du nicht, wie groß diese ist? Siehst du nicht, wie Menschen und Tiere
ihr dienen müssen, wie sie auf bloßen Füßen so gut in der Welt vorwärts
gekommen ist? Von uns darf sie ihre Macht nicht erfahren, die sitzt in
ihrem Herzen und besteht darin, daß sie ein süßes, unschuldiges Kind
ist. Kann sie nicht selbst in das Schloß der Schneekönigin eindringen
und den kleinen Kay von dem Glase befreien, dann können wir nicht
helfen! Zwei Meilen von hier beginnt der Garten der Schneekönigin;
dorthin kannst du das kleine Mädchen bringen; setze sie neben dem großen
Busche ab, der mit roten Beeren bedeckt im Schnee steht. Halte dich
nicht mit langem Geschwätz auf und beeile dich, hierher zurückzukommen!“
Dann hob die Finnin die kleine Gerda auf das Renntier, welches aus
Leibeskräften davon eilte.
„Meine Stiefelchen! Meine Fausthandschuhe!“ rief die kleine Gerda, der
sich die schneidende Kälte fühlbar machte. Aber das Renntier wagte nicht
anzuhalten, es lief, bis es den großen Busch mit den roten Beeren
erreichte. Dort setzte es Gerda ab, küßte sie auf den Mund, wobei dem
Tiere große heiße Thränen über die Backen hinabrollten, und dann lief
es, so schnell es konnte, wieder zurück. Da stand nun die arme Gerda,
ohne Stiefelchen, ohne Handschuhe, mitten in der unwirtbaren, kalten
Finnmark.
Sie lief vorwärts, so schnell sie vermochte. Da zeigte sich plötzlich
ein ganzes Regiment Schneeflocken. Sie fielen aber nicht etwa vom Himmel
herab, der war ganz klar und strahlte von Nordlichtern, die
Schneeflocken flogen vielmehr gerade über die Oberfläche der Erde hin
und nahmen, je näher sie kamen, an Größe zu. Gerda erinnerte sich noch,
wie groß und kunstvoll sie unter dem Brennglase ausgesehen hatten. Aber
hier zeigten sie sich wahrlich noch in ganz anderer Größe und
Schreckensgestalt; es waren lebendige Wesen, es waren die Vorposten der
Schneekönigin. Sie hatten die seltsamsten Gestalten; einige sahen aus
wie häßliche, große Stachelschweine, andere wie ganze Schlangenknäuel,
aus denen die Köpfe hervorragten, und andere wie kleine dicke Bären, auf
welchen sich die Haare sträubten; alle aber schimmerten weiß, alle aber
waren lebendige Schneeflocken.
Da betete die kleine Gerda ihr Vaterunser. Die Kälte war so stark, daß
sie ihren eigenen Atem sehen konnte, welcher ihr wie Rauch vor dem Munde
stand. Der Atem wurde dichter und dichter und verwandelte sich in lauter
kleine Engel, die, sobald sie die Erde berührten, mehr und mehr wuchsen,
und alle Helme auf dem Kopfe und Spieß und Schild in den Händen hatten.
Ihre Anzahl vermehrte sich, und als Gerda ihr Vaterunser beendet hatte,
war eine ganze Legion um sie versammelt. Sie stachen mit ihren Spießen
nach den schrecklichen Schneeflocken, daß dieselben in hundert Stücke
zersprangen, und die kleine Gerda sicher und fröhlich vorwärts schreiten
konnte. Die Engel streichelten ihre Füße und Hände und da fühlte sie die
Kälte weniger und ging rasch auf das Schloß der Schneekönigin zu.
Aber nun müssen wir erst sehen, wie es Kay geht. Er dachte wahrlich
nicht an die kleine Gerda und am allerwenigsten, daß sie draußen vor dem
Schlosse stände.
_Siebente_ Geschichte. +Im Schlosse der Schneekönigin.+
Die Mauern des Schlosses waren von dem wirbelnden Schnee aufgetürmt und
schneidende Winde hatten die Thüren und Fenster gebildet. Über hundert
Säle reihten sich aneinander, wie sie gerade ein Schneetreiben
zusammengeweht hatte; der größte erstreckte sich viele Meilen weit. Alle
aber waren von starken Nordlichtern erleuchtet und waren groß, leer,
eisig kalt und schimmernd. Nie herrschte hier eine Lustbarkeit, nicht
einmal ein kleiner Bärenball, wobei der Sturm hätte die Blasinstrumente
spielen können; leer, weit und kalt war es in den Sälen der
Schneekönigin. Die Nordlichter flammten so regelmäßig, daß man berechnen
konnte, wann sie am höchsten und wann sie am niedrigsten standen. Mitten
in dem leeren und unendlichen Schneesaale war ein gefrorener See. Er war
in tausend Stücke geborsten, aber jedes Stück glich dem andern auf das
Genaueste, so daß es ein wahres Kunstwerk war. Mitten auf demselben saß
die Schneekönigin, so oft sie zu Hause war, und dann sagte sie, sie säße
im Spiegel des Verstandes, und dieser wäre der beste in dieser Welt.
Der kleine Kay war ganz blau vor Kälte, ja fast schwarz, aber er merkte
es doch nicht, denn sie hatte ihm den Frostschauer weggeküßt, und sein
Herz war so gut wie ein Eisklumpen. Er ging und schleppte einige
scharfe, flache Eisstücke herbei, die er auf alle mögliche Weise
zusammenlegte, um ein gegebenes Muster nachzubilden, gerade so, wie wenn
wir kleine Holzstückchen zu bestimmten Figuren zusammenpassen, was das
chinesische Spiel genannt wird. Kay ging auch und legte Figuren, es
waren die allerkunstreichsten, es war das „Eisspiel des Verstandes“.
In seinen Augen waren diese Figuren ganz ausgezeichnet und von der
allerhöchsten Wichtigkeit; das bewirkte das Glaskörnchen, welches ihm im
Auge saß; er legte ganze Figuren, die ein geschriebenes Wort bildeten,
aber immer scheiterte er an der Zusammensetzung des Wortes, welches er
gerade wünschte, des Wortes: „_Ewigkeit_“, und die Schneekönigin hatte
gesagt. „Kannst du mir diese Figur zu stande bringen, dann sollst du
dein eigener Herr sein, und ich schenke dir die ganze Welt und noch ein
Paar neue Schlittschuhe!“ Aber er konnte es nicht.
„Nun sause ich fort nach den warmen Ländern!“ sagte die Schneekönigin.
„Ich will in meine schwarzen Töpfe hineingucken!“ Das waren die
feuerspeienden Berge Aetna und Vesuv, wie man sie nennt. „Ich werde sie
ein wenig mit Weiß überziehen, das gehört dazu und thut den Zitronen und
Weintrauben gut!“ Darauf flog die Schneekönigin fort und Kay saß ganz
allein in dem viele Meilen weiten, leeren Eissaale, betrachtete die
Eisstücke und dachte und dachte, daß es in ihm ordentlich knackte. Ganz
steif und still saß er da, man hätte glauben können, er wäre erfroren.
In diesem Augenblicke trat die kleine Gerda durch die große
Eingangspforte in das Schloß. Schneidende Winde wehten ihr entgegen,
aber sie betete ihr Abendgebet und da legten sich die Winde, als ob sie
schlafen wollten. Sie trat in die großen leeren, kalten Säle -- da
gewahrte sie Kay; sie erkannte ihn, sie flog ihm um den Hals, hielt ihn
fest umschlungen und rief: „Kay! süßer, lieber Kay! so habe ich dich
endlich gefunden!“
Er aber saß ganz still, steif und kalt; -- da weinte die kleine Gerda
heiße Thränen, sie fielen auf seine Brust, sie drangen in sein Herz, sie
tauten den Eisklumpen auf und verzehrten das kleine Spiegelsplitterchen
in demselben. Er blickte sie an und sie sang:
„Ich liebe die Rosen in all’ ihrer Pracht,
Doch mehr noch den Heiland, der selig uns macht!“
Da brach Kay in Thränen aus; er weinte so, daß ihm das Spiegelkörnchen
aus den Augen geschwemmt wurde, er erkannte sie und jubelte: „Gerda!
süße, liebe Gerda! -- Wo bist du doch so lange gewesen und wo bin ich
gewesen?“ Und er schaute rings um sich her. „Wie kalt es hier ist! Wie
leer und weit es hier ist!“ Und er umfaßte Gerda und sie lachte und
weinte vor Freude. Das war ein so lieblicher Anblick, daß sogar die
Eisstücke vor Freude ringsumher tanzten. Als sie nun müde waren, legten
sie sich gerade auf die Buchstaben, von denen die Schneekönigin gesagt
hatte, wenn er sie ausfindig machen könnte, sollte er sein eigener Herr
sein und sie wollte ihm die ganze Welt und noch ein Paar neue
Schlittschuhe schenken.
Gerda küßte ihm die Wangen und sie wurden wieder blühend; sie küßte ihn
auf die Augen und sie glänzten wie die ihrigen; sie küßte ihn auf Hände
und Füße und er war gesund und munter. Nun mochte die Schneekönigin
dreist nach Hause kommen, sein Freibrief stand mit flimmernden
Eisstücken geschrieben da.
Sie reichten einander die Hände und wanderten aus dem großen Schlosse
hinaus. Auch sprachen sie von der Großmutter und von den Rosen oben auf
dem Dache, und wo sie gingen, legten sich die Winde und die Sonne brach
hervor. Als sie den Busch mit den roten Beeren erreichten, stand das
Renntier da und wartete. Es hatte ein zweites Renntier mitgebracht und
beide trugen Gerda und Kay erst zu der Finnin, in deren heißer Stube sie
sich wärmten, und dann zur Lappin, welche ihnen neue Kleider genäht und
ihren Schlitten in stand gesetzt hatte. Die Renntiere und die Lappin
begleiteten sie bis zur Landesgrenze, dort nahmen sie Abschied. „Lebt
wohl!“ sagten sie sämtlich. Die ersten kleinen Vögel begannen zu
zwitschern, der Wald trieb grüne Knospen und aus demselben heraus kam
auf einem prächtigen Pferde, welches Gerda kannte (es war nämlich vor
den goldenen Wagen gespannt gewesen), ein junges Mädchen angeritten mit
einer weithin leuchtenden roten Mütze auf dem Kopfe und Pistolen im
Gürtel. Es war das kleine Räubermädchen. Sie erkannte Gerda sofort und
Gerda erkannte sie auch, das war eine Freude. Gerda streichelte ihr die
Wangen und fragte nach dem Prinzen und der Prinzessin.
„Die sind nach fremden Ländern gereist!“ sagte das Räubermädchen.
„Aber die Krähe?“ fragte die kleine Gerda.
„Ach, die Krähe ist tot!“ antwortete sie; „ihre Base trauert um sie mit
einem schwarzwollenen Lappen um das Bein. Doch nun erzähle mir, wie es
dir ergangen ist und wie du seiner habhaft geworden bist!“
Und Gerda und Kay erzählten alle beide.
Das Räubermädchen reichte beiden die Hand, nahm Abschied und ritt dann
in die weite Welt hinaus.
Aber Kay und Gerda gingen Hand in Hand, und während sie dahinschritten,
war es ein herrliches Frühlingswetter und die Blumen dufteten. Die
Kirchenglocken läuteten und sie erkannten die hohen Türme, die große
Stadt, es war ihre Geburtsstätte, und sie gingen in dieselbe hinein und
hin zu der Thüre der Großmutter, die Treppe hinauf, in die Stube hinein,
wo noch alles auf derselben Stelle wie früher stand. Die alte Uhr sagte:
„Tick, tack!“ und die Zeiger drehten sich. Während sie aber durch die
Thüre schritten, bemerkten sie, daß sie erwachsene Menschen geworden
waren. Die Rosen blühten von der Dachrinne her zu den offenen Fenstern
herein, und da standen die kleinen Kinderstühlchen, und Kay und Gerda
setzten sich, ein jedes auf den seinigen, und hielten einander bei den
Händen. Wie einen schweren Traum hatten sie die kalte leere Herrlichkeit
bei der Schneekönigin vergessen. Großmutter saß in Gottes klarem
Sonnenscheine und las laut aus der Bibel: „Es sei denn, daß ihr umkehrt
und werdet wie die Kinder, so könnet ihr nicht in das Reich Gottes
kommen!“
Und Kay und Gerda schauten einander in die Augen und verstanden auf
einmal das alte Lied:
„Ich liebe die Rosen in all’ ihrer Pracht,
Doch mehr noch den Heiland, der selig uns macht!“
Da saßen die beiden, Erwachsene und doch Kinder, Kinder im Herzen; und
es war Sommer, warmer, erquickender Sommer. --
Fliedermütterchen.
[Abbildungen/Illustrations: capB91, pic95.jpg]
Bebend vor Fieberfrost lag ein kleiner Knabe im Bett, weil er sich
erkältet hatte. Er war mit nassen Füßen nach Hause gekommen, doch
niemand konnte begreifen, wie das geschehen war, da es nicht geregnet
hatte. Seine Mutter ließ die Theemaschine hereinbringen, um ihm eine
gute Tasse Fliederthee zu kochen, denn der wärmt. Zu gleicher Zeit trat
auch der alte, muntere Mann zur Thüre herein, der ganz oben im Hause
wohnte und völlig für sich allein lebte, denn er hatte weder Weib noch
Kind, hatte aber die Kinder gar lieb und wußte so viele Märchen und
Geschichten zu erzählen, daß es eine Lust war, ihm zuzuhören.
„Jetzt trinke deinen Thee!“ sagte die Mutter, „dann erzählt dir der
Onkel vielleicht auch ein Märchen.“
„Ja, wenn man nur immer gleich ein neues wüßte!“ versetzte der alte Mann
und nickte gutmütig. „Aber wo hat denn der Kleine die nassen Füße
herbekommen?“ fragte er dann.
„Ja, wo er sie her hat,“ entgegnete die Mutter, „ist eben das
Unbegreifliche!“
„Erzählen Sie mir ein Märchen?“ fragte der Knabe.
„Ja, wenn du mir genau angeben kannst, denn das muß ich zuerst wissen,
wie tief der Rinnstein da drüben in der Gasse ist, in der deine Schule
liegt?“
„Gerade bis mitten an die Schäfte,“ sagte der Knabe, „aber dann muß ich
schon in das tiefe Loch treten!“
„Sieh, sieh! also da stammen die nassen Füße her!“ sagte der alte Mann.
„Nun müßte ich freilich ein Märchen erzählen, aber ich weiß keines
mehr.“ Die Mutter warf Fliederthee in die Kanne und goß siedendes Wasser
darüber.
„Erzählen Sie, erzählen Sie!“ bat der Knabe.
„Ja, wenn ein Märchen von selbst kommen wollte, aber solch echtes ist
gar vornehm, das kommt nur, wenn es Lust dazu hat -- --! Doch halt!“
sagte er plötzlich. „Da haben wir eins! Gieb acht, jetzt ist eins dort
in der Theekanne!“
Der kleine Knabe blickte nach der Theekanne hinüber, der Deckel hob sich
mehr und mehr und die Fliederblumen kamen frisch und weiß heraus,
trieben große lange Zweige, sogar aus der Tülle breiteten sie sich nach
allen Seiten aus und wurden größer und größer. Es war der prächtigste
Fliederbusch, ein ganzer Baum, der bis in das Bett hineinragte und die
Vorhänge zur Seite schob. Wie das blühte und duftete! Mitten im Baume
saß eine alte freundliche Frau in einem seltsamen Gewande, welches grün
wie die Blätter des Fliederbaumes war und einen Besatz von großen weißen
Fliederblüten hatte. Man konnte nicht sogleich unterscheiden, ob es Zeug
oder lebendiges Grün und Blumen waren.
„Wie heißt die Frau?“ fragte der Knabe.
„Die Römer und Griechen,“ entgegnete der alte Mann, „nannten sie eine
_Dryade_, aber das verstehen wir nicht. Draußen in den neuen Anlagen
haben wir einen bessern Namen für sie, dort heißt sie
„_Fliedermütterchen_“. Von ihr will ich dir nun erzählen. Höre zu:
„Ein ebenso großer, blühender Baum stand draußen in den neuen Anlagen
und zwar in der Ecke eines kleinen Hofes, welcher zu einem kleinen
Häuschen gehörte. Unter diesem Baume saßen eines Nachmittags im
herrlichsten Sonnenschein zwei alte Leute. Es war ein alter, alter
Seemann und sie seine alte, alte Frau. Sie waren Urgroßeltern und
sollten bald ihre goldene Hochzeit feiern, konnten sich aber nicht genau
des Datums erinnern. Fliedermütterchen saß in dem Baume und sah ebenso
vergnügt aus wie hier. „„Ich weiß wohl, wann eure goldene Hochzeit
ist!““ sagte sie, doch hörten jene es nicht, sie sprachen von alten
Tagen.“
„Erinnerst du dich dessen wohl noch,“ sagte der alte Seemann, „wie wir
ganz klein waren und umherliefen und spielten? Es war gerade in diesem
nämlichen Hofe, wo wir jetzt sitzen. Wir pflanzten kleine Stöckchen in
die Erde und machten uns einen Garten.“
„Ja,“ erwiderte die alte Frau, „dessen erinnere ich mich sehr wohl, und
wir begossen die Stöckchen, und eines derselben, ein Fliederzweig,
schlug Wurzeln, trieb grüne Schößlinge und ist nun zu dem großen Baume
herangewachsen, unter welchem wir alten Leute jetzt hier sitzen.“
„So ist’s!“ sagte er, „und dort in jener Ecke stand eine Wasserkufe;
dort schwamm mein Kahn, ich hatte ihn mir selbst geschnitzt. Wie er
segeln konnte! Ich sollte freilich das Segeln bald in andrer Weise
erlernen!“
„Ja, aber erst gingen wir in die Schule und lernten etwas!“ sagte sie,
„und dann wurden wir eingesegnet. Wir weinten alle beide; des
Nachmittags erstiegen wir Hand in Hand den runden Turm und schauten über
Kopenhagen und den Meeresspiegel hin. Dann gingen wir nach
Friedrichsberg hinaus, wo der König und die Königin in ihrer prächtigen
Gondel auf den Kanälen umherfuhren.“
„Aber mir war es freilich bald beschieden, in andrer Weise
umherzusegeln, und das so manches Jahr hindurch, weit hinaus auf langen,
beschwerlichen Reisen.“
„Ja, ich weinte oft deinetwegen!“ unterbrach sie ihn, „denn ich glaubte,
du lägest tot in der Tiefe des Wassers! Manche, manche Nacht stand ich
auf und sah nach, ob die Wetterfahne sich drehte. Sie drehte sich wohl,
doch du kamst nicht. Ich entsinne mich noch deutlich, wie eines Tages
ein heftiger Platzregen herniederrauschte, der Kehrichtkärrner machte
vor der Thüre meiner Dienstherrschaft Halt, ich ging mit dem
Kehrichtfasse hinunter und blieb an der Thüre stehen. Gerade wie ich so
dastand, kam plötzlich der Postbote auf mich zu und gab mir einen Brief.
Er war von dir. O, wie der umhergereist war! Ich brach ihn in Hast auf
und las ihn. Ich lachte und weinte, ich war so froh! Da stand, daß du in
den warmen Ländern wärest, wo die Kaffeebohnen wachsen. Was für ein
glückliches, gesegnetes Land muß das sein! Du erzähltest so viel und ich
sah es alles im Geiste, während der Regen fort und fort
herniederplätscherte und ich noch immer mit dem Kehrichtfasse dastand.
Plötzlich tauchte jemand neben mir auf, der mich um den Leib faßte -- --
--“
„Und dem du zur Belohnung eine klatschende Ohrfeige versetztest!“
„Wußte ich doch nicht, daß du es warst! Du warst mit deinem Briefe
zugleich angekommen; und du warst so schön -- --, doch das bist du noch.
Du machtest mit einem langen gelbseidenen Taschentuche Staat und trugest
einen weißen, funkelnagelneuen Hut. Du warst so fein. Gott, was war es
doch für ein Wetter, und wie sah die Straße aus!“
„Dann heirateten wir uns,“ fuhr er fort.
„Ja, und wie unsere Kinder nun sämtlich herangewachsen und brave
Menschen geworden sind,“ sagte sie.
„Und auch ihre Kinder haben schon wieder Kinder, das sind Kindeskinder,“
fiel der alte Matrose ein. „Wie mich dünkt, haben wir gerade in dieser
Zeit unsere Hochzeit gefeiert,“ setzte er hinzu.
„Ja, just heute ist der goldene Hochzeitstag!“ sagte Fliedermütterchen
und steckte den Kopf gerade zwischen die beiden Alten; diese aber
hielten sie für die Nachbarin, die ihnen zunickte. Sie schauten sich
einander an und hielten die Hände verschlungen. Bald darauf erschienen
die Kinder und Kindeskinder, die sehr wohl wußten, daß es der goldene
Hochzeitstag war und auch schon am Morgen gratuliert hatten; aber
während sich die Alten der Ereignisse aus längst vergangenen Jahren so
gut erinnerten, war ihnen dies wieder entfallen. Der Fliederbaum duftete
stark, und die Sonne, welche sich ihrem Untergange zuneigte, schien dem
greisen Ehepaare gerade ins Antlitz. Beide sahen rotwangig aus, und das
kleinste der Kindeskinder tanzte um sie herum und rief voller
Glückseligkeit, daß es heute abend hoch hergehen sollte, sie würden
warme Kartoffeln bekommen. Fliedermütterchen nickte in ihrem Baume und
rief mit allen anderen „Hurrah“.
„Aber das war ja gar kein Märchen!“ unterbrach der kleine Knabe den
Erzähler.
„Ja, das mußt du freilich verstehen!“ entgegnete der Alte. „Aber laß uns
das Fliedermütterchen danach fragen!“
„Es war kein Märchen!“ sagte Fliedermütterchen; „nun aber kommt es. Aus
der Wirklichkeit wächst gerade das seltsamste Märchen heraus; sonst
könnte ja mein prächtiger Fliederstrauch auch nicht aus der Theekanne
emporgesproßt sein.“
Darauf nahm es den Knaben aus seinem Bette, umschlang ihn mit den Armen
und die blütenbedeckten Zweige schlugen um sie zusammen, so daß sie wie
in der dichtesten Laube saßen. Diese flog mit ihnen durch die Luft, es
war unvergleichlich schön. Fliedermütterchen hatte sich plötzlich in ein
kleines niedliches Mädchen verwandelt, doch war der Rock noch von
demselben grünen, weißgeblümten Zeuge, welches Fliedermütterchen
getragen hatte. An der Brust hatte es eine wirkliche Fliederblüte und um
sein aschblondes, lockiges Haar einen ganzen Kranz von Fliederblüten.
Seine Augen waren groß und blau, o, es war eine Freude, dasselbe
anzusehen!
Hand in Hand gingen sie aus der Laube und standen nun in dem schönen
Blumengarten der Heimat. Bei dem frischen Rasenplatze lag der Stock des
Vaters an einen Pflock angebunden. Für die Kleinen war Leben in dem
Stocke; sobald sie sich quer über denselben setzten, verwandelte sich
der blanke Knopf in einen stolz wiehernden Kopf; die lange schwarze
Mähne flatterte, vier schlanke kräftige Beine wuchsen hervor: das Tier
war stark und feurig. Im Galopp ritten sie um den Rasenplatz herum und
fortwährend rief das kleine Mädchen, welches, wie wir wissen, niemand
anders als Fliedermütterchen war: „Nun sind wir auf dem Lande! Siehst du
das Bauernhaus mit dem großen Backofen, der wie ein riesengroßes, in der
Mauer befindliches Ei auf den Weg herausguckt? Der Fliederbaum läßt
seine Zweige über ihn herabhängen und der Hahn schreitet stolz einher
und scharrt nach Futter für seine Hühner. Doch nun vorwärts nach dem
prächtigen Rittergute!“
Und alles, was das kleine Mädchen, das hinten auf dem Stocke saß, sagte,
das flog auch an ihnen vorüber; der Knabe sah es, und doch kamen sie nur
um den Rasenplatz herum. Dann spielten sie in dem Seitengange und
steckten auf dem Boden einen kleinen Garten ab. Das Mädchen nahm die
Fliederblüte aus seinem Haar, pflanzte sie und sie wuchs ganz eben so
wie bei jenen Alten in die Höhe, als dieselben noch als Kinder, wie
früher erzählt ist, in den neuen Anlagen miteinander spielten. Wie jene
wandelten sie Hand in Hand, doch erstiegen sie nicht den roten Turm,
ergingen sich nicht im Friedrichsberger Parke, nein, das kleine Mädchen
faßte den Knaben um den Leib und dann flogen sie weit umher, und es war
Frühling und wurde Sommer, es war Herbst und wurde Winter, und tausend
Bilder spiegelten sich in den Augen und in dem Herzen des Knaben ab, und
immer sang das kleine Mädchen ihm vor: „Das darfst du nie vergessen!“
Während des ganzen Fluges duftete der Fliederbaum gar süß und herrlich.
Der Knabe nahm wohl die Rosen und die Blumen wahr, aber der Fliederbaum
duftete noch balsamischer, denn seine Blüten hingen an des kleinen
Mädchens Herzen und an dieses lehnte das kranke Knäblein während des
Fluges oft das müde Haupt.
„Hier ist es herrlich im Frühling!“ sagte das kleine Mädchen und sie
standen in einem knospenden Buchenwalde, wo grüner Waldmeister zu
ihren Füßen duftete und blaßrote Anemonen aus dem jungen Gras schauten.
„O, wäre es immer Frühling!“
„Hier ist es herrlich im Sommer!“ sagte sie und sie fuhren an alten
Burgen aus der Ritterzeit vorüber, deren rote Mauern und zackige Giebel
sich in den Gräben spiegelten, in denen Schwäne schwammen und in die
alten kühlen Baumgänge hinaufschauten. Auf dem Felde wogte das Korn
gleich der bewegten See, rote und gelbe Blumen wiegten sich in den
Gräben, an den Gehegen rankten sich wilder Hopfen und blühende Winden
empor, und des Abends ging der Mond groß und voll auf, und die
Heuschober auf den Wiesen dufteten süß. „Das vergißt sich nie!“
„Hier ist es herrlich im Herbst!“ sagte das kleine Mädchen, und die Luft
wurde doppelt so hoch und blau, der Wald nahm die schönsten Farben von
Rot, Gelb und Grün an, die Jagdhunde stürmten vorwärts, ganze Scharen
wilder Vögel flogen kreischend über die Hünengräber hin, auf denen sich
Brombeerranken über die alten Steine hinzogen. Auf dem tiefblauen Meere
zeigten sich überall weiße Segler, und in der Tenne saßen alte Frauen,
Mädchen und Kinder und pflückten Hopfen in ein großes Gefäß. Die Jungen
sangen Lieder, aber die Alten erzählten Märchen von Kobolden und
Zauberern. „Besseres ließ sich nicht leicht denken!“
„Hier ist es herrlich im Winter!“ sagte das kleine Mädchen, und alle
Bäume standen mit Reif bedeckt da, als wären sie in weiße Korallen
verwandelt. Der Schnee knirschte unter den Füßen, als ob man immer neue
Stiefel anhätte, und vom Himmel fiel eine Sternschnuppe nach der andern.
Im Zimmer wurde der Weihnachtsbaum angezündet, da gab es Geschenke und
fröhliche Laune. In der Bauernstube auf dem Lande ertönte lustiger
Fiedelklang, unter Jauchzen und Lachen haschte man nach Äpfelschnitten
und selbst das ärmste Kind bekannte: „Es ist doch herrlich im Winter!“
Ja, es war auch herrlich! Das kleine Mädchen zeigte dem Knaben alles und
der Fliederbaum duftete und die rote Flagge mit dem weißen Kreuze
flatterte, die Flagge, unter welcher der alte Seemann aus den neuen
Anlagen gesegelt war. Und aus dem Knaben wurde ein Jüngling und er
sollte hinaus in die weite Welt, weit fort nach den warmen Ländern,
wo der Kaffee wächst. Aber beim Abschied nahm das kleine Mädchen eine
Fliederblüte von der Brust und gab sie ihm zum Aufbewahren. Er legte sie
in sein Gesangbuch, und so oft er es im fremden Lande öffnete, fiel sein
Blick zuerst auf die Stelle, wo die Blüte der Erinnerung lag. Je länger
er sie anblickte, desto frischer wurde sie; er fühlte gleichsam einen
Duft aus den heimischen Wäldern und deutlich sah er zwischen den
Blütenblättern das kleine Mädchen mit seinen klaren Augen hervorlugen
und hörte, wie sie ihm zuflüsterte: „Hier ist es herrlich im Frühling,
Sommer, Herbst und Winter!“ Und Hunderte von Bildern glitten dann durch
seine Gedanken.