Herz. Da schossen die Schwäne hinab, so schnell, daß sie zu fallen
vermeinte. Aber jetzt schwebten sie wieder. Die Sonne war schon zur
Hälfte unter das Wasser getaucht, da bemerkte sie erst die kleine Klippe
unter sich. Sie sah nicht größer als ein Seehund aus, der den Kopf aus
dem Wasser erhebt. Die Sonne sank schnell; nur ein schmaler Streifen
blitzte noch über dem Wasser hervor, da berührte ihr Fuß festen Boden.
Das Sonnenlicht erlosch wie der letzte Funken eines brennenden Papieres.
Arm in Arm sah sie ihre Brüder um sich stehen, aber mehr Platz, als
unabweislich für diese und sie erforderlich war, fand sich auch nicht.
Die See schlug gegen die Klippe und ergoß sich wie ein Regenguß über
sie; der Himmel leuchtete, als wenn er in Flammen stände und der Donner
rollte Schlag auf Schlag. Aber Schwester und Brüder hielten einander
fest an den Händen und blieben getrost und mutig.
Als der Tag graute, war die Luft rein und still. Sobald die Sonne sich
erhob, flogen die Schwäne mit Elisen von der Insel fort. Das Meer ging
noch hoch, so daß es, als sie hoch in der Luft schwebten, ihnen vorkam,
als ob der weiße Schaum auf der dunkelgrünen See Millionen Schwäne
wären, die sich auf dem Wasser schaukelten.
Als die Sonne höher stieg, erblickte Elise vor sich ein Bergland, halb
schwimmend in der Luft, mit glitzernden Eismassen auf den Felsen, und
mitten auf denselben dehnte sich ein wohl meilenlanges Schloß aus mit
einem kühnen Säulengange über dem andern. In der Tiefe wogten
Palmenwälder und prächtige Blumen wie Mühlräder groß. Sie erkundigte
sich, ob dies Land das Ziel ihrer Reise wäre, aber die Schwäne
schüttelten den Kopf, denn was sie sah, war das herrliche, beständig
wechselnde Wolkenschloß der Fee Fata Morgana. Sie schaute aufmerksamer
hin und es war nur der Meeresnebel, der sich über das Wasser hinwälzte.
Nun gewahrte sie auch bald das wirkliche Land, dem sie zueilten. Dort
erhoben sich herrliche blaue Berge mit Zedernwäldern, Städten und
Schlössern. Lange vor Sonnenuntergang saß sie auf dem Felsen vor einer
großen Höhle, welche mit feinen grünen Schlingpflanzen bewachsen war;
sie nahmen sich wie gestickte Teppiche aus.
„Nun wollen wir sehen, was du heute Nacht hier träumen wirst!“ sagte der
jüngste Bruder und führte sie in ihr Schlafzimmer.
„O möchte ich doch träumen, wie ich euch erlösen kann!“ erwiderte sie.
Dieser Gedanke beschäftigte sie so lebhaft, sie bat Gott so innig um
seine Hilfe, ja selbst im Schlaf betete ihr Geist weiter, daß es ihr
endlich vorkam, als flöge sie hoch in die Luft zu Fata Morganas
Wolkenschlosse, und die Fee käme ihr entgegen, schön und glänzend. Und
doch glich sie auch wieder der alten Frau, die ihr im Walde Beeren
gegeben und von den Schwänen mit den goldenen Kronen erzählt hatte.
„Deine Brüder können erlöst werden!“ sprach sie, „hast du aber auch Mut
und Ausdauer? Wohl ist das Meer weicher als deine feinen Hände und formt
doch die harten Steine um, aber es fühlt nicht den Schmerz, den deine
Finger fühlen werden. Siehst du diese Brennessel, die ich in meiner Hand
halte? Von derselben Gattung wachsen viele um die Höhle, in welcher du
schläfst. Nur diese und solche, welche aus den Gräbern des Friedhofs
hervorsprossen, kannst du brauchen. Merke das; diese mußt du pflücken,
wenn sie deine Hand auch voll Blasen brennen werden. Brichst du nun die
Nesseln mit deinen Füßen, so erhältst du Flachs, aus dem du elf
Panzerhemden mit langen Ärmeln flechten und binden mußt; wirf diese über
die elf Schwäne, so ist der Zauber gelöst. Aber sei dessen wohl
eingedenk, daß du von Beginn bis zur Beendigung dieser Arbeit, und
sollten Jahre dazwischen liegen, nicht sprechen darfst; das erste Wort,
welches über deine Lippen kommt, fährt wie ein tötender Dolch in das
Herz deiner Brüder; an deiner Zunge hängt ihr Leben!“ Zugleich berührte
sie Elisens Hand mit der Nessel; diese brannte wie glühendes Feuer, so
daß die Prinzessin vor Schmerz erwachte. Es war heller, lichter Tag und
dicht neben der Stelle, wo sie geschlafen hatte, lag eine Nessel gleich
der, welche sie im Traume gesehen hatte. Da fiel sie auf ihre Kniee,
dankte dem lieben Gott und trat aus der Höhle, um sofort ihre Arbeit zu
beginnen.
Mit ihren feinen Händen griff sie hinunter in die häßlichen Nesseln, die
sich wie Feuer anfühlten. Große Blasen brannten sie an ihren Händen und
Armen, aber gerne wollte sie dies erleiden, konnte sie doch ihre lieben
Brüder dadurch erlösen. Sie brach jede Nessel mit ihren nackten Füßen
und flocht den grünen Flachs.
Als die Sonne untergegangen war, kamen die Brüder und erschraken, als
sie Elise stumm fanden. Zunächst hielten sie es für eine neue
Bezauberung ihrer bösen Stiefmutter, als sie aber ihre Hände sahen,
begriffen sie, was sie um ihretwillen vorhatte.
Die ganze erste Nacht brachte sie bei ihrer Arbeit zu, denn es ließ ihr
keine Ruhe, ehe sie nicht die lieben Brüder erlöst hatte. Den ganzen
folgenden Tag saß sie, während die Schwäne fort waren, in ihrer
Einsamkeit, aber nie war ihr die Zeit so schnell verflogen. Ein
Panzerhemd war schon fertig und nun begann sie das zweite.
Da ließ sich zwischen den Bergen der Klang eines Jagdhorns vernehmen.
Sie wurde ängstlich, der Ton kam immer näher; sie hörte Hundegebell.
Erschreckt zog sie sich in die Höhle zurück, band die Nesseln, die sie
gesammelt und gehechelt hatte, in ein Bund und setzte sich darauf.
Plötzlich kam ein großer Hund aus dem Gesträuch gesprungen, bald kamen
noch mehrere und nach wenigen Minuten stand eine Gruppe Jäger vor dem
Höhleneingang. Der schönste derselben, der König des Landes, redete
Elise an: „Wo bist du hergekommen, du herrliches Kind?“
Elise schüttelte den Kopf, sie durfte ja nicht reden, denn es galt ihrer
Brüder Leben und Erlösung. Ihre Hände verbarg sie unter der Schürze,
damit der König nicht sähe, was sie zu leiden hätte.
„Begleite mich!“ begann er von neuem; „hier darfst du nicht bleiben.
Bist du ebenso gut, wie du schön bist, so will ich dich in Seide und
Samt kleiden und dir die goldene Krone auf das Haupt setzen.“ Sie weinte
und rang ihre Hände, aber der König sagte: „Ich will nur dein Glück,
einst wirst du mir dafür danken!“ Dann stürmte er vorwärts zwischen den
Bergen hindurch, hielt sie vor sich auf dem Pferde und die Jäger jagten
hinterher.
Als die Sonne niedersank, lag die prächtige Königsstadt mit ihren
Kirchen und Kuppeln vor ihnen, und der König führte sie in sein Schloß,
wo in hohen Marmorsälen große Wasserkünste plätscherten, wo Wände und
Decken mit Gemälden verziert waren, aber sie hatte keine Augen dafür,
sie weinte und trauerte. Willenlos duldete sie, daß die Frauen ihr
königliche Kleider anlegten, ihr Perlen in das Haar flochten und feine
Handschuhe über die verbrannten Finger zogen.
Als sie in aller ihrer Pracht dastand, war sie so blendend schön, daß
sich der Hof noch tiefer vor ihr verneigte, und der König erwählte sie
zu seiner Braut, obwohl der Erzbischof den Kopf schüttelte und meinte,
das schöne Waldmädchen wäre sicher eine Hexe. Doch der König hörte nicht
darauf, ließ die Musik erklingen und sie wurde durch duftende Gärten in
die prächtigsten Säle hineingeführt. Aber nicht ein Lächeln glitt über
ihren Mund oder strahlte aus ihren Augen. Nun öffnete der König ein
kleines Zimmer dicht daneben, wo sie schlafen sollte. Es war mit
köstlichen grünen Teppichen ausgeschmückt und ähnelte vollkommen der
Höhle, in welcher der König sie gefunden hatte. Auf dem Fußboden lag das
Bund Flachs, welchen sie aus den Nesseln gesponnen hatte, und unter der
Decke hing das Panzerhemd, welches schon fertig gestrickt war. Alles
dies hatte einer der Jäger als Merkwürdigkeit mitgenommen.
„Hier kannst du dich in deine frühere Heimat zurückträumen!“ sprach der
König. „Hier ist die Arbeit, die dich dort beschäftigte. Jetzt, mitten
in deiner Pracht, wird es dich unterhalten, an die vergangene Zeit
zurückzudenken.“
Als Elise das erblickte, was ihrem Herzen so nahe lag, spielte ein
Lächeln um ihren Mund und das Blut kehrte in ihre Wangen zurück; sie
dachte an die Erlösung ihrer Bruder, küßte dem Könige die Hand, und er
drückte sie an sein Herz und ließ durch alle Kirchenglocken das
Hochzeitsfest verkündigen. Das schöne, stumme Mädchen aus dem Walde ward
die Königin des Landes. Der Erzbischof selbst mußte ihr die Krone auf
das Haupt setzen und in seinem Unwillen drückte er ihr den engen Reifen
so fest auf die Stirne, daß es ihr Schmerzen verursachte.
Ihr Mund war stumm, hätte doch ein einziges Wort ihren Brüdern das Leben
gekostet, allein ihre Augen spiegelten ihre innige Zärtlichkeit gegen
den guten, schönen König wieder, der alles that, um sie zu erfreuen.
Hätte sie sich ihm nur anvertrauen, ihm ihr Leid gestehen dürfen! Nun
aber mußte sie stumm sein, mußte stumm ihr Werk vollenden. Deshalb
schlich sie sich nachts in ihr verstecktes Kämmerlein, welches wie die
Höhle ausgeschmückt war, und strickte ein Panzerhemd nach dem andern
fertig; als sie jedoch das siebente begann, hatte sie keinen Flachs
mehr.
Wie sie wußte, wuchsen die Nesseln, welche sie allein verwenden durfte,
auf dem Friedhofe, aber sie mußte sie selbst pflücken; wie sollte sie
das anfangen?
„Ich muß es wagen, der liebe Gott wird seine Hand nicht von mir
abziehen!“ dachte sie.
Mit einer Herzensangst, als hätte sie eine böse That vor, schlich sie
sich in einer mondhellen Nacht in den Garten hinunter und ging durch die
langen Baumwege und einsamen Straßen nach dem Friedhofe hinaus. Dort
erblickte sie auf einem der breitesten Leichensteine einen Kreis
häßlicher Hexen. Elise mußte dicht bei ihnen vorüber, und sie hefteten
ihre bösen Blicke auf sie, aber sie betete, sammelte die brennenden
Nesseln und nahm sie mit sich nach dem Schlosse.
Nur ein einziger Mensch hatte sie hierbei gesehen, der Erzbischof; er
war noch wach, wenn die andern schliefen. Es hatte sich seine Meinung
nun doch bewährt, daß es mit ihr nicht stände, wie es mit einer Königin
stehen sollte. Sie war eine Hexe und darum hatte sie den König und das
ganze Volk bethört. Er erzählte dem Könige, was er gesehen hatte und was
er befürchtete. Da rollten dem Könige zwei schwere Thränen über die
Wangen herunter. Er that des Nachts, als ob er schliefe, aber es kam
kein ruhiger Schlaf in seine Augen; er merkte, wie Elise aufstand, wie
sie dieses jede Nacht wiederholte, und jedesmal ging er ihr leise nach
und sah, daß sie in ihrer Kammer verschwand.
Tag für Tag wurde seine Miene finsterer. Elise sah es wohl, begriff aber
nicht weshalb. Doch ängstigte sie dieses Benehmen, und was litt sie
nicht erst in ihrem Herzen um ihrer Brüder willen. Auf den königlichen
Sammet und Purpur rannen ihre bitteren Thränen nieder. Inzwischen war
ihre Arbeit nun bald vollendet, nur ein Panzerhemd fehlte noch, aber sie
hatte nun keinen Flachs mehr und nicht eine einzige Nessel. Einmal, nur
dieses letztemal noch, mußte sie deshalb zum Friedhofe hinaus wandern
und einige Hände voll pflücken.
Elise ging, aber der König und der Erzbischof folgten ihr und sahen sie
in die Kirchhofspforte hineintreten und verschwinden. Als sie sich
derselben näherten, erblickten sie auf den Grabsteinen die Hexen, wie
sie Elise erblickt hatte, und der König wandte sich ab, denn er
vermutete die Königin unter ihnen.
„Das Volk möge sie verurteilen!“ sagte er, und das Volk verurteilte sie
zum Scheiterhaufen.
Aus den prächtigen Königssälen wurde sie in ein finsteres, feuchtes Loch
geschleppt, in welches der Wind durch das Gitterfenster hineinpfiff;
anstatt des Sammets und der Seide gab man ihr das Bund Nesseln, welches
sie gesammelt hatte, darauf konnte sie ihr Haupt legen. Die harten,
brennenden Panzerhemden, welche sie gestrickt hatte, sollten ihr statt
Kissen und Decke dienen, doch konnte man ihr nichts Lieberes schenken.
Sie nahm ihre Arbeit wieder auf und betete dabei inbrünstig zu Gott.
Da sauste gegen Abend dicht am Gitter ein Schwanenflügel, es war der
jüngste der Brüder, der endlich die Schwester aufgefunden hatte. Laut
schluchzte sie auf vor Freude, obgleich sie wußte, daß die kommende
Nacht vielleicht die letzte war, die sie zu leben hatte. Aber jetzt war
ihre Arbeit ja auch beinahe vollendet und ihre Brüder waren hier.
Die kleinen Mäuse liefen über den Fußboden, schleppten die Nesseln bis
zu ihren Füßen hin, um doch auch ein wenig zu helfen, und die Drossel
setzte sich an das Gitter des Fensters und sang so lustig sie konnte,
damit Elise den Mut nicht verlieren sollte.
Es begann gerade zu dämmern, erst in einer Stunde sollte die Sonne
aufgehen, da standen die elf Brüder vor dem Portale des Schlosses und
verlangten, vor den König geführt zu werden. Das könnte nicht geschehen,
erhielten sie aber zur Antwort, es wäre ja noch Nacht, der König
schliefe und dürfte nicht geweckt werden. Sie baten, sie drohten, die
Wache kam, ja selbst der König trat aus seinem Schlafzimmer und fragte,
was das zu bedeuten hätte, aber in dem Augenblicke stieg strahlend die
Sonne empor und nun war kein Bruder mehr zu sehen, aber über das Schloß
hinweg flogen elf wilde Schwäne.
Auf einem schlechten Karren wurde die arme Königin zur Richtstätte
geführt; sie trug ein häßliches, graues Gewand, ihr langes Haar wallte
aufgelöst um das schöne Haupt, ihre Wangen waren leichenblaß, ihre
Lippen bewegten sich leise, während ihre Finger den grünen Flachs
flochten. Selbst auf ihrem Todeswege unterbrach sie die begonnene Arbeit
nicht, die zehn Panzerhemden lagen zu ihren Füßen, an dem elften
strickte sie.
„Seht nur die Hexe an,“ rief das Volk; „mit ihrem häßlichen Zauberwerk
sitzt sie da. Reißt es ihr in tausend Stücke!“
Alle drängten auf sie ein und wollten es ihr zerreißen. Da kamen elf
weiße Schwäne geflogen, die setzten sich rings um sie auf den Karren und
schlugen mit ihren großen Schwingen. Da wich der Haufen erschrocken zur
Seite.
„Das ist ein Zeichen vom Himmel! Sie ist sicherlich unschuldig!“
flüsterten viele, wagten es aber nicht laut auszusprechen.
Nun ergriff sie der Büttel bei der Hand; da warf sie eiligst den
Schwänen die elf Hemden über und plötzlich standen elf stattliche
Prinzen da, aber der jüngste hatte anstatt des einen Armes einen
Schwanenflügel, denn seinem Panzerhemde fehlte ein Ärmel, den sie noch
nicht vollendet hatte.
„Nun darf ich sprechen!“ rief sie aus, „ich bin unschuldig!“
„Ja, unschuldig ist sie!“ sagte der älteste Bruder und erzählte dann
alles, was geschehen war, und während er sprach, verbreitete sich ein
Duft wie von tausenden von Rosen, denn jedes Stück Brennholz des
Scheiterhaufens hatte Wurzel geschlagen und Zweige getrieben. Da stand
eine duftende Hecke, hoch und groß mit roten Rosen; zu alleroberst aber
wiegte sich eine Blume, weiß und leuchtend, die wie ein Stern erglänzte.
Diese brach der König, steckte sie Elisen vor die Brust und nun erwachte
sie mit Frieden und Glückseligkeit in ihrem Herzen.
Alle Kirchenglocken läuteten von selbst und die Vögel kamen in großen
Schwärmen; es wurde ein Hochzeitszug zurück zum Schlosse, wie ihn noch
kein König gesehen hatte.
Die glückliche Familie.
[Abbildung/Illustration: capD61.jpg]
Das größte von allen Blättern ist wohl das Klettenblatt; ein Kind kann
es als Schürze oder als Regenschirm benutzen; aber eine Schnecke ißt es
am liebsten auf; es ist ihre Lieblingsspeise. Daher hatte man in der
Nähe eines Edelsitzes Kletten gesät, weil die Schnecken wiederum eine
Lieblingsspeise der Herrschaften auf dem Edelhofe waren. Aber diese
waren gestorben, das Schloß war verfallen, der Garten verwildert; nur
die Kletten wucherten fort, sie bildeten einen dichten Klettenwald und
in diesem wohnten die beiden letzten uralten Schnecken.
Wie alt sie waren, wußten sie selbst nicht, konnten sich aber dessen
noch ganz gut entsinnen, daß ihrer weit mehr gewesen waren, daß sie
von einer aus fremden Ländern eingewanderten Familie abstammten und daß
für sie und die Ihrigen der ganze Wald angepflanzt war. Sie waren über
denselben nie hinausgekommen; gleichwohl war es ihnen nicht unbekannt,
daß noch etwas zu der Welt gehörte, was Rittergut hieß. Dort oben wurde
man gekocht, wovon man schwarz wurde, und dann wurde man auf eine
silberne Schüssel gelegt; was dann aber weiter geschah, wußten sie
nicht. Was das übrigens zu bedeuten hätte, gekocht zu werden und auf
silberner Schüssel zu liegen, konnten sie sich nicht vorstellen, nur
sagte ihnen ein dunkles Gefühl, daß das etwas Herrliches und überaus
Vornehmes sein müßte.
Die alten weißen Schnecken waren die vornehmsten in der Welt, wie sie
sehr wohl wußten; lediglich um ihretwillen war der Wald da, und das
Rittergut war da, damit sie gekocht und auf silberne Schüsseln gelegt
werden konnten.
Sie lebten jetzt sehr einsam und glücklich, und da sie selbst ohne
Kinder waren, so hatten sie eine kleine gewöhnliche Schnecke an
Kindesstatt angenommen. Der Kleine wollte indes nicht wachsen, da er zu
niedriger Abkunft war. Aber die Alten, besonders die Schneckenmutter,
meinten doch, eine Zunahme merken zu können, und letztere bat den Vater,
er möchte nur das kleine Schneckenhaus befühlen, und das that er und
fand, daß die Mutter recht hatte. --
„Höre nur, wie es heute auf die Kletten plätschert!“ sagte an einem
Regentage der Schneckenvater. „Ich bin nur froh, daß wir unser gutes
Haus haben und der Kleine auch das seinige. Für uns ist allerdings
besser gesorgt als für alle übrigen Geschöpfe, woraus du ersiehst, daß
uns die Herrschaft in der Welt gehört! Von Geburt an besitzen wir ein
Haus und der Klettenwald ist um unsertwillen angepflanzt worden!“ --
„Ich möchte nur wissen, was außerhalb desselben ist!“ meinte die
Schneckenmutter.
„Außerhalb ist nichts! Das Schloß ist vielleicht eingestürzt!“ sagte der
Schneckenvater, „oder der Klettenwald ist darüber hinweggewachsen, so
daß die Menschen nicht mehr heraus können!“
„Hast du auch schon daran gedacht, wo wir eine Frau für unsern Kleinen
herbekommen könnten?“ fragte die Schneckenmutter. „Glaubst du nicht, daß
weit, weit in den Klettenwald hinein sich noch jemand unserer Art finden
sollte?“
„Schwarze Schnecken, meine ich, werden wohl zahlreich vorhanden sein,“
sagte der Alte, „schwarze Schnecken ohne Haus, aber die gehören trotz
ihrer Eingebildetheit zu dem gemeinen Volke. Wir könnten jedoch die
Ameisen damit beauftragen; sie laufen, als wenn sie etwas zu thun
hätten, regelmäßig hin und her; sie wissen gewiß eine Frau für unser
Schneckchen!“
„Ich weiß freilich die allerschönste!“ sagte eine Ameise; „aber ich
befürchte, es wird sich nicht machen, da es sich um eine Königin
handelt!“ -- „Das thut nichts!“ sagten die Alten. „Hat sie ein Haus?“ --
„Sie hat ein Schloß!“ sagte die Ameise. „Das schönste Ameisenschloß mit
siebenhundert Gängen.“ -- „Nein, besten Dank!“ sagte die
Schneckenmutter, „unser Sohn soll nicht in einen Ameisenhaufen! Wißt ihr
nichts Besseres, so wollen wir uns an die weißen Mücken wenden; sie
fliegen in Regen und Sonnenschein weit umher und kennen den Klettenwald
von innen und von außen!“
„Wir haben eine Frau für ihn!“ sagten die Mücken. „Hundert
Menschenschritte von hier sitzt auf einem Stachelbeerstrauche eine
kleine Schnecke mit einem Hause.“ -- „Gut, laßt sie zu ihm kommen!“
sagten die Alten, „er hat einen Klettenwald, sie hat nur einen Strauch!“
Da holten sie das kleine Schneckenfräulein. Das dauerte acht Tage, aber
das war gerade das Hervorragende dabei; damit bewies sie, daß echtes
Schneckenblut in ihr rollte.
Darauf wurde Hochzeit gefeiert. Sechs Leuchtkäfer leuchteten, so gut sie
vermochten; sonst verlief die Feierlichkeit in aller Stille, denn die
alten Schnecken konnten Schwärmen und Lustbarkeiten nicht leiden.
Dagegen wurde von der Schneckenmutter eine schöne Rede gehalten; der
Vater war nicht dazu im Stande, er war zu bewegt, und dann übergaben sie
ihnen den ganzen Klettenwald als Erbteil und wiederholten, was sie stets
gesagt hatten, daß es das Beste in der Welt wäre, wenn sie und ihre
Kinder einst auf das Schloß kommen, schwarz gekocht und auf eine
silberne Schüssel gelegt werden würden.
Nach Schluß der Rede krochen die Alten in ihre Häuser und kamen nie
wieder heraus; sie schliefen. Das junge Schneckenpaar regierte im Walde
und erhielt eine zahlreiche Nachkommenschaft, nie aber wurden sie
gekocht und nie kamen sie auf eine silberne Schüssel, weshalb sie
meinten, daß das Schloß eingestürzt und alle Menschen in der Welt
ausgestorben wären, und da ihnen niemand widersprach, galt es natürlich
als wahr. Der Regen schlug auf die Klettenblätter, um ihnen eine
Trommelmusik vorzumachen, und die Sonne leuchtete, um ihretwegen den
Klettenwald in ein Lichtmeer zu tauchen und sie waren sehr glücklich und
die ganze Familie war glücklich, und sie war es wirklich.
Der Engel.
[Abbildungen/Illustrations: capB63.jpg, pic64.jpg]
Bei jedem guten Kinde, wenn es stirbt, steigt ein Engel Gottes auf die
Erde nieder, nimmt das tote Kind auf seine Arme, breitet seine großen
weißen Flügel aus, fliegt über alle Stätten hin, die das Kind lieb
gehabt hatte, und pflückt eine ganze Hand voll Blumen, die er zu Gott
hinaufbringt, damit sie dort noch schöner als auf Erden blühen. Der
liebe Gott drückt alle Blumen an sein Herz, aber der Blume, die ihm am
liebsten ist, gibt er einen Kuß und dadurch erhält sie Stimme und vermag
in der großen Glückseligkeit mitzusingen.
Sieh, dies alles erzählte ein Engel Gottes, als er ein totes Kind zum
Himmel trug und das Kind hörte es wie im Traume. Sie schwebten hin über
die Stätten der Heimat, wo das Kind gespielt hatte, und kamen durch
Gärten mit herrlichen Blumen.
„Welche wollen wir nun mitnehmen und in den Himmel pflanzen?“ fragte der
Engel.
Da stand ein schlanker, prächtiger Rosenstock, aber eine böse Hand hatte
den Stamm umgebrochen, so daß alle Zweige voll großer,
halbaufgebrochener Knospen verwelkt herabhingen.
„Der arme Rosenstock!“ sagte das Kind. „Ob er nur oben bei Gott zur
Blüte gelangen kann?“
Und der Engel nahm ihn, küßte aber das Kind dafür und das Kleine öffnete
seine Augen zur Hälfte. Sie pflückten von den reichen Prachtblumen,
nahmen jedoch auch die verachtete Goldblume und das wilde
Stiefmütterchen mit.
„Jetzt haben wir Blumen!“ jubelte das Kind, und der Engel nickte. Es war
Nacht und überall herrschte Stille. Sie blieben in der großen Stadt und
schwebten in einer der schmalsten Gassen, wo allerhand Gerümpel
umherlag, denn es war Ziehtag gewesen.
Der Engel zeigte auf die Scherben eines Blumentopfes hinunter und auf
einen Klumpen Erde, der herausgefallen war und durch die Wurzeln einer
großen, verwelkten, und deshalb auf die Straße hinausgeworfenen
Feldblume zusammengehalten wurde.
„Die nehmen wir mit!“ sagte der Engel. „Ich will dir gleich erzählen,
weshalb!“ Und nun flogen sie und der Engel erzählte:
„Dort unten in der engen Straße, in dem niedrigen Keller, wohnte ein
armer, kranker Knabe. Von Kindesbeinen an war er immer bettlägerig
gewesen. Wenn er sich am wohlsten fühlte, konnte er die kleine Stube auf
Krücken ein paarmal auf- und niedergehen; das war das Höchste. Während
weniger Sommertage fielen die Sonnenstrahlen ein halbes Stündchen in den
Kellerflur hinein. Wenn dann der arme Junge dasaß und die warme Sonne
auf sich herniederscheinen ließ, und durch seine feinen Finger, die er
sich vor das Gesicht hielt, das rote Blut hindurchschimmern sah, dann
hieß es: „Heute ist er ausgewesen!“ Den Wald in seinem herrlichen
Frühlingsgrün kannte er nur dadurch, daß ihm des Nachbars Sohn den
ersten Buchenzweig brachte. Den hielt er über den Kopf und träumte nun,
unter Buchen zu ruhen, wo die Sonne schiene und die Vögel sängen.
„An einem schönen Lenztage brachte ihm der Nachbarssohn mehrere
Feldblumen, worunter sich auch eine mit der Wurzel befand. Sie wurde in
einen Topf gepflanzt und an das Fenster dicht neben seinem Bette
gestellt. Die Blume war von einer glücklichen Hand gepflanzt, sie wuchs,
trieb neue Schößlinge und trug jedes Jahr ihre Blumen. Sie ersetzte dem
kranken Knaben den schönsten Garten, war sein kleiner Schatz auf dieser
Erde. Er begoß und wartete sie und sorgte dafür, daß sie jeglichen
Sonnenstrahl, der durch das niedrige Fenster hereinglänzte, bis auf den
letzten erhielt. Die Blume wuchs selbst in seine Träume hinein, denn für
ihn allein wuchs sie, verbreitete sie ihren Duft und erfreute sie das
Auge. Ihr wandte er im Tode sein Antlitz zu, als der Herr ihn rief.