„Durch Glanz?“ rief die Stecknadel aus, „nein, durch eitel Hochmut! Es

waren fünf Brüder, alle geborne „Finger“; in aufrechter Haltung hielten

sie sich stolz neben einander, obwohl ihre Länge sehr verschieden war.

Der Äußerste von ihnen, der Däumerling, war kurz und dick; er stand

nicht mit in Reih und Glied, sondern vor demselben und dann hatte er nur

ein Gelenk im Rücken, er konnte sich nur in einer Richtung verbeugen,

der Topflecker fuhr in Süßes und Saures, zeigte nach Sonne und Mond und

drückte auf die Feder, wenn sie schrieben; der Langemann überragte die

andern um Haupteslänge; der Ringhalter ging mit goldenen Reifen um den

Leib einher und der kleine Peter Spielmann that gar nichts und war

darauf noch stolz. Prahlerei war es und Prahlerei blieb es, und darum

warf ich mich in die Gosse.“

„Und nun sitzen wir beisammen und glänzen!“ sagte der Glasscherben.

Plötzlich strömte mehr Wasser in den Rinnstein, welches nun über den

Rand trat und den Glasscherben mit sich riß.

„Sieh, nun wurde der befördert!“ sagte die Stopfnadel. „Ich bleibe

sitzen, ich bin zu fein, aber das ist mein Stolz und der ist

achtungswert!“ So saß sie in aufrechter Haltung da und machte sich viele

Gedanken.

„Ich möchte fast annehmen, daß ich von einem Sonnenstrahl geboren bin,

so fein bin ich. Mich dünkt sogar, daß mich die Sonne fortwährend unter

dem Wasser sucht. Ach, ich bin so fein, daß mich die eigene Mutter nicht

finden kann. Hätte ich mein altes Auge noch, welches abbrach, ich

glaube, ich könnte Thränen vergießen. -- Nein, ich könnte es doch nicht

thun, weinen ist nicht fein.“

Eines Tages lagerten sich einige Gassenbuben neben dem Rinnsteine und

wühlten in demselben umher, wo sie alte Nägel, Kupferdreier und

dergleichen fanden.

„Au!“ schrie der eine, indem er sich an der Stopfnadel stach. „Das ist

ja ein schlimmer Bursche!“

„Ich bin kein Bursch, ich bin ein Fräulein!“ erwiederte die Stopfnadel,

aber niemand hörte es. Der Siegellack hatte sich abgelöst und deshalb

hielt sie sich für noch feiner als zuvor.

„Da kommt eine Eierschale angesegelt!“ sagten die Knaben und steckten

dann die Stopfnadel fest in die Schale.

„Weiße Wände und selbst schwarz!“ sagte die Stopfnadel, „das kleidet

gut! Nun kann man mich doch sehen! -- Wenn ich nur nicht seekrank werde,

denn sonst breche ich noch mehr!“ Aber sie wurde nicht seekrank und

brach nicht weiter.

„Es ist gegen die Seekrankheit doch gut, wenn man einen stählernen Magen

hat und dabei immer eingedenk bleibt, daß man etwas mehr als ein Mensch

ist! Bei mir ist es nun vorüber; je feiner man ist, destomehr kann man

aushalten!“ -- „Krach!“ stöhnte die Eierschale, während ein Lastwagen

über sie hinging. -- „Ach, wie das drückt!“ seufzte die Stopfnadel. „Nun

werde ich doch seekrank; ich breche, ich breche!“ Aber sie brach nicht,

trotzdem sie von einem Lastwagen überfahren wurde, sie lag der Länge

nach da -- und da mag sie liegen bleiben.

Tölpelhans.

Draußen auf dem Lande in einem alten Herrenhof lebte ein Gutsbesitzer,

der zwei so kluge Söhne hatte, daß sie um die Tochter des Königs freien

wollten und das durften sie, denn dieselbe hatte bekannt machen lassen,

daß sie denjenigen zum Gemahl nehmen wollte, der sich am gewandtesten

und klügsten mit ihr unterhalten könnte.

Die beiden bereiteten sich nun acht Tage lang vor. Längere Zeit

bedurften sie nicht dazu, denn sie hatten Vorkenntnisse und die sind

immer nützlich. Der eine wußte das ganze lateinische Lexikon und drei

Jahrgänge der städtischen Zeitung auswendig und zwar rückwärts wie

vorwärts. Der andere hatte sich mit sämtlichen Paragraphen aller

Zunftgesetze und mit dem, was jeder Zunftmeister wissen mußte, bekannt

gemacht. Auf diese Weise, meinte er, könnte er über Staats- und gelehrte

Sachen mitsprechen. Außerdem verstand er Tragebänder zu sticken, denn er

war fein und fingerfertig.

„Ich bekomme die Königstochter!“ sagten sie alle beide, und deshalb gab

ihr Vater jedem von ihnen ein schönes Pferd; der, welcher das Lexikon

und die Zeitungen auswendig wußte, bekam ein kohlschwarzes, und der,

welcher sich zunftmeisterlich gebahren und sticken konnte, erhielt ein

milchweißes. Als sie im Hofe zu Pferde steigen wollten, erschien der

dritte Bruder, denn es waren ihrer dreie, aber niemand zählte ihn als

Bruder mit, weil er nicht die gleiche erstaunliche Gelehrsamkeit besaß

wie die beiden anderen, und alle Welt nannte ihn nur _Tölpelhans_.

„Wo wollt ihr hin, daß ihr euch in den Bratenrock geworfen habt?“ fragte

er.

„An den Hof, um mit der Königstochter zu plaudern! Hast du nicht gehört,

was im ganzen Lande ausgetrommelt wird?“ und darauf erzählten sie es

ihm.

„Potztausend, da muß ich mit dabei sein!“ sagte Tölpelhans, und die

Brüder lachten ihn aus und ritten von dannen.

„Vater, gieb mir ein Pferd!“ rief Tölpelhans. „Ich bekomme solche Lust,

mich zu verheiraten. Nimmt sie mich, so nimmt sie mich, und nimmt sie

mich nicht, so nehme ich sie doch!“

„Was ist das für ein Geschwätz!“ sagte der Vater. „Dir gebe ich kein

Pferd. Du kannst ja nicht sprechen!“

„Soll ich kein Pferd bekommen,“ sagte Tölpelhans, „so nehme ich den

Ziegenbock, der gehört mir und ist im Stande mich zu tragen!“ Damit

setzte er sich rittlings auf den Ziegenbock, stieß ihm die Hacken in die

Seite und sprengte die Landstraße entlang. Hui, wie das ging! „Hier

komme ich!“ rief Tölpelhans und darauf sang er, daß es wiederhallte.

Die Brüder ritten aber ganz still voran; sie sprachen kein einziges

Wort, sie mußten alle die guten Einfälle, die sie vorbringen wollten,

noch einmal überlegen.

„Halloh! Halloh!“ rief Tölpelhans, „hier komme ich! Seht, was ich auf

der Landstraße fand!“ Mit diesen Worten zeigte er ihnen eine tote Krähe,

die er gefunden hatte.

„Tölpel!“ fuhren sie ihn an, „was willst du mit derselben?“

„Ich will sie der Königstochter schenken!“

„Ja, thue es!“ sagten sie, lachten und ritten weiter.

Da rief Tölpelhans wieder: „Halloh! Halloh! Hier komme ich! Seht, was

ich jetzt gefunden habe!“

Die Brüder wandten sich wieder um, sich den seltenen Schatz anzusehen.

„Tölpel!“ sagten sie, „das ist ja ein alter Holzschuh, von welchem der

obere Teil abgegangen ist! Soll die Königstochter den etwa auch haben?“

„Das soll sie!“ sagte Tölpelhans, und die Brüder lachten, ritten weiter

und kamen ihm eine große Strecke voraus.

„Halloh! Halloh! Hier bin ich!“ rief Tölpelhans.

„Was hast du wieder gefunden?“ fragten die Brüder.

„Oh!“ sagte Tölpelhans, „es ist eigentlich kein Gesprächsgegenstand! Wie

sie sich aber freuen wird, die Königstochter!“

„Pfui!“ sagten die Brüder, „das ist ja Schlamm, der aus dem

Straßengraben ausgeworfen ist.“

„Das stimmt!“ sagte Tölpelhans, „und er ist von der allerfeinsten Art,

daß man ihn gar nicht festhalten kann!“ und darauf füllte er sich die

Tasche damit an.

Aber die Brüder ritten, was das Zeug halten wollte, und überholten ihn

eine ganze Stunde. Sie hielten an dem Stadtthore, an welchem die Freier,

je nach ihrer Ankunft, numeriert und in Reih und Glied gestellt wurden,

je sechs in jedem Gliede und so dicht, daß sie kaum die Arme rühren

konnten.

Alle übrigen Bewohner des Landes standen rings um das Schloß bis zu den

Fenstern hinauf, um mit anzusehen, wie die Königstochter die Freier

empfing. Merkwürdig! Sobald einer derselben die Schwelle ihres Zimmers

überschritt, verließ ihn sein Rednertalent.

„Taugt nichts!“ sagte die Königstochter. „Weg!“

Jetzt kam derjenige der Brüder, der das Lexikon auswendig wußte, aber

bei dem langen Stehen in Reih und Glied hatte er es völlig vergessen.

Dazu knarrte der Fußboden und die Decke war von Spiegelglas, so daß er

sich selbst auf dem Kopfe sah, und nun standen sogar an jedem Fenster

drei Schreiber und ein Stadtältester, die Alles, was gesprochen wurde,

aufschrieben, damit es sofort in die Zeitung komme. Es war entsetzlich,

es war furchtbar! Und zum Überfluß war im Ofen eingefeuert, daß er

glühte.

„Hier herrscht eine drückende Hitze!“ begann der Freier das Gespräch.

„Das kommt daher, weil mein Vater heute junge Hähne bratet!“ sagte die

Königstochter.

Da stand er; nicht ein Wort wußte er zu erwiedern. -- Bäh! --

„Taugt nichts!“ sagte die Königstochter. „Weg!“ und so mußte er seiner

Wege ziehen. Nun kam der zweite Bruder.

„Hier ist eine entsetzliche Hitze!“ sagte er.

„Ja, wir braten heute junge Hähne!“ versetzte die Königstochter.

„Wie belie -- --“ fragte er, und alle Schreiber schrieben: „Wie belie --

--?“

„Taugt nichts!“ sagte die Königstochter. „Weg!“

Nun kam Tölpelhans, er ritt auf seinem Ziegenbocke gerade in das Zimmer

hinein. „Das ist denn doch eine glühende Hitze!“ sagte er.

„Das rührt davon her, daß ich junge Hähne brate!“ entgegnete die

Königstochter.

„Das wäre ja herrlich!“ sagte Tölpelhans, „dann kann ich wohl auch eine

Krähe gebraten bekommen?“

„Den Gefallen will ich Ihnen gern erweisen!“ erwiederte die

Königstochter, „aber haben Sie auch etwas, worin sie gebraten werden

kann, denn ich habe hier weder Topf noch Pfanne!“

„Hier ist ein vortreffliches Kochgeschirr,“ rief Tölpelhans fröhlich,

zog den alten Holzschuh hervor und legte die Krähe hinein.

„Aber wo bekommen wir die Sauce her?“ meinte die Königstochter.

„Die habe ich in der Tasche!“ sagte Tölpelhans und darauf schüttete er

etwas Schlamm aus der Tasche.

„Du gefällst mir,“ sagte die Königstochter, „du kannst doch antworten

und du kannst reden, und dich will ich zu meinem Gemahle erheben! Aber

weißt du wohl, daß jedes Wort, das wir sagen und gesagt haben,

aufgeschrieben wird und morgen in die Zeitung kommt? An jedem Fenster

siehst du drei Schreiber und einen Stadtältesten stehen.“

„Das sind wohl die Herrschaften da!“ versetzte Tölpelhans. „Dann muß ich

dem Stadtältesten schon mein Bestes schenken!“ Zugleich wandte er seine

Taschen um und warf ihm den ganzen Schlamm gerade ins Gesicht.

„Da hast du dir gut zu helfen gewußt!“ sagte die Königstochter. „Das

hätte ich nicht zu thun vermocht! Aber ich werde es wohl noch lernen!“

--

Und so wurde Tölpelhans denn König, bekam eine Frau und eine Krone und

saß auf einem Throne, und das alles haben wir der Zeitung des

Stadtältesten entnommen -- auf die freilich auch kein rechter Verlaß

ist.

Fünf in einer Schote.

[Abbildung/Illustration: pic37.jpg]

Fünf Erbsen saßen der Reihe nach in einer Schote. Sie waren grün und die

Schote war grün, und deshalb glaubten sie, daß die ganze Welt grün wäre

und das war völlig richtig. Die Sonne schien und erwärmte von außen die

Schote, der Regen machte sie rein und durchsichtig. Es war in ihr warm

und schön, hell des Tages und finster des Nachts, wie es sein mußte, und

die Erbsen wurden, wie sie so dasaßen, immer größer und nachdenklicher,

denn mit etwas mußten sie sich doch beschäftigen.

„Sollen wir hier immer sitzen bleiben?“ sagten sie. „Wenn wir von dem

langen Sitzen nur nicht hart werden. Es kommt uns fast so vor, als ob es

auch da draußen noch etwas gibt; eine Ahnung sagt uns das!“

Und Wochen vergingen; die Erbsen wurden gelb und die Schote wurde gelb.

„Die ganze Welt wird gelb!“ sagten sie, und das durften sie wohl

behaupten.

Da empfanden sie einen Ruck in der Schote; sie wurde abgerissen, kam in

Menschenhände und wurde mit mehreren andern gefüllten Schoten in eine

Rocktasche gesteckt. „Nun werden wir bald geöffnet werden!“ sagten sie.

„Ich möchte nur wissen, wer von uns es am weitesten bringen wird,“ sagte

die kleinste Erbse.

„Geschehe, was da wolle!“ sagte die größte.

„Krach!“ da platzte die Schote, und alle fünf Erbsen rollten in den

hellen Sonnenschein hinaus. Sie lagen in einer Kinderhand; ein kleiner

Knabe hielt sie fest und sagte, die Erbsen wären gerade recht für seine

Knallbüchse; und sogleich schoß er eine weg.

„Nun fliege ich in die weite Welt! Halt mich, wenn du kannst!“ und dann

war sie fort.

„Ich,“ sagte die zweite, „fliege gerade in die Sonne hinein, das ist

eine richtige Erbsenschote und sehr passend für mich.“ Weg war sie.

„Wir schlafen, wohin wir kommen,“ sagen die beiden andern, „aber wir

werden schon noch vorwärts rollen!“ und damit rollten sie erst auf die

Erde, ehe sie in die Knallbüchse kamen, aber hinein kamen sie. „Wir

bringen es am weitesten!“

„Geschehe, was da wolle!“ sagte die letzte und wurde in die Höhe

geschossen. Sie flog gegen das alte Brett unter dem Giebelstubenfenster,

gerade in eine Ritze, die mit Moos und lockerer Erde ausgefüllt war, und

das Moos schloß sich wärmend um sie. Da lag sie verborgen, aber nicht

vergessen von Gott. „Geschehe, was da wolle!“ sagte sie.

Die kleine Giebelstube wurde von einer armen Frau bewohnt, die am Tage

ausging, um allerlei schwere Arbeiten zu verrichten, denn Kräfte hatte

sie und fleißig war sie, aber gleichwohl blieb sie arm. Zu Hause in der

kleinen Stube lag während dessen ihre halberwachsene einzige Tochter;

sie war zart und fein; ein ganzes Jahr hatte sie zu Bett gelegen und

schien weder leben noch sterben zu können.

„Sie geht zu ihrer kleinen Schwester!“ sagte die Frau. „Ich hatte nur

zwei Kinder, aber da teilte der liebe Gott mit mir und nahm das eine zu

sich! Nun möchte ich wohl gern das andere behalten, das mir noch übrig

geblieben ist, aber er will sie wohl nicht getrennt lassen, und sie geht

zu ihrer kleinen Schwester hinauf!“

Aber das kranke Mädchen starb nicht; geduldig und still lag es den

ganzen Tag da, während die Mutter auf Verdienst abwesend war.

Es war Frühling und noch früh am Morgen. Gerade als die Mutter auf ihre

Arbeit gehen wollte, schien die Sonne gar freundlich zum kleinen Fenster

hinein auf den Fußboden, und das kranke Mädchen richtete seinen Blick

auf die unterste Scheibe.

„Was ist doch das für Grünes dort neben der Scheibe? Es bewegt sich im

Winde!“

Die Mutter trat an das Fenster und öffnete es halb. „Ih!“ sagte sie,

„das ist wahrhaftig eine junge Erbse, die mit ihren grünen Blättchen

hervorgesproßt ist. Wie ist die hier in die Spalte hinaufgekommen?

Da hast du ja einen kleinen Garten, an dessen Anblick du dich weiden

kannst!“

Das Bett der Kranken wurde näher an das Fenster gerückt, von wo sie die

hervorsprossende Erbse erblicken konnte, und die Mutter ging auf Arbeit

aus.

„Mutter, ich glaube, ich erhole mich wieder!“ sagte am Abend das kleine

Mädchen. „Die Sonne hat heute so warm zu mir hereingeschienen. Die

kleine Erbse gedeiht vortrefflich; und ich will auch gedeihen und mich

im Sonnenscheine wieder erholen.“

„Oh daß es so geschehen möchte!“ sagte die Mutter, doch glaubte sie

nicht an die Möglichkeit. Allein neben das grüne Pflänzlein, welches

ihrem Kinde so frohe Lebensgedanken eingeflößt hatte, steckte sie einen

kleinen Stock, damit der Wind ihm nicht schaden könne, und so gedieh und

wuchs es lustig.

„Sie setzt sogar Blüten an,“ sagte die Mutter, und nun begann sie auch

zu hoffen, daß ihr Kind sich wieder erholen könne, denn es hatte sich

des Morgens selbst im Bett aufgerichtet und mit strahlenden Augen seinen

kleinen Erbsengarten, den die eine einzige Erbse bildete, betrachtet. In

der nächsten Woche war die Kranke zum erstenmale über eine Stunde auf.

Draußen vor’m Fenster war eine weißrote Erbsenblüte völlig aufgebrochen.

Das Mädchen küßte die feinen Blätter ganz leise. Dieser Tag war ein

Festtag für sie.

„Der liebe Gott hat sie selbst gepflanzt und dann gedeihen lassen, um

dir, mein teures Kind, und mir damit Hoffnung und Freude zu geben!“

sagte die frohe Mutter und lächelte der Blume zu, wie einem guten,

gottgesandten Engel.

Aber nun die andern Erbsen! -- ja die, welche in die weite Welt

hinausflog: „Halte mich, wenn du kannst!“ fiel in die Dachrinne und

geriet in einen Taubenkropf, wo sie lag wie Jonas in dem Wallfischbauch.

Die beiden faulen brachten es gerade ebensoweit, sie wurden ebenfalls

von Tauben aufgepickt und das heißt wenigstens einen soliden Nutzen

schaffen; aber die vierte, welche sich bis in die Sonne emporschwingen

wollte -- -- die fiel in den Rinnstein und lag Tage und Wochen darin,

in dem schmutzigen Wasser, wo sie entsetzlich aufschwoll.

„Ich werde prächtig dick!“ sagte die Erbse. „Ich werde noch platzen,

und weiter, glaube ich, kann es keine Erbse bringen, oder hat es je

gebracht. Ich bin die ausgezeichnetste von den fünf aus derselben

Schote!“ -- Und der Rinnstein gab dieser Ansicht seinen Beifall.

Aber an dem Dachfenster stand das Mädchen mit leuchtenden Augen und mit

Gesundheit auf den Wangen, und sie faltete ihre Hände über der

Erbsenblüte und dankte Gott für dieselbe.

Das Märchen vom Sandmann.

[Abbildungen/Illustrations: pic39.jpg, pic43.jpg]

In der ganzen Welt versteht niemand so schöne Geschichten zu erzählen

wie der alte liebe _Sandmann_. Gegen Abend, wenn die Kinder noch hübsch

artig am Tische oder auf ihrem Stühlchen sitzen, kommt das alte Männchen

ganz leise die Treppe herauf, denn es geht auf Socken. Husch, öffnet es

die Thüre und streut den Kindern Sandkörnchen in die Augen, so fein, so

fein, aber doch immer genug, daß sie nicht länger die Augen aufzuhalten

vermögen. Deshalb sind sie auch nicht im stande, ihn zu sehen. Er

schlüpft gerade hinter sie, bläst ihnen sanft in den Nacken und dann

wird ihnen das Köpfchen gar schwer. O ja, aber es thut ihnen nicht weh,

denn der Sandmann meint es mit den Kindern gerade gut. Er verlangt nur,

daß sie ruhig sein sollen, und das sind sie am besten, wenn man sie zu

Bette bringt.

Sobald die Kinder nun schlafen, setzt sich das alte Männchen zu ihnen

auf das Bett. Er geht stattlich einher; sein Rock ist von Seidenzeug,

aber es ist unmöglich, die Farbe desselben zu bestimmen, denn er

schillert grün, rot und blau, je nach welcher Richtung er sich dreht.

Unter jedem Arm hält er einen Regenschirm, einen mit Bildern darauf,

welchen er über die Kinder ausspannt und dann träumen sie die ganze

Nacht die herrlichsten Geschichten, und einen ohne irgend eine

Zeichnung. Diesen stellt er über die unartigen Kinder, damit sie ganz

bewußtlos schlafen. Wenn sie am Morgen aufwachen, haben sie dann nicht

das Allermindeste geträumt.

Nun wollen wir hören, wie der Sandmann eine ganze Woche lang jeden Abend

zu einem kleinen Knaben, der _Hjalmar_ hieß, kam und was er ihm

erzählte! Es sind im ganzen sieben Geschichten, weil es sieben

Wochentage giebt.

_Montag._

„Nun will ich dir meinen ganzen Staat zeigen,“ sagte der Sandmann am

Abend zum Hjalmar, der im Bette lag.

Da verwandelten sich alle Blumen in den Blumentöpfen zu großen Bäumen,

die ihre langen Zweige unter der Decke hin und die Wände entlang

streckten, so daß die ganze Stube wie das herrlichste Lusthaus aussah.

Alle Zweige waren voll Blumen, und jede Blume war schöner als eine Rose,

duftete balsamisch und, wollte man sie essen, war sie süßer als

Eingemachtes. Die Früchte glänzten gerade wie Gold, und Weißbrödchen

waren da, die vor lauter Rosinen platzten -- es war unvergleichlich

schön. Plötzlich aber ließ sich in dem Tischkasten, wo Hjalmars

Schulbücher lagen, ein entsetzliches Jammern vernehmen.

„Was ist das nur?“ fragte der Sandmann, und zog den Tischkasten auf.

Es war die Tafel, in der es zerrte und zupfte, denn es hatte sich eine

falsche Zahl in das Rechenexempel eingeschlichen, so daß die Zahlen

auseinander laufen wollten. Der Griffel hüpfte und sprang an seiner

Schnur, als stellte er einen kleinen Hund vor, der dem Rechenexempel

helfen möchte, aber er war es nicht im Stande. Und dann jammerte es auch

in Hjalmars Schreibebuch, daß es ordentlich häßlich mit anzuhören war.

Auf jeder Seite standen der Länge nach von oben nach unten sämtliche

große Buchstaben, ein jeder mit einem kleinen zur Seite, einer hinter

dem andern. Das bildete die Vorschrift, und neben dieser standen wieder

einige Buchstaben, die sich einbildeten, ebenso auszusehen, weil sie aus

Hjalmars eigener Feder herrührten. Aber, o weh! sie sahen fast aus, als

ob sie über die Linien, auf denen sie doch stehen sollten, gestolpert

wären.

„Seht, so solltet ihr euch halten!“ sagte die Vorschrift. „Seht, etwas

schräg, aber mit kräftigem Schwung!“ -- „O, wir wollen gern,“ sagten

Hjalmars Buchstaben, „aber wir können nicht, wir sind so schlimm und

unwissend!“ -- „Dann sollt ihr Kinderpulver bekommen!“ sagte der

Sandmann. -- „O nein!“ riefen sie und dann standen sie mit einem male

kerzengerade, daß es eine Lust war. -- „Heute werden keine Geschichten

erzählt!“ sagte der Sandmann. „Jetzt muß ich sie einexerzieren! Eins,

zwei! Eins, zwei!“ Nun exerzierte er die Buchstaben ein, und sie standen

so gerade und gesund da, wie nur eine Vorschrift immer stehen kann. Als

aber der Sandmann ging und Hjalmar am Morgen nachsah, da waren sie eben

so jämmerlich wie zuvor.

_Dienstag._

Sobald Hjalmar im Bette war, benetzte der Sandmann mit seiner kleinen

Zauberspritze alle Möbel in der Stube, und sofort begannen sie zu

plaudern und plauderten sämtlich von sich selbst.

Über der Kommode hing ein großes Gemälde in einem reich vergoldeten

Rahmen, welches eine herrliche Landschaft darstellte. Als der Sandmann

dasselbe mit seiner Zauberspritze benetzt hatte, begannen die Vögel

darauf zu singen, die Baumzweige bewegten sich, und die Wolken flogen so

natürlich, daß man ihren Schatten über die Landschaft konnte

dahinschweben sehen.

Nun hob der Sandmann den kleinen Hjalmar so hoch, daß derselbe seine

Füße in den Rahmen hineinstellen konnte und zwar gerade in das hohe

Gras. Da stand er nun. Die Sonne schien durch die Zweige auf ihn

hernieder. Er lief hin an das Wasser und setzte sich in ein kleines

Boot, welches da lag. Es war rot und weiß angestrichen, die Segel

leuchteten wie Silber, und zwei herrliche, schneeweiße Schwäne kamen

herbei, spannten sich vor das Boot und zogen es an dem grünen Walde

vorüber. Die prächtigsten Fische mit silbernen und goldenen Schuppen

schwammen hinter dem Boote her; bisweilen schnellten sie über das Wasser

empor, daß es plätscherte, und Vögel flogen in zwei langen Reihen hinten

nach, die Mücken tanzten und die Maikäfer brummten „bum, bum“. Alle

wollten Hjalmar folgen und jeder hatte eine Geschichte zu erzählen.

Das war allerdings eine Segelfahrt, wie sie sein mußte! Bald waren die

Wälder dicht und dunkel, bald waren sie wie der herrlichste Park mit

Sonnenschein und Blumen, und große Schlösser von Glas und Marmor lagen

darin. Auf den Altanen standen Prinzessinen, und alle waren kleine

Mädchen, die Hjalmar recht wohl kannte, denn er hatte schon früher mit

ihnen gespielt. Bei jedem Schlosse standen kleine Prinzen Schildwache.

Sie schulterten mit goldenen Säbeln und ließen Rosinen und Zinnsoldaten

regnen. Das waren wirkliche Prinzen.

Bald segelte Hjalmar durch Wälder, bald gerade durch große Säle oder

mitten durch eine Stadt. Er kam auch durch diejenige, in welcher sein

Kindermädchen wohnte, das gute Mädchen welches ihn getragen hatte, als

er ein ganz, ganz kleiner Knabe war und das ihn so lieb gehabt. Dasselbe

nickte und winkte und sang den niedlichen Vers, den es selbst gedichtet

und Hjalmar gesandt hatte:

Ich denke dein in mancher Stund’,

Du süßes Kind, du Liebling mein!

Ich hab’ geküßt dir deinen Mund,

Die Stirne, Wangen, rot und fein!

Dein erstes Wort vernahm mein Ohr!

Doch mußt’ ich fort, vergiß mein nicht!

Gott segne dich, den ich verlor,

Du Engel aus des Herren Licht!

Und alle Vögel sangen mit, die Blumen tanzten auf ihren Stengeln und die

alten Bäume nickten, als ob der Sandmann auch ihnen Geschichten

erzählte.

_Mittwoch._

Nein, wie der Regen herniederströmte! Hjalmar konnte es im Schlafe

hören, und als der Sandmann ein Fenster öffnete, stand das Wasser gerade

bis an das Fenster hinauf. Ein ganzer See wälzte sich schon da draußen

und das prächtigste Schiff lag hart vor dem Hause.

„Willst du mitsegeln, kleiner Hjalmar?“ fragte der Sandmann, „dann

kannst du heute Nacht nach fremden Ländern reisen und morgen doch wieder

hier sein!“

Im Nu stand da Hjalmar in seinen Sonntagskleidern mitten auf dem

prächtigen Schiffe und sofort heiterte sich das Wetter auf und sie

segelten durch die Straßen, kreuzten um die Kirche, und nun war alles

eine große, wilde See. Sie segelten so lange, bis kein Land mehr zu

erblicken war. Sie bemerkten auch eine Schar Störche, die gleichfalls

die Heimat verlassen hatten und nach den warmen Ländern wollten. Ein

Storch flog dicht hinter dem anderen und sie waren schon weit, weit

geflogen. Einer derselben war so müde, daß ihn seine Flügel kaum noch

länger zu tragen vermochten. Er blieb hinter den anderen zurück, machte

noch ein paar Flügelschläge, dann ließ er sich hinabsinken und -- bums!

da stand er auf dem Verdecke.

Da nahm ihn der Schiffsjunge und sperrte ihn in das Hühnerhaus zu den

Hühnern, Enten und Truthähnen. Der arme Storch stand ganz

eingeschüchtert mitten unter ihnen.

„Seht ihr den nicht?“ gackerten alle Hühner.

Der kalekutische Hahn blies sich aus Leibeskräften auf und fragte ihn,

wer er wäre? Die Enten gingen rückwärts und stießen einander an: „Spute

dich, spute dich!“

Märchen für Kinder · 第 4 / 14 段