27. Januar 1915.

Vorgestern, bei Anbruch der Abenddämmerung, zur Vorfeier von Kaisers

Geburtstag, war Kirchenkonzert in der alten Kathedrale von Peronne.

Die Offiziere in den Chorstühlen. Und die drei Längsschiffe der Kirche

dicht gefüllt mit deutschen Soldaten. An die Tausend waren es, alle

gewaschen und sauber gebürstet. Unbeweglich, den Helm oder die Mütze

vor der Brust, saßen sie und lauschten dem kunstvollen Spiel der Orgel

und den ernsten Liedern, die gut gesungen wurden. Und als zum Schlusse

des Konzerts die Orgel zusammen mit den Bläsern der Militärkapelle

-- wahrhaftig, ein »brausender Donnerhall« -- die Wacht am Rhein

intonierte, erhoben sich die Tausend und das große deutsche Lied

schwoll empor in die gotischen Gewölbe wie ein schönes, kraftvolles und

inbrünstiges Gebet.

Barbaren-Andacht! Ja! Die Franzosen sagen doch jetzt, daß wir spirituell

minderwertig und zivilisatorisch zurückgeblieben wären, weil wir Musik

haben, der Musik bedürfen und sie lieben! Wir sind ihnen wie giftige

Schlangen, die sich durch Pfeifenspiel für Minuten bändigen lassen.

Solchem Wahnwitz gegenüber muß man heiter werden und an den kropfigen

Zillertaler denken, der einem makellos gewachsenen Fremden begegnet und

dabei sein kropfiges Söhnchen ermahnt: »Tu nit spotten, sonst straft

dich Gott, und du wirscht die gleiche Mißgeburt wie der!«

Und gestern, am Vorabend des Kaisertages, als aus schwimmenden Nebeln

eine dunkle Nacht herunterstieg, wurde auf dem großen Stadtplatz der

Zapfenstreich geschlagen. Keine aufdringliche Feier. Ein militärisches

Fest, würdig in Grenzen gehalten, einfach, vornehm, und gerade deshalb

so schön und ergreifend, etwas herrlich Helles auf dem finsteren

Hintergrunde der Zeit. Wie eine ruhige Leuchtwoge schwamm die vierfache

Reihe der Fackeln über den schwarzen Stadtplatz her und formte ihren

Flammenkreis um die Militärmusik. Außerhalb des Kreises standen die

Soldaten. Kopf an Kopf, so weit man in der Nacht zu sehen vermochte.

Die Jubelouvertüre. Noch ein paar andere, gutgewählte Musikstücke.

Dann der alte bayerische Zapfenstreich; seine strengen, geheimnisvoll

verhaltenen Trommelwirbel rütteln das Blut auf, seine munteren

Bläserweisen besänftigen es wieder. Nun tiefe Stille über dem weiten

Platz. Mit kurzen, markigen Worten brachte der Kommandierende des Korps,

General v. Xylander, das Hurra auf unseren Kaiser aus. Und die tausend

jauchzenden Soldatenstimmen klangen, als wär' es nur ein einziger

Schrei, das stolze und frohe Aufjubeln eines Riesen. »Deutschland,

Deutschland über alles!« Und die leuchtende Fackelwoge schwamm still

davon, der Platz wurde finster.

Während der Nacht vernahm ich immer den fernen Kanonendonner. Und noch

etwas anderes hörte ich. Immer. Unter der Stube, in der mein Quartier

ist, wohnen und schlafen der Besitzer des hübschen Hauses, seine

greise Mutter und seine Magd in einer kleinen Kammer. Zwei Söhne und

drei Brüder sind im französischen Heer; von denen haben sie seit Mitte

September nichts mehr gehört. Die Leute sind freundlich zu mir; sie

sagen nur Dinge, von denen sie hoffen, daß ich sie gerne höre. Ich weiß:

was sie denken, verschweigen sie; und wenn sie zu lächeln versuchen,

haben sie einen Zug voll Schmerzen um den Mund. So oft ich in die Küche

trete, schrickt die greise Frau heftig zusammen. Vor =mir=! Sie glaubt

nicht, daß ich lieber ihre runzelige Hand streicheln als sie erschrecken

möchte. Und diese drei Leute hör' ich reden in jeder Nacht, unter meiner

Stube, mit bebenden Stimmen, ganz leise. So hab' ich sie auch immer in

dieser Nacht gehört, nach dem Zapfenstreich. Und die zitternden Stimmen

erloschen nur, wenn draußen auf der Straße die Stahlschritte eines

Soldatentrupps vorüberklirrten, der zur Ablösung in die Schützengräben

zog.

=Mich= sangen diese Lieder, die sich immer aufs neue wiederholten, in

einen festen und ruhigen Schlaf. --

Nun ist der Morgen da. Es regnet nicht. Aber der Himmel ist grau

umdunstet. Sonne, Sonne, wo bleibst du denn? Bist du daheim in

Deutschland?

Eine Ruhe ist in mir, die ich nicht schildern kann. Ich empfinde sie,

wie man die Luft des werdenden Frühlings fühlt. Alle Unzufriedenheit und

Ungeduld, alles Nervöse und Zappelige, auch alle Sorge um materiellen

Verlust ist abgestreift von mir. Das zählt nicht. Nur Arbeit und Kraft

der Gegenwart zählen, nur unsere deutsche Zukunft!

Mit vielen Soldaten hab' ich mich angefreundet. Was in ihren gesunden

Knochen ist, fließt über in mich. Wir zu Hause, wir =glauben= im besten

Falle an den Sieg -- hier im Felde =wissen= sie alle: wir siegen. Aber

eines weiß ich jetzt auch schon: daß der Krieg etwas völlig anderes

ist, als ich in der Heimat vermuten und sehen konnte. Er ist etwas viel

Schrecklicheres, aber auch etwas viel, viel Schöneres!

Was wird dieser neue Tag mir wieder zeigen?

Die Fahrt geht am Ufer der Somme entlang. Auch unter den trüben

Nebelschleiern ist es noch eine wundervolle Landschaft. Über eine Breite

von vierhundert Meter verzweigen sich Kanäle, Strom, Altwasser und

Sümpfe, durchsetzt von malerischen Röhrichtfeldern, in denen Schwärme

von Wasserhühnern und Wildenten umherschlüpfen.

Nun steh' ich vor einem Meisterwerk der deutschen Pionierkunst, vor

der fast fünfhundert Meter langen Holzbrücke über die Sümpfe der

=Somme=. Als der Bau begonnen wurde, verschwanden die ersten als

Pfosten eingetriebenen Baumstämme vollständig im grundlosen Schlamm.

Dennoch wurde dieses Sumpfhindernis, von dem die Franzosen erwartet

hatten, daß es den Anmarsch der Deutschen um viele Wochen verzögern

würde, von zwei bayerischen Pionierkompagnien durch den Bau dieser

Brücke in =fünf Tagen= überwunden. Wie zierliches Filigranwerk sehen

diese Holzverschränkungen aus und tragen Regimenter, schwere Geschütze

und lange Züge von Lastautomobilen. Über den Kanälen hat die Brücke

ausschwingbare Bogen zum Durchlaß der Schiffe! Und alles in fünf Tagen

entstanden!

Das Materialdepot dieser märchenhaften Arbeit, der Pionierpark,

ist untergebracht in einer großen, zerschossenen und ausgebrannten

Fabrik. Was da in kurzer Zeit durch deutschen Fleiß, deutsche

Ordnung und deutsche Gründlichkeit entstand, das wirkt wie etwas

völlig Unglaubhaftes. Man zweifelt noch, wenn man es mit eigenen

Augen sieht. Das ganze Innere des zerstörten, nur noch von den kahlen

Mauern umschlossenen Gebäudes ist durch Brettereinbauten in eine

Reihe von Sälen, Stuben und Kammern verwandelt. Alle Räume sind mit

hölzernem Fachwerk ausgefüllt und in peinlichster Genauigkeit mit

allen Gattungen von Kriegsmaterial und Werkzeug vollgekramt. Alles ist

da, vom Minenwerfer bis zum Schuhnagel. Ein lustiges Wunder ist der

Schlafsaal, in dem ein paar hundert Pioniere und Soldaten ihr Quartier

haben. In drei Reihen durchziehen den großen Raum die zweistöckigen

Schlafschachteln -- ich finde keinen anderen Ausdruck -- die Hälfte der

Leute schläft zu ebener Erde, die andere Hälfte im Oberstock dieser

riesigen sechzigschläfrigen Bettladen. Heu und Stroh ersetzen die

Matratzen, als Kopfkissen dient der Tornister. Ich frage: »Ist denn

da gut zu liegen?« Alle lachen gleich, und einer sagt: »Ah, da is's

gut, jetzt haben wir's fein!« In den Ecken stehen die eisernen Öfen

und rings um die Mauern ziehen sich die hölzernen Tische und Bänke.

Da sitzen die Leute, wenn sie Rast haben, und schreiben Briefe und

Karten, oder essen, oder flicken ihr Zeug, oder spielen Tarock. Ein

bisserl rauchig ist es in dem Raum, nicht von den Öfen -- die ziehen

famos -- nur von den Pfeifen und Zigarren. Auch ein Badhaus ist da, und

ein Duschraum, mit einem Fabrikskessel als Warmwasserreservoir und mit

einer Feuerspritzenpumpe, die den »Hochdruck« liefert. Und der mächtige

Hofraum ist ein Gewimmel von Soldaten, Pferden und Lastkarren, ein

Durcheinanderhuschen von ruhelosem Fleiß.

Weiter geht die Fahrt, über kahles Feld. Bald müssen wir halten -- das

Auto kann oder darf aus irgendwelchem Grunde nimmer vorwärts. Ich stehe

auf dem Acker, gucke herum und frage mich: »=Was ist da los?=« Nichts

zu sehen, nur dieses stille, leblose Feld. Hinter dem Dunst des trüben

Tages liegt da und dort ein Dorf. Und überall dunkle, kleine, niedliche

Wäldchen. Ich denke mir noch: »Das müßte eine gute Fasanengegend sein!«

Da hör' ich irgendwo in der Luft einen merkwürdigen Vogel singen. So

ähnlich klingt es, wenn eine Radfahrersirene zu pfeifen anfängt. Mit

uuuuh beginnt es, und mit iiiih hört es auf. Neben dem Saum eines nahen

Wäldchens fährt weißer Dampf in die Höhe, der sich in schwarzen Rauch

verwandelt und wie zum Qualm einer Brandstatt wird. Eine halbe Sekunde

später ein schwerer Donnerschlag. Jetzt kapiere ich: was ich sehe und

höre, ist der Einschlag einer französischen Granate. Alles ist schon

lange vorüber, da hört man erst, acht oder zehn Sekunden später, den

fernen Hall des feindlichen Geschützes.

Auf dem weiten Felde ist kein Mensch zu gewahren. Doch! Mit dem Glas

erkenne ich einen Soldaten, der nahe bei dem Wäldchen ruhig in einem

Acker steht; er hat ein Notizbuch in der Hand und notiert etwas. Sehr

friedlich sieht das aus. Wieder dieses Sausen in der Luft, wieder der

aufwallende Rauch, ähnlich dem Atemzug eines vulkanischen Kraters,

und wieder dieses Dröhnen. Eine um die andere kommt, über vier oder

fünf Kilometer von der unsichtbaren feindlichen Stellung her. Und

immer näher rücken sie gegen das Auto. Die beiden freundlichen

Offiziere, deren Gast ich bin, wünschen sehr lebhaft, mich wieder im

Auto zu sehen. In jagender Fahrt geht es davon. Hinter uns immer diese

dumpfen Paukenschläge. Ob eine Granate zu der Stelle kam, wo unser

Auto gestanden, weiß ich nicht. Wohl kaum. Die Beschießung gilt einer

deutschen Batterie, die am Saum des Wäldchens vergraben liegt, aber

an einer ganz anderen Stelle. Die Franzosen tasten seit Wochen in

kostspieliger Munitionsverschwendung den ganzen Umkreis des Gehölzes mit

Granaten ab, suchen immer diese fein versteckte Batterie und können sie

nicht finden. Gott sei Dank!

Die deutschen Kanonen bleiben stumm, und nach einer Viertelstunde

schweigen auch die französischen Geschütze.

Auf einem Umweg kehrt das Auto zu dem beschossenen Wäldchen zurück.

Wir halten an der Somme, bei einer zerstörten Mühle, vor der eine von

unseren berühmten =Feldküchen= dampft und sehr einladend duftet. Zum

Kosten fehlt es an Zeit, wir müssen vorwärts. Überall Soldaten, überall

Munitionswagen, überall Reiter und Radfahrer. Wir sind in der Nähe der

deutschen Front. Durch Rübenfelder, deren ungeerntete Früchte schon

wieder frische Blättchen zu treiben beginnen, blaßgrün wie junger Salat,

kommen wir zu dem von den Franzosen angepulverten Wäldchen. Und jetzt

soll =ich= die deutsche Batterie entdecken, die da steht! Ich habe

ein Glas mit achtfacher Vergrößerung; immer gucke ich, aber ich finde

nichts. Wohl sehe ich Prügelwege, die durch knietiefen Kot führen, sehe

verschlammte Zufahrtswege und viele künstlich eingesteckte Bäumchen,

aber keine Batterie. Man muß mich dicht vor das in die Erde eingegrabene

Geschütz hinführen, damit ich merke, wo es steht. Die Höhlung ist

bedeckt mit einem schön gewölbten Holzdach, das auf der Somme von einem

französischen Schleppschiff abgenommen wurde. -- (Ganz wundervoll ist

das, wie unsere Feldgrauen alles und jedes, was sie finden, für den

besten und nützlichsten Zweck verwenden, dem es dienen kann. =Was=

hier französisches Gut heißt, wird deutsche Wehr und Waffe.) -- Über

dem Schiffsdeck ist wieder dicke Erde und wieder ein künstliches

Gebüsch, als Deckung gegen die Späheraugen der Flieger. Unten nur ein

schmaler Einschlupf, auf der anderen Seite die Ausschußöffnung für die

Kanone. Zärtlich streiche ich das metallene Rohr, das für unser liebes

Deutschland schon viele wirksame Donnerkeile aussandte. Und den klugen,

lachenden Kanonieren drücke ich die Hände.

Man zeigt mir ein deutsches Geschoß und ein belgisches von gleichem

Kaliber -- die beiden sehen nebeneinander aus wie ein Mann und ein

Kind. Solange die Sache nur Geplänkel ist, läßt man die belgischen

Kinder fliegen, um deutsche Munition und deutsches Geld zu sparen.

Wird's ernst, dann kommen unsere eisernen Männer dran. Ganz fürchterlich

schlagen sie drein. In einem Kellerloch sind sie zu hohen Stößen

aufgeschichtet, um ihrer Stunde zu warten.

Nun spaziere ich am Waldsaum entlang, wo ich die französischen Granaten

einschlagen sah. Zwischen fünfzehn Explosionstrichtern, die gegen die

stubengroßen Granatenlöcher auf dem Fort des Aivelles aussehen wie

Spucknäpfe, finde ich vier »Ausbläser« und drei »Blindgänger«.

Durch Schlupfwege im verwüsteten Walde geht's zu einer Stelle, die

genau so aussieht wie alles andere Gehölz. Hier soll ich abermals

etwas entdecken. Erst nach längerem Spähen bemerke ich, daß aus einer

Bodenstelle des gegen die französischen Linien gerichteten Waldsaumes

etwas Bläuliches herauswirbelt. Dampft die Erde? Oder ist's Ofenrauch?

Oder Zigarrenqualm? Über ein verstecktes Trepplein geht es hinunter.

Das ist die Beobachtungsstelle der Batterie: ein Lehmsalon von etwa

vier Quadratmeter; warm wie ein Backofen; immer schwitzen und triefen

die Wände; ein Rauch, der die Augen zerbeißt; und ein Zwielicht,

an das ich mich erst gewöhnen muß, bevor ich zu sehen beginne.

Beim Ausguck steht das Scherenfernrohr; in die Lehmwand sind drei

Telephonapparate eingebaut, und eine Ofenröhre dient als Sprachrohr.

Ganz mystisch berührt es, wenn aus der Erde heraus die Stimmen quellen,

die von der Batterie kommen, vom Unterstand der Mannschaft oder vom

Offizierskellerchen. Mit uns dreien, die wir kamen, sind nun sieben

Leute in dem kleinen Raum. Umdrehen kann man sich nimmer. Aber man

plaudert und lacht -- und in dem kleinen Dreckloch ist ein frischer,

gesunder Humor, den ich mit Herz und Händen fassen und heimschicken

möchte.

Ich sehe noch das feine Kellerchen, in dem der Batterie-Offizier

sich aufhält. Das ist ein Lebenskünstler. Er hat ein Tischerl, ein

Rokokofauteuilchen und ein zierliches Boudoirsofa, das ihm als Bett

dient. Um darauf zu schlafen, ist es freilich viel zu kurz. -- »Aber«,

sagt er, »wenn man die Beine gegen die Wand hinaufstellt, liegt man

ganz ausgezeichnet!« Diese Wand ist mit persischen Teppichen bekleidet,

die aus einer kaputtgeschossenen Villa stammen; immer dampfen sie im

Kampf zwischen Wärme und Feuchtigkeit, und ihre Farben beginnen unter

sprossendem Schimmel zu erlöschen. »Wenn 's Frühjahr wird,« sagt der

junge Offizier mit seinem gesunden Lachen, »dann kann ich da Schwammerln

züchten! Die eß ich gerne.«

Durch einen Laufgraben, der nicht tief genug ist, um die Köpfe völlig zu

schützen, müssen wir geduckt hinschleichen. Dieses stete Niederbeugen

des Gesichtes hat etwas Gutes: man sieht immer ganz genau, wie tief

die Stiefel in den vom Regen durchweichten Lehm hineinquatschen. --

(Neulich versank ein allzu gewichtiger Reserveleutnant bis zu den

Hüften; er selber konnte sich nimmer freimachen; als man ihn herauszog,

hatte er keinen Stiefel mehr, nur noch =einen= Socken.)

Immer ist ein feines Pfeifen in der Luft. Und von der Tiefe des

Feldhanges, der sich hinuntersenkt gegen das Tal der Somme, klingt

ununterbrochen ein lustiges Knallen herauf, als stände da drunten die

Schießstätte des Münchner Oktoberfestes.

Einmal, bei einer Biegung des Laufgrabens, sieht man hinunter ins

Tal. Bis in weite Ferne kann ich mit dem Glas die aufgeworfenen Lehm-

und Kreidesteinwälle der deutschen und französischen Schützengräben

verfolgen. Manchmal nähern sie sich einander bis auf siebzig Meter

und ziehen sich wieder auf drei-, vierhundert Meter zurück. Diese in

die Ferne laufenden, gelben oder weißgrauen Striche bilden seltsame

Ornamentlinien -- und diese kunstvolle Durchackerung der Natur läuft

jetzt von der Kanalküste durch Nord- und Ostfrankreich bis gegen Basel.

In diesen Ackerfurchen des Krieges liegt eine Million unserer Feldgrauen

und wacht in verläßlicher Treue bei Tag und Finsternis, um unsere

deutsche Heimat vor den Bildern der Vernichtung zu behüten, die ich

hier auf französischem Boden sehe bei Schritt und Tritt. Seid dankbar,

ihr Deutschen daheim! Bleibt ruhig, zuversichtlich und opferfreudig!

Und denkt bei jedem Atemzuge an das Kaiserwort: »Soldat und Bürger, die

beiden müssen einander helfen, so gut sie können!«

Nirgends in der Landschaft ist ein Mensch zu sehen, alles öde, wie

ausgestorben. Drunten im Tal, zwischen den deutschen und feindlichen

Erdwällen, entdecke ich mit dem Glas auf einer fahlen Wiese zwei

dunkelblaue Körper. Sie bewegen sich nicht, haben aber doch Menschenform

und sehen aus wie friedliche Schläfer, die sich mit ihren Mänteln

bedeckten: zwei gefallene Franzosen, die der Feind nicht zu holen und zu

bergen wagte. So liegen die beiden schon seit dem 30. Oktober. Früher

hatten sie vom Morgen bis zum Abend krächzende Gesellschaft; seit Wochen

sind auch die Raben ausgeblieben.

Der Laufgraben mündet in einen tiefen Lehmkessel. Früher war da eine

französische Stellung, die zurückweichen mußte um zwei Kilometer;

noch sieht man die Feuerlöcher und die aufgeschütteten Deckungen,

Feldflaschen, Konservenbüchsen, auch eine rote, vom Regen fast farblos

gewordene Reithose. Und zwischen Stauden guckt aus der Erde der stumme,

grinsende Tod heraus. Ein gefallener Franzose! Seine Kameraden, denen

nicht die Zeit blieb, ihn zu bestatten, haben ihn nur fußhoch mit Erde

bedeckt. Der Regen hat die Schollen halb wieder davongeschwemmt. Eine

skelettierte Hand, die noch im blauen Soldatenärmel steckt, greift

sehnsüchtig heraus ins Leben, und der ganze Kopf liegt frei, fast schon

ein Totenschädel, aber noch mit Augenbrauen und Haarbüscheln. Die

Hirnschale ist völlig zertrümmert -- dieser Franzose hatte das Unglück,

einem bayerischen Gewehrkolben in den Weg zu geraten.

Das Bild, das sich da herausstahl, aus der gelben Erde, ist nicht

widerlich, nicht ekelerregend. Nur ernst, tiefernst und erschütternd ist

es.

Du stiller Schläfer! Wer warst du? Wie klang dein Name? Wer weint

um dich? Aus welchem Glück bist du herausgefallen, weil England es

so begehrte von dir? Wir Deutschen hätten dir Leben und Namen und

Glück gelassen. Aber England will bessere Geschäfte machen und seine

Dividenden aufwärtsschrauben. Drum mußte dein Leben hinuntersinken!

Bist du, früher ein Tor um Englands willen, jetzt unter der Erde ein

Wissender geworden? Willst du wieder herauf in den Tag und die Hand

erheben, um vor deinem Volk und Lande gegen den britischen Handelsmann

zu klagen? -- Der Schläfer gibt keine Antwort. Er schweigt, wird ewig

schweigen.

Ich wende mich erschüttert ab. Weiter! Wieder in einen Laufgraben

hinein, der sich immer tiefer in die Erde wühlt! Eine Wendung, und

ich bin im Schützengraben. In langer Zeile seh' ich die Feldgrauen,

nein, die Lehmgelben, bei den Schießscharten stehen. Scharf und hastig

knallen die Schüsse, hin und her. Und immer wieder fliegt eines von den

unsichtbaren Vögelchen, die so wunderlich pfeifen, über unsere Köpfe

hinweg, surrt in die Erde hinein oder schlägt mit hellem Klirrton gegen

einen Stahlschild.

Etwas Heißes ist in mir. Der schwüle Atem des Krieges hat mich

angehaucht.

8.

Reise zur deutschen Front, 1915 · 第 11 / 23 题