Einen Tag lang war herrliches Wetter. Alles funkelte von Sonne. Die
reinste Frühlingsstimmung! Dachte man an die Truppen, so fühlte
man immer den gleichen Gedanken: »=Gott sei Dank, jetzt werden
sie trocken!=« Wie eine tiefe Wohltat war's, mir vorzustellen,
daß unsere Feldgrauen vor Wärme dampfen. Und mit Lachen mußte ich
besonders an =einen= denken. Den hatte ich in seinem triefenden
Schützengrabenhöhlchen knien sehen, mit einer ganz sonderbar
verbuckelten Gestalt. »Um Gottes willen, was ist denn mit Ihnen?« hatte
ich erschrocken gefragt, denn ich hielt ihn für einen Schwerverwundeten
im Notverband. Aber nun kam eine heitere Lösung. Der kluge Mann hatte,
um sich gegen die von unten heraufquellende Nässe zu schützen, =sieben=
wollene Liebesgabenbauchbinden =hinten= herumgebunden. Er behauptete:
das bewahre ihn bis zum Morgen vor dem tieferen Eindringen jeglicher
Feuchtigkeit. Weil die äußerste dieser sieben wollenen Sitzfleischhäute
zinnoberrot war -- möglicherweise aus dem ehemaligen Unterrock einer
Dorfschönen geschnitten -- glich der Eingewickelte einem Pavian in der
Paarungszeit. Wie feucht die sieben konträr verwendeten Bauchbinden
auch geworden sein mögen -- jetzt konnte er sie einen Tag lang in die
freundliche Sonne hängen.
Die drollige Episode ist auch ein ernster Beweis für die opulente
=Liebesgabenfülle=, mit der unsere Feldgrauen von der Heimat aus bedacht
werden. Was sie mehrfach bekommen, wird oft in höchst sinniger Weise
aufgebraucht. Einen sah ich, der vier Paar Kniewärmer zu ganz famosen,
tütenförmig übereinandergreifenden Gamaschen zusammengenäht hatte; der
Mann muß übrigens auch künstlerischen Geschmack haben, weil er bei
Erzeugung dieses Meisterwerkes der Feldflickerei die Farben harmonisch
gliederte: grau, braun, grau, braun. Überzählige Schlipse werden
häufig als Lehmhindernisse oben um die Stiefelröhren herumgewickelt;
entbehrliche Pulswärmer finden Verwendung als Zehenfutterale, und
Kopfschläuche werden zu »Kniehösln« degradiert. Einstimmig ist bei
allen Feldgrauen die =dankbare Anerkennung der Liebesgabenmenge=. Zu
Dutzend Malen hörte ich in wechselnden Worten den gleichen Sinn: »=Die
Leut daheim sind so viel gut! Jetzt haben wir's oft besser wie in der
Friedenszeit.=«
Die segensreichste von allen Liebesgabenspenderinnen ist aber doch
die warme Sonne. Sie macht überflüssig, was Wolle heißt, und legt die
Soldaten trocken wie liebe Kinderchen. Nur die Kanonen macht sie nervös;
denn wenn die Nebel verschwinden und der Himmel blau wird, erscheinen
die feindlichen Flieger. Vorgestern hörte man fast ununterbrochen vom
Morgen bis zum Abend die Schrapnellschüsse krachen, die den Fliegern
entgegenflammten und hinter ihnen herjagten. Das ist ein aufregendes
Bild: wenn hoch droben im Blau dieser winzig aussehende Menschenvogel
kreist, den das unbewaffnete Auge erst nach langem Spähen zu entdecken
vermag. In so großer Höhe ist seine Bewegung eine kaum merkliche: oft
scheint er völlig stillzustehen wie ein Falke, der auf seine Beute
lauert. Und dann plötzlich springen aus dem blauen Himmel, während
herunten auf der Welt die Schüsse krachen, kleine silbergraue kuglige
Wölklein heraus, immer wieder und wieder eins, hinter dem Vogel,
vor ihm, über ihm, unter ihm -- die Rauchklumpen der platzenden
Schrapnellgeschosse. Ganz ruhig bleiben sie hängen im Blau, erweitern
sich ein bißchen, werden zu weißen Himmelsschäfchen -- und wenn der
Flieger schon lange verschwunden ist, hängen sie noch immer da droben
und bezeichnen den Weg, den der feindliche Menschenvogel genommen hat.
Schwebt der Flieger in zwei- bis dreitausend Meter Höhe, so ist er fast
völlig sicher. Nur bei ganz besonderem Glücksfall -- der feindliche
Vogel würde sich natürlich anders ausdrücken -- kann ihn ein Schuß
herunterholen. Freilich, je höher der Flug, um so bescheidener auch
das Resultat der Erkundung, trotz Photographie und Funkenspruch.
Die vielen Schrapnellschüsse, die man hinaufschickt, bringen also
immerhin den Gewinn, daß der französische Flieger, dem die glückliche
Heimkehr wesentlich sympathischer als der Absturz ist, außerhalb
einer ergebnisreicheren Spähweite gehalten wird. Trifft ein Schuß,
so geht's dem Flugzeug noch lange nicht ans Leben; die Stellen, wo es
sterblich ist, sind keine Scheunentore, sondern kleine Achillesfersen.
Jeder Doppeldecker der deutschen Fliegerabteilung zu H., bei der ich
einen mir unvergeßlichen Tag verbrachte, ist ausgezeichnet durch die
Ehrenmale vieler Schußnarben; neben jenen ausgeheilten Wunden, die
für das Flugzeug lebensgefährlich waren, steht unter dem Bild des
Eisernen Kreuzes der sieghafte Tag angeschrieben, an welchem deutsche
Unerschrockenheit und Geistesgegenwart eine drohende Todesstunde
überstanden. Mit dankbarer Bewunderung hab' ich das Eiserne Kreuz
erster Klasse unseres kühnen Fliegeroffiziers betrachtet, der auf einem
ebenso verwegenen wie ergebnisreichen Erkundungsfluge schwer verwundet
wurde und noch in äußerster Erschöpfung, auf dem Verdeck des Flugzeuges
stehend, =ein Schußloch des rinnenden Benzinbehälters so lange mit dem
Daumen verstopfte, bis der Doppeldecker innerhalb der deutschen Stellung
glücklich zu landen vermochte=.
Der Satz, den ich da niedergeschrieben habe, ist schnell gelesen. Doch
wer die Ewigkeitsminuten eines solchen Nervenkampfes in den Lüften
auszudenken vermag, wird einen atembeklemmenden Schauder empfinden und
sich dabei doch aufrichten in deutschem Stolz. Vor Beginn des Krieges
hatte das französische Flugwesen gegen das deutsche eine siebenfache
Übermacht. Unsere Flieger haben sie ausgeglichen durch zähe Schulung und
technisches Geschick, durch stählerne Herzhaftigkeit und erhöhten Mut.
Wie man von altersher sagte: »Ein Mann, ein Wort« -- so wird man sagen:
»Ein deutscher Flieger, ein deutscher Held!« -- Bei uns ist die Kraft,
bei uns der Sieg! Alles was ich sehe und erlebe im Feld, klingt mir
immer wieder aus in diesen herrlich läutenden Refrain.
Neuer Nebel und Regen brachte mich gestern um den Anblick eines
=Geschwaderfluges= der Unseren. Ein solcher Flug war geplant zur
Begrüßung unseres Königs, der die bayerischen Armeeverbände an der Front
besichtigte. Wetter und Wind verriegelten die Fliegerschuppen. Aber der
Vorbeimarsch unseres =Leibregiments= sowie der anderen, auf Ablösung
in den Stadtquartieren weilenden Truppen war auf dem großen Stadtplatz
trotz Nebelreißen und spritzenden Pfützen eine ganz prachtvolle
Sache. =Jede Schießscharte in unseren Schützengräben ist Schulter an
Schulter besetzt -- und hinter der Front dieses fast unübersehbare
Gewimmel unserer gesunden, hochgewachsenen, kraftvollen und tadellos
ausgerüsteten Soldaten!= Im Gefühl der Zuversicht, die dieses Bild und
der klingende Taktschritt vieler Tausende von festen deutschen Beinen
mir einflößte, hätt' ich vor Freude immer schreien mögen. Das verbot
nicht nur der militärische Ernst der Stunde, auch jeder Blick auf die
Einheimischen, die in dichten Gruppen umherstanden; sie sprachen kein
lautes, vernehmbares Wort; entweder blieben sie stumm oder flüsterten
ganz leise miteinander; immer unruhiger irrten ihre Augen über diese
festgefügten Soldatenzüge hin, und in ihren Gesichtern wurden Schreck
und Staunen immer größer, je länger der Vorbeimarsch der Bataillone
und Batterien dauerte. -- Neulich, als große Rekrutennachschübe hier
eintrafen, tuschelten die Einheimischen mit glänzenden Augen einander
zu: das wären fliehende, von den Franzosen aus den Schützengräben
verjagte Deutsche. Gestern begriffen sie die Wahrheit und bekamen
eine erschreckende Vorstellung von Deutschlands unerschöpflichem
Menschenbrunnen. Und da war in ihren Augen die Trauer des Wissens:
daß der Sieg ein unentreißbarer Besitz der Deutschen ist. Wenn die
=Franzosen= zittern und Unruhe und Verzagtheit fühlen, so haben sie
Grund dazu!
Immer war im Blick und im Lachen unseres Königs die Freude zu sehen,
die ihm das straffe Bild seiner Truppen bereitete. Bei dem Festmahl,
dem als Gast der Generalfeldmarschall =von Bülow= beiwohnte, war der
König in einer Stimmung, die ihn zu verjüngen schien. Aus seiner
heiteren, lebhaften Unterhaltung war herauszuhören, was dieser von Kraft
klirrende Tag ihm gezeigt hatte. Im Anschluß an ein Gespräch über meine
Schilderungen des Hauptquartiers sagte der König: »=Wann dieser Krieg
zu Ende sein wird, ob später oder früher, das weiß heute mit Sicherheit
kein Mensch auf Erden. Aber wie er ausgehen wird, das wissen wir doch
alle. Da kann man ruhig sein.=«
Vorhin gebrauchte ich das Wort »Festmahl«. Das klingt ein bißchen
wunderlich: ein Festmahl im Kriegslager. Man muß da nur wissen, wie
es war. Eine Stimmung von festlicher Gehobenheit, gewiß! Aber dieses
Mittagessen, an dem der König teilnahm, fand im zweiten Stockwerk
eines hohen, schmalbrüstigen Hauses statt, dessen rechte Mauerseite
ungestützt und ein bißchen schief in der Luft hängt. Das Nachbarhaus,
das diese Mauer vor einigen Monaten noch tragen half, die Präfektur,
ist niedergebrannt und in einen Schutthaufen verwandelt -- nicht von
den Deutschen in Trümmer geschossen, sondern =vor= ihrem Einmarsch
abgebrannt, nachdem die Staatsgelder, wie hier erzählt wird, auf
unerklärliche Weise verschwunden waren. In diesem schmalbrüstigen, von
seiner staatlichen Stütze jetzt völlig verlassenen Hause wurde im Juli
des vergangenen Jahres, kurz vor Ausbruch des Krieges, ein Galadiner
zu Ehren des Präsidenten der französischen Republik abgehalten. Von
der Herrlichkeit dieses peronnesischen Nationalfestes unter Monsieur
Poincarés Vorsitz ist nur das künstlerisch verzierte Menü noch übrig
geblieben: ein Dutzend der leckersten Gänge mit einer Himmelsleiter
aller besten französischen Weine! Bei dem Mittagessen, das gestern für
unseren König und seine Offiziere gerichtet war, ging es einfacher zu;
man trank dabei Bayerisches Bier und ein paar Gläser Sekt. Und als
von der freihängenden Wand gesprochen wurde, die bei jedem schweren
Kanonendonner sehr merklich wackelt, sagte der König lachend: »=Wo
Deutsche sitzen, da hält schon alles!=«
Ja! Wir Deutschen sitzen hier in erobertem Land! Und das hält. Sicher
und fest.
* * * * *
Es war um die elfte Nachtstunde. Und plötzlich hörte ich ein Lied von
vielen Soldaten, hörte den stahlfesten Hammerschlag marschierender
Schritte, warf die Feder weg und sprang an das Fenster und riß die
Scheiben auf.
Über der laternenlosen Straße hing eine schwarze, finstere Nacht, in der
mein Blick nur mühsam die Umrisse der gegenüberliegenden Hausdächer
unterschied. Und ein heulender Sturmwind peitschte mir den Regen ins
Gesicht.
In solcher Nacht kamen sie heranmarschiert und sangen, kamen aus der
Stadt und stampften hinaus zu den Schützengräben. Es müssen zwei
Bataillone des =Leibregiments= gewesen sein. So finster war es, daß
ich einzelne Gestalten nicht auszunehmen vermochte. Nur die großen,
dichten Menschenklumpen unterschied ich. Das einzig Helle und deutlich
Sichtbare waren die wehenden Glutfunken, die von den Zigarren oder aus
den brennenden Pfeifen im Sturmwind davonflogen.
Immer sangen die Soldaten, immer das gleiche Lied:
»=In der Heimat, in der Heimat,
Da gibt's ein Wiedersehn!=«
Und dann kam etwas, was ich von singenden Soldaten noch nie gehört
habe: als sie schon außerhalb der Stadt waren, außerhalb der alten,
zerbrochenen Festungswerke, verwandelte sich das Ende ihres Liedes in
ein mit wirren und hohen Stimmen durcheinanderklingendes Jauchzen und
Jodeln, wie wir es kennen von unseren Hochlandsfesten bei strahlender
Morgensonne.
Ein Gedanke sagte mir noch: Du irrst dich, es hat nur der Sturmwind ihr
Lied zerrissen, und drum tönt es so, wie wirr durcheinanderklingende
Schreie! -- Aber nein! Ganz deutlich, jeder Täuschung entrückt, wahr
und wirklich, klang es nun abermals durch die Finsternis aus der Ferne
zu mir her! Sie jauchzten und jodelten wie junge Menschen in froher
Trunkenheit! Und da war es in mir wie ein klares Sehen, wie ein festes
und heiliges Wissen: daß Soldaten, die mit solchem Liede und mit solchem
Jauchzen in eine stürmische Nacht hinausmarschieren, der Gefahr und
dem drohenden Tod entgegen -- daß solche Soldaten siegen =müssen=!
Gleichviel, wann!
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