Eine tiefe Erregung brennt mir in allen Nerven. Das Herz schlägt mir bis
in den Hals herauf.
Bei jedem Blick, bei jedem Schritt im Schützengraben seh' ich die
tapfere Mühsal, die mutige Beharrlichkeit und treue Ausdauer unserer
Feldgrauen, deren Uniformsfarbe völlig verschwindet unter dem gelben,
klumpigen Lehmbehang.
Alle zehn Schritte steht bei einem kleinen, mit Bohlen ausgelegten
Guckloch oder bei den schmalen Schießscharten der Stahlschilde ein
Wachtposten mit blitzenden Späheraugen, in den von Nässe und Kälte
zerschrumpften Händen das schußbereite Gewehr. Immer wieder sticht
dieses scharfe Knallen in die dunstige Luft, hier im Graben und drunten
im Tal, und immer wieder geht dieses feine Pfeifen der Kugeln über
unsere Köpfe weg. Keiner von den Wachtposten kümmert sich um uns, keiner
salutiert die Offiziere, die mich führen, jeder ist mit gespannter
Aufmerksamkeit bei den feindlichen Dingen, die da draußen sind.
Von denen, die nicht auf Wache stehen, rasten die einen, die anderen
arbeiten. Hier wird hastig geschaufelt, um den Schutt und Schlamm
der vom Regen unterwaschenen und heruntergerutschten Lehmwände
aus dem Graben zu werfen, eine Erdbewegung, die bei schlechtem
Wetter ununterbrochen durch Tage und Nächte fortdauert. Dort werden
Entwässerungskanäle gezogen und Löcher gegraben, in denen das Regen- und
Sickerwasser versitzen kann.
Der Boden des Grabens ist, weil es einen Tag lang nimmer geregnet hat,
schon leidlich trocken; aber die mannshohen Wände sind so klebrig, daß
sich bei jedem stützenden Griff alle Finger gelb umwickeln. Und so eng
ist der Gang, daß man bald rechts und bald links mit Ellenbogen und
Schultern, mit Knien und Hüften, beim Umdrehen und Ausweichen auch mit
Brust oder Rücken an diesen Lehmteig anstreift.
Jene Grabenschützen, die ein bißchen rasten können, sitzen oder liegen
in den winzigen Schlupfen, die unterhalb der Schießscharten in die
Lehmwände hineingehöhlt sind. Jedes Unterstandsloch hat knapp so viel
Raum, daß zwei Soldaten sich nebeneinander zusammenhuscheln können;
Wände und Decken sind manchmal, nicht immer, mit Brettern ausgepölzt;
der Boden ist handhoch mit Stroh belegt, meist mit ungedroschenem
Getreide, das von den Feldern weggerafft wurde; Mäntel, Zeltbahnen
und Wolldecken, die in den Nächten vom Tropfwasser durchnäßt wurden,
sind neben den Einschlupflöchern zum Trocknen aufgehängt; zuweilen
ist in die Seitenwand der Löcher mit einigen Steinen ein kleiner,
urweltlich ausschauender Ofen eingemauert, in dem die feuchten
Prügelchen glühen und qualmen. Manche der Löcher sind mit Säcken
verhängt, andere haben ein schützendes Türchen, das meist nur aus zwei
oder drei zusammengenagelten Brettstücken besteht; aber auch feineres
Material wurde zu diesem Zwecke verwendet: der grüne Fensterladen einer
Villa, eine polierte Schranktüre, das bunt verglaste Fenster eines
Gartenhäuschens; sogar die Kupeetür einer Droschke ist vertreten --
alles herbeigeschleppt in finsteren Nächten, und an all diesen Dingen
ist die Farbe halb verschwunden, alles ist gelb, alles gesprenkelt von
den Griffen der lehmigen Hände.
In diesen Löchern sitzen die Rastenden und schwatzen ruhig und heiter;
jene, die in der Nacht bei den Schießscharten wachen mußten, liegen
jetzt am Tag in einem so bleischweren Schlaf, daß kein lautes Wort und
kein knallender Gewehrschuß sie zu wecken vermag; andere liegen auf
dem Bauch, benützen den Tornister als Schreibtisch und kritzeln einen
Kartengruß, der in die Heimat wandern soll.
Von solch einem Schreibenden sah ich den Körper und die langsam bewegte,
schwere Hand. Ich frage in das Loch hinein: »So? Wird an den Schatz
geschrieben?« Da dreht sich ein blondbärtiges, strenges Gesicht herum,
zwei blaue Mannsaugen sehen mich aus dem Zwielicht heraus sehr mißlaunig
an, und eine unwillige Stimme sagt: »Was glaubst denn? An d' Frau!«
Ich kann nicht schildern, wie dieses schöne grobe Wort auf mich wirkte.
Es war mir wie ein wundervolles Lied von der redlichen Herzensreinheit
dieses deutschen Mannes. Seine Frau, seine Kinder, seine Heimatstreue
und seine Soldatenpflicht -- das ist seine Welt. Was anderes gibt es
nicht für ihn. Und wie dieser eine, so sind Tausende, sind Millionen der
Unseren. Wer will uns besiegen?
Auf- und niederklimmend durch den engen Graben, stapfe ich an hundert
Lehmgelben vorüber, an vielen Dutzenden von diesen Schlupfen und
Löchern. Ich höre nimmer die Schüsse knallen, höre nimmer das Pfeifen
der bleiernen Vögelchen, die über uns wegfliegen oder in die Lehmwälle
preschen. Immer muß ich schauen, immer vergleichen zwischen der
heldenhaften Geduld, die ich hier sehe auf Schritt und Tritt, und
zwischen der nervösen und krittelnden Ungeduld, deren wir uns schuldig
machen in der Heimat. Und immer muß ich rechnen: daß diese Tapferen seit
Ende September, die mit Arbeit ausgefüllten »Ruhezeiten« abgerechnet, in
diesem Graben und in diesen Lehmlöchern volle sechzig oder siebzig Tage
und Nächte ausgehalten haben, ohne an Kraft und Gesundheit einzubüßen,
ohne von ihrer treuen Beharrlichkeit, von ihrer geduldigen Ausdauer
nur eine Faser zu verlieren. Nicht verloren haben sie, nein, sie haben
noch gewonnen. Einer sagt zu mir: »Z'erst is mir's schon a bisserl hart
worden. Jetzt kennt man sich besser aus und weiß, wie man's machen muß.
Auf d'Letzt lernt der Mensch alles.«
Mir werden die Augen feucht, und eine Weile vermag ich nimmer zu reden.
Immer brennt die Frage in mir: »Was hat =der= da als Soldat geleistet,
was =ich= als Bürger?« Ein bißchen gezahlt hab' ich, ein bißchen Geld
eingebüßt, einen Teil meines Einkommens verloren, fast das ganze. Und
da glaubte ich immer, was wunder ich leiste und trage und erdulde um
meiner Heimat willen! Jetzt bin ich klein und stumm. Und eine heiße,
schmerzende Scham ist in mir.
Einer von den Gelben sitzt in seinem Lehmloch neben dem heftig
rauchenden Steinherdchen. Er scheint sich sehr wohl zu fühlen, schneidet
feine Scheibchen sorgfältig und liebevoll von einer heimatlichen
Speckschwarte herunter und schmaust.