30. Januar 1915.

Eine tiefe Erregung brennt mir in allen Nerven. Das Herz schlägt mir bis

in den Hals herauf.

Bei jedem Blick, bei jedem Schritt im Schützengraben seh' ich die

tapfere Mühsal, die mutige Beharrlichkeit und treue Ausdauer unserer

Feldgrauen, deren Uniformsfarbe völlig verschwindet unter dem gelben,

klumpigen Lehmbehang.

Alle zehn Schritte steht bei einem kleinen, mit Bohlen ausgelegten

Guckloch oder bei den schmalen Schießscharten der Stahlschilde ein

Wachtposten mit blitzenden Späheraugen, in den von Nässe und Kälte

zerschrumpften Händen das schußbereite Gewehr. Immer wieder sticht

dieses scharfe Knallen in die dunstige Luft, hier im Graben und drunten

im Tal, und immer wieder geht dieses feine Pfeifen der Kugeln über

unsere Köpfe weg. Keiner von den Wachtposten kümmert sich um uns, keiner

salutiert die Offiziere, die mich führen, jeder ist mit gespannter

Aufmerksamkeit bei den feindlichen Dingen, die da draußen sind.

Von denen, die nicht auf Wache stehen, rasten die einen, die anderen

arbeiten. Hier wird hastig geschaufelt, um den Schutt und Schlamm

der vom Regen unterwaschenen und heruntergerutschten Lehmwände

aus dem Graben zu werfen, eine Erdbewegung, die bei schlechtem

Wetter ununterbrochen durch Tage und Nächte fortdauert. Dort werden

Entwässerungskanäle gezogen und Löcher gegraben, in denen das Regen- und

Sickerwasser versitzen kann.

Der Boden des Grabens ist, weil es einen Tag lang nimmer geregnet hat,

schon leidlich trocken; aber die mannshohen Wände sind so klebrig, daß

sich bei jedem stützenden Griff alle Finger gelb umwickeln. Und so eng

ist der Gang, daß man bald rechts und bald links mit Ellenbogen und

Schultern, mit Knien und Hüften, beim Umdrehen und Ausweichen auch mit

Brust oder Rücken an diesen Lehmteig anstreift.

Jene Grabenschützen, die ein bißchen rasten können, sitzen oder liegen

in den winzigen Schlupfen, die unterhalb der Schießscharten in die

Lehmwände hineingehöhlt sind. Jedes Unterstandsloch hat knapp so viel

Raum, daß zwei Soldaten sich nebeneinander zusammenhuscheln können;

Wände und Decken sind manchmal, nicht immer, mit Brettern ausgepölzt;

der Boden ist handhoch mit Stroh belegt, meist mit ungedroschenem

Getreide, das von den Feldern weggerafft wurde; Mäntel, Zeltbahnen

und Wolldecken, die in den Nächten vom Tropfwasser durchnäßt wurden,

sind neben den Einschlupflöchern zum Trocknen aufgehängt; zuweilen

ist in die Seitenwand der Löcher mit einigen Steinen ein kleiner,

urweltlich ausschauender Ofen eingemauert, in dem die feuchten

Prügelchen glühen und qualmen. Manche der Löcher sind mit Säcken

verhängt, andere haben ein schützendes Türchen, das meist nur aus zwei

oder drei zusammengenagelten Brettstücken besteht; aber auch feineres

Material wurde zu diesem Zwecke verwendet: der grüne Fensterladen einer

Villa, eine polierte Schranktüre, das bunt verglaste Fenster eines

Gartenhäuschens; sogar die Kupeetür einer Droschke ist vertreten --

alles herbeigeschleppt in finsteren Nächten, und an all diesen Dingen

ist die Farbe halb verschwunden, alles ist gelb, alles gesprenkelt von

den Griffen der lehmigen Hände.

In diesen Löchern sitzen die Rastenden und schwatzen ruhig und heiter;

jene, die in der Nacht bei den Schießscharten wachen mußten, liegen

jetzt am Tag in einem so bleischweren Schlaf, daß kein lautes Wort und

kein knallender Gewehrschuß sie zu wecken vermag; andere liegen auf

dem Bauch, benützen den Tornister als Schreibtisch und kritzeln einen

Kartengruß, der in die Heimat wandern soll.

Von solch einem Schreibenden sah ich den Körper und die langsam bewegte,

schwere Hand. Ich frage in das Loch hinein: »So? Wird an den Schatz

geschrieben?« Da dreht sich ein blondbärtiges, strenges Gesicht herum,

zwei blaue Mannsaugen sehen mich aus dem Zwielicht heraus sehr mißlaunig

an, und eine unwillige Stimme sagt: »Was glaubst denn? An d' Frau!«

Ich kann nicht schildern, wie dieses schöne grobe Wort auf mich wirkte.

Es war mir wie ein wundervolles Lied von der redlichen Herzensreinheit

dieses deutschen Mannes. Seine Frau, seine Kinder, seine Heimatstreue

und seine Soldatenpflicht -- das ist seine Welt. Was anderes gibt es

nicht für ihn. Und wie dieser eine, so sind Tausende, sind Millionen der

Unseren. Wer will uns besiegen?

Auf- und niederklimmend durch den engen Graben, stapfe ich an hundert

Lehmgelben vorüber, an vielen Dutzenden von diesen Schlupfen und

Löchern. Ich höre nimmer die Schüsse knallen, höre nimmer das Pfeifen

der bleiernen Vögelchen, die über uns wegfliegen oder in die Lehmwälle

preschen. Immer muß ich schauen, immer vergleichen zwischen der

heldenhaften Geduld, die ich hier sehe auf Schritt und Tritt, und

zwischen der nervösen und krittelnden Ungeduld, deren wir uns schuldig

machen in der Heimat. Und immer muß ich rechnen: daß diese Tapferen seit

Ende September, die mit Arbeit ausgefüllten »Ruhezeiten« abgerechnet, in

diesem Graben und in diesen Lehmlöchern volle sechzig oder siebzig Tage

und Nächte ausgehalten haben, ohne an Kraft und Gesundheit einzubüßen,

ohne von ihrer treuen Beharrlichkeit, von ihrer geduldigen Ausdauer

nur eine Faser zu verlieren. Nicht verloren haben sie, nein, sie haben

noch gewonnen. Einer sagt zu mir: »Z'erst is mir's schon a bisserl hart

worden. Jetzt kennt man sich besser aus und weiß, wie man's machen muß.

Auf d'Letzt lernt der Mensch alles.«

Mir werden die Augen feucht, und eine Weile vermag ich nimmer zu reden.

Immer brennt die Frage in mir: »Was hat =der= da als Soldat geleistet,

was =ich= als Bürger?« Ein bißchen gezahlt hab' ich, ein bißchen Geld

eingebüßt, einen Teil meines Einkommens verloren, fast das ganze. Und

da glaubte ich immer, was wunder ich leiste und trage und erdulde um

meiner Heimat willen! Jetzt bin ich klein und stumm. Und eine heiße,

schmerzende Scham ist in mir.

Einer von den Gelben sitzt in seinem Lehmloch neben dem heftig

rauchenden Steinherdchen. Er scheint sich sehr wohl zu fühlen, schneidet

feine Scheibchen sorgfältig und liebevoll von einer heimatlichen

Speckschwarte herunter und schmaust.

Reise zur deutschen Front, 1915 · 第 12 / 23 题