Alles ist grau in grau verschwommen. Der Regen plätschert, und was Strom
oder Bach heißt, ist wie ein wildes Tier. Bei jeder Wasserpfütze, in die
ich trete, bei jedem Schlammloch, in das ich hineintappe, muß ich an
unsere Soldaten denken, die in den verpfuhlten Schützengräben liegen.
Bei uns zu Hause geht man unter dem Regenschirm oder bleibt daheim oder
sitzt im Kaffeehaus. Mag es so sein! Wenn wir nur des Unterschiedes nie
vergessen!
Gegen zehn Uhr morgens wird es ein bißchen heller. Im Auto, das mich
abholte, geht's nach Bellevue hinaus. Eine Enttäuschung. Das Schloß,
in dem Napoleon seinen Degen an den König von Preußen übergab, ist
abgesperrt; es hat bei Beginn des Krieges schon empfindlich gelitten;
nun soll diese heilige Gedächtnisstätte der Deutschen vor jeder weiteren
Zeitgefahr behütet werden. Der Park ist umzogen von einem Zaun aus
Stacheldraht, und ein deutscher Posten steht Wache. Das Schloß ist
leer, seine Fenster sind mit Brettern verhüllt, sind geschlossene
Augen. Ich will davongehen. Da befällt mich eine tiefe Erschütterung
-- ich sehe die ersten deutschen Soldatengräber dieses Krieges: kleine
lehmgelbe Hügel, schwächliche Holzkreuze, die geheiligten Namen kunstlos
daraufgeschrieben, geschmückt mit Kränzen und Tannengewinden, denen man
es ansieht, daß sie von harten Männerfäusten geflochten sind.
Lange steh' ich mit entblößtem Kopf. Und ich sehe nimmer die Gräber,
nicht den Acker, nicht das Schloß und nimmer den triefenden Wald. Ich
höre nur in der Morgenstille den leisen, ruhelosen Fall von unzählbar
vielen Tropfen und sehe deutsche Städte und deutsche Dörfer, deutsche
Straßen und deutsche Stuben, sehe Kinder, die froh sein möchten und
verschüchtert sind, und sehe Mütter, Frauen und Mädchen, alle in
schwarzen Kleidern, mit blassen Gesichtern und entzündeten Augen.
Vieltausendfach ist der Tod über die Wiesen des deutschen Glückes
hingegangen, und in der Heimat fallen der Tränen mehr als Tropfen da
drüben in dem regennassen Wäldchen von Bellevue. Doch aus den blassen
Gesichtern, die ich sehe, spricht etwas anderes heraus, als es sonst
der Gram um versunkene Menschen ist, die uns teuer waren. Die Trauer,
die ich sehe, ist gefaßter, edler und heiliger. Stolz und Schmerz sind
verschwistert in ihr. Wir alle, die wir um der Heimat willen verlieren
mußten, sei es an teuerem Leben oder an Gut, wir alle wissen, wofür wir
es hingaben.
Während ich die Gräber verlasse, bleibt in mir eine Stimmung wie
nach dem Gottesdienste, bei dem vom sehnsüchtigen Auszug und von der
gesegneten Heimkehr der Magier aus dem Morgenlande gepredigt wurde.
So betrete ich auf der Landstraße zwischen Bellevue und Donchery
das alte kleine Haus, in welchem Napoleon auf Bismarck wartete. Ein
niederes, fast leeres Stübchen. Es steht da nur ein Glasschrank mit
Erinnerungen und ein Tisch mit zwei Strohsesseln. Auf dem einen
dieser Stühle hat Napoleon gesessen, auf dem anderen Bismarck. In dem
Glaskasten zeigen kleine Blätter die Handschriften unseres Kaisers,
des deutschen Kronprinzen und anderer Fürsten. Jedes Blatt ist an
den Ecken beschwert mit den Zwanzigmarkstücken, welche die Hüterin
dieses Hauses als Geschenk erhielt. Damals, am Sedanstag, war sie eine
Sechsundzwanzigjährige, jetzt ist sie eine Greisin mit weißem Haar. In
dem ruhigen Ton, mit dem die Kustoden von Kunstsammlungen zu sprechen
pflegen, erzählt sie, wie sie während jener Schlacht mit ihrer Familie
im Keller saß und die Granaten sausen hörte, die über das Hausdach
hinüber und herüber flogen. Geradeso wäre es jetzt wieder gewesen, beim
Kampf und bei der Zerstörung von Donchery. Von der freundlichen Güte
unseres Kaisers erzählt sie und von den vielen hohen Gästen, die in ihr
berühmtes Haus kommen. Von den tausend anderen, ungefürsteten Besuchern
dieses Raumes erzählen die Wände, die Türbretter, die Fenstergesimse,
sogar die Stubendecke -- alle Plätze, auf die man seinen Namen schreiben
kann. Eine wunderliche und rührende Tapete: diese Tausende von deutschen
Namenszügen!
Beim Gehen, unter der Türe, sag' ich zerstreut: »Auf Wiedersehen!« Die
Greisin erschrickt: »Nein, mein Herr, nein, nein! Da wäre doch =wieder=
Krieg! Das muß der letzte sein!« Sie lächelt. »Kommt noch einer, so leb'
ich nimmer!«
Ein Anstieg über eine Feldhöhe. Niedergetretener Hafer und ungeerntete
Rüben. Manchmal neben der Straße ein halb wieder zugeschütteter
Schützengraben. Dürr gewordene Laubhütten, die den Soldaten als
Unterstände bei Regen dienten. Und lange, breite Drahthindernisse, jetzt
zerschlagen und zerstampft. Wie kleine dünne Schlangen ringeln sich
überall die entzweigeschnittenen Drähte aus dem Kraut heraus.
Hohe, von Gestrüpp überwucherte Erdwälle und hinter ihnen etwas sehr
Sonderbares -- es sieht aus wie ein gewaltiger Termitenhaufen mit vielen
Einschlupftrichtern: das von den Deutschen eroberte und zerstörte Fort
des Aivelles, dessen Kommandant sich, als die Feste fiel, eine Kugel
durch den Kopf jagte. In einem Föhrenwäldchen liegt das Grab, das ihm
die Deutschen gruben, und das sie zur Ehrung dieses Braven in sinniger
Weise schmückten. Die Hälfte seiner Besatzung war ihm davongelaufen,
bevor die erste deutsche Granate kam -- noch heute liegen an vielen
Stellen die roten Hosen umher, die diese Sorgenvollen herunterzogen, um
sie durch minder gefährliche Bauernhosen zu ersetzen.
Meinen Weg sperrt solch ein riesiger Termitentrichter: die
Einschlagstelle eines deutschen Haubitzengeschosses. Ein Loch vom
Umfang einer Stube, drei Meter tief, und drunten sieht man durch
einen zerrissenen Schacht hinunter in einen schwarzen Keller, in
die »granatensichere« Kasematte, deren Betondach der deutsche Schuß
zertrümmerte. Überall Vernichtung; zwei Meter dicke Mauern sind zerrupft
wie Fließpapier; nur die Torhalle hat standgehalten; hier liegt noch das
französische Pulver in den Gewölben. Heiter schwatzende Landsturmmänner
sind mit dem Sortieren des Beuterestes beschäftigt; alles wird
gesammelt, was sich für deutsche Zwecke wieder verwenden läßt: Eisen,
Kupfer, Messing, Zinkblech, Bleiröhren und Gummi. Über Trümmerhaufen und
durch Granatenlöcher klettere ich hinauf zur Plattform des Forts. Die
Kanonen, die hier stumm gemacht wurden, sind schon verschwunden, nach
Deutschland gebracht. Nur die Verwüstung ist noch da, mit grauenvollem
Gesicht, mit etwa vierzig Granatentrichtern, die aussehen wie tief
eingesunkene Todesaugen. Ein Schuß hat den hohen eisernen Mast der
französischen Flagge umgeworfen, hat die Spitze in den Grund gebohrt und
den schweren Fuß in die Luft gehoben.
Meine Augen irren über dieses stumme und doch schreiende Bild des
Unterganges hin. Ein schmerzender Schauder überrieselt mich bei dem
Gedanken, daß unsere deutschen Festungen so aussehen könnten wie dieser
leblose Trümmerhaufen -- wenn wir nicht die Stärkeren wären und nicht
die Ausdauer und den Willen hätten, es auch zu bleiben.
Immer rieselt der Regen, dichte Wolken jagen über Hügel und Wälder hin,
und graue, wogende Dünste verschleiern, was Landschaft heißt. Alles
Französische scheint sich in deutsches Feldgrau verwandelt zu haben. Aus
diesem unübersehbaren Heere lösen sich immer wieder einzelne Gestalten
sichtbar ab: Soldaten, welche die Landstraßen und die Brücken bewachen.
Bei jedem zweiten oder dritten Kilometer gibt's einen Aufenthalt der
Fahrt, eine Schranke, eine Visitation. Mein Ausweis öffnet mir jeden
Schlagbaum. So geht's in fünfstündiger Autohetze über Hirson und
Guise nach St.-Quentin, in dem es wimmelt von deutschen Kriegern. Wo
kommen sie nur alle her? Ganz märchenhaft ist ihre Menge. Und daheim,
bei meiner Reise durch deutsches Land, war es ebenso! Sei gesegnet,
meine Heimat, du unerschöpflichster aller Menschenbrunnen! Und England
will uns vernichten? Uns? Wäre diese britische Sehnsucht nicht so
verbrecherisch, sie müßte drollig wirken in ihrer Torheit.
Bei sinkendem Abend erreiche ich die Stadt Peronne. Wieder dieses
gleiche Soldatengewimmel, noch dichter als in St.-Quentin! Der große
Stadtplatz, auf dem ein gutes Denkmal der Marie Fouré zu sehen ist,
einer französischen Heimatsheldin vom Geiste der Jungfrau von Orleans --
dieser Platz, den der stumpfköpfige, mit dem gallischen Hahn geschmückte
Turm der Kathedrale überragt, sieht mit seiner Soldatenmenge aus wie
daheim in München der Marienplatz nach einer Parade am Königstag. Aber
bin ich denn in der Fremde? Bin ich nicht wirklich daheim? Überall
bayerische Klänge. Münchner Laute! Ich fasse einen Feldgrauen am Arm:
»Grüß Gott, Landsmann! Woher sind Sie denn?« -- »Von Hoadhausen!« --
»Und wie geht's immer?« -- »Guat. Warum soll's denn schlecht gehn?« --
»Aber eine aufregende Zeit das! Nicht?« -- Er sieht mich an, als hätte
ich eine Sprache geredet, die er nicht versteht; dann lacht er ein
bißchen: »Gell, Sö kommen grad von dahoam? Ja ja, da =san= d' Leut a
so. I woaß net, warum?« -- Was dieser eine sagt, das gleiche lese ich
aus allen Gesichtern und Augen, hör es aus allen Worten. Hier im Feld
ist die Ruhe, das Bewußtsein der deutschen Kraft. Zapplig, ohne Geduld
und aufgeregt sind nur wir zu Hause. -- »=I woaß net, warum?=« sagte
der brave Feldgraue, der jetzt vier Tage Rast hat und dann wieder vier
Tage im Schützengraben stehen muß. =Ohne= Regenschirm! Gäb' es einen,
der ihm dienen könnte, so müßte es einer sein, der, statt mit Seide oder
Baumwolle, mit daumendicken Stahlplatten bezogen ist. Und für =alle=
fallenden Tropfen würde der =auch= nicht helfen!
Mein erster Weg zu Peronne führt mich ins Kriegslazarett. Hier liegt
ein junger deutscher Offizier, der mir lieb ist. Ein stummes, festes
Umhalsen. Dann sitz' ich an seinem Bett, und seine fieberheiße Hand ruht
in der meinen. Aber diese Sorge, die schon wieder verläßliche Hoffnung
ist, gehört mir allein. Davon will ich nicht sprechen. Ich bin hier, um
zu schauen und um der Heimat zu erzählen, wie meine Reise zur deutschen
Front eine Reise zum deutschen Glauben wurde.
Im Lazarett muß ich Bilder sehen, die hart sind und in die Seele
schneiden. Ich will sie nicht schildern; wir alle wissen, was Leiden
und Schmerz des Krieges heißt. Aber was ich sehe, predigt mir gleich in
der ersten Stunde die dankbare Bewunderung für unsere deutschen Ärzte
und für den stillen, geduldigen Opfermut unserer Schwestern vom Roten
Kreuz. Und diese Blankheit des Lazarettes, diese Ordnung und Sauberkeit!
Überall, wo unsere Ärzte einzogen, mußten sie wider den französischen
Schmutz zuerst das Wunder der Reinlichkeit wirken.
Aus einem Lazarettraum, an dessen halboffener Tür ich vorübergehe, hör'
ich in der sonst tiefen Stille des Hauses einen fast kindlich klagenden
Singlaut: »Oooohlala, ooohlala, ooohlala!« So ähnlich sangen einmal auf
der Münchner Theresienwiese die Aschantimädchen. Ich frage einen Wärter:
»Was ist denn das?«
Er brummt: »=Ah mei', so a wehleidiger Franzos, der grad verbunden wird!
Gar nix halten s' aus, allweil müssen s' wuiseln. Die Unsern beißen die
Zähn übereinand, da hörst kein Laut net! Is halt doch an anderer Schlag,
Gott sei Dank!=«
Ich spreche ihm das in meinem Herzen nach: »Gott sei Dank!« -- Noch am
gleichen Abend erzählt mir ein hoher Offizier, daß unsere Feldgrauen
für die Franzosen diesen Spitznamen aufbrachten: »Der =Ohlala=!« Und
noch einen anderen haben sie: »Der =Tuhlömong=!« Wo die feindlichen
Schützengräben nahe bei den unseren liegen, kann man häufig das
französische Kommando hören: »_Tout le monde, en avant!_« -- Das Ganze
vor! Bleibt dieser Befehl ohne Folge, was häufig geschieht, dann sagen
unsere Feldgrauen lachend: »Heut mag er net, der Tuhlömong!«
Als ich aus dem Lazarett auf die Straße trete, fällt der gottverwünschte
Regen schon wieder in dicken Schnüren. Nur dieses Rauschen; die
Häuser der Stadt sind still und finster, alle Türen und Fensterläden
geschlossen; nach Einbruch der Dunkelheit darf sich bei schwerer
Strafe niemand von der einheimischen Bevölkerung mehr auf der Straße
zeigen. Außer den einquartierten Soldaten wohnen da nur noch Greise und
Knaben, Frauen, Mädchen und Kinder. Alle Wehrfähigen sind fortgeführt
oder dienen im französischen Heer. Ob diese Dienenden noch leben,
oder gefallen, oder gefangen sind, das weiß hier niemand. Seit vier
Monaten sind die Einheimischen ohne Nachricht von ihren Vätern und
Söhnen im Heer; jeder Briefverkehr mit Angehörigen jenseits der Front
ist ihnen zur Verhütung von Spionage verboten. Krieg! Was mag hinter
den geschlossenen Fensterläden, durch deren Ritzen das scheue Licht
herausquillt in die Regennacht, aus verschlossenem Gram und Zorn
geflüstert und geknirscht werden! -- Bei uns daheim ist es anders! Da
ist Licht und Leben und unbedrückte Freiheit! Auch Leid und Schmerz,
gewiß! Das hat seine harten, unvermeidlichen Gründe! -- Aber unsere
nervöse Ungeduld, die sich manchmal versteigt zu sinnlosem Klatsch und
zu Worten voll übler Ungerechtigkeit wider unser Heer und seine Führer?
-- Wie sagte der brave Feldgraue von Haidhausen? »I woaß net, warum?«
Auf dem dunklen Stadtplatz, bei dessen wenigen Laternen die
Wasserpfützen des Pflasters glitzern, nähert sich mir ein mächtiges
Rollen, Schnauben und Knattern. Wie ein langer, langer Zug von schwarzen
Ungetümen saust es aus der Nacht heraus und in die Nacht hinein. An
die vierzig oder fünfzig Lastautomobile mit angehängten Wagen! Und
alle sind vollgepfropft mit jungen deutschen Soldaten! Die rauchen ihr
Pfeifchen, ihre Liebeszigarren, und lachen und schwatzen! Und meine
grüßenden Zurufe erwidern sie lustig, mit gesundem Frohsinn! Als ging'
es zu einem Feste! Und sie fahren doch in die schwarze, vom Regen
durchpeitschte Nacht hinaus, der Richtung zu, aus der man seit dem Abend
immer ein dumpfes Rollen wie von einem schweren, näherkommenden Gewitter
hört!
Ich bekomme eine kleine nette Quartierstube, völlig »undevastiert«,
obwohl vor mir schon viele Deutsche da gewohnt haben. Der Kamin hat
Geheimnisse -- man bringt ihn wohl dazu, daß er brennt, aber nicht, daß
er heizt. Doch der Gedanke an die da draußen, die noch viel nässer sind
und noch viel härter frieren, macht mich geduldig. Auch tröstet mich
wieder das famose französische Bett. Ein Segen für uns, daß Frankreichs
gute Armee nicht =so= gut ist, wie seine Betten sind. Da hätten unsere
Feldgrauen noch viel härter zu beißen, und wir zu Hause müßten noch
=viel= geduldiger sein, als wir jetzt schon -- =nicht= sind!
Aller Güte dieses Bettes zum Trotze kann ich nicht schlafen. Immer
rollt der Kanonendonner. Ein paarmal hör' ich den schweren Schlag einer
explodierenden Mine. Die Fensterscheiben klirren und das ganze Hans
zittert, obwohl ich etwa acht Kilometer vom Schusse bin. Spring' ich
zum Fenster hin, so seh' ich die Lichtbündel der Scheinwerfer über die
Wolken huschen. -- Wo sind die Minen aufgegangen? Sind Deutsche, sind
Franzosen zerschmettert und zerrissen in die Luft geflogen? -- So sieht
die »Ruhe« aus, die wir bei der Front vermuten, wenn die Depeschen
melden: »=Nichts Neues!=« Wir müssen lernen, zwischen den Zeilen der
Telegramme zu lesen. Mir ging es kalt durch die Adern, als ich heute von
diesem Minenkrieg erzählen hörte, von dieser Maulwurfsarbeit des Todes
unter der Erde, zwischen Schützengraben und Schützengraben. --
Am Morgen regnet's, regnet's und regnet's. Ein Wetter, um beim Gedanken
an unsere Truppen zu verzweifeln! Dabei ist es noch ein Glück, daß die
Unseren von härterem »Schlag« sind als die Franzosen, denen die Nässe
und der Schlamm noch viel empfindlicher an die Haut gehen. Dieses
fürchterliche Wetter ist schließlich doch auch ein Bundesgenosse der
deutschen Robustheit.
Ich denke das, während ich aus der Haustür trete, und da erbringt
mir die Wirklichkeit einen Beweis, der mir Herz und Leib mit Freude
durchglüht.
Durch die grob gepflasterte Straße stampft es herauf -- wie das
Volkslied sagt: in gleichem Schritt und Tritt. Sind das Franzosen? Die
gleichen Franzosen wieder, die von der Armee des deutschen Kronprinzen
gefangen wurden? Nein! Die Leute sind größer, kräftiger. Auch sind das
keine Gefangenen, sie sind nicht bewacht, und sie tragen Waffen! Aber
die Gewehre sehen aus, als hätte man sie aus einer Pfütze gezogen;
Patronentaschen, Bajonett und Schanzeisen sind mit Schlamm umwickelt;
und genau so, wie jene tausend gefangenen Franzosen, die ich gesehen,
sind diese fünf-, sechshundert Deutschen von den Stiefeln bis über die
Brust hinauf, bis zu Schulter und Hals so dick in gelben, klumpigen Lehm
gewickelt, daß von den feldgrauen Uniformen nur wenige unbekleckerte
Lappen noch zu sehen sind. Nicht anders sehen Tornister und Mäntel aus.
Viele von den Leuten tragen trotz der Kälte die Hälse nackt und haben
die Liebesgabenschlipse um den Rand der Stiefelschäfte herumgewickelt,
damit sie den Dreck nicht auch noch in die Stiefel bekämen! Aber
frische, gesunde, gutgefärbte Gesichter haben sie! Alle! Gut genährt und
kraftvoll sehen sie aus! Und aus ihren hellen, ruhig-frohen Augen redet
eine wahrhaft stoische Zufriedenheit mit aller Mühsal, die sie erdulden
müssen für Heil und Schutz der Heimat.
Nein! Was wir manchmal in den amtlichen Depeschen lesen, vom
Gesundheitszustand und der guten Verfassung unserer Truppen, das ist
nicht Stimmungsmache! Das ist =weniger= als die wundervolle Wahrheit,
die ich jetzt, beglückt bis ins Innerste meiner Seele, mit eigenen Augen
zu sehen bekomme.
Es sind Mannschaften des =Münchener Leibregiments=, die nach der
Ablösung aus den Schützengräben kommen, um vier Tage Rast zu haben.
Straff und strack marschieren sie in dem von Schlamm und Nässe
klatschenden Zeug an mir vorüber -- und weil ihnen ein hoher Offizier
begegnet, rucken sie ihre Körper plötzlich auf, und die Stiefel stechen
und klingen wie bei festlichem Parademarsch. Hinter ihnen bleibt
auf dem groben Pflaster eine lange gelbe Lehmschlange, die im Regen
allmählich ersäuft und verschwindet.
So, wie in dieser Minute, hab' ich noch nie im Leben die Notwendigkeit
und stählende Kraft der militärischen Erziehung unseres Volkes
verstanden. Und ich begreife nun auch die verzagte, hoffnungslose
Trauer, die ich hier in den Augen der Einheimischen sehe, wenn sie einen
Vorbeimarsch unserer Truppen betrachten; sie sprechen es nicht aus; aber
man fühlt es, daß sie denken: »=Ihr seid die Sieger!=«
Neben aller stolzen Freude zitterte mir doch auch eine Sorge im Herzen,
und ich fragte den Offizier, der neben mir stehen geblieben war: »Um
Gottes willen, die Leute haben doch nur die =eine Uniform=, wie werden
sie denn wieder trocken und sauber?«
Er lachte: »Ja, das weiß ich nicht. Aber morgen sind sie's wieder. Die
meisten helfen sich so, daß sie sich in dem nassen Schmutz auf ihr Stroh
legen und die Kleider am Leib trocknen lassen. Andere machen es anders.
Neulich sah ich einen in einer eiskalten Pfütze stehen und die Kleider
waschen, die er am Körper trug. Ich fragte: >Mensch, was machen Sie
denn da?< Der Mann sagte: >Ja, mei', wie soll ich's denn machen? Mei'
Zuig muß i endli amal sauber kriegen, nacket kann i mi net herstellen,
muß i's halt =so= machen!< Er wusch und rippelte weiter! Und das
Merkwürdigste an der Sache ist, daß wir noch nie so wenig Revierkranke
gehabt haben wie jetzt.« --
Ich glaubte bisher, vom ersten Tage des Krieges an, jede Pflicht gegen
meine Heimat als Deutscher gewissenhaft erfüllt zu haben. Jetzt weiß
ich, daß ich noch mehr hätte tun müssen, um als Bürger dem Soldaten zu
helfen.
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