Er wandte sich schnell um. »Wessen?«

»Luzifers in eigener Person,« erwiderte ich. »Der personifizierte

Hochmut spricht aus dir.«

Er sprang auf. Das Wort hatte gewirkt. Aber er suchte sich zu bezwingen

und fügte alsbald hinzu: »Gewiß bin ich stolz als Einziger, der

endlich die Hand an die Wahrheit gelegt hat.«

Das nannte er Wahrheit!

Abends begab ich mich zu ihm und fand den kürzlich noch rasenden Leo

als sanftes Lamm. Außer der zahlreichen Familie waren noch Fremde

zugegen, und die Unterhaltung war allgemein. Leo lenkte sie aber so,

daß mich nichts irgendwie verletzen konnte, und er sorgte den ganzen

Abend für mich mit der rührenden Güte, die einen hervorstechenden

Zug seines Charakters bildet. Unter anderem bat er seine Frau, mir

den Traum zu erzählen, den sie kurz vor seiner geistigen Umwandlung

gehabt. Dieser Traum war folgender:

Tolstois Gattin stand vor einer Erlöserkirche, deren Bau noch nicht

vollendet war. Vor der Tür erhob sich ein riesiges Kreuz, an ihm hing

der lebendige Christus. Plötzlich begann dieses Kreuz sich zu bewegen,

wanderte dreimal um die Kirche und blieb vor ihr, der Frau, stehen. Der

Heiland sah sie an, reckte die Hand nach oben und deutete auf das

goldene Kreuz, das hoch oben auf der Kirchenkuppel glänzte.

Dieser Traum fiel wie ein Hoffnungsstrahl in meine Seele; »wenn

Tolstoi wirklich einst die Wahrheit erkennt,« dachte ich, »wird er

mit derselben Aufrichtigkeit seinen Irrtum eingestehen.«

Am nächsten Tage traf ich ihn vor dem Hause unseres gemeinsamen

Verwandten. Bis ich gemeldet wurde, entspann sich zwischen uns wieder

eine Unterhaltung. Ich saß im Wagen, er stand in ganz unmöglicher,

halb bäurischer, halb städtischer Kleidung am Schlage.

»Du bist mir doch nicht böse, daß ich gestern alle meine Kugeln auf

dich abgefeuert habe?« fragte er.

»Das waren schon keine Kugeln mehr, sondern Bomben,« erwiderte ich

halb im Scherz. »Dafür hast du mich gestern abend gerührt, als du

wie mit Pinsel und Salbentopf um mich herum warst, um alle kranken

Stellen zu heilen.«

»Deswegen bist du auch mein liebes Mütterchen, weil du alles richtig

verstehst. Nur müssen wir uns noch darüber klar werden, ob du die

Christin bist oder ich.«

»Ich gebe mich nicht für eine gute Christin aus,« sagte ich. »Wohl

aber habe ich meine christlichen Überzeugungen. Die Ordnung der Dinge,

wie sie einmal sind, ist nicht von mir geschaffen, ich glaube aber,

daß in deinem System nichts Ähnliches zu finden ist.«

In diesem Augenblick wurden wir nach oben gebeten.

Einige Tage später traf ich Tolstois Gattin, die mit ihrer

achtzehnjährigen Tochter zu einer Abendgesellschaft fuhr. Beide

waren sehr einfach gekleidet, trugen hohe Hüte und begaben sich

zu Verwandten. Ich glaube, es lag kein Grund vor, sich darüber

aufzuregen; Tolstoi aber bezwang sich kaum in meiner Anwesenheit. Als

die beiden fort waren, fragte ich ihn:

»Was hast du denn dagegen einzuwenden, daß deine Tochter ein wenig in

die Welt kommt? Hast du vergessen, daß wir beide diese Welt sehr gern

gehabt und uns weidlich in ihr amüsiert haben?«

»Durchaus nicht; aber du siehst, daß ich damit aufgehört habe. Ich

möchte meine Tochter gern vor dem Garstigen und Schädlichen bewahren,

das das Leben in der großen Welt mit sich bringt.«

Tolstoi mischte sich mit seinen extremen Ansichten in alle Einzelheiten

des Familienlebens ein und richtete oft viele Verwirrung, auch Ärger

und Streit an. Ich glaube, die arme Sophie wird noch oft an ihren

Traum und das große Kreuz denken, das ihr so viele Träume in Aussicht

stellte.

Abends saßen wir im Wohnzimmer; außer uns beiden waren der

sechzehnjährige Sohn Elias und der Schwager der Gräfin, Islawin,

zugegen, der in Tolstoi drang, etwas aus seinen ungedruckten Werken

vorzulesen. Tolstoi weigerte sich lange, holte aber endlich ein Heft

und las aus einem seiner philosophischen Werke vor, und zwar mit

augenscheinlicher Verlegenheit; er wurde bald rot, bald blaß, stockte

häufig und hörte bald auf, da er merkte, wie die Lektüre auf mich

wirkte.

»Du siehst, daß ich in deiner Gegenwart nicht vorlesen kann,«

sagte er am nächsten Tage. »Alles das ist nichts für dich; du mußt

schreckliche Eindrücke davon haben!«

»Was mich am meisten erregt, ist, daß du deinen Sohn so vergiften

kannst,« erwiderte ich.

»Um Gottes willen, nein! Ich versichere dich, daß meine Kinder nicht

im geringsten auf das achten, was ich schreibe.«

Bald nach meiner Abreise aus Moskau wandte ich mich um einen Rat

an den französischen Schriftsteller Vogué. Dieses Mitglied der

Akademie hat eine Russin geheiratet und kennt unsere Literatur besser

als viele Russen. Noch unter dem Eindruck des jüngst in Moskau

Gesehenen und Gehörten und in Erinnerung an Vogués Anhänglichkeit

an Tolstoi machte ich ihm einige Mitteilungen über Leo und den

Sektierer Sjutajew. Vogué antwortete mir: »Ich danke Ihnen für die

Mitteilungen. Ich wußte es und bin heftig darüber erschrocken, daß

der große, unvergleichliche Tolstoi jetzt durch eine Art mystischen

Wahns wie gelähmt ist. Mir bleibt der zweifelhafte Trost, das längst

vorausgesehen zu haben; seine ganze Gedankenentwicklung lag als Keim

bereits in dem Werk 'Kindheit und Knabenalter', und die Psychologie

Lewins in 'Anna Karenina' gibt seiner weiteren Entwicklung klar die

Richtung an.« --

Trotz der von nun ab herrschenden Meinungsverschiedenheit setzten Leo

und ich die Korrespondenz fort, wenn das auch ziemlich selten geschah.

Im Frühjahr 1887 erkrankte er heftig am Bein, das er, glaube ich,

am Pflug verletzt hatte. Im Glauben, er würde sterben, schrieb er

mir einen lieben Brief, von dem viele eine Abschrift nahmen und der

mich tief rührte, besonders da sein Leben damals wirklich in Gefahr

war. Der Brief lautete:

»Es war gut und schön von dir, mir zu schreiben, liebe Freundin.

Du fragst, wie es mir geht? So sonderbar es auch klingen mag -- es

geht mir sehr gut. Was das Bein anlangt, so wird da allerhand geredet

von Knochenfraß, Knochenhautentzündung usw. Die Hauptsache aber ist,

ich weiß sehr gut, daß ich an dem Bein 'eingehe', wie die Bauern

sagen, das heißt dem Tode etwas näher bin als gewöhnlich.

Und dieser Zustand, in dem man sich, wie du so schön sagst: in Gottes

Hand befindet, ist sehr gut; ich möchte stets in ihm leben und ihn

jetzt nicht verlassen.

Tatsächlich sind schwere, langdauernde körperliche Leiden und dann

der leibliche Tod eine so notwendige Lebensbedingung, daß jemand,

der die Kindheit hinter sich hat, sie keine Minute vergessen sollte,

besonders da der Gedanke daran, die beständige Erwartung, das Leben

nicht vergiftet, sondern ihm Festigkeit und Klarheit verleiht.

Wenn ich mein Leben als mein Eigentum betrachte, mit dem ich machen

kann, was ich will, bringt mich keine List und Schlauheit dahin,

angesichts des Todes ruhig zu leben. Nur dann kann man dem leiblichen

Tode vollkommen gleichmütig ins Auge sehen, wenn das Leben uns als

die Verpflichtung erscheint, den Willen des Vaters zu erfüllen. Dann

besteht das Lebensinteresse nicht darin, ob ich gut oder schlecht bin,

sondern ob ich das, was mir aufgetragen ist, gut ausführe. Das kann

ich bis zum letzten Atemzuge und kann auch bis zum letzten Atemzuge

ruhig und fröhlich sein. Ich will nicht sagen, daß ich so bin, ich

möchte es aber sein und wünsche dir dasselbe. Hoffentlich hast du

gegen meine Ausdrucksweise nichts einzuwenden. Damit du nicht glaubst,

daß ich unter 'Erfüllung des Willens' etwas Besonderes verstehe,

will ich dir sagen, daß der Wille des Vaters der eine allbekannte ist,

Liebe zu allen Menschen und Einheit mit allen, von den nächsten bis zu

den entferntesten.

Nicht wahr, damit bist du einverstanden? Ich danke dir von ganzem

Herzen für deine guten Wünsche.« -- --

Gott sei Dank ging die Gefahr vorüber, und im Sommer desselben

Jahres begab ich mich auf dringende Bitten Leos und seiner Frau mit

Kusminskis(2) nach Jaßnaja Poljana und brachte dort vierzehn Tage

zu.

(2) A. M. Kusminski hatte Tolstois Schwägerin geheiratet.

Zu meiner Begrüßung war die ganze Familie versammelt, mit Ausnahme

des Hausherrn, der von der Feldarbeit noch nicht heimgekehrt

war. Endlich erschien er in weißer sehr sauberer Leinenbluse, mit

einem Riemen um den Leib, und langem, halb grauem Bart. Wir umarmten

uns freundschaftlich, und mich überraschte die ganz besondere Milde in

seinen Augen.

Während meines ganzen Aufenthaltes in Jaßnaja Poljana blieb er so

milde, obgleich wir natürlich eifrig disputierten. Gleich am ersten

Abend erklärte ich ihm im Scherz folgendes:

»Weißt du, lieber Freund, es ist angebracht, daß wir im voraus

die beiderseitigen Rechte in der Unterhaltung abgrenzen. Du bist ein

berühmter Schriftsteller, der seine Gedanken nicht nur aussprechen,

sondern auch drucken lassen kann: ich dagegen bin eine gewöhnliche

Sterbliche und möchte in eurem Hause frei alles aussprechen.«

»Gewiß hast du ein Recht darauf,« war seine Antwort; »ich liebe es,

wenn jemand seine eigenen Überzeugungen hat.«

Das Haus in Jaßnaja Poljana, das durchaus nicht elegant und nicht

einmal komfortabel ist, gefiel mir sehr; vielleicht weil in allen

Ecken liebe Leute hausten. Man hatte mir prophezeit, ich würde in

Jaßnaja große Unordnung finden. Das war nicht der Fall: im Gegenteil,

alles ging sauber und ordentlich zu; nur wurde die Zeit zum Tee und

Mittagessen nicht pedantisch innegehalten. Alle standen ziemlich spät

auf; und ich, die Stadt- und Hofdame, war allein um acht Uhr auf den

Beinen. Ich konnte spazieren gehen, lesen, meine Briefe schreiben

und mit meinem Patenkinde Sascha spielen, bevor meine Wirtsleute sich

erhoben. Sie erschienen nicht vor elf Uhr, und wir tranken zu dreien

im kleinen Wohnzimmer Kaffee. Im Eckzimmer war der Teetisch für die

Jugend seit sieben Uhr gedeckt; sie standen aber fast alle ebenso spät

auf wie die Eltern und erschienen einer nach dem andern.

Ich liebte diese Morgenstunden sehr. Leo war, durch den Schlaf

gestärkt, in ausgezeichneter Stimmung. Wir unterhielten uns vollkommen

ruhig; er las mir oft seine Lieblingsverse von Tjutschew und einige

von Chomjakow vor, die er besonders schätzte, und wenn in einem

Gedicht der Name Christus vorkam, zitterte seine Stimme, und seine

Augen glänzten feucht. Diese Erinnerung tröstet mich noch heute;

er liebte, ohne es selbst einzugestehen, den Erlöser auf das tiefste

und fühlte in ihm natürlich mehr als den gewöhnlichen Menschen;

der Widerspruch zwischen seinen Worten und seinen Gefühlen ist schwer

zu verstehen. Wenn Leo dann zur Arbeit in sein Zimmer ging, überließ

er mir alle Zeitschriften, Bücher und Briefe, die tags zuvor angelangt

waren. Man kann sich nicht vorstellen, welche Haufen die Post jeden Tag

brachte -- nicht nur aus Rußland, sondern aus allen Ländern Europas

und sogar aus Amerika -- und alles duftete nach Weihrauch.

»Welch schreckliche Nahrung für deinen Stolz, lieber Freund,« sagte

ich; »ich fürchte, daß du eines Tages wie Nebukadnezar wirst!«

»Warum soll ich stolz werden?« antwortete er. »Wenn ich in die

große Welt gehe« (so nannte er die Bauernhütten), »existiert mein

Ruhm für diese Leute nicht. Also existiert er überhaupt nicht.«

Von allen Seiten wurde Tolstoi mit den verschiedenartigsten Bitten

bestürmt: die einen baten um Geld, andere um Rat oder um seine

Mitarbeit an einer Zeitschrift; noch andere um unsinnige Dinge, über

die er gutmütig lachte. Dabei überraschte mich oft sein unkritisches

Verhalten. Man brauchte nur seine Lieblingsnote anzuschlagen, so geriet

er in Entzücken. Ich veranlaßte ihn oft, genau durchzulesen, was er

so sehr lobte, und er gab dann lächelnd zu, daß es Unsinn sei. In

anderen Fällen freilich blieb er hartnäckig.

Dostojewski hat, lange bevor die Rückkehr zur Einfachheit und zur

Natur Mode wurde, sie in seinem »Tagebuch eines Schriftstellers«

gegeißelt und gesagt, man müsse die russischen Bauern sehr schlecht

kennen, um zu glauben, daß sie auf solche Maskeraden hereinfielen;

dazu hätten sie zu viel Grütze im Kopf.

Ein Brief W. H. Tschertkows,(3) den Tolstoi mir gab, erregte

starke Unzufriedenheit in mir. Dieser Brief begann: »Heute morgen

setzte ich einem Bauern auseinander, daß die ersten Worte des

Evangeliums Johannis keinen Sinn hätten ...« Mir genügte das

schon. Nachmittags erfuhr ich dann noch, daß derselbe Tschertkow aus

einer Gedichtsammlung einige Verse Chomjakows gestrichen, in denen von

der Erlösung die Rede war, »Tschertkow liebt die Erlösung nicht,«

sagte man mir.

(3) Tolstois Vertrauensmann.

Das war mir denn doch zu viel! Wie eine Rakete fuhr ich auf, die

Stimme versagte mir, und ich zitterte am ganzen Leibe. »Ah,« rief ich

endlich in bitterster Ironie; »Tschertkow liebt die Erlösung nicht!«

(Hierbei fiel mir sein Brief ein.) »Er findet auch, daß die ersten

Worte Johannis keinen Sinn haben. Das rührt daher, daß es hier bei

ihm fehlt.« (Ich deutete auf die Stirn.) »Aber ihr andern, die ihr

Christi Lehre verkündet, was ist denn mit euch? Meiner Meinung nach

seid ihr schlimmer als alle Sektierer, weil die an die Erlösung

glauben, die die Hoffnung aller Christen bildet!«

Ich war so erregt, daß ich mich vergaß und wahrscheinlich zu viel

sprach. Alles schwieg. Endlich meinte Tolstoi sehr ruhig: »Du wirst

doch begreifen, daß, wenn Gott auch allmächtig ist, es doch für

ihn unmöglich bleibt, etwas zu sagen, was keinen Sinn hat. Die Worte

Johannis haben aber tatsächlich keinen Sinn.«(4)

(4) »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott

war das Wort.«

Natürlich konnte mich diese Erwiderung nicht beruhigen, und es dauerte

lange, bis meine Erregung sich ein wenig legte.

Nach Tolstois Morgenabgang blieb ich gewöhnlich mit Sofja

Andrejewna, seiner Frau, allein, die mir mit angeborener Offenheit

viel Interessantes aus ihrem vergangenen und gegenwärtigen Leben

erzählte. Die ersten Jahre nach Tolstois geistigem Umschwung waren

schrecklich, und es war die ganze Energie der Gräfin nötig, um alle

exzentrischen Schritte Tolstois zu ertragen. Zum Glück überwand ihre

gegenseitige Liebe alles, und man kam wieder ins richtige Geleise,

wenngleich der frühere Bund in manchen Stücken gestört war.

Während meines Aufenthaltes in Jaßnaja Poljana litt Tolstoi sehr

an Gallensteinanfällen, die zwei Tage dauerten und auf die große

Schwäche folgte. Er tat mir sehr leid; ich hatte aber den Vorteil,

daß er nicht zur Feldarbeit ging. Zu meiner Freude sah ich keine

seiner sonderbaren Beschäftigungen, wie Schustern, Ofensetzen usw.,

die mir als Spiel erschienen. Wiederhergestellt, war er sehr fröhlich,

scherzte, setzte sich ans Klavier und sogar an den Kartentisch, wenn

gerade eine Partie beisammen war; er spielte sehr schlecht Karten, aber

mit großem Eifer.

Besuch war um diese Zeit wenig da, weder Verwandte, noch Fremde. Es

kamen nämlich auch gänzlich Unbekannte mit ihren Anliegen. Die Tür

stand jedermann offen; Arme, Bauern und Bettler kamen direkt unter

das Fenster seines Arbeitszimmers. Vom Balkon aus sah ich oft, wie

er mit ihnen sprach und ihnen Almosen gab. Trotzdem Tolstoi es für

unmoralisch hielt, den Leuten mit Geld zu helfen, wurde im Hause nicht

wenig gegeben, außer dem kleinen Gelde und Groschen, die für solche

Fälle auf Tolstois Fenster lagen.

Alle Tolstoischen Kinder hingen an ihren Eltern, besonders am Vater;

sie teilten aber seine Ansichten durchaus nicht. Sie wollten noch

leben, während man ihnen beständig Entsagung predigte. Hätte Tolstoi

nicht zum Teil auf seine Absichten verzichtet, so wäre Jaßnaja

Poljana längst verkauft, die Werke umsonst dem Publikum überlassen

und die ganze zahlreiche Familie -- es waren fünfzehn Kinder, von

denen acht am Leben blieben -- wäre zum Vagabundenleben und zur

einfachen Tagelöhnerarbeit verurteilt.

In den ersten Jahren seines Familienlebens sorgte Tolstoi sehr für die

Bildung der Kinder: mit seiner neuen Richtung aber hörte das auf.

»Geh auf die Straße: feg Schnee; heiz den Ofen« usw., hörten

die Kinder täglich von ihm. Zum Glück ließ die praktische und

vernünftige Mutter aus den unmöglichen Erziehungsplänen Tolstois

nichts werden, und alle Kinder waren von Pädagogen verschiedener

Länder umgeben.

Aus all diesen Dingen aber entsprang ein Moment der Unbeständigkeit

und Unsicherheit; niemand wußte, worauf er fußen, was er glauben oder

nicht glauben sollte. Der Eckstein schwankte. Ich vertraue, daß mit

der Zeit Gottes Hand auch das noch zum Guten lenken wird, weil alle

Kinder gut und offen veranlagt sind.

* * * * *

Ich sagte, glaube ich, schon, daß Tolstois Gattin trotz ihrer

häuslichen Sorgen unermüdlich das abschrieb, was ihr Mann zum

Druck vorbereitete. Seiner Änderungen und Verbesserungen war kein

Ende. Da ich ganz frei war, bot ich eines Tages meine Dienste zum

Abschreiben an; aber Sophie lehnte mit der Versicherung ab, ich

würde das Gekritzel ihres Mannes nicht entziffern können. Einige

Tage später bat Leo, der eine eilige Arbeit nach Moskau zu schicken

hatte, mich und andere, ihm dabei zu helfen. Wir wurden paarweise

an einzelne Tische gesetzt -- jede Dame mit einem Herrn. Solcher

Paare waren sechs. Tolstoi diktierte, und wir schrieben. Plötzlich

kamen solch schwerfällige Phrasen, daß ich unwillkürlich an den

»unergründlichen Sumpf« dachte, von dem Turgenjew gesprochen. Ich

konnte mich nicht entschließen, das Diktierte in dieser Form dem Druck

zu übergeben. Als Tolstoi, der von einem Tisch zum andern ging, wieder

zu uns kam, sagte ich:

»Weißt du, daß ich soeben zur großen Unzufriedenheit deines

Schwagers deine Prosa verbessert habe?«

»Daran hast du gut getan. Es kommt mir nur auf den Gedanken an; auf

den Stil lege ich nicht das geringste Gewicht,« war Tolstois Antwort.

Am nächsten Tage erbot er sich, etwas aus dem von uns abgeschriebenen

Werk vorzulesen. Es war eine philosophische Arbeit unter dem Titel

»Das Leben«. Da er sich an mich wandte, erwiderte ich: »Ich werde

mich sehr freuen, eine Probe deiner Weisheit zu hören, werde aber kaum

etwas begreifen, da die Philosophie mir so fremd ist wie Sanskrit.«

»Wenn du es nicht begreifst, ist das natürlich nicht deine, sondern

meine Schuld; ich hoffe aber, das wird nicht der Fall sein,« erwiderte

Leo.

Um sieben Uhr versammelten wir uns alle um ihn; er war besonders

heiter und liebenswürdig. Die Lektüre dauerte etwa zwei Stunden. Ich

begriff weit mehr, als ich erwartet hatte. Es kamen schöne Stellen

vor, aber mein Herz zitterte und brannte nicht. Ich kam mir vor bald

wie in einem anatomischen Museum, bald wie auf den halbdunklen Wegen

eines Labyrinths, in dem ich mich verirrte. Natürlich vertraute

ich niemandem diese Gedanken an, und wenn man bei irgendeiner

Frage verweilte, geschah das nur, um anderen Hörern Gelegenheit

zur Aussprache zu geben. Ich bemerkte wohl, daß die übrigen viele

Erwiderungen auf der Zunge hatten; man wagte aber nicht, den Lehrer zu

unterbrechen. Übrigens war Tolstoi sehr loyal gegen andere Ansichten,

und der Abend endete schön.

Bald darauf kam der Tag meiner Abreise. Tolstois geleiteten mich mit

derselben Liebe, wie sie mich empfangen hatten.

* * * * *

Nach Hause zurückgekehrt, machte ich mich mit den neuen Werken

Tolstois bekannt, die, von der Zensur nicht zugelassen, im Manuskript

von Hand zu Hand gingen. Ich will keine Kritik an diesen Arbeiten

üben; in vielen fanden sich prächtige Stellen; aber im allgemeinen

wirkten sie, besonders sein »Evangelium«, drückend auf mich. Die

entschiedene Ablehnung und die willkürlichen Entstellungen der

Heiligen Schrift erregten unbeschreibliche Unzufriedenheit in mir. Es

kam vor, daß ich die Lektüre unterbrach und die Hefte auf den Boden

warf -- mir war, als strotzten sie von Blasphemien ...

Indessen verging die Zeit, und Leo wurde immer populärer. Jetzt

unterlag schon nicht nur Rußland und Europa seinem Einfluß, sondern

auch Amerika. Überall wurde begeistert über ihn geschrieben und

gesprochen. Proteste wurden eigentlich nur von seinen Landsleuten

und besonders von Geistlichen laut; es war aber bei uns üblich, sie

einfach zu ignorieren. Wie durften diese kleinen einfältigen Köpfe

wagen, sich mit dem genialen Leo Tolstoi zu messen!.. Gewiß waren

unter den kritischen Artikeln sehr schwache, sogar beschimpfende;

andere aber drückten wirksam ihr gekränktes religiöses Gefühl aus,

und es kam vor, daß nicht nur Geistliche, sondern auch gebildete Laien

sich entschieden vor Tolstois Theorien verwahrten. Ich muß sagen,

daß der Erfolg der Opponenten Tolstois schwach war und daß die Menge

noch mehr der schädlichen Quelle zustrebte. Ich habe oft über dieses

psychologische Rätsel nachgedacht: liegt in dem Leugnen anerkannter

Wahrheiten wirklich solch lockende Macht? Ist nicht vielmehr der

eigentliche Lenker alles dessen der Vater jeder Lüge?

Einer meiner besten Freunde, Georg Wlastow, dessen Meinung ich

außerordentlich schätze, billigte meine Niedergeschlagenheit

wegen Tolstoi nicht. »Sie beunruhigen sich umsonst,« sagte er,

»ich habe Tolstoi nie gesehen und kann seine Lehre natürlich nicht

annehmen; er erinnert mich aber an die alttestamentlichen Propheten,

die ebenso wie er selbst nicht wußten, was sie sprachen, deren Worte

aber in nicht ferner Zukunft Bestätigung fanden. Sie müssen zugeben,

daß auch bei Tolstoi kein Mangel an schönen Gottesfunken ist. Schon

dafür gebührt Tolstoi Dank, daß er manche Fragen aufgeworfen hat,

mit denen sich vordem in unserer Literatur niemand beschäftigte. Dahin

gehört sein Rat, betreffend Reinheit im Eheleben, Würdigung der Kunst

und anderes; wieviel treffende Bemerkungen finden Sie fast in jedem

Artikel! Denken Sie daran, welch herrliche Predigt er jungen Leuten

in der 'Kreuzersonate' hält und mit wie starken Worten er das

zügellose Leben unserer Jugend geißelt, wegen dessen niemand ihnen

Vorwürfe macht, weil es als zur Ordnung der Dinge gehörig betrachtet

wird!«

Ich muß indessen gestehen, daß kein Zureden und keine Ermahnungen

mich ganz beruhigen konnten, sondern daß Furcht, unablässige Furcht,

wie eine fixe Idee mir keine Ruhe ließ. Der Gedanke, Leo könnte die

heranwachsende Jugend verderben, nahm mir Herz und Vernunft gefangen,

und alsbald nach meiner Rückkehr aus Jaßnaja Poljana beschloß ich,

nochmals ruhig und überlegt an ihn zu schreiben.

Obgleich ich meine Briefe an Tolstoi niemals in diesen Erinnerungen

veröffentlichen wollte, mag dieser eine wegen der Antwort Tolstois

hier folgen:

»... Ich lese die mir gegebene Biographie Parkers mit Interesse

und Kummer, demselben Kummer, den ich nach einigen unserer Gespräche

empfand; ich sage 'einigen', weil jedesmal, wenn deine Worte vom

Herzen kommen, mein Herz darauf antwortet und ich mich völlig eins mit

dir fühle.

... Deine anatomische (du wirst sagen: philosophische) Zergliederung

der Religion erweckt ein unbeschreiblich drückendes Gefühl in mir,

als wenn mein Leben völlig vernichtet würde. Du liebst Christus,

willst ihm nachfolgen (davon bin ich mit Freuden überzeugt), und

dennoch verstehen wir uns nicht, weil du dich darauf versteifst, in

ihm nur den größten Moralprediger zu erblicken -- seine göttliche

Natur dagegen nicht anerkennst. Das ist von meiner Seite keine Anklage,

sondern ein Ausdruck tiefsten Kummers. Die Übereinstimmung auf dieser

Grundlage wäre für mich unschätzbar, aber die Stimme, die mich zur

Wahrheit ruft, ist zu verschieden von der deinigen.

Jesus sagt zu mir: 'Glaube, so wirst du erlöst.' Du aber sagst:

'Die Vernunft ist dir zum Urteilen gegeben; benutze sie.' Das

Evangelium verkündet: 'Betet, tut Gutes, klopfet an, so wird euch

aufgetan.' Du dagegen: 'Gebet ist Zeitverlust; tut Gutes, verteilt

eure Habe, verzichtet auf alles um eurer Nächsten willen.'

Ich bin aber nicht imstande, Gutes zu tun, meine Habe hinzugeben

und sogar zu lieben, wenn ich nicht vorher durch das geheimnisvolle,

aber sehr wirksame Band mit dem Erlöser verbunden bin, das fester

ist als alle Gedanken- und Vernunftvereinigung, oder einfacher, das

nichts mit dieser gemein hat, da es eine von uns unabhängige Kraft und

Offenbarung bedeutet.

Das Geständnis des Paulus: 'Das Gute, das ich will, tue ich nicht,

sondern das Böse, das ich nicht will' -- muß in der Seele jedes

vernünftigen Wesens widerklingen. Ja, ich will das Gute; meine

sündige Natur aber widersetzt sich diesem Wunsch in jedem Augenblick

meines Lebens. Wer anders kann mir helfen als die Gnade des Heiligen

Geistes, den Christus uns anzurufen befiehlt und den er allen zu senden

verspricht, die ihn heiß und inständig bitten.

Ohne diese Hilfe bin ich sicher ganz ohnmächtig. Du dagegen hältst

es für möglich, die Gebote Christi durch eigene Willenskraft zu

erfüllen. Wenigstens begegnet man diesem Gedanken in all deinen

Werken.

Das Evangelium ist die Lebenssonne -- das gibst Du selbst zu;

fügst aber sofort hinzu: 'Hütet euch, in jedem ihrer Strahlen das

gleiche Licht zu erblicken: man muß sie nach ihrer Wichtigkeit wohl

unterscheiden; es gibt unnütze, sogar schädliche unter ihnen.'

Ich dagegen kann in Erkenntnis meiner Schwäche und Nichtigkeit auf

keinen dieser Strahlen verzichten, sondern muß damit die Finsternis

vertreiben, in der meine Seele schmachtet -- sobald nicht das ganze

Licht des Evangeliums sie belebt.

Christus, der gesagt hat: 'Hört meine Worte,' sagte auch:

'Glaubt meinen Werken.' Du dagegen sagst: 'Nein, glaubt nur

seinen Worten; seine Werke, seine Wunder, seine Opfer sind nutzlos, und

die Erlösung hat keinen Sinn. Er ist nur gekommen, um eine neue Lehre

zu verkünden.'

Wie sollen wir, mit allen unsern Fehlern, diese göttliche Lehre

im weitesten Sinne erfüllen? Wer macht unsere zahllosen täglichen

Irrungen und die vielen Sünden wieder gut, die wir begehen, bevor

diese Lehre uns zum Bewußtsein kommt? Hat unser Herz Kraft genug, um

die Reue herbeizuführen, die unserem Fall entspricht? Wir geben uns

kaum über einen kleinen Teil des Übels Rechenschaft, das unser Leben

erfüllt.

Ich bewundere die Kühnheit des heiligen Paulus, dessen Herz in

Liebe zum Heiland brennt: er hört demütig alles an, was ihm von

oben geoffenbart wird, und beeilt sich, die Juden und Heiden auf den

einzigen Weg des Heils nach sich zu ziehen. Ich protestiere aber gegen

die vielleicht unbewußte Kühnheit eines Parker, wenn er mir beweist,

daß die Leiden und der Tod des Heilands meine Sünden nicht sühnen

können.

Wenn er mich davon überzeugte, würde er mir mit einemmal die Hoffnung

auf Unsterblichkeit nehmen und mein Herz der Verzweiflung überliefern.

(Um mich richtig zu verstehen, bemüh dich, lieber Leser, dir

vorzustellen, wie Du empört wirst, wenn man dir erklärt, die Lehre

Christi wäre falsch und unnütz ...)

Du verkündest die Lehre Christi und tust gut daran; rühre aber um

Gottes willen nicht an die Wahrheiten, die mit deinen Überzeugungen

nicht übereinstimmen -- sie sind trotzdem von der größten

Wichtigkeit für die christliche Welt, was durch Jahrhunderte von

vielen Leuten bewiesen ist.

Ich las irgendwo, die Chinesen machten den Europäern mangelhafte

Pietät zum Vorwurf, die bei ihnen als Fundament der sozialen Ordnung

gilt.

Deine liebe Hand möchte natürlich niemandem Schmerz verursachen;

dabei gebrauchst du Worte, die uns geringeren Wesen bitter weh

tun. Unwillkürlich fällt mir der Bibelspruch ein: 'Zieh deine

Schuhe aus, denn diese Stätte ist heilig.' Ist das nicht auch mit

Herzen der Fall?

Das Gebot der Liebe existiert für alle, nicht wahr? Mehr als

andere beugst du dich vor ihm mit Eifer und Inbrunst; warum also den

verkleinern, der die Liebe gegeben hat?

Du sagst, deine Worte seien keine Predigt; du schriebst nur, um dir

selbst verschiedene Fragen zu erklären. Du weißt aber sehr wohl,

daß dir eine Menge Menschen folgt, und je despotischer du in deinen

Überzeugungen bist, um so größer ist die Gefahr für jene.

Sehr wohl möglich, daß deine Stimme Verirrte oder Ungläubige auf den

rechten Weg führt; wird sie aber auch Leidende trösten?

Was gibst du denen, die vor Schmerz schreien und die aller Beweise der

Liebe und Macht Christi bedürfen, um sich im Glauben an seine Lehre zu

stärken? Diese Leute werden sich kaum mit deinem gekürzten Evangelium

begnügen.

Für Philosophen und starke Geister ist es natürlich schwer,

alle übernatürlichen Erscheinungen auf Treu und Glauben

hinzunehmen. Dieser Glaube wird nur der kindlichen Einfalt und der

Demut verliehen. Der Herr hat klar seine Gedanken ausgedrückt, als er

die Kindlein zu sich berief; den Leuten, die so sind wie sie, gehört

das Himmelreich.

Begreife, daß ich nicht urteilen und besonders dich nicht tadeln

will. Es handelt sich bei uns nicht um Bekehrung oder Übereinstimmung

-- seine Meinung wird wahrscheinlich keiner von uns beiden ändern.

Was ich hier schreibe, ist nichts anderes als die Fortsetzung

einer herzlichen Unterhaltung zwischen dem Freunde Leo und seinem

alten 'Mütterchen'. Dieses 'Mütterchen' hat, trotz aller

Meinungsverschiedenheiten, niemals aufgehört, ihn zu lieben, weil

Leo, der Mensch, stets mehr Recht auf ihre Anhänglichkeit hat als der

berühmte Schriftsteller und Abgott zweier Welten. Sie ist aber nicht

minder hartnäckig als du und genießt einstweilen noch das Vorrecht,

ihre Meinung frei aussprechen zu dürfen, und hört nicht auf, dir das

Wort des Evangeliums in das Gedächtnis zu rufen: 'Das eine tut, und

das andere lasset nicht.'

Leb wohl, lieber Freund; wir wollen uns die Hand reichen und Gott

unablässig bitten, daß er keinen Winkel unseres Herzens im Dunkeln

läßt, auf daß wir wahrhaft nach seinem Willen leben.

Erinnerungen an Leo N. Tolstoi · 第 6 / 10 题