Der Deutsche Kaiser ist kein Frömmler, aber ein frommer, tiefgläubiger
Christ, der seinen Tag mit Gott beginnt und mit Gott beendet.
In der kleinen Stadt, die das Große Hauptquartier beherbergt, wurde ein
großer Raum zu einer Feldkirche umgewandelt. Hier wird der Gottesdienst
für den Kaiser und die Garnison des Hauptquartiers abgehalten. Den
langen, mächtigen Hallenraum füllen in dichten Reihen die Soldaten,
deren Abteilungen sich aus Linie, Reserve und Landsturm mischen, feste
und stramme Gestalten, mit gesunden und ruhigen Bartgesichtern; dazu die
kleine, aus allen Reiterregimentern der deutschen Bruderstämme gebildete
Kavallerietruppe der kaiserlichen Wache; nahe dem Altar, zu beiden
Seiten des auf den Kaiser wartenden Kirchenstuhles, sind die Plätze
der Offiziere und des Orchesters, das aus Harmonium und acht Bläsern
besteht.
Das Bild des mit roten Tüchern ausgeschlagenen und durch drei Stufen
erhöhten Altars hat etwas freudig Aufwärtsstrebendes. Zur Rechten
und Linken schmücken ihn zwei große Banner in den deutschen Farben,
zwischen denen das Kreuzbild des Erlösers auf die Reihen der Soldaten
niederblickt. Das heilige Zeichen leuchtet freundlich in der durch die
Fenster hereinflutenden Morgensonne. Und gleich einem Symbol des vor
Gottes Antlitz ruhenden Krieges sind auf beiden Seiten des Altars die
mit allen Landesfarben der deutschen Stämme bewimpelten Reiterlanzen zu
schlanken, friedsamen Pyramiden aneinandergestellt.
Ein Kommando. Das Zusammenklirren der Soldatenstiefel klingt wie ein
einziger harter Eisenschlag. Auf dem Bretterboden die ruhigen Schritte
eines einzelnen Mannes. Durch die Reihen der Soldaten schreitet der
Kaiser zu seinem Kirchenstuhl. Sein Gesicht ist ernst, fast unbeweglich.
Und immer, mit einem sinnenden Blick, sind seine Augen emporgehoben zum
Bilde Gottes, auf dessen gerechte Hilfe er hofft und baut.
Harmonium und Bläser beginnen den Choral, und Feldprediger =Goens= --
eine Gestalt wie aus einem Holzschnitt des 17. Jahrhunderts in das Leben
von heute herausgetreten -- steigt zum Altar empor. Mit gewaltiger,
Herz und Nerven durchbrausender Tonwelle schwillt aus zweitausend
deutschen Soldatenkehlen das alte fromme Kirchenlied durch die goldenen
Sonnenbänder empor in das klingende Hallengewölbe. Und noch weiter,
noch höher wird es tönen. Solch ein gläubiges Lied voll Kraft und
Christentreue und Inbrunst muß der Himmel erhören. Der schöne machtvolle
Klang erschüttert mich bis in die tiefste Seele, und alles Denken in mir
ist deutsche Andacht.
Der Prediger liest das Epiphanias-Evangelium, die Geschichte der
morgenländischen Magier, die in gläubiger Sehnsucht auszogen, geführt
von ihrem Sterne, und in Redlichkeit alle Tücke und Hinterlist des
Herodes zuschanden machten und wieder heimkehrten in ihr Land,
den gefundenen Gott im Herzen. Tief und warm, in einer ebenso zum
anspruchsvollsten Verstande wie zu aller Einfalt der Volksseele
sprechenden Weise deutet der Prediger die biblische Überlieferung
zuerst in christlichem Sinne. Dann hebt er das Ewig-Menschliche aus
dem schönen Gleichnis hervor: das ruhelose Wandern und Streben der
irdischen Hoffnung nach allem Höheren und Besseren. Aus der wachsenden
Flamme seines Wortes steigen die großen Bilder eines in Sehnsucht und
Gottvertrauen suchenden Volkes empor, das in unübersehbaren Scharen
und im Gefunkel seiner gesegneten Waffen auszog und Heimat und Herd
verließ, um die Freiheit seines bedrohten Lebens zu beschützen. Geführt
vom leuchtenden Stern der deutschen Hoffnung, von Wahrheit und Treue
geleitet, wird dieses Volk durch Kampf und Prüfung einer Zeit der Blüte
und Ernte entgegenschreiten und jede feindliche Tücke und herodianische
Hinterlist zuschanden machen. Und heimkehren wird es in sein Land, mit
dem Glauben an Gottes Kraft in der Seele, mit der Freude des gewahrten
Rechts im Herzen, mit den Kränzen des Sieges an seinen Fahnen.
Die heilige Verheißung, die von den Stufen des Altars hinausklang über
den weiten, von Feldgrauen dicht erfüllten Raum, scheint wie ein
frohes Feuer in diese zweitausend deutschen Soldatenbrüste zu fallen.
Ihr Danklied braust wie das feierliche Spiel einer riesigen Orgel, und
aus diesem machtvoll schwingenden Seelenliede hör' ich außer Andacht
und Gottvertrauen noch andere Klänge heraus: heiße Sehnsucht nach
der Heimat, zärtliche Grüße der Söhne an Väter und Mütter, dürstende
Liebesträume junger Herzen, glühende Segenswünsche der Graubärtigen für
ihre Kinder.
Nun wird es still über alle Köpfe hin. Kein Scharren einer Sohle, kein
Räuspern. Ein Schweigen, das lautlos ist. Der Kaiser hat sich erhoben
und den Helm vom Haupte genommen. Warmes Leben ist in seinen Zügen,
sein Gesicht und seine Augen sind froher und heller, als sie waren, da
er kam; das Antlitz emporgehoben zum Kreuzbilde, betet der Deutsche
Kaiser stumm zu dem gerechten Gotte, an den er glaubt. Um was er betet,
das hört nur ein Einziger. Doch wir Deutschen, die wir ihn kennen, wir
wissen alle: er betet als Vater für Frau und Kind, betet als Mensch für
die Menschen, betet als Herrscher für Heimat und Volk und Heer.
Immer mußte ich ihn ansehen. Mich erfüllt eine Stimmung voll schöner
Weihe und ruhiger Zuversicht. Sie hält noch immer in mir an, während
ich schon draußen in der Sonne stehe und die Truppen sich ordnen, um
vor dem Kaiser zu defilieren. Trommeln und Pfeifen. Dann der alte, das
Blut befeuernde Yorck-Marsch. Mit Klirren und Stampfen geht's vorüber,
jeder Truppenteil wie ein festgeschlossener, unzerreißbarer Felsklotz.
Die gesunden, straffen Gestalten erzittern von der Wucht des Marsches,
und wie Eisenhämmer schlagen die gut deutschen Stiefelsohlen in den
französischen Morast.
Da hör' ich ein frohes Auflachen des Kaisers. Er winkt mir. »=Ganghofer!
Haben Sie sich das angesehen? Wie großartig die Leute marschieren! Ganz
famose Menschen!=« Wieder lacht der Kaiser, herzlicher als ich es jemals
von ihm hörte. Und eine starke Freude glänzt in seinen Augen.
Ein paar Minuten später beginnt die Fahrt im offenen Auto. Schade, daß
jetzt die Sonne ein bißchen Verstecken spielt und nur zeitweilig durch
die Klüfte der trüben Wolken hinausguckt. Über dem Lande, das ich sehen
soll, liegt so viel dunkle Trauer, daß nur reichliche und ausdauernde
Sonne sie etwas aufhellen könnte.
Den Kaiser begleiten im Auto zwei Herren des militärischen Gefolges.
Und zwei Militärkarabiner, mit den Patronentaschen daneben, lehnen in
den Ecken des Wagens. Sonst kein Geleit, kein Schutz. Der Kaiser will
es so. Auch haben die Deutschen alles okkupierte Land schon friedlich
und ruhig gemacht und haben ihm reichliche Hilfe in seiner wachsenden
Not geleistet. Mit flinker Fahrt geht es neben gesprengten Steinbogen
über eine hölzerne Notbrücke, gegen deren Balken die rauschende Flut
des hochgestiegenen Stromes anstürmt wie ein grimmiger Feind. Nur noch
handbreit ist der Brückenbogen über dem schießenden Wasser. Das sieht
aus, als müsse man Sorge um die Brücke haben; aber der Kaiser sagt: »=Da
ist keine Gefahr. Was deutsche Pioniere bauen, das hält.=«
Was ich an Landschaft zu sehen bekomme, hat liebenswürdige Linien. Doch
keine Ferne will sich richtig aufklären.
An kleinen Dörfern geht es vorüber, in die noch keine deutsche Granate
gefallen ist. Auch unbeschädigt sehen sie abscheulich aus. Solch ein
Bild von Verwahrlosung und gleichförmiger Geschmacklosigkeit, von
Mangel an Hausfreude, von gartenloser Nüchternheit, von bedrückender
Aneinanderpferchung, von Schmutz und Unordnung hab' ich außer hier
in Nordfrankreich noch nie in einem Lande gesehen, das Anspruch auf
Kultur erhebt. Wohin die Deutschen da kommen, überall müssen sie erst
Ordnung schaffen und fegen und scheuern, bevor sie sich auf einen Sessel
niedersetzen oder in einer Stube ruhen können.
Und dieses Graue da drüben über dem Strom, dieses Leblose, von jedem
Atemzug Verlassene, dieses Zerrissene und Zerfetzte, dieses widersinnnig
Ausgefranste, durchschlungen von rauchschwarzen Zerrbildern? Was ist
das? Wie ein anderes Pompeji sieht es aus, nur ohne Tempel und Säulen,
alle Ruinen zu einem grauenhaften Schutthaufen übereinandergerüttelt
durch ein neues Erdbeben?
Das ist =Donchery= gewesen, um dessen Mauern einer der härtesten Kämpfe
tobte.
Heimat, Heimat, wehre dich mit allen Kräften deines Volkes, mit jeder
Waffe deines Heeres und jedem Opfer deiner Bürger, um solch ein
Furchtbares von dir abzuwenden! Dieses Grauen hat mit der Übermacht
der Feinde schon hereingezüngelt über unsere Grenzen. Es soll nicht
weiterschreiten, wir wollen uns stemmen dagegen mit unseren Leibern, mit
unserem Gut, mit allem, was wir sind und was wir haben! Der Gedanke,
daß unsere sieghaft vorschreitende Befreiung und Erlösung scheitern
könnte am eigennützigen Kleinmut und am kurzsichtigen Egoismus Weniger
-- dieser Gedanke legt sich wie eine Klammer um mein Herz, wie ein
quälender Eisenreif um meine Kehle.
Gibt es Zufälle, die wie geheimnisvolle Gesetze sind? Während ich die
Gedanken, die mich durchschüttern, stumm in mir verschließe, beginnt
der Kaiser plötzlich, ohne jede Beziehung zu einem vorausgegangenen
Worte, von dem herrlichen, wundervollen Zusammenhalt des ganzen
deutschen Volkes zu sprechen, von der heiligen Begeisterungsflamme der
ersten Augusttage. »=Es ist meine schönste Freude, daß ich das erleben
durfte=.« Und nach kurzem, nachdenklichem Schweigen sagt er: »=Wenn es
nicht so gewesen wäre --=« Er spricht diesen Satz nicht zu Ende, aber er
atmet auf und sieht gegen Donchery zurück, dessen Trümmerstätte schon
verschwunden ist.
Mir wird leichter um die Brust. Auch die Landschaft, durch die wir
fahren, bringt aufrichtende und verheißungsvolle Erinnerungsbilder.
Historischer Boden! Heiliger Boden für uns Deutsche! Das
Schlachtengelände von Sedan!
»=Dort oben=«, sagt der Kaiser und deutet nach einer Feldhöhe, »=da ist
mein Vater gestanden=.«
Neben der Landstraße huscht ein kleines, einsames Haus vorüber.
»=Hier ist Napoleon mit Bismarck zusammengetroffen.=«
Aus einem hübschen, in seiner Laublosigkeit durchsichtigen Wäldchen
lugen die Türme und Mauern eines zierlichen Schlosses heraus.
»=Das ist Bellevue. Hier war die Unterredung meines Großvaters mit
Napoleon.=«
Diese Worte des Kaisers wecken in mir das Feuer eines frohen deutschen
Stolzes. Gerne hätte ich haltgemacht und wäre ausgestiegen, um diese
geweihten Stätten der Reichswerdung als Andächtiger zu besuchen. Aber
ich nahm mir heilig vor, noch einmal hierher zurückzukehren.
Nun geht es seitwärts, mitten durch das weite Überschwemmungsgebiet
der Maas. Von der Straße wird es auf hohem Damm durchschnitten. Lange
Proviantkolonnen knattern vorüber, feldgraue Radfahrer sausen vorbei.
Die meisten der Soldaten grüßen, wie man unbekannte Offiziere grüßt,
doch mancher, trotz der schnellen Fahrt des Autos, erkennt den Kaiser
und ist mit jähem Ruck in eine unbewegliche Säule verwandelt, die zwei
groß aufgerissene, freudige Augen hat.
Eine Ortschaft kommt, die sich hell abzeichnet auf dem dunklen
Hintergrund des Waldes von Woevre. Und über die Mauer eines Parkes hebt
sich ein schmuckes, kleines Schloß empor: das Ziel der Fahrt.
Im Schloßhofe begrüßt der =deutsche Kronprinz= mit den sechs Herren
seines Stabes den kaiserlichen Vater, der den Sohn herzlich umarmt.
Seit dem Frühjahr scheint sich die schlanke Gestalt des jungen
Heerführers, den wir Deutschen jetzt den Sieger von Longwy nennen, noch
gestreckt zu haben. Auch in ihm wirken die starken Mächte der großen
Zeit. Die Sonne des Sommerfeldzuges und Wind und Wetter des Winters
haben sein frisches, gesundes Gesicht gebräunt. Und seine frohen Augen
glänzen in Freude -- kann er doch dem Vater von einem großen Erfolge
der letzten Nacht erzählen. »Ein festes Stück vorwärts gekommen, und
zwölfhundert Franzosen gefangen!« Die müssen auf dem Marsche zur Bahn in
einer Stunde da vorbei kommen.
Mir hämmert es in der Brust. Eine Siegesnachricht, die so warm und neu
aus dem Schützengraben heraufschnellt, wirkt wesentlich anders, als wenn
man sie daheim an der Mauer oder in der Zeitung liest. Man hat auch da
seine heiße Freude. Aber wie frischer, um so besser.
Die gute Nachricht belebt und erwärmt die Stimmung am Frühstückstisch.
Dem Kaiser schmeckt das Mahl, und scherzend sagt er zum Kronprinzen:
»=Bei dir ißt man besser als bei mir. Ich muß mir das überlegen, ob ich
nicht deinen Koch requirieren lasse?=«