17. Januar 1915.

Zwischen den hohen Bäumen eines stillen Parkes steht eine schmucke

Villa. Ihre Besitzer sind geflohen, als das deutsche Heer erschien und

das französische sich auch auf die Socken machte. Es waren wohlhabende

Leute, die stolz waren auf ihr Haus; das merkt man schon am Äußern des

Baues, an der Gepflegtheit des Parkes, den jetzt eine schweigsame Nacht

umträumt, und an der etwas großtuenden Freitreppe, auf der jetzt im

Flackerschein der Laternen zwei regungslose Schildwachen mit blanken

Klingen stehen. Und es waren Leute, die es liebten, an regenreichen

und stürmischen Winterabenden behaglich am Kamin zu sitzen und amüsant

zu plaudern, vielleicht nach etwas altmodischem Stil, so ähnlich, wie

Konversation in einem Lustspiel von Scribe oder Pailleron gemacht wird;

das vermutet man beim Anblick der Räume, deren Komfort eine wunderliche

Mischung von gutem Geschmack und provinzialer Anbequemung zeigt, von

ererbter Gediegenheit und wahllos Gesammeltem.

Diese Leute, die nicht mehr da sind und irgendwo im Süden von Frankreich

sitzen, in Bordeaux oder bei Nizza, denken wohl in ruheloser Sorge an

ihr verlassenes, unbeschütztes Haus und glauben es verwüstet durch

alle »Barbarengreuel«, die sie in ihren Journalen als Zugabe zu jedem

Frühstück genießen. Ihre Sorge ist ein Irrtum, ist eine von jenen halb

grauenhaften und halb lächerlichen Verzerrungen der Wahrheit, wie

sie rings um unsere Grenzen üblich wurden, »seit Deutschland diesen

schaudervollen Krieg über die ganze Welt heraufbeschwor« -- so sagen

unsere Feinde, obwohl sie es besser wissen. Das Haus dieser entflohenen

Leute -- statt »entflohen« gebraucht man hier in Frankreich die mildere

Wendung »abgereist« -- dieses Haus, das sie aller Verwüstung ausgesetzt

vermuten, ist in Wahrheit sorglicher behütet, als sie selbst es vor

jedem Vernichtungsschreck des Krieges hätten behüten können, wenn

sie geblieben wären. Denn unter diesem verlassenen Dache, in dessen

Räumen jetzt aus allen Richtungen der Erde die Fäden eines großen

Weltgeschehens zusammenlaufen, wohnt heute der =Deutsche Kaiser=,

der Führer unseres in Begeisterung und Lebenstrotz geeinten Volkes,

der oberste Kriegsherr unseres siegreichen Millionenheeres, das der

deutschen Heimat erspart, was unsere Feinde unter den Schlägen des von

ihnen entfesselten Krieges zu leiden haben.

Zwischen den Mauern dieses stillen, gutbehüteten Hauses ist nichts von

einem großzügigen Hofhalt zu gewahren. In dieser ernsten Zeit ist auch

das Leben des Kaisers von feldmäßiger Schlichtheit, ist wie gekleidet in

ruhiges, unauffälliges Feldgrau.

Die wenigen Gäste der Abendtafel versammeln sich in einem kleinen

Empfangsraum. Schon das begrüßende Wort, das jeder Kommende mit den

schon Anwesenden tauscht, ist der Beginn eines lebhaft bewegten

Gespräches über die jüngsten Vorfälle des Krieges, über den

verheißungsvollen Stand der Dinge im Osten, über den Fortschritt im

Westen.

Nun verstummt das Gespräch, und man tritt von der Türe zurück, die ein

Diener öffnet.

Heftig schlägt mir das Herz unter dem Touristenkittel, schlägt mir vor

Erregung fast bis an den Hals herauf. Aller Wirbel meiner Gedanken

drängt auf die Frage hin: »Wie wird der Kaiser aussehen, was werde ich

lesen können aus seinen Zügen, was wird herausklingen aus seinen Worten,

was werde ich fühlen müssen unter dem Blick seiner blanken Augen, jetzt,

in dieser Zeit des Ringens, in der jedes deutsche Herz sich sehnt nach

dem aufrichtenden Orakel eines Wissenden, nach einem Halt und einer

Stütze in jenen beklommenen Minuten, die heute auch dem Gläubigsten und

Vertrauensvollsten nicht völlig erspart bleiben können?«

Es war mir seit einem Jahrzehnt vergönnt, den Kaiser zu sehen in

manch einer heiteren Stunde des Friedens, den er liebte und bis zum

äußersten zu erhalten suchte, er, der diese Friedensliebe durch ein

Vierteljahrhundert in zahllosen Taten der Versöhnlichkeit und des

Entgegenkommens erhärtete, und den unsere Feinde jetzt in grotesker

Gehirnverwirrung als Friedensstörer und Eroberungslüstling bezeichnen,

als Hunnenmogul und zweiten Attila.

Immer hab ich am Kaiser das von jedem Schwanken freie Gleichmaß

seiner aus Ernst und Frohsinn gemischten Art verehrt und bewundert,

habe mich erfreut an dem klaren Seelenspiegel seines Blickes, an

der temperamentvollen Offenheit seines Wortes, an seinem kräftigen

Lachen, an der freien Menschlichkeit und Frische seines persönlichen

Wesens, wie an der gesunden Innerlichkeit, die ihm eine besonnene,

für jeden deutschen Bürger vorbildliche Lebensführung und sein

unerschütterliches Vertrauen auf Gott, Welt und Menschen bis über

die Reife des Mannesalters bewahrte. Mein Glaube an den Kaiser als

Menschen vermittelte mir auch immer das Verständnis seiner Eigenart als

Herrscher. Ich meine, das ist so unter dem Kronreif: Ganz ein Mensch

bleiben, heißt ganz ein Fürst werden.

Aber jetzt? Wie viel Hartes, wie viel gewaltsam Formendes mögen

diese fünf Monate seit Kriegsbeginn über den Kaiser gebracht haben,

an Verantwortung, an Gewissenskämpfen, auch an schmerzvollen

Enttäuschungen? Was hat die Last und das Gewicht dieses Weltaufruhrs

ihm gegeben, was ihm genommen? In dieser Zeit, in der die

widersinnigsten Gerüchte -- aus Haß oder Liebe, aus Furcht oder Hoffnung

geboren -- so unzählbar aufschnellen, wie die Heuschrecken aus dem Kraut

einer Sommerwiese -- in dieser letzten Zeit hab ich oft erzählen hören:

das Haar des Kaisers wäre weiß geworden, sein Gesicht und seine Haltung

um Jahre gealtert. Ich habe das nie geglaubt. Gesunde und starke Bäume

erfüllen ihre Zeit, trotz Sturm und Ungewitter. Und dennoch muß ich

bekennen: Jetzt, vor dem Augenblick, in dem ich unter dem dröhnenden

Glockenschlage einer über Wohl und Wehe unseres Reiches entscheidenden

Zeit, hier, in Feindesland, auf erobertem Boden, den Kaiser des

deutschen Volkes sehen sollte, befiel mich etwas Bedrückendes, eine

fiebernde Erregung, fast eine quälende Angst. Wie werde ich ihn

wiedersehen? Wird die frohe Güte, die immer aus ihm redete, gemindert

sein, verwandelt in Zorn und Härte? Werden Mißmut, Zweifel und Sorge

aus seinen sonst so gläubigen Augen sprechen? Haben die Fäuste des

Geschehens ihn gefaßt, ihn umgemodelt, wie sie es mit vielen machen,

die der Widerstandskraft entbehren und sich von den Ereignissen

zerren lassen? Hat der heiße Atem des Krieges ihn angehaucht und in

ihm geweckt, was nie noch in seinem Innern war? Ist in ihm unter dem

Donnerdröhnen des Schlachtfeldes ein Neues entstanden, das man beklagen,

vor dem man erschrecken müßte? --

Da tritt er ein, in der feldgrauen Generalsuniform, mit dem gleichen

ruhig-elastischen Schritt, den ich immer an ihm gesehen. Wohl wahr: sein

Haar, mit der kleinen, trotzigen Welle über der rechten Schläfe, ist

seit dem Frühjahr ein wenig grauer geworden, kaum merklich. Und eine

Furchenlinie, die ich früher nie gewahren konnte, ist in seine Stirne

geschnitten und schattet zwischen seinen Brauen. Aber nur eines einzigen

Blickes in diese klaren und offen sprechenden Augen bedarf es -- und

gleich einer glühenden Welle durchströmt mich der sehnsüchtige Wunsch:

es möchten alle Tausendscharen der Deutschen, namentlich jene, in denen

Sorge und Bangigkeit zu erwachen drohen, jetzt an meiner Stelle stehen!

Dann würden sie in freudiger Ruhe aufatmen, wie ich!

Unter allem Sturm dieser vierundzwanzig roten Wochen ist der Kaiser

in jeder Wertlinie seines Wesens der gleiche geblieben -- nein, nicht

der gleiche, er ist einer geworden, der gewann und nichts verlor. Der

Kaiser ist ein durch die Zeit Erhöhter! Man empfindet es vor dem Bilde

seiner Würde und Haltung, empfindet es bei seinem ruhigen Lächeln, vor

seinem ruhigen Blick. Und bevor ich noch ein erstes Wort von ihm höre,

strömt etwas Aufrichtendes in mich über. Ein frohes Gefühl der deutschen

Sicherheit ist in mir, erneuter Glaube und erhöhtes Vertrauen. Ich weiß:

bei =uns= ist die Wahrheit, bei =uns= das Recht, bei =uns= die Kraft und

bei =uns= der Sieg!

Ob der Kaiser ahnt, was in mir vorgeht? Er sieht mich plötzlich mit

einem jener forschenden Blicke an, die in seinen stählernen Augen sein

können. Dann nickt er freundlich, reicht mir die Hand und erhöht mir

die Freude dieser Minute durch ein ebenso herzliches wie impulsives Lob

meiner Landsleute: »=Na, Ganghofer, Ihre Bayern! Prachtvolle Leute! Die

haben feste und tüchtige Arbeit gemacht! Und vorwärts geht es, überall,

Gott sei Dank!=« Dann ein Erinnern an die letzte Begegnung im Frühjahr,

wo zu Berlin im Palais des deutschen Kronprinzen meine kleine Dorfsatire

»Tod und Leben« vor dem Kaiser aufgeführt wurde. Nun schweigt er eine

Weile, und sein Lächeln mindert sich und verschwindet. Tief atmend sieht

er mir ernst in die Augen und sagt mit einer langsamen und strengen

Stimme: »=Wer hätte damals ahnen können, was jetzt gekommen ist? Und

daß wir uns hier in Frankreich wiedersehen würden? So!=« -- In einem

diplomatischen Aktenstücke, das die deutsche Schuldlosigkeit an diesem

Kriege zu dokumentieren hat, können dieser Atemzug, dieser ernste Blick

und diese Worte des Kaisers nicht aufgezählt werden. Aber Beweiskraft

haben sie. Eine überzeugende.

Man geht zur Tafel. Das Speisezimmer ist ein gemütlicher Raum, der mich

weidmännisch anheimelt. Von den braunverschalten Wänden blinken die

weißen Hauer wuchtiger Eberköpfe herunter -- Jagdtrophäen, die in den

Argonnen erbeutet wurden.

Nur wenige Diener. Und eine kurze, rasche Mahlzeit. Was zur Tafel kam,

das weiß ich nimmer. Der Platz an der Seite des Kaisers und der Kreis

seiner zehn Gäste, hoher Würdenträger des Heeres und Hofes, gibt mir

so viel Beruhigendes, Erfreuliches und Fesselndes zu hören, daß ich

der Mahlzeit völlig vergesse, obwohl ich so hungrig wie ein Wolf aus

dem Eisenbahnwagen gekommen war und seit vierundzwanzig Stunden auf

jagender Reise keinen verschlingbaren Bissen erwischt hatte. Aber wie

feldmäßig einfach die Tafel des Kaisers bestellt ist, beweist eine

Speisenfolge, die ich mir an einem anderen Abend als Erinnerung mitnahm.

Auf dem kleinen Zettelchen, nicht größer als eine Visitenkarte, steht

geschrieben:

Reise zur deutschen Front, 1915 · 第 5 / 23 题