Aber sie verstummten nicht, und der Tod nickte zu allem, was gesagt

wurde.

„Musik, Musik!“ schrie der Kaiser. „Du kleiner lieblicher Goldvogel,

singe doch, singe! Ich habe dir Gold und Kostbarkeiten gegeben, ich habe

dir selbst meinen goldenen Pantoffel um den Hals gehängt, singe doch,

singe!“

Aber der Vogel schwieg, es war niemand da, ihn aufzuziehen, und sonst

sang er nicht. Aber der Tod fuhr fort, den Kaiser mit seinen großen,

leeren Augenhöhlen anzuschauen, und es war so still, so erschrecklich

still.

Da ertönte plötzlich, dicht neben dem Fenster, der herrlichste Gesang.

Er rührte von der kleinen, lebendigen Nachtigall her, die draußen auf

einem Zweige saß. Sie hatte von ihres Kaisers Not gehört und war deshalb

gekommen, ihm Trost und Hoffnung zuzusingen. Und wie sie sang,

erbleichten die Spukgestalten mehr und mehr, immer rascher pulsierte das

Blut in des Kaisers schwachem Körper und selbst der Tod lauschte und

sagte: „Fahre fort, kleine Nachtigall, fahre fort!“

„Ja, wenn du mir des Kaisers goldenen Säbel, seine Fahne und seine Krone

geben willst.“

Und der Tod gab jedes Kleinod für einen Gesang hin, und die Nachtigall

war unermüdlich. Sie sang von dem stillen Friedhofe, wo die weißen Rosen

wachsen, wo der Flieder duftet und wo das frische Gras von den Thränen

der Überlebenden benetzt wird. Da bekam der Tod Sehnsucht nach seinem

Garten und schwebte wie ein kalter, weißer Nebel zum Fenster hinaus.

„Dank, Dank!“ sagte der Kaiser, „du himmlischer kleiner Vogel, ich kenne

dich wohl! Dich habe ich aus meinem Lande und Reiche verwiesen, und doch

hast du die bösen Geister von meinem Bette hinweggesungen, den Tod von

meinem Herzen vertrieben! Wie soll ich dir lohnen?“

„Du hast mir gelohnt!“ sagte die Nachtigall, „Thränen haben deine Augen

vergossen, als ich das erstemal sang; das vergesse ich dir nie, das sind

die Juwelen, die eines Sängers Herzen wohl thun. Aber schlafe nun, werde

frisch und gesund! Ich will dich einsingen.“

Sie sang -- -- und der Kaiser fiel in einen süßen, sanften, erquickenden

Schlaf.

[Farbtafel/Plate]

Die Sonnenstrahlen fielen durch das Fenster auf ihn, als er gestärkt und

gesund erwachte. Noch war keiner von seinen Dienern zurückgekommen, denn

sie hielten ihn für tot, aber die Nachtigall saß noch da und sang.

„Immer mußt du bei mir bleiben!“ sagte der Kaiser; „du sollst nur

singen, wenn du willst, und den Kunstvogel schlage ich in tausend

Stücke!“

„Thue das nicht!“ sagte die Nachtigall. „Er hat gethan, was er zu thun

vermochte; behalte ihn auch fernerhin. Ich kann in einem Schlosse nicht

wohnen, doch laß mich zu dir kommen, so oft mich das Verlangen dazu

treibt; dann will ich des Abends dort auf dem Zweige vor dem Fenster

sitzen und dir vorsingen, damit du froh, aber auch zugleich nachdenklich

wirst. Ich will singen von den Glücklichen und von denen, welche leiden;

ich will singen vom Bösen und Guten, was dir verhehlt wird. Der kleine

Singvogel fliegt weit umher zu dem armen Fischer, zu des Landmannes

Dach, zu jedem, der fern von dir und deinem Hofe ist. Dein Herz liebe

ich mehr, als deine Krone, und doch hat die Krone etwas von dem Dufte

des Heiligen an sich. -- Ich komme, ich singe dir vor! Aber Eins mußt du

mir versprechen!“

„Alles!“ sagte der Kaiser und stand da in seiner kaiserlichen Tracht,

die er sich selbst angelegt hatte, und legte den Säbel, der von Gold

schwer war gegen sein Herz.

„Um Eines bitte ich dich! Erzähle niemand, daß du einen kleinen Vogel

hast, der dir alles sagt, dann wird es noch besser gehen!“

Darauf flog die Nachtigall fort.

Die Diener kamen herein, um nach ihrem toten Kaiser zu sehen; -- ja,

da standen sie und der Kaiser sagte ganz frisch und munter: „_Guten

Morgen!_“

Die Schneekönigin.

Märchen in sieben Geschichten.

[Abbildungen/Illustrations: capE74, pic76.jpg, pic79.jpg, tafel1.jpg]

_Erste_ Geschichte. +Der Zauberspiegel.+

Ein böser Zauberer hatte einst einen Spiegel angefertigt, der die

Eigenschaft besaß, daß alles Gute und Schöne, das sich darin spiegelte,

zusammenschrumpfte und häßlich grinste, während das, was nichts taugte,

deutlich hervortrat und sich gut ausnahm. Das wäre lustig, meinten die,

welche die Schule des Zauberers besuchten, denn dieser gab Unterricht im

Zaubern. Sie liefen mit dem Spiegel umher und zuletzt war weder ein Land

noch ein Mensch, die nicht ihr verdrehtes Bild gesehen hätten.

Nun wollten sie zuletzt sogar auch noch zum Himmel emporfliegen, um mit

den Engeln und dem lieben Gott ihren Spott zu treiben. Je höher sie mit

dem Spiegel flogen, desto stärker grinste er, daß sie ihn kaum

festhalten konnten. Höher und höher flogen sie, Gott und seinen Engeln

immer näher. Da erbebte der Spiegel in seinem Grinsen so furchtbar, daß

er ihren Händen entglitt und auf die Erde hinunterstürzte, wo er in

hundert Millionen, Billionen und noch mehr Stücke zerbrach. Aber gerade

hienieden richtete er weit größeres Unglück an als zuvor, denn einige

Stücke waren kaum so groß wie ein Sandkorn, und diese verbreiteten sich

über die ganze weite Welt. Wo sie den Leuten in die Augen kamen, da

blieben sie sitzen, und dann sahen die Menschen alles verkehrt oder

hatten nur Augen für das Verkehrte bei einer Sache, denn jedes

Spiegelsplitterchen hatte dieselben Kräfte behalten, welche dem ganzen

Spiegel eigen waren. Einigen Menschen drang ein solcher Spiegelsplitter

sogar in das Herz, und dann war es entsetzlich, das Herz wurde förmlich

ein Eisklumpen. Einige Scherben waren so groß, daß sie zu

Fensterscheiben benutzt wurden, andere Stücke dienten als Brillengläser,

was natürlich eine große Verwirrung anrichtete. Und immer noch flogen

kleine Glassplitter in der Luft umher. Wir werden nun hören, was durch

dieselben geschah.

_Zweite_ Geschichte. +Die Nachbarskinder.+

In der großen Stadt, wo so viel Leute beisammenwohnen, daß nicht alle

ein Gärtchen haben können, sondern viele sich mit Blumentöpfen begnügen

müssen, lebten einst zwei arme Kinder, die einen etwas größeren Garten

als einen Blumentopf besaßen. Sie waren nicht Bruder und Schwester,

hatten einander aber eben so lieb, als ob sie es wären. Ihre Eltern

wohnten in unmittelbarer Nachbarschaft. Sie bewohnten zwei Dachkammern,

da, wo das Dach des einen Nachbarhauses das des andern berührte und die

Wasserrinne zwischen den Dächern entlang lief. Dort hinaus blickte aus

jedem Hause ein Fenster. Man brauchte nur über die Rinne zu schreiten,

um von dem einen Fenster nach dem andern zu gelangen.

Jedes Elternpaar hatte draußen einen hölzernen Kasten angebracht, in

welchem die nötigsten Küchenkräuter gezogen wurden. Auch befand sich

in jedem Kästchen ein kleiner Rosenstock und beide wuchsen und gediehen

herrlich. Nun gerieten die Eltern auf den Gedanken, die Kästen quer über

die Rinne so auszustellen, daß sie fast von dem einen Fenster bis zu

dem andern reichten und sich völlig wie zwei Blumenwälle ausnahmen.

Erbsenranken hingen über die Kästen hinunter und die Rosenstöcke trieben

lange Zweige, rankten sich um die Fenster, neigten sich einander zu

und bildeten fast eine Laube, und die Kinder erhielten oftmals die

Erlaubnis, hinauszuklettern und unter den Rosen miteinander zu spielen.

Im Winter war ja dies Vergnügen vorüber. Die Fenster waren dann oft ganz

zugefroren. Doch dann wärmten sie Kupferdreier auf dem Ofen, hielten sie

gegen die gefrorene Scheibe und dann bildete sich dort ein prächtiges

Guckloch, so rund, o so rund; dahinter strahlte ein glückliches sanftes

Auge, eines hinter jedem Fenster. Das war der kleine Knabe und das

kleine Mädchen. Er hieß _Kay_ und sie hieß _Gerda_. Im Sommer konnten

sie rasch bei einander sein, im Winter aber mußten sie die vielen

Treppen hinunter und hinauf. -- Draußen wirbelte der Schnee.

„Jetzt schwärmen die weißen Bienen!“ sagte die alte Großmutter.

„Haben sie auch eine Bienenkönigin?“ fragte der kleine Knabe.

„Die haben sie!“ sagte die Großmutter, „sie fliegt immer dort, wo sie am

dichtesten schwärmen. Sie ist die größte von allen Schneeflocken, und

nie ist sie ruhig auf Erden, sie fliegt gleich wieder zu der schwarzen

Wolke empor. Manche Winternacht fliegt sie durch die Straßen der Stadt

und guckt zu den Fenstern hinein, und dann gefrieren diese so wunderbar,

als wären sie mit Blumen besäet.“

„Ja, das habe ich gesehen!“ riefen beide Kinder, und nun wußten sie, daß

es Wahrheit wäre.

„Kann die Schneekönigin hereinkommen?“ fragte das kleine Mädchen.

„Laß sie nur kommen,“ sagte der Knabe, „dann setze ich sie auf den

warmen Kachelofen und sie muß zerschmelzen!“

Aber die Großmutter strich ihm das Haar glatt und erzählte andere

Geschichten.

Des Abends, als der kleine Kay zu Hause und halb ausgezogen war,

kletterte er auf den Stuhl am Fenster und guckte zu dem kleinen Loch

hinaus. Ein paar Schneeflocken fielen draußen und eine derselben, die

allergrößte, blieb auf dem Rande des einen Blumenkastens hängen. Die

Schneeflocke wuchs und wuchs, bis sie sich zuletzt in eine vollständige

Frau verwandelte, in den feinsten weißen Flor gehüllt, der wie von

Millionen sternartiger Flocken zusammengesetzt war. Sie war schön und

fein, aber von Eis, dem blendenden, blinkenden Eis, doch war sie

lebendig. Die Augen funkelten wie zwei helle Sterne, aber unstät rollten

sie umher ohne Ruh und Rast. Sie nickte nach dem Fenster zu und winkte

mit der Hand. Der kleine Knabe erschrak und sprang vom Stuhle hinunter.

Da war es, als flöge ein großer Vogel draußen an dem Fenster vorüber.

Am folgenden Tag war klares Frostwetter -- -- und dann begann es zu

thauen, der Lenz hielt seinen Einzug, die Sonne schien, die Spitzen der

Grashälmchen sproßten hervor, die Schwalben bauten Nester, die Fenster

wurden geöffnet, und die kleinen Kinder saßen wieder in ihrem Gärtchen

hoch oben in der Dachrinne über allen Stockwerken.

Die Rosen blühten während dieses Sommers besonders schön. Das kleine

Mädchen hatte ein Lied gelernt und sang es dem Knaben vor und er sang

mit:

„Ich liebe die Rosen in all ihrer Pracht,

Doch mehr noch den Heiland, der selig uns macht!“

Kay und Gerda saßen und sahen sich das Bilderbuch mit den vielen Tieren

und Vögeln an, da war es -- die Uhr auf dem großen Kirchturme schlug

gerade fünf -- daß Kay sagte: „Au! es ging mir wie ein Stich durch das

Herz! Und jetzt ist mir etwas ins Auge geflogen!“ Das kleine Mädchen

faßte ihn um den Hals; er blinzelte mit den Augen: nein, es war durchaus

nichts zu sehen.

„Ich denke, es ist fort!“ sagte er, aber fort war es nicht. Es war

gerade einer von diesen Glassplittern, die von dem Spiegel abgesprungen

waren, dem Zauberspiegel. Wir entsinnen uns desselben wohl noch, der

bewirkte, daß alles Große und Gute, welches sich darin abspiegelte,

klein und häßlich wurde, und jeder Fehler an einer Sache sich sofort

bemerkbar machte. Der arme Kay, ihm war ein solches Splitterchen auch

gerade in das Herz eingedrungen. Das sollte nun bald wie ein Eisklumpen

werden. Nun that es zwar nicht mehr wehe, aber da war es.

„Weshalb weinst du?“ fragte er. „So siehst du häßlich aus. Mir fehlt ja

durchaus nichts! Pfui!“ rief er plötzlich aus, „die Rose da ist ja vom

Wurme angefressen! Und sieh, jene ist gar nicht gerade gewachsen. Das

sind eigentlich recht häßliche Rosen. Sie sind ebenso garstig wie die

Kasten, in denen sie stehen!“ Und dann stieß er heftig mit dem Fuße

gegen den Kasten und riß die beiden Rosen ab.

„Kay, was thust du!“ rief das kleine Mädchen; und als er ihr heftiges

Erschrecken bemerkte, riß er noch eine Rose ab und sprang dann in sein

Fenster hinein.

Wenn sie später mit dem Bilderbuche kam, spottete er darüber und wenn

die Großmutter Geschichten erzählte, kam er stets mit einem Aber

dazwischen; zuweilen schlich er sich hinter ihr her, setzte ihre Brille

auf und ahmte ihre Stimme nach. Er konnte bald allen Leuten in der

Straße Gang und Redeweise nachahmen und besonders das Unschöne wußte er

treffend zu kopieren. Aber daran war das Glas schuld, welches ihm in die

Augen geflogen war, das Glas, welches ihm in dem Herzen saß. Daher kam

es, daß er sogar die kleine Gerda neckte, die ihn von ganzer Seele lieb

hatte.

Seine Spiele nahmen jetzt einen ganz anderen Charakter an, sie wurden

mehr verständig. An einem Wintertage, als Schneegestöber eingetreten

war, kam er mit einem Vergrößerungsglase, hielt seine blauen Rockzipfel

hinaus und ließ die Schneeflocken darauf fallen.

„Sieh nun einmal in das Glas, Gerda!“ sagte er, und jede Schneeflocke

wurde ungleich größer und nahm sich wie eine prächtige Blume oder ein

zehnzackiger Stern aus. Es gewährte einen herrlichen Anblick.

„Siehst du, wie kunstreich!“ rief Kay aus; „das bietet weit mehr

Vergnügen und Stoff zum Nachdenken dar, als die wirklichen Blumen! Auch

ist kein einziger Fehler an ihnen, sie sind ganz regelmäßig; wenn sie

nur nicht schmelzen würden!“

Nicht lange darauf kam Kay mit großen Fausthandschuhen und seinem

Schlitten auf dem Rücken. Er flüsterte Gerda in die Ohren: „Ich habe

Erlaubnis bekommen, auf den großen Platz zu fahren, wo die Andern

spielen!“ und fort war er.

Dort auf dem Platze banden mitunter die kecksten Knaben ihre Schlitten

an die Bauernwagen und fuhren dann eine tüchtige Strecke mit. Das ging

gerade recht lustig. Als das Spiel im vollen Gange war, kam ein großer,

weiß angestrichener Schlitten. Eine Person saß in demselben, die in

einen weißen, rauhen Pelz eingehüllt und mit einer weißen Pelzmütze

bedeckt war. Der Schlitten fuhr zweimal um den Platz herum und Kay

gelang es, seinen kleinen Schlitten an denselben festzubinden und nun

fuhr er mit. Rascher und immer rascher ging es gerade in die nächste

Straße hinein. Der Führer des Schlittens wandte den Kopf und nickte ihm

so freundlich zu, als ob sie mit einander bekannt wären. So oft Kay

seinen kleinen Schlitten abbinden wollte, nickte die Person abermals und

dann blieb Kay sitzen; sie fuhren gerade zum Stadtthore hinaus. Da wurde

das Schneegestöber so heftig, daß der kleine Knabe nicht die Hand vor

den Augen mehr erkennen konnte, während er gleichwohl weiter fuhr.

Endlich ließ er den Strick fallen, um sich von dem großen Schlitten los

zu machen, aber es half nichts, sein kleines Fuhrwerk hing fest und es

ging mit Windeseile. Da rief er ganz laut, aber niemand hörte ihn, und

der Schnee wirbelte und der Schlitten flog vorwärts. Mitunter gab es

einen Stoß, als ob man über Gräben und Hecken führe. Er war ganz

entsetzt, wollte sein Vaterunser beten, konnte sich aber nur noch auf

das große Einmaleins besinnen.

Die Schneeflocken wurden größer und größer, zuletzt sahen sie wie große

weiße Hühner aus. Plötzlich sprangen die Pferde zur Seite, der Schlitten

hielt und die Person, welche ihn fuhr, erhob sich; Pelz und Mütze waren

von lauter Schnee. Es war eine Dame, hoch und schlank, blendend weiß,

es war die _Schneekönigin_.

„Wir sind wacker vorwärts gekommen,“ sagte sie. „Aber ist das etwa ein

Wetter zum Frieren? Komm, krieche mit in meinen Bärenpelz hinein!“ und

sie setzte ihn in den Schlitten an ihre Seite und schlug den Pelz um

ihn, daß es ihm vorkam, als versänke er in einen Schneehaufen.

„Frierst du noch?“ fragte sie und küßte ihn dann auf die Stirn. Huh, das

war noch kälter als Eis, das ging ihm gleich bis ans Herz, welches ja

schon halb und halb ein Eisklumpen war. Ihm war zu Mute, als sollte er

sterben; -- aber nur einen Augenblick, dann that es ihm gerade gut.

Er empfand nichts mehr von der Kälte um sich.

„Meinen Schlitten! vergiß meinen Schlitten nicht!“ Dessen erinnerte er

sich zuerst. Er wurde auch auf eins der weißen Hühner gebunden, welches

mit dem Schlitten auf dem Rücken hinterher flog. Die Schneekönigin küßte

Kay noch einmal und dann hatte er die kleine Gerda und die Großmutter

und alle daheim vergessen.

Kay fürchtete sich gar nicht vor der Schneekönigin; er erzählte ihr, daß

er im Kopfe rechnen könne und sogar mit Brüchen, daß er die Größe und

Einwohnerzahl der Länder wüßte und sie lächelte zu allem. Und sie flog

mit ihm, flog hoch hinauf zu der schwarzen Wolke und der Sturm sauste

und brauste, als sänge er alte Lieder. Sie flogen über Wälder und Seen,

über Meere und Länder. Unten in der Tiefe sauste der kalte Wind, heulten

die Wölfe, flimmerte der Schnee und über denselben flogen die schwarzen,

schreienden Krähen hinweg, aber über ihnen glänzte der Mond groß und

klar und zu ihm schaute Kay auf, die lange, lange Winternacht hindurch.

Am Tage schlief er zu den Füßen der Schneekönigin.

_Dritte_ Geschichte. +Der Blumengarten der Zauberin.+

Aber was wurde aus der kleinen Gerda, als Kay nicht wiederkam? Wo in

aller Welt befand er sich doch? -- Niemand wußte es, niemand konnte

Auskunft erteilen. Die Knaben erzählten nur, daß sie gesehen, wie er

seinen kleinen Schlitten an einen großen und prächtigen angebunden

hätte, der in die Straßen hinein und dann zum Stadtthore hinausgefahren

wäre. Niemand wußte, wo er war; viele Thränen flossen, die kleine Gerda

weinte bitterlich und lange. Dann hieß es, er wäre tot, er wäre in dem

Flusse ertrunken, der nahe bei der Stadt vorbeifloß. O, es waren recht

lange dunkle Wintertage.

Jetzt erschien der Lenz mit wärmerem Sonnenscheine.

„Kay ist tot und fort!“ sagte die kleine Gerda.

„Das glaube ich nicht!“ sagte der Sonnenschein.

„Er ist tot und fort!“ sagte sie zu den Schwalben.

„Das glauben wir nicht!“ entgegneten dieselben, und endlich glaubte die

kleine Gerda es auch nicht mehr.

„Ich will meine neuen roten Schuhe anziehen!“ sagte sie eines Morgens,

„diejenigen, welche Kay noch nie gesehen hat, und dann will ich zum

Flusse hinuntergehen und mich bei diesem erkundigen!“

Noch war es ganz früh, als sie sich erhob, die alte Großmutter, welche

noch schlummerte, küßte, die roten Schuhe anzog und dann ganz allein zum

Thore hinaus nach dem Flusse ging.

„Ist es wahr, daß du mir meinen kleinen Spielkameraden genommen hast?

Ich will dir meine roten Schuhe schenken, wenn du mir ihn wiedergeben

willst!“

Es kam ihr vor, als ob die Wellen ihr so eigentümlich zunickten. Dann

nahm sie ihre roten Schuhe, das liebste, was sie besaß, und warf sie

beide in den Fluß, aber sie fielen dicht an das Ufer, und die kleinen

Wellen trugen sie wieder zu ihr an das Land, als wollte der Fluß sie

ihres liebsten Eigentums nicht berauben, zumal er ja den kleinen Kay

nicht hatte. Nun aber glaubte sie, daß sie die Schuhe nicht weit genug

hinausgeworfen hätte, und kletterte deshalb in ein Boot, welches im

Schilfe lag. Sie ging bis an das äußerste Ende und warf die Schuhe von

neuem in die Wellen. Das Boot war jedoch nicht befestigt, und bei der

Bewegung, welche sie machte, glitt es vom Lande ab. Sie bemerkte es zwar

und beeilte sich zurückzukommen, aber ehe es ihr gelang, war das Boot

schon ein Stück vom Ufer, und nun glitt es rascher den Fluß abwärts.

Da erschrak die kleine Gerda gewaltig und begann zu weinen, allein nur

die Sperlinge hörten sie und diese konnten sie nicht an das Land tragen,

aber sie flogen das Ufer entlang und zwitscherten, als wollten sie sie

trösten: „Hier sind wir! Hier sind wir!“ Das Boot trieb mit dem Strome;

die kleine Gerda saß ganz still in bloßen Strümpfen. Ihre kleinen roten

Schuhe schwammen hinterher, konnten das Boot jedoch nicht erreichen,

da dasselbe schneller vom Strome fortgerissen wurde.

Lieblich war es an beiden Ufern; prächtige Blumen, alte Bäume und die

Abhänge mit Schafen und Kühen belebt, aber nicht ein Mensch war zu

sehen.

„Vielleicht trägt mich der Fluß zum kleinen Kay hin!“ dachte Gerda und

da wurde sie besserer Laune, sie erhob sich und betrachtete viele

Stunden lang die schönen grünen Ufer. Dann fuhr sie an einem großen

Kirschgarten vorüber, in welchem ein Häuschen mit merkwürdig roten und

blauen Fenstern stand; übrigens war es mit Stroh gedeckt und draußen

standen zwei hölzerne Soldaten, welche vor den Vorübersegelnden das

Gewehr schulterten.

Gerda rief sie an; sie hielt sie für lebendig, aber sie antworteten

natürlich nicht; sie kam ihnen ganz nahe, die Strömung trieb das Boot

gerade auf das Land zu.

Gerda rief noch lauter und da trat aus dem Hause eine alte, alte Frau,

die sich auf einen Krückstock stützte. Um sich gegen die Sonne zu

schützen, hatte sie einen großen Hut auf, der mit den schönsten Blumen

bemalt war.

„Du liebes armes Kind!“ sagte die alte Frau, „wie bist du auf den großen

starken Strom gekommen und so fern in die weite Welt hinausgetrieben!“

Darauf ging die alte Frau bis an den Rand des Wassers, zog das Boot mit

ihrem Krückstock an das Land und hob die kleine Gerda heraus.

Obgleich Gerda froh war, auf das Trockene zu kommen, fürchtete sie sich

doch ein wenig vor der fremden alten Frau.

„Komme doch und erzähle mir, wer du bist und wie du hierher kommst!“

sagte sie.

Gerda erzählte ihr alles und fragte sie, ob sie den kleinen Kay nicht

gesehen hätte. Die alte Frau meinte, er käme wohl noch, sie möchte nur

nicht betrübt sein und Kirschen essen und sich ihre Blumen ansehen. Dann

nahm sie Gerda bei der Hand, ging mit ihr in das kleine Häuschen und

schloß die Thüre zu.

Die Fenster waren sehr hoch angebracht und die Scheiben waren rot, blau

und gelb. Das Tageslicht fiel ganz eigentümlich herein, aber auf dem

Tische standen die köstlichsten Kirschen und Gerda aß nach Herzenslust

davon, weil sie die Erlaubnis dazu erhalten hatte. Während sie aß,

kämmte ihr die alte Frau das Haar mit einem goldenen Kamme, und das Haar

ringelte sich und schimmerte goldig um ihr liebes freundliches

Gesichtchen, welches rund war und wie eine Rose blühte.

„Nach einem so holden kleinen Mädchen habe ich mich schon lange

gesehnt!“ sagte die Alte. „Du wirst nun sehen, wie gut wir uns

gegenseitig gefallen werden!“ Und je länger sie das Haupt der kleinen

Gerda kämmte, desto mehr vergaß dieselbe ihren Pflegebruder Kay, denn

die alte Frau konnte zaubern, aber eine böse Zauberin war sie nicht. Sie

ging in den Garten hinaus, streckte ihren Krückstock über alle

Rosenstöcke aus und diese versanken sofort in die schwarze Erde. Die

Alte befürchtete, daß Gerda beim Anblick der Rosen ihrer eigenen

gedenken, sich dadurch des kleinen Kay erinnern und dann davonlaufen

würde.

Jetzt führte sie Gerda in den Blumengarten hinaus. Welch’ ein Duft,

welch’ eine Pracht herrschte hier! Alle erdenkliche Blumen, und zwar für

jede Jahreszeit, standen hier in üppigstem Flor. Gerda hüpfte vor Freude

und spielte, bis die Sonne hinter den hohen Kirschbäumen unterging. Dann

bekam sie ein hübsches Bett mit rotseidenen Kissen, die mit blauen

Veilchen gestopft waren, und schlief und träumte so herrlich, wie eine

Königin.

Am nächsten Morgen durfte sie wieder mit den Blumen in dem warmen

Sonnenscheine spielen -- und so ging es viele Tage. Gerda kannte jede

Blume, aber wie viele auch vorhanden waren, so kam es ihr doch vor, als

ob eine darunter fehlte, nur wußte sie nicht welche. Eines Tages sah sie

aber auf dem Sonnenhut der alten Frau eine gemalte Rose. Sie sprang

zwischen den Beeten umher und suchte eine Rose unter den Blumen, aber da

war keine zu finden. Da setzte sie sich hin und weinte; aber ihre heißen

Thränen fielen gerade auf eine Stelle, wo ein Rosenstock versunken war,

und als die warmen Thränen die Erde benetzten, da schoß plötzlich der

Stock ebenso blühend, wie er versunken war, empor, und Gerda umarmte

ihn, küßte die Rosen und gedachte der hübschen Rosen daheim und dabei

kam ihr auch der kleine Kay wieder in den Sinn.

„O wie lange bin ich nun schon hier bei der alten Frau!“ sagte das

kleine Mädchen. „Ich wollte ja Kay suchen! -- Wißt ihr nicht, wo er

ist?“ fragte sie die Rosen. „Glaubt ihr, daß er tot und fort ist?“

„Tot ist er nicht!“ sagten die Rosen. „Wir sind ja in der Erde gewesen,

wo alle Tote sind, aber dort war Kay nicht!“

„Dank, tausend Dank!“ erwiderte die kleine Gerda und ging zu den andern

Blumen, schaute in ihren Kelch und fragte: „Wißt ihr nicht, wo der

kleine Kay ist?“

Aber jede Blume stand in der Sonne und träumte ihr eigenes Märchen oder

Geschichtchen. Von diesen vernahm die kleine Gerda viele, viele, aber

keine wußte etwas von Kay.

„Es ist vergebens, daß ich die Blumen frage, sie wissen nur ihr eigenes

Lied, sie erteilen mir keine Auskunft!“ sagte Gerda, als ihr die Blumen

des Gartens ihre Geschichten erzählt hatten. Und dann schürzte sie ihr

Röckchen auf, um besser laufen zu können und eilte nach dem Ausgang des

Gartens.

Märchen für Kinder · 第 9 / 14 段