Draußen die Nacht, von der man nicht sagen kann, daß sie still ist. Nur
dunkel ist sie.
Wir sitzen zu fünft bei einer schmackhaften Mahlzeit im
»Offizierskasino« des Schützengrabens. Unter der Erde liegt es, ist
zwei Meter breit und drei Meter lang. Steigt man aus der Oberwelt über
das Trepplein herab, so muß man sich =sehr= tief bücken, sonst gibt es
gleich =zwei= Beulen, eine an der Stirn und eine am Hinterkopf. Hat man
aber diese Gefahr überwunden, dann wird die Sache ganz reizend.
An die dreißig solcher Hütten und Kellerchen hab' ich schon besucht; in
allen merkt man die gleiche deutsche Sehnsucht: ein Heim zu haben, in
dem man sich gerne aufhält.
Naturherd aus gedörrten Lehmpatzen oder eisernes Öfelchen, beide haben
die verwandte Eigenschaft: sie rußen und rauchen. Aber das macht
nichts. Den Ruß kann man wieder hinauskehren, und gegen den Rauch kann
man die Tür aufmachen -- wenn's nicht gerade hereinpritschelt. Von
den Lehmwänden schwitzt immer die Nässe durch; aber in der Wärme von
Ofen und Menschen verdunstet sie wieder. Die nachrutschenden Erdmauern
haben das beharrliche Bestreben, die Verschalungsbretter krumm zu
biegen und herauszudrücken; dann werden sie eben wieder aufgepölzt
und festgenagelt; das hilft mit Sicherheit einen oder zwei Tage. Daß
es von oben hereinregnet, das ist ja eine ganz natürliche Sache; ein
verständiger Mensch wird sich gegen die ewigen Gesetze der Schwere und
des Falles nicht auflehnen. Etwas irritierend wird die Sache, wenn das
Wasser von unten heraufquillt; na, da schöpft man eben und schöpft und
schöpft -- und schließlich kommt man zu der beruhigenden Überzeugung,
daß auch hier eine sehr alte Naturnotwendigkeit mitspielt: nämlich das
Gesetz vom Gleichgewicht der Flüssigkeiten. Wir haben doch das in der
Schule gelernt, daß das Wasser in den beiden Schenkeln einer gebogenen
Glasröhre gleich =hoch= stehen muß. Wenn also draußen das Lehmwasser
bis ans Fensterchen steigt, =muß= es sich einen Meter tiefer auf dem
Stubenboden herinnen doch =auch= ein bißchen zeigen. Und da sucht sich
der kluge Mensch eben nach Kräften zu schützen. Das ist das Wunderbare
im Feld: man wird so ruhig, daß man mit allem einverstanden ist und mit
allem fertig wird.
Aber jetzt fragt einmal eine von unseren braven deutschen Hausfrauen
daheim: ob sie nicht längst schon im Irrenhause wäre, wenn sie das
vier Monate hätte mitmachen müssen. Sie wäre schon während der ersten
vier =Tage= in Verzweiflung geraten über die sonderbaren Flecken, durch
die bei solchen chronischen Wasserbewegungserscheinungen die Tapeten
in den seltsamsten Ornamenten gesprenkelt werden. Man könnte der Frage
nähertreten: ob man nicht einmal durch Parlamentsbeschluß die =Frauen=
in den Krieg schicken sollte. Ich denke =sehr= gut von ihnen, bin
aber doch überzeugt, daß sie =viel= nachsichtsvoller und geduldiger
heimkehren würden, als sie waren, da sie auszogen.
Ja, wahrhaftig, diese Kellerchen sind tapeziert! Manchmal nur mit
Zeitungspapier und den Packbogen unterschiedlicher Liebesgaben. Zuweilen
aber auch mit persischen Teppichen, die aus einer nordfranzösischen
Villa stammen und -- wie ich bereits erzählte -- sich schon nach der
zweiten oder dritten Woche durch lebhafte Pilzbildung auszeichnen,
um sich schließlich in Warmbeete zur Züchtung von Schwammerlingen zu
verwandeln.
An derart gestalteten Wänden sind nun allerlei nette Dinge angebracht.
Nie fehlt das Brettregal, auf das man die Schuhschmiere, das
Liebesgabenklosettpapier oder sonstige Kulturgegenstände hinauflegen
kann. Irgendwo ist immer ein möglichst wasserdicht gemachtes Archiv für
Schreibmappe und militärische Akten angebracht. Die reiche, mit Sorgfalt
und Liebe gesammelte Kunstgalerie besteht aus kolorierten Kupferstichen,
die aus dem Schutt der niedergeschossenen Bauernhäuser herausgeholt
wurden, aus den vielen Ansichtskarten, die von daheim gekommen, aus
Titelblättern der »Jugend« und aus Kriegsbildern des »Simplicissimus«.
In dem Offizierskasino, in dem ich mich augenblicklich befinde, ist
sogar eine Schwarzwälderuhr vertreten; aber sie geht nicht; infolge der
andauernden Feuchtigkeit ist das ganze Räderwerk zu einem unentwirrbaren
Oxydklumpen zusammengerostet; so hat diese Uhr jetzt nur noch den
einen Zweck, mit ihren eisernen Gewichten allerlei unangenehme Püffe
auszuteilen und sich mit ihren Ketten in die Haare der Tischgäste zu
verwickeln; aber -- »Eine Uhr im Zimmer, das sieht doch immer nett aus!
Nicht?« So behauptet der Major mit einem zärtlichen Blick auf diese
Kostbarkeit seines Bataillonskasinos.
Geradezu vornehm ist die Beleuchtung. Es ist bekanntlich =viel= nobler,
Kerzen zu brennen, als elektrisches Licht zu benützen. Diese im Felde
selbst fabrizierten Talgkerzen haben jedoch bei ihrem aristokratischen
Glanze zwei mißliche Eigenschaften; ist es kalt und zieht es durch
Tür und Fenster herein, so brennen sie schief und tränen in die
Suppenschüssel; und ist es so warm, daß man von »Bullenhitze« redet, so
biegen sie sich in geschwungenen Barockformen über den Leuchter herunter
und lassen ihre Fetttropfen auf das magere Kommißbrot fallen. Na ja,
frische Alpenbutter wäre schmackhafter! --
-- Vielleicht erheben nachdenkliche Leser jetzt den Vorwurf gegen
mich, daß ich mit unangebrachter Heiterkeit von Dingen rede, die man
eigentlich doch sehr ernst nehmen sollte. Dieser Vorwurf wäre ungerecht.
Ich glaube, daß man, was ich da erlebt und gesehen habe, =nur= heiter
nehmen kann! Wollte ich =ernst= von der unbeschreiblichen Mühsal
erzählen, die unsere Offiziere und Soldaten seit Monaten mit namenloser
Geduld und entzückendem Humor ertragen, so würdet ihr in der Heimat bei
jedem meiner ernsten Worte ein wehes Zittern in euren Herzen haben! Aber
seid ohne Sorge! Ich =darf= heiter erzählen. Die Unseren im Felde sind
von so gesundem Schlag, daß sie monatelang die ruhelose Marter dieses
nassen Dreckes und die Drohung steter Gefahr für Leib und Leben ertragen
und dabei doch immer noch lachen können.
Gerade im Anschluß an dieses Wort bekenne ich, daß ich an diesem von
Kerzentropfen und sonstigen Wirtschaftsrätseln bekleckerten Tische eine
der schönsten, tiefsten und wertvollsten Stunden meines Lebens genießen
durfte. Denn als wir gespeist hatten und der gute französische Landwein
geheimnisvoll in den sehr verschiedenartigen Gläsern leuchtete, begannen
sie zu erzählen, diese Feldgrauen; jeder von ihnen hat viel Hartes
durchmachen müssen; und einer trägt zwei kleine rote Narbensternchen
auf der Stirne -- wo die Kugel hinein und wieder hinaus gegangen, ohne
diesen festen deutschen Jünglingsschädel zerbrechen zu können. Von den
ersten schweren Wochen des Krieges erzählten sie, von den furchtbaren
Tagen und Nächten in Lothringen und Belgien, von Stunden, in denen
manchmal auch die Nerven des tapfersten Mannes zu versagen drohten. Ganz
ruhig erzählten sie, fast so ruhig, wie man von einem beschwichtigten
Ungewitter redet; nur ihre Worte wurden langsamer, ihre Stimmen leiser,
innerlicher; sie gebrauchten keine aufputzenden Adjektiva, sie sagten
jedes Ding so hart und streng vor sich hin, wie es geschehen war, und
keiner redete von sich selbst, jeder nur immer von der großen Sache.
Und während ich atemlos lauschte, an Herz und Knochen vom Grauen des
Krieges gerüttelt, war es mir immer, als müßte ich etwas Dankbares aus
mir herausschreien und müßte mit beiden Händen hinübergreifen über den
Tisch, um diese jungen deutschen Mannsfäuste zu fassen und zu drücken.
Hätten es mir diese drei Wochen im Felde noch =nie= gezeigt und gesagt,
so hätt' ich es jetzt an diesem kleinen Tisch verstanden, was für uns
Bürger in der Heimat das kraftvolle und sieghafte Wort bedeuten muß:
ein deutscher Soldat, ein deutscher Offizier! -- Freilich, im Sinne
eines Kunstgeschmackes, der die Abwechslung liebt, haben sie auch einen
Mangel: in ihren besten und wesentlichsten Zügen sind sie alle gleich,
da ist einer wie der andere! An vielen hundert kleinen Tischen dieser
kleinen Lehmlöcher könnte ich ein Gleiches hören, wie ich es an =diesem=
Tische vernahm.
Es wirkte auf mich, daß ich lange wortkarg bleiben mußte, als es
schon wieder heiter wurde, weil Besuch erschien. In Begleitung
eines Reichsrates, den wir in München kennen und verehren, kam der
Regimentskommandeur zur Besichtigung der Nachtarbeit im Schützengraben
-- als Vorgesetzter ein Freund und Vater seiner Soldaten. Davon sollte
ich gleich eine Probe erfahren, die mir unvergeßlich bleiben wird.
Der Kommandeur wollte bei diesem Nachtweg eine Beförderung verkünden.
»Nach dem Regimentsschimmel müßte man's eigentlich anders machen. Aber
was einer verdient, muß er bekommen. Den Lohn verschieben, heißt ihn
entwerten.«
Nun geht's hinaus in die dunkle Nacht, die geheimnisvoll durchklirrt
ist von einem gedämpften Arbeitslärm. Manchmal ein Schuß in der
Ferne, manchmal einer im nahen Schützengraben -- Schüsse, die bei
der Finsternis nicht treffen können, nur sagen wollen: »Wir wachen!«
Zuweilen leuchtet droben über dem Wald eine rote Helle auf und
verschwindet wieder. Und herunten zwischen den Bäumen schreiten oder
stehen schwarze Gestalten mit klumpigen Lasten auf den Schultern.
Schritt um Schritt geht es über klappernde Prügel hin oder durch
quatschenden Lehmteig. Bei etwas schwierigen Stellen leuchtet für einen
Moment der Strahl eines elektrischen Lämpchens auf.
Ein Kriegsfreiwilliger wird herbeigerufen. Kaum unterscheide ich in der
Nacht den Umriß der schlanken, unbeweglich stehenden Gestalt.
Die Stimme des Kommandeurs: »Lieber R.! Sie haben nicht nur zwei famose,
schneidige Erkundungen gemacht, ich weiß auch, daß Sie in allen Stücken
ein tüchtiger, verläßlicher Soldat sind! Nicht wahr, Sie streben den
Offizier an?«
»Jawohl, Herr Oberstleutnant!«
»Sind Sie schon Fähnrich?«
»Nein, Herr Oberstleutnant!«
»Dann sind Sie es jetzt. Ich gratuliere Ihnen!«
Da hör' ich einen leisen Laut -- wie von einem Jungen, dem beim Baden im
Bach das kalte Wasser heraufsteigt an die Lenden. Dieser leise Laut --
das war tiefste deutsche Soldatenfreude.
Ich muß die Hand strecken. »Darf ich Ihnen auch gratulieren?« Keine
Erwiderung. Aber den Händedruck hab' ich noch eine Stunde lang gespürt.
Der Weg durch Laufgang und Schützengraben ist mit Schwierigkeiten
verknüpft. Immer wandern die langen, endlos scheinenden Reihen der
lastschleppenden Soldaten an uns vorüber. Beim Ausweichen muß ich immer
den verwünschten Bauch in die nasse Lehmwand hineinquetschen. Oft komm'
ich von diesem klebrigen Teige kaum mehr los. Pfundweis hängt er an
meinen Händen. Was will man machen, man wischt ihn an der Hose ab.
Überall im Schützengraben wird geschanzt, geschaufelt und gearbeitet,
überall wird gebessert, was schlecht wurde, überall ausgetauscht, was
unbrauchbar geworden.
In ihren Schlupfen liegen die Abgelösten; keine Stimme, kein Öffnen des
Türchens, kein Zug der kalten Nachtluft und auch kein Schuß vermag
sie zu wecken. Sie schlafen, wie nur die Zufriedenen und Glücklichen
schlummern. Wie Aschensäcke sehen sie aus, in ihre Mäntel gewickelt, die
Zeltbahnen über die Köpfe gezogen.
Die Schützen, die im Graben auf Wache sind, stehen regungslos bei
ihren Scharten und spähen in die Nacht hinaus, die der Mond, hinter
dicken Wolken verborgen, ein bißchen aufzuhellen beginnt. Oder gewöhnen
sich nur die Augen an die Finsternis? Manchmal ein Schuß -- weil ein
Wachtposten was gesehen hat oder was zu sehen glaubte. Und zuweilen,
in den benachbarten Stellungen drüben, das Dröhnen einer platzenden
Granate. Eine kann ich aufgehen sehen. Das sieht aus wie ein Strauß aus
Feuerblumen, der eine schwarze Manschette hat.
Durch den ganzen Schützengraben geht es. Die schußbereiten
Maschinengewehre werden revidiert. In einen finsteren, engen Gang hinein
und unter die Erde hinunter! Ganz vorne arbeitet einer wie ein Bergmann,
ein zweiter karrt den ausgehobenen Lehm davon, ein dritter versteift den
Minengang mit stützenden Bohlen.
Wieder im Graben. Ein schönes, rotglänzendes Sternchen surrt in die Luft
hinauf und fängt in der Höhe grell zu brennen an. Das ganze Gelände
zwischen unseren und den feindlichen Gräben ist taghell beleuchtet.
Drüben liegen die toten Franzosen als schwarze, unbewegliche Klumpen
-- aber ganz in der Nähe liegt etwas Lebendiges, das sich bewegt: ein
deutscher Horchposten. Und ein Gewirre von Drähten ist zu sehen -- das
sind die Stacheldrahthindernisse und die aus dem Graben hinausgerollten
Spanischen Reiter. Ein letztes Lichtgezitter, alles versinkt wieder
in undurchdringliche Finsternis, um nach wenigen Minuten wieder
aufzuglänzen -- -- und wir daheim, wir sagen immer: »Was ist denn nur da
draußen? Warum geschieht da nichts? Warum geht da nichts vorwärts?«
Es ist Mitternacht geworden. Nun dürfen auch die letzten der Geplagten
ein bißchen ruhen. Ehe der Morgen kommt, müssen sie wieder bei den
Scharten stehen. Und Nässe und Schlamm an Rock und Stiefel und Hose
müssen trocken geworden sein von der Wärme ihres eigenen Körpers. Seit
dem 5. August haben sie dieses Soldatenkleid am Leib und haben es nur
abgelegt, wenn sie hinter der Front im Ablösungsquartier die Wäsche
wechseln und baden und sich säubern konnten. Und diese Gesundheit,
dieser Humor, diese treue Beharrlichkeit, diese unzerbrechbare Geduld!
-- Und, wahrhaftig, da gibt es Leute in der Heimat, denen der deutsche
Sieg nicht schnell genug in die warmen Betten läuft! --
Im »Offizierskasino« noch ein kurzer Schwatz und ein Schlummertrunk. Im
Felde nennt man ihn »heißes Wasser«. Natürlich ist etwas drin, etwas
sehr Kräftiges!
Und jetzt -- ins Bett. [+] [+] [+] Gott beschütze mich!
Eine freundliche Ordonnanz zieht mir die zehn Pfund schweren Lehmgebilde
von den Beinen herunter. »Gut Nacht, Herr Doktor!« Dann bin ich
allein auf einer »Flur«, die alles andere ist, nur nicht »weit«. Das
Lehmherdchen glutet noch ein bißchen und raucht sehr heftig. Also die
Tür auf! Aber es hat zu regnen begonnen, und ein ungemütlicher Wind
peitscht die Traufenfäden herein. Also die Tür wieder zu! Und in den
Kleidern auf die Pritsche! Bevor ich das Kerzenstümpfchen auslösche,
seh' ich noch etwas sehr Schönes: die ganze Bretterdecke meines
Unterschlupfes ist behängt mit großen, blitzenden Diamanten. Jetzt
lieg' ich im Dunkeln. Da fängt es auch schon zu tropfen an. Pitsch,
pitsch, pitsch, pitsch! Ich ziehe, wie ich es bei den Soldaten gesehen,
die Zeltbahn über den Kopf. Nach einer Viertelstunde bricht mir am
ganzen Leib der Schweiß aus. Ich entkleide mich und krieche wieder
unter das raschelnde Segeltuch. Pitsch, pitsch, pitsch, pitsch! Nach
einer halben Stunde friere ich, daß mir die Zähne klappern. Ich ziehe
mich wieder an, und weil mir vom Rauch, der nach Erlöschen jeglicher
Wärme reichlich zurückblieb, die Augen heftig brennen, mache ich wieder
die Tür auf, drücke sie aber sofort sehr energisch zu. Ich liege
wieder, und trotz der Dunkelheit bemerke ich an meinem nachlassenden
Hustenreiz, daß der Rauch verschwindet. Aber das andere bleibt:
Pitschpitschpitschpitschpitschpitsch ... jetzt klingt es viel schneller
und ununterbrochen. Nicht nur von oben kommt der feuchte Segen, auch
von unten her. Schon will ich in einem drohenden Tobsuchtsanfall
fluchen wie ein Berserker. Aber da muß ich denken: »So machen es unsere
Feldgrauen seit sechzig oder siebzig Nächten durch!« Wobei noch zu
berücksichtigen ist, daß ich als Gast ein »Kavalierhüttl« bekam, also
eine Sache, die so gut ist, wie sie sonst kein anderer hat! Ein Wunder
geschieht -- ich, das nervöseste von allen nervösen Äsern, ich werde
plötzlich so geduldig wie ein Lamm, drehe mich still auf die Seite und
fange, um den Schlaf herbeizuschmeicheln, die fallenden Tropfen zu
zählen an: Pitsch, pitsch, pitsch, pitsch ...
Ich glaube, bis nah' an siebenhundert kam ich. Ja, wahrhaftiger Gott:
gegen drei Uhr bin ich zufrieden eingeschlafen. Ein paarmal erwachte
ich, hatte rückwärts das Gefühl einer immer feuchter werdenden Unterlage
und im Hirn eine seltsame Idiosynkrasie: ich vermutete immer, daß
vor meinem Kavaliershüttl irgend jemand Holz hacke. Es waren die
Gewehrschüsse, die vom Schützengraben herunterklangen. Und einmal fuhr
ich sehr heftig auf und hörte noch ein doppeltes Rollen -- es war ein
Granatenpärchen in den Wald geflogen. Ich drehte mich um und schlief
wieder ein. Und habe geschlafen, bis im Ergrauen des Tages die Ordonnanz
mich weckte und meine schöngeschmierten Stiefel brachte: »No, Herr
Doktor, wie war's?«
»Ganz gut! Ein bisserl feucht halt!«
»Mein, da haben wir's jetzt noch wie im Himmel! Aber die vorig' Woch',
da haben wir sechs Nächt lang im Wasser hocken müssen. Niederlegen
hat man sich gar nimmer können. Auf'm Tornister hat man halt sitzen
müssen. Da hat's die meisten von uns a bißl verdrossen. Alle haben wir
g'schimpft, ja! Bloß an einziger is zufrieden g'wesen. Dös war a Tölzer
Floßknecht. Der hat allweil g'sagt: >Dös bin i g'wohnt!< -- Da haben wir
uns a guts Beispiel g'nommen.«
Draußen rauschte der schwere Regen.
Heißer Tee. Fünf Tassen. Dann hinauf in den Schützengraben. Hier sind
im Morgengrau schon alle bei der Arbeit. Fast durch die ganze Länge des
Grabens liegen die Lehmwände niedergebrochen. Alles, was Boden heißt,
ist verschlammt und überschwemmt. Und den schanzenden Soldaten rinnt
das Wasser über Gesichter, Rock und Hosen herunter. Und immer noch
schwatzen sie lustig und machen jene kleinen, netten Späße, in denen
eine große, tiefe Seele steckt -- die Seele des deutschen Volkes!
Ist der Krieg im Regen ertrunken? Kein Schuß mehr. Den ganzen Vormittag
bleibt es still. Doch am Nachmittage, während ich durch die klatschenden
Regengüsse und unter peitschenden Windstößen zurückwandere zu meinem
Fürstenfeldbrucker Philosophen, beginnen die Haubitzen wieder zu
donnern, und von überall klingt das Knallen, das die pfeifenden
Vögelchen fliegen macht.
Mein ganzes Denken ist ein einziges heißes, inbrünstiges Gebet zur Sonne:
»Komm! Und scheine den Unseren! Meinetwegen auch den andern! Wenn nur
die Unseren trocken werden und sich wärmen können!«
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