Die Thüre war zwar verschlossen, doch drückte sie auf die verrostete

Klinke, bis sie nachgab und die Thüre aufsprang, und nun lief die kleine

Gerda barfuß in die weite Welt hinaus. Dreimal schaute sie zurück, aber

niemand verfolgte sie. Endlich konnte sie nicht mehr gehen und setzte

sich auf einen großen Stein. Als sie nun um sich schaute, war der Sommer

vorbei; es war Spätherbst, was man in dem schönen Garten, wo fortwährend

Sonnenschein herrschte und Blumen aller Jahreszeiten standen, gar nicht

hatte wahrnehmen können.

„Gott, wie viel Zeit habe ich versäumt!“ sagte die kleine Gerda. „Es ist

ja Herbst geworden, da darf ich nicht rasten!“ und sie erhob sich, um

weiter zu gehen.

O wie wund und müde ihre kleinen Füße waren, und wie rauh und kalt es

ringsumher aussah! Die langen Weidenblätter waren gelb und in großen

Perlen träufelte der Tau herab. Ein Blatt nach dem andern fiel ab, nur

der Schlehendorn trug noch Früchte, die freilich herb genug waren und

den Mund zusammenzogen. O, wie grau und schwer es in der weiten Welt

doch war! --

_Vierte_ Geschichte. +Prinz und Prinzessin.+

Gerda mußte sich wieder ausruhen. Da hüpfte auf dem Schnee gerade vor

ihr eine große Krähe, die schon dagesessen, sie aufmerksam angeschaut

und mit dem Kopfe gewackelt hatte. Nun sagte sie: „Kra, kra! -- gut’

Tag, gut’ Tag!“ Besser konnte sie es nicht aussprechen, aber trotzdem

meinte sie es mit dem kleinen Mädchen sehr gut und fragte, wohin sie so

allein in die weite Welt hinausginge. Das Wort allein verstand Gerda nur

zu wohl und fühlte den ganzen Inhalt desselben gar tief, und dann

erzählte sie der Krähe ihr ganzes Leben und Schicksal und fragte, ob sie

Kay nicht gesehen hätte.

Und die Krähe nickte ganz bedächtig und sagte: „Es könnte sein, es

könnte sein!“

„Wie? Glaubst du?“ rief das kleine Mädchen und küßte die Krähe so

ungestüm, daß sie dieselbe fast tot gedrückt hätte.

„Vernünftig, vernünftig!“ entgegnete die Krähe. „Ich denke, es wird der

kleine Kay sein! Aber jetzt hat er dich wohl schon vergessen. Doch es

macht mir Mühe, deine Sprache zu reden. Allein, wenn du die

Krähensprache verstehst, dann kann ich besser erzählen!“

„Nein, die habe ich nicht gelernt!“ sagte Gerda, „doch die Großmutter

konnte sie recht geläufig. Hätte ich sie nur gelernt!“

„Thut nichts, thut nichts!“ sagte die Krähe, „ich werde erzählen, so gut

ich kann,“ und dann erzählte sie, was sie wußte:

„In dem Königreiche, in welchem wir hier sitzen, wohnt eine ungeheuer

kluge Prinzessin. Eines Tages fiel es dieser ein, sich zu vermählen. Sie

wollte jedoch einen Mann haben, der zu antworten verstand, wenn man ihn

anredete, einen, der nicht nur dastand und vornehm aussah, denn das ist

höchst langweilig. Nun ließ sie alle Hofdamen zusammentrommeln, und als

diese ihre Willensmeinung vernahmen, wurden sie sehr froh. „So hab ichs

gern!“ rief eine jede, „daran hab’ ich neulich auch schon gedacht!“

„Die Zeitungen erschienen sofort mit einem Rande von Herzen und den

Namenszügen der Prinzessin. Manniglich konnte darin schwarz auf weiß

lesen, daß es einem jeden jungen Manne von hübschem Äußeren frei stände,

auf das Schloß zu kommen und mit der Prinzessin zu sprechen, und den,

welcher so zu reden verstände, daß er sich trotz des ihn umgebenden

Glanzes unbefangen äußerte und zugleich am besten spräche, den wollte

die Prinzessin zum Manne nehmen! -- „Ja, ja!“ sagte die Krähe, „du

kannst es mir glauben, es ist so wahr, wie ich hier sitze. Die Leute

strömten herzu, da war ein Gedränge und Gelaufe, aber dennoch glückte es

niemand, weder den ersten noch den zweiten Tag. Wenn sie draußen auf der

Straße waren, konnten alle vortrefflich plaudern, sobald sie aber zum

Schloßportale hereintraten und die silberstrotzenden Leibwächter und die

Treppen hinauf die Diener in Gold und die großen erleuchteten Säle

erblickten, dann wurden sie verwirrt. Standen sie nun vor dem Throne,

auf welchem die Prinzessin saß, so vermochten sie nur ihr letztes Wort

nachzusprechen, und diese Wiederholung flößte ihr kein Interesse ein.

In ganzen Reihen standen sie vom Stadtthore bis zum Schlosse. Ich war

selbst drinnen, um es mit anzusehen!“ versicherte die Krähe.

„Aber Kay, der kleine Kay!“ fragte Gerda. „Wann kam er? Befand er sich

unter der Menge?“

„Eile mit Weile! nun sind wir gerade bei ihm! Am dritten Tage kam eine

kleine Person, weder mit Pferd, noch mit Wagen, ganz lustig und guter

Dinge gerade auf das Schloß hinaufspaziert. Seine Augen blitzten wie

deine, er hatte prächtiges langes Haar, aber sonst ärmliche Kleider.“

„Das war Kay!“ jubelte Gerda. „O, dann habe ich ihn gefunden!“ und dabei

klatschte sie in die Hände.

„Er hatte einen kleinen Ranzen auf seinem Rücken!“ sagte die Krähe.

„Nein, das war sicherlich sein Schlitten!“ sagte Gerda, „denn damit ging

er fort!“

„Das ist wohl möglich!“ entgegnete die Krähe; „ich sah nicht so genau

hin! Aber so viel weiß ich, daß er, als er in das Schloßthor hineintrat

und die silberstrotzenden Leibwachen und die Treppen hinauf die Diener

in Gold erblickte, nicht im Geringsten in Verlegenheit geriet. Er nickte

ihnen flüchtig zu und sagte: „Das muß langweilig sein, auf der Treppe zu

stehen. Ich gehe lieber hinein!“ Drinnen erglänzten die Säle in hellem

Kerzenscheine. Geheimeräte und Exzellenzen gingen auf bloßen Füßen und

trugen goldene Gefäße; man konnte wohl beklommen werden. Seine Stiefel

knarrten entsetzlich laut, doch schien er sich darüber gar nicht zu

beunruhigen.“

„Das ist ganz gewiß Kay!“ rief Gerda, „ich weiß, er hatte neue Stiefel;

ich habe sie in der Stube der Großmutter knarren hören!“

„Ja, geknarrt haben sie!“ versetzte die Krähe, „und munter und guter

Dinge ging er gerade zur Prinzessin hinein; dieselbe saß auf einer

Perle, die so groß wie ein Spinnrad war. Alle Hofdamen mit ihren Zofen,

und den Zofen ihre Zofen, und alle Kavaliere mit ihren Dienern, und den

Dienern ihrer Diener, die sich auch einen Burschen hielten, standen

ringsherum aufgestellt.“

„Das muß fürchterlich sein!“ sagte die kleine Gerda. „Und Kay hat die

Prinzessin doch bekommen?“

„Ja, er hat sie bekommen,“ sagte die Krähe, „da er so gut zu reden

verstand.“

„Ja, sicher! das war Kay!“ sagte Gerda, „er war so klug, er konnte mit

Brüchen im Kopfe rechnen! -- O, willst du mich nicht auf dem Schlosse

einführen!“

„Ja, das ist leicht gesagt!“ meinte die Krähe. „Aber wie machen wir das?

Denn das will ich dir nur sagen, so ein kleines Mädchen, wie du bist,

erhält nie Erlaubnis zum Eintritt!“

„Ja, die bekomme ich!“ rief Gerda aus. „Wenn Kay von meiner Ankunft

hört, kommt er gleich heraus und holt mich!“

„Erwarte mich dort am Zaune!“ erwiderte die Krähe, wackelte mit dem

Kopfe und flog davon.

Es war schon dunkel, als die Krähe zurückkehrte. „Rar, rar!“ sagte sie.

„Es ist für dich unmöglich, in das Schloß zu gelangen, weil du barfuß

bist. Die silberstrotzenden Leibwachen und Diener in Gold würden es

nicht gestatten. Weine jedoch nicht, du sollst doch schon hinaufkommen.

Ich habe nämlich eine Base, die im Schlosse Kammerjungfer ist, die kennt

eine kleine Hintertreppe, die zum Schlafzimmer hinaufführt, und sie

weiß, wo sie den Schlüssel holen kann!“

Sie gingen in den Garten hinein, in den großen Baumgang, wo schon ein

Blatt nach dem andern abfiel, und als auf dem Schlosse nach und nach die

Lichter ausgelöscht wurden, führte die Krähe die kleine Gerda zu einer

Hinterthür, die nur angelehnt war.

O, wie Gerdas Herz vor Angst und Sehnsucht klopfte! Ihr war zu Mute, als

ob sie etwas Böses thun wollte, und sie wollte doch nur erfahren, ob der

kleine Kay da wäre. Ja, er mußte es sein! Sie stellte sich ganz lebendig

seine klugen Augen, sein langes Haar vor; sie sah ihn ordentlich

lächeln, wie damals, als sie daheim unter den Rosen saßen. Er würde sich

gewiß freuen, sie zu sehen und dann von ihr zu hören, einen wie weiten

Weg sie um seinetwegen zurückgelegt hätte, und wie betrübt sie alle zu

Hause gewesen wären, als er nicht wieder heimkehrte. O, das war eine

Furcht und eine Freude!

Nun waren sie auf der Treppe. Dort brannte eine kleine Lampe auf einem

Schranke. Mitten auf dem Fußboden stand die Base der Krähe und

betrachtete Gerda, die sich vor ihr verneigte.

„Ich werde vorangehen,“ begann die Schloßkrähe. „Wir gehen hier den

geraden Weg, denn da begegnen wir niemand!“

„Mir ist, als ob jemand hinter uns kommt!“ sagte Gerda, und es sauste

wirklich etwas an ihr vorüber. Es war, als ob Schatten über die Wand hin

glitten, Pferde mit flatternden Mähnen und schlanken Beinen,

Jägerburschen, Herren und Damen zu Pferde.

„Das sind nur Träume!“ sagte die Krähe, „sie kommen und holen die

Gedanken der hohen Herrschaft zur Jagd ab.“

Nun traten sie in den ersten Saal hinein; er war mit rosenrotem Atlas

behängt und künstliche Blumen zogen sich an allen Wänden hinauf. Hier

sausten die Träume schon an ihnen vorüber, flogen aber so schnell, daß

Gerda die hohe Herrschaft nicht zu sehen bekam. Ein Saal war immer

prächtiger als der andere; der Anblick der vielen Kostbarkeiten konnte

einen förmlich betäuben. Jetzt waren sie in dem Schlafzimmer. Die Decke

desselben glich einer großen Palme mit Blättern vom herrlichsten Glase,

und mitten auf dem Fußboden hingen an einem dicken Stengel von Gold zwei

Betten, deren jedes die Gestalt einer Lilie hatte. Das eine, in welchem

die Prinzessin lag, war weiß; das andere war rot, und in diesem sollte

Gerda den kleinen Kay suchen. Sie bog eines der roten Blätter zur Seite

und da erblickte sie einen braunen Nacken. Ja, das war Kay! Sie rief

ganz laut seinen Namen, hielt die Lampe, daß das Licht auf ihn fiel --

die Träume sausten zu Pferde wieder in die Stube hinein -- er erwachte,

wandte das Haupt -- -- -- und es war nicht der kleine Kay.

Der Prinz ähnelte ihm nur im Nacken, war aber jung und schön. Und aus

dem weißen Lilienbette guckte die Prinzessin hervor und fragte, was das

wäre. Da weinte die kleine Gerda und erzählte ihre ganze Geschichte und

alles, was die Krähen für sie gethan hätten.

„Du arme Kleine!“ sagten der Prinz und die Prinzessin und lobten die

Krähen und sagten, sie wären gar nicht böse auf sie, sie sollten es aber

doch ja nicht öfter thun. Indes sollten sie eine Belohnung erhalten.

„Wollt ihr frei fliegen?“ sagte die Prinzessin, „oder wollt ihr eine

feste Anstellung als Hofkrähen haben, mit allem, was aus der Küche

abfällt?“

Und beide Krähen verneigten sich und baten um feste Anstellung, denn sie

dachten an ihr Alter und sagten, es wäre so schön, im Alter sorgenfrei

leben zu können.

Der Prinz erhob sich aus seinem Bette und ließ Gerda in demselben

schlafen, und mehr konnte er doch nicht thun. Sie faltete ihre keinen

Händchen und dachte: „Wie gut Menschen und Tiere doch sind!“ und dann

schloß sie die Augen und entschlummerte sanft.

Am nächsten Morgen wurde sie von Kopf bis zu Fuß in Sammet und Seide

gekleidet. Sie wurde freundlich aufgefordert, auf dem Schlosse zu

bleiben und herrlich und in Freuden zu leben, aber sie bat lediglich um

einen kleinen Wagen mit einem Pferde und um ein Paar Stiefelchen, dann

wollte sie wieder in die weite Welt hinausfahren und Kay suchen.

Sie erhielt sowohl Stiefelchen als auch einen Muff und ward niedlich

gekleidet. Als sie fort wollte, hielt vor der Thüre ein neues Wägelchen

aus reinem Golde, das Wappen des Prinzen und der Prinzessin leuchtete

wie ein Stern auf demselben. Kutscher, Diener und Vorreiter saßen da mit

goldenen Kronen auf dem Kopfe. Der Prinz und die Prinzessin halfen Gerda

in den Wagen und wünschten ihr alles Glück. „Lebewohl, lebewohl!“ riefen

ihr beide nach, und die kleine Gerda weinte und die Krähen auch. Die

Waldkrähe begleitete sie die ersten drei Meilen; sie saß ihr zur Seite,

weil sie das Fahren auf dem Rücksitz nicht vertragen konnte. Inwendig

war der Wagen mit Zuckerbretzeln gefüttert und die Sitzkasten waren mit

Früchten und Pfeffernüssen angefüllt.

So ging es die ersten drei Meilen, dann sagte auch die Krähe Lebewohl,

und das war der schwerste Abschied. Sie flog auf einen Baum und schlug

mit ihren schwarzen Flügeln, solange sie noch den Wagen, der wie der

helle Sonnenschein glänzte, sehen konnte.

_Fünfte_ Geschichte. +Das kleine Räubermädchen.+

Sie fuhren durch den dunklen Wald, aber der Wagen leuchtete weithin.

„Das ist Gold!“ riefen die Räuber, stürzten hervor, fielen den Pferden

in die Zügel, erschlugen die kleinen Vorreiter, den Kutscher und die

Diener und zogen nun die kleine Gerda aus dem Wagen.

„Sie ist fett, sie ist reizend, sie ist mit Nußkernen gemästet!“ sagte

das alte Räuberweib, welches einen langen struppigen Bart und

Augenbrauen hatte, die ihr bis über die Augen herabhingen. „Das ist

ebenso gut wie ein kleines fettes Lamm! Nun, wie soll sie schmecken.“

Bei diesen Worten zog sie ihr blankes Messer heraus und das blitzte, daß

es Angst einjagen konnte.

„Au!“ schrie das Weib zu gleicher Zeit. Kein Wunder! der Frau wilde und

ungeberdige Tochter, die auf ihrem Rücken hing, hatte sie in das Ohr

gebissen und so konnte sie nicht gleich dazu kommen, Gerda zu

schlachten.

„Sie soll mit mir spielen!“ sagte das kleine Räubermädchen herrisch.

„Sie soll mir ihren Muff, ihr schönes Kleid geben, sie soll neben mir in

meinem Bette schlafen!“

„Ich will in den Wagen hinein!“ sagte das kleine Räubermädchen, und es

mußte und wollte seinen Willen haben, denn es war gar verhätschelt und

gar halsstarrig. Es setzte sich mit Gerda hinein und dann fuhren sie

über Stock und Stein immer tiefer in den Wald. Das kleine Räubermädchen

war eben so groß wie Gerda, aber kräftiger, breitschultriger und

gebräunter. Seine Augen waren ganz schwarz, sie sahen fast traurig aus.

Es faßte die kleine Gerda um den Leib und sagte: „Sie sollen dich nicht

schlachten, so lange ich nicht böse auf dich werde! Du bist gewiß eine

Prinzessin?“

„Nein,“ erwiderte die kleine Gerda, und erzählte ihr alles, was sie

erlebt hatte und wie lieb sie den kleinen Kay hätte.

Jetzt hielt der Wagen still; sie befanden sich mitten auf dem Hofe eines

Räuberschlosses. Von oben bis unten war es geborsten, Raben und Krähen

flogen aus den offenen Löchern, und die großen Bullenbeißer, die

aussahen, als könnte jeder einen Menschen verschlingen, sprangen hoch

empor, aber ohne zu bellen, denn das war verboten.

Mitten auf dem steinernen Fußboden des großen, alten, verräucherten

Saales brannte ein großes Feuer. Der Rauch zog unter der Decke hin und

drang durch die zahlreichen Risse und Sprünge ins Freie. In einem großen

Braukessel wurde Suppe gekocht und Hasen wie Kaninchen wurden am Spieße

gedreht.

„Du sollst diese Nacht mit mir bei allen meinen lieben Tierchen

schlafen!“ sagte das Räubermädchen. Sie erhielten nun zu essen und zu

trinken und gingen dann nach einer Ecke, wo Stroh und Decken lagen. Oben

drüber saßen auf Latten und Stangen wohl an hundert Tauben, die alle zu

schlafen schienen, sich aber doch ein wenig bewegten, als die kleinen

Mädchen kamen.

„Die gehören samt und sonders mir!“ sagte das kleine Räubermädchen und

ergriff schnell eine der nächsten, hielt sie an den Beinen und

schüttelte sie, bis sie mit den Flügeln schlug.

„Dort sitzt das Waldgesindel!“ fuhr sie fort und deutete auf eine Menge

Stäbe, die hoch oben vor einem Loche in die Mauer eingeschlagen waren.

„Das ist mein Waldgesindel und hier steht mein altes, liebstes Bä!“

Dabei zog sie ein Renntier am Geweihe hervor, welches einen blanken

Kupferring um den Hals hatte und angebunden war. „Jeden Abend kitzle ich

es mit meinem scharfen Messer am Halse, wovor es sich sehr fürchtet!“

Das kleine Mädchen zog ein langes Messer aus einer Spalte in der Mauer

und ließ es über den Hals des Renntieres hingleiten.

„Willst du das Messer während des Schlafes bei dir behalten?“ fragte

Gerda und sah sie etwas ängstlich an.

„Ich schlafe immer mit dem Messer!“ sagte das kleine Räubermädchen. „Man

weiß nicht, was sich ereignen kann. Aber nun lass mich’s noch einmal

hören, was du mir vorhin von dem kleinen Kay erzähltest, und weshalb du

in die weite Welt hinausgegangen bist.“ Und Gerda begann ihre Geschichte

wieder von vorn, und die Waldtauben girrten oben in ihrem Käfig, die

andern Tauben aber schliefen. Das kleine Räubermädchen legte einen Arm

um Gerda’s Hals, hielt das Messer in der andern Hand und schnarchte, daß

man es hören konnte, Gerda jedoch war nicht imstande, ein Auge zu

schließen, wußte sie doch nicht, ob sie leben bleiben oder sterben

sollte. Die Räuber saßen rund um das Feuer, sangen und tranken und das

Räuberweib schlug Purzelbäume. O, es war dem kleinen Mädchen wahrhaft

entsetzlich, dies mit ansehen zu müssen.

Da sagten die Waldtauben: „Kurre, kurre! wir haben den kleinen Kay

gesehen. Ein weißes Huhn trug seinen Schlitten, er saß auf dem Wagen der

Schneekönigin, welche unmittelbar über den Wald hinfuhr, als wir im

Neste lagen. Sie blies uns junge Tauben an und mit Ausnahme von uns

beiden starben alle; kurre, kurre!“

„Was sagt ihr dort oben?“ rief Gerda. „Wohin reiste die Schneekönigin?

Ist euch etwas davon bekannt?“

„Sie reiste vermutlich nach Lappland, denn dort ist immer Schnee und

Eis! Frage nur das Renntier, welches dort angebunden steht!“

„Dort ist Eis und Schnee, dort ist ein gesegnetes und herrliches Land!“

versetzte das Renntier. „Dort springt man in den großen, glitzernden

Thälern frei umher. Dort hat die Schneekönigin ihr Sommerzelt, aber ihr

festes Schloß hat sie oben nach dem Nordpole zu, auf der Insel, die

Spitzbergen genannt wird!“

„O, Kay, lieber Kay!“ seufzte Gerda.

„Nun mußt du still liegen!“ sagte das Räubermädchen, „sonst stoße ich

dir das Messer in den Leib!“

Am Morgen erzählte Gerda ihr alles, was die Waldtauben gesagt hatten,

und das kleine Räubermädchen sah ganz ernsthaft aus, nickte jedoch mit

dem Kopfe und sagte: „Das ist ganz gleich! -- Weißt du, wo Lappland

liegt?“ fragte sie das Renntier.

„Wer sollte es wohl besser wissen, als ich,“ sagte das Tier, und die

Augen leuchteten ihm im Kopfe. „Dort bin ich geboren und aufgewachsen,

dort habe ich mich auf den Schneefeldern umhergetummelt.“

„Höre!“ sagte das Räubermädchen zu Gerda. „Wie du siehst, sind unsere

Mannsleute sämtlich fort, aber Mutter ist noch hier und bleibt auch zu

Hause. Zum Frühstück trinkt sie jedoch aus der großen Flasche und

entschlummert bald darauf. Dann will ich etwas für dich thun.“

Als nun die Mutter aus ihrer Flasche getrunken hatte und einen kleinen

Nickkopf machte, ging das Räubermädchen zum Renntiere und sagte: „Ich

hätte zwar ganz besondere Lust, dich noch manchmal mit dem scharfen

Messer zu kitzeln, denn das ist außerordentlich belustigend, aber

gleichviel, ich will trotzdem deinen Strick lösen und dir hinaushelfen,

daß du nach Lappland laufen kannst, aber du mußt laufen wie noch nie und

mir dieses kleine Mädchen nach dem Schlosse der Schneekönigin bringen,

wo sich ihr Spielkamerad aufhält. Du hast wohl gehört, was sie erzählte,

denn sie schwatzte laut genug, und du pflegst zu lauschen!“

Das Renntier sprang vor Freude hoch auf. Das Räubermädchen hob die

kleine Gerda hinauf und war vorsichtig genug, sie festzubinden und ihr

sogar ein kleines Sitzkissen zu geben. „Das ist einerlei!“ sagte sie,

„da hast du deine Pelzstiefelchen wieder, denn es wird kalt werden, den

Muff behalte ich aber, er ist doch gar zu niedlich! Gleichwohl sollst du

nicht frieren. Hier hast du meiner Mutter große Fausthandschuhe, sie

reichen dir gerade bis an die Ellbogen! Zieh sie an!“

Gerda weinte vor Freude.

„Solch’ Gejammer kann ich nicht ausstehen!“ sagte das kleine

Räubermädchen. „Nun mußt du gerade vergnügt aussehen! Hier hast du noch

zwei Brote und einen Schinken, damit du nicht zu hungern brauchst!“

Beides wurde hinten auf das Renntier gebunden; das kleine Räubermädchen

öffnete die Thüre, lockte alle die großen Hunde herein, zerschnitt dann

den Strick mit ihrem Messer und sagte zum Renntiere: „Lauf nun, aber

gieb wohl auf das kleine Mädchen acht!“

Und Gerda streckte die Hände mit den großen Fausthandschuhen gegen das

Räubermädchen aus, sagte Lebewohl und dann flog das Renntier vorwärts

über Gebüsch und Gestrüpp, durch den großen Wald, über Sümpfe und

Steppen, so schnell es vermochte. Die Wölfe heulten und die Raben

schrieen. Schwaches Knistern ließ sich aus weiter Ferne vernehmen und

starkes Wetterleuchten zeigte sich auf allen Seiten.

„Das sind meine alten Nordlichter!“ sagte das Renntier, „sieh, wie sie

leuchten!“ und dann lief es noch hurtiger vorwärts, Tag und Nacht. Die

Brote wurden verzehrt, der Schinken dazu und dann waren sie in Lappland.

_Sechste_ Geschichte. +Die Lappin und die Finnin.+

Vor einem kleinen, unansehnlichen Häuschen machten sie Halt. Das Dach

ging bis zur Erde hinunter, und die Thüre war so niedrig, daß die

Bewohner nur auf dem Bauche kriechend sich durch den Eingang zwängen

konnten. Mit Ausnahme einer Lappin, welche neben einer Thranlampe stand

und Fische briet, war niemand daheim. Das Renntier erzählte ihr Gerdas

ganze Geschichte, zuerst jedoch seine eigene, welche ihm ungleich

wichtiger erschien, und Gerda war vor Kälte so erstarrt, daß sie nicht

zu reden vermochte.

„Ach, ihr Armen!“ sagte die Lappin, „da habt ihr noch weit zu laufen!

Ihr müßt über hundert Meilen weit in das Innere der Finnmark hinein,

denn dort hat die Schneekönigin ihre Sommerwohnung und läßt jeden Abend

blaue Flammen auflodern. Ich werde in Ermangelung des Papiers ein paar

Worte auf einen trocknen Stockfisch schreiben, den werde ich euch an die

Finnin dort oben mitgeben, welche euch bessere Auskunft erteilen kann,

als ich!“

Als sich Gerda nun wieder erwärmt und zu essen und zu trinken bekommen

hatte, schrieb die Lappin ein paar Worte auf einen trocknen Klippfisch,

bat Gerda, denselben wohl zu verwahren, band sie wieder auf das Renntier

und dieses sprang davon. Oben in der Luft knisterte es und die ganze

Nacht brannten die schönsten blauen Nordlichter; und dann kamen sie nach

Finnmark und klopften an den Schornstein der Finnin, denn sie hatte

nicht einmal eine Thür.

Es herrschte eine Hitze darin, daß sogar die Finnin nur eine ganz dünne

Bekleidung trug. Sie war klein und starrte von Schmutz. Sie löste sofort

die Kleider der kleinen Gerda auf, zog ihr die Fausthandschuhe und

Stiefel aus, weil sie die Hitze sonst nicht hätte ertragen können, legte

dem Renntiere ein Stück Eis auf den Kopf und las dann, was auf dem

Klippfische geschrieben stand.

„Du bist sehr klug!“ sagte das Renntier; „ich weiß, du kannst alle Winde

der Welt mit einem Zwirnsfaden zusammenbinden. Wenn der Schiffer den

einen Knoten löst, erhält er guten Wind, löst er den andern, dann bläst

ein scharfer Wind, und löst er den dritten und vierten, dann stürmt es,

daß die Wälder niederstürzen. Willst du dem kleinen Mädchen nicht einen

Trank geben, daß sie die Kraft von zwölf Männern erhält und die

Schneekönigin überwindet?“

„Die Kraft von zwölf Männern!“ sagte die Finnin, „die würde sicher nicht

ausreichen!“ Dann ging sie nach einem Gestell, holte ein großes

zusammengerolltes Fell hervor und entrollte es. Seltsame Buchstaben

waren darauf geschrieben, und die Finnin las, daß ihr dicke

Schweißtropfen von der Stirn rieselten.

Aber das Renntier bat so beweglich für die kleine Gerda und diese

schaute die Finnin mit so bittenden, thränenfeuchten Augen an, daß

dieselbe das Renntier in eine Ecke zog, wo sie demselben zuflüsterte,

während sie ihm frisches Eis auf den Kopf legte:

„Der kleine Kay ist wirklich bei der Schneekönigin, findet dort alles

nach seinem Wunsche und Behagen und meint, ihm sei das beste Los in der

Welt zugefallen. Das rührt aber davon her, daß ihm ein Glassplitter in

das Herz und ein Glaskörnchen in das Auge gedrungen ist. Beides muß erst

heraus, sonst wird er nie wieder ein tüchtiger Mensch und die

Schneekönigin behält Gewalt über ihn.“

„Aber kannst du der kleinen Gerda nichts eingeben, daß sie Macht über

das Ganze erhält?“

Märchen für Kinder · 第 10 / 14 段