Ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber für mich spricht aus jedem
Wort dieses rührenden Briefes ein neuer und tröstlicher Seelenzustand
Turgenjews.
Turgenjew war ein Jahr vor seinem Tode bei mir, verbrachte
den ganzen Vormittag in meiner Gesellschaft, und dabei war
u. a. auch von Tolstoi die Rede. Damals erschienen schon Tolstois
sogenannte theologische Schriften. Turgenjew verhielt sich höchst
ablehnend dagegen und konnte es nicht verwinden, daß Tolstoi
die literarische Tätigkeit aufgegeben hatte, »~pour écrire de
pareilles billevesées~« (um solchen Unsinn zu schreiben), wie er sich
ausdrückte. »Und beachten Sie wohl,« fügte Turgenjew hinzu, »daß
auch sein Stil jetzt einem unergründlichen Sumpfe gleicht.«
Dem konnte ich nicht beistimmen. Man muß hier einschalten,
daß Turgenjew einfach nicht imstande war, Tolstoi überallhin zu
folgen. Dieser konnte sich irren -- gewiß. Doch suchte er stets die
Wahrheit, litt und quälte sich ihretwegen, während Turgenjew auf
seinem verneinenden Standpunkt beharrte und fast damit kokettierte. Im
übrigen haftete ihm der faszinierende Reiz des Künstlers an; man
konnte ihm lange zuhören; aber in seinen Worten wie Taten kam stets
eine gewisse Oberflächlichkeit zum Ausdruck, und unsere letzte
Begegnung hinterließ in mir ein trauriges Gefühl. Wir sprachen
französisch. Hübsche Phrasen flossen wie Musik aus seinem Munde --
schade, daß ich sie damals nicht aufschrieb. Ich weiß aber noch, daß
ich ihn schließlich unterbrach:
»~C'est extraordinaire; voilà bien des années, que nous ne
nous sommes vus~ (früher hatten wir uns häufig gesehen) ~et je
vous retrouve au même point -- avec ce fond de sable mouvant, qui
m'a toujours frappé dans vos oeuvres, quelque charmantes qu'elles
soient. J'espérais, que le temps vous aurait mis sur un terrain plus
solide.~«(1)
(1) Merkwürdig; so viele Jahre haben wir uns nicht gesehen, und
ich finde Sie immer noch auf demselben Punkt, der mich, bei allem
Reiz, den Ihre Werke ausüben, stets an ihnen überrascht hat. Ich
hoffte, Sie würden mit der Zeit festeren Boden unter den Füßen
gewinnen.
Turgenjew lachte über meine Offenheit. »Dabei habe ich große
Fortschritte gemacht,« erwiderte er. »Denken Sie sich, ich liebe
jetzt sogar die Natur nur auf der Leinewand.«
Diese Bemerkung des Verfassers der »Aufzeichnungen eines Jägers«,
in denen alles Liebe zur Natur atmet, brachte mich fast zur
Empörung. »Glauben Sie sich damit ein Lob auszustellen?« fragte
ich und fügte gleich hinzu: »Da wir gerade von besonderen Dingen
reden -- erklären Sie mir, warum in Ihren Erzählungen niemals Kinder
vorkommen?«
Dieses Mal erschrak er.
»Ihre Bemerkung verblüfft mich um so mehr,« war die Antwort, »weil
ich sie fast zum erstenmal höre. Sie ist aber richtig; ich liebe
Kinder nicht.«
Darauf erwiderte ich mit Achselzucken.
Das Gespräch kam auf die Unsterblichkeit der Seele. Turgenjew
erklärte kategorisch, er glaube nicht an diese Unsterblichkeit.
»Sie sagten vorhin, Sie hätten viele Freunde gehabt? Wie steht es mit
denen, die nicht mehr sind?«
»Die leben in meiner Erinnerung fort, und das genügt mir,« war seine
Antwort.
Wir sprachen über das Neue Testament. Turgenjew äußerte sich
darüber, wie über ein wenig bekanntes Buch.
»Sie wollen doch nicht behaupten, daß Sie das Neue Testament nicht
gelesen haben?« fragte ich.
»O nein. Gewiß habe ich es gelesen. Ich behaupte sogar, daß das
Evangelium des Lukas und des Matthäus ziemlich interessant sind; was
aber Johannes anlangt, so lohnt es sich nicht, von ihm zu reden.«
Darauf erwiderte ich bekümmert: »Sie werden stets der liebenswürdigste
aller Heiden bleiben.« Damit trennten wir uns auf Nimmerwiedersehen.
Armer Turgenjew! Ich baue darauf, daß ihm während seines
achtmonatigen Todeskampfes, unter schrecklichen Leiden, vieles von dem
bis dahin Unzugänglichen klar wurde. Gott braucht keine Zeit, um die
Seele des Menschen aufzuklären oder umzuwandeln. --
Aber kehren wir zu unserm Haupthelden zurück. Tolstoi kam 1876 nach
Petersburg, um hier Material für die »Dekabristen« zu sammeln; er
wollte einen Roman aus jener Epoche schreiben. »Ich will beweisen,«
sagte er, »daß an der Dekabristenverschwörung niemand schuld war --
weder die Verschwörer noch die Regierung.«
Zum Lokalstudium begab er sich in die Peter-Paulfestung. Der Kommandeur
(ich weiß seinen Namen nicht mehr) empfing ihn sehr liebenswürdig,
zeigte ihm, was zu zeigen war, konnte aber nicht dahinter kommen,
was Tolstoi eigentlich wollte. Dieser erzählte uns später die
Unterhaltung in sehr komischer Weise.
Bekanntlich schrieb Tolstoi nur einige Kapitel dieses Romans; auf meine
Frage, weshalb er nicht fortführe, erwiderte er: »Weil ich gefunden
habe, daß fast alle Dekabristen Franzosen waren.«
Wirklich lag die Erziehung der Kinder höherer Stände damals durchweg
in westeuropäischen Händen; diese historische Tatsache aber, die
man nicht umgehen kann, steht meiner Meinung nach dem Autor eines
Romans aus einer so interessanten Epoche nicht im Wege. Ich war
einfach untröstlich. Tolstoi beabsichtigte ferner die Geschichte des
Kaisers Paul zu schreiben, an dessen rätselhafter Persönlichkeit er
besonderes Interesse nahm. Auch dieser Plan blieb unausgeführt. Noch
bedauerlicher ist, daß Tolstoi die Absicht nicht verwirklichte, die
ihm, seinen Briefen nach, noch mehr am Herzen lag. In dem ersten Brief,
1878, schrieb er mir hierüber: »Mir schwebt schon längst der Plan
zu einem Werk vor, dessen Schauplatz die Orenburger Gegend und dessen
Zeit die Perowskis sein soll. Ich habe aus Moskau einen ganzen Haufen
Material mitgebracht. Alles, was Perowski betrifft, interessiert
mich außerordentlich, und ich muß sagen, daß seine historische
Persönlichkeit wie sein Charakter mir sehr sympathisch sind. Was
würdet ihr und seine Verwandten sagen? Und überlaßt ihr mir Papiere
und Briefe, wenn ich euch die Zusicherung gebe, daß niemand außer mir
sie lesen wird, daß ich sie zurücksende, ohne eine Abschrift genommen
zu haben, und daß ich nichts daraus abdrucke? Ich möchte ihm etwas
tiefer in die Seele blicken.«
Über denselben Gegenstand schrieb Tolstoi meinem Bruder Ilja. Wir
beide antworteten sofort und schickten das notwendige Material. Darauf
schrieb er mir im nächsten Brief: »Perowskis Persönlichkeit hast
du im großen und ganzen richtig beurteilt; ebenso stelle ich ihn
mir vor. Solche Figur füllt allein ein ganzes Gemälde. Seine
Biographie wäre allzu herb; mit anderen, ihm entgegengesetzten
feineren Charakteren aber, wie zum Beispiel Shukowski, den du gut
zu kennen scheinst, und besonders mit den Dekabristen -- drückt
diese Kolossalgestalt (eine Variante der noch größeren Figur
Nikolaus' I.) jene Zeit vollständig aus. Ich bin jetzt ganz in die
Lektüre der zwanziger Jahre vertieft und kann dir den Genuß nicht
beschreiben, den ich empfinde, wenn ich mir jene Zeit ausmale.« --
Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre fand zwischen Leo
und mir ein lebhafter Briefwechsel statt. Bei Beginn meiner Tätigkeit
als Erzieherin der Großfürstin Maria Alexandrowna, 1864, wurde die
Korrespondenz aus Zeitmangel meinerseits etwas weniger lebhaft, dauerte
aber trotzdem noch lange fort.
Bei Erwähnung der verschiedenen Stimmungsphasen Tolstois habe ich
eine Absonderlichkeit vergessen, die man jetzt kaum glauben wird:
es gab eine Zeit -- und sie dauerte ziemlich lange --, wo Tolstoi
streng kirchengläubig war. Was ihn auf diesen Weg trieb, weiß ich
nicht; es spielte sich weit von uns entfernt ab, und ich erfuhr erst
viel später, daß Tolstoi mit einfachen Leuten zusammen wallfahrtete,
Klöster besuchte, in der Oytiner Einöde weilte, wo er sich lange
mit Klausnern und Eremiten unterhielt und dann vollkommen von der
Heiligkeit und Wahrheit unserer Kirche überzeugt zurückkehrte. Wir
ahnten nichts von alledem und hätten vielleicht nie etwas davon
erfahren, wenn nicht folgender kleine Zwischenfall eingetreten wäre:
Auf einer seiner Petersburger Reisen, 1877, erschien Tolstoi bei meiner
Mutter, wo sich die ganze Familie versammelt hatte. Es war während der
Fastenzeit, die wir bis dahin streng innegehalten hatten. In diesem
Jahr aber beschlossen wir unserer alten Mutter wegen, der der Arzt
das Fasten streng verboten hatte, nicht zu fasten. Beim Mittagessen
bemerkte ich, daß Tolstoi ein finsteres Gesicht machte und offenbar
verstimmt war. Nach Tisch kam er sofort zu mir und fragte, warum wir
nicht fasteten. Ich erklärte ihm den Grund und fragte: »Ist es dir
vielleicht unangenehm?«
»Gewiß« -- war seine Antwort -- »wenn man schon einer Kirche
angehört, ist das Geringste, was man tun kann, daß man ihre Gebote
hält.«
Im nächsten Jahre, 1878, erschien er wieder unerwartet in Petersburg,
wie ich glaube, nur in der Absicht, mir seine geistige Umwandlung
mitzuteilen und zu erklären. Wir hatten uns lange nicht gesehen,
aber ich ahnte nicht, daß etwas Ungewöhnliches mit ihm vorgegangen
sei. In seinen Briefen hatte er nichts verraten; höchstens bisweilen
undeutliche Anspielungen gemacht.
Kaum hatten wir uns begrüßt, als er auch schon ziemlich wirr und
nebelhaft alles erklärte, was in seiner Seele vorgegangen war. Ich
hörte ihn schweigend an. Hielt er mein Schweigen für Zustimmung,
oder wünschte er begeisterte Sympathie -- jedenfalls unterbrach er
plötzlich seine Beichte und meinte: »Ich sehe, du hast dich mit
meinen Gedanken schon ziemlich vertraut gemacht.«
Leider mußte ich ihn dieses Mal enttäuschen.
»Du irrst dich,« sagte ich. »Ich bin mit deinen Gedanken so wenig
vertraut, daß ich sie gar nicht verstehe.«
Da sprang er wie gestochen auf: »Du verstehst sie nicht. Aber es
ist doch alles so einfach und läßt sich in zwei Worten erklären:
In meiner Seele hat sich ein Fenster aufgetan, durch das ich Gott
sehe. Weiter habe ich _nichts_, rein _gar nichts_ nötig« -- er
wiederholte das Wort nochmals.
»Was heißt nichts?« fragte ich verständnislos. »Natürlich ist die
Hauptsache der Glaube an Gott. Bevor ich dir aber zustimme, muß ich
wissen, _wie_ du an Gott glaubst.«
Mein Herz schlug wie ein Hammer, als wenn es ahnte, was alsbald kommen
würde. Als Leo mir dann aber nicht nur die Nutzlosigkeit, sondern
sogar Schädlichkeit der Kirche auseinandersetzte und schließlich
so weit ging, die Gottheit Christi und die Erlösung durch ihn zu
verwerfen -- war ich dicht vor Schluchzen und Tränen, beherrschte
mich aber, um in dem Streit, den ich voraussah, keine Waffe zu
verlieren. Wirklich entstand dann ein Disput, der den ganzen Morgen
dauerte. Leo war schrecklich erregt über meinen Widerstand gegen das,
was er für den Inbegriff aller Wahrheit hielt, und am nächsten Morgen
erhielt ich von ihm folgendes Billett: »Sei mir nicht böse, daß ich
ohne Abschied wegfahre; ich bin durch den gestrigen Disput allzusehr
erregt ...«
Seine plötzliche Abreise bekümmerte mich sehr. In der voraufgegangenen
schlaflosen Nacht hatte ich unwiderlegliche Argumente gefunden,
die ihn, meiner Meinung nach, überzeugen mußten -- und nun
alles umsonst!
Lieber Leser! Freu dich über meine Naivität, aber freu dich auch
über meine Hartnäckigkeit, mit der ich später die Polemik gegen
Tolstoi in der festen Überzeugung fortsetzte, daß seine Ansichten
sich ändern und er auf den Weg des Glaubens gelangen würde. Es kam
mir damals vor, als hätte ich es mit einem Kranken zu tun, dem man
gute Nahrung reichen müsse. In meiner Verblendung hielt ich mich
wahrscheinlich für einen unterrichteten Arzt. Jedenfalls erregten
meine Briefe ihn nur noch mehr. Ich begreife nicht, wie ich nicht
sehen konnte, daß er sich hinter jedem seiner Gedanken verschanzte,
wie hinter einer Festung. Es war das eine mir ganz unverständliche,
selbstgefällige Verblendung. Ich darf aber wohl sagen, daß all meine
Fehler aus zu großem Eifer entsprangen. Wißt ihr, was es heißt,
eine nahverwandte Seele lieben? Nicht den Menschen, sondern seine
Seele? Diese Liebe ist unvergleichlich stärker als jede andere. Leo
Tolstois Seele war mir unbeschreiblich teuer. Sie ist es auch jetzt
noch; aber die Jahre und Enttäuschungen haben das ihrige getan:
jene Glut und die Qualen, die meine damaligen Bemühungen um ihn
begleiteten, sind vorüber. Nebenbei will ich erwähnen, daß von
unserem Briefwechsel aus jener Zeit wenig übriggeblieben ist; einige
Briefe habe ich vernichtet -- sie regten mich zu sehr auf; andre gab
ich Dostojewski. Und das kam so:
Ich wünschte längst, mit ihm bekannt zu werden; endlich geschah es,
aber leider zu spät.
Es war zwei oder drei Wochen vor seinem Tode, da wurde ich mit
Dostojewski bekannt. Seitdem ich sein Werk »Schuld und Sühne«
gelesen (kein Roman hat ähnlich auf mich gewirkt), stand der Autor als
Moralist für mich in unerreichbarer Höhe, unvergleichlich höher als
andere Schriftsteller, Tolstoi nicht ausgenommen, natürlich nicht in
stilistischer und künstlerischer Hinsicht.
Ich traf Dostojewski zum erstenmal auf einem Abend beim Grafen
Komarowski, Tolstoi hatte er niemals gesehen, obgleich dieser, als
Schriftsteller wie als Mensch, ihn schrecklich interessierte. Seine
erste Frage betraf Tolstoi:
»Können Sie mir seine neue Richtung erklären? Ich erblicke darin
etwas Besonderes und mir einstweilen Unverständliches ...«
Ich gestand Dostojewski, daß auch mir diese neue Richtung Tolstois
rätselhaft sei, und versprach ihm die letzten Briefe Tolstois, in der
Meinung, er würde sie holen. Er bestimmte noch den Tag, und bis dahin
schrieb ich die Briefe ab, um ihm das Lesen der schwer zu entziffernden
Handschrift Tolstois zu erleichtern. Dostojewski erschien; zunächst
entschuldigte ich mich, daß weiter niemand eingeladen sei -- aus
Egoismus; ich wollte den Abend Auge in Auge mit ihm verbringen. Dieser
Abend prägte sich meinem Gedächtnis für immer ein. Ich hörte ihn
mit Andacht: er sprach, wie ein echter Christ, über das Schicksal
Rußlands und der ganzen Welt. Seine Augen brannten, und ich spürte
den Propheten in ihm. Als die Rede auf Tolstoi kam, bat er mich,
ihm die versprochenen Briefe vorzulesen. Es klingt sonderbar, aber
ich schämte mich fast, dem großen Denker die oft wirren Gedanken
mitzuteilen.
Ich sehe Dostojewski noch jetzt vor mir, wie er sich an den Kopf griff
und verzweifelt rief: »Nicht das! Nur nicht das!« Er sympathisierte
mit keinem der Tolstoischen Gedanken, raffte aber trotzdem alles, was
auf dem Tisch lag, Originale und Kopien der Briefe, zusammen und nahm
sie mit. Aus einigen seiner Bemerkungen schloß ich, daß er Tolstois
Ausführungen bekämpfen wollte.
Ich bedauerte nicht so sehr den Verlust der Briefe, aber ich bin
untröstlich, daß Dostojewskis Absicht unausgeführt blieb; fünf Tage
nach dieser Unterhaltung war er nicht mehr.
Leo Tolstoi hatte in einer Zeitschrift veröffentlicht, daß er
Dostojewski zwar nicht gekannt hätte, daß ihm bei der Nachricht
seines Todes aber gewesen wäre, als ob er das Teuerste auf der Welt
verloren hätte. Das plötzliche Ende D.s warf auch mich nieder. Ich
begab mich in seine Wohnung, um an den sterblichen Überresten meine
Andacht zu verrichten. Er lag in einem winzigen Kämmerchen. Sein
kleiner Sohn und die Tochter standen am Sarge. Die ganze Einrichtung
war sehr ärmlich; Besucher aber waren eine Menge da, und alle
schienen von Kummer niedergedrückt. Besonders zahlreich war die
Jugend vertreten. Ich schickte mich schon an, zu gehen, als eine sehr
bescheiden gekleidete Dame auf mich zutrat und mich fragte, ob ich die
Gräfin Tolstoi wäre? Auf meine Bejahung sagte sie: »Ich hatte die
Absicht, zu Ihnen zu kommen, da ich glaubte, daß es Ihnen angenehm
sein würde, zu hören, welch guten Eindruck Fedor Michailowitsch von
dem bei Ihnen verbrachten Abend mitgenommen hat; es war seine letzte
Freude.«
Diese Dame war Dostojewskis Gattin.
Ich habe mich später oft gefragt, ob es Dostojewski gelungen wäre,
Tolstoi zu beeinflussen. Ich glaube kaum. Einer meiner Bekannten,
Dimitrijew, ein sehr kluger, leicht ausfallender Herr, sagte eines
Tages, als die Rede auf Tolstoi kam: »Tolstois Unglück ist, daß er
nur seine eigenen Gedanken hört und schätzt; Sie werden sehen, daß
er stets auf falschem Wege bleibt.«
Das war bis zu einem gewissen Grade richtig. Andererseits ließ Tolstoi
sich oft durch Leute beeinflussen, die moralisch unendlich weit unter
ihm standen, sich aber so oder so in seinem Geleise bewegten. Von
vielen Beispielen nenne ich nur eins: 1885 erschien in Moskau ein
gewisser Sjutajew, ein grober Kleinbürger, der aus der russischen
Kirche ausgetreten war und eine Lehre verkündete, nach der er sich
für einen Propheten hielt. Ich weiß nicht, wie er an Tolstoi
herankam; dieser entdeckte in Sjutajew eine gewisse Ähnlichkeit
mit seinen eigenen Ansichten und geriet über ihn in Entzücken; er
schleppte ihn durch die Salons der vornehmen Welt und hob ihn, als
Beispiel wahrer Frömmigkeit, bis in den Himmel. Tolstois Gattin mit
ihrem gesunden Verstande erkannte sehr bald diesen Begeisterungsrausch
und ertrug nur mit Überwindung die Gesellschaft Sjutajews und seiner
Genossen, die immer häufiger im Hause erschienen. Man brauchte nur
zerlumpt oder Dissident zu sein, um Tolstois Interesse zu erregen,
während Epaulette, Achselschnüre, Generalsrang und überhaupt jeder
hohe Posten ihm Abscheu einflößten. Diese plötzliche Vorliebe für
ungebildete beschränkte Leute dauerte nicht lange, und die ganze
Gesellschaft war nur eine vorübergehende Erscheinung. Zur Zeit ihrer
Macht aber beherrschte sie Tolstoi vollständig. Ungefähr zur selben
Zeit erschien in einer Moskauer Zeitung Tolstois Artikel über die
Volkszählung mit dem Aufruf an die Jugend, der fast ohne Ausnahme
Begeisterung erregte. Überhaupt stieg Tolstois Ruhm höher und höher;
überall redete man von ihm und Sjutajew. Manche Gerüchte drangen auch
zu mir, so daß ich mich endlich entschloß, zu sehen, was in Tolstois
Hause in Moskau vor sich ging.
Trotz der Freude über das Wiedersehen war Tolstoi augenscheinlich
nicht bei Stimmung; erriet er, daß der Zweck meiner Reise kein anderer
war, als mich von seinem Seelenzustande zu überzeugen? Jedenfalls
bemerkte ich von Anfang an eine gewisse Erregung an ihm.
Er selbst brachte die Rede auf die »Volkszählung« und sagte:
»Weißt du, daß nach dem Erscheinen meines Artikels ein wahrer Sturm
von Dankadressen und Briefen, sogar von Schülern, an mich gelangt
ist?« (Später gestand er mir, beim Schreiben des Artikels gedacht zu
haben, ihm würde von allen Seiten Geld für die Armen zugehen, daß
aber gerade das nicht geschehen wäre, sondern im Gegenteil viele ihn
um Geld gebeten hätten.)
»Ich weiß,« antwortete ich ziemlich kalt.
»Und von dir nicht eine Zeile. Warum das?«
»Aus einem sehr einfachen Grunde. Ich muß gestehen, daß deine
'Volkszählung' mir nicht besonders gefällt. Ich fürchte,
deine Worte an die Jugend rufen ein Strohfeuer hervor, das schnell
verpufft. Du sagst: 'Gebt kein Geld; gebt euch selbst, völlig.'
Ist das nicht zu viel verlangt? Es ist das Äußerste, was die Liebe
geben kann, und die erwirbt man nicht im Handumdrehen. Sodann gefällt
mir deine Verdrehung des Evangeliums nicht; Zachäus hast du überhaupt
nicht verstanden. Er überwand alle Hindernisse, um Christus zu sehen,
und als er ihn gesehen hatte, wurde sein Herz von höchster Gnade
erfüllt; er war zu jedem Opfer bereit, um die Vergangenheit zu
büßen. Du aber hast fast einen Wucherer aus ihm gemacht.«
Wenn meine Bemerkungen ihm unangenehm waren, so vergalt er mir das an
diesem Morgen reichlich. Ohne jede Veranlassung überschüttete er mich
mit einem Hagel seiner unmöglichen Ansichten von Religion und Kirche
und machte sich über alles lustig, was mir lieb und teuer war. Mir kam
es vor, als hörte ich Fieberphantasien. Ich kann und will nicht alles
wiedergeben, was er damals sagte. Meine Wangen brannten; ich hielt es
aber nicht für nötig, ihm etwas zu erwidern. Wahrscheinlich erregte
mein Schweigen ihn noch mehr. Als er endlich müde war und mich fragend
ansah, als erwartete er meine Antwort, sagte ich ihm:
»Ich habe dir nichts zu erwidern; ich will dir nur sagen, daß ich
dich, während du sprachst, in der Macht eines sah, der noch jetzt
hinter deinem Stuhle steht.«