst du ja auch!
-- Mir geht es ganz gut!“
Darauf nahm er vom Bücherbrett ein Bilderbuch. Was war darin alles zu
sehen! Lange Prozessionen, die seltsamsten Kutschen, wie sie heutigen
Tages längst von unsern Straßen verschwunden sind, und sonst noch die
wunderbarsten Dinge. O, was war das für ein Bilderbuch!
Der alte Mann ging in das Nebenzimmer, um Eingemachtes, Äpfel und Nüsse
zu holen; -- für einen kleinen Knaben war es da oben in dem alten Hause
gar nicht so übel.
„Ich kann es nicht aushalten!“ begann plötzlich der Zinnsoldat, welcher
auf der Kommode stand, zu sprechen; „hier ist es so einsam und traurig;
nein, wenn man an ein Familienleben gewöhnt ist, kann man sich an die
unheimliche Stille in diesem Hause hier gar nicht gewöhnen! -- Ich kann
es nicht aushalten!“
„Du brauchst doch nicht zu klagen!“ sagte der kleine Knabe, „mir kommt
es hier sehr hübsch vor, zumal da alle die alten Gedanken und alles, was
sie in des alten Mannes Seele wachrufen, zu Besuch kommen!“ -- „Die sehe
und kenne ich aber nicht!“ sagte der Zinnsoldat, „ich kann es nicht
aushalten!“ -- „Du mußt!“ erwiderte der kleine Knabe.
Der alte Mann erschien jetzt wieder mit dem heitersten Gesicht, dem
herrlichsten Eingemachten, mit Äpfeln und Nüssen, und darum dachte der
kleine Knabe nicht länger an den Zinnsoldaten.
Glücklich und vergnügt kam der Kleine wieder nach Hause. Tage und Wochen
verstrichen seitdem und nach dem alten Hause und von dem alten Hause
nickte man sich gegenseitig freundlich zu; und dann kam der kleine Knabe
wieder hinüber.
Die ausgeschnitzten Trompeter bliesen: „Tratteratra! der kleine Knabe
ist da!“ und auch sonst war es genau so wie beim ersten male, denn da
drüben verstrich ein Tag wie der andere.
„Ich kann es nicht aushalten!“ sagte da wieder der Zinnsoldat, „ich habe
Zinn geweint! Hier ist es zu trübselig! Jetzt weiß ich, was es heißt,
Besuch von seinen alten Gedanken zu erhalten. Ich habe den Besuch der
meinigen gehabt und sah euch alle so deutlich vor mir. Ihr Kinder
standet alle mit gefalteten Händen vor dem Tische und sanget euern
Morgen-Choral. Vater und Mutter waren in gleich feierlicher Stimmung,
als plötzlich die Thüre aufging und die kleine Schwester Marie, welche
immer tanzt, sobald sie nur Musik hört, hereinkam. So stand sie denn
erst auf dem einen Beinchen und neigte den Kopf ganz vornüber, und dann
auf dem andern und neigte den Kopf wieder ganz vornüber. Ihr standet
sämtlich sehr ernsthaft da, obgleich das euch sauer genug wurde, ich
aber mußte innerlich so lachen, daß ich vom Tische fiel und mir eine
Beule schlug, mit der ich noch einhergehe, denn es war nicht recht von
mir, zu lachen. Erzähle mir, ob ihr des Sonntags noch singt? Erzähle mir
etwas von der kleinen Marie! Und wie befindet sich mein Kamerad, der
andere Zinnsoldat? Ja, der ist fürwahr glücklich! -- Ich kann es nicht
aushalten!“
„Du bist verschenkt!“ war die Antwort; „du mußt bleiben. Kannst du das
nicht begreifen?“
Der alte Mann kam mit einem Kasten, worin viel zu sehen war, Häuschen
aus Kreide gearbeitet und Balsambüchsen und alte Karten, so groß und so
vergoldet, wie man sie heutigen Tages nie mehr erblickt. Der Inhalt
großer Kästen wurde besichtigt, und auch das Klavier geöffnet; heiser
klangen die Töne, die der alte Mann hervorlockte; dann summte er leise
ein Lied vor sich hin.
„Ja, das konnte sie singen!“ sagte er, und dabei nickte er ihrem
Portrait zu, welches er bei dem Trödler gekauft hatte und hellauf
leuchteten dabei die Augen des alten Mannes.
„Ich will in den Krieg! Ich will in den Krieg!“ rief der Zinnsoldat,
so laut er konnte, und stürzte sich gerade auf den Fußboden hinab.
Ja, wo war er geblieben? Der alte Mann suchte, der kleine Knabe suchte,
fort war er und fort blieb er. Der Zinnsoldat war durch eine Ritze
gefallen und lag nun im offenen Grabe.
Der Tag verging und der kleine Knabe kam nach Hause, und Wochen auf
Wochen verstrichen. Die Fenster waren fest zugefroren. Der kleine Knabe
mußte lange dasitzen und auf die Scheiben hauchen, um ein Guckloch nach
dem alten Hause hinüber zu erhalten. Dort war der Schnee in alle
Schnörkel eingedrungen; die ganze Treppe war verschneit, als ob niemand
dort zu Hause wäre. Es war dort auch niemand zu Hause -- der alte Mann
war tot.
Am Abend hielt ein Wagen vor der Thür und auf demselben wurde er in
seinem engen Sarge nach dem Lande hinaus gefahren, um dort in seinem
Erbbegräbnisse zu ruhen. Da fuhr er nun, aber niemand folgte, alle seine
Freunde waren ja tot. Nur der kleine Knabe warf dem Sarge beim
Vorüberfahren einen Kußfinger nach.
Einige Tage darauf fand in dem alten Hause Auktion statt. Der kleine
Knabe sah von seinem Fenster aus, wie man alles forttrug: die alten
Ritter und die alten Damen, die Blumentöpfe mit langen Ohren, die alten
Stühle und die alten Spinden, alles zerstreute sich, einiges kam in
diese, anderes in jene Hände. Ihr Portrait, welches er beim Trödler
aufgefunden hatte, wanderte wieder zum Trödler und da blieb es für immer
hängen, denn niemand kannte die Frau mehr und niemand bekümmerte sich um
das alte Bild.
Im Frühling riß man das alte Haus selbst nieder, denn es war nur noch
ein altes Gemäuer, sagten die Leute. Man konnte von der Straße aus
gerade in das Zimmer mit der schweinsledernen Bekleidung hineinsehen,
welche fetzenweise abgerissen wurde; verwildert hing der Epheu an dem
alten Altan um die stürzenden Balken. So wurde dort alles gründlich dem
Boden gleich gemacht! -- „Das half!“ sagten die Nachbarhäuser. --
Auf dem nämlichen Platze wurde ein schönes Haus mit großen Fenstern und
weißen glatten Mauern aufgeführt, aber vorn, wo eigentlich das alte Haus
gestanden hatte, wurde ein kleiner Garten angelegt und gegen die
Nachbarmauern rankten wilde Weinreben empor. Auf den Ranken schaukelten
sich die Sperlinge und plauderten in ihrer Sprachweise miteinander; aber
nicht von dem alten Hause, dessen sie sich nicht mehr erinnerten. --
Viele Jahre vergingen; aus dem Knaben war ein tüchtiger Mann geworden.
Er bewohnte mit seiner jungen Frau das neue, schöne Haus, vor dem sich
der Garten befand. Einst stand er neben ihr, während sie eine Blume
pflanzte und die Erde mit ihren feinen Fingern festdrückte. „Au!“ Was
war das? Sie hatte sich gestochen. Eine Spitze guckte aus der weichen
Erde hervor.
Das war -- ja denkt euch nur! -- das war der Zinnsoldat, derselbe, der
dort oben bei dem alten Manne abhanden gekommen und allmählich durch
Gebälk und Schutt hindurchgeglitten war und endlich viele Jahre in der
Erde gelegen hatte.
Die junge Frau wischte den Soldaten zuerst mit einem grünen Blatte und
dann mit ihrem feinen Taschentuche ab; es kam dem Zinnsoldaten vor, als
erwachte er aus tiefer Ohnmacht.
„Laß mich ihn sehen!“ sagte der junge Mann, lachte und schüttelte den
Kopf. „Derselbe kann es wohl schwerlich sein, aber er erinnert mich an
eine Geschichte, die ich mit einem Zinnsoldaten erlebte, als ich noch
ein kleiner Knabe war!“ Dann erzählte er seiner Frau von dem alten Hause
und dem alten Manne und von dem Zinnsoldaten, den er ihm hinübergesandt,
weil er so erschrecklich einsam war. Er erzählte dies so anschaulich,
als ob es sich erst jetzt vor ihren Augen zutrüge, so daß der jungen
Frau über das alte Haus und dem alten Mann die Thränen in die Augen
traten.
„Es ist gleichwohl möglich, daß es der nämliche Zinnsoldat ist!“
erwiderte sie. „Ich will ihn aufbewahren und alles im Gedächtnis
behalten, was du mir erzählt hast. Aber das Grab des alten Mannes mußt
du mir zeigen!“
„Ja, das kenne ich nicht,“ sagte er, „und niemand kennt es! Alle seine
Freunde waren tot, niemand pflegte ihn, und ich war ja damals ein
kleiner Knabe.“
„Wie entsetzlich einsam muß er doch gewesen sein!“ rief sie aus.
„Entsetzlich einsam!“ sagte der Zinnsoldat, „aber herrlich ist es, nicht
vergessen zu werden!“
„Herrlich!“ rief etwas dicht neben ihnen, aber außer dem Zinnsoldaten
sah niemand, daß es ein Fetzen der schweinsledernen Wandbekleidung war.
Alle Vergoldung hatte er verloren, er sah wie nasse Erde aus, aber seine
Ansicht hatte er sich doch bewahrt und er sprach sie aus:
„Vergoldung vergeht,
aber Schweinsleder besteht!“
Doch das glaubte der Zinnsoldat nicht.
Der Buchweizen.
[Abbildung/Illustration: pic107.jpg]
Wenn man nach einem Gewitter an einem Buchweizenfelde vorübergeht, nimmt
man oft wahr, daß es schwarz und wie versengt aussieht. Es ist gerade,
als ob eine Feuerflamme über dasselbe hinweggegangen wäre und der
Landmann sagt dann: „Das hat der Buchweizen vom Blitzstrahl bekommen!“
Aber weshalb hat er das bekommen? -- Ich will erzählen, was mir der
Sperling gesagt hat, und der Sperling hat es von einer alten Weide, die
neben einem Buchweizenfelde stand und noch daselbst steht. Es ist eine
gar ehrwürdige, hohe Weide; sie neigt sich vorn über und die Zweige
hängen auf die Erde hinunter, wie wenn sie grünes, langes Haar
vorstellten.
Auf allen Feldern ringsumher wuchs Korn, Roggen, Gerste und Hafer.
O, der köstliche Hafer! Wenn er reif ist, nimmt er sich wie eine ganze
Menge kleiner, gelber Kanarienvögel auf einem Zweige aus. Das Korn
versprach einen reichen Erntesegen, und je schwerer es war, desto tiefer
neigte es sich in frommer Demut.
Aber da war auch ein Buchweizenfeld und dies lag der alten Weide gerade
gegenüber. Dem Buchweizen fiel es nicht ein, sich wie das andere Korn zu
neigen; er trug den Kopf hoch und stand stolz und steif da.
„Ich bin wohl ebenso reich, wie die Ähre,“ sagte er, „und bin überdies
weit hübscher. Kennst du jemand, der sich prächtiger ausnimmt als ich
und die Meinigen, du alte Weide?“
Und die Weide nickte mit dem Kopfe, als wollte sie sagen: „Freilich
kenne ich welche!“
Plötzlich zog sich ein entsetzliches Unwetter zusammen. Alle Feldblumen
falteten ihre Blätter oder neigten ihre feinen Köpfe hernieder, während
der Sturm über sie dahinfuhr. Nur der Buchweizen brüstete sich in seinem
Stolze.
„Neige dein Haupt wie wir!“ sagten die Blumen.
„Das habe ich gar nicht nötig!“ versetzte der Buchweizen.
„Neige dein Haupt wie wir!“ rief das Korn. „Jetzt kommt der Sturmengel
geflogen! Er hat Flügel, die von den Wolken bis zur Erde
herunterreichen. Er zerschlägt dich, ehe du ihn um Gnade anflehen
kannst!“
„Ich will mich aber nicht neigen!“ sagte der Buchweizen.
„Schließe deine Blüten und neige deine Blätter!“ ermahnte auch die alte
Weide. „Sieh nicht in den Blitz, wenn die Wolke bricht! Selbst die
Menschen dürfen das nicht, denn in dem Blitze kann man bis in Gottes
Himmel hineinschauen; doch vermag dieser Anblick sogar die Menschen zu
blenden. Was würde da nicht erst uns, den Gewächsen der Erde, geschehen,
wagten wir es, die wir doch weit geringer sind!“
„Weit geringer?“ entgegnete der Buchweizen. „Nun will ich erst gerade in
Gottes Himmel sehen!“ Und er that es in seinem Übermute und Stolz. Es
war, als wenn die ganze Welt in Flammen stände, so blitzte es.
Als sich das Unwetter verzogen hatte, standen die Blumen und das Korn in
der stillen, reinen Luft vom Regen erfrischt da, aber der Buchweizen war
vom Blitz kohlschwarz gebrannt; er war nun ein totes, nutzloses Gewächs.
Der alte Weidenbaum bewegte seine Zweige und Wassertropfen träufelten
von seinen Blättern, gerade wie Thränen, und die Sperlinge fragten:
„Weshalb weinst du? Hier ist es ja wunderbar erquickend! Sieh, wie die
Sonne leuchtet und die Wolken eilen! Weshalb weinst du also, du alte
Weide?“
Und die Weide erzählte von dem Stolze und dem Übermute und von der
Strafe des Buchweizens. Denn die Strafe folgt immer. Die Sperlinge haben
mir die Geschichte erzählt, als ich sie eines Abends um ein Märchen bat.
Die roten Schuhe.
[Abbildung/Illustration: pic109.jpg]
Einst lebte ein kleines Mädchen, welches gar fein und niedlich war, doch
seiner großen Armut wegen im Sommer stets barfuß und im Winter mit
großen Holzschuhen gehen mußte, wovon der Spann seiner Füßchen ganz rot
und wund wurde.
Die alte Mutter Schusterin, welche mitten im Dorfe wohnte, nähte für die
Kleine, welche _Karen_ hieß, aus alten roten Tuchlappen ein Paar
Schühchen, welche das Kind am Begräbnistage seiner Mutter erhielt und
sie da zum erstenmal trug. Zum Trauern waren sie freilich nicht recht
geeignet, aber sie hatte ja keine andern, und darum zog sie dieselben
über ihre nackten Füßchen und schritt so hinter dem ärmlichen Sarge her.
Da kam auf einmal ein großer altmodischer Wagen angefahren, in welchem
eine alte Frau saß. Sie betrachtete das kleine Mädchen und fühlte
Mitleid mit demselben. Deshalb sagte sie zu dem Geistlichen: „Hört,
würdiger Herr, gebt mir das kleine Mädchen, dann will ich getreulich für
dasselbe sorgen!“
Karen bildete sich ein, sie hätte das alles nur den roten Schuhen zu
verdanken, aber die alte Frau sagte, sie wären abscheulich und ließ sie
verbrennen. Karen selbst wurde rein und kleidsam angezogen; sie mußte
den Unterricht besuchen und nähen lernen, und die Leute sagten, sie wäre
niedlich, aber der Spiegel sagte: „Du bist mehr als niedlich, du bist
schön!“ --
Da reiste einmal die Königin durch das Land und hatte ihre kleine
Tochter, die eine Prinzessin war, bei sich. Die Leute strömten vor das
Schloß und auch Karen fand sich da ein. Die kleine Prinzessin stand
weißgekleidet an einer Balkonthür und ließ sich bewundern; Schleppe oder
Goldkrone hatte sie nicht, aber herrliche rote Saffianschuhe, die
freilich weit zierlicher waren als die, welche Mutter Schusterin der
kleinen Karen genäht hatte. Ja, was könnte es Schöneres in der Welt
geben als rote Schuhe!
Jetzt war Karen so alt, daß sie eingesegnet werden sollte; sie erhielt
neue Kleider und neue Schuhe sollte sie auch haben. Der beste
Schuhmacher in der Stadt nahm zu ihrem kleinen Fuße Maß. Mitten unter
den Schuhen, im großen Glasschranke, standen ein Paar rote, genau wie
sie die Prinzessin getragen hatte; wie schön waren die! Der Schuhmacher
sagte auch, sie wären für ein Grafenkind gearbeitet, hätten aber nicht
gepaßt.
„Das ist wohl Glanzleder?“ fragte die alte, kurzsichtige Frau, „sie
glänzen so schön!“
„Ja, sie glänzen!“ sagte Karen; und sie paßten und wurden gekauft; aber
die alte Frau, welche ja so schlecht sah, wußte nicht, daß sie rot
waren, denn nie würde sie sonst Karen erlaubt haben, mit roten Schuhen
zur Einsegnung zu gehen, aber so that sie es.
Alle Menschen sahen ihr nach den Füßen, und als sie über die
Kirchschwelle zur Chorthüre hineintrat, kam es ihr vor, als ob selbst
die alten Bilder in der Kirche die Augen auf ihre roten Schuhe hefteten;
und nur an diese dachte sie auch, als ihr der Prediger die Hand auf das
Haupt legte und von der heiligen Taufe redete, vom Bunde mit Gott und
daß sie sich nun wie eine erwachsene Christin aufführen sollte. Die
Orgel spielte so feierlich, die lieblichen Kinderstimmen sangen und der
alte Kantor sang, aber Karen dachte nur an die roten Schuhe.
Am Nachmittage erfuhr dann die alte Frau von allen Seiten, daß Karens
Schuhe rot gewesen wären und sie sagte, das schickte sich nicht und in
Zukunft sollte Karen, so oft sie zur Kirche ginge, stets schwarze Schuhe
anziehen, selbst wenn sie alt wären.
Am folgenden Sonntage war die erste Abendmahlfeier der Konfirmanden;
Karen sah erst die schwarzen Schuhe an, dann die roten -- und dann noch
einmal die roten und zog sie an.
Es war herrlicher Sonnenschein; Karen und die alte Frau schlugen einen
Fußsteig durch das Kornfeld ein, auf dem es etwas stäubte.
An der Kirchthüre stand ein alter Soldat mit einem Krückstock und mit
einem merkwürdig langen Barte, der mehr rot als weiß war; ja, rot war er
sicher. Er verneigte sich bis zur Erde und fragte die alte Frau, ob er
ihr vielleicht die Schuhe abstäuben sollte. Karen streckte gleichfalls
ihren Fuß vor. „Sieh, welch’ prächtige Tanzschuhe!“ sagte der Soldat.
„Sitzt fest, wenn ihr tanzt!“ und dann schlug er mit der Hand gegen die
Sohlen.
Die alte Frau reichte dem Soldaten ein Geldstück und trat darauf mit
Karen in die Kirche ein.
Alle Menschen drinnen sahen nach Karens roten Schuhen und alle Bilder
sahen nach ihnen, und als Karen vor dem Altare niederkniete und den
goldenen Kelch an die Lippen setzte, dachte sie nur an die roten Schuhe.
Es war, als ob sie vor ihr im Kelche schwämmen; und sie vergaß das Lied
mitzusingen, sie vergaß ihr Vaterunser zu beten.
Alle Leute verließen jetzt die Kirche und die alte Frau stieg in ihren
Wagen. Schon erhob Karen den Fuß, um hinter ihr einzusteigen, als der
alte Soldat, welcher dicht dabeistand, sagte: „Sieh, welch’ prächtige
Tanzschuhe!“ -- Karen konnte sich nicht enthalten, einige Tanzschritte
zu thun, sowie sie aber begann, tanzten die Beine unaufhaltsam fort. Es
war, als hätten die Schuhe Macht über sie erhalten. Sie tanzte um die
Kirchenecke, denn sie vermochte nicht inne zu halten. Der Kutscher mußte
hinterher laufen und sie greifen; er hob sie in den Wagen, aber auch
jetzt setzten die Füße ihren Tanz rastlos fort, so daß sie die alte gute
Frau empfindlich trat. Erst als sie die Schuhe auszog, erhielten die
Beine Ruhe. Daheim wurden die Schuhe in einen Schrank gestellt, aber
Karen wurde nicht müde, sie immer wieder zu betrachten.
Nun erkrankte die alte Frau lebensgefährlich und Karen, die ihr am
nächsten stand, sollte sie warten und pflegen. Aber in der Stadt war ein
großer Ball, zu dem Karen eingeladen war. Sie sah die alte Frau an, die
ja doch rettungslos verloren war, sie sah die roten Schuhe an, und es
kam ihr vor, als ob keine Sünde dabei wäre. -- Sie zog die roten Schuhe
an, und das konnte sie ja auch wohl, aber dann ging sie auf den Ball und
begann zu tanzen. Das war gewiß nicht recht von ihr.
Als sie aber nach rechts tanzen wollte, tanzten die Schuhe nach links,
und als sie den Saal hinauf wollte, tanzten die Schuhe den Saal
hinunter, die Treppe hinab, durch die Straße und zum Stadtthore hinaus.
Tanzen that sie und tanzen mußte sie, gerade hinaus in den finstren
Wald.
Da leuchtete es zwischen den Bäumen und sie glaubte, es wäre der Mond,
denn es war ein Gesicht, aber es war der alte Soldat mit dem roten
Barte; er saß und nickte und sagte: „Sieh, welch’ prächtige Tanzschuhe!“
Da erschrak sie und wollte die roten Schuhe abwerfen, aber sie hingen
fest, wie angewachsen, und tanzen mußte sie über Felder und Wiesen, in
Regen und Sonnenschein, bei Tag und bei Nacht, aber nachts war es am
entsetzlichsten.
Sie tanzte auf den einsamen Kirchhof hinauf, aber die Toten, die dort
ruhten, tanzten nicht, sie hatten viel Besseres zu thun, als zu tanzen.
Sie wollte sich auf das Grab des Armen setzen, wo das bittere Wurmkraut
blühte, aber für sie war weder Ruh noch Rast, und als sie auf die offene
Kirchthüre zutanzte, erblickte sie neben derselben einen Engel in langen
weißen Kleidern, mit Flügeln, welche von den Schultern bis auf die Erde
hinabreichten; sein Antlitz war streng und ernst und in der Hand hielt
er ein breites leuchtendes Schwert.
„Tanzen sollst du!“ sagte er, „tanzen mit deinen roten Schuhen, bis du
bleich und kalt wirst! Tanzen sollst du von Thür zu Thür, und wo stolze,
eitle Kinder wohnen, sollst du anklopfen, daß sie dich hören und sich
vor dir fürchten! Tanzen sollst du, tanzen -- -- -- --“
„Gnade!“ rief Karen. Aber sie vernahm nicht, was der Engel antwortete,
denn die Schuhe trugen sie durch die Pforte auf das Feld hinaus, über
Weg und Steg, und immer mußte sie tanzen.
Eines Morgens tanzte sie vor einer Thür vorüber, die ihr sehr wohl
bekannt war. Drinnen tönte Choralgesang, man trug einen blumenbekränzten
Sarg hinaus. Da wußte sie, daß die alte Frau gestorben war und es
beschlich sie das Gefühl, als ob sie von allen verlassen und von Gottes
Engel verdammt wäre.
Tanzen that sie und tanzen mußte sie, tanzen in der dunklen Nacht. Die
Schuhe trugen sie über Dornen und Baumstümpfe, und sie riß sich bis aufs
Blut; sie tanzte über die Haide nach einem kleinen, einsamen Hause. Hier
wohnte, wie sie wußte, der Scharfrichter, und sie klopfte mit den
Fingern an die Scheiben und sagte:
„Kommt heraus! Kommt heraus! Ich kann nicht hineinkommen, denn ich muß
tanzen.“
„Ich bin der Scharfrichter“, entgegnete es von drinnen, „ich höre, daß
meine Axt klirrt.“
„Schlagt mir meine Füße mit den roten Schuhen ab“, bat Karen.
Der Scharfrichter kam aus dem Hause heraus und schlug ihr die Füße mit
den roten Schuhen ab, aber die Schuhe tanzten mit den kleinen Füßen über
das Feld hin in den tiefen Wald hinein.
Er verfertigte ihr Stelzfüße und Krücken, lehrte sie ein Sterbelied,
welches die armen Sünder zu singen pflegen, und sie schritt weiter über
die Haide.
„Nun habe ich genug um der roten Schuhe willen gelitten!“ sagte sie,
„nun will ich in die Kirche gehen, damit man mich sehen kann!“ Schnell
ging sie auf die Kirchthüre zu, als sie sich ihr aber näherte, tanzten
die roten Schuhe vor ihr her und sie erschrak und kehrte um.
Die ganze Woche hindurch war sie traurig und weinte viel heiße Thränen,
als aber der Sonntag kam, sagte sie: „Fürwahr, nun habe ich genug
gelitten und gestritten! Jetzt möchte ich glauben, daß ich eben so gut
bin wie viele von denen, welche in der Kirche sitzen und hochmütig auf
die andern herabschauen.“ Mutig trat sie den Weg an; aber sie war erst
bis zur Eingangsthüre zum Friedhofe gelangt, als sie plötzlich die roten
Schuhe vor sich hertanzen sah. Sie erschrak, wandte um und bereute von
ganzem Herzen ihre Sünde.
Sie ging zur Pfarre und bot sich als Magd an; sie versprach fleißig zu
sein und alles zu thun, was in ihren Kräften stände; auf Lohn sähe sie
nicht, sie wünschte nur, wieder ein Obdach zu erhalten und bei guten
Menschen zu sein. Die Frau Pfarrerin fühlte Mitleid mit ihr und nahm sie
in Dienst. Sie war stets fleißig und in sich gekehrt. Sie saß still da,
und lauschte aufmerksam zu, wenn der Pfarrer aus der Bibel vorlas. Alle
Kinder gewannen sie lieb; sobald dieselben aber von Putz und Staat und
davon sprachen, wie schön es doch sein müßte, eine Prinzessin zu sein,
schüttelte sie den Kopf.
Am folgenden Sonntage gingen alle zur Kirche und fragten sie, ob sie sie
begleiten wollte, aber traurig und mit Thränen in den Augen sah sie auf
ihre Krücken, und nun gingen die andern hin, Gottes Wort zu hören, sie
aber ging allein in ihr kleines Kämmerlein, welches nur so groß war, um
einem Bett und einem Stuhle Platz zu gewähren. Hier setzte sie sich mit
ihrem Gesangbuche hin, und während sie frommen Sinnes darin las, trug
der Wind die Orgeltöne von der Kirche zu ihr herüber und sie erhob ihr
mit Thränen benetztes Antlitz und sagte: „Gott sei mir Sünderin gnädig!“
Da schien die Sonne hell und klar, und dicht vor ihr stand der Engel
Gottes in den weißen Kleidern, derselbe, welchen sie in jener
verhängnisvollen Nacht an der Kirchthüre gesehen hatte, aber er hielt
nicht mehr das scharfe Schwert, sondern einen herrlichen grünen Zweig
voller Rosen. Er berührte mit demselben die Decke, welche sich höher und
höher dehnte und dort, wo sie berührt war, einen goldenen Stern
hervorleuchten ließ, und er berührte die Wände und sie erweiterten sich
allmählich, bis sie die Orgel erblickte, welche gespielt wurde, und die
alten Bilder der früheren Pfarrer sah. Die Gemeinde saß in den festlich
geschmückten Stühlen und sang aus dem Gesangbuche. So war die Kirche
selbst zu der armen Magd in ihre kleine, enge Kammer gekommen; oder auch
war sie dahingekommen. Sie saß in dem Kirchstuhle bei den übrigen Leuten
des Pfarrers, und als sie nach Beendigung des Chorals aufblickte,
nickten sie ihr zu und sagten: „Das war recht, daß du kamst, Karen!“ --
„Das war Gnade!“ erwiderte sie.