Zwischen den hohen Bäumen eines stillen Parkes steht eine schmucke
Villa. Ihre Besitzer sind geflohen, als das deutsche Heer erschien und
das französische sich auch auf die Socken machte. Es waren wohlhabende
Leute, die stolz waren auf ihr Haus; das merkt man schon am Äußern des
Baues, an der Gepflegtheit des Parkes, den jetzt eine schweigsame Nacht
umträumt, und an der etwas großtuenden Freitreppe, auf der jetzt im
Flackerschein der Laternen zwei regungslose Schildwachen mit blanken
Klingen stehen. Und es waren Leute, die es liebten, an regenreichen
und stürmischen Winterabenden behaglich am Kamin zu sitzen und amüsant
zu plaudern, vielleicht nach etwas altmodischem Stil, so ähnlich, wie
Konversation in einem Lustspiel von Scribe oder Pailleron gemacht wird;
das vermutet man beim Anblick der Räume, deren Komfort eine wunderliche
Mischung von gutem Geschmack und provinzialer Anbequemung zeigt, von
ererbter Gediegenheit und wahllos Gesammeltem.
Diese Leute, die nicht mehr da sind und irgendwo im Süden von Frankreich
sitzen, in Bordeaux oder bei Nizza, denken wohl in ruheloser Sorge an
ihr verlassenes, unbeschütztes Haus und glauben es verwüstet durch
alle »Barbarengreuel«, die sie in ihren Journalen als Zugabe zu jedem
Frühstück genießen. Ihre Sorge ist ein Irrtum, ist eine von jenen halb
grauenhaften und halb lächerlichen Verzerrungen der Wahrheit, wie
sie rings um unsere Grenzen üblich wurden, »seit Deutschland diesen
schaudervollen Krieg über die ganze Welt heraufbeschwor« -- so sagen
unsere Feinde, obwohl sie es besser wissen. Das Haus dieser entflohenen
Leute -- statt »entflohen« gebraucht man hier in Frankreich die mildere
Wendung »abgereist« -- dieses Haus, das sie aller Verwüstung ausgesetzt
vermuten, ist in Wahrheit sorglicher behütet, als sie selbst es vor
jedem Vernichtungsschreck des Krieges hätten behüten können, wenn
sie geblieben wären. Denn unter diesem verlassenen Dache, in dessen
Räumen jetzt aus allen Richtungen der Erde die Fäden eines großen
Weltgeschehens zusammenlaufen, wohnt heute der =Deutsche Kaiser=,
der Führer unseres in Begeisterung und Lebenstrotz geeinten Volkes,
der oberste Kriegsherr unseres siegreichen Millionenheeres, das der
deutschen Heimat erspart, was unsere Feinde unter den Schlägen des von
ihnen entfesselten Krieges zu leiden haben.
Zwischen den Mauern dieses stillen, gutbehüteten Hauses ist nichts von
einem großzügigen Hofhalt zu gewahren. In dieser ernsten Zeit ist auch
das Leben des Kaisers von feldmäßiger Schlichtheit, ist wie gekleidet in
ruhiges, unauffälliges Feldgrau.
Die wenigen Gäste der Abendtafel versammeln sich in einem kleinen
Empfangsraum. Schon das begrüßende Wort, das jeder Kommende mit den
schon Anwesenden tauscht, ist der Beginn eines lebhaft bewegten
Gespräches über die jüngsten Vorfälle des Krieges, über den
verheißungsvollen Stand der Dinge im Osten, über den Fortschritt im
Westen.
Nun verstummt das Gespräch, und man tritt von der Türe zurück, die ein
Diener öffnet.
Heftig schlägt mir das Herz unter dem Touristenkittel, schlägt mir vor
Erregung fast bis an den Hals herauf. Aller Wirbel meiner Gedanken
drängt auf die Frage hin: »Wie wird der Kaiser aussehen, was werde ich
lesen können aus seinen Zügen, was wird herausklingen aus seinen Worten,
was werde ich fühlen müssen unter dem Blick seiner blanken Augen, jetzt,
in dieser Zeit des Ringens, in der jedes deutsche Herz sich sehnt nach
dem aufrichtenden Orakel eines Wissenden, nach einem Halt und einer
Stütze in jenen beklommenen Minuten, die heute auch dem Gläubigsten und
Vertrauensvollsten nicht völlig erspart bleiben können?«
Es war mir seit einem Jahrzehnt vergönnt, den Kaiser zu sehen in
manch einer heiteren Stunde des Friedens, den er liebte und bis zum
äußersten zu erhalten suchte, er, der diese Friedensliebe durch ein
Vierteljahrhundert in zahllosen Taten der Versöhnlichkeit und des
Entgegenkommens erhärtete, und den unsere Feinde jetzt in grotesker
Gehirnverwirrung als Friedensstörer und Eroberungslüstling bezeichnen,
als Hunnenmogul und zweiten Attila.
Immer hab ich am Kaiser das von jedem Schwanken freie Gleichmaß
seiner aus Ernst und Frohsinn gemischten Art verehrt und bewundert,
habe mich erfreut an dem klaren Seelenspiegel seines Blickes, an
der temperamentvollen Offenheit seines Wortes, an seinem kräftigen
Lachen, an der freien Menschlichkeit und Frische seines persönlichen
Wesens, wie an der gesunden Innerlichkeit, die ihm eine besonnene,
für jeden deutschen Bürger vorbildliche Lebensführung und sein
unerschütterliches Vertrauen auf Gott, Welt und Menschen bis über
die Reife des Mannesalters bewahrte. Mein Glaube an den Kaiser als
Menschen vermittelte mir auch immer das Verständnis seiner Eigenart als
Herrscher. Ich meine, das ist so unter dem Kronreif: Ganz ein Mensch
bleiben, heißt ganz ein Fürst werden.
Aber jetzt? Wie viel Hartes, wie viel gewaltsam Formendes mögen
diese fünf Monate seit Kriegsbeginn über den Kaiser gebracht haben,
an Verantwortung, an Gewissenskämpfen, auch an schmerzvollen
Enttäuschungen? Was hat die Last und das Gewicht dieses Weltaufruhrs
ihm gegeben, was ihm genommen? In dieser Zeit, in der die
widersinnigsten Gerüchte -- aus Haß oder Liebe, aus Furcht oder Hoffnung
geboren -- so unzählbar aufschnellen, wie die Heuschrecken aus dem Kraut
einer Sommerwiese -- in dieser letzten Zeit hab ich oft erzählen hören:
das Haar des Kaisers wäre weiß geworden, sein Gesicht und seine Haltung
um Jahre gealtert. Ich habe das nie geglaubt. Gesunde und starke Bäume
erfüllen ihre Zeit, trotz Sturm und Ungewitter. Und dennoch muß ich
bekennen: Jetzt, vor dem Augenblick, in dem ich unter dem dröhnenden
Glockenschlage einer über Wohl und Wehe unseres Reiches entscheidenden
Zeit, hier, in Feindesland, auf erobertem Boden, den Kaiser des
deutschen Volkes sehen sollte, befiel mich etwas Bedrückendes, eine
fiebernde Erregung, fast eine quälende Angst. Wie werde ich ihn
wiedersehen? Wird die frohe Güte, die immer aus ihm redete, gemindert
sein, verwandelt in Zorn und Härte? Werden Mißmut, Zweifel und Sorge
aus seinen sonst so gläubigen Augen sprechen? Haben die Fäuste des
Geschehens ihn gefaßt, ihn umgemodelt, wie sie es mit vielen machen,
die der Widerstandskraft entbehren und sich von den Ereignissen
zerren lassen? Hat der heiße Atem des Krieges ihn angehaucht und in
ihm geweckt, was nie noch in seinem Innern war? Ist in ihm unter dem
Donnerdröhnen des Schlachtfeldes ein Neues entstanden, das man beklagen,
vor dem man erschrecken müßte? --
Da tritt er ein, in der feldgrauen Generalsuniform, mit dem gleichen
ruhig-elastischen Schritt, den ich immer an ihm gesehen. Wohl wahr: sein
Haar, mit der kleinen, trotzigen Welle über der rechten Schläfe, ist
seit dem Frühjahr ein wenig grauer geworden, kaum merklich. Und eine
Furchenlinie, die ich früher nie gewahren konnte, ist in seine Stirne
geschnitten und schattet zwischen seinen Brauen. Aber nur eines einzigen
Blickes in diese klaren und offen sprechenden Augen bedarf es -- und
gleich einer glühenden Welle durchströmt mich der sehnsüchtige Wunsch:
es möchten alle Tausendscharen der Deutschen, namentlich jene, in denen
Sorge und Bangigkeit zu erwachen drohen, jetzt an meiner Stelle stehen!
Dann würden sie in freudiger Ruhe aufatmen, wie ich!
Unter allem Sturm dieser vierundzwanzig roten Wochen ist der Kaiser
in jeder Wertlinie seines Wesens der gleiche geblieben -- nein, nicht
der gleiche, er ist einer geworden, der gewann und nichts verlor. Der
Kaiser ist ein durch die Zeit Erhöhter! Man empfindet es vor dem Bilde
seiner Würde und Haltung, empfindet es bei seinem ruhigen Lächeln, vor
seinem ruhigen Blick. Und bevor ich noch ein erstes Wort von ihm höre,
strömt etwas Aufrichtendes in mich über. Ein frohes Gefühl der deutschen
Sicherheit ist in mir, erneuter Glaube und erhöhtes Vertrauen. Ich weiß:
bei =uns= ist die Wahrheit, bei =uns= das Recht, bei =uns= die Kraft und
bei =uns= der Sieg!
Ob der Kaiser ahnt, was in mir vorgeht? Er sieht mich plötzlich mit
einem jener forschenden Blicke an, die in seinen stählernen Augen sein
können. Dann nickt er freundlich, reicht mir die Hand und erhöht mir
die Freude dieser Minute durch ein ebenso herzliches wie impulsives Lob
meiner Landsleute: »=Na, Ganghofer, Ihre Bayern! Prachtvolle Leute! Die
haben feste und tüchtige Arbeit gemacht! Und vorwärts geht es, überall,
Gott sei Dank!=« Dann ein Erinnern an die letzte Begegnung im Frühjahr,
wo zu Berlin im Palais des deutschen Kronprinzen meine kleine Dorfsatire
»Tod und Leben« vor dem Kaiser aufgeführt wurde. Nun schweigt er eine
Weile, und sein Lächeln mindert sich und verschwindet. Tief atmend sieht
er mir ernst in die Augen und sagt mit einer langsamen und strengen
Stimme: »=Wer hätte damals ahnen können, was jetzt gekommen ist? Und
daß wir uns hier in Frankreich wiedersehen würden? So!=« -- In einem
diplomatischen Aktenstücke, das die deutsche Schuldlosigkeit an diesem
Kriege zu dokumentieren hat, können dieser Atemzug, dieser ernste Blick
und diese Worte des Kaisers nicht aufgezählt werden. Aber Beweiskraft
haben sie. Eine überzeugende.
Man geht zur Tafel. Das Speisezimmer ist ein gemütlicher Raum, der mich
weidmännisch anheimelt. Von den braunverschalten Wänden blinken die
weißen Hauer wuchtiger Eberköpfe herunter -- Jagdtrophäen, die in den
Argonnen erbeutet wurden.
Nur wenige Diener. Und eine kurze, rasche Mahlzeit. Was zur Tafel kam,
das weiß ich nimmer. Der Platz an der Seite des Kaisers und der Kreis
seiner zehn Gäste, hoher Würdenträger des Heeres und Hofes, gibt mir
so viel Beruhigendes, Erfreuliches und Fesselndes zu hören, daß ich
der Mahlzeit völlig vergesse, obwohl ich so hungrig wie ein Wolf aus
dem Eisenbahnwagen gekommen war und seit vierundzwanzig Stunden auf
jagender Reise keinen verschlingbaren Bissen erwischt hatte. Aber wie
feldmäßig einfach die Tafel des Kaisers bestellt ist, beweist eine
Speisenfolge, die ich mir an einem anderen Abend als Erinnerung mitnahm.
Auf dem kleinen Zettelchen, nicht größer als eine Visitenkarte, steht
geschrieben: