und niedlich, sagten sie. Damals lag ich drinnen im Schlosse auf einem
Sammetstuhle, lag auf dem Schooße der Herrin. Ich hieß der „Hübscheste,“
der „Schönfuß.“ Dann wurde ich der Herrschaft zu groß und sie gaben mich
deshalb der Haushälterin. Ich kam in die Kellerwohnung; von dort, wo du
stehst, kannst du gerade in die Kammer hineinsehen, in der ich die
Herrschaft gewesen bin, denn das war ich bei der Haushälterin. Es war
wohl ein geringerer Platz als oben, aber hier war es behaglicher. Ich
wurde nicht wie oben von den Kindern gedrückt und mit umhergeschleppt.
Ich hatte eben so gutes Futter wie zuvor und weit mehr. Ich hatte mein
eigenes Kissen, und ferner gab es dort einen Ofen, der doch, namentlich
in jetziger Zeit, das Schönste in der Welt ist! Ich kroch völlig unter
ihn, so daß ich ganz verschwand. O, von diesem Kachelofen träume ich
noch jetzt! Weg, weg!“
„Sieht ein Kachelofen denn so schön aus?“ fragte der Schneemann. „Ähnelt
er mir?“
„Er ist der gerade Gegensatz von dir! Kohlschwarz ist er und hat einen
langen Hals mit einer Messingtrommel. Er frißt Brennholz, so daß ihm das
Feuer aus dem Munde sprüht.“
Der Schneemann sah hin und bemerkte wirklich einen schwarzen,
blankpolierten Gegenstand mit einer Messingtrommel. Das Feuer strahlte
nach vorn auf den Fußboden hinaus. Dem Schneemann wurde ganz sonderbar
zu Mute. Er hatte eine Empfindung, von der er sich selber keine
Rechenschaft ablegen konnte. Es überschlich ihn etwas, was er nicht
kannte, was aber alle Menschen kennen, wenn sie nicht Schneemänner sind.
[Farbtafel/Plate]
„Und weshalb verließest du sie?“ fragte der Schneemann. „Wie konntest du
überhaupt eine solche Stelle verlassen?“
„Ich war dazu gezwungen,“ sagte der Kettenhund. „Sie warfen mich hinaus
und legten mich an die Kette. Ich hatte den kleinsten Junker in das Bein
gebissen, weil er mir den Knochen, an welchem ich nagte, fortstieß. Bein
für Bein, heißt es bei mir! Aber das nahmen mir des Knaben Eltern übel,
und seit der Zeit habe ich hier an der Kette liegen müssen und meine
helle Stimme verloren. Höre nur, wie heiser ich bin. Weg, weg! Das ist
das Ende vom Liede gewesen!“
Der Schneemann hörte nicht mehr darauf; er blickte beständig nach der
Kellerwohnung der Haushälterin, blickte in ihre Stube hinein, wo der
Kachelofen auf seinen vier eisernen Füßen stand und sich in seiner
ganzen Größe zeigte, die der des Schneemanns in nichts nachgab.
„Es knackt so eigentümlich in mir!“ sagte er. „Soll ich dort nie
hineinkommen? Es ist mein höchster Wunsch, mein einziger Wunsch, und es
würde fast ungerecht sein, wenn er nicht befriedigt würde. Ich muß
hinein, ich muß mich an ihn lehnen, und sollte ich auch das Fenster
zerschlagen!“
„Dort kommst du nie hinein!“ sagte der Kettenhund, „und kämest du
wirklich zum Kachelofen, dann wärest du weg, weg!“
„Ich bin jetzt schon so gut wie weg,“ sagte der Schneemann, „ich
zerbreche, glaube ich.“
Den ganzen Tag stand der Schneemann da und sah zum Fenster hinein.
In der Dämmerung wurde die Stube noch traulicher. Aus dem Kachelofen
leuchtete es so mild, wie weder Mond noch Sonne leuchten kann, nein, wie
nur der Kachelofen zu leuchten vermag, wenn etwas in ihm steckt. Ging
die Thüre auf, so schlug die Flamme hinaus, es war so ihre Gewohnheit.
Des Schneemannes weißes Antlitz wurde dann von einer flammenden Röte
übergossen, und auch seine Brust leuchtete in rötlichem Glanze.
„Ich halte es nicht aus,“ sagte er. „Wie schön es ihn kleidet, die Zunge
herauszustrecken.“
Die Nacht war sehr lang, aber dem Schneemann kam sie nicht so vor. Er
stand in Gedanken versunken, und sie erfroren, daß sie knackten.
Früh morgens waren die Kellerfenster zugefroren; sie trugen die
schönsten Eisblumen, die ein Schneemann nur verlangen kann, allein sie
verbargen den Kachelofen. Die Scheiben wollten nicht auftauen, er konnte
die Flamme nicht mehr sehen. Es knackte, es war eben im herrlichsten
Frostwetter, über das sich ein jeder Schneemann freuen muß, aber er
freute sich nicht darüber. Er hätte sich glücklich fühlen können und
dürfen, aber er war nicht glücklich, er litt eben gar zu sehr am
„Kachelofenweh“.
„Das ist eine schlimme Krankheit für einen Schneemann,“ sagte der
Kettenhund; „ich habe auch einmal an derselben Krankheit gelitten, habe
sie aber überstanden. Weg, weg! -- Jetzt bekommen wir
Witterungswechsel.“
Und Witterungswechsel trat ein, es schlug in Tauwetter um. Das Tauwetter
nahm zu, der Schneemann nahm ab. Er sagte nichts, er klagte nicht, und
das ist das echte Zeichen.
Eines Morgens stürzte er zusammen. Es ragte etwas einem Besenstiel
Ähnliches dort in die Höhe, wo er gestanden hatte. Um diesen Gegenstand,
der ihm Halt verleihen sollte, hatten ihn die Knaben aufgerichtet.
„Nun kann ich seine Sehnsucht verstehen!“ sagte der Kettenhund. „Der
Schneemann hat eine Ofenkratze im Leibe gehabt. Sie war es, die sich in
ihm bewegt hat. Nun hat er es überstanden. Weg, weg!“
Und bald war auch der lange, böse Winter überstanden.
„Weg, weg!“ bellte der Kettenhund; aber die kleinen Mädchen sangen auf
dem Hofe:
„Schießt auf, ihr Blümlein, frisch und hold,
Zeig’, Weide, deine Woll’ wie Gold!
Ihr Vöglein kommt, singt hell und klar,
Schon ist der letzte Februar,
Ich singe mit, Kuckuck, Quivit!
Komm’ Sonne, komm’, wenn ich dich bitt!“
Und nun denkt niemand mehr weder an den Winter, noch an den Schneemann
und sein „Kachelofenweh“, selbst nicht einmal der heisere Kettenhund.
Es ist ein Unterschied.
[Abbildungen/Illustrations: capD.jpg, pic19.jpg]
Der Mai war gekommen. „Der Frühling ist da!“ predigten Büsche und Bäume,
Felder und Wiesen. Es wimmelte von Blüten und vor allem oben an der
Hecke. Da stand ein Apfelbäumchen, welches nur einen einzigen, von
rosenroten Knospen überladenen Zweig getrieben hatte.
Das Bäumchen wußte wohl selbst, wie schön es war, denn das liegt im
Blatte gerade so wie im Blute. Deshalb war es auch durchaus nicht
überrascht, als plötzlich auf dem Wege dicht vor ihm ein
herrschaftlicher Wagen anhielt und die junge Gräfin in demselben sagte,
der Apfelbaum wäre das Lieblichste, was man sehen könnte, er wäre der
Frühling selbst in seiner herrlichsten Offenbarung. Der Zweig wurde
abgebrochen und sie hielt ihn in ihrer feinen Hand und beschattete ihn
mit ihrem seidenen Sonnenschirme. Darauf fuhren sie nach dem Schlosse,
wo sie hohe Säle und prächtige Zimmer aufnahmen. Klare, weiße Vorhänge
flatterten an den offenen Fenstern und prächtige Blumen standen in
glänzenden, durchsichtigen Vasen, und in eine derselben, die schimmerte,
als ob sie aus frischgefallenem Schnee ausgeschnitten wäre, wurde der
Apfelzweig zwischen frische, lichte Buchenzweige gesetzt; es war eine
Lust ihn anzusehen.
Da wurde der Zweig stolz, und das war ja ganz begreiflich.
Viele Leute von mancherlei Gattung kamen durch die Zimmer, und je nach
dem Ansehen, in welchem sie standen, durften sie ihre Bewunderung
aussprechen. Einige sagten durchaus nichts und Andere sagten zu viel,
und der Apfelzweig merkte, daß zwischen den Menschen ebenso gut ein
Unterschied wäre, wie zwischen den Gewächsen, und da er gerade in das
offene Fenster gesetzt war, von wo aus er sowohl in den Garten als auf
das Feld hinabblicken konnte, so hatte er genug Blumen und Pflanzen zur
Betrachtung und Überlegung. Da standen reiche und arme, selbst einige
allzu arme.
„Arme, verworfene Kräuter!“ sagte der Apfelzweig, „da ist wahrlich ein
Unterschied gemacht. Wie unglücklich mögen sie sich fühlen, falls derlei
Art überhaupt fühlen kann, wie ich und meinesgleichen zu fühlen
vermögen. Da ist wahrlich ein Unterschied gemacht, aber er muß gemacht
werden, sonst wären ja alle einerlei!“
Der Apfelzweig sah mit einem gewissen Mitleid besonders auf eine Art
Blumen, die sich in großen Mengen auf Feldern und an Gräben vorfanden.
Niemand band sie in einen Strauß, sie waren viel zu gewöhnlich dazu, ja
man konnte sie sogar zwischen den Pflastersteinen finden, sie schossen
überall wie das ärgste Unkraut empor und hatten zum Überfluß noch den
häßlichen Namen „des Teufels Butterblumen.“
„Armes, verachtetes Gewächs!“ sagte der Apfelzweig, „du kannst nichts
dafür, daß du wurdest, was du wurdest, daß du so gewöhnlich bist. Aber
es ist mit den Gewächsen wie mit den Menschen, es müssen Unterschiede
sein!“
„Unterschiede,“ sagte der Sonnenstrahl und küßte den blühenden
Apfelzweig, küßte aber auch des Teufels gelbe Butterblumen draußen auf
dem Felde, alle Brüder des Sonnenstrahls küßten sie, die armen Blumen,
wie die reichen.
Der Apfelzweig hatte nie über des lieben Gottes unendliche Liebe gegen
alles, was in ihm lebt und webt, nachgedacht; der Strahl des Lichtes
wußte es besser: „Du siehst nicht weit! Du siehst nicht klar!“ -- sagte
er. „Welches ist das verworfene Kraut, das du besonders beklagst?“
„Des Teufels Butterblumen!“ rief der Apfelzweig. „Nie werden sie in
einen Strauß gebunden, sie werden mit Füßen getreten, es giebt zu viele
von ihnen, und wenn sie in Samen schießen, fliegt er in Wollenflocken
dahin und hängt sich den Leuten an die Kleider. Unkraut ist es!“
Über das Feld kam plötzlich eine ganze Schaar Kinder daher; das jüngste
derselben war noch so klein, daß es von den anderen getragen wurde. Als
es in das Gras zwischen die gelben Blumen niedergesetzt wurde, lachte es
laut vor Freude, zappelte mit den Beinchen, wälzte sich umher, pflückte
nur die gelben Blumen und küßte sie in süßer Unschuld. Die etwas
größeren Kinder brachen die Blumen von den Stielen und bildeten Ringe
aus denselben, bis endlich, Glied an Glied, eine ganze Kette daraus
wurde, mit welcher sie sich schmückten. Aber die größeren Kinder
pflückten vorsichtig die Stengel, die die flockenartig zusammengesetzte
Samenkrone trugen, die lose, luftige, wollige Blume, welche wie ein
kleines Kunstwerk aus den feinsten Federn, Flocken oder Daunen gebildet
dasteht. Sie hielten sie an den Mund, um sie mit einem Hauch
wegzublasen. Wer es fertig brächte, bekäme neue Kleider, ehe das Jahr um
wäre, hatte Großmutter gesagt.
Die verachtete Blume war bei dieser Gelegenheit ein anerkannter Prophet.
„Siehst du?“ sagte der Sonnenstrahl, „siehst du die Schönheit, siehst du
die Macht derselben?“
„Ja, für Kinder!“ versetzte der Apfelzweig.
Da kam ein altes Mütterchen auf das Feld hinaus und grub mit ihrem
stumpfen grifflosen Messer unten um die Wurzel der Blumen und zog sie
heraus; einige der Wurzeln wollte sie als Zusatz zum Kaffee benutzen,
andere wollte sie dem Apotheker als Arzneimittel verkaufen.
„Schönheit ist doch etwas Höheres!“ sagte der Apfelzweig. „Nur die
Auserwählten kommen in das Reich des Schönen! Es giebt einen Unterschied
zwischen den Gewächsen, wie es einen Unterschied zwischen den Menschen
giebt.“
Der Sonnenstrahl sprach von Gottes unendlicher Liebe gegen alles
Erschaffene und zu allem, was Leben hat, und daß er in Zeit und Ewigkeit
alles gleichmäßig verteilt hätte.
„Ja, das ist nur Ihre Ansicht,“ sagte der Apfelblütenzweig.
Und nun traten Leute in das Zimmer, und die junge Gräfin kam, sie, die
den Apfelzweig so hübsch in die durchsichtige Vase gestellt hatte, wo
das Sonnenlicht ihn bestrahlen konnte. Sie brachte eine Blume, oder was
es sonst war, die zwischen drei oder vier Blättern, die dütenähnlich um
sie gehalten wurden, versteckt war, damit sie kein Zug oder Windhauch
verletzen könnte. Dabei wurde sie mit einer solchen Sorgfalt und
Vorsicht getragen, wie sie nicht einmal dem feinen Apfelzweig zu Teil
geworden war. Ganz behutsam wurden nun die großen Blätter fortgenommen,
und was kam zum Vorschein? Die kleine flockige Samenkrone der gelben
verachteten Butterblume! Sie war es, die sie so sorgfältig gepflückt
hatte und so sorgsam trug, damit nicht einer der feinen Federpfeile, die
gleichsam ihre Nebelkappe bilden und so lose sitzen, abgeblasen würde.
Unversehrt und herrlich hatte sie nun dieselbe; sie bewunderte ihre
schöne Gestalt, ihre luftige Klarheit, ihre ganze eigentümliche
Zusammensetzung, ihre Schönheit, wenn die Samenkrone vom Winde
fortgeblasen würde.
„Sieh doch, wie wunderbar schön sie der liebe Gott geschaffen hat!“
sagte die Gräfin. „Ich will sie mit dem Apfelzweige malen; wohl ist
dieser unendlich schön, aber in anderer Weise hat auch diese arme Blume
vom lieben Gott gar viele Schönheiten erhalten. Wie verschieden sie auch
sind, dennoch sind sie beide Kinder im Reiche der Schönheit.“
Und der Sonnenstrahl küßte die arme Blume und küßte den blühenden
Apfelzweig, dessen Blätter dabei zu erröten schienen.
Das Feuerzeug.
[Abbildungen/Illustrations: pic21.jpg, pic23.jpg, pic24.jpg]
Ein Soldat kam auf der Landstraße daher marschiert. Er trug einen
Tornister und einen Säbel, weil er im Kriege gewesen war. Da begegnete
er einer alten Hexe, die entsetzlich häßlich war. Sie sagte: „Guten
Abend, Soldat! Was für einen großen Säbel und zierlichen Tornister du
doch hast! Du bist ein echter Soldat!“
„Schönen Dank, alte Hexe,“ sagte der Soldat.
„Siehst du dort den Baum?“ fragte die Hexe. „Er ist innen hohl. Wenn du
ihn bis zum Gipfel ersteigst, erblickst du ein Loch, durch welches du
hinabgleiten und bis tief in den Baum hinunterkommen kannst. Ich werde
dir einen Strick um den Leib binden, um dich wieder heraufziehen zu
können, sobald du mich rufst!“
„Was soll ich denn da unten im Baume?“ fragte der Soldat ganz
verwundert.
„Geld holen!“ sagte die Hexe. „Du mußt wissen, sobald du auf den Boden
des Baumes hinunterkommst, so befindest du dich in einem langen Gange;
dort ist es ganz hell, weil da über hundert Lampen brennen. Dann
gewahrst du drei Thüren. Du kannst sie öffnen, der Schlüssel steckt
darin. Gehst du in die erste Kammer hinein, so erblickst du mitten auf
dem Fußboden eine große Kiste, auf welcher ein Hund sitzt. Er hat Augen
so groß wie Gänseeier, aber darum darfst du dich nicht kümmern! Ich gebe
dir meine blau karrierte Schürze, die kannst du auf den Fußboden
ausbreiten; packe dann den Hund, setze ihn auf meine Schürze, öffne die
Kiste und nimm, so viel Geld du willst. Es ist lauter Kupfer; willst du
aber lieber Silber haben, so mußt du in das nächste Zimmer hineintreten;
dort sitzt ein Hund, der Augen hat so groß wie Mühlräder; aber darum
brauchst du dich nicht zu kümmern, setze ihn nur auf meine Schürze und
nimm dir von dem Gelde. Willst du dagegen Gold haben, so kannst du es
auch bekommen, so viel du nur zu tragen vermagst, wenn du in die dritte
Kammer hineingehst. Allein der Hund, welcher hier auf der Geldkiste
sitzt, hat Augen, jedes so groß wie ein runder Turm. Aber darum brauchst
du dich nicht zu kümmern. Setze ihn nur auf meine Schürze, so thut er
dir nichts, und nimm aus der Kiste, so viel Gold du willst.“
„Nicht übel,“ sagte der Soldat. „Aber du willst doch auch was von dem
Gelde haben?“
„Nein,“ antwortete diese, „nicht einen Pfennig. Hole mir nur das alte
Feuerzeug, welches meine Großmutter vergaß, als sie zum letztenmale
unten war.“
„Gut,“ sagte der Soldat, „knüpfe mir dann den Strick um den Leib.“
„Hier ist er,“ sagte die Hexe, „und hier ist meine blau karrierte
Schürze!“
So kletterte denn der Soldat den Baum hinauf, glitt dann durch das Loch
hinunter und stand nun in dem großen Gange, wo die vielen hundert Lampen
brannten. Dann öffnete er die erste Thür. Uh! da saß der Hund mit Augen
so groß wie Gänseeier, und glotzte ihn an.
Der beherzte Soldat setzte ihn gleich auf die Schürze der Hexe und
füllte seine Taschen mit Kupfergeld, verschloß die Kiste, setzte den
Hund wieder hinauf und ging in das andere Zimmer. Potztausend! da saß
der Hund mit Augen so groß wie Mühlräder.
„Glotz mich nicht so an,“ sagte der Soldat und setzte den Hund auf die
Schürze. Als er aber das viele Silbergeld sah, warf er alles Kupfergeld
fort und füllte sich die Taschen und den Tornister mit Silber. Dann ging
er in die dritte Kammer, wo der Hund war mit Augen so groß wie ein
runder Turm.
„Guten Abend,“ sagte der Soldat, hob den Hund herunter und öffnete die
Kiste. Was sah er da für eine Menge Gold! Man hätte können ganz
Kopenhagen und die Zuckerferkel, Zinnsoldaten, Peitschen und
Schaukelpferde der ganzen Welt dafür kaufen. Nun warf der Soldat alles
Silbergeld, womit er seine Taschen und seinen Tornister gefüllt hatte,
fort und nahm statt dessen Gold, ja alle Taschen, der Tornister, der
Tschako und die Stiefel wurden angefüllt, so daß er kaum gehen konnte.
Nun hatte er Geld! Den Hund setzte er auf die Kiste, schlug die Thür zu
und rief dann durch den Baum hinauf:
„Zieh mich nun empor, alte Hexe!“
„Hast du denn auch das Feuerzeug?“ fragte die Hexe.
„Wahrhaftig,“ sagte der Soldat, „das hatte ich rein vergessen,“ und nun
ging er und nahm es. Die Hexe zog ihn empor und wie er wieder vom Baume
herabstieg, da purzelten nur so die Goldstücke aus Taschen, Stiefeln und
Tornister, so voll waren sie bis obenan.
„Was willst du denn mit dem Feuerzeug?“ fragte der Soldat, als er nun
wieder auf den Beinen stand.
„Das geht dich nichts an!“ sagte die Hexe, „du hast ja Geld bekommen,
gieb mir jetzt nur das Feuerzeug.“
„Larifari!“ sagte der Soldat; „gleich sagst du mir, was du damit willst,
oder ich ziehe meinen Säbel und dann soll es dir schlecht bekommen!“
„Nein!“ sagte die Hexe.
Da wollte der Soldat mit dem Säbel nach ihr schlagen, aber ehe es dazu
kam, lag sie schon mausetot da. Er aber band all sein Geld in ihre
Schürze, nahm diese wie ein Bündel auf den Rücken, steckte das Feuerzeug
in die Tasche und ging geraden Weges nach der Stadt.
Im besten Wirtshaus kehrte er ein, verlangte die besten Speisen und
wohnte in den schönsten Zimmern, denn aus dem armen Soldaten war nun ein
vornehmer Herr geworden. Man erzählte ihm von allen Herrlichkeiten der
Stadt und von dem Könige und wie reizend seine Tochter, die Prinzessin
sei.
„Wo kann man sie zu sehen bekommen?“ fragte der Soldat.
„Niemand darf sie sehen,“ war die Antwort. „Sie wohnt in einem großen
kupfernen Schlosse, ringsum durch viele Mauern und Türme geschützt.
Niemand außer dem Könige darf bei ihr aus- und eingehen, weil geweissagt
ist, daß sie mit einem ganz gemeinen Soldaten verheiratet werden wird,
und das kann der König nicht dulden.“
„Ich möchte sie wohl sehen!“ dachte der Soldat, aber dazu bekam er ja
keine Erlaubnis.
Nun lebte er lustig in den Tag hinein. Da er aber jeden Tag nur Geld
ausgab und nie etwas einnahm, so hatte er zuletzt nur noch zwei Pfennig
übrig, und mußte aus den prächtigen Zimmern, die er bisher bewohnt
hatte, in ein gar ärmliches Stübchen unterm Dache ziehen, mußte sich
seine Stiefeln selbst bürsten und mit einer Stopfnadel zusammennähen und
keiner seiner Freunde kam zu ihm, weil man so viele Treppen zu ihm
hinaufzusteigen hatte.
Es war ein ganz dunkler Abend, und er konnte sich nicht einmal ein Licht
kaufen; da erinnerte er sich plötzlich, daß sich noch ein Lichtstumpf in
dem Feuerzeuge befinden müßte, welches er aus dem hohlen Baume
mitgenommen hatte.
Er holte das Feuerzeug, aber als er Feuer schlug, sprang die Thüre auf
und der Hund mit den Augen wie Gänseeier stand vor ihm. „Was befiehlt
mein Herr?“ fragte er. „Ei, das ist ein drolliges Feuerzeug!“ rief der
Soldat. „Schaffe mir Geld!“ befahl er dem Hunde und -- wips war er fort
-- wips -- war er wieder da und hielt einen großen Beutel voll Geld in
seiner Schnauze.
Nun wußte der Soldat, was das für ein prächtiges Feuerzeug war! Schlug
er einmal, so kam der Hund, welcher auf der Kiste mit dem Kupfergeld
saß; schlug er zweimal, so kam der, welcher das Silbergeld hatte, und
schlug er dreimal, so kam der, welcher das Gold hatte.
Da dachte er auch sogleich an die Prinzessin: „Es ist doch kurios, daß
man sie nicht zu sehen bekommt! Sie soll so schön sein, behauptet jeder,
aber was kann ihr das nützen, wenn sie immer in dem großen
Kupferschlosse sitzen muß. Kann ich sie denn gar nicht zu sehen
bekommen? -- Halt! -- Mein Feuerzeug!“ Nun schlug er Feuer, und -- wips
-- kam der Hund mit Augen so groß wie Gänseeier.
„Es ist zwar mitten in der Nacht,“ sagte der Soldat, „aber ich möchte
doch gar zu gern die Prinzessin sehen, nur einen kleinen Augenblick!
Willst du sie mir verschaffen?“
Der Hund war gleich aus der Thüre, und ehe es der Soldat dachte, sah er
ihn schon mit der Prinzessin wieder. Sie saß und schlief auf des Hundes
Rücken und war so schön, daß man sehen konnte, daß es eine wirkliche
Prinzessin war. Der Soldat war ganz überglücklich und konnte sich nicht
enthalten, sie zu küssen. Gleich darauf lief der Hund mit der Prinzessin
wieder zurück.
Am andern Morgen zog der Soldat wieder in die prächtigen Zimmer
hinunter, zeigte sich in guten Kleidern und da erkannten ihn alle seine
guten Freunde wieder und hielten natürlich große Stücke auf ihn.
Zu gleicher Zeit, als der König und die Königin beim Frühstück saßen,
sagte die Prinzessin, sie hätte in der Nacht einen ganz wunderlichen
Traum von einem Hunde und einem Soldaten gehabt. Sie wäre auf dem Hunde
geritten und der Soldat hätte sie geküßt.
„Das wäre eine schöne Geschichte!“ sagte die Königin.
Nun sollte eine der alten Hofdamen in der nächsten Nacht am Bette der
Prinzessin wachen, um zu sehen, ob es ein wirklicher Traum wäre, oder
was es sonst sein könnte.
In der Nacht kam auch richtig der Hund, nahm die schöne Prinzessin und
lief, was er nur laufen konnte, allein die alte Hofdame zog
Wasserstiefel an und lief ebenso schnell hinterher. Als sie nun sah, daß
sie in einem großen Hause verschwanden, dachte sie: „Nun weiß ich, wo es
ist!“ und zeichnete mit einem Stück Kreide ein großes Kreuz an die
Thüre. Darauf ging sie heim und legte sich nieder und auch der Hund kam
mit der Prinzessin wieder. Als er aber sah, daß ein Kreuz auf die Thüre,
wo der Soldat wohnte, gezeichnet war, nahm er ebenfalls ein Stück Kreide
und machte auf alle Thüren der ganzen Stadt Kreuze. Und das war klug
gethan, denn nun konnte ja die Hofdame die richtige Thüre nicht finden,
da an allen Kreuze waren.
Früh Morgens kam der König und die Königin, die alte Hofdame und alle
Offiziere, um zu sehen, wo die Prinzessin gewesen war.
„Da ist es!“ sagte der König, als er die erste mit einem Kreuze
bezeichnete Thüre erblickte.
„Nein, dort ist es!“ sagte die Königin, als sie die zweite Thüre mit dem
Kreuzzeichen bemerkte.
„Aber da ist eins und dort ist eins!“ riefen sie sämtlich; wohin sie
sahen, waren Kreuze an den Thüren. Da sahen sie denn wohl ein, daß alles
Suchen vergeblich wäre.
Aber die Königin war eine außerordentlich kluge Frau. Sie nähte einen
kleinen Beutel, den füllte sie mit feiner Buchweizengrütze, band ihn der
Prinzessin auf den Rücken und schnitt darauf ein kleines Loch in den
Beutel, so daß die Grütze den ganzen Weg, den die Prinzessin passierte,
bestreuen konnte.
Nachts kam der Hund wieder, nahm die Prinzessin auf seinen Rücken und
lief mit ihr zu dem Soldaten, der so gern ein Prinz gewesen wäre, um sie
heimführen zu können.
Der Hund merkte durchaus nicht, wie die Grütze über den ganzen Weg vom
Schlosse bis zu dem Fenster, wo er mit der Prinzessin die Mauer
hinauflief, verstreut wurde. Nun sahen es des Morgens der König und die
Königin deutlich, wo ihre Tochter des Nachts gewesen war, und da machten
sie kurzen Prozeß mit dem Soldaten und warfen ihn ins Gefängnis.
Ach, wie finster und langweilig war es darin! Auch sagte man ihm:
„Morgen wirst du gehängt werden!“ Das war just nicht vergnüglich zu
hören, und dazu hatte er sein Feuerzeug daheim im Wirtshause gelassen.
Am Morgen konnte er durch das Eisengitter vor seinem kleinen Fenster
sehen, wie das Volk aus der Stadt herbeieilte, ihn hängen zu sehen. Er
hörte die Trommeln und sah die Soldaten marschieren. Alle Leute waren
auf den Beinen; dabei war auch ein Schusterjunge mit Schurzfell und
Pantoffeln; er galoppierte so eilig, daß ihm ein Pantoffel abflog und
gerade gegen die Mauer, hinter welcher der Soldat saß und durch das
Eisengitter hinausschaute.
„Hör einmal, Schusterjunge! Du brauchst dich nicht so zu beeilen,“ sagte
der Soldat zu ihm, „es wird doch nichts daraus, bevor ich komme. Willst
du aber in meine frühere Wohnung laufen und mir mein Feuerzeug holen, so
sollst du vier Groschen bekommen. Aber lauf und nimm die Beine in die
Hand!“ Der Schusterjunge wollte gern das Geld haben und eilte
pfeilgeschwind nach dem Feuerzeuge, gab es dem Soldaten und -- --
ja nun werden wir es zu hören bekommen.