Die Verständigung mit England über die vorderasiatischen Fragen

Zwischen Deutschland, England und der Türkei hatte die Bagdadfrage seit

dem Abschluß der Verträge über den Ausbau der Bahn bis Bagdad (März

1911) zunächst geruht. Die durch das Eingreifen Lloyd Georges so scharf

zugespitzte Marokkokrisis ließ auf englischer Seite die Neuaufnahme von

Verhandlungen wohl nicht als zeitgemäß erscheinen, während man auf der

deutschen Seite sich sagen konnte, daß jeder Kilometer Bahnstrecke,

der neu in Betrieb kam -- und es wurde trotz aller Erschwernisse der

ungünstigen Zeit mit aller Energie gebaut --, die eigne Position für

jede künftige Auseinandersetzung verbessere. Die Besprechungen zwischen

Lord Haldane und der deutschen Regierung im Frühjahr 1912 schienen den

Boden für eine Verständigung, wie in den afrikanischen Kolonialfragen,

so auch in den vorderasiatischen Fragen, zu ebnen. Freiherr von

Marschall, der im Frühjahr 1912 als Botschafter von Konstantinopel

nach London geschickt wurde, brachte für Verhandlungen über türkische

Angelegenheiten eine ganz besondere Eignung mit. Leider ist es zwischen

Baron Marschall und Sir Edward Grey nur zu einleitenden Unterhaltungen

gekommen; denn wenige Monate nach seiner Ernennung erlag Marschall

einer schweren Krankheit. Sein Nachfolger wurde der Fürst Lichnowsky,

dem die türkischen Angelegenheiten fernlagen und der ihre Bearbeitung

im wesentlichen seinem Botschaftsrat, Herrn von Kühlmann, dem späteren

Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, überließ.

Die Verhandlungen über den Präliminarfrieden, der dem ersten

Balkankrieg ein Ziel setzte, führten den früheren Großwesir Hakki

Pascha als Bevollmächtigten der Türkei nach London. Hakki Pascha,

einer der intelligentesten und jedenfalls der kenntnisreichsten der

türkischen Staatsmänner, war bestrebt, seinen Londoner Aufenthalt

zu einer völligen Bereinigung der zwischen der Türkei und England

schwebenden Fragen zu benutzen, und er war entschlossen, für eine

Klärung des türkisch-britischen Verhältnisses nötigenfalls auch

Opfer zu bringen. Insbesondere in der Bagdadfrage hatte Hakki Pascha

von langer Hand eine solche Politik vorbereitet. Er war es, der als

Großwesir gelegentlich des Abschlusses der Verträge vom März 1911

sich von uns die Erklärung der Bereitwilligkeit zur Übertragung der

Konzessionsrechte an der Südstrecke der Bagdadbahn an eine neu zu

errichtende Gesellschaft hatte ausstellen lassen.

Aus den Besprechungen zwischen Sir Edward Grey und Hakki Pascha, über

deren Verlauf die deutsche Botschaft von beiden Seiten unterrichtet

wurde, ergab sich, daß die britische Regierung im wesentlichen folgende

Ziele im Auge hatte:

Erstens die Regelung der das Nordufer des Persischen Golfes, namentlich

das Gebiet von Koweit, betreffenden Fragen im Sinne der alten

englischen Ansprüche.

Zweitens die Erlangung eines Schiffahrtsmonopols auf dem Euphrat und

Tigris für eine neuzugründende türkische Gesellschaft, in der das

englische Kapital und der englische Einfluß vorherrschend sein sollten.

Drittens die Zusage, daß auf der Bagdadeisenbahn jede Differenzierung

in den Bedingungen des Güterverkehrs zugunsten oder ungunsten der Waren

irgendeiner Nationalität, Herkunft oder Bestimmung ausgeschlossen sein

solle.

Der erste Punkt dieser Forderung umschloß die Herbeiführung des

Verzichts der Bagdad-Eisenbahn-Gesellschaft auf die Heranführung

ihres Stranges bis unmittelbar an den Persischen Golf und auf die

Errichtung und den Betrieb eines Hafens am Persischen Golf. Dagegen

zeigte sich die britische Regierung, die früher stets die Kontrolle

über die ganze Bahnstrecke südlich von Bagdad als ihre Mindestforderung

aufgestellt hatte, jetzt für den Fall des erwähnten Verzichtes bereit,

der Bagdad-Eisenbahn-Gesellschaft für den Ausbau ihrer Hauptlinie bis

zu der am Shatt el Arab, dem Zusammenfluß des Euphrat und Tigris,

gelegenen Stadt Basra keine weiteren Schwierigkeiten zu machen.

Auf dieser Grundlage erschien eine für die deutschen Interessen an

der Bagdadbahn erträgliche Einigung möglich. Der Shatt el Arab wurde

damals schon von den Schiffen der Hamburg-Amerika-Linie, die einen

regelmäßigen Dienst nach Basra eingerichtet hatte, ebenso von den

Schiffen der British India Steamship Navigation Company und andern

Schiffahrtsgesellschaften bis Basra befahren. Das Haupthindernis, die

dem Shatt vorgelagerte Barre, konnte von diesen Schiffen zur Flutzeit

passiert werden. Nach dem Urteil der Sachverständigen ist ohne allzu

große Schwierigkeiten und Kosten eine Ausbaggerung möglich, die auch

für Schiffe mit großem Tiefgang eine jederzeit benutzbare Fahrrinne

schafft. Unter der Voraussetzung, daß die nötigen Vorkehrungen für

die Schiffbarmachung und die dauernde Schiffbarerhaltung des Shatt

el Arab vom Golf bis Basra getroffen, sowie ferner, daß ausreichende

Sicherheiten für die dauernde Freiheit der Schiffahrt auf dem

Shatt geschaffen würden, konnte man sich auf deutscher Seite vom

verkehrstechnischen Standpunkt aus mit einem Verzicht auf die in der

Bagdadkonzession vorgesehene Linie von Basra bis zum Golf abfinden.

Politische Voraussetzung war die Zustimmung der türkischen Regierung.

Diese hatte zu Abdul Hamids Zeiten, aber auch noch späterhin, jedes

deutsche Zurückweichen vor England in der Frage der Endstrecke der

Bagdadbahn als ein Imstichlassen der Türkei in der Verteidigung ihrer

Souveränität über das türkische Küstengebiet des Persischen Golfs

und über Südmesopotamien angesehen. Wenn nunmehr die Türkei bereit

war, die das Küstengebiet des Golfes betreffenden Streitfragen durch

Zugeständnisse an England zu liquidieren, die der Lebensfähigkeit der

Bagdadbahn und ihrem Wert als großer Weltverkehrslinie keinen Eintrag

taten, so war es nicht Sache Deutschlands, die Türkei hieran zu hindern.

Vom deutschen Standpunkt aus konnte man im Gegenteil die

türkisch-britische Verständigung über die Golffrage nur willkommen

heißen, wenn sich aus dieser die Möglichkeit einer deutsch-britischen

Verständigung über die Streitfrage der Bagdadbahn ergab, zumal da

eine solche Verständigung nicht nur die von der deutschen Regierung

gewünschte Entlastung der allgemein-politischen Spannung herbeizuführen

geeignet war, sondern auch zur endgültigen Sicherstellung des Ausbaus

der Bagdadbahn und ihrer wichtigsten Zweiglinien benutzt werden konnte.

Eine solche Sicherstellung des Ausbaus der Bagdadbahn wurde von

deutscher Seite zur Voraussetzung der Zustimmung zu dem Verzicht auf

die Linie Basra-Golf und auf den Hafen am Persischen Golf gemacht,

ebenso wie in den Verhandlungen mit den Franzosen diese Sicherung die

Voraussetzung für die verschiedenen deutschen Zugeständnisse bildete.

Die erforderlichen Sicherungen waren nicht etwa nur negativer Natur;

sie bestanden nicht nur darin, daß England und Frankreich, wie vorher

schon Rußland, sich verpflichteten, ihren bisherigen Widerstand

gegen den Ausbau der Bagdadbahn aufzugeben. Vielmehr war die aktive

Mitwirkung dieser Mächte erforderlich, um die durch das Ergebnis des

Balkankriegs bedrohten finanziellen Grundlagen des Bagdadunternehmens

wiederherzustellen. Die Abtrennung fast des ganzen europäischen

Territoriums von dem türkischen Reiche hatte zur notwendigen

Folge eine entsprechende Minderung der für die Bagdadobligationen

verpfändeten türkischen Staatseinnahmen. Die Frage, in welcher Weise

die türkischen Staatsgläubiger vor der sich aus der territorialen

Veränderung des türkischen Reichsbestandes ergebenden Schädigung

geschützt werden sollten, gehörte mit zu den Verhandlungsgegenständen

der Pariser Finanzkonferenz. Der gute Wille und die Mitwirkung der

Westmächte bei der Lösung dieser Frage war gerade für die Sicherung des

Bagdadunternehmens von besonderer Wichtigkeit.

In der Hauptsache allerdings war die finanzielle Sicherstellung der

Bagdadbahn und ihres Ausbaus in Verhandlungen mit der türkischen

Regierung durchzusetzen. Es handelte sich dabei nicht nur um

Kompensationen für den durch den Verlust der europäischen Türkei

drohenden Ausfall an den für die Bagdadobligationen verpfändeten

Einnahmen, sondern auch um die Bereitstellung von ausreichenden

Garantien für den Ausbau der Hauptlinie bis Basra und der wichtigsten

Zweiglinien, namentlich der Linie Bagdad-Hanekin (persische Grenze),

die nach dem Potsdamer Abkommen mit Rußland dort Anschluß an das

nordpersische Eisenbahnnetz finden sollte. Außerdem gehörte zu der

Sicherung des Ausbaus des Bagdadeisenbahnnetzes eine Anpassung der

finanziellen Konstruktion des Bagdadunternehmens an die durch den

Tripolis- und Balkankrieg wesentlich verschlechterten Verhältnisse des

türkischen Staatskredits. Über alle diese Dinge wurde gleichlaufend mit

den deutsch-englischen und deutsch-französischen Verhandlungen mit der

türkischen Regierung verhandelt, in dem allseitigen Einverständnis,

daß unsere Abmachungen mit der Türkei einerseits, mit England und

Frankreich andrerseits sich gegenseitig bedingten.

Mußte die unbedingte Sicherung für einen in absehbarer Zeit

durchzuführenden Ausbau der Bagdadbahn die Voraussetzung sein allein

schon für unsern Verzicht auf die Golfstrecke und den Hafen am Golf

gegenüber den Engländern sowie für unser weitherziges Entgegenkommen

gegenüber den Franzosen bei der Abgrenzung der beiderseitigen

Eisenbahnnetze, so wurde diese Notwendigkeit verstärkt durch eine Reihe

weiterer Forderungen, die England in die Verhandlungen hineinwarf.

Ich habe oben bereits Englands Anspruch auf die Flußschiffahrt in

Mesopotamien erwähnt. Das von der britischen Regierung für eine unter

englischer Kontrolle stehende Gesellschaft türkischen Rechts erstrebte

Monopol bildete für die deutsche Regierung einen schweren Stein des

Anstoßes. Hakki Pascha hatte sich in London von dem Foreign Office

eine Zusage abringen lassen. Die britische Regierung machte es

gegenüber der deutschen zur Voraussetzung für jede Abmachung über die

vorderasiatischen Angelegenheiten, daß die deutsche Regierung sich mit

der von der türkischen Regierung zugestandenen Schiffahrtskonzession

auf den mesopotamischen Flüssen abfinde. Gegenüber allen Vorstellungen

hielt sie mit der größten Hartnäckigkeit an diesem Standpunkte

fest. Wenn die deutsche Regierung die Verhandlungen nicht scheitern

lassen wollte, mußte sie sich darauf beschränken, die deutschen

Interessen an der mesopotamischen Schiffahrt durch Sicherstellung

der völligen Gleichberechtigung deutscher Frachten und durch

eine deutsche Beteiligung am Kapital und in der Verwaltung der

Schiffahrtsgesellschaft nach Möglichkeit zu wahren. Wenn aber die

deutsche Regierung sich mit dem unter britischer Kontrolle stehenden

Schiffahrtsmonopol abfand, so mußte sie -- sollte nicht England in dem

Verkehrsgebiet der Bagdadbahn einen kaum mehr einzuholenden Vorsprung

gewinnen -- auf der Sicherung des sofortigen Ausbaues der Bagdadbahn

mit verdoppeltem Nachdruck bestehen.

In der gleichen Richtung wirkten die britischen Ansprüche hinsichtlich

der mesopotamischen Bewässerungsanlagen und der Ausbeutung der

mesopotamischen Petroleumvorkommen.

Schließlich erstreckte die britische Regierung die Verhandlungen

auch noch auf eine der deutsch-französischen Abmachung analoge

Verständigung zwischen der von britischem Kapital kontrollierten

Smyrna-Aidin-Bahn im westlichen Kleinasien einerseits, der Anatolischen

Eisenbahn und Bagdadeisenbahn andrerseits.

Die Verhandlungen waren außerordentlich schwierig. Sie wurden von der

englischen Seite mit einer nicht zu übertreffenden Zähigkeit geführt,

auch im Festhalten an Einzelheiten, die im Verhältnis zu der Gesamtheit

der auf dem Spiel stehenden Interessen für England nur geringfügige

Bedeutung haben konnten. Immer wieder wurde die deutsche Seite vor die

Frage gestellt, ob sie an der oder jener mehr oder weniger wichtigen

Frage das Verständigungswerk scheitern lassen wollte. Es gehörte für

uns ein ungewöhnliches Maß von Geduld und gutem Willen dazu, um alle

die kleinen und großen Klippen zu überwinden.

Schließlich kam nach mehr als einjährigen Verhandlungen eine Einigung

zustande, die in großen Zügen folgendermaßen aussah:

Als südlicher Endpunkt der Bagdadeisenbahn wurde Basra festgesetzt.

Auf eine Weiterführung der Bagdadeisenbahn bis zum Golf und auf

den Hafen am Golf leistete die Bagdad-Eisenbahn-Gesellschaft

Verzicht. Dafür verpflichtete sich die englische Regierung, dem

Ausbau der Bagdadbahn bis Basra keinerlei Schwierigkeiten zu machen

und keinerlei Bestrebungen, Konkurrenzbahnen zur Bagdadbahn in den

Vilajets Bagdad und Mossul zu bauen, irgendwie zu unterstützen. Die

Bagdad-Eisenbahn-Gesellschaft übernahm die Verpflichtung, keinerlei

differentielle Behandlung in den Bedingungen des Transports nach

Nationalität, Herkunft oder Bestimmung der Waren eintreten zu lassen.

Sie hielt für eine noch zu konstituierende englische Finanzgruppe eine

Beteiligung an ihrem Gesellschaftskapital offen und verpflichtete sich,

zwei Verwaltungsratssitze mit britischen Mitgliedern zu besetzen.

In Bagdad und Basra sollten von einer von der

Bagdad-Eisenbahn-Gesellschaft zu gründenden Untergesellschaft

Hafeneinrichtungen gebaut und betrieben werden. Diese Hafengesellschaft

sollte unter der Kontrolle der deutschen Gruppe stehen; für britische

Interessenten sollte eine Beteiligung von 40 Prozent offengehalten

werden.

England traf mit der Türkei Vereinbarungen über die Schiffbarmachung

des Shatt el Arab für Schiffe größeren Tiefgangs, denen Deutschland

beitrat. Gleichzeitig wurde die volle Freiheit der Schiffahrt für

Fahrzeuge aller Nationen auf dem Shatt und der Ausschluß einer

jeglichen differentiellen Behandlung dieser Schiffahrt in bezug auf

Abgaben und sonstige Bedingungen festgelegt. Für die von der Schiffahrt

auf dem Shatt el Arab als Beitrag zu den Kosten der Regulierung zu

erhebenden Abgaben wurde ein mäßig gegriffener Höchstsatz vereinbart.

Die deutsche Regierung übernahm die Verpflichtung, der Erteilung

der Konzession für die mesopotamische Flußschiffahrt an eine unter

englischer Kontrolle stehende Gesellschaft keine Schwierigkeiten zu

machen. Von dem Kapital der Gesellschaft sollte ursprünglich die

Hälfte auf England, die andere Hälfte auf die Türkei entfallen. Man

einigte sich jedoch schließlich dahin, daß 40 Prozent des türkischen

Anteils, also 20 Prozent des Gesamtkapitals, für deutsche Interessenten

offengehalten werden sollten. Damit war natürlich auch eine

entsprechende Vertretung im Verwaltungsrat der Schiffahrtsgesellschaft

verbunden. Der Ausschluß einer jeden differentiellen Behandlung in den

Transportbedingungen wurde in ähnlicher Weise festgelegt wie bei der

Bagdadeisenbahn. In den Abmachungen zwischen England und der Türkei

und in den Statuten der Schiffahrtsgesellschaft war die peinlichste

Fürsorge dafür getroffen, daß in allen wichtigen Angelegenheiten im

Falle von Stimmengleichheit der Vorsitzende des Verwaltungsrats, der

von der englischen Gruppe gestellt wurde, den Ausschlag geben sollte.

Das Inkrafttreten der Abmachungen war gebunden an die Ergänzung der

durch die Abtretung der europäischen Provinzen veminderten Pfänder

für die Bagdadobligationen und an das Zustandekommen der Abmachungen

mit der Türkei über die Bereitstellung der für den sofortigen Ausbau

des Bagdadeisenbahnnetzes erforderlichen Garantien. Die britische

Regierung war ihrerseits bereit, die Stellung dieser Garantien

dadurch zu unterstützen, daß sie ihre Einwendungen gegen die von der

Türkei geplante und für die Konsolidierung der türkischen Finanzen

unbedingt notwendige Zollerhöhung endlich fallen ließ. Wenn auch

die Bagdad-Eisenbahn-Gesellschaft schon im Jahre 1911 endgültig auf

ihre früheren Ansprüche auf den Ertrag der Zollerhöhung verzichtet

hatte und auch jetzt nicht daran dachte, auf die Zollerhöhung für die

Finanzierung des Ausbaus ihres Netzes zurückzugreifen, so wurde der

türkischen Regierung durch das Zugeständnis der Zollerhöhung wenigstens

indirekt die Zuweisung der für den Ausbau der Bagdadbahn erforderlichen

Pfänder erleichtert.

Gleichzeitig mit diesen Abmachungen wurde auch eine Übereinstimmung

über die in Mesopotamien auszuführenden Bewässerungsarbeiten und über

die gemeinschaftliche Ausbeutung der mesopotamischen Petroleumvorkommen

erzielt; desgleichen über die recht weitgehenden Wünsche der

Smyrna-Aidin-Eisenbahn-Gesellschaft. Hinsichtlich der mesopotamischen

Bewässerungsarbeiten verpflichtete sich die deutsche Regierung,

keine Konkurrenz gegen die von den Engländern schon in Bearbeitung

genommenen Projekte zu unterstützen; angesichts der großen Ausdehnung

der von Sir William Willcox schon seit Jahren bearbeiteten Pläne war

das ein sehr weitgehendes Zugeständnis. In der für die Ausbeutung

der mesopotamischen Petroleumquellen errichteten Gesellschaft

begnügte sich die deutsche Gruppe, die immerhin nicht unwesentliche

Rechte einbrachte, mit einer Beteiligung von 25 Prozent, während

die englische Gruppe 50 Prozent und die niederländische Gruppe der

Königlichen Petroleum-Gesellschaft die restlichen 25 Prozent erhielt.

Gegenüber der Smyrna-Aidin-Eisenbahn verzichtete die Anatolische

Eisenbahn-Gesellschaft auf ihr Einspruchsrecht gegen gewisse von jener

Gesellschaft seit langer Zeit begehrte Zweig- und Verbindungslinien,

die von der Anatolischen Eisenbahn bisher als unerwünschte Konkurrenz

mit Erfolg bekämpft worden waren.

Um die Mitte des Jahres 1914 war dieses weitschichtige Vertragswerk,

das alle wesentlichen Berührungspunkte der deutschen und englischen

Interessen in der asiatischen Türkei regelte und den neben der

Flottenfrage wichtigsten Reibungspunkt zwischen Deutschland und England

aus der Welt schaffte, in allen seinen Einzelheiten festgestellt.

Nachdem bereits im Februar 1914 die Abmachungen zwischen Deutschland

und Frankreich paraphiert worden waren, stand jetzt nur noch die

Einigung zwischen Deutschland und der Türkei aus, die für das

Inkrafttreten der andern Abmachungen die Voraussetzung war. Auch

diese war in mühevollen Verhandlungen so weit vorgeschritten, daß ein

befriedigender Abschluß innerhalb kurzer Zeit erwartet werden konnte.

Ein wichtiges Stück Arbeit an der Befestigung des Weltfriedens stand

unmittelbar vor der Vollendung. Da machte der Ausbruch des Weltkriegs

dieses Werk und alle darauf gesetzten Hoffnungen zunichte.

Die deutsch-englische Verständigung und die englisch-russische

Marinekonvention

Angesichts des furchtbaren Abschlusses der mit so heißem Bemühen

geführten Verständigungsverhandlungen drängt sich unausweichlich die

Frage auf, ob diese Versuche, dem Weltfrieden durch die Ausschaltung

vermeidbarer Reibungen und durch die Einleitung friedlicher

Zusammenarbeit eine stärkere Grundlage zu geben, nicht schließlich

nur Scheinmanöver gewesen sind, mit denen der eine Teil den andern

hinhalten und über seine wahren Absichten täuschen wollte. Die

Folgerung liegt zu nahe, daß der Ausbruch des Weltkriegs sich hätte

verhindern lassen müssen, wenn der Wille zum Frieden, der doch

schließlich allein den Verhandlungen über die Ausräumung wichtiger

Reibungspunkte einen Sinn und eine Berechtigung geben konnte, auf

beiden Seiten echt war.

Nach meinen persönlichen Wahrnehmungen kann ich nur bekunden, daß auf

der deutschen Seite alle maßgebenden Stellen und Personen durchdrungen

waren von dem ehrlichsten Willen, durch eine planmäßige Entlastung

der politischen Beziehungen zwischen den europäischen Völkern die

Kriegsgefahr einzudämmen und die Aussichten der Erhaltung des Friedens

zu verbessern. Und ich glaube hinzufügen zu können, die leitenden

politischen Persönlichkeiten waren erfüllt von der guten Hoffnung, daß

ihr Bestreben von Erfolg gekrönt sein werde. Die Unterhaltung zwischen

dem deutschen Reichskanzler und dem großbritannischen Botschafter in

Berlin am Tage des Eintritts Englands in den Krieg ist dafür ein Beleg.

Weniger klar und durchsichtig ist das Verhalten der Mächte des

dreifachen Einvernehmens, insbesondere Englands.

Halten wir uns an die Tatsachen!

Ich habe weiter oben darauf aufmerksam gemacht, daß Sir Edward

Grey während der ersten Monate des Balkankriegs sich Deutschland

gegenüber in einer geradezu auffallenden Weise freundlich und zu einer

Zusammenarbeit im Interesse der Aufrechterhaltung des Friedens bereit

zeigte, daß ihn diese sichtliche Annäherung an Deutschland jedoch nicht

hinderte, gerade damals mit dem französischen Botschafter in London den

Briefwechsel auszutauschen, der später in der entscheidenden Stunde von

Sir Edward Grey selbst als moralische Verpflichtung zur Waffenhilfe an

Frankreich anerkannt wurde. Jetzt, während die mühevollen Verhandlungen

über die vorderasiatischen Fragen zum Abschluß gebracht wurden, trat

nicht etwa eine Entspannung des gegen Deutschland gerichteten Systems

ein, vielmehr kam es auch jetzt -- genau wie im November 1912 -- zu

einem strafferen Anziehen der Fäden des um Deutschland geschlungenen

Netzes.

Am 21. April 1914 besuchte König Georg den Präsidenten Poincaré in

Paris. Er war begleitet von dem Staatssekretär des Auswärtigen Sir

Edward Grey. Diese Tatsache unterstrich die politische Bedeutung des

Besuchs um so stärker, als Sir Edward bisher das Gebiet der britischen

Inseln überhaupt niemals verlassen hatte. Schon vor dem Eintreffen

des Königs Georg in Paris hatte der russische Botschafter Iswolski

angeregt, den Besuch des Königs zu benutzen, um das lose Gefüge des

dreifachen Einvernehmens in ein »Bündnis nach Analogie des Dreibundes«

umzuwandeln. Sein Vorschlag wurde von dem französischen Minister des

Auswärtigen, Herrn Doumergue, beifällig aufgenommen. Sir Edward Grey

lehnte zwar den Abschluß eines förmlichen Bündnisses ab; ein solches

bestand ja auch gegenüber Frankreich nicht, und den Briefwechsel mit

Paul Cambon über das Zusammenwirken der beiderseitigen Land- und

Seestreitkräfte hatte Sir Edward vor dem britischen Parlament, dem er

immer versicherte, England habe völlig freie Hand, geheimgehalten.

Aber er zeigte sich geneigt, die bestehenden militärischen Abmachungen

zwischen Frankreich und England durch gleichartige Abmachungen zwischen

England und Rußland zu ergänzen. In Frage kam der Natur der Sache

nach in erster Linie ein Marineabkommen. Sir Edward erlangte hierfür

die Zustimmung des britischen Kabinetts, und es wurde vereinbart, daß

die auf dieser Grundlage erforderlichen militärischen Verhandlungen

unmittelbar zwischen der britischen Admiralität und dem russischen

Marineattaché in London stattfinden sollten.

Jeder Zweifel an der Bedeutung dieses engeren Zusammenschlusses der

Triple-Entente wird beseitigt durch die vor kurzem von der russischen

Regierung veröffentlichten Berichte des russischen Botschafters in

London, Grafen Benckendorff. Dieser war während des Besuchs des

Königs Georg gleichfalls in Paris anwesend und berichtete von dort

am 21. April 1914 an Herrn Ssasonoff nach Petersburg, er hoffe, »die

_Hauptsache_ erreicht zu haben, nämlich _die bisher allzu theoretischen

und friedlichen Grundgedanken der Entente durch etwas Greifbares

zu ersetzen_«. Er sei sich zweifelhaft, »ob sich eine stärkere

Garantie für eine gemeinsame militärische Operation im Kriegsfalle

finden ließe, als der Geist dieser Entente, wie er sich offenbart

hat, verstärkt durch die bestehenden militärischen Vorkehrungen«.

Von dem von Sir Edward Grey abgelehnten förmlichen und öffentlichen

Bündnis riet auch Graf Benckendorff ab, da ein solches »ein sehr viel

günstigeres Feld für eine _Agitation zugunsten Deutschlands_ bieten

würde«. -- »Agitation zugunsten Deutschlands« -- das war das Bestreben

der englischen Friedensfreunde, zu einem besseren, die Gefahr eines

bewaffneten Konfliktes ausschließenden Verhältnis zu Deutschland zu

kommen!

Die Tatsache, daß gerade in der Zeit, als die deutsch-englische

Verständigung über die kolonialen und vorderasiatischen Fragen sich

dem Abschluß näherten, die britische Regierung es für angezeigt hielt,

das System der Entente durch militärische Abmachungen mit Rußland, die

sich ganz unzweideutig gegen Deutschland richteten, zu verstärken,

zeigt zum mindesten, daß die britische Politik nicht gewillt war,

sich durch eine Verständigung mit Deutschland über noch so wichtige

Einzelfragen davon abhalten zu lassen, in ihren seit einem Jahrzehnt

betriebenen politischen und militärischen Vorbereitungen für den

Krieg mit Deutschland in verstärktem Maße fortzufahren. Der Geist,

der in den von Lord Haldane Anfang 1912 eingeleiteten Besprechungen

zum Ausdruck gekommen war, beherrschte nach wie vor die britische

Politik: England wollte die Kampfstellung gegenüber Deutschland nicht

aufgeben. Die Verständigung in Einzelfragen, mochten sie für sich noch

so bedeutungsvoll sein, mußte unter diesen Umständen ihren eigentlichen

Zweck -- die Schaffung einer Atmosphäre des Vertrauens zwischen

den beiden großen Ländern und damit die Schaffung der wichtigsten

Voraussetzung für die Entspannung der internationalen Lage -- von

vornherein verfehlen. Die Verhandlungen über die britisch-russische

Marinekonvention, die natürlich der deutschen Regierung und der

Öffentlichkeit trotz aller Ableugnungs- und Beschwichtigungsversuche

bekanntgeworden waren, hatten vielmehr das Gegenteil der Wirkung, die

man mit der Verständigung über die kolonialen und vorderasiatischen

Fragen erreichen wollte. Warnend hoben die offiziösen deutschen

Zeitungen hervor, daß durch die britisch-russische Marinekonvention

alle bisher erzielten Fortschritte in der deutsch-englischen Annäherung

in Frage gestellt und eine Verschärfung des Mißtrauens zwischen den

beiden Ländern herbeigeführt werden müßte.

Diese Wirkung mußte um so notwendiger eintreten, als durch den engeren

Zusammenschluß der Triple-Entente die in Rußland und Frankreich

ohnedies im Wachsen begriffenen kriegerischen Strömungen ermuntert und

verstärkt wurden. Für die russische Kriegspartei war die Entsendung

einer deutschen Militärmission nach Konstantinopel im Herbst 1913

Wasser auf ihre Mühlen. Insbesondere die Neuerung, daß dem Führer der

Militärmission, dem General Liman von Sanders, das Kommando über das

Konstantinopeler Armeekorps übertragen werden sollte, während die

bisherigen Führer der deutschen Militärmissionen in der Türkei, zuletzt

der Generalfeldmarschall von der Goltz, keine Kommandogewalt gehabt

hatten, wurde von den deutschfeindlichen Treibern zur Erregung der

öffentlichen Meinung ausgenutzt. Dem scharfen Protest in Konstantinopel

und Berlin, zu dem sich die russische Regierung veranlaßt sah, schloß

sich die französische und auch die englische Regierung an, obwohl

schon seit einiger Zeit eine britische Marinemission, deren Führer

gleichfalls mit Kommandobefugnissen ausgestattet waren, in der Türkei

tätig war. Deutschland gab schließlich, um einem Konflikt mit Rußland

auszuweichen, nach und erklärte sich damit einverstanden, daß die

Befugnisse des Generals Liman auf die Generalinspektion der türkischen

Militärschulen beschränkt wurden. Aber auch diese Nachgiebigkeit

führte kein Nachlassen in den Treibereien gegen Deutschland herbei.

Die Sprache der russischen und französischen Presse gegen Deutschland

wurde immer maßloser. Auf russischer Seite wurde das Anrecht Rußlands

auf die asiatische Türkei und das Anrecht des Slawentums auf die

von Slawen bevölkerten Teile der vor dem Zusammenbruch stehenden

österreichisch-ungarischen Monarchie, auf französischer Seite

Frankreichs unverjährbarer Anspruch auf Elsaß-Lothringen mit erneutem

Nachdruck proklamiert. Ganz offen besprach die Presse beider Länder

die infolge der ihrer Vollendung zugehenden russischen Rüstungen immer

besser werdenden Aussichten eines Krieges gegen die Mittelmächte.

Blätter, deren enge Beziehungen zu den offiziellen Kreisen in

Petersburg und Paris weltkundig waren, beteiligten sich an diesem

Feldzug. Der russische Kriegsminister, Herr Ssuchomlinoff, äußerte sich

in dem ihm nahestehenden Blatte wiederholt in kaum mehr verhüllten

Kriegsdrohungen: »Frankreich und Rußland wollen den Krieg nicht, aber

Rußland ist bereit und erwartet, daß Frankreich es gleichfalls sein

wird.« Und am 24. April 1914, also unmittelbar nach dem Besuch des

Königs Georg in Paris, berichtete der belgische Gesandte in Berlin,

Baron Beyens, an seine Regierung: »Herr Cambon (der französische

Botschafter in Berlin) sieht wieder die Hand des Herrn Iswolski in

dieser zwecklosen Kampagne der russischen und französischen Zeitungen.«

Ich fand, als ich im Mai 1914 zum letztenmal zu geschäftlichen

Besprechungen in Paris war, dort unter aufrichtigen Freunden der

Erhaltung des Friedens eine sehr nervöse und besorgte Stimmung. Die

Presse und öffentliche Meinung waren in einer durch konkrete Tatsachen

allein nicht zu erklärenden Erregung, die auf die leitenden Kreise

teils übergriff, teils von ihnen gefördert wurde. Gerade damals

entrüstete man sich in Paris, daß in einer Theatervorführung -- ich

glaube im Berliner Eispalast -- französische Fremdenlegionäre in

Uniform auf die Bühne gebracht worden waren. Ernsthafte Leute fragten

mich aus diesem Anlaß, ob denn Deutschland durchaus den Krieg wolle!

Ich ließ mir die letzte Ausgabe des »Temps« geben und zeigte den

Aufgeregten im Theateranzeiger drei oder vier Stücke, in denen deutsche

Offiziere auf Pariser Bühnen Abend für Abend unter tosendem Beifall

des Publikums in den kläglichsten Rollen vorgeführt und beschimpft

wurden. Der Eindruck, den ich damals von Paris mitnahm, daß wir trotz

aller Verständigungsbemühungen Frankreich und Rußland gegenüber weiter

denn je von einer friedlichen Entspannung entfernt seien und daß die

Beziehungen der Mittelmächte zum Zweibund keinerlei nennenswerte

Belastung vertragen könnten, wurde auch von andern Beobachtern geteilt.

Wir kennen heute einen Bericht des belgischen Gesandten in Paris, Baron

Guillaume, aus jener Zeit -- er ist vom 8. Mai 1914 datiert --, in dem

es heißt:

»Unstreitig ist die französische Nation in diesen letzten Monaten

chauvinistischer und selbstbewußter geworden. Dieselben berufenen und

sachverständigen Persönlichkeiten, die vor zwei Jahren sehr lebhafte

Befürchtungen bei der bloßen Erwähnung von möglichen Schwierigkeiten

zwischen Frankreich und Deutschland äußerten, stimmen jetzt einen

andern Ton an; sie behaupten, des Sieges gewiß zu sein, machen viel

Aufhebens von den übrigens wirklich vorhandenen Fortschritten, die

die französische Armee gemacht hat, und behaupten sicher zu sein, das

deutsche Heer zum mindesten lange genug in Schach halten zu können, um

Rußland Zeit zu lassen, mobilzumachen, Truppen zusammenzuziehen und

sich auf seine westlichen Nachbarn zu stürzen ... Ein erfahrener und

hochgestellter Diplomat sagte neulich: >Wenn sich jetzt plötzlich eines

Tages ein ernster Zwischenfall zwischen Frankreich und Deutschland

ereignet, so werden die Staatsmänner beider Länder sich bemühen müssen,

ihm innerhalb der nächsten drei Tage eine friedliche Lösung zu geben,

oder es gibt Krieg.<«

Es ist ausgeschlossen, daß die britische Regierung über diese

Stimmungen und Strömungen in Frankreich und Rußland nicht unterrichtet

war. Es ist ausgeschlossen, daß sich Sir Edward Grey und seine Leute

keine Rechenschaft darüber gegeben haben, daß die von Iswolski

angeregte engere Knüpfung der Triple-Entente in dem Gedanken seines

Urhebers dazu dienen sollte und in ihrer tatsächlichen Wirkung dazu

dienen mußte, den überhitzten Kessel noch weiter anzuheizen. Man mag

zugunsten der bona fides der britischen Politik unterstellen, daß Sir

Edward sich damals auf den Vorschlag Iswolskis nur eingelassen habe,

um den durch die britisch-deutsche Verständigung über so wichtige

Einzelfragen beunruhigten Ententegenossen eine Sicherheit über Englands

loyales Festhalten an der Entente zu geben, daß es ihm nur darauf

angekommen sei, für den Fall des Nichtzustandekommens der Verständigung

mit Deutschland oder des Nichteintretens der von dieser Verständigung

erwarteten Entspannung des deutsch-britischen Verhältnisses sich eine

starke Koalition gegen Deutschland zu erhalten -- es wäre eine durch

nichts gerechtfertigte Aberkennung jeder politischen Urteilsfähigkeit

der britischen Staatsmänner, wenn man annehmen wollte, diese seien

sich nicht klar darüber gewesen, daß ihr grundsätzliches Eingehen auf

die Iswolskische Anregung und ihr Eintritt in Besprechungen über die

zwischen England und Rußland abzuschließende Marinekonvention die

stärkste Aufmunterung des kriegerischen Geistes in Frankreich und

Rußland bedeuten mußte, daß damit die deutsch-englischen Abmachungen,

noch ehe sie zu Ende verhandelt waren, um ihre Frucht gebracht wurden.

Nimmt man zu der damals vor dem Abschluß stehenden britisch-deutschen

Verständigung die Tatsache hinzu, daß Deutschland in dem Ausbau seiner

Flotte ohne vertragsmäßige Festlegung sich nach dem von Lord Haldane

im Februar 1912 vorgeschlagenen Schlüssel gerichtet hatte, so kann

man aus all dem nur den Schluß ziehen, daß die britischen Staatsmänner

die diplomatische und militärische Vorbereitung einer kriegerischen

Auseinandersetzung mit Deutschland unter allen Umständen und ganz

unabhängig von der Bereinigung noch so wichtiger Einzelfragen als

oberstes Ziel ihrer Politik festzuhalten entschlossen waren.

Die Erklärung liegt wohl weniger in dem Willen der britischen

Staatsmänner, die zufällig in jener entscheidenden Epoche der

Weltgeschichte die Geschäfte Englands leiteten, als vielmehr in den

alten Traditionen der britischen Politik, durch die England groß

geworden war und durch die es seine Größe zu erhalten suchte. Englands

Politik war stets gegen die politisch und wirtschaftlich stärkste

Kontinentalmacht gerichtet; seitdem Deutschland die politisch und

wirtschaftlich stärkste Kontinentalmacht geworden war, seitdem England

durch Deutschland mehr als durch ein anderes Land sich in seiner

weltwirtschaftlichen Stellung und in seiner Seegeltung bedroht fühlte,

war der englisch-deutsche Gegensatz unüberbrückbar und durch keine

Verständigung über irgendwelche Einzelfragen aus der Welt zu schaffen;

es sei denn, daß England mit allen seinen Überlieferungen gebrochen

und ehrlich darauf verzichtet hätte, von seinen Machtmitteln zur

Erhaltung seiner wirtschaftlichen Vorherrschaft Gebrauch zu machen.

Zu einem solchen Bruch mit der treibenden Kraft seiner Geschichte war

England nicht bereit, trotz aller pazifistischen Strömungen, die sich

auch in der britischen Öffentlichkeit einstellten. Das Wort Bismarcks

vom Jahre 1897 blieb wahr: das einzige Mittel zur Besserung der

deutsch-englischen Beziehungen sei, daß wir unserer wirtschaftlichen

Entwicklung einen Zaum anlegten, und dieses Mittel sei nicht anwendbar.

Die Verstärkung der für eine kriegerische Auseinandersetzung mit

Deutschland geschmiedeten Koalition durch England in der Zeit des

Abschlusses der deutsch-englischen Verständigungsverhandlungen -- das

ist der Schlüssel zur politischen Weltlage, aus der heraus der große

Krieg entstanden ist. Der deutschen Politik war es weder gelungen, die

französische Revancheidee aus der Welt zu schaffen oder auch nur ihr

neues Aufflammen zu verhindern, noch die durch den panslawistischen

Druck nach Südosten erzeugte Spannung zwischen Rußland und den

Zentralmächten einzudämmen. Wenn nun England am Ende langwieriger

Verständigungsverhandlungen mit Deutschland die Aussichtslosigkeit

jeder wirklichen Verständigung durch eine Verstärkung seines

Ententesystems bekundete und damit den kriegerischen Strömungen bei

seinen Ententegenossen eine neue Ermutigung gab, so war damit in der

Sache das Urteil über Krieg und Frieden gesprochen. Jeder Anlaß, in

dem es einer der Ententegenossen auf den Krieg ankommen lassen wollte,

mußte bei dieser Lage der Dinge zum Weltkrieg führen.

Der Weltkrieg, I. Band Die Vorgeschichte des Weltkrieges · 第 40 / 41 题