Schubfache, wo Idas Puppe, Sophie, bei vielem anderen Spielzeug lag. Das
Männchen auf dem Räucherkästchen lief bis an die Kante des Tisches,
legte sich der Länge nach auf den Bauch und fing an den Schubkasten ein
wenig herauszuziehen. Da richtete sich Sophie empor und sah sich ganz
verwundert um. „Hier ist ja Ball!“ sagte sie, „warum hat mir es denn
niemand gesagt?“
„Willst du mit mir tanzen?“ fragte das Räuchermännchen.
„Fürwahr, das stände mir gerade an, mit dir zu tanzen!“ sagte sie und
wandte ihm den Rücken. Hierauf setzte sie sich auf das Schubfach und
dachte, es würde schon eine oder die andere Blume kommen und sie
engagieren, aber es kam keine. Nun hustete sie, hm, hm, hm, aber
gleichwohl kam keine. Das Räuchermännchen tanzte ganz allein und gar
nicht so übel.
Da nun keine der Blumen Sophie zu sehen schien, ließ sie sich vom
Schubfach gerade auf den Boden herabgleiten, so daß ein großer Lärm
entstand. Alle Blumen umringten sie auch gleich und fragten, ob sie sich
keinen Schaden gethan hätte, und sie benahmen sich alle sehr
zuvorkommend gegen sie, besonders die Blumen, die in ihrem Bette gelegen
hatten. Aber sie hatte keinen Schaden genommen und alle Blumen Idas
dankten ihr für das prächtige Bett und bewiesen ihr große Zuneigung. Sie
zogen sie mit sich bis mitten auf den Boden, wo der Mond schien, tanzten
mit ihr und alle andern Blumen schlossen einen Kreis um sie. Nun war
Sophie fröhlich und sagte, sie möchten getrost ihr Bett behalten, sie
läge eben so gern im Schubfache.
Aber die Blumen sagten: „Empfange unsern besten Dank, allein wir können
nicht mehr lange leben; morgen sind wir tot; sage aber der kleinen Ida,
sie möchte uns draußen im Garten dort, wo der Kanarienvogel liegt,
begraben. Dann würden wir im Sommer noch weit schöner wieder aufblühen!“
„Nein, ihr dürft nicht sterben!“ sagte Sophie und küßte dann die Blumen.
In dem Augenblicke ging die Saalthüre auf und eine große Menge
prachtvoller Blumen tanzte herein. Ida konnte sich gar nicht denken,
woher sie gekommen waren; es waren gewiß die Blumen draußen vom Schlosse
des Königs. An der Spitze gingen zwei herrliche Rosen und trugen kleine
Goldkronen, das war ein König und eine Königin. Darauf folgten die
niedlichsten Levkojen und Nelken, die nach allen Seiten hin grüßten. Sie
hatten Musik mit sich, große Mohnblüten und Päonien bliesen auf
Erbsenschoten, so daß sie ganz rot im Gesicht waren. Die blauen
Glockenblumen und die kleinen weißen Schneeglöckchen klingelten, als ob
sie Schellen trügen. Das war eine komische Musik. Dann kamen gar viele
andere Blumen und tanzten allesamt, die blauen Veilchen und die roten
Tausendschön, die Gänseblümchen und Maiblümchen. Und alle Blumen küßten
einander, was sehr niedlich anzusehen war.
Schließlich sagten die Blumen einander gute Nacht. Da schlich sich denn
auch die kleine Ida in ihr Bett, wo sie von allem, was sie gesehen
hatte, träumte.
Als sie am nächsten Morgen aufstand, ging sie sogleich zu dem kleinen
Tische, um zu sehen, ob die Blumen noch dort wären. Sie zog den Vorhang
vor dem kleinen Bett zur Seite, ja, da lagen sie sämtlich, aber sie
waren ganz welk, weit mehr als gestern. Sophie lag im Schubfache, wohin
Ida sie gelegt hatte; sie sah sehr schläfrig aus.
„Kannst du dich auf das besinnen, was du mir sagen solltest?“ fragte die
kleine Ida, allein Sophie machte ein dummes Gesicht und sagte auch nicht
ein einziges Wort.
„Du bist gar nicht artig,“ sagte Ida, „und doch tanzten sie sämtlich mit
dir.“ Dann nahm sie ein Papierschächtelchen, das mit niedlichen Vögeln
bemalt war, öffnete es und legte die toten Blumen hinein. „Das soll euer
hübscher Sarg sein,“ sagte sie, „und wenn später _Jonas_ und _Adolph_
kommen, da sollen sie bei dem Begräbnisse draußen im Garten mit zugegen
sein, damit ihr im Sommer wieder wachsen könnt und noch weit schöner
werdet!“
Jonas und Adolph waren zwei frische Knaben und Spielgenossen von Ida;
ihr Vater hatte jedem von ihnen eine neue Armbrust geschenkt, die sie
bei sich hatten, um sie Ida zu zeigen. Sie erzählte ihnen von den armen
Blumen, die gestorben waren, und dann durften sie dieselben begraben.
Beide gingen mit ihrer Armbrust auf den Schultern voran und die kleine
Ida folgte ihnen mit den toten Blumen in der niedlichen Schachtel.
Draußen im Garten gruben die Kinder ein kleines Grab und Ida setzte die
Blumen, nachdem sie dieselben noch einmal geküßt hatte, mit der
Schachtel in die Erde. Adolph und Jonas schoßen mit der Armbrust über
das Grab, denn sie hatten weder Flinten noch Kanonen.
Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern.
[Abbildungen/Illustrations: pic51.jpg]
Es war entsetzlich kalt; es schneite und der Abend dunkelte bereits; es
war der letzte Abend im Jahre, Sylvesterabend. In dieser Kälte und in
dieser Finsternis ging auf der Straße ein kleines armes Mädchen mit
bloßem Kopfe und mit nackten Füßen. Es hatte wohl freilich Pantoffeln
angehabt, als es von Hause fortging, aber das waren die seiner
verstorbenen Mutter gewesen und da sie ihr nicht paßten, so hatte sie
die Kleine verloren, als sie über die Straße eilte, während zwei Wagen
in rasender Eile vorüberjagten; der eine Pantoffel war nicht wieder
aufzufinden und mit dem andern machte sich ein Knabe aus dem Staube.
Da ging nun das kleine Mädchen auf den nackten zierlichen Füßchen, die
vor Kälte ganz rot und blau waren. In ihrer alten Schürze trug sie eine
Menge Schwefelhölzer und ein Bund hielt sie in der Hand. Während des
ganzen Tages hatte ihr niemand etwas abgekauft, niemand ein Almosen
gereicht. Hungrig und frostig schleppte sich die arme Kleine weiter und
sah schon ganz verzagt und eingeschüchtert aus. Die Schneeflocken fielen
auf ihr langes blondes Haar, das schön gelockt über ihren Nacken
hinabfloß. Aus allen Fenstern strahlte heller Lichterglanz und über alle
Straßen verbreitete sich der Geruch von köstlichem Gänsebraten. Es war
ja Sylvesterabend und dieser Gedanke erfüllte alle Sinne des kleinen
Mädchens.
In einem Winkel zwischen zwei Häusern, von denen das eine etwas weiter
in die Straße vorsprang als das andere, kauerte es sich nieder. Seine
kleinen Beinchen hatte es unter sich gezogen, aber es fror nur noch mehr
und wagte es trotzdem nicht, nach Hause zu gehen, da es noch kein
Schächtelchen mit Streichhölzern verkauft, noch keinen Pfennig erhalten
hatte. Es hätte gewiß vom Vater Schläge bekommen, und kalt war es zu
Hause ja auch; sie hatten das bloße Dach über sich und der Wind pfiff
schneidend hinein, obgleich Stroh und Lumpen in die größten Ritzen
gestopft waren. Ach, wie gut mußte die Wärme eines Schwefelhölzchens
thun! Wenn es nur wagen dürfte, eines aus dem Schächtelchen
herauszunehmen, es gegen die Wand zu streichen und die Finger daran zu
wärmen! Endlich zog das Kind eines heraus. „Ritsch!“ wie sprühte es, wie
brannte es. Das Schwefelholz strahlte eine warme helle Flamme aus, wie
ein kleines Licht, als es das Händchen um dasselbe hielt. Es war ein
merkwürdiges Licht; es kam dem Mädchen vor, als säße es vor einem großen
eisernen Ofen mit Messingbeschlägen und Messingverzierungen; das Feuer
brannte so schön und wärmte so wohlthuend! Die Kleine streckte schon die
Füße aus, um auch diese zu wärmen -- da erlosch die Flamme. Der Ofen
verschwand -- sie saß mit einem Stümpfchen des ausgebrannten
Schwefelholzes in der Hand da.
Ein neues wurde angestrichen, es brannte, es leuchtete, und die Stelle
der Mauer, auf welche der Schein fiel, wurde durchsichtig wie ein Flor.
Die Kleine sah gerade in die Stube hinein, wo der Tisch gedeckt stand
und köstlich dampfte die gebratene Gans darauf. Und was noch herrlicher
war, die Gans sprang aus der Schüssel und watschelte mit Gabel und
Messer im Rücken über den Fußboden hin; gerade auf das arme Mädchen zu.
Da erlosch das Schwefelholz und nur die dicke kalte Mauer war zu sehen.
Sie zündete ein neues an. Da saß die Kleine unter dem herrlichsten
Weihnachtsbaum; er war noch größer und noch weit reicher ausgeputzt als
der, den sie am heiligen Abende bei dem reichen Kaufmann durch die
Glasthüre gesehen hatte. Tausende von Lichtern brannten auf den grünen
Zweigen, und bunte Bilder schauten auf sie hernieder; die Kleine
streckte beide Hände nach ihnen in die Höhe -- da erlosch das
Schwefelholz. Die vielen Weihnachtslichter stiegen höher und höher und
sie sah jetzt erst, daß es die hellen Sterne waren. Einer von ihnen fiel
herab und zog einen langen Feuerstreifen über den Himmel.
„Jetzt stirbt jemand!“ sagte die Kleine; denn die alte Großmutter,
welche sie allein freundlich behandelt hatte, jetzt aber längst tot war,
hatte gesagt: „Wenn ein Stern fällt, steigt eine Seele zu Gott empor!“
Sie strich wieder ein Schwefelholz gegen die Mauer; es warf einen weiten
Lichtschein rings umher und im Glanze desselben stand die alte
Großmutter hell beleuchtet mild und freundlich da.
„Großmutter!“ rief die Kleine, „o nimm mich mit dir! Ich weiß, daß du
verschwindest, sobald das Schwefelholz ausgeht, verschwindest, wie der
warme Kachelofen, der köstliche Gänsebraten und der große flimmernde
Weihnachtsbaum!“ Schnell strich sie den ganzen Rest der Schwefelhölzer
an, welche sich noch im Schächtelchen befanden, sie wollte die
Großmutter festhalten; und die Schwefelhölzer verbreiteten einen solchen
Glanz, daß es heller war als am lichten Tage. So schön, so groß war die
Großmutter nie gewesen; sie nahm das kleine Mädchen auf ihren Arm und
hoch schwebten sie empor in Glanz und Freude; Kälte, Hunger und Angst
wichen von ihm -- sie waren bei Gott.
Aber im Winkel am Hause saß in der kalten Morgenstunde das kleine
Mädchen mit roten Wangen, mit Lächeln um den Mund -- tot, erfroren am
letzten Tage des alten Jahres. Der Morgen des neuen Jahres ging über der
kleinen Leiche auf, welche mit den Schwefelhölzern, wovon fast ein
Schächtelchen verbrannt war, dasaß. „Sie hat sich wärmen wollen!“ sagte
man. Niemand wußte, was sie Schönes gesehen hatte, in welchem Glanze sie
mit der alten Großmutter zur Neujahrsfreude eingegangen war.
Die wilden Schwäne.
[Abbildungen/Illustrations: pic57.jpg, tafel4.jpg]
Weit von hier, dort, wohin die Schwalben fliegen, ehe unser Winter
eintritt, lebte ein König, der hatte elf Söhne und eine Tochter, _Elise_
genannt. Die elf Prinzen gingen stets mit einem Stern auf der Brust und
dem Säbel an der Seite zur Schule. Sie schrieben mit Diamantgriffeln auf
goldenen Tafeln. Ihre Schwester Elise saß auf einem Stühlchen von
Spiegelglas und besaß ein Bilderbuch, welches das halbe Königreich
gekostet hatte.
Der König verheiratete sich zum zweitenmal, da er Witwer war, und zwar
mit einer bösen Königin, welche die armen Kinder gar nicht lieb hatte.
Schon den ersten Tag konnten sie es ganz deutlich merken. Im Schloße war
ein großes Fest und da spielten die Kinder: „Es kommt Besuch“; aber
während sie sonst alle Kuchen und Bratäpfel, die nur irgend aufzutreiben
waren, erhielten, gab ihnen die Königin nur Sand in einer Tasse und
sagte, sie könnten ja so thun, als ob es etwas wäre.
In der folgenden Woche übergab sie die kleine Elise einer Bauernfamilie
auf dem Lande, und es dauerte nicht lange, bis sie dem Könige so viel
über die armen Prinzen in den Kopf gesetzt hatte, daß er sich nun gar
nicht mehr um sie kümmerte.
„Fliegt hinaus in die Welt und sorgt für euch selber!“ sagte die böse
Königin; „fliegt als große Vögel, ohne Stimme.“ Aber so schlimm, wie sie
beabsichtigte, konnte sie es doch nicht ausführen: die Prinzen
verwandelten sich in elf herrliche, wilde Schwäne. Mit einem seltsamen
Schrei flogen sie zu den Schloßfenstern hinaus über den Park und Wald
hinweg.
Es war noch ganz früh, als sie an jenem Bauernhause, in dem ihre
Schwester gerade im Bette lag und schlief, vorbeikamen. Hier schwebten
sie über dem Dache, drehten ihre langen Hälse hin und her und schlugen
mit den Flügeln aber niemand sah oder hörte es. Sie mußten wieder
weiter, hoch zu den Wolken empor, fort in die weite Welt, wo sie bis zu
einem großen finstern Wald flogen, der sich bis an den Meeresstrand
erstreckte.
[Farbtafel/Plate]
Die arme kleine Elise stand in der Bauernstube und spielte mit einem
grünen Blatte, denn anderes Spielzeug hatte sie nicht. Sie stach ein
Loch in das Blatt, schaute durch dasselbe zur Sonne hinauf und dann war
es ihr gerade, als wenn sie die hellen Augen ihrer Brüder erblickte.
Ein Tag verlief wie der andere. Wehte der Wind durch die großen
Rosenhecken draußen vor dem Hause, dann flüsterte er den Rosen zu: „Wer
kann schöner sein als ihr?“ aber die Rosen schüttelten den Kopf und
sagten: „Elise ist es!“ Und saß am Sonntage die alte Hausmutter vor der
Thüre und las in ihrem Gesangbuch, dann schlug der Wind die Blätter um
und sagte zu dem Buche: „Wer ist frömmer als du?“ -- „Elise ist es!“
sagte das Gesangbuch.
Als Elise fünfzehn Jahre alt war, sollte sie an den Hof ihres Vaters
zurückkehren. Kaum hatte aber die Königin die auffallende Schönheit des
Mädchens gesehen, als auch ihr Herz sogleich von Zorn und Haß gegen sie
erfüllt wurde. Gar zu gern hätte sie nun auch ihre Stieftochter in einen
wilden Schwan verwandelt, doch durfte sie es nicht sogleich wagen, da ja
der König seine Tochter sehen wollte.
Früh morgens ging die Königin in das Bad, nahm drei Kröten, küßte sie
und sagte zu der einen: „Setze dich, wenn Elise in das Bad kommt, auf
ihren Kopf, damit sie träge wird wie du!“ -- „Setze dich auf ihre
Stirn!“ sagte sie zu der andern, „damit sie häßlich wird wie du, so daß
sie ihr Vater nicht erkennt!“ -- „Ruhe an ihrem Herzen!“ flüsterte sie
der dritten zu, „laß sie einen bösen Sinn bekommen, damit sie dadurch
Pein erleidet!“ Darauf setzte sie die Kröten in das klare Wasser,
welches sofort eine grünliche Farbe annahm. Nun befahl sie Elise, ein
Bad zu nehmen. Während dieselbe nun in dem grünlichen Wasser
untertauchte, setzte sich ihr die eine Kröte in das Haar, die andere auf
die Stirn und die dritte ans Herz. Elise schien es aber gar nicht zu
bemerken. Als sie sich wieder emporrichtete, schwammen drei rote
Mohnblumen auf dem Wasser. Wären die Tiere nicht giftig gewesen und
hätten sie nicht von der Hexe einen Kuß erhalten, so wären sie in rote
Rosen verwandelt worden, Blumen aber wurden sie trotzdem, weil sie auf
ihrem Haupte und an ihrem Herzen geruht hatten. Sie war zu fromm und
unschuldig, als daß die Zauberkunst Gewalt über sie zu gewinnen
vermochte.
Als das die böse Königin sah, rieb sie Elise mit Walnußsaft ein, so daß
sie ganz dunkelbraun wurde. Es war jetzt unmöglich, die hübsche Elise
wieder zu erkennen.
Als ihr Vater sie in diesem Zustand erblickte, erschrak er nicht wenig
und erklärte, das wäre seine Tochter nicht. Niemand wollte sie wieder
erkennen, außer dem Kettenhunde und den Schwalben, das waren aber arme
Tiere und hatten nichts mitzusprechen.
Da weinte die arme Elise und gedachte ihrer elf Brüder, die alle
verschwunden waren. Betrübt schlich sie sich aus dem Schlosse hinaus und
ging den ganzen Tag über Feld und Sumpf bis in den großen Wald hinein.
Sie wußte zwar nicht, wohin sie wollte, aber in ihrer Betrübnis sehnte
sie sich nach ihren Brüdern, die gewiß, so dachte sie, gleich ihr in die
Welt hinausgejagt worden waren. Diese wollte sie suchen und hoffte sie
auch zu finden.
Sie war vollständig vom Wege abgekommen und die Nacht brach herein.
Da legte sie sich dann auf das weiche Moos, sprach ihr Abendgebet und
lehnte ihr Köpfchen gegen einen Baumstumpf. Dort war es so still, die
Luft war so mild, und ringsumher im Grase und auf dem Moose funkelten,
wie in grünlichem Feuer, hunderte von Leuchtkäferchen. Als sie einen
Zweig mit der Hand berührte, fielen die leuchtenden Insekten wie
Sternschnuppen zu ihr hernieder.
Die ganze Nacht träumte sie von ihren Brüdern; als sie erwachte, stand
die Sonne schon hoch. Allerdings konnte sie dieselbe nicht sehen, denn
die hohen Bäume breiteten ihre Zweige dicht und fest aus, aber die
Strahlen spielten dort oben wie ein wehender Goldflor. Sie hörte das
Wasser plätschern, das kam aus vielen, reichen Quellen, welche alle in
einen Teich mündeten, in dem der herrlichste Sandboden war. Zwar wuchs
hier dichtes Gebüsch ringsherum, doch hatten an einer Stelle die Hirsche
eine große Öffnung gebildet und nach dieser Richtung hin ging Elise zum
Wasser.
Als sie in demselben ihr eigenes Angesicht erblickte, erschrak sie auf
das heftigste, so braun und häßlich war es. Kaum aber hatte sie ihr
kleines Händchen naß gemacht und sich Augen und Stirn damit gerieben,
so schien auch die weiße Haut wieder hervor. Da legte sie flugs ihre
Kleider ab und stieg in’s Wasser. Ein schöneres Königskind fand sich
nirgends in der Welt.
Als sie sich wieder angekleidet und ihr Haar geflochten hatte, ging sie
noch tiefer in den Wald hinein. Dort war es so still, daß sie ihre
eigenen Fußtritte hörte und jedes welke Blatt, welches sich unter ihren
Füßen bog, und sie empfand so recht die Einsamkeit, die sie nie zuvor
gekannt hatte.
Die zweite Nacht im Walde brach herein. Diesmal funkelte nicht ein
einziges Leuchtkäferchen aus dem Moose hervor und betrübt legte sie sich
zum Schlafe nieder. Da schien es ihr, als beugten sich die Baumzweige
über ihr zur Seite und der liebe Gott sähe mit milden Augen auf sie
hernieder und kleine Engel guckten über seinem Haupte und unter seinen
Armen hervor.
Als sie am andern Morgen erwachte, wußte sie nicht, ob sie es nur
geträumt hätte oder ob es Wirklichkeit gewesen wäre.
Sie machte sich wieder auf den Weg und begegnete sehr bald einer alten
Frau, die Beeren in ihrem Korbe trug. Die Alte schenkte ihr einige
derselben und Elise fragte, ob sie nicht elf Prinzen hätte durch den
Wald reiten sehen.
„Nein,“ sagte die Alte, „aber gestern sah ich elf Schwäne mit goldenen
Kronen auf dem Kopfe den Bach hinabschwimmen; ich will dir den Weg dahin
zeigen.“
Sie führte Elise eine Strecke weiter bis zu einem Abhange, an dessen
Fuße ein Bach vorüberrauschte.
Elise sagte nun der Alten Lebewohl und ging dann den Bach bis zu seiner
Mündung entlang.
Da lag nun das ganze herrliche Meer vor dem jungen Mädchen ausgebreitet
da. Aber nicht ein Segel zeigte sich darauf, nicht ein Boot war zu
sehen, auf welchem sie hätte weiter gelangen können. Sie betrachtete die
unzähligen kleinen Steine am Strande; das Wasser hatte sie alle rund
geschliffen. Unermüdlich hatte es darüber hingerollt.
„Dank für eure Lehre, ihr klaren Wogen!“ rief Elise. „Einmal, das sagt
mir mein Herz, werdet ihr mich zu meinen Brüdern tragen!“
Auf dem angespülten Seegrase lagen elf weise Schwanenfedern; sie
sammelte sie zu einem Strauß. Wassertropfen lagen auf ihnen, ob es Tau
war oder Thränen, konnte niemand sehen.
Als die Sonne eben untergehen wollte, gewahrte Elise elf wilde Schwäne
mit goldenen Kronen auf dem Kopfe, die dem Lande zuflogen; einer
schwebte hinter dem andern, es sah wie ein langes, weißes Band aus. Da
stieg Elise den Abhang hinauf und versteckte sich hinter einem Busch.
Die Schwäne ließen sich unmittelbar in ihrer Nähe nieder und schlugen
mit ihren großen, weißen Flügeln.
Als die Sonne unter das Wasser tauchte, sanken plötzlich die
Schwanenhüllen und elf herrliche Prinzen, Elisens Brüder, standen da.
Sie stieß einen lauten Schrei aus, denn, hatten sie sich auch sehr
verändert, so wußte sie doch, daß sie es waren. Rasch sprang sie auf
und umarmte ihre Brüder voller Freude, einen nach dem andern, rief
jeden bei Namen, und die Brüder waren unendlich glücklich, als sie ihr
Schwesterchen, das jetzt so groß und schön war, sahen und erkannten.
Sie lachten und weinten und waren bald darüber einig, wie böse ihre
Stiefmutter gegen sie alle gehandelt hätte.
„Wir Brüder,“ erzählte nun der Älteste, „fliegen als wilde Schwäne, so
lange die Sonne am Himmel steht; ist sie untergegangen, erhalten wir
unsere menschliche Gestalt wieder. Unsere Hauptsorge muß es deshalb
sein, beim Sonnenuntergang festen Grund und Boden unter den Füßen zu
haben, denn fliegen wir dann noch zwischen den Wolken, müssen wir, als
Menschen, in die Tiefe hinabstürzen. Hier wohnen wir nicht; es liegt ein
eben so schönes Land als dieses am jenseitigen Meeresufer; der Weg dahin
ist weit, wir müssen über das große Meer und keine Insel liegt auf
unserm Wege, auf der wir übernachten könnten; nur eine einsame kleine
Klippe ragt inmitten desselben hervor. Sie ist gerade groß genug, daß
wir Seite an Seite dicht nebeneinander ruhen können. Dort übernachten
wir in unserer Menschengestalt; ohne sie könnten wir unser teures
Vaterland nie wiedersehen, denn zwei der längsten Tage des Jahres
gebrauchen wir zu unserem Fluge. Nur einmal jährlich ist es uns
vergönnt, unsere Heimat zu besuchen. Elf Tage dürfen wir dann hier
weilen, über diesen großen Wald hinfliegen, von wo wir das väterliche
Schloß erblicken. Und hier haben wir dich, liebes Schwesterchen,
gefunden. Noch zwei Tage dürfen wir hier bleiben, dann müssen wir über
das Meer nach einem herrlichen Lande aufbrechen, welches aber doch nicht
unser Vaterland ist. Allein wie sollen wir es nur anfangen, dich
mitzunehmen?“
„Was kann ich thun, um euch zu erlösen?“ fragte die Schwester. Nun
berieten und unterhielten sie sich fast die ganze Nacht; nur wenige
Stunden senkte sich der Schlummer auf ihre Augen.
Elise erwachte plötzlich vom Rauschen der Schwanenflügel, welche über
sie hinsausten. Die Brüder waren wieder versammelt und flogen in großen
Kreisen und zuletzt weit fort, doch blieb wenigstens einer von ihnen,
der jüngste, zurück. Der Schwan legte seinen Kopf in ihren Schoß und sie
streichelte seine Schwingen; den ganzen Tag waren sie beisammen. Gegen
Abend kamen die andern zurück und als die Sonne untergegangen war,
standen sie in ihrer natürlichen Gestalt da.
„Morgen fliegen wir von hier fort und dürfen vor einem ganzen Jahr nicht
zurückkommen; aber wir haben beschlossen, dich nicht zu verlassen. Hast
du Mut, uns zu begleiten? Sollten unser aller Flügel nicht Kraft genug
haben, mit dir über das Meer zu fliegen?“
„Ja, nehmt mich mit!“ rief Elise freudig aus.
Die ganze Nacht brachten sie nun damit zu, aus der geschmeidigen
Weidenrinde und dem zähen Schilf ein starkes Netz zu flechten; auf
dieses legte sich Elise, und als nun die Sonne sich erhob und die Brüder
in wilde Schwäne verwandelt wurden, ergriffen sie das Netz mit ihren
Schnäbeln und flogen mit ihrer teuren Schwester, die noch im süßen
Schlummer lag, hoch zu den Wolken empor. Die Sonnenstrahlen schienen ihr
gerade ins Antlitz, weshalb einer der Schwäne über ihrem Haupt
einherschwebte, um ihr mit seinen breiten Flügeln kühlen Schatten zu
gewähren.
Sie waren schon weit vom Lande weg, als Elise erwachte. Sie glaubte noch
zu träumen, so wunderbar kam es ihr vor, über das Meer hoch durch die
Luft getragen zu werden. Ihr zur Seite lag ein Zweig mit herrlichen
reifen Beeren und ein Bund wohlschmeckender Wurzeln. Diese hatte der
jüngste der Brüder gesammelt und für sie hingelegt, und dankbar lächelte
sie ihn an, denn sie erkannte, daß er es war, der über ihrem Haupte
einherflog und sie mit den Flügeln beschattete.
Sie schwebten so hoch, daß das erste Schiff, welches sie unter sich
erblickten, ihnen wie eine Möve vorkam, die auf dem Wasser lag. Eine
große Wolkenmasse stand hinter ihnen, bergehoch aufgetürmt, und auf
dieser gewahrte Elise ihren eigenen Schatten und den der elf Schwäne,
der in Riesengröße ihren eilenden Flug begleitete. Den ganzen Tag flogen
sie, wie ein sausender Pfeil durch die Luft geht, aber doch ging es
jetzt, wo sie die Schwester zu tragen hatten, bedeutend langsamer als
sonst. Da zog sich ein Unwetter zusammen und der Abend näherte sich.
Ängstlich sah Elise die Sonne mehr und mehr sinken, und noch immer war
die einsame Klippe im Meere nicht zu erblicken. Es kam ihr vor, als ob
die Schwäne stärkere Flügelschläge machten. Die schwarze Wolkenmasse kam
näher und näher, die starken Windstöße verkündeten einen Sturm. Die
Wolken hatten sich in einer einzigen großen, Unheil drohenden Masse
zusammengeballt, die sich bleiförmig vorwärts schob. Blitz leuchtete auf
Blitz.