Wenn wir daheim den militärischen Tagesbericht studieren und dabei
die häufig wiederkehrende Stelle finden: »Im Westen hat sich nichts
Wesentliches ereignet« -- dann pflegen wir uns in Mißmut und Unbehagen
mit der Erörterung von Dingen und Taten zu beschäftigen, die nach
unserer Meinung notwendig geschehen müßten, aber unbegreiflicherweise
unterlassen werden. Keine von unseren Vorstellungen vom Kriege
ist so ungerecht wie diese! Gerade in den Zeiten, in denen wir
Daheimgebliebenen nichts von Siegen zu hören glauben, wird hier im Felde
so viel tüchtige, musterhafte und erfolgreiche Arbeit geleistet, daß ich
Glücklicher, der ich diese rastlose deutsche Tat jetzt mit eigenen Augen
sehen darf, jeden Tag mit dem frohen Gefühl beschließe: »Heute hab' ich
wieder einen großen deutschen Sieg gesehen!«
Wie die »Ruhepausen« in den Schützengräben aussehen, wie hier in
bewundernswerter Ausdauer jede Minute bei Tag und Nacht benutzt wird,
wie man schaufelt und schanzt und unsere Stellungen in unzerbrechbare
Erdfestungen verwandelt, wie man mit äußerster Kraftanstrengung alles
erzwingt, was die Gefahr für unsere Feldgrauen vermindern und ihre
namenlose Mühsal etwas erträglicher machen kann -- davon habe ich
schon erzählt. Nun laßt mich heute davon sprechen, wieviel stille
deutsche Siege =hinter= der Front erfochten werden. Und je weniger
Nervengeprickel in den Schilderungen dieser von keinem militärischen
Tagesbericht verkündeten Siegesarbeit sein kann, um so aufmerksamer müßt
ihr daheim gerade =diese= Bilder betrachten. Sind die Siege an der Front
die weithin läutenden Türme unserer Kraft, so ist die Arbeit hinter der
Front das Fundament, auf dem sie errichtet werden und das sie trägt.
Vor allem will ich da erzählen, was unsere deutschen Mütter und Frauen
mit tröstendem Aufatmen hören werden: in welcher Weise hier im Feld für
Ernährung, Unterkunft und Gesundheit ihrer Söhne und Männer gesorgt
wird. Wie es mit solchen Dingen bei den Heeren unserer Gegner gehalten
wird, das weiß ich nicht. Aus eigener Anschauung muß ich aber glauben:
=so, wie bei uns, kann es nirgends sein=! Was ich hier gesehen habe, das
kann nur =deutsche= Schulung, nur deutsche Umsicht und Fürsorge fertig
bringen!
Ich will einen typischen, das Ganze im kleinen illustrierenden
Einzelfall herausgreifen, den ich selbst mit angesehen habe. Ein
Rekrutennachschub von dreitausendfünfhundert Mann war angemeldet, und es
hieß: in =vier= Tagen kommen sie, und bis dahin muß alles Nötige für die
Unterkunft der Leute fertig sein. Am Mittag des vierten Tages =war= es
fertig! Die Bahnzüge kamen, einer flink hinter dem anderen, und entluden
dieses junge Gewimmel der Feldfrischen. Hier, tief in Feindesland,
sechs oder sieben Kilometer hinter der Front, an der gekämpft wird,
funktioniert dieser gewaltige Bahnbetrieb mit der gleichen Ordnung und
Pünktlichkeit, wie wir sie bei uns daheim in friedlichen Zeiten kennen.
Eine lange Reise macht hungrig. Also das erste: die Leute müssen satt
werden. In einer von allem Französischen gesäuberten Güterhalle sind
in langen Reihen die hölzernen Tische und Bänke aufgeschlagen. Wer es
sieht, denkt an einen Münchner Bräukeller. Die »Gulaschkanonen« dampfen,
und in einem qualmenden Nebenraum sind Backsteinherde mit eisernen
Kesseln gebaut -- in diesen Kesseln, die aus einer Spinnerei stammen,
wurde früher die französische Seide gedünstet; jetzt siedet da drin für
unsere Deutschen das belgische Ochsenfleisch. Der Krieg nimmt, was er
brauchen kann und was ihm nützlich ist. Und nun sitzen die paar tausend
Feldgrauen auf den langen Holzbänken, lachend und schwatzend, und jeder
bekommt sein festes Mahl, jeder seinen Krug Bier, gutes Bier, das hier
von deutschen Brauern für die Unseren gesotten wird.
Vom Bahnhof marschieren die Gesättigten zu ihren Quartierstellen, und
wenn sie von der nahen Front her den ersten Kanonendonner hören, blitzen
ihre Augen vor Ungeduld. Wo sie hinkommen, in Häusern, Meierhöfen,
Fabriken oder Schulen, finden sie alles zu ihrer Unterkunft bereit;
auf jeder Türe steht angeschrieben, wieviel Mann hier wohnen sollen.
Fünfzehnhundert werden untergebracht in einer großen Tuchfabrik. Vier
riesige Webersäle mit guter Luft und hellen Oberlichtfenstern. Aus drei
von diesen Sälen wurden die mechanischen Webstühle herausgeschleppt
und im vierten dicht aneinander gerückt; ein bißchen schnell hat es
gehen müssen; wenn der »abgereiste« Fabrikant dereinstens heimkehrt,
wird er geraumer Zeit bedürfen, um diesen eisernen Hexenknäuel wieder
auseinander zu dröseln. Die drei freigemachten Säle sind verwandelt
in Schlafräume; was in der Umgegend an Bettstellen noch aufzutreiben
war, wurde hier zusammengetragen; daneben lange Reihen von Lagerstätten
auf dem mit Brettern belegten Boden: für jeden Mann ein doppelter
Strohsack, eine wollene Decke, ein Kissen, ein Handtuch; jeder hat sein
Brettregal für den kleinen Kram, und die ganzen Räume sind durchzogen
von Lattengestellen für Waffen, Mäntel und Tornister. Jeder Feldwebel
bekommt separat seinen Bretterverschlag, der verwandelt ist in ein
wohnliches Stüberl. Auch die Kochherde mit Geschirr, die Waschküchen
und Desinfektionsräume, alles steht schon zum Gebrauche bereit. Und das
alles wurde herbeigeschafft und fertiggestellt in =vier= Tagen. Wie
schwatzlustig man sein mag, beim Anblick einer solchen Arbeitsleistung
wird man still.
Ehe die Neugekommenen ruhen dürfen, müssen sie sich säubern. Und da
hab' ich ein Bild gesehen, das mir mein Lebenlang in froher Erinnerung
bleiben wird. Die Tuchfabrik, in der die Fünfzehnhundert einquartiert
wurden, hat eine mächtige Wäschereihalle. Die Maschinen, die
Rohrleitungen, die Transmissionen, die Treibriemen, alles ist noch da.
Aber jede Wasserpumpe ist in eine Badebrause umgezaubert, und in den
tiefen, halbstubengroßen Holzkufen, in denen früher die neugewobenen
Tücher gesotten und ausgewaschen wurden, sitzen jetzt unsere deutschen
Jungen im dampfenden Wasser, ein Dutzend in jeder Kufe, die Arme und
Köpfe von Seifenschaum bedeckt, rippelnd und scheuernd und plätschernd,
munter und schreivergnügt wie pritschelnde Dorfbuben.
Aus diesem Bild redet eine so gesunde Lebensfreude heraus, daß ich sie
nicht zu schildern vermag. Und beim Anblick dieser lustigen Köpfe und
dieser blinkweißen Jünglingsschultern mußte ich mich der schwarzgrau
gewordenen Gesichter und Fäuste jener dreiundfünfzig toten Franzosen
erinnern, die seit acht Wochen vor dem feindlichen Schützengraben von
Maricourt liegen, verlassen von ihren Brüdern, verlassen von ihrer
pietätlosen Heimat! Wie zwischen einzelnen Menschen, so gibt es auch
zwischen Völkern sieghafte Unterschiede. Aber wir, natürlich wir,
sind die »Barbaren«, und Frankreich »marschiert an der Spitze der
Zivilisation«!
Wie ich Unterkunft, Verpflegung und Hygiene unserer Truppen hier an
einem Einzelfall im kleinen geschildert habe, so wird es innerhalb der
Möglichkeitsgrenzen im großen durch das ganze deutsche Heer gehalten,
immer nach dem Grundsatz: Die Gesundheit des Soldaten ist sein Schild
und seine stärkste Waffe.
In =jedem= mit deutschen Truppen belegten Städtchen, sogar in
jedem Dorfquartier wurde eine Badegelegenheit eingerichtet. Wo nur
zwanzig Feldgraue beisammen sind, gibt es wenigstens ein mit Blech
ausgeschlagenes Fußbad und eine Warmwasserdusche. In Peronne wurde
eine militärische Badeanstalt installiert, in der immer hundert Mann
gleichzeitig baden können. Ein Erquicken ist es, das anzusehen: wie
die Leute, die nach der Ablösung aus dem Schützengraben dreckig da
hineinwandern, frisch und sauber wieder herauskommen, jeder mit dem
zusammengewickelten Handtuch unter dem Arm. In dieser Badeanstalt
gibt es sogar ein =elektrisches Lichtbad= zur Bekämpfung der
Schützengraben-Rheumatismen -- eine große Warenkiste, deren Deckel mit
einem Halsausschnitt versehen ist, und deren Inneres mit Wachsleinwand
tapeziert und mit Glühlampen behängt wurde.
Dieser obligatorische und streng überwachte Badebetrieb ist ein
gesegnetes Mittel gegen Krankheiten und Verlausung, ein wunderwirkender
Erneuerungsbrunnen für die körperliche Spannkraft unserer Soldaten. Aber
der Krieg schlägt Wunden, und die Mühsal des Dienstes ist eine so harte,
daß sie trotz aller hygienischen Fürsorge schließlich doch manchem
Feldgrauen die feste Gesundheit erschüttert. Wie diese Verwundeten und
Erkrankten in unseren Feldlazaretten betreut werden, das glauben wir
in der Heimat zu wissen. Es hat mich aber doch ein frohes, dankbares
Staunen befallen, als ich dieser Tage das Lazarett von Caudry besuchte.
Vor vier Monaten war das noch eine französische Spitzenfabrik. Jetzt
steht da ein deutsches Lazarett von so mustergültiger Ordnung und
Einrichtung, daß man Riesenkräfte haben möchte, um es vom französischen
Boden wegzuheben und in eine deutsche Stadt hineinzustellen. Da
sieht man =nichts= mehr, was den Anschein des in Eile und notdürftig
Adaptierten hat, alles ist so, als wär' es von Anfang für sanitäre
Zwecke gebaut und eingerichtet.
Die vom üblichen französischen Schmutz versumpften Höfe wurden mit
gepflasterten Wegen durchzogen, alle Gebäude und Räume spiegeln
von Sauberkeit, alle Mauern sind weiß getüncht und sehen aus, als
wären sie mit frischgewaschener Leinwand überzogen. Von der nächsten
Bahnstation wurde ein Geleise bis vor die Tür des Lazaretts gelegt,
damit die Verwundeten und Kranken ohne Gerüttel und Plage hergebracht
werden können. Die innere Einrichtung ist gegliedert wie in jedem
großen städtischen Spital. Neben der Amtsstube und den Zimmern der
Ärzte und Schwestern ist die Apotheke, ein zahnärztliches Atelier,
der Operationssaal und die Röntgen-Kammer. Alle Wirtschaftsräume,
die appetitlichen Vorratshallen, die große Küche, die Spülkammer,
die Wäscherei, der Trocknungsraum und die Bügelstube, das alles ist
praktisch und bequem aneinander gereiht zu einem zusammenhängenden
Ganzen. Im Oberstock sind die Nähstuben für Anfertigung der
Lazarettkleidung und Bettwäsche, sowie die Handwerksräume, die
Schneiderwerkstatt und Schusterei, wo die Uniformen und Stiefel der
eingebrachten Verwundeten gesäubert und ausgebessert werden. In einem
großen Dachraum liegen diese neu hergerichteten Soldatenhüllen mit
Helmen und Waffen in langen Reihen, Nummer an Nummer, und warten auf
das genesene Leben, das wieder in sie hineinschlüpfen und wieder dem
Vaterlande dienen soll. Das stille Bild dieser Kriegsgarderobe hat etwas
tief Ergreifendes. Und unter solch einem feldgrauen Kleiderbündelchen
seh ich nur =einen= braunen Soldatenstiefel stehen. Wo mag der andere
geblieben sein? Und der Fuß, der dazu gehörte?
Das Lazarett hat zwölfhundert Betten. Alle waren schon in Gebrauch.
Jetzt, Gott sei Dank, sind nur fünfhundertsiebzig belegt. Tritt man
in einen dieser breiten und langen Bettsäle, so hat man nicht den
Eindruck eines Krankenraumes. Man glaubt: das ist eine weiße, luftige
Erholungshalle, durch deren große Deckenfenster eine Fülle ruhigen
Lichtes hereinströmt. Die meisten der Genesenden sind schon außer Bett;
sie plaudern oder schreiben Briefe, lesen oder spielen und tragen die
hellen, sauberen Lazarettkittel, die aus requirierten belgischen Stoffen
von französischen Näherinnen gefertigt wurden. Alle Betten sind weiß --
gute eiserne Bettstellen mit Drahtfederung und dreiteiligen Matratzen --
und zu Häupten eines jeden Bettes hängt ein Täfelchen mit dem Namen des
Bettgastes und dem Datum seiner Ankunft. Nur in wenigen Gesichtern ist
noch die Blässe des überstandenen Leidens, fast in allen schon die gute
Farbe der wiederkehrenden Gesundheit. Ich spreche mit vielen, auch mit
solchen, die noch liegen müssen. Nie hör' ich eine Klage, nie einen Laut
des Mißmutes, höre nur gutmütige, herzhafte, auch heitere Antworten, und
in allen, wie verschieden sie auch klingen, ist immer der gleiche Sinn:
»Jetzt darf ich bald wieder antreten!«
Bei einem von denen, die noch liegen, zeigt die weiße Bettdecke eine
Form, als wäre unter ihr etwas nicht mehr vorhanden, was zu einem
ganzen Menschen gehört. Ob es =der= ist, für den der einsam gewordene
Stiefel aufbewahrt wird? Ich bring' es nicht fertig, diesen Kranken
nach seiner Verwundung zu fragen, drücke stumm seine Hand und nicke
ihm zu; auch er lächelt und nickt, aber seine Augen werden ein bißchen
feucht. Und gleich beginnt eine Schwester heiter und herzlich mit ihm
zu plaudern. Von solchen Schwestern in ihren dunklen Kleidern sind etwa
zwanzig in dem großen weißen Saal -- ernste und dennoch freundliche
Frauen- und Mädchengesichter mit guten Augen -- man möchte einer jeden
in deutscher Dankbarkeit die hilfreichen Hände küssen.
In mir ist eine Stimmung, die sich wunderlich mischt aus tiefer
Erschütterung und glücklichem Aufatmen. Was könnte einen Deutschen
froher machen, als mit eigenen Augen sehen zu dürfen: =so= werden unsere
leidenden Soldaten gepflegt und wieder dem Leben entgegengeführt.
Es fällt mir schwer, dieses weiße Heiligtum der deutschen
Lebenserneuerung zu verlassen. Auf der Schwelle muß ich zögern, muß
das Gesicht drehen. Und da fällt mir etwas auf, was ich vorher nicht
bemerkt hatte, etwas mir Unverständliches; über die Decke des langen
Saales, in welchem früher die Spitzenwebstühle standen, zieht sich
eine Transmissionswelle mit vielen Riemenscheiben hin; und diese
Welle =läuft=, ganz leer, ohne Riemen, lautlos. Mein liebenswürdiger
Führer, General v. Nieber, der mit den Ärzten seiner Etappe dieses
mustergültige Kriegslazarett geschaffen hat, erklärt mir die sonderbare
und anscheinend zwecklose Sache: »Wenn die Welle längere Zeit
unbeweglich liegt, rosten die Lager und verderben. Drum lassen wir alle
Transmissionen abwechselnd jeden Tag eine Stunde lang laufen. Wenn der
Besitzer dieser Fabrik wieder heimkommt, soll er sein Eigentum so weit
in Ordnung finden, als es der Krieg und die Fürsorge für die Unseren
erlaubte.«
Ein deutsches Wort! Ob es von dem Fabrikbesitzer -- »_il est parti!_«
-- bei der Heimkehr den verdienten Dank erfahren wird? Ich besorge: der
wird nur entdecken, was der Krieg ihm verdarb, und wird für das, was
deutsche Gewissenhaftigkeit ihm unverdorben bewahrte, kein sehendes Auge
haben.
Nicht weit von Caudry, in Le Cateau, befinden sich die ebenso musterhaft
eingerichteten Genesungsheime für Mannschaften und Offiziere, umgeben
von einem lückenlosen Apparat für gute Ernährung. Da ist alles
herbeigeschafft, was dem Erstarken der Gesundheit dienen kann. Und
weil frische Eier für Rekonvaleszenten sehr bekömmlich, aber im
geflügelverschlingenden Kriege und dazu noch im Winter äußerst selten
sind -- es wurde einmal für dreißig Eier ein Automobil in Tausch gegeben
und für ein halbes Pfund Butter ein ganzes Veloziped -- drum haben die
deutschen Ärzte in Le Cateau eine geheizte Hühnerzucht installiert. Ein
großer Scheunenraum wurde in ein Warmhaus für tausend Hennen verwandelt,
und ein beharrlich glühender, von einem Drahtgitter umzogener Ofen redet
dem gackernden Völklein der gefiederten Französinnen mit lieblichen
Wärmestrahlen zu, recht viele, viele Eier für unsere genesenden
Feldgrauen zu legen. Zwanzig gallische Hähne befördern das nützliche
Werk. Überraschenderweise vertragen sie sich sehr gut miteinander; sie
haben der Friedensarbeit so viel zu verrichten, daß sie der angeborenen
Kriegslust völlig vergessen.
Hinter diesem heiteren Bildchen steht eine ernste Wahrheit. Wieviel
deutsche Hände mußten sich rühren in ruhelosem Fleiß, wieviel kluge
Gedanken mußten in deutschen Gehirnen aufglänzen, wieviel Geduld mußte
sich in hilfreiche Arbeit verwandeln und wieviel energischer Wille mußte
umgesetzt werden in wirksame Tat, bis innerhalb weniger Monate ins
Leben gerufen war, was ich auf Schritt und Tritt hier leuchten sehe als
ruhmvollen Sieg der deutschen Regsamkeit und des deutschen Wesens.