„Ein ganzes Jahr ist er nun bei Gott gewesen. So lange hat die Blume

vergessen im Fenster gestanden und ist verdorrt und deshalb auf die

Straße hinausgeworfen worden. Und dies ist die arme verdorrte Blume, die

wir mit in unseren Strauß genommen haben, denn diese schlichte Blume hat

mehr Freude gebracht als die reichste Blume in dem Garten einer

Königin.“

„Aber, woher weißt du dies alles?“ fragte das Kind, welches der Engel

zum Himmel emportrug. -- „Ich weiß es!“ sagte der Engel, „ich war ja

selbst der kleine kranke Knabe. Sollte ich meine Blumen nicht kennen?“

Und das Kind öffnete seine Augen nun ganz und schaute dem Engel in sein

herrliches, freundliches Antlitz.

In demselben Augenblicke waren sie in Gottes schönem Himmel, wo Freude

und Glückseligkeit war. Und Gott drückte das tote Kind an sein Herz und

da erhielt es Flügel wie der andere Engel und flog Hand in Hand mit ihm

dahin. Gott drückte alle die Blumen an sein Herz, aber die arme

vertrocknete Feldblume küßte er und sie erhielt Stimme und sang mit all

den Engeln, die um Gott schwebten, einige ganz nahe, andere in großen

Kreisen um diese herum, immer weiter und weiter hinaus bis in die

Unendlichkeit, alle aber gleich glücklich. Alle sangen sie, Klein und

Groß, das gute, nun so gesegnete Kind, wie die arme Feldblume, die

vertrocknet, im Kehricht mit hinausgeworfen, in der engen, dunklen

Straße dagelegen hatte.

Der standhafte Zinnsoldat.

[Abbildung/Illustration: pic65.jpg]

Es waren einmal fünfundzwanzig Zinnsoldaten, die alle Brüder waren,

da man sie aus einem und demselben alten Zinnlöffel gegossen hatte.

Das Gewehr hielten sie im Arm, das Gesicht vorwärts gegen den Feind

gerichtet; rot und blau, kurzum herrlich war die Uniform.

Das Allererste, was sie in dieser Welt hörten, nachdem der Deckel von

der Schachtel, in welcher sie lagen, abgenommen wurde, war das Wort:

„Zinnsoldaten!“ Das rief ein kleiner Knabe und klatschte vor Wonne in

die Hände. Er hatte sie zu seinem Geburtstage bekommen und stellte sie

nun auf dem Tisch in Schlachtordnung auf.

Der eine Soldat glich dem andern auf das Genaueste, nur ein einziger war

etwas verschieden: er hatte nur ein Bein, denn da er zuletzt gegossen

worden, hatte das Zinn nicht mehr ausgereicht; doch stand er auf seinem

einen Beine eben so fest wie die andern auf ihren beiden, und gerade er

sollte sich durch sein denkwürdiges Schicksal besonders auszeichnen.

Auf dem Tische, wo sie aufgestellt wurden, befand sich noch vieles

andere Spielzeug; aber dasjenige, welches am meisten die Aufmerksamkeit

auf sich zog, war ein hübsches Schloß von Papier. Durch die kleinen

Fenster konnte man inwendig in die Säle hineinschauen. Vor demselben

standen kleine Bäume, rings um ein Stück Spiegelglas, welches einen See

vorstellen sollte. Das war wohl alles niedlich, aber das Niedlichste

blieb doch ein kleines Mädchen, welches vor dem offenen Schloßportale

stand. Es war ebenfalls aus Papier ausgeschnitten, hatte aber ein

seidenes Kleid an und ein kleines, schmales, blaues Band über den

Schultern; mitten auf diesem saß ein funkelnder Stern, so groß wie ihr

ganzes Gesicht. Das kleine Mädchen streckte ihre beiden Arme anmutig in

die Höhe, denn sie war eine Tänzerin, und dann erhob sie das eine Bein

so hoch, daß es der Zinnsoldat gar nicht entdecken konnte und dachte,

daß sie, wie er, nur Ein Bein hätte.

„Die paßte für mich als Frau!“ dachte er, „aber sie ist zu vornehm für

mich, sie wohnt in einem Schlosse, und ich habe nur eine Schachtel, die

ich mit vierundzwanzig teilen muß, das ist keine Wohnung für sie. Doch

will ich zusehen, ob ich ihre Bekanntschaft machen kann!“ Dann legte er

sich der Länge nach hinter eine Schnupftabaksdose, die auf dem Tische

stand. Von hier konnte er die kleine feine Dame, die nicht müde wurde,

auf einem Bein zu stehen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren, genau

beobachten.

Als es Abend wurde, legte man die übrigen Zinnsoldaten in ihre Schachtel

und die Leute im Hause gingen zu Bette. Nun begann das Spielzeug zu

spielen, der Nußknacker schlug Purzelbäume und der Griffel fuhr lustig

über die Tafel hin. Es entstand ein Lärm, daß der Kanarienvogel

aufwachte und seinen Gesang mit hineinschmetterte. Die beiden Einzigen,

welche sich nicht von der Stelle bewegten, waren der Zinnsoldat und die

kleine Tänzerin. Sie stand kerzengerade auf der Zehenspitze und hatte

beide Arme erhoben; er war auf seinem Einen Bein ebenso standhaft, nicht

einen Augenblick wandte er seine Augen von ihr ab.

Jetzt schlug es Mitternacht und klatsch! sprang der Deckel von der

Schnupftabaksdose, aber nicht etwa Schnupftabak war darin, nein, sondern

ein kleiner schwarzer Kobold; das war ein Kunststück.

„Zinnsoldat!“ sagte der Kobold, „du wirst dir noch die Augen aussehen!“

-- Aber der Zinnsoldat that, als ob er nichts gehört hätte. -- „Ja,

warte nur bis morgen!“ rief ihm dann der Kobold noch zu.

Als es nun Morgen ward und die Kinder aufstanden, wurde der Zinnsoldat

in das offene Fenster gestellt, und war es nun der Kobold oder ein

Zugwind, gleichviel, plötzlich flog das Fenster auf und der Soldat fiel

aus dem dritten Stockwerke häuptlings hinunter. Das war ein

schrecklicher Sturz. Er streckte sein Eines Bein gerade in die Luft und

blieb auf dem Helme, das Bajonett nach unten, zwischen den

Pflastersteinen stecken.

Die Dienstmagd und der kleine Knabe liefen sogleich hinunter, um ihn zu

suchen; aber obgleich sie beinahe auf ihn getreten hätten, konnten sie

ihn doch nicht erblicken.

Nun begann es zu regnen; Tropfen folgte auf Tropfen, bis es ein

tüchtiger Platzregen wurde; als er vorüber war, kamen zwei Straßenjungen

dorthin.

„Sieh, sieh!“ sagte der eine, „da liegt ein Zinnsoldat, der muß hinaus

und segeln!“

Nun machten sie ein Boot aus Zeitungspapier, setzten den Zinnsoldaten

mitten hinein und ließen ihn den Rinnstein hinunter segeln. Beide Knaben

liefen nebenher und klatschten in die Hände. Hilf Himmel, was für Wellen

erhoben sich in dem Rinnstein und welch reißender Strom war da! Ja,

es mußte ein wahrer Platzregen heruntergekommen sein. Das Papierboot

schwankte auf und nieder und bisweilen drehte es sich im Kreise, daß

den Zinnsoldaten ein Schauer überlief. Trotzdem blieb er standhaft,

verfärbte sich nicht, sah geradeaus und behielt das Gewehr im Arm.

Plötzlich trieb das Boot unter eine lange Rinnsteinbrücke; hier war es

so dunkel wie in seiner Schachtel. „Wo mag ich jetzt nur hinkommen?“

dachte er. „Ja, ja, das ist des Kobolds Schuld!“

In diesem Augenblicke erschien eine Wasserratte, welche unter der

Rinnsteinbrücke wohnte.

„Hast du einen Paß?“ fragte die Ratte. „Her mit dem Passe!“

Aber der Zinnsoldat schwieg still und hielt sein Gewehr nur noch fester.

Das Boot fuhr weiter und die Ratte hinterher. Hu! wie sie mit den Zähnen

knirschte und den Spänen und dem Stroh zurief: „Haltet ihn auf! Er hat

keinen Zoll bezahlt, er hat keinen Paß vorgezeigt!“

Aber die Strömung wurde stärker und stärker; der Zinnsoldat konnte,

schon ehe er das Ende des Brettes erreichte, den hellen Tag erblicken,

aber er hörte zugleich einen brausenden Ton, der auch eines tapferen

Mannes Herzen erschrecken konnte. Denkt euch, der Rinnstein stürzte am

Ende der Brücke gerade in einen großen, breiten Kanal hinab, was ihm

gleiche Gefahr bringen mußte als uns, wollten wir Menschen einen großen

Wasserfall hinuntersegeln.

Er war jetzt schon so nahe dabei, daß er nicht mehr anzuhalten

vermochte. Das Boot fuhr hinab, der arme Zinnsoldat hielt sich, so gut

es gehen wollte, aufrecht. Niemand sollte ihm nachsagen können, daß er

auch nur mit den Augen geblinkt hätte. Das Boot drehte sich drei-,

viermal um sich selbst und füllte sich dabei bis zum Rande mit Wasser,

es mußte sinken. Der Zinnsoldat stand bis zum Halse im Wasser, und

tiefer und tiefer sank das Boot. Mehr und mehr löste sich das Papier

auf; jetzt ging das Wasser schon über des Soldaten Haupt, -- da dachte

er an die kleine, niedliche Tänzerin, die er nie mehr erblicken sollte;

und es klang vor des Zinnsoldaten Ohren:

„Morgenrot, Morgenrot,

Leuchtest mir zum frühen Tod.“

Nun zerriß das Papier und der Zinnsoldat fiel hindurch, wurde aber in

demselben Augenblicke von einem großen Fische verschlungen.

Nein, wie finster war es da drinnen; da war es noch schlimmer als unter

der Rinnsteinbrücke und vor allen Dingen so gar eng. Gleichwohl war der

Zinnsoldat standhaft und lag, so lang er war, mit dem Gewehre im Arme.

Der Fisch fuhr umher und machte die entsetzlichsten Bewegungen; endlich

wurde es ganz still, und wie ein Blitzstrahl fuhr es durch ihn hin. Dann

drang ein heller Lichtglanz hinein und jemand rief laut: „Ein

Zinnsoldat!“ Der Fisch war gefangen, auf den Markt gebracht und verkauft

worden und so in die Küche hinausgewandert, wo ihn die Magd mit einem

großen Messer aufschnitt. Sie faßte den Soldaten mitten um den Leib und

trug ihn in die Stube hinein, wo sämtliche den merkwürdigen Mann sehen

wollten, der im Magen eines Fisches umhergereist war; der Zinnsoldat war

jedoch darauf gar nicht stolz. Man stellte ihn auf den Tisch und da --

nein, wie wunderlich kann es doch in der Welt zugehen, befand sich der

Zinnsoldat in der nämlichen Stube, in der er vorher gewesen war, er sah

die nämlichen Kinder und das nämliche Spielzeug stand auf dem Tische:

das herrliche Schloß mit der niedlichen kleinen Tänzerin. Sie hielt sich

immer noch auf dem einen Beine und hatte das andere hoch in der Luft,

sie war ebenfalls standhaft. Das rührte den Zinnsoldaten so, daß er

beinahe Zinn geweint hätte, aber das schickte sich nicht. Er sah sie und

sie sah ihn an, aber sie sagten einander nichts.

Plötzlich ergriff der eine der kleinen Knaben den Zinnsoldaten und warf

ihn geradewegs in den Ofen hinein, obgleich hierzu eigentlich gar kein

Grund vorlag; doch gewiß hatte es ihm der Kobold in der Dose eingegeben.

Der Zinnsoldat stand mitten im Feuer und fühlte eine ganz entsetzliche

Hitze. Die Farben waren von ihm abgegangen, ob das von den

Reisestrapazen herrührte oder vom Kummer, wußte er nicht. Er sah das

Dämchen an und fühlte, wie er schmolz; aber noch stand er aufrecht und

hielt sein Gewehr im Arm. Da ging plötzlich eine Thür auf, ein Windhauch

erfaßte die Tänzerin und diese flog gleich einer Sylphe in den Ofen zum

Zinnsoldaten, loderte auf und war dahin. Da schmolz auch der Zinnsoldat

zu einem Klumpen, und als die Magd am nächsten Morgen die Asche aus dem

Ofen nahm, fand sie ihn gestaltet wie ein kleines Herz. Von der Tänzerin

war nichts übrig als der Flitterstern, der schwarz gebrannt war.

Des Kaisers Nachtigall.

[Abbildungen/Illustrations: capD68.jpg, pic73.jpg, tafel5.jpg]

Das Schloß des Kaisers von China war das prächtigste in der Welt, durch

und durch von feinem Porzellan. Im Garten sah man die herrlichsten und

merkwürdigsten Blumen und an den allerprächtigsten waren silberne

Glocken befestigt, die fortwährend tönten, damit man nicht vorüberginge,

ohne die Blumen zu bemerken. Alles war in des Kaisers Garten auf das

Geschmackvollste und Kunstreichste ausgegrübelt und er erstreckte sich

so weit, daß selbst der Gärtner das Ende desselben nicht kannte.

Aus dem Garten gelangte man in einen Wald, und dieser stieß an das Meer,

welches blau und tief war. Große Schiffe konnten unter den überhängenden

Zweigen hinsegeln, und in diesen wohnte eine Nachtigall, welche so

himmlisch schön sang, daß selbst der arme Fischer, der vollauf von

seinem Geschäft in Anspruch genommen war, still lag und lauschte, wenn

er nachts ausgefahren war, sein Netz aufzuziehen und dann die Nachtigall

hörte. „Mein Gott’, wie ist das schön!“ sagte er, dann aber mußte er

seinem Gewerbe nachgehen und vergaß den Vogel. Doch wenn derselbe in der

nächsten Nacht wieder sang, und der Fischer dorthin kam, wiederholte er:

„Mein Gott, wie ist das doch schön!“

Von allen Ländern der Welt kamen Reisende nach der Stadt des Kaisers und

bewunderten dieselbe, das Schloß und den Garten; vernahmen sie aber die

Nachtigall, dann sagten sie alle: „Das ist doch das Allerbeste!“

Die Reisenden erzählten davon nach ihrer Heimkunft, und die Gelehrten

schrieben Bücher über die Stadt, das Schloß und den Garten, aber die

Nachtigall vergaßen sie nicht, der wurde das Hauptkapitel gewidmet; und

die, welche dichten konnten, schrieben die herrlichsten Gedichte über

die Nachtigall im Walde bei der tiefen See.

Die Bücher wurden in alle Sprachen übersetzt und einige gerieten dann

auch einmal dem Kaiser in die Hände. Er saß in seinem goldenen Stuhl,

las und las und nickte jeden Augenblick mit dem Kopfe, denn es freute

ihn, diese prächtigen Beschreibungen von der Stadt, dem Schlosse und dem

Garten zu vernehmen. „Aber die Nachtigall ist doch das Allerbeste!“

stand da geschrieben.

„Was soll das heißen?“ fragte der Kaiser. „Die Nachtigall? Die kenne ich

ja gar nicht. Giebt es einen solchen Vogel in meinem Kaiserreiche und

sogar in meinem eigenen Garten? Davon habe ich nie gehört. So etwas muß

man erst aus Büchern erfahren!“

Darauf rief er seinen Kavalier. „Hier soll sich ja ein höchst

merkwürdiger Vogel aufhalten, der Nachtigall genannt wird!“ redete ihn

der Kaiser an. „Man sagt, daß er das Allerbeste in meinem großen Reiche

ist! Weshalb hat man mir nie etwas von demselben gesagt?“

„Ich habe ihn nie vorher nennen hören!“ sagte der Kavalier; „er ist nie

bei Hofe vorgestellt worden!“

„Ich will, daß er heute abend herkommt und vor mir singt!“ fuhr der

Kaiser fort. „Die ganze Welt weiß, was ich habe, und ich weiß es nicht.“

„Ich habe ihn nie vorher nennen hören!“ entgegnete der Kavalier, „aber

ich werde ihn suchen, ich werde ihn finden!“

Aber, wo war er zu finden? Der Kavalier lief treppauf und treppab, durch

Säle und Gänge, keiner von allen, die er traf, hatte von der Nachtigall

je reden gehört; und der Kavalier lief wieder zum Kaiser und behauptete,

es müßte gewiß eine Fabel der Buchschreiber sein.

„Ja, aber das Buch, in dem ich es gelesen habe,“ versetzte der Kaiser,

„ist mir von dem großmächtigen Kaiser von Japan geschickt worden und

folglich ist es keine Unwahrheit. Ich will die Nachtigall hören! Sie

soll heute abend hier sein! Sie steht in meiner allerhöchsten Gnade!“

Der Kavalier und mit ihm der halbe Hof suchten und fragten nun nach der

merkwürdigen Nachtigall, die alle Welt kannte, nur niemand bei Hofe.

Endlich trafen sie ein armes kleines Küchenmädchen. Sie sagte: „O Gott,

die Nachtigall! Die kenne ich gut! Ja, wie kann die singen! Jeden Abend

darf ich meiner Mutter einige Speisereste bringen. Sie wohnt unten am

Meeresufer, und wenn ich zurückkehre, müde bin und im Walde ruhe, dann

höre ich die Nachtigall singen. Die Thränen treten mir dabei in die

Augen, es kommt mir gerade so vor, als ob mich meine Mutter küßte!“

„Kleines Küchenmädchen!“ sagte der Kavalier, „ich will dir eine

Anstellung in der Schloßküche verschaffen, wenn du uns zur Nachtigall

führst, denn sie ist heute abend zum Gesang befohlen!“

Darauf zogen sie alle nach dem Wald hinaus, wo die Nachtigall zu singen

pflegte, der halbe Hof war mit. Als sie im besten Marsche waren, fing

eine Kuh zu brüllen an.

„Oh!“ sagte ein Hofjunker, „nun haben wir sie! Es steckt doch wirklich

eine ganz außerordentliche Kraft in einem so kleinen Tierchen. Ich habe

sie sicher schon früher einmal gehört!“

„Nein, das sind Kühe, welche brüllen!“ sagte das kleine Küchenmädchen;

„wir sind noch weit von der Stelle entfernt!“

Jetzt quackten Frösche im Sumpfe. „Herrlich!“ sagte der chinesische

Schloßbonze. „Nun höre ich sie, es klingt gerade wie kleine Glocken.“

„Nein, das sind die Frösche!“ versetzte das kleine Küchenmädchen. „Aber

nun werden wir sie, denke ich, bald hören.“ Da begann die Nachtigall zu

schlagen.

„Das ist sie!“ rief das kleine Mädchen, „hört, hört, und dort sitzt

sie!“ und dabei zeigte sie auf einen kleinen, grauen Vogel oben in den

Zweigen.

„Ist es möglich!“ sagte der Kavalier, „so einfach von Aussehen hätte ich

sie mir nicht vorgestellt!“

„Kleine Nachtigall!“ rief das kleine Küchenmädchen ganz laut, „unser

allergnädigster Kaiser wünscht, daß du vor ihm singst!“

„Mit größtem Vergnügen!“ sagte der Vogel, und sang gleich, daß es eine

wahre Lust war.

„Es klingt gerade wie Glasglocken!“ sagte der Kavalier, „und seht nur

die kleine Kehle, wie die sich anstrengt! Es ist merkwürdig, daß wir sie

früher nie gehört haben! Sie wird einen großen Erfolg bei Hofe haben!“

„Soll ich noch einmal vor dem Kaiser singen?“ fragte die Nachtigall,

welche glaubte, daß der Kaiser zugegen wäre.

„Meine vortreffliche, liebe Nachtigall!“ sagte der Kavalier, „ich habe

die große Freude, Sie zu einem Hoffeste heute abend zu befehlen, wo Sie

Seine kaiserliche Gnaden mit Ihrem reizenden Gesange bezaubern sollen!“

„Es nimmt sich im Grünen am besten aus!“ entgegnete die Nachtigall, aber

sie ging doch mit, als sie hörte, daß es der Kaiser wünschte.

Im Schlosse war alles im festlichen Staate. Wände und Fußboden, die von

Porzellan waren, erglänzten im Scheine vieler tausend goldener Lampen.

Die schönsten Blumen, die recht laut klingeln konnten, waren in den

Gängen aufgestellt. Da war ein Laufen und Rennen, und von dem starken

Zugwind klingelten alle Glocken, so daß man sein eigenes Wort nicht

verstand.

Mitten in dem Saale, in welchem der Kaiser saß, war eine kleine, goldene

Säule aufgestellt, auf welcher die Nachtigall sitzen sollte. Der ganze

Hof war dort versammelt, und das kleine Küchenmädchen hatte die

Erlaubnis erhalten, hinter der Thür zu stehen, da ihr nun der Titel

einer „wirklichen Hofköchin“ beigelegt war.

Die Nachtigall sang so lieblich, daß dem Kaiser Thränen in die Augen

traten; die Thränen liefen ihm über die Wangen hinab, und nun sang die

Nachtigall noch schöner, daß es recht zu Herzen ging. Der Kaiser war so

froh und zufrieden, daß er zu bestimmen geruhte, die Nachtigall sollte

einen goldenen Pantoffel um den Hals tragen. Die Nachtigall aber dankte,

sie hätte schon eine hinreichende Belohnung erhalten.

„Ich habe Thränen in den Augen des Kaisers gesehen, das ist mir der

reichste Schatz! Eines Kaisers Thränen haben eine wunderbare Macht! Gott

weiß, ich bin belohnt genug!“ Dann sang sie wieder mit ihrer süßen,

bezaubernden Stimme. Ja, die Nachtigall machte wirklich Glück.

Sie sollte nun bei Hofe bleiben, ihren eigenen Käfig haben und die

Freiheit genießen, zweimal des Tages und einmal des Nachts sich im

Freien zu ergehen. Zwölf Diener mußten sie begleiten, die sie alle an

einem um das eine Bein geschlungenen Bande festhielten. Ein solcher

Ausgang war nun eben kein Vergnügen.

Eines Tages wurde dem Kaiser eine große Kiste mit der Aufschrift

„Nachtigall!“ überreicht.

„Da haben wir nun gewiß ein Buch über unsern berühmten Vogel!“ dachte

der Kaiser; aber es war kein Buch, es war ein kleines Kunstwerk, welches

in einer Schachtel lag, eine künstliche Nachtigall, die der lebendigen

ähneln sollte, aber überall mit Diamanten, Rubinen und Saphiren besetzt

war. Sobald man den künstlichen Vogel aufzog, konnte er eines der Stücke

singen, welche die wirkliche Nachtigall sang, und dabei bewegte er den

Schwanz auf und nieder und glänzte von Silber und Gold. Um den Hals hing

ihm ein Bändchen, auf dem geschrieben stand: „Die Nachtigall des Kaisers

von Japan ist arm gegen die des Kaisers von China!“

„Das ist herrlich!“ sagten sie sämtlich, und derjenige, welcher den

künstlichen Vogel überbracht hatte, erhielt sofort den Titel eines

„kaiserlichen Oberhofnachtigallenüberbringers“.

„Nun müssen sie zusammen singen! Was wird das für ein Duett werden!“

So mußten sie denn zusammen singen, aber es wollte nicht recht gehen,

denn die wirkliche Nachtigall ging auf ihre Art und der Kunstvogel ging

auf Walzen. „Der trägt nicht die Schuld!“ sagte der Spielmeister, „der

ist besonders taktfest und ganz aus meiner Schule!“ Nun sollte der

Kunstvogel allein singen. -- Er machte ein ebenso großes Glück wie der

wirkliche und dann bot er auch einen viel prächtigeren Anblick.

Dreiunddreißigmal sang er ein und dasselbe Stück und wurde doch nicht

müde. Die Leute hätten ihn gern wieder von vorn gehört, doch meinte der

Kaiser, daß nun auch die lebendige Nachtigall etwas vortragen sollte --

-- aber wo war diese? Niemand hatte bemerkt, daß sie zum offenen Fenster

hinausgeflogen war, fort zu ihren grünen Wäldern.

„Aber was ist denn das?“ rief der Kaiser; und alle Hofleute schalten und

meinten, die Nachtigall wäre ein höchst undankbares Tier. „Den besten

Vogel haben wir doch!“ trösteten sie sich und so mußte der Kunstvogel

wieder singen. Der Spielmeister lobte den Vogel über alle Maßen, ja, er

versicherte, er wäre besser als die wirkliche Nachtigall, nicht nur was

die Kleider und die vielen strahlenden Diamanten anbelangte, sondern

auch hinsichtlich seines Innern.

Der Kaiser stimmte ihm bei und der Spielmeister erhielt Befehl, den

Vogel am nächsten Sonntage dem Volke vorzuweisen. Und die Leute hörten

ihn und waren ganz entzückt und riefen: „O!“ und hielten nach ihrer

Sitte einen Finger in die Höhe und nickten dabei. Aber die armen

Fischer, welche die wirkliche Nachtigall gehört hatten, meinten: „Das

klingt wohl ganz hübsch, es läßt sich auch eine Ähnlichkeit der Melodie

nicht ableugnen, aber es fehlt doch etwas. Was es nur sein mag?“

Die wirkliche Nachtigall ward aus Land und Reich verwiesen; der

Kunstvogel aber hatte seinen Platz auf einem seidenen Kissen,

unmittelbar neben dem Bette des Kaisers. Alle Geschenke, die er erhalten

hatte, Gold und Edelsteine, lagen rings um ihn her, und im Titel war er

bereits bis zum „Kaiserlichen Nachttischsänger“ mit dem Range eines

Rates erster Klasse aufgestiegen.

So ging es ein ganzes Jahr: Der Kaiser, der Hof und alle andern Chinesen

kannten jeden Laut in dem Gesange des Kunstvogels auswendig, aber gerade

deshalb hielten sie die größten Stücke auf ihn. Sie konnten selbst

mitsingen und thaten es. Die Gassenbuben sangen: „Zizizi!

Kluckkluckkluck!“ und der Kaiser sang es. O, es war himmlisch!

Aber eines Abends, als der Kunstvogel gerade am besten sang, und der

Kaiser im Bette lag und zuhörte, ging es inwendig im Vogel: „Schwupp!“

Da sprang etwas: „Schnurrrrr!“ Alle Räder liefen herum, und dann schwieg

die Musik.

Der Kaiser sprang sogleich aus dem Bette und ließ seinen Leibarzt holen,

aber was konnte der helfen! Dann schickte man nach dem Uhrmacher, und

nach vielem Fragen und vielem Untersuchen setzte er den Vogel wenigstens

einigermaßen wieder in Stand, erklärte aber, er müßte sehr geschont

werden, denn die Zapfen wären abgenutzt und es wäre unmöglich, neue

dergestalt einzusetzen, daß die Musik sicher ginge. Da war nun große

Trauer. Nur einmal des Jahres durfte man den Kunstvogel singen lassen,

und schon das war ein großes Wagnis. Dann aber hielt der Spielmeister

eine kleine Rede und versicherte, daß es noch ebenso gut wäre wie

früher, und dann war es auch ebenso gut wie früher.

Nun waren fünf Jahre verstrichen, als das ganze Land plötzlich eine

wirkliche Ursache zu großer Trauer bekam, denn der Kaiser, der sehr

geliebt wurde, erkrankte lebensgefährlich. Ein neuer Kaiser war schon im

voraus gewählt und das Volk stand auf der Straße und fragte, wie es mit

dem Herrn stände. Es hieß schon, der Kaiser sei tot. Aber der Kaiser war

noch nicht tot. Steif und bleich lag er in dem prächtigen Bette mit den

langen Sammetvorhängen und den schweren Goldquasten. Hoch oben stand ein

Fenster offen und der Mond schien herein auf den Kaiser und den

Kunstvogel.

Der arme Kaiser konnte kaum noch atmen, es war ihm, als ob etwas auf

seiner Brust läge. Er schlug die Augen auf und da sah er, daß es der Tod

war, der auf seiner Brust saß. Er hatte sich seine goldene Krone

aufgesetzt und hielt in der einen Hand den goldenen Säbel des Kaisers

und in der andern dessen prächtige Fahne. Aus den Falten der großen

Sammetvorhänge schauten ringsumher seltsame Köpfe hervor, einige sehr

häßlich, andere Frieden verheißend und mild. Es waren alle böse und gute

Thaten des Kaisers, die ihn jetzt, wo der Tod auf seinem Herzen saß,

anblickten.

„Erinnerst du dich dessen?“ flüsterte eine nach der anderen. „Erinnerst

du dich dessen?“ und dann erzählten sie ihm so viel, daß ihm der Schweiß

von der Stirne lief.

„Das habe ich nie gewußt!“ seufzte der Kaiser. „Musik, Musik, die große

chinesische Trommel!“ rief er, „damit ich nicht alles höre, was sie

sagen!“

Märchen für Kinder · 第 8 / 14 段