Strauße, der wie ein wildes Pferd durch die Wüste dahinstürme, aber die
Enten verstanden nicht, was er sagte, und darum stießen sie einander an:
„Wir sind wohl einig darüber, daß er dumm ist?“
„Ja, er ist sicherlich dumm!“ sagte der kalekutische Hahn und kollerte
dann. Da schwieg der Storch ganz still und dachte an sein Afrika.
Aber Hjalmar ging hin zum Hühnerhause, öffnete die Thüre, rief den
Storch und dieser hüpfte auf das Verdeck zu ihm hinaus. Nun hatte er
sich ausgeruht, und es war gerade, als ob er Hjalmar zunickte, um sich
bei ihm zu bedanken. Darauf breitete er seine Schwingen aus und flog
nach den warmen Ländern, aber die Hühner gluckten, die Enten
schnatterten und der kalekutische Hahn wurde ganz rot am Kopfe.
„Morgen wollen wir Suppe von euch kochen!“ sagte Hjalmar und da erwachte
er und lag in seinem Bettchen.
_Donnerstag._
„Weißt du was?“ sagte der Sandmann, „fürchte dich nur nicht; hier wirst
du eine kleine Maus gewahren!“ und dabei hielt er ihm seine Hand mit dem
leichten, niedlichen Tierchen hin. „Sie ist gekommen, dich zur Hochzeit
einzuladen. Hier sind zwei Mäuschen, die heute Nacht in den Ehestand
treten wollen. Sie wohnen unter dem Fußboden in deiner Mutter
Speisekammer.“
„Aber wie kann ich durch das kleine Mäuseloch im Fußboden
hindurchkommen?“ fragte Hjalmar.
„Laß mich nur machen!“ versetzte der Sandmann. „Ich will dich schon
klein genug bekommen!“ Darauf benetzte er Hjalmar mit seiner
Zauberspritze, der nun sofort kleiner und kleiner wurde, bis er zuletzt
nur fingergroß war.
„Nun kannst du dir vom Zinnsoldaten die Kleider borgen, ich denke, sie
werden dir jetzt schon passen, und es nimmt sich gut aus, sich in
Gesellschaft in Uniform zu zeigen.“
„Jawohl!“ sagte Hjalmar, und dann war er im Augenblicke wie der
niedlichste Zinnsoldat angekleidet.
„Wollen Sie nicht so freundlich sein, sich in Ihrer Frau Mutter
Fingerhut zu setzen?“ sagte die kleine Maus, „dann werde ich die Ehre
haben, Sie zu ziehen!“
„O Himmel! Will sich das Fräulein selbst bemühen!“ sagte Hjalmar, und so
fuhren sie zur Mäusehochzeit.
Zuerst gelangten sie in einen weitläufigen Gang unter dem Fußboden, der
nicht höher war, als daß sie ohne anzustoßen mit dem Fingerhut darin
fahren konnten, und der ganze Gang war mit faulem Holz erleuchtet.
„Riecht es hier nicht prächtig?“ sagte die Maus, welche ihn zog. „Der
ganze Gang ist mit Speckschwarten eingerieben.“
Nun kamen sie in den Brautsaal hinein; hier standen zur Rechten alle die
kleinen Mäusefräulein, und die zischelten und tuschelten, als ob sie
sich über einander lustig machten. Zur Linken standen alle jungen
Mäuseherren und strichen sich mit der Pfote den Schnauzbart; aber mitten
im Kreise erblickte man das Brautpaar. Sie standen in einer ausgehöhlten
Käserinde.
Immer mehr und mehr Fremde erschienen; es fehlte nicht viel, so hätten
die Mäuse einander tot getreten; dazu hatte sich das Brautpaar mitten in
die Thür gestellt, so daß man weder hinein noch hinaus gelangen konnte.
Wie der Gang, so war auch das ganze Zimmer mit Speckschwarten
eingerieben; das war die ganze Bewirtung; indes wurde zum Nachtisch eine
Erbse vorgewiesen, in welche eine kleine Maus aus der Familie die Namen
des Brautpaares hineingebissen, d.h. die ersten Buchstaben. Es war etwas
ganz Außerordentliches.
Alle Mäuse versicherten, es wäre eine ausgezeichnete Hochzeit und die
Unterhaltung wäre sehr vergnügt gewesen.
Dann fuhr Hjalmar wieder nach Hause. Er war zwar in vornehmer
Gesellschaft gewesen, hatte aber auch gehörig zusammenkriechen, sich
klein machen und in Zinnsoldaten-Uniform erscheinen müssen.
_Freitag._
„Was werden wir denn diese Nacht unternehmen?“ fragte Hjalmar.
„Ich weiß nicht, ob du heute Nacht wieder Lust hast, eine Hochzeit
mitzumachen. Sie ist freilich anderer Art als die gestrige. Deiner
Schwester große Puppe, die, welche wie ein Mann aussieht und Hermann
heißt, soll sich mit der Puppe Bertha verheiraten, und da außerdem
derselben Geburtstag ist, wird es an Geschenken nicht fehlen. Da sieh
einmal!“
Mit diesen Worten deutete der Sandmann nach dem Tische. Auf demselben
stand das kleine Papphaus mit Licht in den Fenstern, und alle
Zinnsoldaten präsentierten vor der Thüre desselben das Gewehr. Das
Brautpaar saß, ein Jedes gegen einen Tischfuß gelehnt, ganz gedankenvoll
da, und dazu hatte es auch Grund genug. Aber der Sandmann, angethan mit
der Großmutter schwarzem Rocke, vollzog die Trauung. Nach Beendigung
derselben stimmten alle Möbel in der Stube folgendes Lied an:
Es brause unser Lied empor
Für’s teure Paar in hellem Chor.
Sie stehen beide wie ein Pflock,
Denn Handschuhleder ist ihr Rock!
:,: Hurrah! Hurrah! dem schönen Paar,
Das unsrer Stube Zierde war! :,:
Und nun überreichte man ihnen Geschenke, doch hatten sie sich alle
Eßwaren verbeten.
„Wollen wir nun das Landleben genießen, oder eine Hochzeitsreise
antreten?“ fragte der Bräutigam. Darauf wurde die Schwalbe, die sich in
vielen Ländern umgesehen, und die alte Hofhenne, welche fünfmal Küchlein
ausgebrütet hatte, zu Rate gezogen. Die Schwalbe erzählte von den
schönen, warmen Ländern, wo die Weintrauben groß und schwer an den
Stöcken hängen, wo die Luft so mild wäre und die Berge Farben hätten,
wie man sie hier zu Lande niemals an denselben sieht.
„Es fehlt ihnen aber doch unser Grünkohl!“ sagte die Henne. „Ich brachte
einen Sommer mit allen meinen Kücheln auf dem Lande zu. Dort war eine
Sandgrube, in der wir umhergehen und scharren konnten. Auch hatten wir
Zutritt zu einem Garten mit Grünkohl! O wie grün der war! Ich kann mir
nichts Schöneres denken!“
„Aber ein Kohlkopf sieht wie der andere aus,“ sagte die Schwalbe, „und
dann herrscht hier oft so unangenehme Witterung!“
„O, daran hat man sich schon gewöhnt!“ sagte die Henne.
„Aber hier ist es kalt, es friert!“
„Das ist für den Kohl gerade dienlich!“ sagte die Henne. „Übrigens kann
es auch bei uns sehr warm sein. Hatten wir nicht vor vier Jahren einen
Sommer, wo fünf Wochen lang eine solche Hitze war, daß man kaum atmen
konnte? Dann leben aber bei uns auch keine giftigen Tiere, wie in jenen
Ländern, und wir sind frei von Räubern! Ein Bösewicht kann der nur sein,
welcher unser Land nicht für das schönste hält! Er verdiente wahrlich
nicht, hier zu weilen!“ Weinend unterbrach sich die Henne und setzte
dann schluchzend hinzu: „Auch ich bin gereist! Ich bin einmal in einem
Korbe über zwölf Meilen weit gefahren! Das Reisen gewährt
schlechterdings kein Vergnügen!“
„Ja, die Henne ist eine vernünftige Frau!“ sagte die Puppe Bertha. „Ich
halte nichts davon, eine Gebirgsreise zu unternehmen, denn kaum ist man
oben, so geht es gleich wieder hinunter! Nein, wir wollen hübsch nach
der Sandgrube hinausziehen und uns im Kohlgarten ergehen!“
Und dabei blieb es!
_Sonnabend._
„Erzählst du mir nun Geschichten?“ fragte der kleine Hjalmar, sobald ihn
der Sandmann zu Bette gebracht hatte.
„Heute abend haben wir nicht Zeit dazu,“ sagte der Sandmann und spannte
seinen schönen Regenschirm über ihn auf. „Sieh nur diese Chinesen an!“
Der ganze Schirm glich einer großen chinesischen Schale mit blauen
Bäumen und spitzen Brücken und kleinen Chinesen darauf, die dastanden
und mit dem Kopfe nickten. „Wir müssen bis morgen die ganze Welt schön
aufgeputzt haben,“ sagte der Sandmann, „es ist dann ja ein heiliger Tag,
es ist Sonntag. Ich will auf den Kirchturm steigen, um nachzusehen, ob
die kleinen Kirchengeister die Glocken putzen, damit ihr Geläute schön
klingt; und was die allerschwierigste Arbeit ist, ich will alle Sterne
herunterholen, um sie aufzupolieren. Aber erst müssen sie numeriert
werden und ebenso die Löcher, in denen sie da oben sitzen, damit sie
ihren rechten Platz wieder erhalten können, sonst würden sie nicht
festsitzen und wir bekämen zu viel Sternschnuppen, indem einer nach dem
andern herabpurzelte!“
„Hören Sie, wissen Sie was, Herr Sandmann!“ begann ein altes Portrait,
welches an der Wand hing, an welcher Hjalmar schlief, „ich bin Hjalmars
Urgroßvater. Ich danke Ihnen zwar, daß Sie dem Knaben Geschichten
erzählen, aber Sie dürfen doch seine Begriffe nicht verwirren. Die
Sterne können nicht heruntergeholt und geputzt werden! Die Sterne sind
Weltkörper, gerade so wie unsere Erde, und das ist eben das Gute an
ihnen.“
„Besten Dank, du alter Urgroßvater!“ sagte der Sandmann, „besten Dank!
Du bist ja das Haupt der Familie, du bist das Urhaupt! Aber ich bin
älter als du. Ich bin ein alter Heide. Die Römer und Griechen nannten
mich den Traumgott. Ich bin in die vornehmsten Häuser gekommen und komme
noch hinein. Ich verstehe mit Niedrigen wie mit Großen umzugehen! Nun
kannst du statt meiner erzählen!“ Nach diesen Worten verließ der
Sandmann verdrießlich das Zimmer und nahm seinen Schirm mit.
„Nun, man wird doch wohl seine Meinung noch sagen dürfen!“ brummte das
alte Portrait.
Und da erwachte Hjalmar.
_Sonntag._
„Guten Abend!“ sagte der Sandmann, und Hjalmar nickte, drehte aber
gleich des Urgroßvaters Portrait gegen die Wand um, damit es nicht wie
gestern mitsprechen könnte.
„Nun mußt du mir Geschichten erzählen: von den fünf grünen Erbsen, die
in einer Schote wohnten, von Hahnenfuß, der Hennenfuß den Hof machte,
und von der Stopfnadel, deren Spitze so fein war, daß sie sich
einbildete, eine Nähnadel zu sein!“
„Man kann auch des Guten zuviel bekommen!“ sagte der Sandmann. „Ich
zeige dir am liebsten etwas, wie du weißt! Ich will dir meinen Bruder
zeigen, aber der kommt zu niemand öfter als einmal. Tritt er zu jemand
heran, so nimmt er ihn mit auf sein Pferd und erzählt ihm Geschichten.
Er weiß nur zwei, die eine ist so unvergleichlich schön, wie sich
niemand in der Welt vorstellen kann; und die andere ist über alle
Beschreibung häßlich und abscheulich!“ Darauf hob der Sandmann den
kleinen Hjalmar zum Fenster empor und sagte: „Dort wirst du meinen
Bruder sehen, welchen sie auch den _Tod_ nennen. Siehst du, sein Rock
ist mit Silberstickerei verziert, er trägt eine stattliche
Husarenuniform; ein Mantel von schwarzem Sammet flattert bis über das
Pferd hinaus! Sieh, wie er im Galopp dahinjagt!“
Und Hjalmar sah, wie der Tod vorwärts eilte und junge wie alte Leute auf
sein Pferd nahm; einige setzte er vorn, andere hinten auf, aber immer
fragte er erst: „Wie steht es mit dem Censurbuche?“ -- „Gut!“ sagten sie
sämtlich. -- „Ja, laß mich nur selbst sehen!“ erwiderte er, und dann
mußten sie ihm das Buch zeigen. Alle nun, die „Sehr gut“ und
„Ausgezeichnet“ hatten, kamen vorn auf das Pferd und ihnen erzählte er
die herrliche Geschichte; doch diejenigen, welche „Ziemlich gut“ und
„Mittelmäßig“ hatten, mußten hinten auf und die häßliche Geschichte mit
anhören. Sie schauderten und weinten, sie wollten vom Pferde springen,
vermochten es aber nicht, denn sie waren sofort fest an demselben
angewachsen.
„Das ist aber der herrlichste Sandmann!“ sagte Hjalmar, „vor dem fürchte
ich mich nicht!“
„Das sollst du auch nicht!“ sagte das Männchen. „Sorge nur dafür, daß du
ein gutes Sittenzeugnis erhältst!“ --
Das ist nun die Geschichte vom Sandmann! Lasse dir heute abend mehr von
ihm erzählen.
Die Theekanne.
[Abbildung/Illustration: capI45.jpg]
Ich kannte einmal eine stolze Theekanne, stolz auf ihr Porzellan, stolz
auf ihre lange Tülle, stolz auf ihren breiten Henkel. Und davon sprach
sie gern; von ihrem Deckel dagegen sprach sie nicht; er hatte seine
Mängel, und davon spricht man nicht gern, das thun schon die Andern zur
Genüge. Die Tassen, der Sahnentopf und die Zuckerschale, kurzum das
ganze Theegeschirr würden sicherlich die Gebrechlichkeit des Deckels
nicht vergessen, und weit mehr davon reden, als von dem guten Henkel und
der ausgezeichneten Tülle; das wußte die Theekanne.
„Oh, ich kenne sie!“ sprach sie für sich selbst; „ich erkenne auch
ebensogut meine Mängel, und darin besteht meine Demut. Mängel haben wir
ja alle, aber man hat dann auch wieder seine besondere Begabung. Die
Tassen erhielten einen Henkel, die Zuckerschale einen Deckel, ich
erhielt beides und noch eine Tülle, die mich zur Königin am Theetische
macht. Die andern zwei sind nur Dienerinnen des Wohlgeschmacks, ich aber
bin die Spendende, die Herrscherin, ich verbreite Segen unter der
durstenden Menschheit; in meinem Innern werden die Theeblätter in dem
kochenden Wasser verarbeitet.“
Dies alles sagte die Theekanne in ihrer sorglosen Jugendzeit. Sie stand
auf dem gedeckten Tische, sie wurde von der feinsten Hand gehoben. Aber
die feinste Hand war linkisch, die Theekanne fiel, die Tülle brach ab,
der Henkel brach ab, vom Deckel verlohnt sich’s gar nicht erst zu reden.
Besinnungslos lag die Kanne am Boden, weithin entströmte ihr das
kochende Wasser.
„Nie werde ich diesen entsetzlichen Augenblick vergessen!“ sagte die
Theekanne, wenn sie später sich selbst ihren Lebenslauf erzählte. „Ich
wurde Invalide genannt, in einen Winkel gesetzt und einer armen Frau
geschenkt. Ich stieg nun zur Armut hernieder und stand zwecklos da, aber
gerade da, wo ich stand, begann mein besseres Leben. Erde wurde in mich
hineingepackt; für eine Theekanne ist das ebensogut, wie begraben zu
werden, aber in die Erde wurde eine Blumenzwiebel gelegt. Wer sie
hineinlegte, wer sie mir schenkte, weiß ich nicht, aber geschenkt wurde
sie mir. Und die Zwiebel lag in der Erde, die Zwiebel lag in mir, sie
wurde mein lebendiges Herz, wie ich es nie vorher gehabt hatte. Leben
und Kraft lag in mir, allerlei Kräfte regten sich: der Puls schlug, die
Zwiebel keimte, die in ihr schlummernden Gefühle brachen in einer
schönen Blume hervor. Ich sah sie, ich trug sie, ich vergaß mich selbst
in ihrer Schönheit. Sie sagte mir keinen Dank, sie dachte nicht an mich;
sie wurde bewundert und gepriesen. Ich war so froh darüber. Wie hätte
ich es nicht sein müssen! Eines Tages vernahm ich, wie gesagt wurde, sie
verdiene einen besseren Topf. Man zerbrach mich in Stücke. Oh, das that
schrecklich weh, aber die Blume kam in einen besseren Topf. Und ich? Ich
wurde hinausgeworfen in den Hof, ich liege nun als alter Scherben da.
Aber in mir lebt die Erinnerung fort und die kann mir niemand rauben.“
Die Blumen der kleinen Ida.
[Abbildungen/Illustrations: capT46.jpg, pic49.jpg]
„Tausend noch einmal, sind meine armen Blumen welk!“ rief bestürzt die
kleine _Ida_. „Gestern abend waren sie noch so schön und nun hängen sie
alle vertrocknet die Köpfchen. Warum thun sie das?“ fragte sie den
Studenten, den sie sehr gern hatte, weil er schöne Geschichten wußte und
drollige Bilder ausschnitt: Herzen mit kleinen Mädchen darin, welche
tanzten, und große Schlösser, deren Thüren sich öffnen ließen.
„Ja, weißt du, was deinen Blumen fehlt?“ sagte der Student, „sie sind
heute Nacht auf dem Balle gewesen und deshalb lassen sie die Köpfe
hängen.“
„Aber die Blumen können ja nicht tanzen!“ sagte die kleine Ida.
„O ja!“ sagte der Student, „sobald es dunkel wird und wir andern
schlafen, dann springen sie lustig umher; fast jede Nacht haben sie
Ball.“
„Kann denn ein Kind mit auf den Ball kommen?“
„Ja,“ sagte der Student, „die kleinen niedlichen Gänseblümchen und
Maiblümchen.“
„Wo tanzen die schönen Blumen?“ fragte die kleine Ida.
„Bist du nicht öfters vor dem Thore bei dem großen Schlosse gewesen, wo
der König im Sommer wohnt und der schöne Garten mit den vielen Blumen
ist? Du hast ja die Schwäne gesehen, die auf dich zuschwimmen, wenn du
ihnen Brotkrümchen geben willst. Dort findet wirklich Ball statt, das
kannst du mir glauben!“
„Erst gestern ging ich mit meiner Mutter draußen im Garten!“ sagte Ida,
„aber an allen Bäumen fehlten die Blätter und es waren gar keine Blumen
mehr da! Wo sind sie? Im Sommer sah ich so viele!“
„Die sind drinnen im Schlosse!“ sagte der Student. „Du mußt wissen,
sobald der König und alle Hofleute wieder in die Stadt ziehen, dann
laufen die Blumen sofort aus dem Garten auf das Schloß und sind lustig.
Das solltest du einmal sehen. Die beiden reizendsten Rosen setzen sich
auf den Thron und sind dann König und Königin. Die großen Hahnenkämme
stellen sich alle an der Seite auf und stehen und verneigen sich. Das
sind die Kammerjunker. Nun kommen die niedlichsten Blumen und dann ist
da großer Ball. Die blauen Veilchen stellen kleine Seekadetten vor, sie
tanzen mit Hyazinthen und Crocus, welche sie Fräulein anreden. Die
Tulpen und Feuerlilien, das sind Matronen, die passen auf, daß recht
schön getanzt wird und alles fein ordentlich hergeht.“
„Aber,“ fragte die kleine Ida, „ist denn niemand da, der die Blumen
dafür bestraft, daß sie in des Königs Schlosse tanzen?“
„Es ist niemand da, der darüber etwas Genaues wüßte!“ sagte der Student.
„Mitunter kommt des Nachts freilich der alte Schloßverwalter, der da
draußen die Aufsicht zu führen hat. Sobald aber die Blumen sein großes
Schlüsselbund rasseln hören, verhalten sie sich ganz still, verstecken
sich hinter den langen Vorhängen und stecken den Kopf hervor. „„Mein
Geruch sagte es mir, es sind hier Blumen im Saale!““ sagt der alte
Schloßverwalter, aber sehen kann er sie nicht.“
„Das ist drollig,“ sagte die kleine Ida und klatschte in die Hände.
„Aber könnte ich denn die Blumen nicht auch sehen?“
„O ja!“ sagte der Student, „vergiß nur nicht, sobald du wieder
hinauskommst, durch das Fenster zu schauen, dann siehst du sie sicher.
Das that ich heute, da lag eine lange Narcisse im Sofa und dehnte sich;
das war eine Hofdame.“
„Kommen auch die Blumen aus dem botanischen Garten da hinaus? Können sie
den weiten Weg machen?“
„Jawohl!“ sagte der Student, „denn, sobald sie wollen, können sie
fliegen. Hast du nicht schon die herrlichen Schmetterlinge gesehen, die
roten, gelben und weißen? Sie sehen fast wie Blumen aus und sind es auch
gewesen. Sie sind vom Stengel hoch hinauf in die Luft gesprungen und
haben dann mit ihren Blättern wie mit kleinen Flügeln geschlagen, und
nun flogen sie. Da sie sich gut aufführten, durften sie auch am Tage
fliegen, brauchten nicht wieder nach Hause zu kommen und still auf dem
Stengel zu sitzen, und so wurden diese Blätter schließlich wirkliche
Flügel. Das hast du ja selbst gesehen.“
„Ach wie drollig!“ sagte die kleine Ida und lachte.
„Wie kann man einem Kinde dergleichen vorreden!“ sagte der mürrische
Kanzleirat, welcher zum Besuch gekommen war und im Sofa saß. Er konnte
den Studenten gar nicht leiden und brummte stets, wenn er ihn die
komischen Bilder ausschneiden sah.
Aber der kleinen Ida kam es doch ganz lustig vor, was ihr der Student
von ihren Blumen erzählte und sie dachte viel daran.
Die Blumen ließen also die Köpfe hängen, weil sie vom nächtlichen Tanze
müde waren; sie waren gewiß krank. Im Puppenbette lag ihre Puppe Sophie
und schlief, aber die kleine Ida sagte zu ihr: „Du mußt leider
aufstehen, Sophie, und damit fürlieb nehmen, heute Nacht im Schubfache
zu liegen; die armen Blumen sind krank und da müssen sie in deinem Bette
liegen; vielleicht werden sie dann wieder frisch und wohl!“ Damit nahm
sie die Puppe heraus, die sehr ärgerlich aussah und kein einziges Wort
sagte, denn es verdroß sie, daß sie nicht ihr Bett behalten durfte.
Dann legte Ida die Blumen in das Puppenbett, zog die kleine Decke ganz
über sie und sagte, sie sollten nun hübsch stille liegen, sie würde
ihnen dann Thee kochen, damit sie wieder wohl und frisch werden und
morgen wieder aufstehen könnten. Die Vorhänge zog sie dicht um das
kleine Bett, damit die Sonne ihnen nicht in die Augen scheinen sollte.
Auch den ganzen Abend hindurch konnte sie sich nicht enthalten, an das
zu denken, was ihr der Student erzählt hatte. Als sie nun selbst zu Bett
sollte, huschte sie erst hinter die Gardinen vor den Fenstern, wo die
prächtigen Blumen ihrer Mutter, Hyazinthen und Tulpen, standen, und
flüsterte ihnen ganz leise zu: „Ich weiß es nun, ihr sollt heute Nacht
auf den Ball!“ Aber die Blumen thaten, als verständen sie nichts und
rührten kein Blatt, allein die kleine Ida wußte doch, was sie wußte.
Als sie nun zu Bett gegangen war, lag sie noch lange und dachte, wie
hübsch es doch sein müßte, die herrlichen Blumen draußen auf dem
Schlosse des Königs tanzen zu sehen. „Ob meine Blumen wohl wirklich mit
dabei gewesen sind?“ Dann fiel sie aber in Schlaf. In der Nacht erwachte
sie wieder. Sie hatte von den Blumen und dem Studenten geträumt, den der
Kanzleirat ausgezankt und dabei gesagt hatte, er wollte ihr bloß etwas
weis machen. In der Schlafkammer, wo Ida lag, war es ganz stille; die
Nachtlampe brannte auf dem Tische und ihr Vater und ihre Mutter
schliefen.
„Ob meine Blumen jetzt wohl in Sophiens Bett liegen?“ sagte sie bei sich
selbst; „ich möchte es doch gar zu gern wissen!“ Sie richtete sich ein
wenig auf und blickte nach der Thüre. Sie war nur angelehnt und drinnen
lagen die Blumen und all ihr Spielzeug. Sie lauschte und da war es ihr,
als hörte sie drinnen in der Stube auf dem Klavier spielen, aber ganz
leise und so hübsch, wie sie nie zuvor gehört hatte.
„Jetzt tanzen gewiß alle Blumen drinnen!“ sagte sie; „ach, wie gern
möchte ich es doch sehen!“ aber sie durfte nicht aufstehen, weil sie
sonst Vater und Mutter geweckt hätte. „Wenn sie doch nur hereinkommen
wollten!“ sagte sie; aber die Blumen kamen nicht. Als nun die hübsche
Musik immer weiter spielte, konnte sie es nicht länger mehr aushalten,
denn es war zu herrlich. Unhörbar kletterte sie aus ihrem kleinen Bette,
ging ganz leise nach der Thüre und sah in die Stube hinein. Nein, war
das drollig, was sie nun zu sehen bekam!
Eine Nachtlampe brannte nicht darin, aber der Mond schien durch das
Fenster mitten auf den Fußboden, so daß es fast tageshell war. Alle
Hyazinthen und Tulpen standen in zwei langen Reihen auf dem Boden, am
Fenster waren keine mehr zu sehen, da standen die leeren Töpfe. Auf dem
Boden tanzten die Blumen ganz niedlich um einander herum, bildeten
ordentliche Ketten und hielten einander an den langen grünen Blättern,
wenn sie sich herumschwenkten. Am Klavier saß eine große Feuerlilie,
welche die kleine Ida bestimmt im Sommer gesehen hatte, denn sie
erinnerte sich noch ganz wohl, daß der Student gesagt hatte: „Seht nur,
wie sie dem Fräulein Lina ähnelt!“ Damals hatte Ida gelacht, aber jetzt
sah sie, daß die lange, gelbe Blume dem Fräulein glich. Niemand bemerkte
die kleine Lauscherin. Nun sah sie einen großen blauen Crocus mitten auf
den Tisch springen, auf dem das Spielzeug stand, direkt auf das
Puppenbett zugehen und die Vorhänge auf die Seite schieben. Da lagen die
kranken Blumen, aber sie richteten sich sofort empor und nickten den
andern auf dem Fußboden zu, daß sie auch mittanzen wollten. Der alte
Herr auf dem Räucherkästchen, dem die Unterlippe abgebrochen war, stand
auf und verneigte sich vor den hübschen Blumen. Sie sahen gar nicht mehr
krank aus, hüpften unter die andern hinunter und waren recht vergnügt.
Horch! War es nicht, als ob etwas vom Tische herunterfiele? Ida schaute
hin. Es war die Fastnachtsrute, welche heruntersprang. Sie schien
ebenfalls mit zu den Blumen zu gehören. Sie war auch sehr niedlich, und
oben in der Spitze saß eine kleine Wachspuppe, die einen genau eben so
breiten Hut auf dem Kopfe hatte, wie ihn der Kanzleirat trug. Die
Fastnachtsrute hüpfte auf ihren drei roten Stelzfüßen mitten unter die
Blumen, und stampfte, weil sie Mazurka tanzte, laut den Boden. Den Tanz
verstanden die andern Blumen nicht, denn sie waren gar leicht und
konnten nicht aufstampfen.
Die Wachspuppe auf der Fastnachtsrute wurde plötzlich groß und lang,
schwang sich hoch über die Papierblumen empor und rief ganz laut. „Wie
kann man einem Kinde dergleichen vorreden! Das ist dummes Zeug!“ und da
ähnelte die Wachspuppe dem Kanzleirate mit seinem breiten Hute auf das
täuschendste; sie sah gerade eben so gelb und brummig aus. Aber die
Papierblumen schlugen ihn an die dünnen Beine und da schrumpfte er
wieder zusammen und wurde eine winzig kleine Wachspuppe. Das war ein zu
komischer Anblick! Die kleine Ida konnte sich des Lachens nicht
enthalten.