Das gute Wetter hat nur drei Tage gedauert, war also immerhin
lebenskräftiger, als schöne Träume zu sein pflegen. Jetzt ist die Welt
wieder grau umhangen.
Den letzten Gutwettertag benutzten die Franzosen zu einer schweren
Kanonade, die von den Deutschen nur mit einzelnen Meldeschüssen
»=Wir sind noch immer da!=« erwidert wurde, um aus dem französischen
Tagesbericht den Satz auszuschalten: »Eine deutsche Batterie
wurde stumm gemacht und vernichtet.« Es waren im Hörbereich an
die zwölfhundert Schüsse zu zählen. Dazu etwa zwanzig grobe
Detonationen von Minenwerfern. So verpulverten die Franzosen an
diesem Schönwettertage über eine Frontlänge von dreißig Kilometer ca.
hundertfünfundzwanzigtausend Franken. Die auf deutscher Seite am Abend
festgestellte »Verlustziffer« lautete: =kein= Toter, =kein= Verwundeter,
=kein= Materialschaden. Gelitten hatten nur die französischen Dörfer
und Äcker. Für Frankreich ein kostspieliges Vergnügen! Wenn die
nordfranzösischen Bauern wieder einmal zu ihrer Scholle heimkehren,
werden sie entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.
Was würden wohl die =deutschen= Bauern dazu sagen, wenn es bei =uns= so
gekommen wäre, im ganzen Reich! Im Feuerbereich der Franzosen kein Haus
mehr, keine gefüllte Scheune, kein Vieh! Jeder Wald verwüstet, die Zäune
zerstampft, jeder Acker zerrissen von den Granatentrichtern, alles Feld
zerschnitten, zerrupft, entzweigesägt und unterwühlt von Laufgängen,
Schützengräben und Minenkellern! Jahre und Jahre werden nötig sein, bis
hier wieder fruchtbares Feld und blühende Dörfer entstehen. Um unseren
deutschen Bauern deutlich zu machen, was ihnen erspart blieb, sollte man
sie mit Extrazügen hierherbringen und ihnen diese Vernichtungsbilder des
Krieges zeigen. Da würde der Wille, die deutsche Kraft zu nähren und zu
erhalten, baumdick in ihnen erwachsen.
Jetzt eben sitze ich in einem der hohen, zweirädrigen Bauernwägelchen,
wie sie hier in Nordfrankreich üblich sind. Der Bauer, dem das
Wägelchen samt Gaul und Geschirr gehörte, ist »abgereist« -- zum
Unterschied von seinen vornehmen Landsleuten tat er es nicht freiwillig.
Solche Wagen sollten auch bei uns in Deutschland heimisch werden; sie
sind billig, sind bequem, gleiten leicht dahin und strengen auch auf
schlechten Wegen den Gaul nicht an. Auch sieht man nett in die Weite,
wenn man so hoch oben sitzt. Heute ist's mit der Rundsicht freilich
mager bestellt; es regnet nicht, aber alles ist grau verschleiert.
Mein Kutscher, feldgrau natürlich, ist ein Hausmeister aus
Fürstenfeldbruck, ein braver und ruhiger Mann, der gerne von seiner
Frau und seinen Kindern erzählt. Aber er hat die cholerische Gewohnheit
angenommen, jedesmal, so oft er das Wort »Franzosen« oder »Frankreich«
gebraucht, den wütenden Zwischenruf zu machen: »So a Sauvolk auf der
Welt!« Vor allem ärgert ihn der französische Mist in den Dörfern und
Häusern. Und ganz besonders ergrimmt ihn die Pietätlosigkeit der
französischen Soldaten, die viele ihrer gefallenen Kameraden seit
Monaten unbestattet vor ihren Schützengräben liegen lassen. »So
ebbes muß sich doch strafen an die Franzosen. Bal a Volk kein Respekt
vor'm Heldentod von seine Brüder nimmer hat, so a Volk kommt seiner
Lebtag nimmer in d'Höh, sag i! Dös gibt's einfach gar nicht, daß uns
d'Franzosen besiegen kunnten!«
Während dieses Ergusses hatte der Erbitterte eine Warnungstafel
übersehen und war einer Straße nachgefahren, die nicht granatensicher
ist. Ein fester Paukenschlag. Der französische Gaul will scheu werden,
mein Fürstenfeldbrucker redet ihm freundlich zu -- »Ja ja, jetzt
versteht er schon ganz gut Deutsch!« -- und richtig, der Gaul kehrt
verständig um, und nun müssen wir einen weiten Umweg machen, um mein
Ziel zu erreichen: den Schützengraben eines Münchner Regiments.
Eine Wache gebietet Halt, mein Philosoph mit seinem deutschverständigen
Rössel muß zurückbleiben, und geführt von einem jungen, freundlichen
Kriegsfreiwilligen wate ich durch die Lehmsümpfe der verwüsteten Felder.
Wenn es hier nach drei Schönwettertagen so aussieht, wie muß es aussehen
nach einem Platzregen? Ich komme an Wagen und Karren vorüber, die bei
ihren Nachtfahrten im Moraste stecken blieben. Neben einer Hecke duftet
ein totes Pferd; sein Bauch ist wie ein buckliges Faß.
Ein Rollen und Brüllen, bald nah, bald ferne; die Franzosen vertrödeln
schon wieder ein Häuflein Staatsgelder. Über einen die Wegmulde
sperrenden Rübenacker müssen wir flink und mit geduckten Köpfen
hinüberspringen; das Feld sieht aus wie ein Sieb, dessen Boden ein
bißchen unregelmäßig durchlöchert ist.
Nun empfängt mich ein kleiner Wald; er hat einen neuen Namen bekommen:
»das bayerische Hölzl«. In dem wirren Gezweige leuchten viele, viele
blinkweiße Flecken: die Splitterwunden der von Granaten getroffenen
Bäume. Vor dem Eingang in den Wald ist ein Damm aufgeschichtet, um
das Regenwasser und die Schlammbäche abzuwehren. Jetzt geht es einen
schmalen Weg entlang, der mit festen Prügeln belegt ist, damit man
nicht bei jedem Schritte einsinkt bis über die Knöchel. Zur Rechten des
Weges gucken aus der Lehmböschung kleine, trübe, gläserne Äugelchen
heraus: die winzigen Fenster der in die Erde hineingegrabenen
Offizierskellerchen und Mannschaftshütten. Hier wohnt und schläft und
ißt und arbeitet, wer nicht Dienst im Schützengraben hat.
Junge Offiziere empfangen mich, liebenswürdig und gastfreundlich. Wie
alt muß ich schon sein, weil auch ein Major für mich noch aussieht
wie ein Jüngling in Uniform! Ein flinker, prächtig mundender Imbiß in
solch einem kleinen, ganz gemütlichen Kellerchen. Dann geht es hinaus.
Überall, wohin meine Augen im Walde fliegen, seh' ich Arbeit, Arbeit und
Arbeit. Wege werden gebaut und mit Prügeln gepflastert; hier gräbt man
Rinnen zur Trockenlegung des Bodens und zur Ableitung des Wassers; eine
steile, rutschige Waldtreppe wird ausgebessert -- es steht da auf einem
Täfelchen: »Gasteiger Anlagen, Automobile fünfzehn Kilometer.« Hier baut
man neue Unterstände für je dreißig Mann, überwölbt sie mit Wellblech
und behütet das Dach mit dicker Lehmlage. Dort, im Gewirr der Stauden,
geht es reihenweise hin und her, da schleppt man die Eisenbahnschwellen,
die Bretter, die Balken und Pfähle, die Strohgarben und Lattenroste
durch den Wald hinauf, und droben wird alles zurechtgelegt für die
Nachtarbeit, bei der diese notwendigen Dinge auf Pfaden, die man am Tage
wegen der singenden Vögelchen nicht begehen kann, in die Schützengräben
wandern. Dieses Gewimmel fleißiger Arbeit -- das ist die »Ruhepause«
unserer Feldgrauen! Schließt man die Augen und sieht diese schleppende
Plage nimmer, so glaubt man wirklich an heitere Ruhe, denn immer hört
man ein Lachen, überall klingen fröhliche Worte.
Ich sehe zwei von unseren gesegneten Feldküchen am Werke; sie brodeln
und qualmen und riechen gut und werden am Abend den gesunden Hunger
der Unseren stillen. Wie eine liebe Freude ist dieser Gedanke in mir!
Und da greift mir plötzlich etwas Hartes und doch etwas wunderbar
Schönes an den Hals und tief in das Herz hinein -- ich stehe vor dem
»Waldfriedhof«! So nennen sie diesen kleinen stillen Platz. Zwischen
vier großen Eichen haben sie sauber gemacht, den Weg besandet und einen
Zaun gezogen. Alles, was in dem schneelosen nordfranzösischen Winter
immergrün ist, das haben sie weit in der ganzen Gegend gesammelt, haben
es hier mit den Wurzeln eingepflanzt und haben es so sorgsam gepflegt,
daß es schon jetzt zu treiben beginnt und neue Blätter bildet: Lorbeer
und Stechpalme und Buchs und Efeu. Aus den zerschossenen Dörfern haben
sie Marienstatuettchen und Kruzifixe herbeigetragen, eins für jedes Grab
-- und haben die Holzkreuze schön ausgeschnitten, haben sie bemalt,
haben in hübscher Schrift die deutschen Heldennamen draufgeschrieben,
haben rührend kindliche Verse gedichtet -- und haben so diesem ernsten
Platz, auf dem die grün geschmückten Hügel in breiter Reihe liegen,
etwas Heiligfrohes gegeben, etwas Frühlingshaftes in aller Kahlheit
dieser Winterszeit. Das ist keine Stätte des Todes -- das ist ein grüner
Tempel der Auferstehung und des ewig blühenden Lebens.
Meine Deutschen! -- -- Wenn du von =denen= sprichst, du Philosoph aus
Fürstenfeldbruck, dann mußt du =anders= sagen: »=So ein Prachtvolk
auf der Welt!=« -- Solch ein Volk? Und untergehen? Nicht Sieger und
Lebensgärtner auf Erden bleiben? Dieser Gedanke wäre Irrsinn oder
verbrecherischer Zweifel an Gottes logischem Schöpferwillen!
Das deutsche Bild, das ich gesehen, verläßt mich nimmer! Heiß zittert
in mir die dankbare Ehrfurcht nach, während ich hinter den führenden
Offizieren hinaufwate durch den engen, pfützigen Lehmgraben, dessen
Boden und Wände mich einwickeln in gelben Schlamm. Immer weiter führt
er hinaus in das vom schärfsten und gröbsten aller Pflüge, vom Pflug
des Krieges, durchackerte Feld. Immer knallt es und dröhnt. Wieder muß
ich an ein friedliches Schützenfest denken -- so pufft und donnert es
immer, wenn gegen Abend die Schützen sich beeilen, und wenn im guten
Büchsenlicht vor der Dämmerstunde bei vielen Punktschüssen die Böller
gelöst werden.
Jetzt stehe ich auf der Wallbank und spähe durch die Scharte eines
Stahlschildes nach der feindlichen Stellung hinüber. Ein Grauen, das
mir durch alle Knochen rieselt, macht mich schauern wie bei Frost. Da
draußen liegen sie. Es sind nicht die ersten verwesenden Toten, die
ich sehe. Aber in solcher Menge! Zorn und Ekel und Erbarmen kämpfen
in mir. Dreiundfünfzig kann ich zählen. Jene, die am mutigsten waren,
liegen weit voran, jeder für sich allein -- hinter ihnen die anderen,
zuerst eine kurze, dann eine lange Reihe. Manche liegen wie behagliche
Schläfer; manche sehen aus, als wollten sie eben aufstehen und hätten
in den Beinen einen Krampf bekommen, der sie unbeweglich machte; andere
haben die Füße hochgeschlagen, wie erstarrt inmitten eines Purzelbaumes;
einer gleicht einem orientalischen Beter, der auf den Knien liegt und
mit ausgebreiteten Armen die Stirne zur Erde beugt; und einer scheint
wie in wildem Zorne stumm zu lachen und hält die beiden geballten Fäuste
gegen den Himmel gestreckt. Ganz braun sind diese Fäuste, so braun wie
die Fäuste eines Arabers. Und die gleiche braunschwarze Farbe liegt auch
über allen Gesichtern dieser einst weiß gewesenen Europäer -- soweit
ihre Gesichter noch vorhanden sind. Vögel und Mäuse haben da schon ihre
abmindernde Arbeit getan. Die Farben der Mäntel und Uniformen sind
verblichen; und jenen Toten, die beim Sturz das Käppi verloren, hat der
wochenlange Regen das Haar über Stirn und Schläfe gekämmt. So liegen sie
seit dem 18. Dezember; und ein Dutzend Schritte hinter diesen von aller
Heimat Verlassenen, die doch tapfere Helden ihres Volkes waren, schlafen
und essen und trinken im französischen Schützengraben ihre lebenden
Brüder! Denen boten die Deutschen einen Waffenstillstand zur Bestattung
ihrer Gefallenen an. Die Franzosen lehnten ihn ab. Warum? Weil sie darin
einen Vorteil für die Deutschen witterten? Weil sie glaubten, der stete
Anblick dieses Todes würde die Deutschen verzagt machen? Oder weil sie
hofften, dieser Leichenwall würde ihr empfindliches Ohlala-Häutchen vor
den bayerischen Gewehrkolben behüten? Oder nur, weil sie zu zivilisiert
und zu faul waren, um eine etwas mühsame und unästhetische Pflicht der
Pietät zu erfüllen?
Fürstenfeldbrucker! Ich will beim Gedanken an diese verlassenen Toten
dein zorniges Philosophenwort nicht nachsprechen. Aber =recht= hast du!
Nach diesen Minuten des Schauders ist mir der Anblick unserer
Feldgrauen, die den Waldfriedhof anlegten, wie Erlösung und Trost, wie
aufatmende Befreiung.
Der Schützengraben, in dem ich da stehe, ist einer der
niederträchtigsten -- nur haltloser Lehm, immer in rutschender Bewegung,
alles eine Spottgeburt aus Dreck und Wasser. Mit Spaten und Brettern,
mit Flechtwerk und Lattenrost kann man dieses klebrigen, schleichenden
Feindes nicht Herr werden -- nur mit Humor. Recht bezeichnend heißt
eine Strecke dieses Schützengrabens das »Pfuiteufelgasserl«. Ein
Verbindungsgang hat sogar einen variablen Namen: bei leidlich trockenem
Wetter heißt er »König-Ludwig-Straße«; steigt das Grundwasser, so heißt
er »König-Ludwigs-Kanal«. Und in einer Grabensenkung, die =immer=
Wasser hat, bis übers Knie herauf, zeigt ein Täfelchen die Inschrift:
»Bitte nicht auf den Boden spucken!« Man begreift da den Sänger aus
dem feldgrauen Volke, der sich in einer lyrischen Schilderung des ihm
geläufigen Milieus zu dem Verse verstieg:
»Der Schützengraben, wenn ich nicht irr',
Ist dem heiligen Peterl sein Nachtgeschirr!«
In einem Höhlchen sitzen drei mit gekreuzten Beinen wie Türken und
spielen Tarock. Einen hör' ich sagen: »Daheim ist daheim!« Nebenan
spielt einer die Mundharmonika, sein Kamerad singt leise dazu, ein
bißchen melancholisch -- und ich höre im Vorübergehen den Vers:
»Jatz hot sie einen andern Buam!«
Auf dem Türchen eines Schlupfes steht: »Meilerhütte« -- auf dem
nächsten: »Arminshütte«; da hausen Mitglieder des Alpenvereins; einer
ruft mir zu: »Dös weard jetzt wieder a schöner Roman, gelt?« Und weil
ich auf dem Hirndach eine ziemlich dicke Mähne habe, die sich in meinen
drei Feldwochen schon merklich streckte, winkt mir ein Lachender: »Sö,
i bin Frisör, soll i Eahna vielleicht d' Haar stutzen?« Und beim Sausen
eines Haubitzenschusses hör' ich, wie einer warnt: »Obacht, a Rollwagerl
kimmt!«
Einer sitzt ruhig in seinem Höhlchen und guckt aus der
Liebesgabenkopfhaube heraus wie ein mittelalterlicher Ritter aus seinem
Eisenhut. Ich frage: »Ist's warm da drinnen?« Er lacht: »Hundskalt!
Aber halbert trocken, Gott sei Dank! Vor acht Tagen hast allweil gmoant,
du mußt a Fisch wearn!« Ein anderer fällt ein: »Ah, dös is gut so!
Früher, daheim, da is man so von eim Tag in andern einitorkelt, und nie
hat man verstanden, was man hat vom Leben. Jetzt, bal i heimkomm, jetzt
weiß i, was 's Leben wert is und wie man leben muß!«
An dem meterbreiten Zwischenraum zweier Unterschlupfe ist eine
Blechtafel befestigt: »Hier ruht in Gott ...« Ehe der Schützengraben
ausgehoben wurde, begruben hier die Deutschen einen Unteroffizier; diese
Erdstelle ließ man beim Bau des Grabens unberührt; zur Rechten und
Linken des Todes wärmt sich jetzt und ruht und schlummert das gesunde
Leben.
Während des Weiterstapfens durch den Graben erzählen mir die Offiziere
von dem mißglückten Durchbruchversuch der Franzosen am 18. Dezember.
Mitten im heißesten Gefecht ereignete sich da ein heiteres Intermezzo.
Ein Bayer, der mit dem Bajonett losrennen wollte, erkannte in seinem
Feind einen »Spezi«, der drei Jahre in München als Kellner gedient
hatte. »Jesses! Du? Was tust denn =Du= da?« Der Franzose antwortete im
reinsten Münchnerisch: »Durchbrecha tean mer.« Und der Bayer lachte: »So
so? Da gib nur glei' dei' G'wehr her!« Die Sache war erledigt.
Im Unterstand eines Artillerieleutnants bekomme ich noch ein kleines,
verheißungsvolles Stilleben zu sehen: das Fensterchen ist mit
sprossenden Efeustöcken bestellt -- und die Blumentöpfe bestehen aus
feindlichen »Ausbläsern«, aus den Stahlhülsen französischer Granaten,
die keinen Schaden anrichteten.
Steil geht's hinunter und drüben noch steiler hinauf; ein Drahtseil ist
angebracht, wie bei einer gefährlichen Kletterstelle im Hochgebirge. In
der Mulde ist der Wall Schulter an Schulter besetzt. Und drüben, wo es
aufwärts geht, an etwas exponierter Stelle, warnt mich der Offizier:
»Den Kopf ducken! Für die Stelle haben die Franzosen drüben einen
Spezialisten.« Nicht weit von dieser Platte ist in der vergangenen Nacht
ein junger Fähnrich bei einer Erkundung gefallen.
Meine Führer wollen umkehren, wir sind an der Grenze ihres Gebietes;
aber der junge freundliche Leutnant des Nachbargrabens erklärt: »Wir
haben was da droben, das =muß= man sehen!« Mit flinker Kletterei geht es
aufwärts.
Ja! Das =mußte= ich sehen: =die Madonna im Schützengraben=! Früher
stand sie draußen an einem Feldweg, zwischen der deutschen und der
französischen Stellung, immer von den Kugeln bedroht. Vier stämmige
Bayern haben sie in einer finsteren Nacht hereingeholt in den Graben:
eine lebensgroße Mutter Maria mit dem Kinde, aus schwarzem Eisenguß.
Der Schöpfer dieses Bildwerkes muß halb ein Künstler, halb ein Bauer
gewesen sein. Etwas Naiv-Rührendes spricht aus dem zarten Schmalgesicht
der Maria, wie aus der spielenden Geste des heiligen Kindes. Nun steht
diese schwarze Madonna kugelsicher in einer Lehmnische des deutschen
Schützengrabens, ist mit Buchs umkränzt, mit Efeu umwunden -- und unsere
Feldgrauen, ehe sie sich schlafen legen, knien da, mit der Mütze vor der
Brust.
Die sinkende Dämmerung umwebt das Bildwerk mit immer dichter werdenden
Schleiern. In mir ist ein Sinnen, so andächtig und froh, wie ein
gläubiges Gebet. Dann steigen wir über das offene Feld zum »Bayerischen
Hölzl« hinunter und brauchen dabei die Köpfe nimmer zu ducken; für den
»Spezialisten« im französischen Schützengraben ist es bereits zu dunkel
geworden.
Eine deutsche Batterie gibt noch vier Schüsse ab. Ihr Hall und das
Krachen der platzenden Granaten weckt ein langrollendes Echo an den
Waldsäumen. Abendläuten im Felde!
Ich werde bleiben bis zum Morgen, weil ich die »Nachtruhe« der
Feldgrauen am eigenen Leib erfahren will. Was man würdigen soll, das muß
man kennen.
* * * * *