3. Februar 1915.

Das gute Wetter hat nur drei Tage gedauert, war also immerhin

lebenskräftiger, als schöne Träume zu sein pflegen. Jetzt ist die Welt

wieder grau umhangen.

Den letzten Gutwettertag benutzten die Franzosen zu einer schweren

Kanonade, die von den Deutschen nur mit einzelnen Meldeschüssen

»=Wir sind noch immer da!=« erwidert wurde, um aus dem französischen

Tagesbericht den Satz auszuschalten: »Eine deutsche Batterie

wurde stumm gemacht und vernichtet.« Es waren im Hörbereich an

die zwölfhundert Schüsse zu zählen. Dazu etwa zwanzig grobe

Detonationen von Minenwerfern. So verpulverten die Franzosen an

diesem Schönwettertage über eine Frontlänge von dreißig Kilometer ca.

hundertfünfundzwanzigtausend Franken. Die auf deutscher Seite am Abend

festgestellte »Verlustziffer« lautete: =kein= Toter, =kein= Verwundeter,

=kein= Materialschaden. Gelitten hatten nur die französischen Dörfer

und Äcker. Für Frankreich ein kostspieliges Vergnügen! Wenn die

nordfranzösischen Bauern wieder einmal zu ihrer Scholle heimkehren,

werden sie entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Was würden wohl die =deutschen= Bauern dazu sagen, wenn es bei =uns= so

gekommen wäre, im ganzen Reich! Im Feuerbereich der Franzosen kein Haus

mehr, keine gefüllte Scheune, kein Vieh! Jeder Wald verwüstet, die Zäune

zerstampft, jeder Acker zerrissen von den Granatentrichtern, alles Feld

zerschnitten, zerrupft, entzweigesägt und unterwühlt von Laufgängen,

Schützengräben und Minenkellern! Jahre und Jahre werden nötig sein, bis

hier wieder fruchtbares Feld und blühende Dörfer entstehen. Um unseren

deutschen Bauern deutlich zu machen, was ihnen erspart blieb, sollte man

sie mit Extrazügen hierherbringen und ihnen diese Vernichtungsbilder des

Krieges zeigen. Da würde der Wille, die deutsche Kraft zu nähren und zu

erhalten, baumdick in ihnen erwachsen.

Jetzt eben sitze ich in einem der hohen, zweirädrigen Bauernwägelchen,

wie sie hier in Nordfrankreich üblich sind. Der Bauer, dem das

Wägelchen samt Gaul und Geschirr gehörte, ist »abgereist« -- zum

Unterschied von seinen vornehmen Landsleuten tat er es nicht freiwillig.

Solche Wagen sollten auch bei uns in Deutschland heimisch werden; sie

sind billig, sind bequem, gleiten leicht dahin und strengen auch auf

schlechten Wegen den Gaul nicht an. Auch sieht man nett in die Weite,

wenn man so hoch oben sitzt. Heute ist's mit der Rundsicht freilich

mager bestellt; es regnet nicht, aber alles ist grau verschleiert.

Mein Kutscher, feldgrau natürlich, ist ein Hausmeister aus

Fürstenfeldbruck, ein braver und ruhiger Mann, der gerne von seiner

Frau und seinen Kindern erzählt. Aber er hat die cholerische Gewohnheit

angenommen, jedesmal, so oft er das Wort »Franzosen« oder »Frankreich«

gebraucht, den wütenden Zwischenruf zu machen: »So a Sauvolk auf der

Welt!« Vor allem ärgert ihn der französische Mist in den Dörfern und

Häusern. Und ganz besonders ergrimmt ihn die Pietätlosigkeit der

französischen Soldaten, die viele ihrer gefallenen Kameraden seit

Monaten unbestattet vor ihren Schützengräben liegen lassen. »So

ebbes muß sich doch strafen an die Franzosen. Bal a Volk kein Respekt

vor'm Heldentod von seine Brüder nimmer hat, so a Volk kommt seiner

Lebtag nimmer in d'Höh, sag i! Dös gibt's einfach gar nicht, daß uns

d'Franzosen besiegen kunnten!«

Während dieses Ergusses hatte der Erbitterte eine Warnungstafel

übersehen und war einer Straße nachgefahren, die nicht granatensicher

ist. Ein fester Paukenschlag. Der französische Gaul will scheu werden,

mein Fürstenfeldbrucker redet ihm freundlich zu -- »Ja ja, jetzt

versteht er schon ganz gut Deutsch!« -- und richtig, der Gaul kehrt

verständig um, und nun müssen wir einen weiten Umweg machen, um mein

Ziel zu erreichen: den Schützengraben eines Münchner Regiments.

Eine Wache gebietet Halt, mein Philosoph mit seinem deutschverständigen

Rössel muß zurückbleiben, und geführt von einem jungen, freundlichen

Kriegsfreiwilligen wate ich durch die Lehmsümpfe der verwüsteten Felder.

Wenn es hier nach drei Schönwettertagen so aussieht, wie muß es aussehen

nach einem Platzregen? Ich komme an Wagen und Karren vorüber, die bei

ihren Nachtfahrten im Moraste stecken blieben. Neben einer Hecke duftet

ein totes Pferd; sein Bauch ist wie ein buckliges Faß.

Ein Rollen und Brüllen, bald nah, bald ferne; die Franzosen vertrödeln

schon wieder ein Häuflein Staatsgelder. Über einen die Wegmulde

sperrenden Rübenacker müssen wir flink und mit geduckten Köpfen

hinüberspringen; das Feld sieht aus wie ein Sieb, dessen Boden ein

bißchen unregelmäßig durchlöchert ist.

Nun empfängt mich ein kleiner Wald; er hat einen neuen Namen bekommen:

»das bayerische Hölzl«. In dem wirren Gezweige leuchten viele, viele

blinkweiße Flecken: die Splitterwunden der von Granaten getroffenen

Bäume. Vor dem Eingang in den Wald ist ein Damm aufgeschichtet, um

das Regenwasser und die Schlammbäche abzuwehren. Jetzt geht es einen

schmalen Weg entlang, der mit festen Prügeln belegt ist, damit man

nicht bei jedem Schritte einsinkt bis über die Knöchel. Zur Rechten des

Weges gucken aus der Lehmböschung kleine, trübe, gläserne Äugelchen

heraus: die winzigen Fenster der in die Erde hineingegrabenen

Offizierskellerchen und Mannschaftshütten. Hier wohnt und schläft und

ißt und arbeitet, wer nicht Dienst im Schützengraben hat.

Junge Offiziere empfangen mich, liebenswürdig und gastfreundlich. Wie

alt muß ich schon sein, weil auch ein Major für mich noch aussieht

wie ein Jüngling in Uniform! Ein flinker, prächtig mundender Imbiß in

solch einem kleinen, ganz gemütlichen Kellerchen. Dann geht es hinaus.

Überall, wohin meine Augen im Walde fliegen, seh' ich Arbeit, Arbeit und

Arbeit. Wege werden gebaut und mit Prügeln gepflastert; hier gräbt man

Rinnen zur Trockenlegung des Bodens und zur Ableitung des Wassers; eine

steile, rutschige Waldtreppe wird ausgebessert -- es steht da auf einem

Täfelchen: »Gasteiger Anlagen, Automobile fünfzehn Kilometer.« Hier baut

man neue Unterstände für je dreißig Mann, überwölbt sie mit Wellblech

und behütet das Dach mit dicker Lehmlage. Dort, im Gewirr der Stauden,

geht es reihenweise hin und her, da schleppt man die Eisenbahnschwellen,

die Bretter, die Balken und Pfähle, die Strohgarben und Lattenroste

durch den Wald hinauf, und droben wird alles zurechtgelegt für die

Nachtarbeit, bei der diese notwendigen Dinge auf Pfaden, die man am Tage

wegen der singenden Vögelchen nicht begehen kann, in die Schützengräben

wandern. Dieses Gewimmel fleißiger Arbeit -- das ist die »Ruhepause«

unserer Feldgrauen! Schließt man die Augen und sieht diese schleppende

Plage nimmer, so glaubt man wirklich an heitere Ruhe, denn immer hört

man ein Lachen, überall klingen fröhliche Worte.

Ich sehe zwei von unseren gesegneten Feldküchen am Werke; sie brodeln

und qualmen und riechen gut und werden am Abend den gesunden Hunger

der Unseren stillen. Wie eine liebe Freude ist dieser Gedanke in mir!

Und da greift mir plötzlich etwas Hartes und doch etwas wunderbar

Schönes an den Hals und tief in das Herz hinein -- ich stehe vor dem

»Waldfriedhof«! So nennen sie diesen kleinen stillen Platz. Zwischen

vier großen Eichen haben sie sauber gemacht, den Weg besandet und einen

Zaun gezogen. Alles, was in dem schneelosen nordfranzösischen Winter

immergrün ist, das haben sie weit in der ganzen Gegend gesammelt, haben

es hier mit den Wurzeln eingepflanzt und haben es so sorgsam gepflegt,

daß es schon jetzt zu treiben beginnt und neue Blätter bildet: Lorbeer

und Stechpalme und Buchs und Efeu. Aus den zerschossenen Dörfern haben

sie Marienstatuettchen und Kruzifixe herbeigetragen, eins für jedes Grab

-- und haben die Holzkreuze schön ausgeschnitten, haben sie bemalt,

haben in hübscher Schrift die deutschen Heldennamen draufgeschrieben,

haben rührend kindliche Verse gedichtet -- und haben so diesem ernsten

Platz, auf dem die grün geschmückten Hügel in breiter Reihe liegen,

etwas Heiligfrohes gegeben, etwas Frühlingshaftes in aller Kahlheit

dieser Winterszeit. Das ist keine Stätte des Todes -- das ist ein grüner

Tempel der Auferstehung und des ewig blühenden Lebens.

Meine Deutschen! -- -- Wenn du von =denen= sprichst, du Philosoph aus

Fürstenfeldbruck, dann mußt du =anders= sagen: »=So ein Prachtvolk

auf der Welt!=« -- Solch ein Volk? Und untergehen? Nicht Sieger und

Lebensgärtner auf Erden bleiben? Dieser Gedanke wäre Irrsinn oder

verbrecherischer Zweifel an Gottes logischem Schöpferwillen!

Das deutsche Bild, das ich gesehen, verläßt mich nimmer! Heiß zittert

in mir die dankbare Ehrfurcht nach, während ich hinter den führenden

Offizieren hinaufwate durch den engen, pfützigen Lehmgraben, dessen

Boden und Wände mich einwickeln in gelben Schlamm. Immer weiter führt

er hinaus in das vom schärfsten und gröbsten aller Pflüge, vom Pflug

des Krieges, durchackerte Feld. Immer knallt es und dröhnt. Wieder muß

ich an ein friedliches Schützenfest denken -- so pufft und donnert es

immer, wenn gegen Abend die Schützen sich beeilen, und wenn im guten

Büchsenlicht vor der Dämmerstunde bei vielen Punktschüssen die Böller

gelöst werden.

Jetzt stehe ich auf der Wallbank und spähe durch die Scharte eines

Stahlschildes nach der feindlichen Stellung hinüber. Ein Grauen, das

mir durch alle Knochen rieselt, macht mich schauern wie bei Frost. Da

draußen liegen sie. Es sind nicht die ersten verwesenden Toten, die

ich sehe. Aber in solcher Menge! Zorn und Ekel und Erbarmen kämpfen

in mir. Dreiundfünfzig kann ich zählen. Jene, die am mutigsten waren,

liegen weit voran, jeder für sich allein -- hinter ihnen die anderen,

zuerst eine kurze, dann eine lange Reihe. Manche liegen wie behagliche

Schläfer; manche sehen aus, als wollten sie eben aufstehen und hätten

in den Beinen einen Krampf bekommen, der sie unbeweglich machte; andere

haben die Füße hochgeschlagen, wie erstarrt inmitten eines Purzelbaumes;

einer gleicht einem orientalischen Beter, der auf den Knien liegt und

mit ausgebreiteten Armen die Stirne zur Erde beugt; und einer scheint

wie in wildem Zorne stumm zu lachen und hält die beiden geballten Fäuste

gegen den Himmel gestreckt. Ganz braun sind diese Fäuste, so braun wie

die Fäuste eines Arabers. Und die gleiche braunschwarze Farbe liegt auch

über allen Gesichtern dieser einst weiß gewesenen Europäer -- soweit

ihre Gesichter noch vorhanden sind. Vögel und Mäuse haben da schon ihre

abmindernde Arbeit getan. Die Farben der Mäntel und Uniformen sind

verblichen; und jenen Toten, die beim Sturz das Käppi verloren, hat der

wochenlange Regen das Haar über Stirn und Schläfe gekämmt. So liegen sie

seit dem 18. Dezember; und ein Dutzend Schritte hinter diesen von aller

Heimat Verlassenen, die doch tapfere Helden ihres Volkes waren, schlafen

und essen und trinken im französischen Schützengraben ihre lebenden

Brüder! Denen boten die Deutschen einen Waffenstillstand zur Bestattung

ihrer Gefallenen an. Die Franzosen lehnten ihn ab. Warum? Weil sie darin

einen Vorteil für die Deutschen witterten? Weil sie glaubten, der stete

Anblick dieses Todes würde die Deutschen verzagt machen? Oder weil sie

hofften, dieser Leichenwall würde ihr empfindliches Ohlala-Häutchen vor

den bayerischen Gewehrkolben behüten? Oder nur, weil sie zu zivilisiert

und zu faul waren, um eine etwas mühsame und unästhetische Pflicht der

Pietät zu erfüllen?

Fürstenfeldbrucker! Ich will beim Gedanken an diese verlassenen Toten

dein zorniges Philosophenwort nicht nachsprechen. Aber =recht= hast du!

Nach diesen Minuten des Schauders ist mir der Anblick unserer

Feldgrauen, die den Waldfriedhof anlegten, wie Erlösung und Trost, wie

aufatmende Befreiung.

Der Schützengraben, in dem ich da stehe, ist einer der

niederträchtigsten -- nur haltloser Lehm, immer in rutschender Bewegung,

alles eine Spottgeburt aus Dreck und Wasser. Mit Spaten und Brettern,

mit Flechtwerk und Lattenrost kann man dieses klebrigen, schleichenden

Feindes nicht Herr werden -- nur mit Humor. Recht bezeichnend heißt

eine Strecke dieses Schützengrabens das »Pfuiteufelgasserl«. Ein

Verbindungsgang hat sogar einen variablen Namen: bei leidlich trockenem

Wetter heißt er »König-Ludwig-Straße«; steigt das Grundwasser, so heißt

er »König-Ludwigs-Kanal«. Und in einer Grabensenkung, die =immer=

Wasser hat, bis übers Knie herauf, zeigt ein Täfelchen die Inschrift:

»Bitte nicht auf den Boden spucken!« Man begreift da den Sänger aus

dem feldgrauen Volke, der sich in einer lyrischen Schilderung des ihm

geläufigen Milieus zu dem Verse verstieg:

»Der Schützengraben, wenn ich nicht irr',

Ist dem heiligen Peterl sein Nachtgeschirr!«

In einem Höhlchen sitzen drei mit gekreuzten Beinen wie Türken und

spielen Tarock. Einen hör' ich sagen: »Daheim ist daheim!« Nebenan

spielt einer die Mundharmonika, sein Kamerad singt leise dazu, ein

bißchen melancholisch -- und ich höre im Vorübergehen den Vers:

»Jatz hot sie einen andern Buam!«

Auf dem Türchen eines Schlupfes steht: »Meilerhütte« -- auf dem

nächsten: »Arminshütte«; da hausen Mitglieder des Alpenvereins; einer

ruft mir zu: »Dös weard jetzt wieder a schöner Roman, gelt?« Und weil

ich auf dem Hirndach eine ziemlich dicke Mähne habe, die sich in meinen

drei Feldwochen schon merklich streckte, winkt mir ein Lachender: »Sö,

i bin Frisör, soll i Eahna vielleicht d' Haar stutzen?« Und beim Sausen

eines Haubitzenschusses hör' ich, wie einer warnt: »Obacht, a Rollwagerl

kimmt!«

Einer sitzt ruhig in seinem Höhlchen und guckt aus der

Liebesgabenkopfhaube heraus wie ein mittelalterlicher Ritter aus seinem

Eisenhut. Ich frage: »Ist's warm da drinnen?« Er lacht: »Hundskalt!

Aber halbert trocken, Gott sei Dank! Vor acht Tagen hast allweil gmoant,

du mußt a Fisch wearn!« Ein anderer fällt ein: »Ah, dös is gut so!

Früher, daheim, da is man so von eim Tag in andern einitorkelt, und nie

hat man verstanden, was man hat vom Leben. Jetzt, bal i heimkomm, jetzt

weiß i, was 's Leben wert is und wie man leben muß!«

An dem meterbreiten Zwischenraum zweier Unterschlupfe ist eine

Blechtafel befestigt: »Hier ruht in Gott ...« Ehe der Schützengraben

ausgehoben wurde, begruben hier die Deutschen einen Unteroffizier; diese

Erdstelle ließ man beim Bau des Grabens unberührt; zur Rechten und

Linken des Todes wärmt sich jetzt und ruht und schlummert das gesunde

Leben.

Während des Weiterstapfens durch den Graben erzählen mir die Offiziere

von dem mißglückten Durchbruchversuch der Franzosen am 18. Dezember.

Mitten im heißesten Gefecht ereignete sich da ein heiteres Intermezzo.

Ein Bayer, der mit dem Bajonett losrennen wollte, erkannte in seinem

Feind einen »Spezi«, der drei Jahre in München als Kellner gedient

hatte. »Jesses! Du? Was tust denn =Du= da?« Der Franzose antwortete im

reinsten Münchnerisch: »Durchbrecha tean mer.« Und der Bayer lachte: »So

so? Da gib nur glei' dei' G'wehr her!« Die Sache war erledigt.

Im Unterstand eines Artillerieleutnants bekomme ich noch ein kleines,

verheißungsvolles Stilleben zu sehen: das Fensterchen ist mit

sprossenden Efeustöcken bestellt -- und die Blumentöpfe bestehen aus

feindlichen »Ausbläsern«, aus den Stahlhülsen französischer Granaten,

die keinen Schaden anrichteten.

Steil geht's hinunter und drüben noch steiler hinauf; ein Drahtseil ist

angebracht, wie bei einer gefährlichen Kletterstelle im Hochgebirge. In

der Mulde ist der Wall Schulter an Schulter besetzt. Und drüben, wo es

aufwärts geht, an etwas exponierter Stelle, warnt mich der Offizier:

»Den Kopf ducken! Für die Stelle haben die Franzosen drüben einen

Spezialisten.« Nicht weit von dieser Platte ist in der vergangenen Nacht

ein junger Fähnrich bei einer Erkundung gefallen.

Meine Führer wollen umkehren, wir sind an der Grenze ihres Gebietes;

aber der junge freundliche Leutnant des Nachbargrabens erklärt: »Wir

haben was da droben, das =muß= man sehen!« Mit flinker Kletterei geht es

aufwärts.

Ja! Das =mußte= ich sehen: =die Madonna im Schützengraben=! Früher

stand sie draußen an einem Feldweg, zwischen der deutschen und der

französischen Stellung, immer von den Kugeln bedroht. Vier stämmige

Bayern haben sie in einer finsteren Nacht hereingeholt in den Graben:

eine lebensgroße Mutter Maria mit dem Kinde, aus schwarzem Eisenguß.

Der Schöpfer dieses Bildwerkes muß halb ein Künstler, halb ein Bauer

gewesen sein. Etwas Naiv-Rührendes spricht aus dem zarten Schmalgesicht

der Maria, wie aus der spielenden Geste des heiligen Kindes. Nun steht

diese schwarze Madonna kugelsicher in einer Lehmnische des deutschen

Schützengrabens, ist mit Buchs umkränzt, mit Efeu umwunden -- und unsere

Feldgrauen, ehe sie sich schlafen legen, knien da, mit der Mütze vor der

Brust.

Die sinkende Dämmerung umwebt das Bildwerk mit immer dichter werdenden

Schleiern. In mir ist ein Sinnen, so andächtig und froh, wie ein

gläubiges Gebet. Dann steigen wir über das offene Feld zum »Bayerischen

Hölzl« hinunter und brauchen dabei die Köpfe nimmer zu ducken; für den

»Spezialisten« im französischen Schützengraben ist es bereits zu dunkel

geworden.

Eine deutsche Batterie gibt noch vier Schüsse ab. Ihr Hall und das

Krachen der platzenden Granaten weckt ein langrollendes Echo an den

Waldsäumen. Abendläuten im Felde!

Ich werde bleiben bis zum Morgen, weil ich die »Nachtruhe« der

Feldgrauen am eigenen Leib erfahren will. Was man würdigen soll, das muß

man kennen.

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Reise zur deutschen Front, 1915 · 第 14 / 23 题