Weiter und weiter geht die Fahrt, immer neuen Bildern der kriegerischen
Zerstörung entgegen, aber auch immer neuen Bildern, die es mit
hinreißender Kraft verstehen, einem deutschen Herzen jeden notwendigen
Glauben und alles Vertrauen einzureden.
Von der Bahnstrecke ziehen sich liebenswürdige Buchentäler nach allen
Seiten hin, mit vielfach geschlängelten Bachläufen -- eine Landschaft
wie in Franken daheim.
In einem Bachtal, das an den »kühlen Grund« des Volksliedes erinnert,
huscht eine Mühle vorüber, sieben vergnügte Landstürmer stehen im Hof,
und unter ihnen, auch nicht gerade traurig, steht eine dunkeläugige und
schwarzhaarige Französin. Vielleicht spielt sich hier so was Ähnliches
wie das deutsche Märchen vom Schneewittchen und den sieben Zwergen ab --
ein Märlein vom Kohlschwärzchen und den sieben Riesen?
Eine kleine Stadt -- Longuion. Vernichtung, wohin das Auge sieht. Am
tiefsten erschüttert mich der Anblick eines kleinen, völlig verwüsteten
Hauses, an dem noch einzelne Zeichen verraten, wie hübsch es einmal
gewesen sein muß; im ersten Stock ein Balkon mit geschmiedetem Geländer;
die eisernen Ranken und Blumen sind zu völlig sinnlosen Formen
verzerrt, und rings um die leere, löchrig ausgefranste Balkontüre zieht
sich ein großer, aus vielen Hunderten von weißen Punkten gebildeter
Heiligenschein -- die Arbeit eines Maschinengewehres. Der Kampf um
dieses kleine hübsche Haus und seine Balkontüre muß furchtbar gewesen
sein.
Man sieht in zerstörte und noch ganze Straßen hinein. Die meisten der
Leute, die da herumwandern, sind Feldgraue, sind deutsche Soldaten.
Außer ihnen noch ein paar an Ecken und in Winkeln umherstehende Greise
mit kummervollen Gesichtern, mit den Händen in den Taschen der weiten
Schlotterhosen; jeder hat die Kappe tief in die Stirn gezogen und trägt
einen dicken Schlips um den Hals gewickelt. Ein paar Kinder sieht man,
die harmlos und heiter spielen, mit etwas kreischenden Stimmchen;
sieht junge Mädchen, die sehr hastig gehen, und sieht Frauen, von denen
die einen immer die Augen gesenkt halten, während andere frech und
unternehmungslustig umherspähen; dieser Blick des lukrativen Lasters
ist nur eine Maske für den Blick des Hungers und der Not; es sind
junge Mütter, die ihre darbenden Kinder ernähren müssen, gleichviel um
welchen Preis! -- Vergeßt es niemals, ihr deutschen Frauen, vor welch
entsetzlichen Dingen euch die treuen Blutopfer unseres Heeres behüteten!
Ihr solltet diese Müttergesichter sehen, diese suchenden Weiberaugen!
Wohl haben die Hände deutscher Wohltätigkeit und Fürsorge hier das
Härteste der französischen Not schon gelindert; die Verzweiflung beginnt
sich in stumpfe Ruhe zu verwandeln, aber aus allen Bildern, die man
sieht, grinst unverkennbar noch immer der Schreck und das Grauen jener
Stunden heraus, in denen die Dächer brannten, die Häuser zerbarsten, die
Kanonen brüllten, die Maschinengewehre knatterten und zwischen rinnendem
Blut alle Schmerzen des Lebens ihre erbitterten Flüche knirschten.
Immer von neuem brennt der Gedanke in mir auf: »So könnt' es aussehen
bei uns daheim!« Und noch immer kann solch ein Furchtbares uns befallen,
wenn wir nicht stark und verläßlich bleiben, nicht gläubig und
vertrauensvoll, nicht hilfsbereit und opferwillig bis zum Letzten!
Plötzlich ist finstere Nacht um mich herum. Langsam und vorsichtig fährt
der Zug durch einen von den Franzosen zerstörten Tunnel, den unsere
wackeren deutschen Pioniere in unglaublich kurzer Zeit wieder wegbar
gemacht haben. Kleine Lichter blitzen im Dunkel auf, die Gestalten der
feldgrauen Arbeiter sind grell und grotesk beleuchtet, zwischen ihnen
und den Insassen des Zuges werden heitere Zurufe gewechselt -- und nun
fährt der Zug in den Tag hinaus. Es ist ein trüber Tag, schon nahe dem
Abend, und dennoch wirkt sein Licht wie eine Himmelsglorie. Und neben
der Bahnstrecke, im Höfchen einer Soldatenbaracke, stehen noch vom
Heiligen Abend her die drei mit Silberfäden geschmückten Christbäume.
Das unaufhörliche Regengepritschel der letzten Wochen hat sie freilich
schon übel zugerichtet; dennoch sind sie noch immer umwoben von
zärtlicher Heimatsehnsucht und lieblichen Erlösungsbildern.
Überall gewahrt man arbeitende Soldatenschwärme; endlose Kolonnen
knattern über die Wege hin; auf den Straßen sind Züge von französischen
Gefangenen in roten Hosen damit beschäftigt, die von den Lastautomobilen
ausgerissenen Stellen und die tiefen Granatenlöcher zu ebnen. Und in der
Ferne, über weite und öde Felder, sieht man die zierlichen Figürchen
feldgrauer Patrouillenreiter hintraben. Auch die Pferde, ob Rappen,
Schimmel, Fuchsen oder Schecken, sind alle grau vom bodenlosen Morast
dieser Regenzeit.
Da kommt wieder ein Dorf, in das sich Überschwemmung und Zerstörung
teilen. Inmitten der Verwüstung steht manchmal ein unversehrtes Haus,
aus dessen Fenstern das Leben herausguckt mit den Augen einer scheuen
Zufriedenheit -- Augen, welche sagen: »Auch das Dasein in Elend und
Trauer ist noch ein besseres Ding als Tod und Verwesung.«
Das Fort Montmédy, auf einer malerischen Höhe gelegen, zeichnet sich
schwarz wie Tinte in den Abendhimmel. Der tiefere Stadtteil am Ufer
des Stromes zeigt nur geringe Spuren von Zerstörung. Überall sieht man
Baracken und Zelte der deutschen Landstürmer. Die nassen Tücher glänzen
und pludern im Winde. Hier mag die Nachtruhe nicht sonderlich gemütlich
sein. Mitten in den weiten Flächen der Überschwemmung stehen große Zelte
bis zur halben Höhe unter Wasser. Hier kam die Überflutung in der Nacht
so schnell, daß man die Zelte nimmer abbrechen, nur das Leben noch
retten konnte. Mit Beschämung denke ich an mein behagliches und warmes
Bett daheim; es ist wahr, ich habe viele Nachtstunden schlaflos in ihm
verbracht, wachgehalten von der Sorge um Heimat und Heer; aber bei den
Gedanken an das, was unser Heer im Felde leistet und was es an Mühsal
zu ertragen hat, gab mir meine suchende Phantasie kaum ein annäherndes
Bild der Wahrheit, wie ich sie jetzt zu sehen bekomme. Wir in der
Heimat müssen noch viel, =viel= nachdenklicher werden, um den großen
Unterschied zwischen der deutschen Heeresarbeit im Felde und unserem
bescheidenen Hilfswerk in der Heimat mit ausreichender Dankbarkeit zu
erfassen. Und =sehr= bescheiden müssen wir werden, müssen erkennen, daß
alles, was wir tun, noch immer zu klein, noch immer zu wenig ist.
Auf einem Bahnhof hält mein Zug neben einer langen, mit Tannenreis
geschmückten Wagenreihe, vollgepfropft mit frischen Truppen, mit etwa
tausend Bonner Burschen, jung, heiter und gesund. Jahrgang 1914. Alle
Wagenwände sind bedeckt mit Kreidekarikaturen von Engländern und
Franzosen. Drollige Inschriften:
»Achtung! Deutsche Bluthunde!« -- »Platz frei, die Barbaren kommen!« --
»Blaue Bohnen zur Fütterung britischer Löwen!« -- »Weinet nicht, ihr
Bonner Mädels, wir kommen bald wieder!« Aus jedem Fenster guckt ein
halbes Dutzend dieser frischen fröhlichen Gesichter heraus. Ich frage:
»Wohin geht's?«