Kaum ist an der Tafel das Obst gereicht, da heißt es: »Sie kommen!«

Die Straße hat sich schon zu beiden Seiten mit langen und dichten Reihen

der Feldgrauen gefüllt. Durch diese Soldatengasse bewegt sich ein Zug

von seltsam aussehenden Gestalten einher. Franzosen? Wo ist denn die

berühmte rote Sache, die man die Hose von Frankreich nennt? Davon ist

nichts zu sehen. Ein bißchen Blau sieht man, ein dunkles Blau, alles

andere an diesen Kommenden ist gelb. So tappen und taumeln sie durch

die Gasse her. Und ein Photograph hat sich auch schon eingefunden;

glückselig dreht er die Kurbel seines Kinokastens, immer mit dem

Objektiv gegen den Kaiser hin. Der sieht es, wird sehr unwillig, deutet

auf den näherkommenden Zug der Gefangenen und ruft dem Photographen

zu: »=Sie! Photographieren Sie doch das da! Die Soldaten! Nicht immer

mich!=« Ich habe selten einen verlegeneren und hilfloseren Menschen

gesehen als diesen aus allen Himmeln gerissenen Filmkünstler. Er

dattert mit dem Apparat, rutscht hin und her, dreht an der Kurbel,

stockt wieder -- und ich besorge, der Film ist gründlich mißlungen.

Und wenn die deutschen Fürstenkritiker diese zerrupfte Sache sehen,

werden sie sagen: »Wenn sich der Kaiser schon immer photographieren

lassen will, soll er sich wenigstens einen geschickteren Photographen

aussuchen.« So entsteht, was man als gerechtes und objektives Urteil

bezeichnet. Es ist, wie im großen so auch im kleinen, immer wieder die

Geschichte von Helgoland und Sansibar.

Die heitere Stimmung, in die ich geraten bin, schlägt mir plötzlich

um in eine schwere und tiefe Erschütterung. Mir scheint, ich muß mich

erst an den Krieg gewöhnen. Unpolitisches Erbarmen ließ mich für einen

Augenblick vergessen, daß ich Deutscher bin und daß diese Gelben, die

da vorüberwandern, unsere erbitterten Feinde sind, die auf deutsche

Soldaten schossen und stachen und schlugen. Das vergaß ich für einen

Augenblick, weil die meisten dieser Menschen da grauenhaft aussehen,

herzergreifend. Sehen =so= auch die =Unseren= im Schützengraben aus?

Dann wissen wir in der Heimat noch immer nicht, was Krieg ist, und was

unsere lieben, treuen Feldgrauen um unserer Sicherheit willen ertragen

müssen.

Was wir in der Heimat an Gefangenen sehen, ist etwas ganz anderes als

hier; bis sie hinauskommen zu uns, hatten sie schon viele Tage Zeit,

sich zu erholen, sind gut ausgeschlafen, sind gekräftigt, ordentlich

genährt, sind gewaschen und gereinigt. Aber hier, im Felde, wo sie vor

wenigen Stunden erst aus den Schützengräben herausgefischt wurden,

stecken die meisten in Kleidern, die nimmer als soldatische Uniform zu

erkennen sind, sondern von Nässe klatschen und von den Stiefeln bis

hinauf zur Brust so dick mit Kot und Lehmklumpen behangen sind, daß

alles gelb ist an ihnen. Einige sehen wohl besser und frischer aus,

bewegen sich leicht und lebhaft, lassen sich ihr Pfeifchen oder die

Zigarette schmecken und können sogar lachen, hochmütig und spöttisch.

Aber die meisten sind schwer erschöpft, schleppen sich mühsam unter der

Last dieses nassen Dreckes an ihrem Leib, sind bleich und verstört,

haben abgezehrte Wangen und eingesunkene, trauervolle Augen. In vielen

Gesichtern ist der seelenlose Stumpfsinn, den ein monatelanges Leiden

in ihnen erzeugte. Einige sind leicht verwundet, schon verbunden. Viele

gehen Arm in Arm gehängt, die noch Kräftigeren stützen die Schwächeren.

Unter dem Tausend sind kaum hundert hoch und gut gewachsene Leute, von

denen wir Deutschen sagen würden: Das sind Mannsbilder. Alle anderen

sind klein, zart und schwächlich von Natur, dazu noch zerrieben von der

Mühsal des Krieges, viele unterhalb unseres Militärmaßes, sogar von

zwerghaft zurückgebliebenem Wuchs.

So wandern sie vorbei -- nicht verspottet und verhöhnt, nicht beschimpft

und mißhandelt, nicht bespien und mit Fußtritten regaliert, wie es

deutschen Gefangenen in Frankreich erging. Unsre Feldgrauen stehen ernst

und schweigsam, sie reden und lachen nicht. Und viele von ihnen, die

doch unter dem Kugelregen der Franzosen gestanden und bedroht waren von

Wunden und Tod -- vielen kann ich es an den Augen ansehen, daß in ihren

»Hunnenseelen« das gleiche menschliche Erbarmen ist wie in mir, der ich

mich an solche Bilder des Krieges erst noch gewöhnen muß und noch keine

von seinen Gefahren verschmeckte.

Während die Gefangenen am Kaiser und der Gruppe seiner Offiziere

vorüberkommen, reden wunderlich verschiedene Dinge aus diesen

französischen Augen: Gleichgültigkeit und Neugier, Hohn oder Haß. Aber

es sind doch auch manche dabei, in denen der Zorn und die Pein der

Stunde nicht völlig die Züge soldatischer Ritterlichkeit ersticken kann.

Ob sie den Kaiser und den Kronprinzen erkennen? Oder ob sie nur glauben:

das sind Generäle? Sie salutieren oder ziehen das Käppi herunter, und

der Kaiser dankt.

Die letzten verschwinden, und eine Gruppe von deutschen Lanzenreitern

klirrt hinter ihnen her.

Das Bild, das ich gesehen, beschäftigt mich noch lange, während

die Fahrt im Auto gegen Süden geht. Der Kronprinz begleitet seinen

kaiserlichen Vater eine Strecke Weges, will ihm eine Stelle mit weiter

Fernsicht gegen die Argonnen zeigen. Das Gespräch der beiden, das sich

immer um Dinge des Krieges dreht, ist ernst, aber die Stimmen bleiben

durchhaucht von einer warmen Herzlichkeit.

Nach einer halben Stunde hält das Auto. Mitten aus der welligen

Landschaft erhebt sich ein großer, steiler Hügel, ein Kalvarienberg,

gekrönt von einem mächtigen Kreuzbild.

Der Weg da hinauf ist mit Schwierigkeiten verknüpft, denn die Regengüsse

vieler Wochen haben den lehmigen Steilhang so durchweicht und versumpft,

daß jeder Schritt ein Glitschen und Rutschen wird. Aber die Kletterei

belohnt sich. Droben eine meilenweite, wundervolle Rundschau! Das

große Stück Welt, das zu sehen ist, gleicht einem in den Wolken

schwimmenden Riesenteller, der belegt ist mit Wäldern und Feldern, mit

Städten und Dörfern, mit Strömen und Bächen. Und alles ist Land, das

die Deutschen eroberten! Und gegen Südosten zieht sich durch das Grau

des fernen Horizonts etwas hin, das einer schwarzen, langgestreckten

Gigantenschlange gleicht. Das ist der Argonnenwald, der unserem Heere

so blutig zu schaffen macht. Immer klingt aus jener Ferne ein dumpfes

Murren her, ganz leise, kaum noch zu hören im Brausen des Windes,

der den Hügel überweht. In der Höhe jagen zerrissene Wolken; und

sieht man empor zu ihrem Flug, so scheint das mächtige Kreuzbild sich

herabzuneigen, als möcht' es in Barmherzigkeit das Menschengeschlecht

der Erde umarmen.

Beim Niederstieg erweist sich der glitschige Boden noch feindseliger.

Ich frage den Kaiser, ob ich ihn stützen darf. »Ja! Kommen Sie her!« Er

faßt mich an der Schulter. So geht es langsam hinunter, und ich haue

bei jedem Schritt den Stiefelhacken ein, wie bei Glatteis auf einer

Gemsbirsche. Halb sind wir schon drunten. Da rutsche ich selber aus. Und

der Kaiser mit seiner starken Faust hält mich aufrecht. Meinen etwas

verlegenen Dank erwidert er mit dem lachenden Wort: »=Soldat und Bürger,

die beiden müssen einander helfen, so gut sie können!=« --

Während der Rückfahrt durch die sinkende Dämmerung spinnen sich in

meiner Seele hundert Gedanken und Bilder um dieses vieldeutige Wort des

Kaisers. --

Und ich glaube, daß man uns Deutschen in dieser Zeit von heute keine

stärkere und tiefere Mahnung sagen kann als dieses Kaiserwort: »Soldat

und Bürger, die beiden müssen einander helfen, so gut sie können!«

Geschieht es so -- nicht nur im ersten Feuerstrom des alle Herzen

durchflammenden nationalen Glaubens, sondern auch in allen Wechselfällen

eines langen und zähen Kampfes, der von Bürger und Soldat das letzte der

deutschen Kraft verlangt -- dann werden wir als Volk nicht niedergleiten

in Schmutz und Tiefe. Wir werden aufrecht stehen! Und gleich den

gläubigen Magiern aus dem Morgenlande, die geführt wurden von ihrem

leuchtenden Sterne, werden wir alle Tücke und Hinterlist des Herodes,

der uns in Neid erwürgen will, zuschanden machen!

5.

Reise zur deutschen Front, 1915 · 第 8 / 23 题