Außerhalb der Stadt war ein großer Galgen aufgemauert, ringsum standen

die Soldaten und viele hunderttausend Menschen. Der König und die

Königin saßen auf einem prächtigen Throne, den Richtern und dem ganzen

Rate gerade gegenüber.

Schon stand der Soldat oben auf der Leiter, als man ihm aber den Strick

um den Hals legen wollte, bat er, man möge ihn doch noch eine Pfeife

Tabak rauchen lassen.

Das wollte ihm nun der König nicht abschlagen, und so nahm der Soldat

sein Feuerzeug und schlug Feuer, ein, zwei, dreimal. Siehe! da standen

alle Hunde da, der mit Augen so groß wie Gänseeier, der mit den Augen

wie Mühlräder, und der, welcher Augen hatte so groß wie ein runder Turm.

„Helft mir, daß ich nicht gehängt werde!“ sagte der Soldat, und da

stürzten sich die Hunde auf die Richter und den ganzen Rat, ergriffen

den einen bei den Beinen, den andern bei der Nase und warfen sie viele

Klaftern hoch in die Luft, so daß sie beim Niederfallen in Granatstücke

zerschlagen wurden.

„Ich will nicht!“ sagte der König, aber der größte Hund nahm sowohl ihn

wie die Königin und warf sie allen anderen nach. Da erschraken die

Soldaten und alles Volk schrie: „Lieber Soldat, du sollst unser König

sein und die schöne Prinzessin haben!“

Darauf setzte man den Soldaten in des Königs Carosse, und alle drei

Hunde tanzten voran und riefen: „Hurrah!“ und die Jungen pfiffen auf den

Fingern und die Soldaten präsentierten. Die Prinzessin kam aus dem

kupfernen Schlosse heraus und wurde Königin und das gefiel ihr gar wohl.

Die Hochzeit währte acht Tage und die drei Hunde saßen mit an der

Hochzeitstafel und machten große Augen.

Das häßliche Entlein.

[Abbildungen/Illustrations: pic28.jpg, pic30.jpg, tafel3.jpg]

Auf dem Lande draußen war es herrlich. Es war ja Sommer! Auf den Wiesen

stand das Heu in Schobern und dort stelzte der Storch auf seinen roten

Beinen umher und plapperte ägyptisch, denn diese Sprache hatte er von

seiner Mutter gelernt.

Um den Acker und die Wiesen zogen sich große Wälder und mitten in

denselben befanden sich tiefe Seen. O, es war herrlich da draußen auf

dem Lande! Mitten im warmen Sonnenscheine lag da ein altes Rittergut,

von tiefen Kanälen umgeben, und von der Mauer an bis zum Wasser hinunter

wuchsen dort große Klettenblätter, die so hoch waren, daß unter den

größten kleine Kinder aufrecht stehen konnten. Darin war es gerade so

wild wie im tiefsten Walde. Hier lag eine Ente auf ihrem Neste, um ihre

Jungen auszubrüten, aber jetzt war sie dessen fast überdrüssig, weil es

doch gar zu lange dauerte und sie dabei so selten Besuch bekam.

Endlich platzte ein Ei nach dem andern. „Pip, pip!“ sagte es, alle

Eidotter waren lebendig geworden und steckten den Kopf heraus.

„Rap, Rap! Eilt, eilt!“ rief sie, und da rappelten und beeilten sie sich

nach Kräften und guckten unter den grünen Blättern nach allen Seiten

umher.

„Wie groß ist doch die Welt!“ sagten alle Jungen; denn freilich hatten

sie jetzt ganz anders Platz als zu der Zeit, da sie noch drinnen im Ei

lagen.

„Glaubt denn das Gelbschnäbelchen, das sei schon die ganze Welt!“ sagte

die Mutter. „Die geht noch weit über die andere Seite des Gartens hinaus

bis in das Feld des Pfarrers; da bin ich indes noch nie gewesen! -- --

Ihr seid doch alle hübsch beisammen!“ setzte sie hinzu und erhob sich.

„Nein, ich habe noch nicht alle! Das größte Ei liegt immer noch da! Wie

lange soll denn das noch dauern? Nun habe ich es wirklich bald satt!“

Und dann legte sie sich wieder.

„Nun, wie geht es?“ fragte eine alte Ente, die auf Besuch gekommen war.

„Es dauert mit dem einen Ei so lange!“ sagte die Ente, welche brütete.

„Es zeigt sich noch kein Loch in demselben. Aber nun sollst du die

andern sehen. Es sind die hübschesten jungen Enten, die ich je gesehen

habe.“

„Zeige mir doch das Ei, welches nicht bersten will,“ meinte die Alte.

„Verlaß dich darauf, es ist ein Putenei. So bin ich auch einmal genarrt

worden und ich hatte meine liebe Not mit den Jungen, denn sie fürchteten

sich vor dem Wasser, kann ich dir sagen. Erst konnte ich sie gar nicht

ausbekommen, so viel ich auch rappte und schnappte, ermahnte und

nachhalf! -- Laß mich doch das Ei sehen! Ja, das ist ein Putenei! Laß es

liegen und lehre lieber deine andern Kinder schwimmen!“

„Ich will doch noch ein wenig darauf liegen bleiben!“ entgegnete die

Ente. „Habe ich nun so lange gelegen, kommt es auf etwas länger auch

nicht an!“

„Jeder nach seinem Geschmack!“ sagte die alte Ente und nahm Abschied.

Endlich platzte das große Ei. „Pip, Pip!“ sagte das Junge und kroch

heraus. Es war sehr groß und auffallend häßlich. Die Ente besah es sich.

„Das ist ja ein entsetzlich großes Entlein!“ sagte sie. „Keines von den

andern sieht so aus. Sollte es wirklich eine junge Pute sein? Nun, da

wollen wir bald dahinterkommen! In das Wasser muß es, und sollte ich es

selbst hineinstoßen!“

Am nächsten Tage war prächtiges herrliches Wetter! Die Sonne schien

brennend heiß auf alle die grünen Kletten hernieder. Die Entleinmutter

erschien mit ihrer ganzen Familie am Kanale.

„Platsch!“ sprang sie in das Wasser. „Rap, rap!“ rief sie und ein

Entlein nach dem andern plumpste hinein. Das Wasser schlug ihnen über

dem Kopf zusammen, aber sie tauchten gleich wieder empor und schwammen

stolz dahin, die Beine bewegten sich von selbst und alle waren sie in

dem nassen Elemente, selbst das häßliche, graue Junge schwamm mit.

„Nein, das ist keine Pute!“ sagte sie. „Sieh nur Einer, wie hübsch es

die Beine gebraucht, wie gerade es sich hält. Rap, rap! Ich werde euch

im Entenhofe vorstellen, aber haltet euch immer in meiner Nähe, damit

euch Niemand trete, und nehmt euch vor der Katze in Acht!“

Und so kamen sie in den Entenhof hinein. Ein erschrecklicher Lärm

herrschte drinnen, denn zwei Familien bekämpften sich um einen Aalkopf,

und trotzdem bekam ihn die Katze.

„Seht, so geht es in der Welt zu!“ sagte die Entleinmutter, und

schnappte mit dem Schnabel, denn sie wollte auch den Aalkopf haben.

„Gebraucht nun eure Beine,“ sagte sie, „seht zu, daß ihr euch etwas

beeilt und neigt den Hals vor der alten Ente dort. Sie ist die

vornehmste von allen hier. Spanisches Blut rollt in ihren Adern,

deshalb ist sie so schwerfällig. Wie ihr seht, trägt sie einen roten

Lappen um das Bein. Das ist etwas unvergleichlich Schönes und die

höchste Auszeichnung, welche je eine Ente erhalten kann. Ein

wohlgezogenes Entlein setzt die Beine weit auseinander, gerade wie

Vater und Mutter! Seht so! Neigt nun euren Hals und sagt: „Rap!““

Und das thaten sie. Aber die andern Enten ringsumher betrachteten sie

und sprachen: „Seht nur einmal! Nun sollen wir die Sippschaft auch noch

bekommen, als ob wir nicht schon genug wären! Pfui, wie das eine Entlein

aussieht! Das wollen wir nicht unter uns dulden!“ Und sogleich flog eine

Ente hin und biß es in den Nacken.

„Laß es zufrieden!“ sagte die Mutter, „es thut ja niemand etwas!“

„Aber es ist so groß und so seltsam,“ sagte die Ente, welche es gebissen

hatte, „und deshalb muß es weggejagt werden!“

„Das sind schöne Kinder, die Mütterchen hat!“ sagte herablassend die

alte Ente mit dem Lappen um den Fuß. „Sämtlich schön mit Ausnahme des

einen, welches mißglückt ist! Ich wünschte, sie könnte es umbrüten!“

„Das geht nicht, Ihro Gnaden!“ sagte die Entleinmutter. „Es ist nicht

hübsch, aber es hat ein sehr gutes Gemüt und schwimmt ebenso

vortrefflich wie eines der andern, ja ich darf sagen, fast noch etwas

besser. Ich denke, es wird sich auswachsen oder mit der Zeit kleiner

werden. Außerdem ist’s ja ein Enterich und da schadet ihm die

Häßlichkeit nicht so viel.“

„Die anderen Entlein sind ja ganz niedlich!“ sagte die Alte. „Thut nun,

als ob ihr zu Hause wäret, und findet ihr einen Aalkopf, so könnt ihr

mir ihn bringen!“

Und so waren sie wie zu Hause.

Aber das arme Entlein, welches zuletzt aus dem Ei gekrochen und so

häßlich war, wurde gebissen, gepufft und gehänselt von den Enten wie von

den Hühnern. „Es ist zu groß,“ sagten sie allesamt, und der Puterhahn,

der mit Sporen geboren war, und deshalb in dem Wahne stand, daß er

Kaiser wäre, blies sich wie ein Schiff mit vollen Segeln auf, ging

gerade auf dasselbe zu, kollerte und wurde ganz rot am Kopfe. Das arme

Entlein wußte weder, wie es stehen, noch wie es gehen sollte. Es war

betrübt, daß es so häßlich aussah und dem ganzen Entenhofe zum Gespötte

diente.

So ging es den ersten Tag und später wurde es schlimmer und schlimmer.

Das arme Entlein wurde von allen gejagt, selbst seine Geschwister waren

recht unartig und sagten oft zu ihm: „Wenn dich nur die Katze holen

wollte, du garstiges Ding!“ und die Mutter seufzte: „Wärest du nur weit

fort!“ Die Enten bissen es, die Hühner hackten es und die Futtermagd

stieß es mit dem Fuße.

Da lief und flog es über den Zaun; die Vöglein in den Büschen erhoben

sich erschrocken in die Luft. „Daran ist meine Häßlichkeit schuld!“

dachte das Entlein und schloß die Augen, lief aber trotzdem weiter. So

gelangte es bis zu einem großen Moore, in dem die wilden Enten wohnten.

Hier lag es die ganze Nacht, denn es war sehr müde und traurig.

Am Morgen flogen die wilden Enten auf und erblickten den neuen

Kameraden. „Was bist du denn für ein Landsmann?“ fragten sie, und das

Entlein drehte sich nach allen Seiten und grüßte, so gut es konnte.

„Du bist abschreckend häßlich!“ sagten die wilden Enten, „aber das kann

uns einerlei sein, wenn du nur nicht in unsere Familie hineinheiratest!“

Das Arme, es dachte wahrlich nicht ans Heiraten. Ihm war nur daran

gelegen, die Erlaubnis zu erhalten, im Schilfe zu liegen und Moorwasser

zu trinken.

Zwei ganze Tage lang hatte es da gelegen, als zwei wilde Gänse oder

vielmehr Gänseriche dorthin kamen. Sie waren noch nicht gar lange aus

dem Ei gekrochen und deshalb auch etwas vorschnell.

„Höre, Kamerad, du bist so häßlich, daß du förmlich hübsch bist und wir

dich gut leiden können. Willst du zu uns halten und Zugvogel sein?“

fragten sie.

„Piff, Paff!“ knallte es da plötzlich und beide wilde Gänseriche fielen

tot in das Schilf hinab und das Wasser wurde rot von Blut. „Piff, paff!“

knallte es abermals und ganze Scharen wilder Gänse flogen aus dem

Schilfe auf, und dann knallte es wieder. Es war große Jagd; die Jäger

lagen rings um das Moor herum, ja, einige saßen oben in den Baumzweigen,

welche sich weit über das Röhricht hinstreckten. Der blaue Pulverdampf

zog wie Wolken durch die dunklen Bäume hindurch und ruhte weit über dem

Wasser. In den Sumpf drangen die Jagdhunde hinein. Was war das für ein

Schreck für das arme Entlein! Es drehte den Kopf, um ihn unter die

Flügel zu stecken, als in demselben Augenblicke ein fürchterlich großer

Hund dicht vor ihm stand; die Zunge hing dem Tiere ganz lang aus dem

Halse und die Augen funkelten gräßlich. Er berührte das Entlein fast mit

der Schnauze, wies die scharfen Zähne und -- platsch! zog er sich

zurück, ohne es zu packen.

„Gott sei Dank!“ seufzte das Entlein, „ich bin so häßlich, daß mich

selbst der Hund nicht beißen mag!“

So lag es denn ganz still, während die Schrotkörner in das Schilf

sausten und Schuß auf Schuß knallte.

Erst am späten Nachmittage wurde es still, aber das arme Junge wagte

noch nicht sich zu erheben. Es wartete noch mehrere Stunden, ehe es sich

umschaute, und dann eilte es, so schnell es konnte, aus dem Moore

weiter.

Gegen Abend erreichte es ein erbärmliches Bauernhäuschen, welches in so

traurigem Zustande war, daß es selbst nicht wußte, nach welcher Seite es

fallen sollte, und so blieb es stehen. Der Sturm sauste dermaßen um das

wilde Entlein, daß es sich setzen mußte, um Widerstand zu leisten. Und

es wurde immer schlimmer und schlimmer. Da bemerkte es, daß sich die

Thüre aus der einen Angel gehoben hatte und so schief hing, daß es durch

die Spalte in die Stube hineinschlüpfen konnte und das that es.

Hier wohnte eine alte Frau mit ihrem Kater und ihrem Huhne; der Kater,

welchen sie Söhnchen nannte, konnte einen Buckel machen und spinnen.

Selbst Funken konnte man ihm entlocken, wenn man ihn im Dunkeln gegen

die Haare strich. Das Huhn hatte sehr kleine niedrige Beine und wurde

deshalb Kurzbeinchen genannt.

Am Morgen bemerkte man sogleich das fremde Entlein und der Kater begann

zu spinnen und das Huhn zu klucken.

„Was ist das!“ rief die Frau und schaute sich um, da sie aber nicht gut

sah, hielt sie das Entlein für eine fette Ente. „Das ist ja ein

sonderbarer Fang!“ sagte sie, „nun kann ich Enteneier bekommen. Wenn es

nur kein Enterich ist! Das müssen wir erproben.“

So wurde denn das Entlein für drei Wochen auf Probe angenommen, aber

Eier kamen nicht.

Nun war der Kater der Herr im Hause und das Huhn war die Frau.

„Kannst du Eier legen?“ fragte es.

„Nein!“ -- „Nun gut, dann hast du hier im Hause nichts zu sagen!“

Und der Kater sagte: „Kannst du einen Buckel machen, kannst du spinnen,

kannst du Funken sprühen?“ -- „Nein!“ -- „Dann darfst du auch durchaus

keine Meinung haben, wenn vernünftige Leute reden!“

[Farbtafel/Plate]

Und das Entlein saß im Winkel und war schlechter Laune. Da dachte es

unwillkürlich an die frische Luft und den Sonnenschein und bekam eine so

eigentümliche Lust, auf dem Wasser zu schwimmen, daß es sich endlich

nicht länger enthalten konnte, es dem Huhne anzuvertrauen.

„Was sprichst du da?“ fragte dasselbe. „Du hast nichts zu thun, deshalb

plagen dich so seltsame Launen. Lege Eier oder spinne, dann gehen sie

vorüber!“

„Aber es ist herrlich, auf dem Wasser zu schwimmen!“ entgegnete das

Entlein, „herrlich, sich den Kopf in den Fluten zu kühlen oder auf den

Grund niederzutauchen!“

„Ja, das muß wirklich ein prächtiges Vergnügen sein!“ sagte das Huhn

spöttisch, „bist du denn närrisch geworden! Frage einmal den Kater, der

ist der Klügste, den ich kenne, ob es ihm so angenehm vorkommt, auf dem

Wasser zu schwimmen oder unterzutauchen!“

„Ihr versteht mich nicht!“ sagte das Entlein.

„Wenn wir dich nicht verstehen, wer sollte dich dann wohl verstehen!

Du wirst doch wohl nicht klüger sein wollen als der Kater und ich. Sieh

jetzt nur zu, daß du Eier legst und spinnen und Funken sprühen lernst!“

„Ich glaube, ich gehe in die weite Welt hinaus!“ sagte das Entlein.

„Ja, thue das!“ entgegnete das Huhn.

So ging denn das Entlein. Es schwamm auf dem Wasser, es tauchte unter,

aber von allen Tieren wurde es um seiner Häßlichkeit willen übersehen.

Jetzt erschien der Herbst; die Blätter im Walde wurden gelb und braun,

der Sturm entführte sie und wirbelte sie umher und oben in der Luft

machte sich die Kälte bemerkbar. Die Wolken hingen schwer von Hagel und

Schneeflocken, und auf dem Zaune stand ein Rabe und schrie: „Au, au!“

vor lauter Kälte. Ja, man konnte schon ordentlich frieren, wenn man nur

daran dachte. Das arme Entlein hatte es wahrlich nicht gut.

Eines Abends, die Sonne ging gerade wunderbar schön unter, kam ein

ganzer Schwarm prächtiger, großer Vögel aus dem Gebüsch hervor, wie sie

das Entlein noch nie so schön gesehen hatte. Sie waren blendend weiß und

hatten lange geschmeidige Hälse; es waren _Schwäne_. Sie stießen einen

merkwürdigen Ton aus, breiteten ihre prächtigen, großen Schwingen aus

und flogen aus den kalten Gegenden fort nach wärmeren Ländern, nach

offenen Seen. Sie stiegen so hoch, so hoch, daß dem häßlichen jungen

Entlein ganz seltsam dabei zu Mute wurde.

Es konnte die prächtigen, die glücklichen Vögel nicht vergessen, und

sobald es sie nicht mehr wahrnahm, tauchte es bis auf den Grund unter,

und geriet, als es wieder emporkam, förmlich außer sich. Es wußte nicht,

wie die Vögel hießen, noch wohin sie zogen, aber doch hatte es dieselben

lieb wie nie jemand zuvor. Neid kam gleichwohl nicht in sein Herz. Wie

hätte ihm auch nur in den Sinn kommen können, sich eine solche Schönheit

zu wünschen? Es wäre schon froh gewesen, wenn nur die Enten es hätten

unter sich dulden wollen; -- das arme häßliche Tier.

Und der Winter wurde so kalt, so kalt! Das Entlein mußte unermüdlich

umherschwimmen, um das Zufrieren des Wassers zu verhindern. Aber jede

Nacht wurde das Loch, in dem es schwamm, schmäler und schmäler. Es war

eine Kälte, daß die Eisdecke krachte. Das Entlein mußte fortwährend die

Beine gebrauchen, damit sich das Loch nicht völlig schloß. Endlich wurde

es matt, lag ganz still und fror so im Eise fest.

In der Frühe des folgenden Morgens kam ein Bauer, der das arme Tier

gewahrte. Er ging hin, zerschlug das Eis mit seinem Holzschuh, rettete

es und trug es heim zu seiner Frau. Da lebte es wieder auf.

Die Kinder wollten mit demselben spielen. Da aber das Entlein glaubte,

sie wollten ihm wehe thun, fuhr es in der Angst gerade in eine

Milchschüssel, so daß die Milch in der Stube umherspritzte. Dann flog

das Entlein auf das Gestell, auf welchem die Butter aufbewahrt wurde und

von hier in die Mehltonne hinein und dann wieder in die Höhe. Da könnt

ihr euch denken, wie es aussah! Die Frau schrie und schlug mit der

Feuerzange nach demselben, die Kinder liefen einander über den Haufen

und lachten und lärmten. Nur gut, daß die Thüre offen stand; so konnte

sich das Entlein zwischen die Sträucher in den frischen Schnee hinaus

retten, und da lag es nun bis auf den Tod erschöpft.

Allein, es würde wahrlich zu traurig sein, all die Not zu erzählen,

welche das Entlein in dem harten Winter auszustehen hatte. -- Es lag

zwischen dem Röhricht im Moor, als die Sonne wieder warm zu scheinen

begann; die Lerchen sangen, der Lenz war da.

Da entfaltete es mit einem male seine Schwingen, stärker sausten sie als

zuvor und trugen es kräftig vorwärts, und ehe dasselbe es recht wußte,

befand es sich in einem großen Garten, wo die Äpfelbäume in voller Blüte

standen, wo die Fliedersträuche dufteten und ihre langen, grünen Zweige

zu den sich sanft dahinschlängelnden Bächen und Kanälen

herniedersenkten! O wie war es hier so köstlich, so frühlingsfrisch! Und

gerade vor ihm kamen aus dem Dickicht drei schöne, weiße Schwäne

angeschwommen; mit gekräuseltem Gefieder glitten sie leicht und

majestätisch über das Wasser dahin. Das Entlein erkannte die schönen

Tiere und wurde von einer eigentümlichen Schwermut ergriffen.

„Ich will hinfliegen zu ihnen, den königlichen Vögeln, und sie werden

mich tot beißen, weil ich, der ich so häßlich bin, mich ihnen zu nähern

wage. Aber besser von ihnen getötet, als von den Enten gezwackt, von den

Hühnern gepickt, von der Hühnermagd gestoßen zu werden und im Winter

alles mögliche Weh über sich ergehen zu lassen!“ Und es flog auf das

Wasser und schwamm den prächtigen Schwänen entgegen, die mit gesträubten

Federn auf dasselbe losschossen.

„Tötet mich nur!“ sagte das arme Tier, neigte sein Haupt gegen den

Wasserspiegel und erwartete den Tod, -- aber was sah es in dem klaren

Wasser? Es sah unter sich sein eigenes Bild, aber es war nicht mehr ein

plumper, schwarzgrauer Vogel, häßlich und Abscheu erweckend, es war

selbst ein schneeweißer _Schwan_ mit stolzem Gefieder.

Es thut nichts, in einem Entenhofe geboren zu sein, wenn man nur in

einem Schwanenei gelegen hat! -- Nun fühlte es sich glücklich über alle

die Not und Widerwärtigkeit, welche es ausgestanden hatte. Nun verstand

es erst, sein Glück und all die Herrlichkeit zu würdigen, die es überall

begrüßte. -- Und die großen Schwäne kamen herbei und streichelten es mit

dem Schnabel.

Da traten einige kleine Kinder in den Garten. Sie warfen Brot und Körner

in das Wasser, und das Kleinste rief: „Seht, da ist ein neuer!“ Und

jubelnd stimmten die andern Kinder ein: „Ein neuer, ein neuer Schwan ist

gekommen!“

Sie klatschten in die Hände, tanzten umher, holten Vater und Mutter

herbei und es wurde Brot und Kuchen in das Wasser geworfen und sie

sagten alle: „Der neue ist der schönste, so jung und majestätisch!“ Und

die alten Schwäne verneigten sich vor ihm.

Da überschlich ihn Schüchternheit und Verschämtheit und er verbarg den

Kopf unter den Flügeln; es war ihm so eigen zu Mute, er wußte selbst

nicht wie. Er war allzuglücklich, aber durchaus nicht stolz, denn ein

gutes Herz wird niemals stolz. Er dachte daran, wie er verhöhnt worden

und hörte nun alle sagen, er wäre der schönste von allen schönen Vögeln.

Die Fliedersträuche neigten sich zu ihm in das Wasser hinunter, und die

Sonne schien warm und erquickend. Da sträubte er sein Gefieder, der

schlanke Hals erhob sich und aus Herzensgrunde jubelte er: „So viel

Glück habe ich mir nicht träumen lassen, als ich noch das _häßliche

Entlein_ war!“

Die Stopfnadel.

[Abbildung/Illustration: capE.jpg]

Es war einmal eine Stopfnadel, die so fein und spitz war, daß sie sich

einbildete, eine Nähnadel zu sein.

„Seht jetzt nur darauf, daß ihr mich ordentlich festhaltet!“ sagte die

Stopfnadel zu den Fingern, welche sie hervorholten. „Laßt mich nicht

los! Falle ich auf den Boden, wird es kaum möglich sein, mich wieder zu

finden, so fein bin ich!“

„Nun, nun! Nur nicht zu viel des Eigenlobes!“ sagten die Finger und

faßten sie dann fest um den Leib.

„Seht ihr, ich komme mit Gefolge!“ rief die Stopfnadel und zog einen

langen Faden hinter sich her.

Die Finger lenkten die Stopfnadel gerade gegen den Pantoffel der Köchin,

dessen Oberleder einen Riß bekommen hatte und jetzt zusammengenäht

werden sollte.

„Das ist eine niedrige Arbeit!“ sagte die Stopfnadel, „ich komme nie

hindurch, ich zerbreche, ich zerbreche!“ -- und da zerbrach sie. „Habe

ich nicht oft genug wiederholt!“ jammerte sie, „daß ich zu fein bin!“

„Nun taugt sie zu nichts mehr!“ meinten die Finger, mußten sie aber doch

festhalten, die Köchin machte ihr einen Kopf aus Siegellack und steckte

sie dann vorn in ihr Tuch.

„Sieh, jetzt bin ich eine Busennadel!“ sagte die Stopfnadel; „ich wußte

wohl, daß ich zu Ehren kommen würde; aus Was wird Was!“ und dabei lachte

sie innerlich, denn äußerlich kann man es einer Stopfnadel nie ansehen,

daß sie lacht. Da saß sie nun so stolz, als führe sie in einer Kutsche

und blickte nach allen Seiten.

„Darf ich mir wohl erlauben, Sie zu fragen, ob Sie von Gold sind?“

fragte sie die Stecknadel, welche ihre Nachbarin war. „Sie haben ein

vortreffliches Äußeres und Ihren eigenen Kopf, wenn derselbe auch nur

klein ist. Sie müssen dafür Sorge tragen, daß sich derselbe auswächst,

denn man kann nicht allen das Ende mit Siegellack versehen!“ Dabei

richtete sich die Stopfnadel so stolz in die Höhe, daß sie sich aus dem

Tuche löste und in die Gosse fiel, gerade als die Köchin das Spülicht

ausgoß.

„Nun gehen wir auf Reisen!“ sagte die Stopfnadel; doch da saß sie fest

in der Gosse. „Mein gutes Bewußtsein ist mir geblieben;“ damit tröstete

sie sich und hielt sich stramm und aufrecht.

Allerlei segelte über sie dahin, Holzstückchen, Stroh und

Zeitungspapier. „Sieh, wie sie dahinsegeln!“ sagte die Stopfnadel. „Sie

wissen nicht, was unter ihnen steckt! Ich stecke und sitze hier. Sieh,

da treibt jetzt ein Holzpflock, der denkt an nichts in der Welt als an

Pflöcke und Klötze und er ist selbst einer. Dort schwimmt ein Strohhalm;

sieh, wie er sich schwenkt, wie er sich dreht! Ich sitze geduldig und

still; ich weiß, was ich bin und das bleibe ich!“

Eines Tages gewahrte sie dicht an ihrer Seite einen glänzenden

Gegenstand, deswegen die Stopfnadel vermutete, daß es ein Diamant wäre;

aber es war nur ein gewöhnlicher Glasscherben. Da derselbe flimmerte,

redete ihn die Stopfnadel an und gab sich ihm als Busennadel zu

erkennen. „Sie sind wohl ein Diamant?“ -- „Ja, ich bin etwas

dergleichen!“ Und so hielten sie sich denn gegenseitig für sehr kostbare

Gegenstände und sprachen über den jetzigen Hochmut der Welt.

„Ich habe meine Wohnung in einer sehr feinen, bunten Schachtel gehabt,

welche einer Köchin gehörte,“ begann die Stopfnadel ihre Erzählung. „Sie

hatte an jeder Hand fünf Finger; aber obgleich dieselben nur da waren,

um mich zu halten und aus der Schachtel zu nehmen, so waren sie doch

erschrecklich eingebildet.“

„Zeichneten sie sich denn durch Glanz aus?“ fragte der Glasscherben.

Märchen für Kinder · 第 3 / 14 段