Wir leben in einer gerechten Zeit, die es sich angelegen sein läßt,
allerlei unzutreffende Urteile in den Köpfen und Herzen des deutschen
Volkes richtigzustellen. Jetzt wissen wir, daß unser Entrüstungssturm
über Zabern keine völlig objektive Sache war; daß uns eine kleine,
wieder deutsch gewordene Insel in der Nordsee viel schutzreichere
Dienste leistete als jenes größere Inselland an der ostafrikanischen
Küste, dessen Abtausch an England wir mit leidenschaftlichem Kummer
beklagten und als Diebstahl an der Schatztruhe des deutschen Michels
bezeichneten; und seit unsere jungen Offiziere das Monokel fallen ließen
und, ein befeuerndes Vorbild für die Mannschaft, mit Heldenruhe und
heiligem Opfermut in den Bleihagel der Feinde schritten, wissen wir
auch, daß wir alle Ursache haben, den Typus des deutschen Leutnants
wesentlich anders und unabhängiger von Äußerlichkeiten zu konturieren,
als dies noch in der letzten Juliwoche des vergangenen Jahres geschehen
ist.
Ein langer Friede, und mag er an sich die schönste und begehrenswerteste
Sache sein, ist doch auch ein diplomierter Pädagoge für Erziehung
ungerechter Nörgelsucht, skrupellosen Haders und ausartenden Mißtrauens;
unter der Engelsmaske schneidet sein Gesicht die Grimassen eines
Verleumders und Lügners; mit dem Motto »Verwirf das Gute und begehre
das Bessere!« zerbröselt er jene menschlichen Werte, deren wir in
stürmischen Zeiten am dringendsten bedürfen, und die -- das mag zu
seiner Entschuldigung gesagt sein -- auch nur in der Morgenröte großer
Ereignisse ihre wahre Gestalt und ihr innerstes Wesen zu zeigen
vermögen. Deutschland wäre ärmer geblieben um einen genialen Feldherrn,
wenn es nicht reicher geworden wäre um diesen heiligen Krieg.
Gewiß sind Witz und Satire zwei völlig unentbehrliche Waffen jeder
Kultur, jeder ethischen und nationalen Entwickelung. Aber künstlerische
Schöpferkraft ist nur dann in ihnen, wenn sie die Größe fördern und
bejahen, die sie zu befehden scheinen. Fehlt es ihrem Maßstab an
gerechtem Gewissen, verliert ihr Scheinbild =jede= Beziehung zum Bilde
der Wirklichkeit, jeden positiven Boden, und wird es zur augenlosen
Negation, die _à la mode_ einen vergnüglich mundenden Kaviar für das
Volk bereitet, dann ist es mit Witz und Satire die gleiche Sache, wie
wenn die völkerrechtlich zulässigen Mantelgeschosse durch sträfliche
Manipulationen zu mörderisch wirkenden Dum-Dum-Kugeln verzwickt werden.
Man verzeihe mir dieses etwas philosophisch angehauchte Vorspiel. Es
begann in mir zu klingen, als ich am dritten Tage meines Aufenthaltes im
Großen Hauptquartier einen für uns Deutsche gerade jetzt sehr wichtigen
Mann kennen und in gesteigertem Maße ehren lernte -- einen Mann, den wir
immer als »Philosophen« zu besteckbriefen liebten -- wenigstens bis zu
jenen Augusttagen, die uns eine gerechtere Meinung von ihm beibrachten.
Ich hab ihn früher niemals so Aug' in Auge gesehen, immer nur aus der
Ferne, wie auch Millionen andere ihn sahen. Nah und genau betrachtet,
sieht er =ganz= anders aus. Ich muß gestehen, daß ich noch nie einen
so krassen Widerspruch zwischen Lebenswahrheit und landläufiger
Karikaturtype beobachtete.
Die Natur hat diesen Mann nicht mit zwölf Kopflängen ausgestattet,
wie den roten Theaterprinzen von Arkadien, und hat ihn auch nicht
so hopfenstangenmager gebildet, wie er immer gezeichnet wird. Er
sieht viel eher wie ein fester, wohlproportionierter, derbgesunder
und breitschulteriger Forstmann aus, der seine Galauniform genau so
bequem und selbstverständlich trägt wie sonst seine Waldjoppe. Dazu
ein wuchtiger, strenggeschnittener Kopf, unter dessen hartknochiger
Stirnwölbung sich kein Versteck für nebulose Theorien vermuten läßt. Was
edles Metall ist, prägt sich anders als lindes Blei; und klare Formen
sind immer eine Gewähr für die Eigenschaften des Inhalts. Bei seiner
umfassenden Geistesbildung mag dieser kraftvoll aussehende Mann wohl
mehr von philosophischen Dingen wissen als mancher unter jenen, die ihm
den »Philosophen« anzukreiden pflegen. Aber er ist weder menschenferne
und trocken wie der große Weise von Königsberg, noch gallig und moros
wie Schopenhauer, noch ein wortschwelgerischer Systematikus wie Hegel,
noch dithyrambisch-bärbeißig oder entrückt-melancholisch wie Nietzsche.
Er ist und blickt und redet und geht und steht wie ein prachtvoll
natürlicher Mensch, der ohne Mittel, nur durch sich selbst und durch
die ruhige Festigkeit seines persönlichen Wesens gewinnt und erobert
-- wenn man sich nicht gewaltsam und eigensinnig dagegen sträubt, wie
die meisten von uns Deutschen es getan haben, seit der ersten Stunde
seiner Amtsführung. Aber dieser Widerstand ist wohl erledigt seit dem
erhebenden Augusttage, an dem unser Reichskanzler sprach, was allen
Deutschen aus der Seele gesprochen war, und an dem er sich als eine
tragende Säule der festen, raschen und entscheidenden Tat erwies, die
notwendig war für die Sicherheit und den Fortbestand unseres Reiches.
Und nun wollen wir Deutschen das niemals wieder vergessen: daß Mißtrauen
und anspruchsvolle Ungeduld aus Vergleichsmanie gefährliche und lähmende
Kräfte sind. Das willige Vertrauen des Volkes formt den begabten
Staatsmann, wie die Gelegenheit des Krieges den geborenen Feldherrn
erscheinen und erkennen läßt. Wir von heute wissen, wie das deutsche
Volk seinen Bismarck auf der Höhe seiner reifen Kraft und seines
Erfolges nahm; aber nicht alle erinnern sich daran, wie er in den Jahren
seiner Entwicklung genommen wurde, und daß man den Abgeordneten von
Bismarck-Schönhausen bei seiner Jungfernrede verhöhnte und auslachte.
Übrigens -- damals wurde viel davon gesprochen, was mit Polen geschehen
soll. Was Bismarck in der Magdeburger Zeitung aussprach, und was in
der Paulskirche der junge Dichter Wilhelm Jordan über Polen sagte, das
sollte man heute nachlesen, sehr aufmerksam. Vieles davon stimmt auch
heute noch und kann Wege zeigen. --
Das Auswärtige Amt ist im Großen Hauptquartier untergebracht in dem
Gartenhaus eines Bankiers, von dem es ebenfalls heißt: »_Il est parti!_«
-- zu deutsch: verduftet! Aber in dem Hause, aus dem er entfloh, ist
ein Odeur seiner seltsam träumerischen Seele zurückgeblieben. Die
Wohlhabenheit seines Besitzes läßt vermuten, daß er in seinem Bureau
ein tüchtiger Finanzmann war. Doch in der Seele dieses erfolgreichen
Geldsammlers muß ein Winkelchen gewesen sein, das angefüllt war: mit
märchenzärtlicher Romantik. Das beweist die ganze Ausstattung seines
Hauses, und vor allem beweist es der große, jetzt zur Arbeitskarte des
deutschen Auswärtigen Amtes umgewandelte Salon, dessen wunderlichen
Schmuck allerlei mechanische Spielwerke bilden. Der Träumer brauchte
da nur in seinen Mußestunden ein paar Schlüssel zu drehen und ein
paar stählerne Federn aufzuziehen: dann tanzte eine Bajadere, ein
schöner Türke machte Gebetsverbeugungen, ein Schlangenbändiger gab eine
Vorstellung und ein Affe fing zu klettern an und produzierte seine
drolligen Kapriolen.
Jetzt stehen diese Spielwerke still. Der deutsche Reichskanzler hat
in dem okkupierten Salon viel notwendigere Dinge zu tun als Affen
klettern und Bajaderen tanzen zu lassen. Doch ist zu vermuten, daß
er wirksam damit beschäftigt ist, die giftige Schlangenschar der von
unseren Feinden in die Welt geworfenen Lügen zu bändigen -- wobei das
deutsche Heer mit nie ermüdendem Fleiß den Eisenschlüssel dreht und die
stählernen Federn aufzieht.
Zwischen den ruhenden Spielwerken stehen die Schreibtische, denen man
es ansieht, wie ruhelos hier gearbeitet wird. In der Mitte des Raumes
befindet sich der Schreibtisch des Reichskanzlers -- und unter den
Büchern, die da liegen, gewahre ich einen Band Satiren von =Ludwig
Thoma=. Es macht mir Freude, das Wohlgefallen des Reichskanzlers von
Bethmann Hollweg am süddeutschen Klang bestätigt zu sehen. Ich äußere
das, und er sagt in seiner warmen, freundlichen Art: »Ja, das ist im
Feld und zwischen der Arbeit meine Lieblingslektüre. Dabei erhole ich
mich und werde ruhig.«
Ein Jagdausflug, den der Reichskanzler im Herbste 1913 nach Linderhof
machte, gibt Veranlassung, von meiner Heimat, ihren Bergen und
ihrem Volk zu sprechen. Wieder höre ich die gleiche Anerkennung der
verläßlichen Tüchtigkeit unseres Bayernheeres, wie schon der Kaiser
sie mir mitgeteilt hatte. Und das Gespräch leitet über auf den Gang
der Dinge zu Hause, auf die Opferwilligkeit und auch auf die nervöse
Ungeduld der Daheimgebliebenen, auf schwer fühlbare Härten der Zeit,
auf akute Probleme der Industrie, des von Schwierigkeiten bedrückten
geschäftlichen Verkehrs und der reichen vaterländischen Fürsorge. Was
ich im Verlaufe dieses Gespräches hörte, läßt sich zusammenfassen in die
Worte:
»Bewundernswert ist es, was zu Hause an Opferwilligkeit geleistet wird!
Aber die Unruhe, die sich daheim in manchen Erscheinungen äußert,
begreift man hier im Felde nicht ganz. Zu irgendwelcher Unruhe ist doch
nicht der geringste Grund vorhanden. Eine Zeit wie die jetzige ist immer
schwer, für alle und für jeden. Das muß eben überwunden werden. Und wir
=werden= es überwinden. Dann wird das Verlorene sich wieder ersetzen,
doppelt. Wie es hier im Felde steht, das werden Sie mit eigenen Augen
sehen. Erzählen Sie es nur daheim! Überall geht's voran, manchmal für
die Ungeduld zu Hause nicht schnell genug, aber man muß einem zähen
Feinde gegenüber vorsichtig sein und unnötige Opfer vermeiden, um Kraft
für entscheidende Stunden zu sparen. Wenn man sieht, wie tüchtig und
beharrlich im Felde gearbeitet wird, nicht nur an der Front, sondern
auch =hinter= der Front und =zwischen= den Kämpfen, dann wird man
ruhig, fühlt sich sicher und wird vertrauensvoll, auch in nötigem Maße
geduldig.«
Wenn man unseren Reichskanzler schon einen »Philosophen« nennt, so
ist das eine Philosophie, die wir Deutschen uns alle zu eigen machen
sollten, bis sie Stein und Bein in uns geworden. Ich habe vor kurzer
Frist in der »Frankfurter Zeitung« ein starkes und tiefes Wort von
Theobald Ziegler gelesen: »Der Sieg ist unser Schicksal, dem wir
entgegenreifen.« Und neben dieses Wort will ich einen japanischen
Ausspruch stellen, von dem wir in diesen Tagen gehört haben: »Wer im
Kriege die Hilfe der anderen braucht, hat schon verloren.« Zwei Worte --
in dem einen kristallisiert sich der Glaube, im anderen der Beweis. Bei
uns ist die Kraft, bei uns der Sieg. Da sollte uns das bißchen Warten
und Geduld doch so leicht werden wie ein Spiel, dessen stählerne Feder
man mit keinem Schlüssel aufzuziehen braucht!
-- (Während ich das niederschreibe, marschiert unter meinem Fenster zu
Peronne ein Bataillon des Münchner Leibregiments vorüber, marschiert
in sausendem Wind und unter strömendem Regen zur Ablösung in die
Schützengräben. An die tausend Feldgraue sind es. Und sie singen! Diese
prächtigen Menschen! Ihr, die ihr zu Hause seid, ihr hört ja diese
Lieder unter =eueren= Fenstern =auch=, fast täglich! Das klingt auch in
der Heimat schön -- und dennoch anders! Hier, während in geringer Ferne
die große Trommel der Geschütze dröhnt, klingt dieses kraftvolle Lied
so ruhig und heiter, so gläubig und zuversichtlich, daß ich es nicht
zu schildern vermag. Die Wirkung ist so mächtig -- man kann es nicht
sagen, nur fühlen. Etwas Starkes und überwältigend Frohes ist in mir --
aber ich muß für eine Weile die Feder fortlegen, weil ich zum Schreiben
nimmer sehe.) --
-- -- Laßt mich wieder erzählen!
Der klärende und erhebende Eindruck, den ich aus dem französischen
Gartenhaus des deutschen Reichskanzlers mit mir fortnahm, sollte noch
ein tragendes Fundament am Abend finden, als ich wieder in dem kleinen
Wintergarten der stillen Villa war, im Kreise der den Kaiser umgebenden
Offiziere.
Ich sah und hörte da ein für uns alle sehr lehrreiches Beispiel von
des Kaisers Geduld und Ruhe gegenüber den Verleumdungsbomben, die
von unseren vielen Feinden mit sehr übel riechendem Pulver gegen uns
abgeschossen werden. Diese Dinge erbittern ihn, daß ihm die Stirne
brennt. Aber auch in der heißesten Erregung verliert er nie die
Herrschaft über sein Wort. Ich hörte den Kaiser in einem solchen Falle
sagen: »=Das ist stark! Aber dumm ist es auch! Ein Glück, daß die
Wahrheit auf die Dauer immer klüger ist und die schnelleren Beine hat.=«
Ritterliches Verhalten einzelner Gegner erfreut ihn. Und noch kaum einen
zweiten Deutschen hab' ich über gute Eigenschaften, über zähe Tapferkeit
und kriegstechnische Leistungen unserer Feinde so objektiv, so gerecht
und anerkennend urteilen hören wie den Deutschen Kaiser. Das sollten
einmal jene von ihm hören, die alle feindliche Welt jetzt erfüllen
mit ihren urteilslosen Pamphleten wider ihn, mit den aberwitzigsten
Karikaturen und den niedrigsten Beschimpfungen.
Auch gegen England hörte ich vom Kaiser kein im Zorn maßloses Wort.
Jedes Urteil, das er da ausspricht, bleibt doch, so streng es
auch manchmal klingt, immer innerhalb der Grenzen einer vornehmen
Zurückhaltung. Doch hört man, wenn von den Germanenvettern über dem
Kanal die Rede ist, aus seiner Stimme ein leises, kaum merkliches
Vibrieren. Dabei mischt sich seine Rede mit Bildern von scharfer
Prägung, mit Gleichnissen von schlagender Kraft.
Im Gespräch mit dem Vertreter eines neutralen Staates sagte der Kaiser:
»=Sie sind doch Sportsmann? Wenn bei einem Wettrennen nach und nach alle
schwächeren Konkurrenten ausscheiden, und es ringen nur noch die zwei
stärksten Pferde um den Sieg -- haben Sie es da schon einmal gesehen,
daß der Jockei des Pferdes, welches nachzulassen droht, mit der Peitsche
nach dem Jockei des Pferdes schlägt, das ehrgeiziger und besser bei
Kräften ist?=« Ein Kopfschütteln des Sportsmannes. »=Nun? Warum schlägt
dann England nach uns? Warum schlägt es nicht auf seinen faulwerdenden
Gaul?=«
Und noch ein anderes Kaiserwort, von dem ich glaube, daß es festgehalten
werden muß:
»=Viele von den Leuten, die uns Deutsche immer nach Äußerlichkeiten des
Schliffes beurteilen und uns immer Barbaren nennen, scheinen nicht zu
wissen, daß zwischen Zivilisation und Kultur ein großer Unterschied ist.
England ist gewiß eine höchst zivilisierte Nation. Im Salon merkt man
das immer. Aber Kultur haben, bedeutet: tiefstes Gewissen und höchste
Moral besitzen. Moral und Gewissen haben meine Deutschen. Wenn man im
Ausland von mir sagt, ich hätte die Absicht, ein Weltreich zu gründen,
so ist das der heiterste Unsinn, der je über mich geredet wurde. Aber in
der Moral, im Gewissen und im Fleiß der Deutschen steckt eine erobernde
Kraft, die sich die Welt erschließen wird!=«
Unser Kaiser ist ein Deutscher im Sinne seines eigenen Wortes.
Das alles durfte ich erzählen und glaubte es erzählen zu müssen. Wird
auch den toll gewordenen Lästerhähnen aller uns feindlichen Länder
der »zweite Attila« vorerst nicht auszureden sein, so werden diese
Charakterzüge und Worte des Kaisers doch dazu beitragen, daß wir
Deutschen sein innerstes Wesen richtig erkennen.
Dieser Abend in dem kleinen französischen Wintergarten -- es waren
außer dem Großadmiral von =Tirpitz= als Gäste noch zwei Offiziere da,
von denen der eine als Kurier aus Konstantinopel, der andere als Kurier
aus dem Osten, vom Heere des Feldmarschalls Hindenburg, gekommen war --
dieser Abend gab mir auch noch andere Dinge zu hören, sehr erfreuliche
und verheißungsvolle! Die muß ich in mir verschließen. Nur dieses eine
darf ich sagen: =Als ich an diesem Abend unter rauschenden Regengüssen
zu meinem engen Grillenhäuschen heimwanderte durch die finstere Nacht,
da sah ich unsere deutsche Sonne glänzen, groß und schön!=
6.