So verstrichen viele Jahre und er war nun ein alter Mann und saß mit

seiner alten Frau unter einem blühenden Baume. Sie hielten einander an

den Händen, genau so wie es der Urgroßvater und die Urgroßmutter draußen

in den neuen Anlagen gethan hatten, und sie sprachen gleichfalls von den

alten Tagen und von der goldenen Hochzeit. Das kleine Mädchen mit den

blauen Augen und den Fliederblüten im Haare saß oben im Baume, nickte

ihnen Beiden zu und sagte: „Heute ist der goldne Hochzeitstag!“ --

Darauf nahm es zwei Blumen aus seinem Kranze, küßte dieselben und nun

leuchteten sie zuerst wie Silber, dann wie Gold, und als es diese auf

die Häupter der Alten legte, verwandelte sich jede Blüte in eine goldene

Krone. Da saßen sie Beide wie ein König und eine Königin unter dem

duftenden Baume, der völlig wie ein Fliederbaum aussah, und er erzählte

seiner alten Frau die Geschichte vom Fliedermütterchen, so wie sie ihm

als kleinem Knaben erzählt worden war, und es schien Beiden, als ob

vieles darin vorkäme, was ihrer eigenen Geschichte ähnelte.

„Ja, so ist es,“ sagte das kleine Mädchen im Baume; „einige nennen

mich Fliedermütterchen, andere Dryade, aber mein wahrer Name ist

_Erinnerung_. Ich habe meinen Platz in dem grünen Baume, welcher wächst

und wächst. Ich schaue weit zurück und kann erzählen. Hast du auch deine

Blüte noch?“

Und der alte Mann öffnete sein Gesangbuch; da lag die Fliederblüte,

so frisch, als wäre sie erst vor kurzem hineingelegt worden, und

Fliedermütterchen, oder vielmehr die Erinnerung, nickte, und die beiden

Alten mit den goldenen Kronen saßen in der glühenden Abendsonne. Sie

schlossen die Augen, und -- und -- ja da war das Märchen aus.

Der kleine Knabe lag in seinem Bettchen, er wußte nicht, ob er alles

geträumt oder ein Märchen gehört hatte. Die Theekanne stand auf dem

Tische, aber es sproßte kein Fliederbaum aus ihr hervor, und der alte

Mann, welcher erzählt hatte, ging eben zur Thüre hinaus.

„Wie schön war das!“ sagte der kleine Knabe. „Mutter, bin ich in den

warmen Ländern gewesen?“

„Ja, das glaube ich wohl!“ sagte die Mutter, „wenn man zwei bis an den

Rand gefüllte Tassen Fliederthee trinkt, dann kommt man schon nach den

fremden Ländern!“ Und sie deckte ihn gut zu, damit er sich nicht von

neuem erkältete. „Du hast wohl geschlafen, während ich saß und mit

unserem alten Freunde darüber stritt, ob es eine Geschichte oder ein

Märchen wäre.“

„Und wo ist Fliedermütterchen?“ fragte der Knabe.

„Das steckt in der Theekanne!“ sagte die Mutter, „und da kann es

bleiben!“

Der Tannenbaum.

[Abbildung/Illustration: pic97.jpg]

Weit draußen im Walde stand ein niedlicher Tannenbaum; er hatte einen

guten Platz, die Sonne konnte zu ihm dringen, Luft war genug da und rund

umher wuchsen viele größere Kameraden, Tannen und Fichten. Aber der

kleine Tannenbaum wollte nur immer wachsen und wachsen; er dachte nicht

an den warmen Sonnenschein und die frische Luft, bekümmerte sich nicht

um die Bauernkinder, wenn sie draußen im Walde umherschwärmten, um

Erdbeeren und Himbeeren zu sammeln. Oftmals kamen sie mit einem ganzen

Topfe voll oder hatten Erdbeeren auf Strohhalme gezogen. Dann setzten

sie sich neben das Bäumchen und sagten: „Ach, wie klein der ist!“ Doch

das gefiel dem Bäumchen nicht. Im nächsten Jahre war es schon um einen

Schuß größer und das Jahr darauf war es wieder um einen gewachsen; denn

bei einem Tannenbaume kann man, sobald man zählt, wie oft er einen neuen

Trieb angesetzt hat, genau die Jahre seines Wachstums berechnen.

„O, wäre ich doch ein so großer Baum wie die anderen!“ seufzte das

Bäumchen, „dann könnte ich meine Zweige weit ausbreiten und mit dem

Gipfel in die weite Welt hinaus schauen! Dann würden die Vögel ihre

Nester zwischen meinen Zweigen bauen, und wenn es stürmte, könnte ich

so vornehm nicken wie dort die anderen.“

Weder der Sonnenschein, noch die Vögel, noch die roten Wolken, die

morgens und abends über ihn hinsegelten, machten ihm Freude.

War es nun Winter, und Schnee lag blendend weiß ringsherum, dann kam oft

ein Hase angesprungen und setzte gerade über das Bäumchen hinweg. O, das

war empörend! Aber zwei Winter verstrichen und im dritten war der Baum

schon so hoch, daß der Hase um ihn herumlaufen mußte. „O, wachsen,

wachsen, groß und alt werden, das ist doch das einzig Schöne in der

Welt!“ dachte der Baum.

Im Spätherbst erschienen regelmäßig Holzhauer und fällten einige der

größten Bäume. Das geschah jedes Jahr und den jungen Tannenbaum, der nun

schon tüchtig in die Höhe geschossen war, befiel Zittern und Beben

dabei, denn mit Gepolter und Krachen stürzten seine Kameraden zur Erde,

die Zweige wurden ihnen abgehauen, sie sahen nun ganz nackt, lang und

schmal aus, sie waren kaum noch wiederzuerkennen. Dann aber wurden sie

auf Wagen gelegt und Pferde zogen sie zum Walde hinaus.

Wohin sollten sie? -- Was stand ihnen bevor? --

Als im Frühjahr die Schwalbe und der Storch kamen, fragte sie der Baum:

„Wißt ihr nicht, wohin sie geführt wurden? Seid ihr ihnen nicht

begegnet?“

Die Schwalbe wußte nichts, doch der Storch sah sehr nachdenklich aus,

nickte mit dem Kopfe und sagte: „Ja, ich glaube fast; mir begegneten auf

meiner Rückreise von Ägypten viele neue Schiffe. Auf denselben standen

prächtige Mastbäume; ich darf wohl behaupten, daß sie es waren; sie

verbreiteten Tannengeruch. Ich kann vielmals grüßen, sie überragen

alles!“

„O, wäre ich doch auch groß genug, um über das Meer hinzufliegen! Wie

ist es eigentlich, dieses Meer, und wem ähnelt es?“

„Ja, das ist etwas weitläufig zu erklären!“ sagte der Storch und ging.

„Freue dich deiner Jugend!“ sagten die Sonnenstrahlen, „freue dich

deines Wachstums, des jungen Lebens, welches dich erfüllt!“

Und der Wind küßte den Baum, und der Tau weinte Thränen über ihn, allein

der Tannenbaum verstand es nicht.

In der Weihnachtszeit wurden ganz junge Bäume gefällt, Bäume, die nicht

einmal so groß waren, noch im gleichen Alter standen wie unser

Tannenbäumchen, das weder Ruh noch Rast hatte, sondern nur immer weiter

wollte. Diese jungen Bäume, und es waren gerade die allerschönsten,

behielten immer ihre Zweige, sie wurden auf Wagen gelegt und Pferde

zogen sie aus dem Walde.

„Wohin bringt man sie?“ fragte der Tannenbaum. „Sie sind nicht größer

als ich, ja da war sogar einer dabei, der noch weit kleiner aussah.

Weshalb behalten sie alle ihre Zweige? Wo fahren sie hin?“

„Das wissen wir, das wissen wir!“ zwitscherten die Sperlinge. „Unten in

der Stadt haben wir zu den Fenstern hineingeschaut. O, sie gelangen zur

größten Pracht und Herrlichkeit, die sich denken läßt! Wir haben

gesehen, daß sie mitten in die warme Stube hineingepflanzt und mit den

herrlichsten Sachen, mit vergoldeten Äpfeln, Honigkuchen, Spielzeug und

vielen hundert Lichtern ausgeschmückt wurden!“

„Und dann?“ fragte der Tannenbaum und bebte in allen Zweigen. „Und dann?

Was geschieht dann?“

„Ja, mehr haben wir nicht gesehen, es war unvergleichlich!“

„Ob auch mir dieses Los zufallen wird, diesen strahlenden Weg zu gehen?“

jubelte das Bäumchen. „Das ist noch besser, als über das Meer zu fahren.

O, wie mich die Sehnsucht verzehrt! O wäre ich erst auf dem Wagen! Wäre

ich erst in der warmen Stube mit all’ ihrer Pracht und Herrlichkeit! Und

dann? Ja dann kommt noch etwas Besseres, noch Schöneres, weshalb würde

man mich sonst so ausschmücken! Da muß noch etwas Größeres, noch etwas

Herrlicheres kommen -- --!“

„Freue dich meiner!“ sagte die Luft und sagte der Sonnenschein; „freue

dich deiner frischen Jugend draußen im Freien!“

Aber das Bäumchen freute sich gar nicht; es wuchs und wuchs, Winter und

Sommer stand es dunkelgrün da! Die Leute, welche es sahen, sagten: „Das

ist ein hübscher Baum!“ und zur Weihnachtszeit wurde er zuerst von allen

gefällt! Die Axt hieb tief durch das Mark; der Baum fiel mit einem

Seufzer zu Boden. Er fühlte einen Schmerz, eine Ohnmacht, er vermochte

an gar kein Glück mehr zu denken. Er war betrübt, von der Heimat zu

scheiden, von dem Flecke, auf dem er emporgeschossen war. Er wußte ja,

daß er nie mehr die lieben, alten Kameraden, die kleinen Büsche und

Blumen wiedersehen würde.

Der Baum kam erst wieder zu sich, als er im Hofe, mit den andern Bäumen

abgeladen, einen Mann sagen hörte: „Der ist prächtig! Wir brauchen

keinen andern!“

Nun kamen zwei Diener im vollen Staate und trugen den Tannenbaum in

einen großen, prächtigen Saal. Er wurde in ein großes, mit Sand

gefülltes Gefäß gestellt, doch konnte niemand merken, daß es ein Gefäß

war, denn es wurde ringsherum mit grünem Zeug behängt und stand auf

einem großen bunten Teppiche. O, wie der Baum bebte! Was sollte doch nun

geschehen? Die Diener und die Fräulein kamen und putzten ihn aus. Über

die Zweige hängten sie kleine, aus buntem Papier ausgeschnittene Netze,

mit Zuckerwerk gefüllt. Vergoldete Äpfel und Walnüsse hingen wie

festgewachsen herab, und über hundert rote, blaue und weiße Lichterchen

wurden an den Zweigen befestigt. Puppen, die wie leibhaftige Menschen

aussahen, schwebten im Grünen, und ganz oben auf der Spitze strahlte ein

Stern von Flittergold. Es war prächtig, ganz unvergleichlich prächtig!

„Heute Abend,“ sagten alle, „heute Abend wird er strahlen!“

„O!“ dachte der Baum, „wäre es doch erst Abend! Würden doch nur die

Lichter bald angezündet! Und was mag dann geschehen? Ob wohl die Bäume

aus dem Walde kommen und mich anschauen? Ob die Sperlinge gegen die

Fensterscheiben fliegen? Ob ich hier festwachsen und Winter und Sommer

geschmückt dastehen werde?“ --

Nun wurden die Lichter angezündet. Welcher Glanz! Welche Pracht! Der

Baum bebte in allen Zweigen dabei, so daß einige Nadeln an einem der

Lichter Feuer fingen. Es sengte ordentlich.

„Gott bewahre uns!“ schrieen die Fräulein und löschten es schnell aus.

Nun durfte der Baum nicht einmal beben. O, das war ein Graus! Er war so

besorgt, etwas von all’ seinem Staate zu verlieren; er war von all’ dem

Glanze wie betäubt. -- Und nun öffneten sich beide Flügelthüren, und

eine Menge Kinder stürzten herein, als ob sie den ganzen Baum umrennen

wollten. Die älteren Leute kamen bedächtig hinterher; die Kleinen

standen ganz stumm, aber nur einen kurzen Augenblick, dann jubelten sie

wieder so, daß es wiederhallte. Sie tanzten um den Baum, und ein

Geschenk nach dem andern wurde abgepflückt.

„Was haben sie nur vor?“ dachte der Baum. „Was soll da geschehen?“ Die

Lichter brannten bis auf die Zweige herunter und darauf löschte man sie

aus und die Kinder erhielten Erlaubnis, den Baum zu plündern. O, die

stürzten auf ihn los, daß es in allen Zweigen knackte. Wäre er nicht mit

der Spitze und dem goldenen Stern an der Decke befestigt gewesen, so

hätten sie ihn sicher umgeworfen.

Die Kinder tanzten nun mit ihrem prächtigen Spielzeuge umher. Niemand

beachtete den Baum, mit Ausnahme der alten Kinderfrau, die aufmerksam

zwischen die Zweige nach einem etwa vergessenen Apfel blickte.

„Eine Geschichte, eine Geschichte!“ riefen die Kinder und zerrten einen

kleinen, dicken Mann nach dem Baume hin. Er setzte sich gerade unter

denselben nieder, „denn so,“ meinte er, „sind wir im Grünen. Aber ich

erzähle nur eine Geschichte. Wollt ihr die von Ivede-Avede hören oder

die von Klumpe-Dumpe, der die Treppe hinabfiel und sich doch auf den

Thron schwang und die Prinzessin erhielt?“

„Ivede-Avede!“ schrieen einige, „Klumpe-Dumpe!“ schrieen andere. Was war

das für ein Rufen und Durcheinanderschreien! Nur der Tannenbaum schwieg

still. Seine Rolle war vorüber, er hatte ja seine Schuldigkeit gethan!

Der Mann erzählte von Klumpe-Dumpe, der die Treppe hinabfiel und sich

doch auf den Thron schwang und die Prinzessin erhielt. Und die Kinder

klatschten in die Hände und riefen: „Erzähle, erzähle!“ Sie wollten auch

noch die Geschichte von Ivede-Avede hören, mußten sich aber mit

Klumpe-Dumpe begnügen. Der Tannenbaum stand ganz still und gedankenvoll,

nie hatten die Vögel draußen im Walde dergleichen erzählt. „Klumpe-Dumpe

fiel die Treppe hinab und bekam doch die Prinzessin! Ja, ja, so geht es

in der Welt zu!“ dachte der Tannenbaum und hielt es für Wahrheit, weil

der Erzähler ein so netter Mann war. „Ja, ja, wer kann wissen,

vielleicht falle ich auch die Treppe hinab und bekomme eine Prinzessin!“

Und er freute sich darauf, den nächsten Tag wieder mit Lichtern und

Spielzeug, mit Gold und Früchten bekleidet zu werden.

„Morgen werde ich nicht zittern!“ dachte er. „Ich werde eine recht

herzliche Freude über alle meine Herrlichkeit empfinden. Morgen werde

ich wieder die Geschichte von Klumpe-Dumpe hören und vielleicht auch

die von Ivede-Avede.“ Und der Baum stand die ganze Nacht still und

gedankenvoll da.

Am folgenden Morgen traten die Diener und Mägde herein.

„Nun beginnt der Staat von neuem!“ dachte der Baum, aber sie schleppten

ihn zum Zimmer hinaus, die Treppe hinauf bis auf den Boden und dort

stellten sie ihn in einen dunklen Winkel, wohin kein Tageslicht fiel.

„Was hat denn das zu bedeuten?“ dachte der Baum. „Was habe ich denn hier

zu thun? Was mag ich denn hier hören sollen?“ Er lehnte sich gegen die

Mauer und stand da und sann und sann. Und Zeit hatte er genug dazu, denn

es verstrichen Tage und Nächte. Niemand kam herauf und als endlich

einmal jemand kam, geschah es nur zu dem Zwecke, einige große Kasten in

den Winkel zu stellen.

„Nun ist draußen Winter!“ dachte der Baum. „Die Erde ist hart und mit

Schnee bedeckt, die Menschen können mich nicht pflanzen; deshalb soll

ich wahrscheinlich bis zum Frühling hier im Schutze stehen! Wie

fürsorglich doch das ist! Wie gut die Menschen doch sind! Wäre es hier

nur nicht so dunkel und so erschrecklich einsam! Nicht einmal ein

Häschen ist hier zu finden! Draußen im Walde war es doch lustig, wenn

der Schnee lag und der Hase vorübersprang, ja selbst wenn er über mich

hinwegsetzte; aber damals gefiel es mir freilich nicht. Hier oben ist es

aber doch entsetzlich einsam!“

„Pip, pip!“ sagte plötzlich eine kleine Maus und schlüpfte hervor, und

darauf kam noch eine kleine. Sie schnüffelten an dem Tannenbaume und

schmiegten sich durch die Zweige desselben.

„Es herrscht heute eine furchtbare Kälte!“ sagten die zwei kleinen

Mäuschen; „nicht wahr, du alter Tannenbaum?“

„Ich bin noch gar nicht alt!“ versetzte der Tannenbaum, „es giebt viel

ältere als ich bin!“

„Wo kommst du her?“ fragten die Mäuse, „und was weißt du?“ Sie waren

gewaltig neugierig. „Erzähle uns doch von dem herrlichsten Plätzchen auf

Erden! Bist du schon dort gewesen? Bist du schon in der Speisekammer

gewesen, wo Käse auf den Brettern liegen und Schinken unter der Decke

hängen, wo man auf Talglichtern tanzt, mager hineingeht und fett

herauskommt?“

„Die kenne ich allerdings nicht,“ sagte der Baum, „aber den Wald kenne

ich, wo die Sonne scheint und die Vögel singen!“ Darauf erzählte er

ihnen alle Erlebnisse seiner Jugend und die Mäuschen hatten dergleichen

nie zuvor gehört.

„O!“ sagten die Mäuschen, „wie glücklich du gewesen bist, du alter

Tannenbaum!“

„Ich bin durchaus nicht alt!“ erwiderte der Tannenbaum, „erst in diesem

Winter bin ich ja aus dem Walde gekommen! Ich stehe in meinem

allerbesten Alter, ich bin nur sehr gewachsen!“

„Wie schön du erzählst!“ sagten die Mäuschen, und in der nächsten Nacht

kamen sie mit vier andern kleinen Mäusen wieder, welche den Baum auch

erzählen hören sollten, und je mehr er erzählte, desto lebhafter trat es

ihm selbst vor die Augen und er sagte: „Es waren doch wirklich

glückliche Zeiten! Aber sie können wiederkommen! Klumpe-Dumpe fiel die

Treppe hinab und bekam doch die schöne Prinzessin.“

„Wer ist Klumpe-Dumpe?“ fragten die Mäuschen.

Nun erzählte der Tannenbaum das ganze Märchen, dessen er sich Wort für

Wort entsinnen konnte. Und die Mäuschen wären aus lauter Freude fast in

die Spitze des Baumes gesprungen. In der folgenden Nacht versammelten

sich noch weit mehr Mäuse und am Sonntag kamen sogar zwei Ratten. Die

behaupteten aber, die Geschichte sei nicht lustig, und das betrübte die

Mäuschen, denn sie kam ihnen nun auch weniger schön vor.

„Können Sie nur die eine Geschichte erzählen?“ fragten die Ratten.

„Nur die eine!“ antwortete der Baum, „ich hörte sie an meinem

glücklichsten Abend, aber damals dachte ich nicht daran, wie glücklich

ich war!“

„Das ist eine höchst elende Geschichte! Wissen Sie keine von Speck und

Talglichtern? Keine Speisekammergeschichten?“

„Nein!“ sagte der Baum.

„Nun, dann danken wir dafür!“ erwiderten die Ratten und kehrten zu den

Ihrigen zurück.

Zuletzt blieben die Mäuschen auch fort und da seufzte der Baum: „Es war

doch ganz hübsch, als sie um mich saßen, die muntern Mäuschen, und auf

meine Erzählungen lauschten! Nun ist das gleichfalls vorbei. Aber die

schöne Zeit wird wiederkommen!“

Und eines Morgens, da kamen Leute herauf und kramten auf dem Boden

umher. Die Kasten erhielten einen andern Platz und der Baum wurde

hervorgezogen. Sie warfen ihn unsanft auf den Fußboden, aber sofort

schleppte ihn ein Hausknecht nach der Treppe hin, wo das Tageslicht

schimmerte.

„Nun beginnt das Leben wieder!“ dachte der Baum. Er fühlte die frische

Luft, den ersten Sonnenstrahl, -- und nun war er draußen auf dem Hofe.

Alles ging so schnell, daß der Baum völlig vergaß, sich selbst zu

betrachten; zu viel Neues war ringsumher anzustaunen. Der Hof stieß an

einen Garten und alles stand darin in voller Blüte. Die Rosen hingen

frisch und duftend über den kleinen Staketenzaun hinüber, die

Lindenbäume blühten und die Schwalben flogen umher und zwitscherten:

„Quirre virrevit, mein Mann ist gekommen!“ Aber den Tannenbaum meinten

sie damit nicht.

„Nun will ich leben!“ jubelte dieser und breitete seine Zweige weit aus.

Ach, sie waren alle vertrocknet und gelb und zwischen Unkraut und

Nesseln lag er in einem Winkel da. Der Goldpapierstern saß noch oben auf

der Spitze und leuchtete im hellsten Sonnenscheine.

Auf dem Hofe selbst spielten ein paar von den lustigen Kindern, die am

Weihnachtsabend um den Baum getanzt hatten und dabei so fröhlich gewesen

waren. Eines der kleinsten lief hin und riß den Goldstern ab.

„Sieh, was da noch an dem alten, häßlichen Tannenbaume sitzt!“ rief es

und trat auf die Zweige, daß sie unter seinen Stiefeln knackten.

Und der Baum betrachtete all’ die Blumenpracht und Frische im Garten,

betrachtete dann sich selbst und wünschte, daß er in seinem finstern

Winkel auf dem Boden geblieben wäre. Er gedachte seiner frischen Jugend

im Walde, des lustigen Weihnachtsabends und der kleinen Mäuse, die so

fröhlich der Geschichte von Klumpe-Dumpe zugelauscht hatten.

„Vorbei, vorbei!“ seufzte der arme Baum. „Hätte ich mich doch gefreut

als ich es noch konnte! Vorbei, vorbei!“

Der Hausknecht kam und hieb den Baum in kleine Stücke, ein ganzes Bund

lag da; hell loderte es auf unter dem großen Braukessel. Er seufzte

tief, jeder Seufzer tönte wie ein kleiner Schuß. Deshalb liefen die

Kinder, welche draußen spielten, herbei, setzten sich vor das Feuer,

schauten hinein und riefen: „Piff, paff!“ Aber bei jedem Knalle, der ein

tiefer Seufzer war, gedachte der Baum eines Sommertages im Walde, einer

Winternacht draußen, wenn die Sterne glänzten. Er gedachte des

Weihnachtsabends und des Klumpe-Dumpe, des einzigen Märchens, welches er

gehört hatte und zu erzählen wußte, -- und dann war der Baum verbrannt.

Die Kinder spielten im Hofe und der kleinste hatte auf der Brust den

Goldstern, den der Baum an seinem glücklichsten Abend getragen hatte.

Nun war dieser vorüber und mit diesem auch der Baum nebst seiner

Geschichte. Vorbei, vorbei -- und so geht es mit allen Geschichten.

Das alte Haus.

[Abbildungen/Illustrations: capI103.jpg, pic105.jpg]

In einem Seitengäßchen stand ein altes, altes Haus; es war fast

dreihundert Jahre alt. Dies konnte man an dem Balken lesen, wo die

Jahreszahl von Tulpen und Hopfenranken umschlungen eingeschnitten war.

Da standen auch in altertümlicher Schreibart ganze Verse und über jedem

Fenster war in den Balken ein fratzenhaftes Gesicht eingeschnitten und

am ganzen Gebäude wucherte der Epheu üppig empor. Das eine Stockwerk

trat weit über das andere heraus und dicht unter dem Dache lief eine

Bleirinne, die am Ende einen Drachenkopf als Zierat trug. Das

Regenwasser sollte aus dem Rachen seinen Ausgang nehmen, fand aber

seinen Weg durch den Bauch, denn es war ein Loch in der Rinne.

Alle andern Häuser in der Straße waren neu und man konnte es ihnen zur

Genüge ansehen, daß sie mit dem alten Hause nichts zu thun haben

wollten.

Gerade gegenüber in der Straße standen gleichfalls neue und hübsche

Häuser und am Fenster eines derselben saß ein kleiner Knabe mit frischen

roten Wangen, mit hellen, strahlenden Augen, welchem dies alte Haus noch

am besten gefiel, sowohl im Sonnenschein wie im Mondenschein. Und

blickte er zu der Mauer hinüber, von der der Kalk abgefallen war, dann

konnte er dasitzen und sich mit seiner regen Einbildungskraft die

seltsamsten Bilder entwerfen, wie die Straße früher müßte ausgesehen

haben mit ihren Treppen, Erkern und spitzen Giebeln. Er vermochte im

Geiste Soldaten mit Hellebarden zu sehen und Dachrinnen, die in der

Gestalt von Drachen und Lindwürmern ausliefen.

Das Haus bewohnte ein alter Mann. Er ging noch immer in den altmodischen

Kniehosen, trug einen Rock mit großen Messingknöpfen und eine Perücke,

der man es ansehen konnte, daß es eine echte Perücke war. Jeden Morgen

kam ein alter Mann zu ihm, um aufzuräumen und Gänge zu besorgen, sonst

war der alte Mann in den Kniehosen ganz allein in dem alten Hause.

Bisweilen trat er an das Fenster und blickte hinaus, und der kleine

Knabe nickte ihm zu und der alte Mann nickte wieder. Auf diese Weise

wurden sie erst miteinander bekannt und dann Freunde, obgleich sie nie

miteinander gesprochen hatten, aber das war ja auch gleichgültig.

Der kleine Knabe hörte seine Eltern oft sagen: „Dem alten Manne da

drüben geht es sehr gut, aber er lebt so erschrecklich einsam!“

Am nächsten Sonntage wickelte der kleine Knabe etwas in ein Stück

Papier, that es in ein kleines Pappschächtelchen, ging hinunter vor die

Thür, und als der alte Mann, welcher die Gänge besorgte, in das alte

Haus wollte, sagte er zu ihm:

„Höre, willst du dies deinem Herrn von mir bringen? Ich besitze zwei

Zinnsoldaten, dies ist der eine; er soll ihn haben, weil ich weiß, daß

er so ganz allein ist!“

Das Gesicht des alten Mannes wurde mit einemmale ganz heiter; er nickte

und trug den Zinnsoldaten zu dem alten Mann hinauf, welcher den Vorgang

vom Fenster aus mit angesehen hatte. Bald darauf geschah von dort die

Anfrage, ob der kleine Knabe nicht drüben einen Besuch abstatten wolle.

Dazu erhielt er auch von seinen Eltern die Erlaubnis und so kam er in

das alte Haus.

Die Messingknöpfe an dem Treppengeländer glänzten weit stärker als

sonst; man hätte vermuten können, daß sie zu Ehren des Besuches geputzt

worden wären, und es schien, als ob die ausgeschnitzten Trompeter --

denn an der Thüre waren Trompeter angebracht -- in ihre aus Holz

geschnitzten Trompeten: „Tratteratra, der kleine Knabe ist da!“ bliesen.

Der ganze Hausflur war mit alten Portraits behängt. Dann kam eine

Treppe, die aufwärts und auf einen baufälligen Altan führte, der ganz

mit Grün bewachsen, wie ein Garten aussah. Hier standen altmodische

Blumentöpfe, die Gesichter mit Eselsohren darstellten; die Blumen waren

sich aber völlig selbst überlassen und wuchsen wild auf.

Von hier trat man in ein Zimmer, dessen Wände mit Schweinsleder

bekleidet waren. Die darauf gedruckten, goldenen Blumen gewährten einen

gar freundlichen Anblick. -- „Vergoldung vergeht, aber Schweinsleder

besteht!“ sagten die Wände. Darauf gelangte der kleine Knabe in das

Erkerzimmer, in welchem der alte Mann saß.

„Besten Dank für den Zinnsoldaten, mein kleiner Freund!“ sagte der alte

Herr, „und Dank, daß du zu mir herüberkommst!“

Nun sah sich der Knabe erst ein wenig in dem mit alten Möbeln

überfüllten Zimmer um. Mitten an der Wand hing das Portrait einer

jungen, lebensfrohen Frau, aber in altväterischer Tracht, mit gepudertem

Haar und steifleinenem Rocke. Sie schaute mit gar sanften Augen auf den

Knaben hernieder, der den alten Mann sogleich fragte: „Wo hast du diese

herbekommen?“

Märchen für Kinder · 第 12 / 14 段