Ich weiß nicht mehr genau, wann ich Leo Tolstoi zum ersten Male
traf. Ich glaube, es war in Moskau bei unserem gemeinsamen Verwandten
Grafen Fedor Iwanowitsch Tolstoi, mit Beinamen »der Amerikaner«.
Als Kind kannte ich, trotz unserer ziemlich nahen Verwandtschaft,
Tolstoi nicht. Ich lebte beständig in Zarskoje Selo oder in
Petersburg; Leo dagegen auf dem Lande in Tula, oder vorher in Moskau
und Kasan, wo er seine Ausbildung erhielt. Ein ganz klares Bild von
ihm habe ich bereits bei seiner Rückkehr aus Sewastopol, 1855, als
Artillerieoffizier, und ich weiß noch, welch lieben Eindruck er damals
auf uns alle machte. Durch sein 1852 erschienenes Werk »Kindheit«
war Tolstoi dem Publikum bereits bekannt. Alle Welt lobte diese
reizende Schöpfung, und wir waren sogar stolz auf das Talent unseres
Verwandten, wenngleich wir seine spätere Berühmtheit natürlich noch
nicht ahnten.
Tolstoi war sehr einfach, außerordentlich bescheiden und so voll
scherzhafter Lustigkeit, daß seine Gegenwart auf alle anregend
wirkte. Von sich selbst sprach er selten, musterte aber jedes neue
Gesicht mit besonderer Aufmerksamkeit und gab dann seine stets extremen
Eindrücke in komischer Form wieder. Der Beiname »Dünnhäuter«, den
seine Gattin ihm später gab, paßte ausgezeichnet auf ihn; denn jeder
kleine Wesenszug, den er an anderen wahrnahm, wirkte in vorteilhaftem
oder unvorteilhaftem Sinne äußerst stark auf ihn. Er erriet
die Menschen mit seinem künstlerischen Instinkt, und sein Urteil
bewahrheitete sich oft in verblüffender Weise. Gute, verständige und
ausdrucksvolle Augen ersetzten in seinem unschönen Gesicht reichlich,
was ihm an Schönheit abging. Das Gesicht, kann man sagen, war mehr als
nur schön.
In den ersten zwei oder drei Jahren unserer Bekanntschaft sahen wir uns
ziemlich häufig, allerdings mit Unterbrechungen. Unsere Lebenswege
hatten gar zu wenig Gemeinsames: ich war damals schon bei Hofe; Leo
erschien nur besuchsweise in Petersburg.
Wir alle hatten ihn so gern, daß sein Kommen für uns stets
große Freude bedeutete; es war das aber noch nicht der Beginn
jener Freundschaft, die uns dann für das ganze Leben verband. Diese
entwickelte sich erst 1857 in der Schweiz, wohin ich nach der Krönung
Kaiser Alexanders II. mit der Großfürstin Maria Nikolajewna
reiste. Hofdame bei der Großfürstin war ich schon seit 1846; meine
Schwester Elisabeth leitete die Erziehung ihrer Tochter Eugenie
Maximilianowna, jetziger Prinzessin von Oldenburg. Wir verbrachten
den ganzen Winter in Genf, und im März stand zu unserer größten
Überraschung plötzlich Leo Tolstoi vor uns -- sein Erscheinen wie
Verschwinden machte stets den Eindruck eines ~coup de théatre~.
Ich stand damals noch nicht mit ihm in Briefwechsel; wir wußten gar
nicht, wo er sich befand, vermuteten ihn in Rußland.
»Ich komme direkt aus Paris,« erklärte er. »Die Stadt hat mich
angewidert, daß ich fast den Verstand verloren hätte. Was habe ich
nicht alles gesehen ... Zunächst waren in dem ~hôtel garni~, in dem
ich wohnte, sechsunddreißig Haushaltungen und davon neunzehn wilde
Ehen! Dann wollte ich mich einmal auf die Probe stellen und ging zu
einer Hinrichtung, bei der ein Verbrecher guillotiniert wurde. Danach
konnte ich nicht mehr schlafen und wußte nicht, wohin. Zum Glück
erfuhr ich, daß Sie in Genf wären, und reiste unverzüglich hierher,
in der Hoffnung, daß Sie mich retten würden!«
Wirklich, nachdem Tolstoi sein Herz vollständig ausgeschüttet hatte,
beruhigte er sich, und wir verbrachten eine schöne Zeit, wanderten
im Gebirge umher und genossen so recht das Leben. Es war herrliches
Wetter und die Natur unbeschreiblich schön. Wir priesen sie mit der
Begeisterung von Bewohnern der Ebene, während Tolstoi sich bemühte,
unsere Begeisterung durch die Versicherung zu dämpfen, im Vergleich
mit dem Kaukasus sei das alles nichts. Uns genügte trotzdem, was wir
sahen.
An unseren Ausflügen nahmen bisweilen russische Bekannte teil. Meine
Schwester, die leibhaftige Fürsorge anderer, verlieh den Ausflügen
dadurch einen besonderen Reiz, daß sie in einem riesigen Sack das
mitschleppte, was jedem von uns Vergnügen bereiten konnte. Eines
Tages erstiegen wir den Gipfel des Mont Salève, von dem man eine
herrliche Fernsicht hat; wir machten in dem kleinen hübschen Hotel
Station, fanden aber entschieden nichts, was unseren Hunger stillen
konnte. Natürlich erschien der Rucksack auf der Bildfläche, und
während meine Schwester ihn öffnete, hefteten alle ihre gierigen
Blicke darauf. Was war alles darin! Tee, Konfekt, Früchte, Pasteten,
Gebäck, sogar Wein und Selterswasser ...
Ich sehe noch Tolstois entzücktes Gesicht. Er freute sich wie ein
kleiner Junge auf die Leckereien und lobte die Schwester bis in
den Himmel: »Ja Lisa, Babuschka (Großmütterchen, Mütterchen),
die versteht ihre Sache!« Dann aber wollte er sie foppen, wozu er
überhaupt sehr geneigt war. »Splendide, wie Sie sind,« meinte er
zu Lisa, »haben Sie wieder einen ganzen Wagen Vorräte mitgeschleppt,
und doch haben Sie etwas vergessen. Ich wette, daß Sie z. B. keine
Karten mitgebracht haben!«
Schweigend griff die Schwester in den Sack und holte zwei Spiele Karten
hervor. Nun kannte Tolstois Freude keine Grenzen, obgleich Karten hier,
wo die Augen nicht ausreichten, um den prächtigen Sonnenuntergang und
die unendliche Bergkette wahrzunehmen, sehr überflüssig waren.
»Babuschka« nannte Tolstoi uns im Scherz; er meinte, zu Tanten wären
wir, besonders ich, viel zu jung -- eins seiner beliebten Paradoxa.
Beiläufig will ich hier unser Verwandtschaftsverhältnis
erwähnen. Mein Großvater hatte von einer Frau dreiundzwanzig Kinder,
von denen mein Vater das jüngste war, so daß einige Kinder der
älteren Geschwister gleichen Alters mit ihm waren. Leo Tolstois Vater,
Graf Nikolai Ilitsch, war der richtige Neffe meines Vaters, nämlich
der Sohn seines älteren Bruders Ilja, der als Graf Rostow in »Krieg
und Frieden« beschrieben ist. Leo Tolstoi war also unser Neffe und nur
einige Jahre jünger als wir.
Ich kehre zu meiner Erzählung zurück.
Leo verbrachte die ganze Fastenzeit mit uns. Er war damals durchaus
kein Gegner der Kirche; er sah uns alle fasten und beichten und
wollte selbst beichten, was ihm übrigens nicht gelang. Die nichtigste
Veranlassung konnte ihn plötzlich umstimmen, was mich sehr betrübte.
Nach Ostern begab er sich nach Vevey, wo wir ziemlich viel gemeinsame
Bekannte hatten. Die Großfürstin entließ mich auf mein Bitten
dorthin. Was war das für eine herrliche Fahrt und welche Reihe
entzückender Tage!
Beim Besteigen des Dampfers bemerkte ich in Tolstois Händen einen
sehr anständigen Koffer, worüber ich mich einigermaßen wunderte, da
Tolstoi in seinem Äußeren sonst ziemlich schlampig war.
»Was heißt denn das?« fragte ich spöttisch. »Dieser Luxus sieht
dir doch sonst gar nicht ähnlich.«
»Wieso?« meinte er ganz ernst. »Ich bin bald dreißig Jahre alt und
muß jetzt mehr auf Ordnung halten. Dieser Koffer mit seinem ganzen
Inhalt an Wäsche usw. reicht genau für eine Woche. Dann kommt ein
anderer an die Reihe für einen Monat, und schließlich der dritte muß
für das ganze Leben reichen.«
Scherz bleibt Scherz, aber in alledem lag ein Teilchen Wahrheit.
Tolstoi trachtete stets danach, sein Leben neu zu gestalten,
die Vergangenheit wie ein altes Gewand abzustreifen. Naiverweise
hielten wir beide es damals für möglich, in einem Tage ein anderer
Mensch zu werden! Wir waren geistig weit jünger als unsere Jahre. Wie
viele Kämpfe hatten wir durchzumachen, wie viele Enttäuschungen zu
erleben, bis wir uns von der Unmöglichkeit überzeugten, ohne Hilfe
von oben auszukommen!
Jemand hat gesagt -- ich glaube Sokrates oder Plato: »Eins weiß ich:
daß ich nichts weiß.« Man möchte hinzufügen: »und nichts kann.«
Für Tolstoi war es weit schwieriger, sich zu dieser Erkenntnis
durchzuringen. Er fühlte in sich die Kraft der Begabung, obgleich er
damals selten mit sich zufrieden war.
Trotz verschiedener Erziehung und verschiedener Lebensverhältnisse
hatten wir einen gleichen Zug: wir waren beide schreckliche
Enthusiasten und Analytiker, liebten aufrichtig das Gute, verstanden
aber nicht, es uns regelrecht anzueignen. Wir zergliederten
unser Inneres bis in die feinsten Fasern und hielten das für sehr
lobenswert, während es tatsächlich nur unsere Phantasie kitzelte, zur
Verbesserung unseres Lebens dagegen nicht im geringsten beitrug. Leo
war damals schon der alles Kritisierende und Verneinende, allerdings
mehr mit dem Verstande als mit dem Herzen. Seine Seele war ebenso für
den Glauben wie für die Liebe geboren; das brachte er, ohne es selbst
zu merken, bei verschiedenen Gelegenheiten zum Ausdruck.
Unsere Gespräche betrafen oft religiöse Themen; wir verstanden
uns aber nicht. Wie konnte ich die unendliche Vielseitigkeit seiner
Natur begreifen! Lächerlich, wie ich mich bemühte, ihn auf meine
Fasson umzuarbeiten, während er sich vor meinen idealen Theorien fast
bekreuzigte. Es kam nichts dabei heraus als endlose Wortgefechte, die
allerdings nicht hinderten, daß wir uns immer näher rückten ...
An einem herrlichen Maimorgen also trieben wir auf dem spiegelglatten
Genfer See Vevey zu. Dort kehrten wir in der Pension Perret ein,
wo es unglaublich schlechte Verpflegung gab. Leo versicherte,
die Suppe wäre aus Feldblumen bereitet. »Schmeckst du nicht
die heute morgen gepflückten Glockenblumen heraus? Du hast sie
weggeworfen, aber die Wirtsleute benutzen sie, und jetzt müssen
wir dafür bezahlen!« -- Bei Tisch waren noch drei langzähnige,
wenig schöne Engländerinnen zugegen, die uns aus irgendeinem Grunde
feindselig musterten. Möglich, daß unsere unbändige Heiterkeit ihrer
großbritannischen Gesetztheit auf die Nerven fiel -- übrigens blieben
wir nicht lange, sondern suchten bald Bekannte in der Nähe auf. Leo
riß durch seine originellen Einfälle und seine kindliche Heiterkeit
alle zur Lustigkeit hin. Eines Morgens begaben wir uns allesamt zu
Fuß auf den Glyon -- bekanntlich der höchste Punkt in der Nähe von
Vevey. Unser Weg war wörtlich wie bildlich mit Blumen bestreut. Ein
üppiger Frühling schlug uns ins Gesicht und berauschte uns. Alle
ohne Unterschied der Jahre waren ausgelassen wie die Schulkinder. Als
der Berg im Schweiß des Angesichts erklommen war, fanden wir das
Gastzimmer des einzigen Hotels auf der Höhe brechend voll von
Engländern, Amerikanern und allen möglichen Leuten.
Nach dem Tee setzte Leo sich, ohne das zahlreiche Publikum zu
beachten, ans Klavier und forderte uns auf, zu singen. Ich darf, ohne
Schüchternheit, sagen, daß ich eine schöne Stimme hatte und viel
Musik trieb; ebenso Frau Puschtschin, die recht gut Alt sang, während
zwei unserer Freunde den Baß übernahmen. Leo machte am Klavier den
Kapellmeister.
Ich weiß nicht, ob unser improvisiertes Konzert in musikalischer
Hinsicht strenggenommen befriedigte; bei offenen Fenstern aber
machte sich in dem großen Raume alles sehr nett, ja poetisch. Wir
sangen »Gott erhalte den Zaren«, russische, Zigeunerlieder, alles,
was Leo in den Kopf kam ... Der Erfolg war glänzend. Die Ausländer
überhäuften uns mit Komplimenten -- jeder in seiner Sprache, und
baten uns, weiter zu singen. Wir kamen ihnen sehr gelegen: erstens
forderten wir wandernde Musikanten keinen Lohn, und zweitens vertrieben
wir ihnen die Langeweile.
Am nächsten Tage wiederholte sich dasselbe Schauspiel in unserer
Pension. Orpheus, die Bestien bezähmend. Die gefährlichen
Engländerinnen wurden derart zahm, daß sie uns Stühle holten, uns
mit Tee, Konfekt traktierten usw.
Als mein Urlaub zu Ende war, kehrte ich nach Genf in die Villa Boccage
zurück, wohin die Großfürstin zu Frühlingsanfang übergesiedelt
war. Leo blieb in Vevey und machte mir Vorwürfe, daß ich mich vom
»Schornstein« (so nannte er, ich weiß nicht warum, den Hof) nicht
trennen könnte.
In diese Zeit fiel der Beginn unserer langjährigen Korrespondenz:
Telegramme, Briefe, Billette flogen täglich über den See. Natürlich
ist von alledem wenig erhalten geblieben, doch fielen mir kürzlich
u. a. ein paar Verse in die Hand, die Leo mir damals aus Vevey
sandte. Ich muß gestehen, daß ich dieses Dokument längstvergangener
Jahre mit besonderem Vergnügen begrüßte, obwohl die Verse an und
für sich recht harmlos sind. Ich führe sie nur als Beweis unserer
damaligen lustigen Stimmung an.
Vorgestern empfing ich
Mütterchens Billett,
Und seitdem verschling ich
Die Pension Perret.
Aller Lustgedanken
Hab ich mich begeben --
Mütterchen, ich möcht' mit
Dir im »Schornstein« leben.
Außerdem erschien Leo unaufhörlich aus Vevey in Genf, aber nicht
allein, sondern in Begleitung zweier Bekannter, deren Späße kein Ende
fanden. Im Juni unternahmen wir eine längere Reise mit den Kindern
der Großfürstin ins Berner Oberland. Die erste Nachtstation war
Vevey in dem bekannten Hotel Monnet. Kaum saßen wir bei Tisch, als
ein Kellner mir mit geheimnisvoller Miene meldete, unten sei jemand,
der mich zu sprechen wünsche. Voller Ahnungen ging ich schnell nach
unten, wo die drei, in lange Plaids gehüllt und mit phantastischen
Federhüten, bei meinem Anblick alsbald eine wahrhaft infernalische
Musik begannen. Die Noten lagen, wie bei wandernden Musikanten, auf
der Erde, und die Instrumente vertraten Stöcke. Stimmen und Stöcke
traten abwechselnd in Tätigkeit. Ich verging fast vor Lachen, und die
Kinder der Großfürstin waren untröstlich, dieser Vorstellung nicht
beigewohnt zu haben.
Nach mehrtägigen Wanderungen über Berg und Tal gelangten wir nach
Luzern, und hier tauchte, wie aus dem Boden gewachsen, wieder Leo
auf. Er war zwei Tage vor uns angelangt und hatte bereits ein ganzes
Drama erlebt, das dann unter dem Titel »Luzern« als Erzählung in der
Öffentlichkeit erschien. Leo war schrecklich erregt und konnte seinen
Unwillen nicht verbergen. Wir erfuhren folgendes: Tags zuvor hatte
ein Wandermusikant sehr lange vor der Terrasse des »Schweizerhof«
gespielt, auf der ein zahlreiches vornehmes Publikum versammelt
war. Alles hörte dem Musikanten mit Vergnügen zu; als dieser dann
aber den Hut hinhielt, um seinen Lohn in Empfang zu nehmen, warf
niemand auch nur einen Sou hinein -- allerdings ein wenig hübscher
Zug, dem Leo aber fast die Bedeutung eines Verbrechens beimaß.
Um sich an der geputzten Gesellschaft zu rächen, nahm er vor aller
Augen den Musikanten am Arm, ließ ihn neben sich am Tisch Platz nehmen
und ihm dann ein Souper mit Champagner auftragen. Das Publikum und der
arme Musikant verstanden kaum die Ironie dieser Handlungsweise. Der Zug
charakterisiert aber den Schriftsteller und den Menschen Tolstoi.
Seine Eindrücke waren so stark, daß sie sich unwillkürlich anderen
mitteilten. Sogar die Kinder interessierten sich lebhaft für das
Abenteuer und baten, Leo möchte mit uns zusammen weiterreisen,
was denn auch geschah. Die Kinder wissen noch jetzt, wie er sie auf
dem Dampfer belustigte und welch unglaubliche Mengen Weintrauben er
verzehren konnte.
Ich bewahre in der Erinnerung noch viele andere scherzhafte Züge
Tolstois und will noch einen letzten Vorfall mitteilen, um dann zu
ernsteren Dingen überzugehen.
Einst erschien Leo in Frankfurt am Main, als Prinz Alexander von
Hessen und seine Gemahlin bei mir zu Gast waren. Ich schrie vor
Schreck fast auf, als sich plötzlich die Tür öffnete und in mehr als
zweifelhaftem Kostüm Leo vor mir stand. Weder vor- noch nachher habe
ich Ähnliches gesehen. Er sah aus halb wie ein Strolch, halb wie ein
heruntergekommener Spieler. Ärgerlich darüber, daß ich nicht allein
war, machte er einfach kehrt und verschwand.
»Wer war denn diese eigentümliche Person?« fragten meine Gäste
erstaunt.
»Das war Leo Tolstoi.«
»Aber warum haben Sie uns das nicht gesagt?! Wir kennen seine
wunderbaren Erzählungen und hätten ihn selbst gar zu gern kennen
gelernt.«
Beim nächsten Wiedersehen teilte ich Leo diese schmeichelhaften
Äußerungen mit; er aber schien nur mit dem einen Gedanken
beschäftigt, daß ich mich an jenem Tage seiner wahrscheinlich
geschämt hätte.
»Das ist schon möglich,« gab ich offen zu. »Deine wüste Kleidung
und dein gefährliches Aussehen mußten jeden abschrecken.«
»'Schornstein' bleibt eben 'Schornstein',« brummte er beleidigt.
So bekam ich wegen seines Streiches von allen Seiten Vorwürfe.
Nach unserer Rückkehr nach Rußland, wo wir bis 1859 ununterbrochen
blieben, kam Leo häufig nach Petersburg und verbrachte dann seine
meiste Zeit bei uns: bei meiner Mutter, meiner Schwester Elisabeth,
oder bei mir, oben im Marienschloß. Abends versammelten wir uns
gewöhnlich bei meiner Schwester, die ein Stockwerk tiefer wohnte. Leo
verkehrte mit unseren Bekannten, verulkte sie nicht und hatte viele
von ihnen sehr gern. Wenn wir dann allein waren, lieferte er uns
eine oft erstaunlich genaue Charakteristik der Abwesenden, als wenn
er schon lange mit ihnen zusammen gelebt hätte. Noch ein Zug darf
nicht unerwähnt bleiben: Leo hatte schreckliche Angst vor jeder
Unaufrichtigkeit, sowohl in Worten wie in Taten. Daraus entsprang nun
freilich oft genau die entgegengesetzte Wirkung.
So war er z. B. einmal bei meiner Schwester zu einer Abendgesellschaft
eingeladen, an der ziemlich viele Leute teilnahmen. Morgens
schrieb Leo mir, er könne abends nicht kommen, da er soeben
Nachricht vom Tode seines Bruders erhalten hätte. Seine
Brüder hatte er schrecklich lieb. Natürlich schrieb ich ihm,
ich verstände seine Handlungsweise durchaus und billigte sie
vollkommen. Was geschah dann aber? Er kam abends, als wenn nicht das
geringste vorgefallen wäre.
Ich war natürlich sehr erregt und fragte ihn leise, warum er nun doch
erschienen wäre?
»Warum? Weil das, was ich dir heute morgen schrieb, nicht der Wahrheit
entsprach. Du siehst, ich _bin_ gekommen, also _konnte_ ich kommen.«
Damit nicht genug, gestand er mir später, er sei noch ins Theater
gegangen.
»Hast dich wahrscheinlich gut amüsiert?« fragte ich unzufrieden.
»Nein. Als ich nach Hause kam, trug ich eine wahre Hölle in
mir. Wäre eine Pistole zur Hand gewesen, ich hätte mich sicher
erschossen!«
»In deinem Bestreben, wahr zu sein, machst du die Wahrheit zum
Zerrbilde,« sagte ich, und er gab mir sogar hierin recht, konnte sich
aber der Experimente an sich nicht enthalten! »Ich will mich durch und
durch kennen lernen,« sagte er in solchen Fällen.
In diesem Winter brachte er bisweilen etwas von seinen ungedruckten
Sachen mit. So wurden z. B. »Familienglück« und »Drei Tode«
zuerst bei uns gelesen. Tolstoi las schlecht, schüchtern und oft
anstoßend, und hörte geduldig alle Bemerkungen über seine Arbeiten
an. Ob er seine Eigenliebe bezwang oder überhaupt keine besaß -- wer
kann das sagen! Wahrscheinlich betrachtete er sich damals selbst noch
als Dilettanten und wußte nicht, was aus ihm wurde. Wie hätte er sich
sonst immer wieder von nebensächlichen Dingen ablenken lassen können.
Projekte wuchsen in seinem Kopf wie Pilze. Bei jedem Besuch brachte
er einen neuen Arbeitsplan mit und war begeistert, endlich auf
den richtigen Weg gelangt zu sein. Bald beschäftigte er sich mit
Bienenzucht, bald mit der Entwaldung von ganz Rußland, oder etwas
anderem. Am längsten fesselte ihn die Schule; aber auch sie verschwand
spurlos, als er seinen wahren Beruf erkannt hatte.
Aus Leos Briefen kann man sehen, daß unsere persönlichen Beziehungen
viele Jahre lang unverändert blieben. Bei jedem Wiedersehen studierten
wir, das Bistouri in der Hand, aneinander herum; aber es geschah mit
Liebe. Unser reines, einfaches Freundschaftsverhältnis widerlegte
glänzend die weitverbreitete falsche Ansicht von der Unmöglichkeit
einer Freundschaft zwischen Mann und Weib. Wir standen auf besonderem
Boden, und ich kann ganz aufrichtig sagen, wir bekümmerten uns
hauptsächlich um das, was das Leben verschönern konnte -- natürlich
jeder von seinem Standpunkt aus.
Leo machte mir bisweilen Vorwürfe, daß ich ihn in meine
Herzensgeheimnisse nicht einweihte und ihm Persönliches nicht
anvertraute. Das geschah aber von meiner Seite ohne jede Absicht und
Überlegung. Seine Natur war so viel stärker und interessanter als
die meinige, daß sich unwillkürlich die ganze Aufmerksamkeit auf ihn
konzentrierte, während ich als Person zweiten Ranges nur so nebenbei
agierte.
Wie schon gesagt, bildete die Religion den Hauptgegenstand unserer
Unterhaltungen. Voll tiefer Liebe für meinen Freund wollte ich ihn
mit fast krankhafter Ungeduld in vollem Glauben sehen, und sonderbar --
wir kamen gerade zu der Zeit auseinander, als der Glaube in sein Herz
einzog. Aber davon später.
Seit seiner Verheiratung, 1862, lebte er fast gänzlich auf dem
Lande, und wir sahen uns weit seltener, obwohl keine Gelegenheit
verpaßt wurde. Leo erwischte mich auf der Eisenbahn, als ich mit
der Zarenfamilie in die Krim fuhr, und entschloß sich sogar eines
Tages, zu mir nach Iljinskoie, der bei Moskau gelegenen Besitzung der
Kaiserin, zu kommen. Das war 1866. Ich entsinne mich, unter anderem,
wie dieser Besuch die kleinen Großfürsten erregte. Sie hatten
schreckliches Verlangen, den berühmten Schriftsteller zu sehen, und
verlegten sich auf alle möglichen Listen: guckten durchs Fenster und
in die Tür -- was Leo und mich höchlichst amüsierte.
Ich weiß noch, daß er mir damals von seinem Streit mit Turgenjew
erzählte, der fast zum Duell führte. Die Einzelheiten dieses
Streites sind aus meinem Gedächtnis entschwunden (die Ursache war ganz
nichtig). Tolstois Worte aber habe ich nicht vergessen.
»Ich kann dir die Versicherung geben,« sagte er, bis zu den Ohren
errötend, »daß meine Rolle in dieser dummen Geschichte keine
schlechte war. Ich trug nicht die geringste Schuld und schrieb trotz
meines reinen Gewissens Turgenjew einen durchaus freundschaftlichen
versöhnlichen Brief; er aber antwortete daraufhin so grob, daß ich
wohl oder übel jeden Verkehr mit ihm einstellen mußte.«
Später wurde alles beigelegt, und die beiden sahen sich auch wieder;
richtige Freundschaft aber kam nicht mehr zustande -- die beiden waren
gar zu verschiedene Charaktere.
Ich will nicht annehmen, daß Turgenjew heimlichen Schriftstellerneid
gegen Tolstoi hegte. Aber selbst wenn das der Fall war, hat er durch
seinen Brief kurz vor dem Tode alles wieder gutgemacht. Man wird
diese Zeilen nicht ohne tiefe Rührung lesen. Hier sind sie: Bougival
27. oder 28. Juni (der Brief ist mit Bleistift geschrieben).
»Lieber und teurer Leo Nikolajewitsch! Ich habe Ihnen lange
nicht geschrieben, denn ich lag und liege, offen gesagt, auf dem
Totenbett. Genesen kann ich nicht mehr, und daran denken hat keinen
Zweck. Ich schreibe an Sie, um Ihnen zu sagen, wie sehr es mich gefreut
hat, Ihr Zeitgenosse zu sein -- und um Ihnen meine letzte aufrichtige
Bitte auszudrücken. Mein Freund! Kehren Sie zur literarischen
Tätigkeit zurück! Diese Gabe rührt von dem her, von welchem alles
kommt. Ach wie würde ich glücklich sein bei dem Gedanken, meine
Bitte könnte auf Sie einwirken. Ich bin mit meinem Leben fertig --
die Ärzte wissen nicht einmal, wie sie meinen Zustand nennen sollen --
~neuralgie stomacale goutteuse~. Kann weder gehen, noch essen, noch
schlafen ... Aber wozu das wiederholen ...
Mein Freund! Großer Schriftsteller der russischen Lande! Befolgen
Sie meine Bitte. Lassen Sie mich wissen, wann Sie dieses Schreiben
erhalten, und seien Sie mit Ihrer Frau und all den Ihrigen noch einmal
fest umarmt! -- Ich bin müde; kann nicht mehr ...