Die kurze Antwort: »Dreschen helfen!«

Von Wagenfenster zu Wagenfenster gibt es eine muntere Konversation, bis

aus dem Wagen da drüben eine strenge Unteroffiziersstimme herausruft:

»Vorsicht beim Antworten! Der olle Kunde fragt zu viel!«

Weiter geht's. Es öffnet sich der Blick in eine lange, enge Stadtgasse.

Nur Soldaten sieht man, Hunderte von Feldgrauen. Dazu zwei barmherzige

Schwestern, schwarz, mit weißen Hauben. Und zahlreiche Rekonvaleszenten

in Spitalkitteln erholen sich bei einem Spaziergang, ehe die Dämmerung

kommen will.

Wieder die öden Felder. Eine Arbeiterhütte mit weißblauem Fähnchen

gleitet vorüber. Ich möchte beim Anblick dieser Heimatfarben vor Freude

schreien. Bevor ich das Fenster aufbringe, ist die Hütte davongelaufen,

das liebe Fähnchen verschwunden.

Bei Chauvancy bauen deutsche Pioniere an einer von den Franzosen

gesprengten Brücke. Ich brülle zum Fenster hinaus und winke mit beiden

Händen. Die Pioniere gucken und lachen und fragen sich, was für ein Narr

da im Zuge ist? Kein Narr! Ein Deutscher voll stürmischer Dankbarkeit

und Bewunderung! Nur eine kurze Strecke feindlichen Landes hab' ich von

der Grenze bis hierher durchfahren, kaum ein paar hundert Kilometer

lang. Doch in jeder Minute fand ich reichlich Ursache, über das immense

Maß von Arbeit zu staunen, das deutscher Fleiß und deutsche Intelligenz

hier geleistet haben, um alles von den Franzosen und vom Krieg Zerstörte

wieder zurückzugewinnen für die Bedürfnisse des deutschen Heeres und

für den allgemeinen Verkehr. Wenn der kommende Friede unsere deutschen

Helden mit Eichenlaub und Lorbeer bekränzen wird, muß er einen besonders

schönen und reichverdienten Kranz für die deutschen Pioniere flechten.

Wären die Pioniere, die ich da gesehen habe, nicht so feste, stramme und

derbschlächtige Gestalten, ich möchte sie die lieben Heinzelmännchen

des Deutschtums nennen! An ihnen besonders wollen wir Daheimgebliebenen

uns ein Beispiel nehmen! Ein ganzes Volk von Pionieren wollen wir

sein, von Pionieren des deutschen Gedankens, der deutschen Treue und

Hilfsbereitschaft, der deutschen Ausdauer und Beharrlichkeit!

Man muß, was unsere Pioniere entlang der Maas und im Wasser und Sumpf

dieser meilenweiten Überschwemmungsgebiete geleistet haben, mit eigenen

Augen sehen. Sonst glaubt man es nicht, sonst hält man das deutsche

Arbeitswunder, das hier gewirkt wurde, für ein phantastisches Märchen.

Immer trüber sinkt der Abend. Doch die Dunkelheit beendet das Werk

dieses Fleißes nicht. Hunderte von Fackeln und Pechflammen brennen auf

-- leuchtende Sterne der deutschen Gewissenhaftigkeit!

Jenseits einer mächtigen Wasserfläche, die aussieht wie ein großer,

milchweißer See, steigt zwischen kleinen hübschen Wäldchen eine

weitläufige Stadt über sanft geneigte Hügel empor -- =Sedan=!

Du heiliger Name! Deine beiden Silben sind wie ein weihevoller Zauber,

der eine Fülle von herrlichen Bildern in mir erweckt und mich träumen

läßt von deutscher Kraft und Größe, von deutscher Vergangenheit und

deutscher Zukunft.

Der Bahnhof ist ein Gewühl von Soldaten. Tausende von Feldgrauen!

Heimkehrende und Ankommende. Wohin man die Ohren dreht, überall hört

man die lieben deutschen Laute. Sie wirken doppelt eindrucksvoll, hier,

auf dem Boden der feindlichen Fremde, hier, auf dem Frühlingsacker des

deutschen Werdens!

Ganz unfaßbare Mengen von Postsäcken und Gepäckballen werden hin und her

geschoben, ausgeladen und neu verstaut -- Wagenladungen mütterlicher

Grüße und Zärtlichkeiten, Wagenladungen treuer Heimatsgedanken unserer

Soldaten. Und der ganze Bahnhof ist ein unübersehbares Gewimmel von

stehenden und kommenden Zügen, von qualmenden oder rastenden Lokomotiven.

Weiter geht's. Die sinkende Nacht umhüllt mir alles Kommende. In der

stahlblauen Dämmerung glänzen wieder die großen Streckenlaternen. Der

Tag endet im Feindesland, wie er am Morgen in der Heimat begann: mit

strahlenden Lichtern in der Dunkelheit.

Unter strömendem Regen rauscht der Zug durch die Finsternis. Geht's über

eine Brücke, so hört man das dumpfe Brausen des hochgestiegenen Stromes.

Draußen ist wenig zu sehen: gleitende Laternen, pechschwarze Hügelketten

und die matt blinkenden Wasserflächen der großen, noch immer wachsenden

Überschwemmung.

In einer Station bei längerem Aufenthalt kommt eine strenge Kontrolle

aller Reisenden, die der Zug noch enthält. Der Offizier, der meinen

Ausweis musterte, nickt mir freundlich zu: »Sie werden erwartet!«

Noch eine kurze Fahrt und ich bin am ersten Ziel meiner Reise, im Großen

Hauptquartier. Auf dem Bahnhof ein liebenswürdiger Empfang. Es ist

sieben Uhr abends. Für acht Uhr bin ich zur kaiserlichen Tafel geladen.

Das Wetter will sich klären. Der Regen hat aufgehört. Helle Sterne

glänzen aus den Wolkenklüften, während ich den großen, stillen

Bahnhofplatz überschreite. Ein Automobil mit Offizieren saust vorüber,

und wie langgestreckte Lichtvögel flattern die Scheinbündel der

Autolaternen in die Finsternis. Schlagbäume und Schilderhäuschen in den

deutschen Farben leuchten auf, Wachen schreiten hin und her, und überall

ist ein leises Klirren, ein Gefunkel von Metall.

Hinter dem laublosen Astgewirre hoher Bäume strahlt eine Reihe von

erleuchteten Fenstern.

3.

Reise zur deutschen Front, 1915 · 第 4 / 23 题