7. Februar 1915.

Einen Tag lang war herrliches Wetter. Alles funkelte von Sonne. Die

reinste Frühlingsstimmung! Dachte man an die Truppen, so fühlte

man immer den gleichen Gedanken: »=Gott sei Dank, jetzt werden

sie trocken!=« Wie eine tiefe Wohltat war's, mir vorzustellen,

daß unsere Feldgrauen vor Wärme dampfen. Und mit Lachen mußte ich

besonders an =einen= denken. Den hatte ich in seinem triefenden

Schützengrabenhöhlchen knien sehen, mit einer ganz sonderbar

verbuckelten Gestalt. »Um Gottes willen, was ist denn mit Ihnen?« hatte

ich erschrocken gefragt, denn ich hielt ihn für einen Schwerverwundeten

im Notverband. Aber nun kam eine heitere Lösung. Der kluge Mann hatte,

um sich gegen die von unten heraufquellende Nässe zu schützen, =sieben=

wollene Liebesgabenbauchbinden =hinten= herumgebunden. Er behauptete:

das bewahre ihn bis zum Morgen vor dem tieferen Eindringen jeglicher

Feuchtigkeit. Weil die äußerste dieser sieben wollenen Sitzfleischhäute

zinnoberrot war -- möglicherweise aus dem ehemaligen Unterrock einer

Dorfschönen geschnitten -- glich der Eingewickelte einem Pavian in der

Paarungszeit. Wie feucht die sieben konträr verwendeten Bauchbinden

auch geworden sein mögen -- jetzt konnte er sie einen Tag lang in die

freundliche Sonne hängen.

Die drollige Episode ist auch ein ernster Beweis für die opulente

=Liebesgabenfülle=, mit der unsere Feldgrauen von der Heimat aus bedacht

werden. Was sie mehrfach bekommen, wird oft in höchst sinniger Weise

aufgebraucht. Einen sah ich, der vier Paar Kniewärmer zu ganz famosen,

tütenförmig übereinandergreifenden Gamaschen zusammengenäht hatte; der

Mann muß übrigens auch künstlerischen Geschmack haben, weil er bei

Erzeugung dieses Meisterwerkes der Feldflickerei die Farben harmonisch

gliederte: grau, braun, grau, braun. Überzählige Schlipse werden

häufig als Lehmhindernisse oben um die Stiefelröhren herumgewickelt;

entbehrliche Pulswärmer finden Verwendung als Zehenfutterale, und

Kopfschläuche werden zu »Kniehösln« degradiert. Einstimmig ist bei

allen Feldgrauen die =dankbare Anerkennung der Liebesgabenmenge=. Zu

Dutzend Malen hörte ich in wechselnden Worten den gleichen Sinn: »=Die

Leut daheim sind so viel gut! Jetzt haben wir's oft besser wie in der

Friedenszeit.=«

Die segensreichste von allen Liebesgabenspenderinnen ist aber doch

die warme Sonne. Sie macht überflüssig, was Wolle heißt, und legt die

Soldaten trocken wie liebe Kinderchen. Nur die Kanonen macht sie nervös;

denn wenn die Nebel verschwinden und der Himmel blau wird, erscheinen

die feindlichen Flieger. Vorgestern hörte man fast ununterbrochen vom

Morgen bis zum Abend die Schrapnellschüsse krachen, die den Fliegern

entgegenflammten und hinter ihnen herjagten. Das ist ein aufregendes

Bild: wenn hoch droben im Blau dieser winzig aussehende Menschenvogel

kreist, den das unbewaffnete Auge erst nach langem Spähen zu entdecken

vermag. In so großer Höhe ist seine Bewegung eine kaum merkliche: oft

scheint er völlig stillzustehen wie ein Falke, der auf seine Beute

lauert. Und dann plötzlich springen aus dem blauen Himmel, während

herunten auf der Welt die Schüsse krachen, kleine silbergraue kuglige

Wölklein heraus, immer wieder und wieder eins, hinter dem Vogel,

vor ihm, über ihm, unter ihm -- die Rauchklumpen der platzenden

Schrapnellgeschosse. Ganz ruhig bleiben sie hängen im Blau, erweitern

sich ein bißchen, werden zu weißen Himmelsschäfchen -- und wenn der

Flieger schon lange verschwunden ist, hängen sie noch immer da droben

und bezeichnen den Weg, den der feindliche Menschenvogel genommen hat.

Schwebt der Flieger in zwei- bis dreitausend Meter Höhe, so ist er fast

völlig sicher. Nur bei ganz besonderem Glücksfall -- der feindliche

Vogel würde sich natürlich anders ausdrücken -- kann ihn ein Schuß

herunterholen. Freilich, je höher der Flug, um so bescheidener auch

das Resultat der Erkundung, trotz Photographie und Funkenspruch.

Die vielen Schrapnellschüsse, die man hinaufschickt, bringen also

immerhin den Gewinn, daß der französische Flieger, dem die glückliche

Heimkehr wesentlich sympathischer als der Absturz ist, außerhalb

einer ergebnisreicheren Spähweite gehalten wird. Trifft ein Schuß,

so geht's dem Flugzeug noch lange nicht ans Leben; die Stellen, wo es

sterblich ist, sind keine Scheunentore, sondern kleine Achillesfersen.

Jeder Doppeldecker der deutschen Fliegerabteilung zu H., bei der ich

einen mir unvergeßlichen Tag verbrachte, ist ausgezeichnet durch die

Ehrenmale vieler Schußnarben; neben jenen ausgeheilten Wunden, die

für das Flugzeug lebensgefährlich waren, steht unter dem Bild des

Eisernen Kreuzes der sieghafte Tag angeschrieben, an welchem deutsche

Unerschrockenheit und Geistesgegenwart eine drohende Todesstunde

überstanden. Mit dankbarer Bewunderung hab' ich das Eiserne Kreuz

erster Klasse unseres kühnen Fliegeroffiziers betrachtet, der auf einem

ebenso verwegenen wie ergebnisreichen Erkundungsfluge schwer verwundet

wurde und noch in äußerster Erschöpfung, auf dem Verdeck des Flugzeuges

stehend, =ein Schußloch des rinnenden Benzinbehälters so lange mit dem

Daumen verstopfte, bis der Doppeldecker innerhalb der deutschen Stellung

glücklich zu landen vermochte=.

Der Satz, den ich da niedergeschrieben habe, ist schnell gelesen. Doch

wer die Ewigkeitsminuten eines solchen Nervenkampfes in den Lüften

auszudenken vermag, wird einen atembeklemmenden Schauder empfinden und

sich dabei doch aufrichten in deutschem Stolz. Vor Beginn des Krieges

hatte das französische Flugwesen gegen das deutsche eine siebenfache

Übermacht. Unsere Flieger haben sie ausgeglichen durch zähe Schulung und

technisches Geschick, durch stählerne Herzhaftigkeit und erhöhten Mut.

Wie man von altersher sagte: »Ein Mann, ein Wort« -- so wird man sagen:

»Ein deutscher Flieger, ein deutscher Held!« -- Bei uns ist die Kraft,

bei uns der Sieg! Alles was ich sehe und erlebe im Feld, klingt mir

immer wieder aus in diesen herrlich läutenden Refrain.

Neuer Nebel und Regen brachte mich gestern um den Anblick eines

=Geschwaderfluges= der Unseren. Ein solcher Flug war geplant zur

Begrüßung unseres Königs, der die bayerischen Armeeverbände an der Front

besichtigte. Wetter und Wind verriegelten die Fliegerschuppen. Aber der

Vorbeimarsch unseres =Leibregiments= sowie der anderen, auf Ablösung

in den Stadtquartieren weilenden Truppen war auf dem großen Stadtplatz

trotz Nebelreißen und spritzenden Pfützen eine ganz prachtvolle

Sache. =Jede Schießscharte in unseren Schützengräben ist Schulter an

Schulter besetzt -- und hinter der Front dieses fast unübersehbare

Gewimmel unserer gesunden, hochgewachsenen, kraftvollen und tadellos

ausgerüsteten Soldaten!= Im Gefühl der Zuversicht, die dieses Bild und

der klingende Taktschritt vieler Tausende von festen deutschen Beinen

mir einflößte, hätt' ich vor Freude immer schreien mögen. Das verbot

nicht nur der militärische Ernst der Stunde, auch jeder Blick auf die

Einheimischen, die in dichten Gruppen umherstanden; sie sprachen kein

lautes, vernehmbares Wort; entweder blieben sie stumm oder flüsterten

ganz leise miteinander; immer unruhiger irrten ihre Augen über diese

festgefügten Soldatenzüge hin, und in ihren Gesichtern wurden Schreck

und Staunen immer größer, je länger der Vorbeimarsch der Bataillone

und Batterien dauerte. -- Neulich, als große Rekrutennachschübe hier

eintrafen, tuschelten die Einheimischen mit glänzenden Augen einander

zu: das wären fliehende, von den Franzosen aus den Schützengräben

verjagte Deutsche. Gestern begriffen sie die Wahrheit und bekamen

eine erschreckende Vorstellung von Deutschlands unerschöpflichem

Menschenbrunnen. Und da war in ihren Augen die Trauer des Wissens:

daß der Sieg ein unentreißbarer Besitz der Deutschen ist. Wenn die

=Franzosen= zittern und Unruhe und Verzagtheit fühlen, so haben sie

Grund dazu!

Immer war im Blick und im Lachen unseres Königs die Freude zu sehen,

die ihm das straffe Bild seiner Truppen bereitete. Bei dem Festmahl,

dem als Gast der Generalfeldmarschall =von Bülow= beiwohnte, war der

König in einer Stimmung, die ihn zu verjüngen schien. Aus seiner

heiteren, lebhaften Unterhaltung war herauszuhören, was dieser von Kraft

klirrende Tag ihm gezeigt hatte. Im Anschluß an ein Gespräch über meine

Schilderungen des Hauptquartiers sagte der König: »=Wann dieser Krieg

zu Ende sein wird, ob später oder früher, das weiß heute mit Sicherheit

kein Mensch auf Erden. Aber wie er ausgehen wird, das wissen wir doch

alle. Da kann man ruhig sein.=«

Vorhin gebrauchte ich das Wort »Festmahl«. Das klingt ein bißchen

wunderlich: ein Festmahl im Kriegslager. Man muß da nur wissen, wie

es war. Eine Stimmung von festlicher Gehobenheit, gewiß! Aber dieses

Mittagessen, an dem der König teilnahm, fand im zweiten Stockwerk

eines hohen, schmalbrüstigen Hauses statt, dessen rechte Mauerseite

ungestützt und ein bißchen schief in der Luft hängt. Das Nachbarhaus,

das diese Mauer vor einigen Monaten noch tragen half, die Präfektur,

ist niedergebrannt und in einen Schutthaufen verwandelt -- nicht von

den Deutschen in Trümmer geschossen, sondern =vor= ihrem Einmarsch

abgebrannt, nachdem die Staatsgelder, wie hier erzählt wird, auf

unerklärliche Weise verschwunden waren. In diesem schmalbrüstigen, von

seiner staatlichen Stütze jetzt völlig verlassenen Hause wurde im Juli

des vergangenen Jahres, kurz vor Ausbruch des Krieges, ein Galadiner

zu Ehren des Präsidenten der französischen Republik abgehalten. Von

der Herrlichkeit dieses peronnesischen Nationalfestes unter Monsieur

Poincarés Vorsitz ist nur das künstlerisch verzierte Menü noch übrig

geblieben: ein Dutzend der leckersten Gänge mit einer Himmelsleiter

aller besten französischen Weine! Bei dem Mittagessen, das gestern für

unseren König und seine Offiziere gerichtet war, ging es einfacher zu;

man trank dabei Bayerisches Bier und ein paar Gläser Sekt. Und als

von der freihängenden Wand gesprochen wurde, die bei jedem schweren

Kanonendonner sehr merklich wackelt, sagte der König lachend: »=Wo

Deutsche sitzen, da hält schon alles!=«

Ja! Wir Deutschen sitzen hier in erobertem Land! Und das hält. Sicher

und fest.

* * * * *

Es war um die elfte Nachtstunde. Und plötzlich hörte ich ein Lied von

vielen Soldaten, hörte den stahlfesten Hammerschlag marschierender

Schritte, warf die Feder weg und sprang an das Fenster und riß die

Scheiben auf.

Über der laternenlosen Straße hing eine schwarze, finstere Nacht, in der

mein Blick nur mühsam die Umrisse der gegenüberliegenden Hausdächer

unterschied. Und ein heulender Sturmwind peitschte mir den Regen ins

Gesicht.

In solcher Nacht kamen sie heranmarschiert und sangen, kamen aus der

Stadt und stampften hinaus zu den Schützengräben. Es müssen zwei

Bataillone des =Leibregiments= gewesen sein. So finster war es, daß

ich einzelne Gestalten nicht auszunehmen vermochte. Nur die großen,

dichten Menschenklumpen unterschied ich. Das einzig Helle und deutlich

Sichtbare waren die wehenden Glutfunken, die von den Zigarren oder aus

den brennenden Pfeifen im Sturmwind davonflogen.

Immer sangen die Soldaten, immer das gleiche Lied:

»=In der Heimat, in der Heimat,

Da gibt's ein Wiedersehn!=«

Und dann kam etwas, was ich von singenden Soldaten noch nie gehört

habe: als sie schon außerhalb der Stadt waren, außerhalb der alten,

zerbrochenen Festungswerke, verwandelte sich das Ende ihres Liedes in

ein mit wirren und hohen Stimmen durcheinanderklingendes Jauchzen und

Jodeln, wie wir es kennen von unseren Hochlandsfesten bei strahlender

Morgensonne.

Ein Gedanke sagte mir noch: Du irrst dich, es hat nur der Sturmwind ihr

Lied zerrissen, und drum tönt es so, wie wirr durcheinanderklingende

Schreie! -- Aber nein! Ganz deutlich, jeder Täuschung entrückt, wahr

und wirklich, klang es nun abermals durch die Finsternis aus der Ferne

zu mir her! Sie jauchzten und jodelten wie junge Menschen in froher

Trunkenheit! Und da war es in mir wie ein klares Sehen, wie ein festes

und heiliges Wissen: daß Soldaten, die mit solchem Liede und mit solchem

Jauchzen in eine stürmische Nacht hinausmarschieren, der Gefahr und

dem drohenden Tod entgegen -- daß solche Soldaten siegen =müssen=!

Gleichviel, wann!

11.

Reise zur deutschen Front, 1915 · 第 16 / 23 题