19. Januar 1915.

Der Deutsche Kaiser ist kein Frömmler, aber ein frommer, tiefgläubiger

Christ, der seinen Tag mit Gott beginnt und mit Gott beendet.

In der kleinen Stadt, die das Große Hauptquartier beherbergt, wurde ein

großer Raum zu einer Feldkirche umgewandelt. Hier wird der Gottesdienst

für den Kaiser und die Garnison des Hauptquartiers abgehalten. Den

langen, mächtigen Hallenraum füllen in dichten Reihen die Soldaten,

deren Abteilungen sich aus Linie, Reserve und Landsturm mischen, feste

und stramme Gestalten, mit gesunden und ruhigen Bartgesichtern; dazu die

kleine, aus allen Reiterregimentern der deutschen Bruderstämme gebildete

Kavallerietruppe der kaiserlichen Wache; nahe dem Altar, zu beiden

Seiten des auf den Kaiser wartenden Kirchenstuhles, sind die Plätze

der Offiziere und des Orchesters, das aus Harmonium und acht Bläsern

besteht.

Das Bild des mit roten Tüchern ausgeschlagenen und durch drei Stufen

erhöhten Altars hat etwas freudig Aufwärtsstrebendes. Zur Rechten

und Linken schmücken ihn zwei große Banner in den deutschen Farben,

zwischen denen das Kreuzbild des Erlösers auf die Reihen der Soldaten

niederblickt. Das heilige Zeichen leuchtet freundlich in der durch die

Fenster hereinflutenden Morgensonne. Und gleich einem Symbol des vor

Gottes Antlitz ruhenden Krieges sind auf beiden Seiten des Altars die

mit allen Landesfarben der deutschen Stämme bewimpelten Reiterlanzen zu

schlanken, friedsamen Pyramiden aneinandergestellt.

Ein Kommando. Das Zusammenklirren der Soldatenstiefel klingt wie ein

einziger harter Eisenschlag. Auf dem Bretterboden die ruhigen Schritte

eines einzelnen Mannes. Durch die Reihen der Soldaten schreitet der

Kaiser zu seinem Kirchenstuhl. Sein Gesicht ist ernst, fast unbeweglich.

Und immer, mit einem sinnenden Blick, sind seine Augen emporgehoben zum

Bilde Gottes, auf dessen gerechte Hilfe er hofft und baut.

Harmonium und Bläser beginnen den Choral, und Feldprediger =Goens= --

eine Gestalt wie aus einem Holzschnitt des 17. Jahrhunderts in das Leben

von heute herausgetreten -- steigt zum Altar empor. Mit gewaltiger,

Herz und Nerven durchbrausender Tonwelle schwillt aus zweitausend

deutschen Soldatenkehlen das alte fromme Kirchenlied durch die goldenen

Sonnenbänder empor in das klingende Hallengewölbe. Und noch weiter,

noch höher wird es tönen. Solch ein gläubiges Lied voll Kraft und

Christentreue und Inbrunst muß der Himmel erhören. Der schöne machtvolle

Klang erschüttert mich bis in die tiefste Seele, und alles Denken in mir

ist deutsche Andacht.

Der Prediger liest das Epiphanias-Evangelium, die Geschichte der

morgenländischen Magier, die in gläubiger Sehnsucht auszogen, geführt

von ihrem Sterne, und in Redlichkeit alle Tücke und Hinterlist des

Herodes zuschanden machten und wieder heimkehrten in ihr Land,

den gefundenen Gott im Herzen. Tief und warm, in einer ebenso zum

anspruchsvollsten Verstande wie zu aller Einfalt der Volksseele

sprechenden Weise deutet der Prediger die biblische Überlieferung

zuerst in christlichem Sinne. Dann hebt er das Ewig-Menschliche aus

dem schönen Gleichnis hervor: das ruhelose Wandern und Streben der

irdischen Hoffnung nach allem Höheren und Besseren. Aus der wachsenden

Flamme seines Wortes steigen die großen Bilder eines in Sehnsucht und

Gottvertrauen suchenden Volkes empor, das in unübersehbaren Scharen

und im Gefunkel seiner gesegneten Waffen auszog und Heimat und Herd

verließ, um die Freiheit seines bedrohten Lebens zu beschützen. Geführt

vom leuchtenden Stern der deutschen Hoffnung, von Wahrheit und Treue

geleitet, wird dieses Volk durch Kampf und Prüfung einer Zeit der Blüte

und Ernte entgegenschreiten und jede feindliche Tücke und herodianische

Hinterlist zuschanden machen. Und heimkehren wird es in sein Land, mit

dem Glauben an Gottes Kraft in der Seele, mit der Freude des gewahrten

Rechts im Herzen, mit den Kränzen des Sieges an seinen Fahnen.

Die heilige Verheißung, die von den Stufen des Altars hinausklang über

den weiten, von Feldgrauen dicht erfüllten Raum, scheint wie ein

frohes Feuer in diese zweitausend deutschen Soldatenbrüste zu fallen.

Ihr Danklied braust wie das feierliche Spiel einer riesigen Orgel, und

aus diesem machtvoll schwingenden Seelenliede hör' ich außer Andacht

und Gottvertrauen noch andere Klänge heraus: heiße Sehnsucht nach

der Heimat, zärtliche Grüße der Söhne an Väter und Mütter, dürstende

Liebesträume junger Herzen, glühende Segenswünsche der Graubärtigen für

ihre Kinder.

Nun wird es still über alle Köpfe hin. Kein Scharren einer Sohle, kein

Räuspern. Ein Schweigen, das lautlos ist. Der Kaiser hat sich erhoben

und den Helm vom Haupte genommen. Warmes Leben ist in seinen Zügen,

sein Gesicht und seine Augen sind froher und heller, als sie waren, da

er kam; das Antlitz emporgehoben zum Kreuzbilde, betet der Deutsche

Kaiser stumm zu dem gerechten Gotte, an den er glaubt. Um was er betet,

das hört nur ein Einziger. Doch wir Deutschen, die wir ihn kennen, wir

wissen alle: er betet als Vater für Frau und Kind, betet als Mensch für

die Menschen, betet als Herrscher für Heimat und Volk und Heer.

Immer mußte ich ihn ansehen. Mich erfüllt eine Stimmung voll schöner

Weihe und ruhiger Zuversicht. Sie hält noch immer in mir an, während

ich schon draußen in der Sonne stehe und die Truppen sich ordnen, um

vor dem Kaiser zu defilieren. Trommeln und Pfeifen. Dann der alte, das

Blut befeuernde Yorck-Marsch. Mit Klirren und Stampfen geht's vorüber,

jeder Truppenteil wie ein festgeschlossener, unzerreißbarer Felsklotz.

Die gesunden, straffen Gestalten erzittern von der Wucht des Marsches,

und wie Eisenhämmer schlagen die gut deutschen Stiefelsohlen in den

französischen Morast.

Da hör' ich ein frohes Auflachen des Kaisers. Er winkt mir. »=Ganghofer!

Haben Sie sich das angesehen? Wie großartig die Leute marschieren! Ganz

famose Menschen!=« Wieder lacht der Kaiser, herzlicher als ich es jemals

von ihm hörte. Und eine starke Freude glänzt in seinen Augen.

Ein paar Minuten später beginnt die Fahrt im offenen Auto. Schade, daß

jetzt die Sonne ein bißchen Verstecken spielt und nur zeitweilig durch

die Klüfte der trüben Wolken hinausguckt. Über dem Lande, das ich sehen

soll, liegt so viel dunkle Trauer, daß nur reichliche und ausdauernde

Sonne sie etwas aufhellen könnte.

Den Kaiser begleiten im Auto zwei Herren des militärischen Gefolges.

Und zwei Militärkarabiner, mit den Patronentaschen daneben, lehnen in

den Ecken des Wagens. Sonst kein Geleit, kein Schutz. Der Kaiser will

es so. Auch haben die Deutschen alles okkupierte Land schon friedlich

und ruhig gemacht und haben ihm reichliche Hilfe in seiner wachsenden

Not geleistet. Mit flinker Fahrt geht es neben gesprengten Steinbogen

über eine hölzerne Notbrücke, gegen deren Balken die rauschende Flut

des hochgestiegenen Stromes anstürmt wie ein grimmiger Feind. Nur noch

handbreit ist der Brückenbogen über dem schießenden Wasser. Das sieht

aus, als müsse man Sorge um die Brücke haben; aber der Kaiser sagt: »=Da

ist keine Gefahr. Was deutsche Pioniere bauen, das hält.=«

Was ich an Landschaft zu sehen bekomme, hat liebenswürdige Linien. Doch

keine Ferne will sich richtig aufklären.

An kleinen Dörfern geht es vorüber, in die noch keine deutsche Granate

gefallen ist. Auch unbeschädigt sehen sie abscheulich aus. Solch ein

Bild von Verwahrlosung und gleichförmiger Geschmacklosigkeit, von

Mangel an Hausfreude, von gartenloser Nüchternheit, von bedrückender

Aneinanderpferchung, von Schmutz und Unordnung hab' ich außer hier

in Nordfrankreich noch nie in einem Lande gesehen, das Anspruch auf

Kultur erhebt. Wohin die Deutschen da kommen, überall müssen sie erst

Ordnung schaffen und fegen und scheuern, bevor sie sich auf einen Sessel

niedersetzen oder in einer Stube ruhen können.

Und dieses Graue da drüben über dem Strom, dieses Leblose, von jedem

Atemzug Verlassene, dieses Zerrissene und Zerfetzte, dieses widersinnnig

Ausgefranste, durchschlungen von rauchschwarzen Zerrbildern? Was ist

das? Wie ein anderes Pompeji sieht es aus, nur ohne Tempel und Säulen,

alle Ruinen zu einem grauenhaften Schutthaufen übereinandergerüttelt

durch ein neues Erdbeben?

Das ist =Donchery= gewesen, um dessen Mauern einer der härtesten Kämpfe

tobte.

Heimat, Heimat, wehre dich mit allen Kräften deines Volkes, mit jeder

Waffe deines Heeres und jedem Opfer deiner Bürger, um solch ein

Furchtbares von dir abzuwenden! Dieses Grauen hat mit der Übermacht

der Feinde schon hereingezüngelt über unsere Grenzen. Es soll nicht

weiterschreiten, wir wollen uns stemmen dagegen mit unseren Leibern, mit

unserem Gut, mit allem, was wir sind und was wir haben! Der Gedanke,

daß unsere sieghaft vorschreitende Befreiung und Erlösung scheitern

könnte am eigennützigen Kleinmut und am kurzsichtigen Egoismus Weniger

-- dieser Gedanke legt sich wie eine Klammer um mein Herz, wie ein

quälender Eisenreif um meine Kehle.

Gibt es Zufälle, die wie geheimnisvolle Gesetze sind? Während ich die

Gedanken, die mich durchschüttern, stumm in mir verschließe, beginnt

der Kaiser plötzlich, ohne jede Beziehung zu einem vorausgegangenen

Worte, von dem herrlichen, wundervollen Zusammenhalt des ganzen

deutschen Volkes zu sprechen, von der heiligen Begeisterungsflamme der

ersten Augusttage. »=Es ist meine schönste Freude, daß ich das erleben

durfte=.« Und nach kurzem, nachdenklichem Schweigen sagt er: »=Wenn es

nicht so gewesen wäre --=« Er spricht diesen Satz nicht zu Ende, aber er

atmet auf und sieht gegen Donchery zurück, dessen Trümmerstätte schon

verschwunden ist.

Mir wird leichter um die Brust. Auch die Landschaft, durch die wir

fahren, bringt aufrichtende und verheißungsvolle Erinnerungsbilder.

Historischer Boden! Heiliger Boden für uns Deutsche! Das

Schlachtengelände von Sedan!

»=Dort oben=«, sagt der Kaiser und deutet nach einer Feldhöhe, »=da ist

mein Vater gestanden=.«

Neben der Landstraße huscht ein kleines, einsames Haus vorüber.

»=Hier ist Napoleon mit Bismarck zusammengetroffen.=«

Aus einem hübschen, in seiner Laublosigkeit durchsichtigen Wäldchen

lugen die Türme und Mauern eines zierlichen Schlosses heraus.

»=Das ist Bellevue. Hier war die Unterredung meines Großvaters mit

Napoleon.=«

Diese Worte des Kaisers wecken in mir das Feuer eines frohen deutschen

Stolzes. Gerne hätte ich haltgemacht und wäre ausgestiegen, um diese

geweihten Stätten der Reichswerdung als Andächtiger zu besuchen. Aber

ich nahm mir heilig vor, noch einmal hierher zurückzukehren.

Nun geht es seitwärts, mitten durch das weite Überschwemmungsgebiet

der Maas. Von der Straße wird es auf hohem Damm durchschnitten. Lange

Proviantkolonnen knattern vorüber, feldgraue Radfahrer sausen vorbei.

Die meisten der Soldaten grüßen, wie man unbekannte Offiziere grüßt,

doch mancher, trotz der schnellen Fahrt des Autos, erkennt den Kaiser

und ist mit jähem Ruck in eine unbewegliche Säule verwandelt, die zwei

groß aufgerissene, freudige Augen hat.

Eine Ortschaft kommt, die sich hell abzeichnet auf dem dunklen

Hintergrund des Waldes von Woevre. Und über die Mauer eines Parkes hebt

sich ein schmuckes, kleines Schloß empor: das Ziel der Fahrt.

Im Schloßhofe begrüßt der =deutsche Kronprinz= mit den sechs Herren

seines Stabes den kaiserlichen Vater, der den Sohn herzlich umarmt.

Seit dem Frühjahr scheint sich die schlanke Gestalt des jungen

Heerführers, den wir Deutschen jetzt den Sieger von Longwy nennen, noch

gestreckt zu haben. Auch in ihm wirken die starken Mächte der großen

Zeit. Die Sonne des Sommerfeldzuges und Wind und Wetter des Winters

haben sein frisches, gesundes Gesicht gebräunt. Und seine frohen Augen

glänzen in Freude -- kann er doch dem Vater von einem großen Erfolge

der letzten Nacht erzählen. »Ein festes Stück vorwärts gekommen, und

zwölfhundert Franzosen gefangen!« Die müssen auf dem Marsche zur Bahn in

einer Stunde da vorbei kommen.

Mir hämmert es in der Brust. Eine Siegesnachricht, die so warm und neu

aus dem Schützengraben heraufschnellt, wirkt wesentlich anders, als wenn

man sie daheim an der Mauer oder in der Zeitung liest. Man hat auch da

seine heiße Freude. Aber wie frischer, um so besser.

Die gute Nachricht belebt und erwärmt die Stimmung am Frühstückstisch.

Dem Kaiser schmeckt das Mahl, und scherzend sagt er zum Kronprinzen:

»=Bei dir ißt man besser als bei mir. Ich muß mir das überlegen, ob ich

nicht deinen Koch requirieren lasse?=«

Reise zur deutschen Front, 1915 · 第 7 / 23 题