Da nickt er lachend: »Ah ja! A bißl ebbes darf man sich schon vergunnen.
Wer weiß, wie lang 's dauert?«
Jetzt hör' ich plötzlich die Schüsse wieder, höre das Pfeifen der
Kugeln. Und nicht weit von der Stelle, wo ich stehe, vernehm' ich einen
wütenden Fluch: »Himi Herrgott Kreizteifi überanand!« Erschrocken
springe ich hin. Ein langer Kerl mit zausigem Rotbart steht bei einer
Schießscharte und repetiert das abgeschossene Gewehr. »Was ist denn,«
frage ich, »sind Sie verwundet?«
»I? Ah na! Aber da drunt, an dem roten Stadel, da is a Loch. Da schießt
allerweil einer außi. Und dös Luder kann i net derwischen. Allweil
pulver i ums Loch umanand. Nie bring' i's sauber hin.«
Ich gucke neben dem Mann durch die Schießscharte hinaus und ins Tal
hinunter. Der Ausschnitt der Landschaft, den ich sehe, ist wie ein
Bild in hölzernem Rahmen: ein Stück Talgelände, die Erdwälle des
französischen Schützengrabens und in der Mitte des Bildes ein halb
in Schutt geschossenes, tot und öde liegendes Dorf mit umgestürztem
Kirchturm und ausgebrannter Kirche. Alles, was Leben heißt, scheint
erloschen da drunten. Aber Schüsse knallen, bald hier, bald dort; man
sieht keinen Rauch, sieht keinen Feuerstrahl, weiß nicht, woher die
pfeifenden Vögelchen kommen. Jetzt entdecke ich den »roten Stadel«; es
ist ein plumper Bau aus Ziegelsteinen; und mitten in der roten Mauer
ist ein kleiner, runder, schwarzer Fleck, ein in die Mauer geschlagenes
Schießloch; von hier oben sieht es aus wie ein Tintenfleck, in
Wirklichkeit mag es so groß sein wie ein Hut. Vierhundert Meter sind es
bis dort hinunter. Eine feste Hand und ein sicheres Auge gehört dazu, um
über solche Entfernung eine Kugel richtig auf den Fleck zu bringen. Ich
gucke mit dem Feldstecher. In dem Loch ist nicht das geringste zu sehen,
aber rings um den schwarzen Fleck herum erkenne ich an der roten Mauer
die Einschlagtupfen der Kugeln, die umsonst da hinuntergeflogen sind.
»Wart', Brüderl,« sagt der Rotbärtige, noch mit heißem Zorn in der
Stimme, und schiebt den Gewehrlauf langsam durch die kleine Scharte des
Stahlschildes hinaus, »jetzt wird amal aufpaßt, urdentli!«
Drunten knallt es, der französische Vogel pfeift, und über unseren
Köpfen spritzt der Lehm auseinander. Ich mache flink einen Schritt nach
rückwärts, drehe mich um dabei -- und muß herzlich lachen. Neben einem
Gängelchen, das seitwärts hinaus gegraben ist, seh' ich eine kleine
Holztafel hängen mit der Inschrift: »Zur Latrine und zur Kochstelle!
Bitte nicht verwechseln!«
Solcher Heiterkeiten sind im Schützengraben neben der schlummerlosen
Gefahr noch viele zu finden. Ein paar Dutzend Schritte weiter, neben
dem Türchen, hinter dem der Unteroffizier seinen Nachtschlupf hat,
steht angeschrieben: »Villa Granateneck«. Dieser Bezeichnung ist noch
das lyrische Motto beigefügt: »Im tiefen Keller sitz' ich hier!« Und
eine steil nach abwärts führende Stelle des Schützengrabens, die dem
feindlichen Feuer ausgesetzt war und deshalb mit Wellblech und dick mit
Erde überdeckt wurde, trägt die Inschrift: »Nordfranzösische Rodelbahn«.
Solcher Humor in einer Luft, in der bei jedem Kugelpfiff der Tod auf
dem Sprunge nach einem deutschen Leben steht, ist nicht allein als der
Ausfluß derber Gesundheit und guter Rasse zu erklären. Der schöne, klare
Brunnen solch unverwüstlicher Heiterkeit am Rande des immer harrenden
Grabes kann nur aus dem kraftschenkenden Bewußtsein redlichster
Pflichterfüllung strömen.
Von dem Frohsinn, den ich hier sehe und höre, fliegen meine Gedanken
immer heimwärts. Es ist wahr: wir in der Heimat leisten viel, Tausende
leisten weit über ihre Kräfte, und gerade hier, auf erobertem Boden,
höre ich immer wieder die herzlichste Anerkennung unseres Heimatwerkes.
Aber neben den Opferwilligen gibt es auch Drückeberger, Vorsichtige,
Zurückhaltende und Ängstliche. Täten wir =alle= daheim so bis zum
letzten Atemzug unsere deutsche Pflicht, wie diese Getreuen hier im
Schützengraben, dann wäre nicht ruhelose Ungeduld in vielen von uns,
sondern Ruhe, Zuversicht und frohe Festigkeit wäre in uns allen. Da
würde der Groschen nicht zählen, den wir verlieren, keine Bedrängnis
unserer wirtschaftlichen Lage, keine nötige Einschränkung, keine Sorge
und kein Opfer unseres Lebens! --
Der Schützengraben macht eine Wendung und ich stehe vor einem Bilde,
das mich tief ergreift. Außerhalb des Grabens, gegen die französische
Seite hin, ragt zwischen laublosen Bäumen ein mächtiges Feldkreuz in die
Luft. Nicht nur das schwarze Kreuzholz, sondern auch das farbig bemalte,
überlebensgroße Schnitzwerk, das den Erlöser zeigt, ist von vielen
Kugelschüssen durchsplittert, von Schüssen, die aus der französischen
Stellung kamen. Und der zerschossene Leib der ewigen Güte hält die
Arme ausgebreitet mit einer großen, heiligen Gebärde, aus der etwas
Schützendes und Hilfreiches zu mir redet.
Einer von den beiden Offizieren, die mich geführt haben, sagt nach einer
Weile: »Es wird Abend. Irgendwo =müssen= wir umkehren. Das geht ja hier
so weiter bis nach Ostende.«
Auf dem Rückweg gibt's einen Aufenthalt. Eine Lehmwand ist
heruntergebrochen und hat auf zehn Schritte weit den Graben
verschüttet. Vier Soldaten schaufeln, daß ihnen der Schweiß von
den Gesichtern tropft; mehr können bei der Enge des Grabens an der
Ausbesserung des Schadens nicht arbeiten. Während wir wartend dastehen,
schlüpft einer, der mich kennt, durch das Türloch seines Höhlchens
heraus -- einer aus der Garmischer Gegend, der mich vor Jahren einmal
auf die Alpspitze führte. Er begrüßt mich so herzlich und freudig,
als wäre seine Heimat mit Haus und Berg zu ihm gekommen. Während wir
schwatzen, immer von daheim, treten noch ein paar andere zu uns, jeder
so gelb wie sein Kamerad, aber jeder mit dem gleichen, ruhigen, gesunden
Gesicht. Allerlei Fragen richten sie an mich -- gar manche ist darunter,
die zu beantworten mir schwer fällt. Einer, mit dürstender Sehnsucht in
den Augen, fragt mich: »Was meinen S', wie lang wird's denn noch dauern?«
Ich suche nach Worten. »Da bin ich überfragt. Es ist möglich, sogar
wahrscheinlich, daß auf dem Festland die Hauptsache schon in sechs bis
sieben Wochen zur Erledigung kommt. Aber es kann auch noch ebensoviele
Monate dauern.«
Nach kurzem Schweigen eine feste Soldatenstimme: »No ja, muß man halt
aushalten! Durchreißen tun wir's alleweil, so oder so!«
An dieses tapfere, zuversichtliche Wort schließt sich eine etwas
wunderliche Frage, die mit dem vorausgegangenen Gespräch keinen
Zusammenhang zu haben scheint. Dennoch ist eine Beziehung vorhanden.
Eine sehr ernste.
»Sie, sagen S' amal, ob dös wahr is, was die Meinige allweil schreibt:
daß daheim in der Stadt die jungen Weibsbilder so ausg'schaamt in die
Kaffeehäuser hocken, pariserisch anzogen, daß man d' Haxen sieht bis
halbert zur Grattl auffi?«
Trotz der derben Ausdrucksweise lacht keiner von den Lehmgelben; sie
scheinen die Frage für eine sehr wichtige und würdevolle zu halten. Ich
schüttle den Kopf. »Nein! So stimmt das nicht. Unsere deutschen Frauen
und Mädchen sind da nicht gemeint. Nur ein paar dumme Modegänse, ein
paar krankhafte Auslandsaffen. So was zählt doch nicht.«
Einer sagt: »Dö sollten =uns= anschauen!« Ein anderer brummt: »Bal s'
vier Nächt lang da im Graben hocken müßten, in der nassen Sooß, bis
übers Knie nauf, i glaub, dö taaten si' bald an andre Montur verlangen!«
Und ein dritter gibt den Rat: man sollte diesen Ausnahmen jeden Tag ein
paarmal jene Sache vollhauen, die Goethe durch einen Gedankenstrich
bezeichnete -- von diesem Gedankenstrich weiß natürlich der lehmgelbe
Pädagoge nichts, er gebraucht im Ärger sehr ungeniert das übliche
Volkswort.
Der Weg ist ausgeschaufelt. Wir können weitergehen. Ich komme an dem
Rotbärtigen vorüber, der das Gewehr im Anschlag hat und immer lauert,
ganz unbeweglich.
Nach wenigen Schritten gewahre ich etwas Seltsames. Beim Herweg fiel es
mir nicht auf, erst jetzt entdecke ich's. Will mitten im harten Winter
der grüne Frühling kommen? Eine Bodenstelle des Schützengrabens ist dick
mit frischem, spannenlangem Gras überwuchert. Gras? Nein! Das ist junges
Getreide. Von den ungedroschenen Garben, die ein Feldgrauer vor vier
Monaten in seinen Unterschlupf hineinstreute, sind die Körner abgefallen
und in die nasse Erde hineingetreten worden. Jetzt gehen sie auf.
Ich sehe dieses frische, üppige Grün, und etwas Freudiges, Warmes und
Hoffnungsvolles ist mir im Herzen.
Drunten bei den Franzosen kracht ein Schuß. In der Luft das feine
Singen. Und wenige Schritte hinter mir spritzen von der Holzversteifung
einer Schießscharte die Splitter weg. Jetzt ein Schuß im deutschen
Graben. Dann die ruhige Stimme des Rotbärtigen, den ich nimmer sehe: »No
also! Endli amal!«
Ich brauche nicht umzukehren. Auch ohne zu fragen, weiß ich, was der
kurze, zufriedene Monolog des Rotbärtigen bedeutet. Wohl denke ich auch
daran, daß jetzt da drunten im roten Stadel ein Leben verblutet; aber
vor allem muß ich denken: daß unsere Feinde wieder weniger wurden um
einen.
Ein langer Weg noch, durch den Laufgraben und über die dämmernden
Rübenfelder.
Kanonenschüsse und Granatenschläge dröhnen in rascher Folge. Die
Franzosen tasten wieder nach der deutschen Batterie umher und können sie
nicht finden.
Beim Einsteigen in den Wagen bemerke ich, daß ich nicht viel anders
ausschaue als die Lehmgelben im Schützengraben. Ich fühle aber doch
einen beträchtlichen Unterschied. So heiß, wie an diesem Abend, hat noch
nie die Frage in mir gebrannt: »Was kann ich leisten als Bürger, wie
kann ich nützen?«
Im Westen ein leuchtender Streif und drüber ein zartes Blau und Weiß.
Auch die Höhe klärt sich auf, und ich sehe den Schimmer des Vollmondes.
Der Kaisertag hat gutes Wetter gebracht. Bleibt der Himmel so, dann
werden es die Unseren im Schützengraben besser bekommen.
9.