11. Januar 1915

=Königliche Abendtafel=

Gebackene Seezungen

Kaltes Fleisch, Kartoffeln in der Schale

Obst

Dazu als Getränk: französischer Landwein und Wasser. Und Kriegsbrot

gibt es. =Nur= Kriegsbrot! Daran könnte sich mancher bei uns daheim,

der unsere Soldaten im Felde kämpfen, leiden, bluten und siegen läßt,

mit Strenge und Ungeduld die militärischen Tagesberichte kritisiert und

nebenbei nicht die Heldenkraft oder nicht den Willen besitzt, sich die

gewohnte Frühstückssemmel zu versagen, ein lehrreiches und mahnendes

Beispiel nehmen! Wir müssen lernen, unsere kleinen Liebhabereien

beiseite zu schieben, jeden der Allgemeinheit schädlichen Eigennutz

aus uns herauszuklopfen und jedes Gefühl, jeden Gedanken und jede

Lebenshandlung auf das Ziel einzustellen, das wir für Heimat und Volk

erkämpfen müssen.

Alles, was ich an des Kaisers einfacher Tafel sehe und höre, wird mir

zur Ursache einer sprunghaften Gedankenteilung. Mit Ohr und Herz bin ich

bei jedem Worte, das da gesprochen wird, und bin zugleich in der Heimat,

um zu schauen und zu vergleichen. Und immer deutlicher wird es mir, daß

manches, was wir Daheimgebliebenen zu denken und zu tun lieben, ganz

wesentlich anders werden müßte, wenn wir gleichwertig werden wollen mit

jenen, die bei harter Arbeit draußen stehen im Felde.

Nach der Mahlzeit kommt eine ernste, manchmal auch von einem Lachen

erhellte Plauderstunde in einem kleinen, netten Wintergarten, wie wir

ihn auf der deutschen Bühne schon in vielen französischen Komödien

gesehen haben. Zigaretten und kurze Pfeifen brennen, und in Kelchgläsern

wird Münchner Bier gereicht. Auf dem Tisch, an dem sich der Kaiser

niederläßt, stehen blühender Flieder und Rosen, die ihm die Kaiserin

aus Berlin sandte. Alles Gespräch dreht sich um den Lauf der Dinge

in der Heimat und um wichtige Episoden des Krieges. Das ist eine

wesentlich andere Art, vom Kriege zu sprechen, als wir sie daheim bei

unserm Bierbank- und Teetischklatsch zu hören bekommen. Hier wird

nicht die Welt geteilt, hier werden nicht Länder genommen und Reiche

verschenkt, hier gründet man nicht »Pufferstaaten« und korrigiert nicht

die Landkarte von Europa mit einem anspruchsvollen Blaustift. Hier

gilt alles Denken nur dem Ernst und den Notwendigkeiten der Gegenwart;

von der Zukunft ist nicht die Rede. Unausgesprochen klingt aus allen

bedeutsamen Worten, die ich höre, das feste und klare Zeitgesetz

heraus: »Erst arbeiten und siegen. Alles weitere wird kommen, wie es

kommen muß und wie wir es uns verdienen.«

-- Ich gestehe, daß ich da manchmal ein bißchen schamrot wurde. Und

in meinem Inneren hab' ich heilig geschworen, niemals wieder in

phantastischen Nächten meinen Handatlas durch ausschweifende Linien

zu verunreinigen und nebulose Zukunftsgeographie von Mittelafrika zu

betreiben. Und während ich hier, in einem hundekalten Stübchen zu

Peronne, diesen heißen Schwur mit frierenden Fingern niederschreibe,

klirrt unter meinem Fenster der feste Taktschritt deutscher Soldaten

vorüber, die zu den Schützengräben marschieren, Automobile rasseln

vorbei in sausender Fahrt, und unaufhörlich rollt von der nicht allzu

weit entfernten Front das Murren schwerer Geschütze zu mir her. Die

gaukelnden Kriegsvorstellungen, die ich aus der Heimat mitbrachte,

beginnen sich jetzt unter den harten Wirklichkeitsbildern, die mich bei

Tag und Nacht umwirbeln, sehr gründlich zu verändern. --

Jener erste Abend, an dem ich Gast des Kaisers war, bescherte mir

auch ein eindringliches Exempel der Art, wie im Großen Hauptquartier

gearbeitet wird, bis spät in die Mitternacht hinein. Bevor ich davon

erzähle -- d. h. erzählend alles verschweige -- will ich, man liebt

als Poet die Kontraste, dem großen Zeitbilde noch ein niedlich-intimes

Lichtchen aufsetzen.

Die Gesellschaft im französischen Wintergarten hat sich nach der

Mahlzeit noch um einen schweigsamen, höchst wohlerzogenen Gast vermehrt;

das ist ein kleiner schwarzer Teckel mit gescheiten Augen, des Kaisers

Lieblingshund, augenblicklich ein bißchen invalide, mit verbundener

Pfote; so oft er will, darf er es sich auf dem Schoß seines Herrn bequem

oder, richtiger gesagt, unbequem machen; manchmal nimmt er auf des

Kaisers Knie höchst schwierige und bedrohsame Stellungen ein, die fast

an die Kletterkünste einer Gemse erinnern -- und dann muß der Deutsche

Kaiser so lange stillhalten, bis es dem zappeligen Teckelchen wieder

beliebt, auf den Boden zu springen. Von der rührenden Geduld, die der

Kaiser an dieser kleinen Quälkrabbe erweist, läßt sich eine Brücke zu

einem tiefen Zug seines Charakterbildes hinüberschlagen. Denn er kann

eine bewundernswerte Geduld auch mit Dingen und Menschen haben, die ihn

viel gröber belästigen, als es der kleine, nette Teckel zu tun gewöhnt

ist.

Gegen die elfte Abendstunde wird für den Kaiser und eine Anzahl

hoher Offiziere ein militärischer Vortrag angesagt. Eine Neuheit der

Kriegstechnik soll in Projektionsbildern vorgeführt werden, die der

begleitende Vortrag eines Offiziers erläutern wird.

Durch die dunkle, schneelose Winternacht wandern die Gäste der stillen

Villa zu einem nahen Hause hinüber. Der Himmel ist klar geworden und

alle Sterne funkeln. Die kleine Stadt liegt in schwarzem Schweigen, ohne

Lichter, wie ausgestorben. Nur ein scharf suchender Blick erkennt die

regungslos in der Finsternis stehenden Wachen.

Ein verdunkelter Saal, mit etwa vierzig Stühlen; hinter ihnen ein

Vergrößerungsapparat mit elektrischen Schnüren, vor ihnen an der Mauer

eine große Leinwand. Fest und gleichmäßig klingt in dem matten Zwielicht

die Stimme des vortragenden Offiziers, während Ruck um Ruck eine lange

Reihe von Bildern über die Leinwand gleitet. Die ersten sind für mich

als Laien eine völlig unverständliche Sache; erst nach einer Weile lehrt

das gesprochene Wort mich begreifen, was ich sehe, und ich beginne in

erregter Spannung zu ahnen, daß es sich hier um eine neue, wichtige und

für die Kriegführung hilfreiche Sache handelt. Immer wieder und wieder

stellt der Kaiser mit raschen, knappen Worten eine Zwischenfrage; der

Offizier gibt Antwort. Bis Mitternacht dauert das. Nach dem letzten

Bilde glänzen die Flammen des Lüsters auf. Lebhaft tritt der Kaiser auf

den jungen Offizier zu, der den Vortrag gehalten, reicht ihm die Hand

und sagt:

»=Ich danke Ihnen! Das ist eine gute Sache! Glauben Sie, daß uns die

Franzosen das nachmachen können?=«

Der junge Offizier in dem verwitterten Feldgrau lächelt: »So schnell

=nicht=, Majestät! Wir haben das erst jetzt gefunden.«

In dem erhellten Saal ein Zusammenstehen von Gruppen, eine mit

halblauten Stimmen geführte Debatte.

Während ich diese Gespräche höre, klingt in mir immer wieder das

verheißungsvolle Wort, das der junge Offizier gesprochen: »Wir haben das

jetzt gefunden!«

=Wir=! Das sind wir Deutschen! Wir, bei denen das Recht und die Kraft

ist, und bei denen der Sieg sein wird!

Ich trage stolz und beglückt dieses Wort in mir davon durch die

sternhelle Nacht -- dazu die mich heiß erfreuende Einladung: morgen im

Auto mit dem Kaiser hinüberzufahren zum deutschen Kronprinzen.

Von den tiefen, meinen deutschen Glauben und mein Vertrauen wie mit

eisernen Stäben stärkenden Eindrücken dieses Abends schwirren mir

Kopf und Herz, während ich das winzige Stübchen betrete, in dem ich

einquartiert bin. Es ist, nach französischer Sparsamkeit mit dem Raume,

so klein, daß man beim ersten Schritt über die Schwelle schon gleich

mit dem Ellbogen an die Fensterscheibe stößt. Fast vier Fünftel dieses

Grillenhäuschens ist bestellt mit dem großen, ganz famosen Bett. Wie

herrlich werde ich da schlafen heute nacht, mit aller Verheißung der

vergangenen Stunden in meiner Seele!

Aber der Mensch hat neben der Seele auch einen Leib. Während ich im

Dunkel liege und mit offenen Augen fröhlich träume, beginne ich, der ich

an der Tafel des Deutschen Kaisers speiste -- nein, =nicht= speiste, nur

lauschte -- einen nagenden Hunger zu fühlen. Und dann knappere ich mit

Hochgenuß und Zärtlichkeit an dem Dutzend guter Weihnachtslebkuchen, die

mir meine Frau vor der Abreise von München in die Handtasche steckte.

»Wir! Wir Deutschen!«

Mit diesem Wort im Herzen mache ich meine Augen zu. Und mit dem anderen:

»Morgen!«

4.

Reise zur deutschen Front, 1915 · 第 6 / 23 题