Vorgestern, bei Anbruch der Abenddämmerung, zur Vorfeier von Kaisers
Geburtstag, war Kirchenkonzert in der alten Kathedrale von Peronne.
Die Offiziere in den Chorstühlen. Und die drei Längsschiffe der Kirche
dicht gefüllt mit deutschen Soldaten. An die Tausend waren es, alle
gewaschen und sauber gebürstet. Unbeweglich, den Helm oder die Mütze
vor der Brust, saßen sie und lauschten dem kunstvollen Spiel der Orgel
und den ernsten Liedern, die gut gesungen wurden. Und als zum Schlusse
des Konzerts die Orgel zusammen mit den Bläsern der Militärkapelle
-- wahrhaftig, ein »brausender Donnerhall« -- die Wacht am Rhein
intonierte, erhoben sich die Tausend und das große deutsche Lied
schwoll empor in die gotischen Gewölbe wie ein schönes, kraftvolles und
inbrünstiges Gebet.
Barbaren-Andacht! Ja! Die Franzosen sagen doch jetzt, daß wir spirituell
minderwertig und zivilisatorisch zurückgeblieben wären, weil wir Musik
haben, der Musik bedürfen und sie lieben! Wir sind ihnen wie giftige
Schlangen, die sich durch Pfeifenspiel für Minuten bändigen lassen.
Solchem Wahnwitz gegenüber muß man heiter werden und an den kropfigen
Zillertaler denken, der einem makellos gewachsenen Fremden begegnet und
dabei sein kropfiges Söhnchen ermahnt: »Tu nit spotten, sonst straft
dich Gott, und du wirscht die gleiche Mißgeburt wie der!«
Und gestern, am Vorabend des Kaisertages, als aus schwimmenden Nebeln
eine dunkle Nacht herunterstieg, wurde auf dem großen Stadtplatz der
Zapfenstreich geschlagen. Keine aufdringliche Feier. Ein militärisches
Fest, würdig in Grenzen gehalten, einfach, vornehm, und gerade deshalb
so schön und ergreifend, etwas herrlich Helles auf dem finsteren
Hintergrunde der Zeit. Wie eine ruhige Leuchtwoge schwamm die vierfache
Reihe der Fackeln über den schwarzen Stadtplatz her und formte ihren
Flammenkreis um die Militärmusik. Außerhalb des Kreises standen die
Soldaten. Kopf an Kopf, so weit man in der Nacht zu sehen vermochte.
Die Jubelouvertüre. Noch ein paar andere, gutgewählte Musikstücke.
Dann der alte bayerische Zapfenstreich; seine strengen, geheimnisvoll
verhaltenen Trommelwirbel rütteln das Blut auf, seine munteren
Bläserweisen besänftigen es wieder. Nun tiefe Stille über dem weiten
Platz. Mit kurzen, markigen Worten brachte der Kommandierende des Korps,
General v. Xylander, das Hurra auf unseren Kaiser aus. Und die tausend
jauchzenden Soldatenstimmen klangen, als wär' es nur ein einziger
Schrei, das stolze und frohe Aufjubeln eines Riesen. »Deutschland,
Deutschland über alles!« Und die leuchtende Fackelwoge schwamm still
davon, der Platz wurde finster.
Während der Nacht vernahm ich immer den fernen Kanonendonner. Und noch
etwas anderes hörte ich. Immer. Unter der Stube, in der mein Quartier
ist, wohnen und schlafen der Besitzer des hübschen Hauses, seine
greise Mutter und seine Magd in einer kleinen Kammer. Zwei Söhne und
drei Brüder sind im französischen Heer; von denen haben sie seit Mitte
September nichts mehr gehört. Die Leute sind freundlich zu mir; sie
sagen nur Dinge, von denen sie hoffen, daß ich sie gerne höre. Ich weiß:
was sie denken, verschweigen sie; und wenn sie zu lächeln versuchen,
haben sie einen Zug voll Schmerzen um den Mund. So oft ich in die Küche
trete, schrickt die greise Frau heftig zusammen. Vor =mir=! Sie glaubt
nicht, daß ich lieber ihre runzelige Hand streicheln als sie erschrecken
möchte. Und diese drei Leute hör' ich reden in jeder Nacht, unter meiner
Stube, mit bebenden Stimmen, ganz leise. So hab' ich sie auch immer in
dieser Nacht gehört, nach dem Zapfenstreich. Und die zitternden Stimmen
erloschen nur, wenn draußen auf der Straße die Stahlschritte eines
Soldatentrupps vorüberklirrten, der zur Ablösung in die Schützengräben
zog.
=Mich= sangen diese Lieder, die sich immer aufs neue wiederholten, in
einen festen und ruhigen Schlaf. --
Nun ist der Morgen da. Es regnet nicht. Aber der Himmel ist grau
umdunstet. Sonne, Sonne, wo bleibst du denn? Bist du daheim in
Deutschland?
Eine Ruhe ist in mir, die ich nicht schildern kann. Ich empfinde sie,
wie man die Luft des werdenden Frühlings fühlt. Alle Unzufriedenheit und
Ungeduld, alles Nervöse und Zappelige, auch alle Sorge um materiellen
Verlust ist abgestreift von mir. Das zählt nicht. Nur Arbeit und Kraft
der Gegenwart zählen, nur unsere deutsche Zukunft!
Mit vielen Soldaten hab' ich mich angefreundet. Was in ihren gesunden
Knochen ist, fließt über in mich. Wir zu Hause, wir =glauben= im besten
Falle an den Sieg -- hier im Felde =wissen= sie alle: wir siegen. Aber
eines weiß ich jetzt auch schon: daß der Krieg etwas völlig anderes
ist, als ich in der Heimat vermuten und sehen konnte. Er ist etwas viel
Schrecklicheres, aber auch etwas viel, viel Schöneres!
Was wird dieser neue Tag mir wieder zeigen?
Die Fahrt geht am Ufer der Somme entlang. Auch unter den trüben
Nebelschleiern ist es noch eine wundervolle Landschaft. Über eine Breite
von vierhundert Meter verzweigen sich Kanäle, Strom, Altwasser und
Sümpfe, durchsetzt von malerischen Röhrichtfeldern, in denen Schwärme
von Wasserhühnern und Wildenten umherschlüpfen.
Nun steh' ich vor einem Meisterwerk der deutschen Pionierkunst, vor
der fast fünfhundert Meter langen Holzbrücke über die Sümpfe der
=Somme=. Als der Bau begonnen wurde, verschwanden die ersten als
Pfosten eingetriebenen Baumstämme vollständig im grundlosen Schlamm.
Dennoch wurde dieses Sumpfhindernis, von dem die Franzosen erwartet
hatten, daß es den Anmarsch der Deutschen um viele Wochen verzögern
würde, von zwei bayerischen Pionierkompagnien durch den Bau dieser
Brücke in =fünf Tagen= überwunden. Wie zierliches Filigranwerk sehen
diese Holzverschränkungen aus und tragen Regimenter, schwere Geschütze
und lange Züge von Lastautomobilen. Über den Kanälen hat die Brücke
ausschwingbare Bogen zum Durchlaß der Schiffe! Und alles in fünf Tagen
entstanden!
Das Materialdepot dieser märchenhaften Arbeit, der Pionierpark,
ist untergebracht in einer großen, zerschossenen und ausgebrannten
Fabrik. Was da in kurzer Zeit durch deutschen Fleiß, deutsche
Ordnung und deutsche Gründlichkeit entstand, das wirkt wie etwas
völlig Unglaubhaftes. Man zweifelt noch, wenn man es mit eigenen
Augen sieht. Das ganze Innere des zerstörten, nur noch von den kahlen
Mauern umschlossenen Gebäudes ist durch Brettereinbauten in eine
Reihe von Sälen, Stuben und Kammern verwandelt. Alle Räume sind mit
hölzernem Fachwerk ausgefüllt und in peinlichster Genauigkeit mit
allen Gattungen von Kriegsmaterial und Werkzeug vollgekramt. Alles ist
da, vom Minenwerfer bis zum Schuhnagel. Ein lustiges Wunder ist der
Schlafsaal, in dem ein paar hundert Pioniere und Soldaten ihr Quartier
haben. In drei Reihen durchziehen den großen Raum die zweistöckigen
Schlafschachteln -- ich finde keinen anderen Ausdruck -- die Hälfte der
Leute schläft zu ebener Erde, die andere Hälfte im Oberstock dieser
riesigen sechzigschläfrigen Bettladen. Heu und Stroh ersetzen die
Matratzen, als Kopfkissen dient der Tornister. Ich frage: »Ist denn
da gut zu liegen?« Alle lachen gleich, und einer sagt: »Ah, da is's
gut, jetzt haben wir's fein!« In den Ecken stehen die eisernen Öfen
und rings um die Mauern ziehen sich die hölzernen Tische und Bänke.
Da sitzen die Leute, wenn sie Rast haben, und schreiben Briefe und
Karten, oder essen, oder flicken ihr Zeug, oder spielen Tarock. Ein
bisserl rauchig ist es in dem Raum, nicht von den Öfen -- die ziehen
famos -- nur von den Pfeifen und Zigarren. Auch ein Badhaus ist da, und
ein Duschraum, mit einem Fabrikskessel als Warmwasserreservoir und mit
einer Feuerspritzenpumpe, die den »Hochdruck« liefert. Und der mächtige
Hofraum ist ein Gewimmel von Soldaten, Pferden und Lastkarren, ein
Durcheinanderhuschen von ruhelosem Fleiß.
Weiter geht die Fahrt, über kahles Feld. Bald müssen wir halten -- das
Auto kann oder darf aus irgendwelchem Grunde nimmer vorwärts. Ich stehe
auf dem Acker, gucke herum und frage mich: »=Was ist da los?=« Nichts
zu sehen, nur dieses stille, leblose Feld. Hinter dem Dunst des trüben
Tages liegt da und dort ein Dorf. Und überall dunkle, kleine, niedliche
Wäldchen. Ich denke mir noch: »Das müßte eine gute Fasanengegend sein!«
Da hör' ich irgendwo in der Luft einen merkwürdigen Vogel singen. So
ähnlich klingt es, wenn eine Radfahrersirene zu pfeifen anfängt. Mit
uuuuh beginnt es, und mit iiiih hört es auf. Neben dem Saum eines nahen
Wäldchens fährt weißer Dampf in die Höhe, der sich in schwarzen Rauch
verwandelt und wie zum Qualm einer Brandstatt wird. Eine halbe Sekunde
später ein schwerer Donnerschlag. Jetzt kapiere ich: was ich sehe und
höre, ist der Einschlag einer französischen Granate. Alles ist schon
lange vorüber, da hört man erst, acht oder zehn Sekunden später, den
fernen Hall des feindlichen Geschützes.
Auf dem weiten Felde ist kein Mensch zu gewahren. Doch! Mit dem Glas
erkenne ich einen Soldaten, der nahe bei dem Wäldchen ruhig in einem
Acker steht; er hat ein Notizbuch in der Hand und notiert etwas. Sehr
friedlich sieht das aus. Wieder dieses Sausen in der Luft, wieder der
aufwallende Rauch, ähnlich dem Atemzug eines vulkanischen Kraters,
und wieder dieses Dröhnen. Eine um die andere kommt, über vier oder
fünf Kilometer von der unsichtbaren feindlichen Stellung her. Und
immer näher rücken sie gegen das Auto. Die beiden freundlichen
Offiziere, deren Gast ich bin, wünschen sehr lebhaft, mich wieder im
Auto zu sehen. In jagender Fahrt geht es davon. Hinter uns immer diese
dumpfen Paukenschläge. Ob eine Granate zu der Stelle kam, wo unser
Auto gestanden, weiß ich nicht. Wohl kaum. Die Beschießung gilt einer
deutschen Batterie, die am Saum des Wäldchens vergraben liegt, aber
an einer ganz anderen Stelle. Die Franzosen tasten seit Wochen in
kostspieliger Munitionsverschwendung den ganzen Umkreis des Gehölzes mit
Granaten ab, suchen immer diese fein versteckte Batterie und können sie
nicht finden. Gott sei Dank!
Die deutschen Kanonen bleiben stumm, und nach einer Viertelstunde
schweigen auch die französischen Geschütze.
Auf einem Umweg kehrt das Auto zu dem beschossenen Wäldchen zurück.
Wir halten an der Somme, bei einer zerstörten Mühle, vor der eine von
unseren berühmten =Feldküchen= dampft und sehr einladend duftet. Zum
Kosten fehlt es an Zeit, wir müssen vorwärts. Überall Soldaten, überall
Munitionswagen, überall Reiter und Radfahrer. Wir sind in der Nähe der
deutschen Front. Durch Rübenfelder, deren ungeerntete Früchte schon
wieder frische Blättchen zu treiben beginnen, blaßgrün wie junger Salat,
kommen wir zu dem von den Franzosen angepulverten Wäldchen. Und jetzt
soll =ich= die deutsche Batterie entdecken, die da steht! Ich habe
ein Glas mit achtfacher Vergrößerung; immer gucke ich, aber ich finde
nichts. Wohl sehe ich Prügelwege, die durch knietiefen Kot führen, sehe
verschlammte Zufahrtswege und viele künstlich eingesteckte Bäumchen,
aber keine Batterie. Man muß mich dicht vor das in die Erde eingegrabene
Geschütz hinführen, damit ich merke, wo es steht. Die Höhlung ist
bedeckt mit einem schön gewölbten Holzdach, das auf der Somme von einem
französischen Schleppschiff abgenommen wurde. -- (Ganz wundervoll ist
das, wie unsere Feldgrauen alles und jedes, was sie finden, für den
besten und nützlichsten Zweck verwenden, dem es dienen kann. =Was=
hier französisches Gut heißt, wird deutsche Wehr und Waffe.) -- Über
dem Schiffsdeck ist wieder dicke Erde und wieder ein künstliches
Gebüsch, als Deckung gegen die Späheraugen der Flieger. Unten nur ein
schmaler Einschlupf, auf der anderen Seite die Ausschußöffnung für die
Kanone. Zärtlich streiche ich das metallene Rohr, das für unser liebes
Deutschland schon viele wirksame Donnerkeile aussandte. Und den klugen,
lachenden Kanonieren drücke ich die Hände.
Man zeigt mir ein deutsches Geschoß und ein belgisches von gleichem
Kaliber -- die beiden sehen nebeneinander aus wie ein Mann und ein
Kind. Solange die Sache nur Geplänkel ist, läßt man die belgischen
Kinder fliegen, um deutsche Munition und deutsches Geld zu sparen.
Wird's ernst, dann kommen unsere eisernen Männer dran. Ganz fürchterlich
schlagen sie drein. In einem Kellerloch sind sie zu hohen Stößen
aufgeschichtet, um ihrer Stunde zu warten.
Nun spaziere ich am Waldsaum entlang, wo ich die französischen Granaten
einschlagen sah. Zwischen fünfzehn Explosionstrichtern, die gegen die
stubengroßen Granatenlöcher auf dem Fort des Aivelles aussehen wie
Spucknäpfe, finde ich vier »Ausbläser« und drei »Blindgänger«.
Durch Schlupfwege im verwüsteten Walde geht's zu einer Stelle, die
genau so aussieht wie alles andere Gehölz. Hier soll ich abermals
etwas entdecken. Erst nach längerem Spähen bemerke ich, daß aus einer
Bodenstelle des gegen die französischen Linien gerichteten Waldsaumes
etwas Bläuliches herauswirbelt. Dampft die Erde? Oder ist's Ofenrauch?
Oder Zigarrenqualm? Über ein verstecktes Trepplein geht es hinunter.
Das ist die Beobachtungsstelle der Batterie: ein Lehmsalon von etwa
vier Quadratmeter; warm wie ein Backofen; immer schwitzen und triefen
die Wände; ein Rauch, der die Augen zerbeißt; und ein Zwielicht,
an das ich mich erst gewöhnen muß, bevor ich zu sehen beginne.
Beim Ausguck steht das Scherenfernrohr; in die Lehmwand sind drei
Telephonapparate eingebaut, und eine Ofenröhre dient als Sprachrohr.
Ganz mystisch berührt es, wenn aus der Erde heraus die Stimmen quellen,
die von der Batterie kommen, vom Unterstand der Mannschaft oder vom
Offizierskellerchen. Mit uns dreien, die wir kamen, sind nun sieben
Leute in dem kleinen Raum. Umdrehen kann man sich nimmer. Aber man
plaudert und lacht -- und in dem kleinen Dreckloch ist ein frischer,
gesunder Humor, den ich mit Herz und Händen fassen und heimschicken
möchte.
Ich sehe noch das feine Kellerchen, in dem der Batterie-Offizier
sich aufhält. Das ist ein Lebenskünstler. Er hat ein Tischerl, ein
Rokokofauteuilchen und ein zierliches Boudoirsofa, das ihm als Bett
dient. Um darauf zu schlafen, ist es freilich viel zu kurz. -- »Aber«,
sagt er, »wenn man die Beine gegen die Wand hinaufstellt, liegt man
ganz ausgezeichnet!« Diese Wand ist mit persischen Teppichen bekleidet,
die aus einer kaputtgeschossenen Villa stammen; immer dampfen sie im
Kampf zwischen Wärme und Feuchtigkeit, und ihre Farben beginnen unter
sprossendem Schimmel zu erlöschen. »Wenn 's Frühjahr wird,« sagt der
junge Offizier mit seinem gesunden Lachen, »dann kann ich da Schwammerln
züchten! Die eß ich gerne.«
Durch einen Laufgraben, der nicht tief genug ist, um die Köpfe völlig zu
schützen, müssen wir geduckt hinschleichen. Dieses stete Niederbeugen
des Gesichtes hat etwas Gutes: man sieht immer ganz genau, wie tief
die Stiefel in den vom Regen durchweichten Lehm hineinquatschen. --
(Neulich versank ein allzu gewichtiger Reserveleutnant bis zu den
Hüften; er selber konnte sich nimmer freimachen; als man ihn herauszog,
hatte er keinen Stiefel mehr, nur noch =einen= Socken.)
Immer ist ein feines Pfeifen in der Luft. Und von der Tiefe des
Feldhanges, der sich hinuntersenkt gegen das Tal der Somme, klingt
ununterbrochen ein lustiges Knallen herauf, als stände da drunten die
Schießstätte des Münchner Oktoberfestes.
Einmal, bei einer Biegung des Laufgrabens, sieht man hinunter ins
Tal. Bis in weite Ferne kann ich mit dem Glas die aufgeworfenen Lehm-
und Kreidesteinwälle der deutschen und französischen Schützengräben
verfolgen. Manchmal nähern sie sich einander bis auf siebzig Meter
und ziehen sich wieder auf drei-, vierhundert Meter zurück. Diese in
die Ferne laufenden, gelben oder weißgrauen Striche bilden seltsame
Ornamentlinien -- und diese kunstvolle Durchackerung der Natur läuft
jetzt von der Kanalküste durch Nord- und Ostfrankreich bis gegen Basel.
In diesen Ackerfurchen des Krieges liegt eine Million unserer Feldgrauen
und wacht in verläßlicher Treue bei Tag und Finsternis, um unsere
deutsche Heimat vor den Bildern der Vernichtung zu behüten, die ich
hier auf französischem Boden sehe bei Schritt und Tritt. Seid dankbar,
ihr Deutschen daheim! Bleibt ruhig, zuversichtlich und opferfreudig!
Und denkt bei jedem Atemzuge an das Kaiserwort: »Soldat und Bürger, die
beiden müssen einander helfen, so gut sie können!«
Nirgends in der Landschaft ist ein Mensch zu sehen, alles öde, wie
ausgestorben. Drunten im Tal, zwischen den deutschen und feindlichen
Erdwällen, entdecke ich mit dem Glas auf einer fahlen Wiese zwei
dunkelblaue Körper. Sie bewegen sich nicht, haben aber doch Menschenform
und sehen aus wie friedliche Schläfer, die sich mit ihren Mänteln
bedeckten: zwei gefallene Franzosen, die der Feind nicht zu holen und zu
bergen wagte. So liegen die beiden schon seit dem 30. Oktober. Früher
hatten sie vom Morgen bis zum Abend krächzende Gesellschaft; seit Wochen
sind auch die Raben ausgeblieben.
Der Laufgraben mündet in einen tiefen Lehmkessel. Früher war da eine
französische Stellung, die zurückweichen mußte um zwei Kilometer;
noch sieht man die Feuerlöcher und die aufgeschütteten Deckungen,
Feldflaschen, Konservenbüchsen, auch eine rote, vom Regen fast farblos
gewordene Reithose. Und zwischen Stauden guckt aus der Erde der stumme,
grinsende Tod heraus. Ein gefallener Franzose! Seine Kameraden, denen
nicht die Zeit blieb, ihn zu bestatten, haben ihn nur fußhoch mit Erde
bedeckt. Der Regen hat die Schollen halb wieder davongeschwemmt. Eine
skelettierte Hand, die noch im blauen Soldatenärmel steckt, greift
sehnsüchtig heraus ins Leben, und der ganze Kopf liegt frei, fast schon
ein Totenschädel, aber noch mit Augenbrauen und Haarbüscheln. Die
Hirnschale ist völlig zertrümmert -- dieser Franzose hatte das Unglück,
einem bayerischen Gewehrkolben in den Weg zu geraten.
Das Bild, das sich da herausstahl, aus der gelben Erde, ist nicht
widerlich, nicht ekelerregend. Nur ernst, tiefernst und erschütternd ist
es.
Du stiller Schläfer! Wer warst du? Wie klang dein Name? Wer weint
um dich? Aus welchem Glück bist du herausgefallen, weil England es
so begehrte von dir? Wir Deutschen hätten dir Leben und Namen und
Glück gelassen. Aber England will bessere Geschäfte machen und seine
Dividenden aufwärtsschrauben. Drum mußte dein Leben hinuntersinken!
Bist du, früher ein Tor um Englands willen, jetzt unter der Erde ein
Wissender geworden? Willst du wieder herauf in den Tag und die Hand
erheben, um vor deinem Volk und Lande gegen den britischen Handelsmann
zu klagen? -- Der Schläfer gibt keine Antwort. Er schweigt, wird ewig
schweigen.
Ich wende mich erschüttert ab. Weiter! Wieder in einen Laufgraben
hinein, der sich immer tiefer in die Erde wühlt! Eine Wendung, und
ich bin im Schützengraben. In langer Zeile seh' ich die Feldgrauen,
nein, die Lehmgelben, bei den Schießscharten stehen. Scharf und hastig
knallen die Schüsse, hin und her. Und immer wieder fliegt eines von den
unsichtbaren Vögelchen, die so wunderlich pfeifen, über unsere Köpfe
hinweg, surrt in die Erde hinein oder schlägt mit hellem Klirrton gegen
einen Stahlschild.
Etwas Heißes ist in mir. Der schwüle Atem des Krieges hat mich
angehaucht.
8.