16. Februar 1915.

Vor wenigen Tagen war es. Niemand sprach davon, daß man einen Angriff

der Franzosen erwarte. Aber es lag was in der Luft, nicht nur deshalb,

weil die feindlichen Geschütze seit zwei Tagen lebhafter als sonst über

die fernen Waldhügel herüberdonnerten. Auch am Verhalten der Feldgrauen

fiel mir etwas auf. Ich glaube, militärisch nennt man es »erhöhte

Bereitschaft«.

Mit Anbruch der Nacht war für mich der Besuch einer weit entlegenen

Artilleriestellung verabredet, zu der es am Tage keine Zufahrt gibt.

-- Acht Uhr vorüber. Ich saß in einer engen, finsteren Sache, wie

ein Sträfling in seinem Zellenwagen. Das kleine Kupee hatte keine

Glasscheiben, sondern Brettfensterchen mit winzigen Ausschnitten, durch

die ich manchmal ein wässeriges Sternchen flüchtig aufschimmern sah.

Nach zwei Stunden hält der Wagen. Ich bin im Hof einer großen Ferme.

Alle Läden geschlossen, nirgends ein Licht. Nur droben am klar

gewordenen Himmel brennen die vielen Sterne. Die Haustür wird geöffnet,

und die freundlichen Stimmen dunkler Gestalten begrüßen mich. Dann

sitzen wir in der etwas schummerigen Stube, und der Zigarrenrauch

schwimmt in geschlängelten Fäden um das sparsame Flämmchen der

Petroleumlampe. Die Offiziere sind heiter wie sonst; in dieser

Heiterkeit ist eine Ruhe, die alle Spannung meiner Nerven beschwichtigt.

Mir ist sehr wohl an diesem Tisch. Im Geplauder frag' ich einmal: »Da

ist doch hier in der Gegend eine von den Franzosen kaputt geschossene

Villa, deren Turm neulich noch ganz war? Da droben sitzt doch immer ein

Beobachter. Steht der Turm noch? Oder ...« Um den Tisch geht ein Lachen

herum. Und der junge Artilleriehauptmann schmunzelt: »Gott sei Dank, er

steht noch! Da droben sitze doch =ich= immer! Wenn Sie morgen nachmittag

zu mir hinaufkommen wollen? Ich denke, da werden Sie etwas sehen!«

Während wir weiterschwatzen, hör' ich etwas: manchmal klingt es wie eine

Karfreitagsklapper; dann wieder, als kollerten viele Holzkugeln über

eine steile Treppe herunter; oder als würden hundert Teppiche geklopft.

Jede Sekunde klingt es anders und bleibt doch immer das gleiche. »Was

ist das?« -- »Noch ist es kein Angriff. Aber möglich, daß es einer wird.«

Wir treten in den schwarzen, vom Sternenhimmel überfunkelten Hof

hinaus. Nun vernehm' ich es deutlich. So hatt' ich es noch =nie=

gehört, auch nicht im Schützengraben. Was da so unregelmäßig hämmert

in der Nacht, ist wie das Zähneklappern eines frierenden Riesen. Hoch

über uns fahren kurze Zischlaute durch die Luft: die »Hochgänger«, die

von den zerrissenen Salven der Franzosen zwei Kilometer weit über den

schwarzen Waldgrat herüberfliegen. Auf dem Dach geht eine Schieferplatte

in Scherben, und die Splitter bröseln in den Hof herunter. Dieses

ziellose Gepulver in der Finsternis hat etwas unsagbar Aberwitziges.

»Schießen denn da die Unseren =auch=?« -- »Nein. Die warten, bis es

notwendig wird.« -- »Aber auf was schießen denn die Franzosen, jetzt,

in der Nacht?« -- Ein Lachen. »Auf nichts. Vielleicht glauben sie,

eine Patrouille zu sehen. Oder es ist wieder ein Bluff, mit dem sie uns

herauslocken möchten. So machen sie es oft. Aber die Unseren sitzen fest

und warten ruhig, bis die Franzosen kommen. Dann kracht es bei =uns=.

Das hat einen ganz anderen Ton!« --

Diese Erklärung gab mir ein äußerst behagliches Zufriedenheitsgefühl.

Mit ihm vereinigte sich das Bild der Schützengräben, die ich gesehen --

und die deutsche Seßhaftigkeit in diesem Maulwurfskriege begann mir als

etwas sehr Notwendiges und Vorteilhaftes einzuleuchten. Bei gleichen

Kräften eine unzerbrechbare Mauer verteidigen, ist schon der Sieg --

mit dem Kopf gegen unbeugsame Steine rennen zu müssen, ist schon die

Niederlage, noch ehe der letzte Kampf beginnt. Die festen Stellungen,

die hier seit Monaten geschaffen und mit jedem Tage stärker ausgebaut

wurden, können nur durch eine große Übermacht überrannt werden. Eine

solche Übermacht werden die Franzosen auch mit englischer Hilfe niemals

wieder haben! Aber =wir= werden sie haben! Bald! Dann wird die Stunde

der Entscheidung im Westen gekommen sein! --

Am Morgen schien die Sonne aus blauem Himmel heraus. War dem frierenden

Riesen warm geworden? Er hatte seinen klapprigen Zähneschauer

eingestellt. Nur ab und zu noch klangen einzelne Schüsse von der

feindlichen Stellung herüber.

Die Offiziere waren aus der Ferme verschwunden; ein junger Doktor sollte

mich führen. Vor dem Hause ging es lebhaft zu. Feldgraue kamen über

die Lehmwege hergewatet, jeder mit sechs kleinen Kesseln, um von der

Feldküche das Frühstück für die Kameraden im Schützengraben zu holen.

Die Schüsse, die sich noch hören ließen, wurden übertönt vom friedlichen

Geräusch einer Dreschmaschine, die den französischen Weizen für den

deutschen Appetit ausklopfte. Zwölf Bauernweiber lupften die Garben,

bedienten die Maschinen und banden das ausgedroschene Stroh. Bei ihnen

stand zur Aufsicht ein braunbärtiger deutscher Unteroffizier, der sein

Pfeiflein rauchte und gemütlich dreinguckte, solange die Weiber tüchtig

schafften; wurden sie faul, dann nahm er die Pfeife aus den Zähnen und

sagte energisch: »Trawalliöh!« Worauf die Weiber wieder sehr fleißig

wurden. -- Besser so, als daß ein französischer Korporal unseren

deutschen Bauernfrauen befehlen dürfte: »Harbeiiitet!«

Manchmal donnerte irgendwo ein Kanonenschuß, während wir in den

glänzenden Vormittag hinauswanderten. Wir mußten gedeckte Schleichwege

suchen, durch Pfützen waten, durch dornige Wäldchen kriechen. Auf einem

großen Teiche sahen wir ein deutsches Idyll: eine mit Weizengarben

beladene Zille kam auf dem Wasser herangeglitten; vier Feldgraue saßen

auf der Strohladung des Schiffleins, und zu dieser netten Fahrt blies

einer die Mundharmonika; warme Sonne umglänzte das hübsche Bild, das

doppelt zu sehen war: in der Luft und im spiegelnden Wasser. Dazu der

französische Kontrast: ein grauenvoll verwüstetes Gehöft! Welch ein

entzückendes Landhaus mit Obstwiese und Blumengarten, mit Fischzucht und

Weihern, mit Rosenhecken und Lauben muß das gewesen sein, ehe der Krieg

begann! Und jetzt ein wüstes Durcheinander von verkohlten Balken, von

Brandschutt und zerstückelten Mauern!

Ein Rauschen in den Lüften -- ein Flieger! Ich fand ihn mit dem Glas.

Ein deutscher Doppeldecker! Wie etwas ganz Feines und Zierliches flog

er zweitausend Meter hoch im Blau. Da begann auch schon die Kanonade

von der französischen Stellung her, ein feindliches Maschinengewehr

erhob seine langsame Unkenstimme: »Tack, tack, tack, tack ...«, und

neben der Sonne pufften in langer Reihe die grauen Kugelwölklein der

Schrapnellschüsse aus dem blauen Nichts heraus. In meiner Seele war

ein heißer Schrei: »Fliege, fliege, du deutscher Bruder da droben,

erfülle deine kühne Pflicht, laß dich nicht herunterholen vom Haß deiner

Feinde!« Er flog und flog, immer blieben die Explosionswölklein weit

hinter ihm zurück. Geradhin und ruhig segelte er wie ein wilder Schwan,

der die Tiefe verachtet. Keiner von den hundert Schüssen, die nach ihm

abgefeuert wurden, konnte ihn auch nur zum leisesten Ausbiegen von der

Richtung seines Erkundungsfluges zwingen. Im Glanz der Sonne, den meine

Augen nimmer ertrugen, verschwand er. Ich mußte zwei Worte flüstern:

»Deutscher Flug!« Aus diesen Silben und ihren Bildern wuchsen mir

stolze, hoffnungsfrohe Gedanken heraus. --

Ein zerrissener Wald, in den die Mittagssonne steil herunterglänzte.

Hier sah ich etwas Neues: einen von den großen Mörsern, die vor wenigen

Tagen hierhergebracht wurden. Steht ein Mensch neben solch einem

metallenen Ungetüm, so sieht er aus wie ein Zwerg neben einem Nashorn.

An der Kugel, die dieser deutsche Kampfgigant über zehn Kilometer

schleudert, haben vier Feldgraue zu schleppen. Und solcher Kugeln stehen

Hunderte aufgeschichtet, jede in ihrem binsenen Moseskörbchen! Ich

frage: »Wird geschossen?« -- »Vor dem Abend kaum. Der Feuerbefehl muß

von der Turmstelle kommen.« Also von dort, wo ich in einer Stunde sein

werde!

Bei dem weiten Umweg über die Felder zappelt mir die Ungeduld in den

Beinen. Hinter einer Deckung erwarten uns die beiden Pferde. Wir reiten

los. Da beginnt auf einem langgestreckten Höhenzuge der frierende Riese

heftig mit den Zähnen zu klappern. Immer rascher klingt es ineinander,

fast ist es schon ein ununterbrochenes Salvenrollen. Und in vielen

Richtungen fangen die Geschütze zu dröhnen an, vorerst nur französische.

Jeder Schuß ist ein doppelter Donner: Abschuß und Granatenschlag.

Wir lassen die Pferde rennen, um so rasch wie möglich unser Ziel zu

erreichen. -- Da ist es!

Auf einem von winzigen Waldflecken umhuschelten Hügel stand einmal ein

kleines Dorf. Jetzt ist es ein Schutthaufen, den alles Leben verlassen

hat. Nicht weit davon liegt die Trümmerstätte der kastellartigen Villa

mit dem hohen Turme, der noch immer steht. Wer diesen Turm erbauen ließ,

muß Ritterträume gehabt haben _à la_ Don Quixote! Vom Haus ist nimmer

viel übrig, und auch der Turm ist ausgebrannt bis in die zerrissene

Blechkuppel hinauf. Sein Inneres ist eng und dunkel; von den vier

verbrannten Turmböden sind nur noch ein paar verkohlte Balkenstümpfe

vorhanden. In diesem leeren Mauerdarme haben die deutschen Pioniere

acht Leitern hin und her übereinander gebunden. Draußen der ruhelose

Geschützdonner, im Turme das Schweigen. Aber ganz in der Kuppel droben

trillert ununterbrochen die Klingel eines Telephons. Und ruhige Stimmen

tönen herunter; immer wieder höre ich die beiden Worte: »Turmstelle

hier!«

Während der Doktor die beiden Pferde irgendwo versorgt, beginn' ich zu

klettern. Durch schießschartenähnliche Fensterchen fällt spärliches

Licht herein; das hilft mir, die Leitergriffe zu finden. In der

dunklen Höhe stoße ich mit dem Kopf gegen etwas Hartes. Über mir eine

lachende Stimme: »Herein!« Ein schmales Falltürchen wird geöffnet.

Zwei feste Hände greifen herunter und ziehen mich vollends hinauf. Ein

freundlicher, aber kurzer Gruß des jungen Hauptmanns -- ich bekomme in

dem kleinen Dachkäfig ein Winkelchen, wo ich stehen muß, ohne mich viel

rühren zu können -- dann geht die ernste militärische Arbeit weiter,

mit raschen und knappen Schlagworten, die mir, da fast immer in Zahlen

geredet wird, eine unverständliche Sprache sind. Außer dem Hauptmann

ist noch ein Leutnant da, ein Unteroffizier zur Bedienung des Telephons

und einer zur Meßarbeit auf der Karte, die über ein Brett gespannt ist.

Zwischen dem Mauerbord und der Dachkuppel ist eine handbreite Lücke; da

kann man hinausgucken, kann sogar den Feldstecher dazwischenstecken. Und

während bei jedem schweren Granatenschlag das Gemäuer des Turmes leise

schüttert, beginne ich zu schauen, durchwühlt von einer heißen Erregung,

die mir fast den Atem erwürgt.

Was ich sehe, ist ein Bild von unsagbarer Schönheit, ein wundervolles,

im Gold der Abendsonne leuchtendes Land. Als ich noch da drunten war, da

sah ich Hügel und Wälder; jetzt seh' ich nur einen ebenen Felderschild

mit dunklen Flecken, aus denen sich höhere Bäume zierlich oder seltsam

geformt herausheben. Zerstörte Dörfer und zertrümmerte Gehöfte sehen

aus wie kleine, gesprenkelte, sonderbare Blumen. Gleich den niederen

Versatzstücken einer Theaterdekoration schieben sich die Konturen

von Gehölzen und Ortschaften durch- und hintereinander, alles wie

niedliches Spielzeug. Ich sehe geschlängelte Bäche und schnurgerade

Straßenzüge, sehe weit in südlicher Ferne den blitzenden Lauf der Somme

mit ihren Sümpfen und Kanälen, und sehe -- vergleichbar einem endlosen,

vielgewundenen, doppelten Kupferkettchen -- die von Osten kommenden

und gegen Norden ziehenden Linien der deutschen und feindlichen

Schützengräben. Über allem der blaue Himmel mit seiner niedersteigenden

Sonne; und in der Tiefe ein feines, wunderlich zu Streifen gestaltetes

Nebelziehen, das sich unter dem ruhelosen Donner des Geschützkampfes

mehr und mehr zu verstärken scheint.

Dieses herrliche Land da drunten? Ist das ein Herzogtum ohne Volk?

Nirgends ist ein Mensch zu entdecken, nirgends ein Bauer auf den

Feldern, nirgends ein Wagen, der sich bewegt, nirgends ein Tier der

Erde! Alle Schönheit da drunten ist leer und öde. Nur manchmal, unter

dem aufschreckenden Granatendröhnen, flattern braune, dichte Schwärme

von Wandervögeln nahe bei meinem Ausguck vorüber, wie Wolken von dürren

Blättchen, die der Sturmwind treibt.

Mir werden Lippen und Zunge trocken, und vor Erregung fiebert mir jeder

Nerv im Leib. Immer spähe ich durch das Glas nach den Schützengräben,

bei denen der Riese mit den Zähnen schauert. Ich gewahre nichts, nichts,

nichts, keinen Rauch, keinen Feuerblitz, keine Bewegung, =nichts=! Und

immer dieses Donnern und Brüllen in der Luft! Gierig suche ich mit dem

Glas die bald umschleierte, bald wieder von Sonne leuchtende Leere

ab. In weiter Ferne, auf etwa vierzehn Kilometer, gewahre ich vor

einem Waldstreif vier kleine, weiße Punkte, als hätte man da ein paar

Taschentücher zum Trocknen aufgehängt. Jetzt bewegen sie sich langsam

und schweben aufwärts und werden größer, ein feindlicher Flieger. Das

Telephon klingelt und die ruhige Stimme des jungen Hauptmanns, der

beim Scherenfernrohr sitzt, gibt eine Meldung in Ziffern. Der Flieger,

den ich mit dem Glas beobachte, macht plötzlich eine Schwenkung, und

ich sehe einen zweiten erscheinen. Ist das ein Deutscher? Der den

Franzosen verfolgt? Beide verschwinden im Dunst. Während ich suche,

kommt mir eine kleine blaugraue Kugel mit langem Schwänzlein ins Glas:

ein französischer Fesselballon. Unbeweglich hängt er in der Luft, etwa

zwölf Kilometer von uns entfernt. Nun gleitet er zur Erde hinunter und

verschwindet hinter einem Waldstreif. Beim Scherenfernrohr ein kurzes,

heiteres Lachen: »Dem war unser Flieger nicht geheuer!«

Allmählich wird der Geschützdonner seltener und verstummt beinahe ganz.

Die grauen Dünste in der Landschaft zerflattern und verschwinden.

Die Sonne ist rot geworden, Felder und Wälder gluten oder liegen in

schwarzblauem Schatten. Das Telephon trillert, der Hauptmann wird zum

Hörrohr gerufen. »Jawohl, Herr General, der Ballon ist niedergegangen.«

Ein langes, leises Geräusch im Apparat, ähnlich dem Krächzen eines

Grammophons, bevor es zu spielen beginnt. Da sieht der Leutnant, der den

Platz am Scherenfernrohr einnahm, daß der Fesselballon wieder hochgeht.

Die Meldung wird ins Telephon gegeben. Wieder beginnt im goldschönen

Abend dieses Brüllen und Dröhnen, das die Lüfte erschüttert, gleich dem

Donner eines grauenvollen Gewitters. Wieder die ruhige Zahlensprache und

die kurzen Worte. Meldung um Meldung kommt, Meldung um Meldung fliegt

zu den Batteriestellungen und zum Divisionsstabe. Ich möchte lauschen,

möchte diese Ziffern und Worte deuten, aber immer muß ich schauen und

suchen.

Der Geschützkampf, der sich bisher in größerer Entfernung abspielte,

scheint sich näher heranzuziehen. Auf zwei Kilometer steht plötzlich ein

gewaltiger, grauschwarzer Rauchbaum in einem Acker. Ein Krachen, daß

mir die Ohren klingen. Schlag um Schlag. Eine ganze Reihe von solchen

Rauchbäumen fährt aus der Erde heraus, dicht bei einem Wallstrich

unserer Schützengräben. Der Granatenregen kommt von zwei französischen

Batterien; ihr Feuer wird vom Fesselballon geleitet; sie schießen gut;

in gerader Zeile setzen sie eine Granate dicht neben die andere. Immer

muß ich an die Unseren in dem mit Flammen und Eisen überschütteten

Graben denken, und während mir das Gesicht brennt, rinnen mir kalte

Schauer durch das Herz.

Die Sonne ist schon drunten, immer grauer wird die Dämmerung, immer

dichter dieses Dunstgewoge. In dem engen Dachkäfig des Turmes ist es

schon so dunkel geworden, daß man die Karte beim Messen nimmer ablesen

kann; man muß sie mit einem elektrischen Taschenlämpchen beleuchten.

Die Worte, die ich höre, lassen mich vermuten, daß die eine der beiden

feindlichen Batterien -- eine Waldbatterie -- jetzt gleich unter

deutsches Feuer genommen wird. Nach der anderen sucht der Hauptmann

mit dem Scherenfernrohr. »Da drüben, dreihundert Meter westlicher,

muß sie stehen, aber die Stellung verschwimmt im Dunst.« Ich spähe

durch mein Glas -- und ein Zufall will es, daß ich in der Dämmerung

die Stichflamme eines feuernden Geschützes erkenne. Im Scherenfernrohr

sieht der Hauptmann noch den Feuerstrahl von zwei weiteren Geschützen.

Durchs Telephon fliegt der Bereitschaftsbefehl zu den Mörsern. Aber

bis im Dunkel des Turmkäfigs bei Laternenschein die Richtung auf der

Karte gemessen und die Entfernung, achttausend Meter, berechnet werden

konnte, ist draußen der Abend schon so tief gesunken, daß das Feuer der

Mörser dem Feind ihre Stellung verraten würde. Das Telephon trillert.

»Die Mörser bleiben in Richtung. Schluß.« Eine andere Meldung geht zum

Stab. Und plötzlich dröhnen viele deutsche Schüsse rasch ineinander --

weit aus den Lüften hör' ich etwas wie das ferne Sausen eines wackligen

Eisenbahnzuges -- und dort, wo die feindliche Waldbatterie gestanden,

seh' ich etwas Furchtbares und Wildschönes aufbrennen. Sieben oder acht

Granaten müssen es gewesen sein, die innerhalb zweier Sekunden auf die

gleiche Stelle gefallen sind. Für meine Augen sah es aus, als wär's nur

eine einzige Flamme, die wie ein riesiges Irrlicht zuckend und sinnlos

umherhüpfte. Eine schwere Wolke wirbelt da drüben in die sinkende

Nacht hinauf, die Stelle umhüllt sich mit Dunst -- und dann erst, da

alles für den Blick schon verschwunden ist, hört man den dröhnenden

Explosionsdonner und sein Echo.

Eine ruhige Stimme sagt: »Die ist erledigt. Die andere kommt morgen

dran!«

Nun tiefes Schweigen in der Dunkelheit. Kein Schuß mehr. Nichts.

Ich kann nicht sprechen. Ganz stumm bin ich. Und während ich mich in der

Finsternis des Turmes über die Leitersprossen hinuntertaste, kommt mir

eine Erinnerung aus meiner Kinderzeit. Damals, 1864, sah ich in einem

Guckkasten die Beschießung der Düppeler Schanzen. Das war anders!

Wir reiten durch die still gewordene Nacht. Zwischen den erwachenden

Sternen glänzt die feine Goldspange des zunehmenden Mondes. Das ganze

Rund seiner Scheibe ist als bläulicher Hauch zu erkennen. Sein Licht

wird wachsen mit jedem Tag, wird schön und vollkommen werden. Ich fühle

diesen Gedanken wie ein Gleichnis für den deutschen Sieg.

Auf der dunklen Straße begegnen uns die langen Züge der zu ihren

Quartieren heimkehrenden Verstärkungstruppen; ihr Eingreifen ist nicht

nötig geworden; der Vorstoß, den die Franzosen versuchen wollten,

zerflatterte, bevor er noch richtig begonnen hatte.

Die Feldgrauen, die in der Finsternis an uns vorübermarschieren, singen

nicht; sie reden mit ruhigen, halblauten Stimmen; und die Funken ihrer

Zigarren und Pfeifen wehen leuchtend in die Dunkelheit hinaus, gleich

schwärmenden Glühwürmchen einer Frühlingsnacht.

12.

Reise zur deutschen Front, 1915 · 第 17 / 23 题