=Königliche Abendtafel=
Gebackene Seezungen
Kaltes Fleisch, Kartoffeln in der Schale
Obst
Dazu als Getränk: französischer Landwein und Wasser. Und Kriegsbrot
gibt es. =Nur= Kriegsbrot! Daran könnte sich mancher bei uns daheim,
der unsere Soldaten im Felde kämpfen, leiden, bluten und siegen läßt,
mit Strenge und Ungeduld die militärischen Tagesberichte kritisiert und
nebenbei nicht die Heldenkraft oder nicht den Willen besitzt, sich die
gewohnte Frühstückssemmel zu versagen, ein lehrreiches und mahnendes
Beispiel nehmen! Wir müssen lernen, unsere kleinen Liebhabereien
beiseite zu schieben, jeden der Allgemeinheit schädlichen Eigennutz
aus uns herauszuklopfen und jedes Gefühl, jeden Gedanken und jede
Lebenshandlung auf das Ziel einzustellen, das wir für Heimat und Volk
erkämpfen müssen.
Alles, was ich an des Kaisers einfacher Tafel sehe und höre, wird mir
zur Ursache einer sprunghaften Gedankenteilung. Mit Ohr und Herz bin ich
bei jedem Worte, das da gesprochen wird, und bin zugleich in der Heimat,
um zu schauen und zu vergleichen. Und immer deutlicher wird es mir, daß
manches, was wir Daheimgebliebenen zu denken und zu tun lieben, ganz
wesentlich anders werden müßte, wenn wir gleichwertig werden wollen mit
jenen, die bei harter Arbeit draußen stehen im Felde.
Nach der Mahlzeit kommt eine ernste, manchmal auch von einem Lachen
erhellte Plauderstunde in einem kleinen, netten Wintergarten, wie wir
ihn auf der deutschen Bühne schon in vielen französischen Komödien
gesehen haben. Zigaretten und kurze Pfeifen brennen, und in Kelchgläsern
wird Münchner Bier gereicht. Auf dem Tisch, an dem sich der Kaiser
niederläßt, stehen blühender Flieder und Rosen, die ihm die Kaiserin
aus Berlin sandte. Alles Gespräch dreht sich um den Lauf der Dinge
in der Heimat und um wichtige Episoden des Krieges. Das ist eine
wesentlich andere Art, vom Kriege zu sprechen, als wir sie daheim bei
unserm Bierbank- und Teetischklatsch zu hören bekommen. Hier wird
nicht die Welt geteilt, hier werden nicht Länder genommen und Reiche
verschenkt, hier gründet man nicht »Pufferstaaten« und korrigiert nicht
die Landkarte von Europa mit einem anspruchsvollen Blaustift. Hier
gilt alles Denken nur dem Ernst und den Notwendigkeiten der Gegenwart;
von der Zukunft ist nicht die Rede. Unausgesprochen klingt aus allen
bedeutsamen Worten, die ich höre, das feste und klare Zeitgesetz
heraus: »Erst arbeiten und siegen. Alles weitere wird kommen, wie es
kommen muß und wie wir es uns verdienen.«
-- Ich gestehe, daß ich da manchmal ein bißchen schamrot wurde. Und
in meinem Inneren hab' ich heilig geschworen, niemals wieder in
phantastischen Nächten meinen Handatlas durch ausschweifende Linien
zu verunreinigen und nebulose Zukunftsgeographie von Mittelafrika zu
betreiben. Und während ich hier, in einem hundekalten Stübchen zu
Peronne, diesen heißen Schwur mit frierenden Fingern niederschreibe,
klirrt unter meinem Fenster der feste Taktschritt deutscher Soldaten
vorüber, die zu den Schützengräben marschieren, Automobile rasseln
vorbei in sausender Fahrt, und unaufhörlich rollt von der nicht allzu
weit entfernten Front das Murren schwerer Geschütze zu mir her. Die
gaukelnden Kriegsvorstellungen, die ich aus der Heimat mitbrachte,
beginnen sich jetzt unter den harten Wirklichkeitsbildern, die mich bei
Tag und Nacht umwirbeln, sehr gründlich zu verändern. --
Jener erste Abend, an dem ich Gast des Kaisers war, bescherte mir
auch ein eindringliches Exempel der Art, wie im Großen Hauptquartier
gearbeitet wird, bis spät in die Mitternacht hinein. Bevor ich davon
erzähle -- d. h. erzählend alles verschweige -- will ich, man liebt
als Poet die Kontraste, dem großen Zeitbilde noch ein niedlich-intimes
Lichtchen aufsetzen.
Die Gesellschaft im französischen Wintergarten hat sich nach der
Mahlzeit noch um einen schweigsamen, höchst wohlerzogenen Gast vermehrt;
das ist ein kleiner schwarzer Teckel mit gescheiten Augen, des Kaisers
Lieblingshund, augenblicklich ein bißchen invalide, mit verbundener
Pfote; so oft er will, darf er es sich auf dem Schoß seines Herrn bequem
oder, richtiger gesagt, unbequem machen; manchmal nimmt er auf des
Kaisers Knie höchst schwierige und bedrohsame Stellungen ein, die fast
an die Kletterkünste einer Gemse erinnern -- und dann muß der Deutsche
Kaiser so lange stillhalten, bis es dem zappeligen Teckelchen wieder
beliebt, auf den Boden zu springen. Von der rührenden Geduld, die der
Kaiser an dieser kleinen Quälkrabbe erweist, läßt sich eine Brücke zu
einem tiefen Zug seines Charakterbildes hinüberschlagen. Denn er kann
eine bewundernswerte Geduld auch mit Dingen und Menschen haben, die ihn
viel gröber belästigen, als es der kleine, nette Teckel zu tun gewöhnt
ist.
Gegen die elfte Abendstunde wird für den Kaiser und eine Anzahl
hoher Offiziere ein militärischer Vortrag angesagt. Eine Neuheit der
Kriegstechnik soll in Projektionsbildern vorgeführt werden, die der
begleitende Vortrag eines Offiziers erläutern wird.
Durch die dunkle, schneelose Winternacht wandern die Gäste der stillen
Villa zu einem nahen Hause hinüber. Der Himmel ist klar geworden und
alle Sterne funkeln. Die kleine Stadt liegt in schwarzem Schweigen, ohne
Lichter, wie ausgestorben. Nur ein scharf suchender Blick erkennt die
regungslos in der Finsternis stehenden Wachen.
Ein verdunkelter Saal, mit etwa vierzig Stühlen; hinter ihnen ein
Vergrößerungsapparat mit elektrischen Schnüren, vor ihnen an der Mauer
eine große Leinwand. Fest und gleichmäßig klingt in dem matten Zwielicht
die Stimme des vortragenden Offiziers, während Ruck um Ruck eine lange
Reihe von Bildern über die Leinwand gleitet. Die ersten sind für mich
als Laien eine völlig unverständliche Sache; erst nach einer Weile lehrt
das gesprochene Wort mich begreifen, was ich sehe, und ich beginne in
erregter Spannung zu ahnen, daß es sich hier um eine neue, wichtige und
für die Kriegführung hilfreiche Sache handelt. Immer wieder und wieder
stellt der Kaiser mit raschen, knappen Worten eine Zwischenfrage; der
Offizier gibt Antwort. Bis Mitternacht dauert das. Nach dem letzten
Bilde glänzen die Flammen des Lüsters auf. Lebhaft tritt der Kaiser auf
den jungen Offizier zu, der den Vortrag gehalten, reicht ihm die Hand
und sagt:
»=Ich danke Ihnen! Das ist eine gute Sache! Glauben Sie, daß uns die
Franzosen das nachmachen können?=«
Der junge Offizier in dem verwitterten Feldgrau lächelt: »So schnell
=nicht=, Majestät! Wir haben das erst jetzt gefunden.«
In dem erhellten Saal ein Zusammenstehen von Gruppen, eine mit
halblauten Stimmen geführte Debatte.
Während ich diese Gespräche höre, klingt in mir immer wieder das
verheißungsvolle Wort, das der junge Offizier gesprochen: »Wir haben das
jetzt gefunden!«
=Wir=! Das sind wir Deutschen! Wir, bei denen das Recht und die Kraft
ist, und bei denen der Sieg sein wird!
Ich trage stolz und beglückt dieses Wort in mir davon durch die
sternhelle Nacht -- dazu die mich heiß erfreuende Einladung: morgen im
Auto mit dem Kaiser hinüberzufahren zum deutschen Kronprinzen.
Von den tiefen, meinen deutschen Glauben und mein Vertrauen wie mit
eisernen Stäben stärkenden Eindrücken dieses Abends schwirren mir
Kopf und Herz, während ich das winzige Stübchen betrete, in dem ich
einquartiert bin. Es ist, nach französischer Sparsamkeit mit dem Raume,
so klein, daß man beim ersten Schritt über die Schwelle schon gleich
mit dem Ellbogen an die Fensterscheibe stößt. Fast vier Fünftel dieses
Grillenhäuschens ist bestellt mit dem großen, ganz famosen Bett. Wie
herrlich werde ich da schlafen heute nacht, mit aller Verheißung der
vergangenen Stunden in meiner Seele!
Aber der Mensch hat neben der Seele auch einen Leib. Während ich im
Dunkel liege und mit offenen Augen fröhlich träume, beginne ich, der ich
an der Tafel des Deutschen Kaisers speiste -- nein, =nicht= speiste, nur
lauschte -- einen nagenden Hunger zu fühlen. Und dann knappere ich mit
Hochgenuß und Zärtlichkeit an dem Dutzend guter Weihnachtslebkuchen, die
mir meine Frau vor der Abreise von München in die Handtasche steckte.
»Wir! Wir Deutschen!«
Mit diesem Wort im Herzen mache ich meine Augen zu. Und mit dem anderen:
»Morgen!«
4.