15. Januar 1915.

Weiter und weiter geht die Fahrt, immer neuen Bildern der kriegerischen

Zerstörung entgegen, aber auch immer neuen Bildern, die es mit

hinreißender Kraft verstehen, einem deutschen Herzen jeden notwendigen

Glauben und alles Vertrauen einzureden.

Von der Bahnstrecke ziehen sich liebenswürdige Buchentäler nach allen

Seiten hin, mit vielfach geschlängelten Bachläufen -- eine Landschaft

wie in Franken daheim.

In einem Bachtal, das an den »kühlen Grund« des Volksliedes erinnert,

huscht eine Mühle vorüber, sieben vergnügte Landstürmer stehen im Hof,

und unter ihnen, auch nicht gerade traurig, steht eine dunkeläugige und

schwarzhaarige Französin. Vielleicht spielt sich hier so was Ähnliches

wie das deutsche Märchen vom Schneewittchen und den sieben Zwergen ab --

ein Märlein vom Kohlschwärzchen und den sieben Riesen?

Eine kleine Stadt -- Longuion. Vernichtung, wohin das Auge sieht. Am

tiefsten erschüttert mich der Anblick eines kleinen, völlig verwüsteten

Hauses, an dem noch einzelne Zeichen verraten, wie hübsch es einmal

gewesen sein muß; im ersten Stock ein Balkon mit geschmiedetem Geländer;

die eisernen Ranken und Blumen sind zu völlig sinnlosen Formen

verzerrt, und rings um die leere, löchrig ausgefranste Balkontüre zieht

sich ein großer, aus vielen Hunderten von weißen Punkten gebildeter

Heiligenschein -- die Arbeit eines Maschinengewehres. Der Kampf um

dieses kleine hübsche Haus und seine Balkontüre muß furchtbar gewesen

sein.

Man sieht in zerstörte und noch ganze Straßen hinein. Die meisten der

Leute, die da herumwandern, sind Feldgraue, sind deutsche Soldaten.

Außer ihnen noch ein paar an Ecken und in Winkeln umherstehende Greise

mit kummervollen Gesichtern, mit den Händen in den Taschen der weiten

Schlotterhosen; jeder hat die Kappe tief in die Stirn gezogen und trägt

einen dicken Schlips um den Hals gewickelt. Ein paar Kinder sieht man,

die harmlos und heiter spielen, mit etwas kreischenden Stimmchen;

sieht junge Mädchen, die sehr hastig gehen, und sieht Frauen, von denen

die einen immer die Augen gesenkt halten, während andere frech und

unternehmungslustig umherspähen; dieser Blick des lukrativen Lasters

ist nur eine Maske für den Blick des Hungers und der Not; es sind

junge Mütter, die ihre darbenden Kinder ernähren müssen, gleichviel um

welchen Preis! -- Vergeßt es niemals, ihr deutschen Frauen, vor welch

entsetzlichen Dingen euch die treuen Blutopfer unseres Heeres behüteten!

Ihr solltet diese Müttergesichter sehen, diese suchenden Weiberaugen!

Wohl haben die Hände deutscher Wohltätigkeit und Fürsorge hier das

Härteste der französischen Not schon gelindert; die Verzweiflung beginnt

sich in stumpfe Ruhe zu verwandeln, aber aus allen Bildern, die man

sieht, grinst unverkennbar noch immer der Schreck und das Grauen jener

Stunden heraus, in denen die Dächer brannten, die Häuser zerbarsten, die

Kanonen brüllten, die Maschinengewehre knatterten und zwischen rinnendem

Blut alle Schmerzen des Lebens ihre erbitterten Flüche knirschten.

Immer von neuem brennt der Gedanke in mir auf: »So könnt' es aussehen

bei uns daheim!« Und noch immer kann solch ein Furchtbares uns befallen,

wenn wir nicht stark und verläßlich bleiben, nicht gläubig und

vertrauensvoll, nicht hilfsbereit und opferwillig bis zum Letzten!

Plötzlich ist finstere Nacht um mich herum. Langsam und vorsichtig fährt

der Zug durch einen von den Franzosen zerstörten Tunnel, den unsere

wackeren deutschen Pioniere in unglaublich kurzer Zeit wieder wegbar

gemacht haben. Kleine Lichter blitzen im Dunkel auf, die Gestalten der

feldgrauen Arbeiter sind grell und grotesk beleuchtet, zwischen ihnen

und den Insassen des Zuges werden heitere Zurufe gewechselt -- und nun

fährt der Zug in den Tag hinaus. Es ist ein trüber Tag, schon nahe dem

Abend, und dennoch wirkt sein Licht wie eine Himmelsglorie. Und neben

der Bahnstrecke, im Höfchen einer Soldatenbaracke, stehen noch vom

Heiligen Abend her die drei mit Silberfäden geschmückten Christbäume.

Das unaufhörliche Regengepritschel der letzten Wochen hat sie freilich

schon übel zugerichtet; dennoch sind sie noch immer umwoben von

zärtlicher Heimatsehnsucht und lieblichen Erlösungsbildern.

Überall gewahrt man arbeitende Soldatenschwärme; endlose Kolonnen

knattern über die Wege hin; auf den Straßen sind Züge von französischen

Gefangenen in roten Hosen damit beschäftigt, die von den Lastautomobilen

ausgerissenen Stellen und die tiefen Granatenlöcher zu ebnen. Und in der

Ferne, über weite und öde Felder, sieht man die zierlichen Figürchen

feldgrauer Patrouillenreiter hintraben. Auch die Pferde, ob Rappen,

Schimmel, Fuchsen oder Schecken, sind alle grau vom bodenlosen Morast

dieser Regenzeit.

Da kommt wieder ein Dorf, in das sich Überschwemmung und Zerstörung

teilen. Inmitten der Verwüstung steht manchmal ein unversehrtes Haus,

aus dessen Fenstern das Leben herausguckt mit den Augen einer scheuen

Zufriedenheit -- Augen, welche sagen: »Auch das Dasein in Elend und

Trauer ist noch ein besseres Ding als Tod und Verwesung.«

Das Fort Montmédy, auf einer malerischen Höhe gelegen, zeichnet sich

schwarz wie Tinte in den Abendhimmel. Der tiefere Stadtteil am Ufer

des Stromes zeigt nur geringe Spuren von Zerstörung. Überall sieht man

Baracken und Zelte der deutschen Landstürmer. Die nassen Tücher glänzen

und pludern im Winde. Hier mag die Nachtruhe nicht sonderlich gemütlich

sein. Mitten in den weiten Flächen der Überschwemmung stehen große Zelte

bis zur halben Höhe unter Wasser. Hier kam die Überflutung in der Nacht

so schnell, daß man die Zelte nimmer abbrechen, nur das Leben noch

retten konnte. Mit Beschämung denke ich an mein behagliches und warmes

Bett daheim; es ist wahr, ich habe viele Nachtstunden schlaflos in ihm

verbracht, wachgehalten von der Sorge um Heimat und Heer; aber bei den

Gedanken an das, was unser Heer im Felde leistet und was es an Mühsal

zu ertragen hat, gab mir meine suchende Phantasie kaum ein annäherndes

Bild der Wahrheit, wie ich sie jetzt zu sehen bekomme. Wir in der

Heimat müssen noch viel, =viel= nachdenklicher werden, um den großen

Unterschied zwischen der deutschen Heeresarbeit im Felde und unserem

bescheidenen Hilfswerk in der Heimat mit ausreichender Dankbarkeit zu

erfassen. Und =sehr= bescheiden müssen wir werden, müssen erkennen, daß

alles, was wir tun, noch immer zu klein, noch immer zu wenig ist.

Auf einem Bahnhof hält mein Zug neben einer langen, mit Tannenreis

geschmückten Wagenreihe, vollgepfropft mit frischen Truppen, mit etwa

tausend Bonner Burschen, jung, heiter und gesund. Jahrgang 1914. Alle

Wagenwände sind bedeckt mit Kreidekarikaturen von Engländern und

Franzosen. Drollige Inschriften:

»Achtung! Deutsche Bluthunde!« -- »Platz frei, die Barbaren kommen!« --

»Blaue Bohnen zur Fütterung britischer Löwen!« -- »Weinet nicht, ihr

Bonner Mädels, wir kommen bald wieder!« Aus jedem Fenster guckt ein

halbes Dutzend dieser frischen fröhlichen Gesichter heraus. Ich frage:

»Wohin geht's?«

Reise zur deutschen Front, 1915 · 第 3 / 23 题