Vor wenigen Tagen war es. Niemand sprach davon, daß man einen Angriff
der Franzosen erwarte. Aber es lag was in der Luft, nicht nur deshalb,
weil die feindlichen Geschütze seit zwei Tagen lebhafter als sonst über
die fernen Waldhügel herüberdonnerten. Auch am Verhalten der Feldgrauen
fiel mir etwas auf. Ich glaube, militärisch nennt man es »erhöhte
Bereitschaft«.
Mit Anbruch der Nacht war für mich der Besuch einer weit entlegenen
Artilleriestellung verabredet, zu der es am Tage keine Zufahrt gibt.
-- Acht Uhr vorüber. Ich saß in einer engen, finsteren Sache, wie
ein Sträfling in seinem Zellenwagen. Das kleine Kupee hatte keine
Glasscheiben, sondern Brettfensterchen mit winzigen Ausschnitten, durch
die ich manchmal ein wässeriges Sternchen flüchtig aufschimmern sah.
Nach zwei Stunden hält der Wagen. Ich bin im Hof einer großen Ferme.
Alle Läden geschlossen, nirgends ein Licht. Nur droben am klar
gewordenen Himmel brennen die vielen Sterne. Die Haustür wird geöffnet,
und die freundlichen Stimmen dunkler Gestalten begrüßen mich. Dann
sitzen wir in der etwas schummerigen Stube, und der Zigarrenrauch
schwimmt in geschlängelten Fäden um das sparsame Flämmchen der
Petroleumlampe. Die Offiziere sind heiter wie sonst; in dieser
Heiterkeit ist eine Ruhe, die alle Spannung meiner Nerven beschwichtigt.
Mir ist sehr wohl an diesem Tisch. Im Geplauder frag' ich einmal: »Da
ist doch hier in der Gegend eine von den Franzosen kaputt geschossene
Villa, deren Turm neulich noch ganz war? Da droben sitzt doch immer ein
Beobachter. Steht der Turm noch? Oder ...« Um den Tisch geht ein Lachen
herum. Und der junge Artilleriehauptmann schmunzelt: »Gott sei Dank, er
steht noch! Da droben sitze doch =ich= immer! Wenn Sie morgen nachmittag
zu mir hinaufkommen wollen? Ich denke, da werden Sie etwas sehen!«
Während wir weiterschwatzen, hör' ich etwas: manchmal klingt es wie eine
Karfreitagsklapper; dann wieder, als kollerten viele Holzkugeln über
eine steile Treppe herunter; oder als würden hundert Teppiche geklopft.
Jede Sekunde klingt es anders und bleibt doch immer das gleiche. »Was
ist das?« -- »Noch ist es kein Angriff. Aber möglich, daß es einer wird.«
Wir treten in den schwarzen, vom Sternenhimmel überfunkelten Hof
hinaus. Nun vernehm' ich es deutlich. So hatt' ich es noch =nie=
gehört, auch nicht im Schützengraben. Was da so unregelmäßig hämmert
in der Nacht, ist wie das Zähneklappern eines frierenden Riesen. Hoch
über uns fahren kurze Zischlaute durch die Luft: die »Hochgänger«, die
von den zerrissenen Salven der Franzosen zwei Kilometer weit über den
schwarzen Waldgrat herüberfliegen. Auf dem Dach geht eine Schieferplatte
in Scherben, und die Splitter bröseln in den Hof herunter. Dieses
ziellose Gepulver in der Finsternis hat etwas unsagbar Aberwitziges.
»Schießen denn da die Unseren =auch=?« -- »Nein. Die warten, bis es
notwendig wird.« -- »Aber auf was schießen denn die Franzosen, jetzt,
in der Nacht?« -- Ein Lachen. »Auf nichts. Vielleicht glauben sie,
eine Patrouille zu sehen. Oder es ist wieder ein Bluff, mit dem sie uns
herauslocken möchten. So machen sie es oft. Aber die Unseren sitzen fest
und warten ruhig, bis die Franzosen kommen. Dann kracht es bei =uns=.
Das hat einen ganz anderen Ton!« --
Diese Erklärung gab mir ein äußerst behagliches Zufriedenheitsgefühl.
Mit ihm vereinigte sich das Bild der Schützengräben, die ich gesehen --
und die deutsche Seßhaftigkeit in diesem Maulwurfskriege begann mir als
etwas sehr Notwendiges und Vorteilhaftes einzuleuchten. Bei gleichen
Kräften eine unzerbrechbare Mauer verteidigen, ist schon der Sieg --
mit dem Kopf gegen unbeugsame Steine rennen zu müssen, ist schon die
Niederlage, noch ehe der letzte Kampf beginnt. Die festen Stellungen,
die hier seit Monaten geschaffen und mit jedem Tage stärker ausgebaut
wurden, können nur durch eine große Übermacht überrannt werden. Eine
solche Übermacht werden die Franzosen auch mit englischer Hilfe niemals
wieder haben! Aber =wir= werden sie haben! Bald! Dann wird die Stunde
der Entscheidung im Westen gekommen sein! --
Am Morgen schien die Sonne aus blauem Himmel heraus. War dem frierenden
Riesen warm geworden? Er hatte seinen klapprigen Zähneschauer
eingestellt. Nur ab und zu noch klangen einzelne Schüsse von der
feindlichen Stellung herüber.
Die Offiziere waren aus der Ferme verschwunden; ein junger Doktor sollte
mich führen. Vor dem Hause ging es lebhaft zu. Feldgraue kamen über
die Lehmwege hergewatet, jeder mit sechs kleinen Kesseln, um von der
Feldküche das Frühstück für die Kameraden im Schützengraben zu holen.
Die Schüsse, die sich noch hören ließen, wurden übertönt vom friedlichen
Geräusch einer Dreschmaschine, die den französischen Weizen für den
deutschen Appetit ausklopfte. Zwölf Bauernweiber lupften die Garben,
bedienten die Maschinen und banden das ausgedroschene Stroh. Bei ihnen
stand zur Aufsicht ein braunbärtiger deutscher Unteroffizier, der sein
Pfeiflein rauchte und gemütlich dreinguckte, solange die Weiber tüchtig
schafften; wurden sie faul, dann nahm er die Pfeife aus den Zähnen und
sagte energisch: »Trawalliöh!« Worauf die Weiber wieder sehr fleißig
wurden. -- Besser so, als daß ein französischer Korporal unseren
deutschen Bauernfrauen befehlen dürfte: »Harbeiiitet!«
Manchmal donnerte irgendwo ein Kanonenschuß, während wir in den
glänzenden Vormittag hinauswanderten. Wir mußten gedeckte Schleichwege
suchen, durch Pfützen waten, durch dornige Wäldchen kriechen. Auf einem
großen Teiche sahen wir ein deutsches Idyll: eine mit Weizengarben
beladene Zille kam auf dem Wasser herangeglitten; vier Feldgraue saßen
auf der Strohladung des Schiffleins, und zu dieser netten Fahrt blies
einer die Mundharmonika; warme Sonne umglänzte das hübsche Bild, das
doppelt zu sehen war: in der Luft und im spiegelnden Wasser. Dazu der
französische Kontrast: ein grauenvoll verwüstetes Gehöft! Welch ein
entzückendes Landhaus mit Obstwiese und Blumengarten, mit Fischzucht und
Weihern, mit Rosenhecken und Lauben muß das gewesen sein, ehe der Krieg
begann! Und jetzt ein wüstes Durcheinander von verkohlten Balken, von
Brandschutt und zerstückelten Mauern!
Ein Rauschen in den Lüften -- ein Flieger! Ich fand ihn mit dem Glas.
Ein deutscher Doppeldecker! Wie etwas ganz Feines und Zierliches flog
er zweitausend Meter hoch im Blau. Da begann auch schon die Kanonade
von der französischen Stellung her, ein feindliches Maschinengewehr
erhob seine langsame Unkenstimme: »Tack, tack, tack, tack ...«, und
neben der Sonne pufften in langer Reihe die grauen Kugelwölklein der
Schrapnellschüsse aus dem blauen Nichts heraus. In meiner Seele war
ein heißer Schrei: »Fliege, fliege, du deutscher Bruder da droben,
erfülle deine kühne Pflicht, laß dich nicht herunterholen vom Haß deiner
Feinde!« Er flog und flog, immer blieben die Explosionswölklein weit
hinter ihm zurück. Geradhin und ruhig segelte er wie ein wilder Schwan,
der die Tiefe verachtet. Keiner von den hundert Schüssen, die nach ihm
abgefeuert wurden, konnte ihn auch nur zum leisesten Ausbiegen von der
Richtung seines Erkundungsfluges zwingen. Im Glanz der Sonne, den meine
Augen nimmer ertrugen, verschwand er. Ich mußte zwei Worte flüstern:
»Deutscher Flug!« Aus diesen Silben und ihren Bildern wuchsen mir
stolze, hoffnungsfrohe Gedanken heraus. --
Ein zerrissener Wald, in den die Mittagssonne steil herunterglänzte.
Hier sah ich etwas Neues: einen von den großen Mörsern, die vor wenigen
Tagen hierhergebracht wurden. Steht ein Mensch neben solch einem
metallenen Ungetüm, so sieht er aus wie ein Zwerg neben einem Nashorn.
An der Kugel, die dieser deutsche Kampfgigant über zehn Kilometer
schleudert, haben vier Feldgraue zu schleppen. Und solcher Kugeln stehen
Hunderte aufgeschichtet, jede in ihrem binsenen Moseskörbchen! Ich
frage: »Wird geschossen?« -- »Vor dem Abend kaum. Der Feuerbefehl muß
von der Turmstelle kommen.« Also von dort, wo ich in einer Stunde sein
werde!
Bei dem weiten Umweg über die Felder zappelt mir die Ungeduld in den
Beinen. Hinter einer Deckung erwarten uns die beiden Pferde. Wir reiten
los. Da beginnt auf einem langgestreckten Höhenzuge der frierende Riese
heftig mit den Zähnen zu klappern. Immer rascher klingt es ineinander,
fast ist es schon ein ununterbrochenes Salvenrollen. Und in vielen
Richtungen fangen die Geschütze zu dröhnen an, vorerst nur französische.
Jeder Schuß ist ein doppelter Donner: Abschuß und Granatenschlag.
Wir lassen die Pferde rennen, um so rasch wie möglich unser Ziel zu
erreichen. -- Da ist es!
Auf einem von winzigen Waldflecken umhuschelten Hügel stand einmal ein
kleines Dorf. Jetzt ist es ein Schutthaufen, den alles Leben verlassen
hat. Nicht weit davon liegt die Trümmerstätte der kastellartigen Villa
mit dem hohen Turme, der noch immer steht. Wer diesen Turm erbauen ließ,
muß Ritterträume gehabt haben _à la_ Don Quixote! Vom Haus ist nimmer
viel übrig, und auch der Turm ist ausgebrannt bis in die zerrissene
Blechkuppel hinauf. Sein Inneres ist eng und dunkel; von den vier
verbrannten Turmböden sind nur noch ein paar verkohlte Balkenstümpfe
vorhanden. In diesem leeren Mauerdarme haben die deutschen Pioniere
acht Leitern hin und her übereinander gebunden. Draußen der ruhelose
Geschützdonner, im Turme das Schweigen. Aber ganz in der Kuppel droben
trillert ununterbrochen die Klingel eines Telephons. Und ruhige Stimmen
tönen herunter; immer wieder höre ich die beiden Worte: »Turmstelle
hier!«
Während der Doktor die beiden Pferde irgendwo versorgt, beginn' ich zu
klettern. Durch schießschartenähnliche Fensterchen fällt spärliches
Licht herein; das hilft mir, die Leitergriffe zu finden. In der
dunklen Höhe stoße ich mit dem Kopf gegen etwas Hartes. Über mir eine
lachende Stimme: »Herein!« Ein schmales Falltürchen wird geöffnet.
Zwei feste Hände greifen herunter und ziehen mich vollends hinauf. Ein
freundlicher, aber kurzer Gruß des jungen Hauptmanns -- ich bekomme in
dem kleinen Dachkäfig ein Winkelchen, wo ich stehen muß, ohne mich viel
rühren zu können -- dann geht die ernste militärische Arbeit weiter,
mit raschen und knappen Schlagworten, die mir, da fast immer in Zahlen
geredet wird, eine unverständliche Sprache sind. Außer dem Hauptmann
ist noch ein Leutnant da, ein Unteroffizier zur Bedienung des Telephons
und einer zur Meßarbeit auf der Karte, die über ein Brett gespannt ist.
Zwischen dem Mauerbord und der Dachkuppel ist eine handbreite Lücke; da
kann man hinausgucken, kann sogar den Feldstecher dazwischenstecken. Und
während bei jedem schweren Granatenschlag das Gemäuer des Turmes leise
schüttert, beginne ich zu schauen, durchwühlt von einer heißen Erregung,
die mir fast den Atem erwürgt.
Was ich sehe, ist ein Bild von unsagbarer Schönheit, ein wundervolles,
im Gold der Abendsonne leuchtendes Land. Als ich noch da drunten war, da
sah ich Hügel und Wälder; jetzt seh' ich nur einen ebenen Felderschild
mit dunklen Flecken, aus denen sich höhere Bäume zierlich oder seltsam
geformt herausheben. Zerstörte Dörfer und zertrümmerte Gehöfte sehen
aus wie kleine, gesprenkelte, sonderbare Blumen. Gleich den niederen
Versatzstücken einer Theaterdekoration schieben sich die Konturen
von Gehölzen und Ortschaften durch- und hintereinander, alles wie
niedliches Spielzeug. Ich sehe geschlängelte Bäche und schnurgerade
Straßenzüge, sehe weit in südlicher Ferne den blitzenden Lauf der Somme
mit ihren Sümpfen und Kanälen, und sehe -- vergleichbar einem endlosen,
vielgewundenen, doppelten Kupferkettchen -- die von Osten kommenden
und gegen Norden ziehenden Linien der deutschen und feindlichen
Schützengräben. Über allem der blaue Himmel mit seiner niedersteigenden
Sonne; und in der Tiefe ein feines, wunderlich zu Streifen gestaltetes
Nebelziehen, das sich unter dem ruhelosen Donner des Geschützkampfes
mehr und mehr zu verstärken scheint.
Dieses herrliche Land da drunten? Ist das ein Herzogtum ohne Volk?
Nirgends ist ein Mensch zu entdecken, nirgends ein Bauer auf den
Feldern, nirgends ein Wagen, der sich bewegt, nirgends ein Tier der
Erde! Alle Schönheit da drunten ist leer und öde. Nur manchmal, unter
dem aufschreckenden Granatendröhnen, flattern braune, dichte Schwärme
von Wandervögeln nahe bei meinem Ausguck vorüber, wie Wolken von dürren
Blättchen, die der Sturmwind treibt.
Mir werden Lippen und Zunge trocken, und vor Erregung fiebert mir jeder
Nerv im Leib. Immer spähe ich durch das Glas nach den Schützengräben,
bei denen der Riese mit den Zähnen schauert. Ich gewahre nichts, nichts,
nichts, keinen Rauch, keinen Feuerblitz, keine Bewegung, =nichts=! Und
immer dieses Donnern und Brüllen in der Luft! Gierig suche ich mit dem
Glas die bald umschleierte, bald wieder von Sonne leuchtende Leere
ab. In weiter Ferne, auf etwa vierzehn Kilometer, gewahre ich vor
einem Waldstreif vier kleine, weiße Punkte, als hätte man da ein paar
Taschentücher zum Trocknen aufgehängt. Jetzt bewegen sie sich langsam
und schweben aufwärts und werden größer, ein feindlicher Flieger. Das
Telephon klingelt und die ruhige Stimme des jungen Hauptmanns, der
beim Scherenfernrohr sitzt, gibt eine Meldung in Ziffern. Der Flieger,
den ich mit dem Glas beobachte, macht plötzlich eine Schwenkung, und
ich sehe einen zweiten erscheinen. Ist das ein Deutscher? Der den
Franzosen verfolgt? Beide verschwinden im Dunst. Während ich suche,
kommt mir eine kleine blaugraue Kugel mit langem Schwänzlein ins Glas:
ein französischer Fesselballon. Unbeweglich hängt er in der Luft, etwa
zwölf Kilometer von uns entfernt. Nun gleitet er zur Erde hinunter und
verschwindet hinter einem Waldstreif. Beim Scherenfernrohr ein kurzes,
heiteres Lachen: »Dem war unser Flieger nicht geheuer!«
Allmählich wird der Geschützdonner seltener und verstummt beinahe ganz.
Die grauen Dünste in der Landschaft zerflattern und verschwinden.
Die Sonne ist rot geworden, Felder und Wälder gluten oder liegen in
schwarzblauem Schatten. Das Telephon trillert, der Hauptmann wird zum
Hörrohr gerufen. »Jawohl, Herr General, der Ballon ist niedergegangen.«
Ein langes, leises Geräusch im Apparat, ähnlich dem Krächzen eines
Grammophons, bevor es zu spielen beginnt. Da sieht der Leutnant, der den
Platz am Scherenfernrohr einnahm, daß der Fesselballon wieder hochgeht.
Die Meldung wird ins Telephon gegeben. Wieder beginnt im goldschönen
Abend dieses Brüllen und Dröhnen, das die Lüfte erschüttert, gleich dem
Donner eines grauenvollen Gewitters. Wieder die ruhige Zahlensprache und
die kurzen Worte. Meldung um Meldung kommt, Meldung um Meldung fliegt
zu den Batteriestellungen und zum Divisionsstabe. Ich möchte lauschen,
möchte diese Ziffern und Worte deuten, aber immer muß ich schauen und
suchen.
Der Geschützkampf, der sich bisher in größerer Entfernung abspielte,
scheint sich näher heranzuziehen. Auf zwei Kilometer steht plötzlich ein
gewaltiger, grauschwarzer Rauchbaum in einem Acker. Ein Krachen, daß
mir die Ohren klingen. Schlag um Schlag. Eine ganze Reihe von solchen
Rauchbäumen fährt aus der Erde heraus, dicht bei einem Wallstrich
unserer Schützengräben. Der Granatenregen kommt von zwei französischen
Batterien; ihr Feuer wird vom Fesselballon geleitet; sie schießen gut;
in gerader Zeile setzen sie eine Granate dicht neben die andere. Immer
muß ich an die Unseren in dem mit Flammen und Eisen überschütteten
Graben denken, und während mir das Gesicht brennt, rinnen mir kalte
Schauer durch das Herz.
Die Sonne ist schon drunten, immer grauer wird die Dämmerung, immer
dichter dieses Dunstgewoge. In dem engen Dachkäfig des Turmes ist es
schon so dunkel geworden, daß man die Karte beim Messen nimmer ablesen
kann; man muß sie mit einem elektrischen Taschenlämpchen beleuchten.
Die Worte, die ich höre, lassen mich vermuten, daß die eine der beiden
feindlichen Batterien -- eine Waldbatterie -- jetzt gleich unter
deutsches Feuer genommen wird. Nach der anderen sucht der Hauptmann
mit dem Scherenfernrohr. »Da drüben, dreihundert Meter westlicher,
muß sie stehen, aber die Stellung verschwimmt im Dunst.« Ich spähe
durch mein Glas -- und ein Zufall will es, daß ich in der Dämmerung
die Stichflamme eines feuernden Geschützes erkenne. Im Scherenfernrohr
sieht der Hauptmann noch den Feuerstrahl von zwei weiteren Geschützen.
Durchs Telephon fliegt der Bereitschaftsbefehl zu den Mörsern. Aber
bis im Dunkel des Turmkäfigs bei Laternenschein die Richtung auf der
Karte gemessen und die Entfernung, achttausend Meter, berechnet werden
konnte, ist draußen der Abend schon so tief gesunken, daß das Feuer der
Mörser dem Feind ihre Stellung verraten würde. Das Telephon trillert.
»Die Mörser bleiben in Richtung. Schluß.« Eine andere Meldung geht zum
Stab. Und plötzlich dröhnen viele deutsche Schüsse rasch ineinander --
weit aus den Lüften hör' ich etwas wie das ferne Sausen eines wackligen
Eisenbahnzuges -- und dort, wo die feindliche Waldbatterie gestanden,
seh' ich etwas Furchtbares und Wildschönes aufbrennen. Sieben oder acht
Granaten müssen es gewesen sein, die innerhalb zweier Sekunden auf die
gleiche Stelle gefallen sind. Für meine Augen sah es aus, als wär's nur
eine einzige Flamme, die wie ein riesiges Irrlicht zuckend und sinnlos
umherhüpfte. Eine schwere Wolke wirbelt da drüben in die sinkende
Nacht hinauf, die Stelle umhüllt sich mit Dunst -- und dann erst, da
alles für den Blick schon verschwunden ist, hört man den dröhnenden
Explosionsdonner und sein Echo.
Eine ruhige Stimme sagt: »Die ist erledigt. Die andere kommt morgen
dran!«
Nun tiefes Schweigen in der Dunkelheit. Kein Schuß mehr. Nichts.
Ich kann nicht sprechen. Ganz stumm bin ich. Und während ich mich in der
Finsternis des Turmes über die Leitersprossen hinuntertaste, kommt mir
eine Erinnerung aus meiner Kinderzeit. Damals, 1864, sah ich in einem
Guckkasten die Beschießung der Düppeler Schanzen. Das war anders!
Wir reiten durch die still gewordene Nacht. Zwischen den erwachenden
Sternen glänzt die feine Goldspange des zunehmenden Mondes. Das ganze
Rund seiner Scheibe ist als bläulicher Hauch zu erkennen. Sein Licht
wird wachsen mit jedem Tag, wird schön und vollkommen werden. Ich fühle
diesen Gedanken wie ein Gleichnis für den deutschen Sieg.
Auf der dunklen Straße begegnen uns die langen Züge der zu ihren
Quartieren heimkehrenden Verstärkungstruppen; ihr Eingreifen ist nicht
nötig geworden; der Vorstoß, den die Franzosen versuchen wollten,
zerflatterte, bevor er noch richtig begonnen hatte.
Die Feldgrauen, die in der Finsternis an uns vorübermarschieren, singen
nicht; sie reden mit ruhigen, halblauten Stimmen; und die Funken ihrer
Zigarren und Pfeifen wehen leuchtend in die Dunkelheit hinaus, gleich
schwärmenden Glühwürmchen einer Frühlingsnacht.
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