Am letzten Junisonntag 1914, dem Jahrestag der Schlacht auf dem
Amselfelde, die den Serben als höchste nationale Erinnerung gilt, wurde
zu Serajewo der Erzherzog Franz Ferdinand, der Erbe der Kronen von
Österreich und Ungarn, von bosnischen Verschwörern serbischer Herkunft
ermordet. Die Fäden der Verschwörung wiesen nach Belgrad, und schon die
erste Untersuchung ergab die Mitwisserschaft und Mitwirkung serbischer
Offiziere und Beamten.
Als ich am Abend des 28. Juni die Nachricht von der Mordtat erhielt,
war ich mir sofort darüber klar, daß dieses Ereignis die unmittelbare
Bedrohung des Weltfriedens bedeute. Die gegen den Bestand der
Monarchie gerichtete, von den amtlichen Belgrader Kreisen in einer
kaum verhüllten Weise unterstützte großserbische Agitation war in
Wien seit langem Gegenstand wachsender Beunruhigung. Ich wußte
aus dem persönlichen Verkehr mit einflußreichen und maßgebenden
Persönlichkeiten der Donaumonarchie, wie ernst man dort die
großserbische Bewegung nahm und wie sehr man davon durchdrungen war,
daß die serbische Regierung -- trotz einer von ihr im März 1909 aus
Anlaß der Beilegung der bosnischen Krisis abgegebenen feierlichen
Loyalitätserklärung -- hinter der großserbischen Propaganda des
Wortes und der Tat als treibende Kraft stehe. Ich wußte, wie schwer
es gewesen war, bei früheren Gelegenheiten Österreich-Ungarn davon
abzuhalten, sich durch einen entscheidenden Streich gegen das
Nest der großserbischen Zettelungen endlich stärkere Garantien zu
verschaffen als niemals eingehaltene Versprechungen. Die Ermordung
des Erzherzog-Thronfolgers und seiner Gemahlin war nach allem, was
vorausgegangen war, eine Herausforderung, die kaum mehr irgendeine
Hoffnung auf einen gütlichen Ausgleich lassen konnte.
Das Verhalten Serbiens unmittelbar nach der Tat war geeignet, die
schlimmsten Befürchtungen zu bestätigen. Die serbische Presse hielt es
nicht für der Mühe wert, die Freude und den Jubel über das Attentat zu
unterdrücken; auch Blätter, die der Regierung nahestanden, bezeichneten
als Ursache der Mordtat die inneren Verhältnisse Österreich-Ungarns.
Der nahe Zerfall der Monarchie und der Serbien zufallende Anteil des
Nachlasses wurden lauter denn je besprochen. Die serbische Regierung
selbst tat, während das Fortschreiten der Untersuchung immer neue
Beweise für den serbischen Ursprung des Verbrechens ergab, von sich
aus keinen Schritt zur Aufklärung des Sachverhalts, sondern spielte in
herausfordernder Weise den gänzlich Unbeteiligten.
Wer dagegen die Sprache der österreichisch-ungarischen Blätter
verfolgte, konnte nicht zweifeln, daß die Wiener Regierung entschlossen
war, auf ausreichende Sühne für die Ermordung des Thronfolgerpaares
und auf starke Sicherheiten gegen die Fortsetzung der großserbischen
Treibereien auf jede Konsequenz hin zu bestehen.
Es war mir damals schon ein Rätsel und wird mir immer ein Rätsel
bleiben, wie leicht die öffentliche Meinung bei uns in Deutschland --
und nicht nur die öffentliche Meinung, sondern auch Persönlichkeiten
in Stellungen, die ihnen ein zutreffendes Urteil ermöglichen mußten
-- damals die Lage nahmen. Die bosnische Krisis von 1908/09, die
Marokkokrisis von 1911, die Krisis des Balkankriegs von 1912/13 hatten
unsere öffentliche Meinung nicht etwa aufgerüttelt und aufmerksam
gemacht; ihre schließlich immer wieder friedliche Beilegung hatte im
Gegenteil abstumpfend und einschläfernd gewirkt. Die Überzeugung »Es
kommt ja doch nicht zum Krieg« war bei uns in den weitesten Kreisen
geradezu ein Dogma geworden, nicht zum wenigsten deshalb, weil wir von
der eigenen friedfertigen Gesinnung bis ins Innerste durchdrungen waren.
Der Deutsche Kaiser erhielt die Nachricht von dem Attentat in Kiel,
während er an einer Regatta teilnahm. Die Regatta wurde sofort
abgebrochen, und der Kaiser reiste alsbald nach Berlin. Damit fand auch
der Besuch eines britischen Geschwaders in Kiel ein vorzeitiges Ende.
Die Stellungnahme der deutschen Regierung zu den Ereignissen war durch
die bisherige Politik vorgezeichnet. Wir hatten uns auf die Gefahr,
in einen Krieg hineingezogen zu werden, in der bosnischen Krisis und
während des Balkankriegs aus Anlaß der südslawischen Bedrohung für
alle Welt sichtbar auf die Seite der Donaumonarchie gestellt und
wohl gerade durch diese unsere unzweideutige Haltung am meisten zur
Vermeidung des Krieges beigetragen. Niemand konnte erwarten, daß
dieses Mal unsere Haltung eine andere sein würde. Wohl war gerade in
den vorausgegangenen Monaten von Rußland her auf privatem Wege die
Andeutung gemacht worden: »Si vous pouviez vous décider à lâcher les
Autrichiens, nous pourrions lâcher la France;« -- aber, ganz abgesehen
von der Ungeheuerlichkeit des uns damit angesonnenen Treubruchs:
die Überzeugung von der Lebenswichtigkeit des Bündnisses mit der
Donaumonarchie und von der Notwendigkeit der Erhaltung eines starken
Österreich-Ungarn war bei uns in den maßgebenden Kreisen wie in dem
gesamten Volksbewußtsein so unbedingt fest, daß es ein Schwanken über
den jetzt einzuschlagenden Weg überhaupt nicht gab. Die Antwort, die
Österreich-Ungarn auf seine Anfrage von Deutschland erhielt, ergibt
sich aus folgenden Worten des später von der deutschen Regierung über
den Kriegsausbruch veröffentlichten Weißbuchs: »Aus vollem Herzen
konnten wir unserm Bundesgenossen unser Einverständnis mit seiner
Einschätzung der Sachlage geben und ihm versichern, daß eine Aktion,
die er für notwendig hielte, um der gegen den Bestand der Monarchie
gerichteten Bewegung in Serbien ein Ende zu machen, unsere Billigung
finden würde.«
Aus dieser Haltung hat die deutsche Regierung niemandem gegenüber ein
Hehl gemacht, weder gegenüber der eigenen Öffentlichkeit, noch auch
gegenüber den an der weiteren Entwicklung der Dinge interessierten
fremden Regierungen. Ich habe in jener Zeit aus Unterhaltungen
mit meinen Freunden im Auswärtigen Amt den bestimmtesten Eindruck
gewonnen, daß man dort fest davon überzeugt war, in Fortsetzung der
bisherigen Politik durch die offene Gewährung voller Rückendeckung an
Österreich-Ungarn die erstrebte Lokalisierung des drohenden Konfliktes
zwischen der Donaumonarchie und Serbien am sichersten erreichen zu
können.
Auf der andern Seite wollte man jede überflüssige Beunruhigung
vermeiden. Man sagte sich wohl, daß in solchen Zeiten kritischer
Hochspannung Beunruhigung und Mißtrauen sich wechselseitig steigern
und schließlich zu positiven Maßnahmen führen können, die gerade jene
Entwicklung, die man zu vermeiden wünscht, unvermeidlich machen.
Aus solchen Erwägungen heraus erklärt es sich, daß der Kaiser trotz der
noch gänzlich ungeklärten Lage am 6. Juli die Nordlandsreise antrat.
Man fürchtete, daß ein Aufgeben der jährlichen Nordlandsreise, für die
alle Dispositionen von langer Hand getroffen und bekannt waren, ein
Aufsehen erregt haben würde, das die friedliche Entwirrung der Lage
hätte erschweren müssen; man nahm ferner an, daß die von der Wiener
Regierung eingeleitete Untersuchung der mit dem Attentat von Serajewo
zusammenhängenden Vorgänge, auf deren Ergebnis Österreich-Ungarn
seine Forderungen an Serbien aufzubauen gedachte, und ebenso die
Vorbereitungen, die Österreich-Ungarn treffen mußte, um seinen
Forderungen Nachdruck zu geben, einige Zeit erfordern würden; und
schließlich rechnete man bei uns mit einer Zuversicht, die ich nach
meiner Einschätzung der für die weitere Entwicklung bestimmenden
Faktoren nicht ganz zu teilen vermochte, mit einem guten Ausgang, wie
er durch unser klares und festes Eintreten für den Bundesgenossen in
den früheren ähnlichen Lagen herbeigeführt worden war.
Meine eigne, weniger zuversichtliche Auffassung der Dinge erfuhr
in der weiteren Entwicklung durch allerlei Anzeichen, die in der
Öffentlichkeit merkwürdig wenig Beachtung fanden, immer mehr ihre
Bestätigung. Das große Publikum verharrte noch in einer für mich
von Tag zu Tag unbegreiflicheren Sorglosigkeit, als unsere offiziös
bediente Presse bereits deutliche Warnungssignale gab, als z. B.
die »Norddeutsche Allgemeine Zeitung« am 19. Juli in einem sehr
ernsten Artikel über Deutschlands Haltung ausführte, nur durch ein
rechtzeitiges Einlenken Serbiens könne eine Krisis vermieden werden,
deren Lokalisierung im Interesse der europäischen Solidarität
erwünscht und geboten sei.
In meinem Wirkungsbereich, in der Direktion der Deutschen Bank, habe
ich schon von den ersten Tagen des Juli an aus meiner Auffassung der
Lage die Folgerungen gezogen. Ich habe auf Zurückhaltung im Eingehen
neuer Verpflichtungen und auf eine tunlichste Stärkung der flüssigen
Mittel der Bank hingewirkt.
Am 23. Juli überreichte der österreichisch-ungarische Gesandte in
Belgrad der serbischen Regierung die Forderungen seiner Regierung mit
einer ausführlichen Begründung. Zur Beantwortung wurde Serbien eine
Frist von achtundvierzig Stunden gelassen.
Das Ultimatum, in Form und Inhalt überraschend schroff, zerriß für
die ganze Welt mit einem Schlag alle Nebel, die bisher den Ernst
der Lage noch verhüllt hatten. Jetzt war es für jedermann klar, daß
Österreich-Ungarn fest entschlossen war, auf jede Eventualität hin
Serbien gegenüber durchzugreifen, und daß der Friede Europas davon
abhänge, ob Rußland, das Serbiens Treiben bisher so offensichtlich
ermutigt hatte, beiseitestehen werde oder nicht. Mit einemmal stand
Europa im Zeichen der unmittelbaren Kriegsgefahr.
Es ist später die Frage aufgeworfen und lebhaft erörtert worden,
welche Rolle die deutsche Regierung und der Deutsche Kaiser bei jenen
Vorgängen gespielt haben.
Die deutsche Regierung hat alsbald nach der Bekanntgabe des
österreichisch-ungarischen Ultimatums an Serbien -- bei aller
Betonung ihrer Bundestreue gegenüber der Donaumonarchie und ihres
Wunsches, den Konflikt zu lokalisieren -- Wert darauf gelegt,
gegenüber der eigenen Öffentlichkeit und gegenüber den Regierungen
der Großmächte festzustellen, daß sie an der Abfassung des Ultimatums
nicht beteiligt gewesen sei und von seinen Einzelheiten vorher keine
Kenntnis gehabt habe. Das bedeutet, daß die deutsche Billigung der
von Österreich-Ungarn für notwendig gehaltenen Aktion, zu der sich
die Reichsregierung in ihrem Weißbuch ausdrücklich bekennt, nur die
grundsätzliche Bereitschaft enthielt, sich hinter Österreich-Ungarn
bei seiner Abwehr der gegen den Bestand der Monarchie gerichteten
großserbischen Bewegung zu stellen; daß aber eine Vereinbarung über die
Einzelheiten des von Österreich-Ungarn zu verfolgenden Aktionsprogramms
nicht stattgefunden hat.
Im Gegensatz zu dieser Bekundung der deutschen Regierung ist von
feindlicher Seite, in der Absicht, Deutschland als den Urheber des
Krieges hinzustellen, und später auch von gewissen deutschen Seiten
die Behauptung aufgestellt worden, die deutsche Regierung habe von
Anfang an bei der Abfassung des Ultimatums mitgewirkt und trage die
eigentliche Verantwortung für dessen eine friedliche Lösung kaum
mehr gestattende Schroffheit. Das Ultimatum wurde in Zusammenhang
gebracht mit einem Kronrat, der unter Vorsitz des Deutschen Kaisers
und unter Beteiligung österreichisch-ungarischer hoher Militärs --
genannt wurden der Erzherzog Friedrich und der Feldmarschall Conrad
von Hötzendorff -- am 5. Juli 1914 in Potsdam stattgefunden und die
Rollen in dem zum Kriege führenden Spiel verteilt haben soll. Auch
die bekannte Denkschrift des Fürsten Lichnowsky nimmt auf diesen
angeblichen Kronrat Bezug; desgleichen eine später von den Unabhängigen
Sozialdemokraten verbreitete und auch im Hauptausschuß des Reichstags
zur Sprache gekommene Aufzeichnung des Herrn Dr. Mühlon, der zu jener
Zeit stellvertretender Direktor bei Krupp war und der sich für seine
Darstellung auf Äußerungen bezieht, die ich ihm gegenüber damals in
einer vertraulichen Unterhaltung geschäftlichen Charakters gemacht
haben soll. Auch ein Bericht des bayrischen Legationsrates Dr. von
Schön, den der sozialistische bayrische Ministerpräsident Eisner im
November 1918 veröffentlicht hat, ist benutzt worden, um den Kaiser und
die deutsche Regierung als Anstifter des österreichisch-ungarischen
Ultimatums hinzustellen und die Bekundung, daß die deutsche Regierung
an der Abfassung des Ultimatums nicht beteiligt gewesen sei und von
seinen Einzelheiten vorher keine Kenntnis gehabt habe, Lügen zu strafen.
Mir ist über den tatsächlichen Hergang folgendes bekannt:
Nach dem Attentat von Serajewo hat die deutsche Regierung
sich rückhaltlos auf den von der österreichisch-ungarischen
Regierung vertretenen Standpunkt gestellt, daß der Bestand der
Donaumonarchie durch die großserbische Bewegung bedroht und die
österreichisch-ungarische Regierung berechtigt sei, wirksame Maßnahmen
gegen diese Bedrohung zu ergreifen. Die deutsche Regierung hat
ferner, an dem ersten Grundsatze der Reichspolitik festhaltend,
die Erhaltung Österreich-Ungarns als ein eigenes Lebensinteresse
angesehen und deshalb auch jetzt wieder der Wiener Regierung die
Zusicherung gegeben, daß Deutschland Österreich-Ungarn bei der Wahrung
seiner Lebensinteressen zur Seite stehen werde. Der Kaiser hat diese
Stellungnahme in den Besprechungen, die zwischen dem Attentat und
dem Antritt der Nordlandsreise stattfanden, gutgeheißen. Man war
sich klar darüber, daß diese Haltung das Deutsche Reich in einen
österreichisch-russischen Konflikt hineinziehen und damit den Weltkrieg
heraufbeschwören könne. Aber wie in den Jahren 1908/09 und 1912/13
hoffte man, der Gefahr eines österreichisch-russischen Konflikts
durch eine klare und entschiedene Stellungnahme am besten vorbeugen
zu können. Das alles konnte damals jedermann hören, der sich im
Auswärtigen Amt über den Stand der Dinge unterrichten wollte.
Die Legende von dem Potsdamer Kronrat ist schon im Juli 1914 in Berlin
in Umlauf gebracht worden, wie es scheint, durch Erzählungen des
Oberkellners eines bekannten Berliner Cafés, der seine Wissenschaft aus
einem von ihm bruchstückweise mitangehörten Gespräch hochgestellter
Gäste bezogen haben wollte. Die Legende ist offenbar daraus entstanden,
daß am 5. Juli der österreichisch-ungarische Botschafter Graf
Szögieny dem Deutschen Kaiser ein Handschreiben des Kaisers Franz
Joseph überreichte. In diesem Schreiben und einer ihm beigefügten
Denkschrift des Wiener Auswärtigen Ministeriums wurden die Gefahren
der Lage hervorgehoben und die Aufnahme Bulgariens an Stelle des
wankenden Rumänien in den Bund der Mittelmächte angeregt. In der vom
Auswärtigen Amt entworfenen Antwort wurde der Heranziehung Bulgariens
unter gewissen Vorbehalten zugestimmt; es wurden ferner Bemühungen
in Aussicht gestellt, um Rumänien beim Bündnis zu erhalten; zu dem
Konflikt mit Serbien wurde eine Stellungnahme abgelehnt, es wurde aber
betont, daß Deutschland gemäß dem Bündnis und der alten Freundschaft
treu zu Österreich-Ungarn stehen würde[6].
Ich habe später festzustellen Gelegenheit gehabt, daß weder der
Erzherzog Friedrich noch der Feldmarschall Conrad von Hötzendorff
damals in Berlin geweilt, geschweige denn an einem Kronrat in Potsdam
teilgenommen haben; daß der Kaiser an jenen Tagen überhaupt keine
österreichisch-ungarischen Militärpersonen empfangen hat; daß auch
ein Kronrat oder eine kronratähnliche Veranstaltung in ausschließlich
deutschen Kreisen damals nicht stattgefunden hat, vielmehr der Kaiser
sich vor dem Antritt der Nordlandsreise auf die Entgegennahme von
Einzelvorträgen, darunter auch des Vortrages des Reichskanzlers über
die politische Lage und über die Unzweckmäßigkeit einer Aufgabe der
Nordlandsreise, beschränkt hat.
Auch abgesehen von jenem nicht stattgefundenen Kronrat sind nähere
_Vereinbarungen_ mit der Wiener Regierung über die von dieser
zu unternehmende Aktion, wie mir späterhin von den beteiligten
Staatsmännern auf das bestimmteste erklärt worden ist, nicht getroffen
worden. Was die Wiener Regierung über ihre Absichten mitteilte,
hat sich auf allgemeine Richtlinien beschränkt: Untersuchung gegen
die der Beteiligung an dem Attentat Verdächtigen unter Mitwirkung
österreichisch-ungarischer Organe; Bestrafung der Schuldigen;
Sicherheiten für die Zukunft, insbesondere Unterdrückung der gegen
den Bestand der österreichisch-ungarischen Monarchie gerichteten
Propaganda. Für die Ausgestaltung dieser Forderungen im einzelnen
und für die Form, in der sie an Serbien gestellt werden sollten,
hat weder Wien die Berliner Zustimmung erbeten, noch Berlin
österreichische Mitteilungen verlangt. Man hat ein solches Vorgehen
angesichts des für das Deutsche Reich ungeheuren Einsatzes als
unbegreiflich bezeichnet; es scheint mir jedoch, daß bei einer
solchen Kritik nicht genügend gewürdigt wird, daß die deutsche
Regierung, indem sie von einer Vereinbarung der Einzelheiten und
der Form des österreichisch-ungarischen Vorgehens absah, nicht etwa
der Wiener Regierung eine Blankovollmacht ausstellte, sondern im
Gegenteil eine Festlegung der deutschen Politik auf die Einzelheiten
der österreichisch-ungarischen Aktion vermied und sich damit freie
Hand vorbehielt für die Beurteilung dessen, was bei der weiteren
Entwicklung der Dinge als notwendig für die Erhaltung des Bestandes
der österreichisch-ungarischen Monarchie anzusehen und von Deutschland
mitzuvertreten sei. Ich erinnere an die Lage im November 1912, in
der der Deutsche Kaiser in seinem oben angeführten Telegramm an
den Reichskanzler sich zwar nach wie vor bereit erklärte, für das
österreichisch-ungarische Lebensinteresse zu marschieren, nicht aber um
einer Laune des Verbündeten willen einen Weltkrieg heraufzubeschwören.
Und auch in der Krisis von 1914 hat, wie wir noch sehen werden, die
freie Hand, die sich die deutsche Regierung durch die Vermeidung des
Festlegens der Einzelheiten der österreichisch-ungarischen Aktion
gewahrt hat, dem Kaiser und dem Reichskanzler Gelegenheit gegeben, bei
Österreich-Ungarn ein Einlenken in Sachen des Ultimatums durchzusetzen,
ein Erfolg, der allerdings in seiner Wirkung durch den entschlossenen
Kriegswillen der russischen Kriegspartei vereitelt worden ist.
Noch bis zum Tag der Überreichung des Ultimatums in Belgrad waren meine
Freunde im Berliner Auswärtigen Amt im ungewissen, wie das Ultimatum
ausfallen werde. Als sein Text unmittelbar vor der Übergabe in Belgrad
in Berlin eintraf, war man im Auswärtigen Amt von seiner Schärfe
sichtlich überrascht.
Der Kaiser hat mir späterhin, längst ehe die Frage seiner angeblichen
Schuld am Kriege in Deutschland eine Rolle spielte, wiederholt von den
damaligen Vorgängen erzählt. Er habe sich, um nicht durch unnötige
Beunruhigung die Lage zu erschweren, auf den Rat des Kanzlers und des
Auswärtigen Amtes entschlossen, die Nordlandsreise anzutreten. Das
Auswärtige Amt habe ihm über den weiteren Verlauf der Dinge spärliche
und durchaus zuversichtliche Berichte geschickt, auf Grund deren er die
Hoffnung gehegt habe, daß sich alles friedlich erledigen werde. Der
Wortlaut des österreichisch-ungarischen Ultimatums habe ihn aus dieser
Hoffnung herausgerissen. Er habe, alsbald nachdem er Kenntnis von
dem Wortlaut erhalten habe, ohne weitere Nachrichten des Auswärtigen
Amts abzuwarten, die sofortige Rückkehr nach der Heimat befohlen. »In
Berlin eingetroffen,« fügte er hinzu, »habe ich mich sofort an die
Telegraphenstrippe gehängt und beim Zaren, beim König von England und
beim Kaiser Franz Joseph alles versucht, um das Verhängnis aufzuhalten.
Das wäre mir auch gelungen, wenn nicht der unselige Zar sich die
Mobilmachungsorder hätte abpressen lassen.«
Ich habe aus meinen eignen Wahrnehmungen in der kritischen Zeit
den Eindruck gewonnen, daß den leitenden Kreisen in Deutschland
nichts ferner lag, als einen Krieg herbeiführen zu wollen. Wenn der
deutschen Politik in jener Zeit ein Vorwurf zu machen ist, so ist es
vielmehr der, daß sie die Gefahr des Krieges nicht ernst genug ins
Auge faßte, sondern zu sehr von der friedlichen Lösung des Konfliktes
überzeugt war, und daß deshalb weder militärisch, noch diplomatisch,
noch wirtschaftlich die in Hinblick auf die Möglichkeit des Kriegs
erforderlichen Vorbereitungen getroffen worden sind.
In militärischer Beziehung liegt mir hierfür ein merkwürdiges Dokument
vor. In einer Sitzung des Hauptausschusses des Reichstages im Jahre
1917 hatte der Unabhängige Sozialdemokrat Dr. Cohn-Nordhausen die
Behauptung aufgestellt, im Anschluß an den angeblichen Kronrat vom 5.
Juli 1914 seien alsbald militärische Vorkehrungen getroffen, u. a.
die sofortige kriegsmäßige Verproviantierung der elsaß-lothringischen
Festungen angeordnet worden. Das gab mir Veranlassung, das
Kriegsministerium um Feststellung des Tatbestandes zu bitten. Es
stellte sich heraus, daß in der Tat wenige Tage nach dem 5. Juli
1914 ein Erlaß über die Verproviantierung der elsässischen Festungen
hinausgegangen war. Dieser Erlaß lautete wie folgt:
Armee-Verwaltungs-Departement
237/14 geh. B 2. Berlin, 9. Juli 1914.
_Geheim!_
Zu Nr. 476/14. M. II.
Versorgungsfrist für die Festungen
Straßburg und Neubreisach.
Dem Antrage auf Hinausschiebung des kürzesten Verproviantierungstermins
für die Festung Straßburg vom 12. auf den 20. und für die Festung
Neubreisach vom 8. auf den 15. Mobilmachungstag wird unter den dargelegten
Umständen, jedoch nur notgedrungen, vorläufig zugestimmt. Auf Verkürzung
dieser Fristen ist daher unausgesetzt und mit allen zu Gebote stehenden
Mitteln hinzuwirken. Zum 1. April 1915 ist zu berichten, ob und unter
welchen inzwischen eingetretenen Umständen eine Verkürzung der Fristen
zulässig ist.
I. V.
(Unterschrift.)
An die Königl. Intendantur
des XV. Armeekorps.
Das Armee-Verwaltungs-Departement des Preußischen Kriegsministeriums
hat also noch elf Tage nach dem Attentat von Serajewo und vier Tage
nach dem angeblichen Kronrat, der den Krieg beschlossen haben soll, die
Verproviantierungsfristen der elsässischen Festungen, vorläufig und
auf Widerruf um eine Woche verlängert! Ein stärkerer Beweis dafür ist
kaum möglich, daß unsern leitenden Kreisen der Gedanke, einen Krieg
heraufzubeschwören, gänzlich fernlag, ja daß sie im Vertrauen auf die
Erhaltung des Friedens Maßnahmen guthießen, die das Gegenteil der an
sich durch die Lage gebotenen Vorbereitungen für die Möglichkeit des
Krieges waren.
Auf diplomatischem Gebiet muß es jedem tiefer in die Dinge eintretenden
Beobachter auffallen, daß bei unserm italienischen Verbündeten vor der
Überreichung des Ultimatums in Belgrad offenbar keinerlei Versuche
gemacht worden sind, ihn auf eine Mitwirkung oder wenigstens eine
wohlwollende Neutralität durch bindende Abmachungen festzulegen.
Wenigstens ergibt sich aus den italienischen Veröffentlichungen zur
Vorgeschichte des Kriegs dafür nicht nur kein positiver Anhalt;
vielmehr läßt sich aus der Beschwerde darüber, daß Italien von den
österreichisch-ungarischen Absichten entgegen früheren Zusagen nicht
rechtzeitig unterrichtet worden sei, nur der Schluß ziehen, daß die
beiden Mittelmächte in der Tat an Italien nicht herangetreten sind.
Bei den bekannten Empfindlichkeiten und Aspirationen Italiens wäre,
falls die Mittelmächte einen Krieg hätten heraufbeschwören wollen
oder falls sie auch nur ernstlich die Möglichkeit des Krieges aus der
serbischen Veranlassung heraus ins Auge gefaßt hätten, der Versuch der
grundsätzlichen Verständigung mit Italien über das geplante Vorgehen
eine elementare Notwendigkeit gewesen. An Kompensationsobjekten fehlte
es nicht; man braucht nur an die albanische Frage zu denken. Und der
Vorteil eines von vornherein sich klar und unzweideutig auf die Seite
der Mittelmächte stellenden Italien wäre, wenn man den Kriegsfall
ernstlich ins Auge faßte oder gar den Kriegsfall herbeiführen
wollte, eine Kompensation wert gewesen. Es scheint mir hier in der
diplomatischen Vorbereitung des Krieges eine Unterlassung vorzuliegen,
die nur erklärlich ist aus dem festen Vertrauen der deutschen
Staatsmänner in die Erhaltung des Friedens.
Auch wirtschaftlich ist in jener Zeit nichts geschehen, was nach
Vorbereitung für einen Krieg ausgesehen hätte. Man hat nichts getan, um
unsere Bestände an Nahrungsmitteln und kriegsnotwendigen Rohstoffen,
wie Stickstoff, Wolle und Baumwolle, Kupfer, Nickel, Kautschuk usw.
aufzufüllen; man hat keinen Finger gerührt, um auch nur die Einfuhr der
in Antwerpen und Rotterdam mit Bestimmung für Deutschland lagernden
Waren einigermaßen zu beschleunigen. Man hat im Gegenteil geduldet,
daß noch kurz vor Kriegsausbruch Nahrungsmittel und kriegswichtige
Stoffe unsern Gegnern zugeführt worden sind, insbesondere daß noch im
Monat Juli große Quantitäten von Brotgetreide aus dem Reichsgebiet nach
Frankreich ausgeführt wurden.
Ist ein solches Verhalten denkbar bei einer Regierung, die einen Krieg
herbeiführen will? -- Die Frage beantwortet sich von selbst. Nur die
felsenfeste Überzeugung, daß es gelingen werde, den Frieden zu erhalten
-- eine Überzeugung, die jede Absicht, auf den Krieg loszusteuern,
unbedingt ausschließt --, läßt das Unterlassen aller militärischen,
diplomatischen und wirtschaftlichen Kriegsvorbereitungen überhaupt
erklärlich erscheinen. --
Die Aufnahme, die das österreichisch-ungarische Ultimatum an Serbien
bei Rußland fand, mußte sofort erkennen lassen, daß die Hoffnung auf
Erhaltung des Friedens an einem schwachen Faden hing. Die Lokalisierung
des österreichisch-serbischen Konflikts war die Voraussetzung aller
Friedenshoffnungen. Die russische Regierung ließ jedoch bereits
am Tage nach der Überreichung des Ultimatums, am 24. Juli 1914,
bekanntgeben, daß der österreichisch-serbische Konflikt Rußland »nicht
indifferent lassen« könne. Durch spätere Veröffentlichungen[7] wissen
wir, daß an demselben 24. Juli der russische Minister des Auswärtigen
dem serbischen Gesandten in Petersburg erklärte, daß Rußland in
keinem Fall aggressive Handlungen Österreich-Ungarns gegen Serbien
zulassen werde. Das war eine Ermunterung Serbiens zum Widerstand
gegen die österreichisch-ungarischen Forderungen, die ihre Wirkung
nicht verfehlte. Gedeckt durch Rußland gab Serbien auf das Ultimatum
am 25. Juli eine Antwort, die bei scheinbar weitem Entgegenkommen
in wesentlichen Punkten die österreichisch-ungarischen Forderungen
umging oder ablehnte. Der österreichisch-ungarische Gesandte
forderte daraufhin alsbald seine Pässe und verließ Belgrad. Schon
vor der Übergabe ihrer Antwortnote hatte die serbische Regierung die
Mobilmachung verfügt.
Damit war der bewaffnete Zusammenstoß zwischen Österreich-Ungarn
und Serbien so gut wie unabwendbar geworden, der Konflikt zwischen
Österreich-Ungarn und Rußland war vor aller Welt erklärt.
Es kann hier nicht meine Aufgabe sein, alle die Phasen darzustellen,
die der russisch-österreichische Konflikt in den acht Tagen bis
zum Kriegsausbruch durchlaufen hat. Die Vorgänge sind von den
verschiedensten Seiten eingehend geschildert worden, auch von mir
in meiner Arbeit über »Die Entstehung des Weltkriegs im Lichte der
Veröffentlichungen der Dreiverbandsmächte«. An dieser Stelle steht im
Vordergrund, was ich aus persönlichen Wahrnehmungen zur Bestätigung und
Aufhellung der Vorgänge beitragen kann.
Es fügte sich, daß ich Gelegenheit hatte, am Abend des 26. Juli,
also am Abend nach der Überreichung der von Österreich-Ungarn
als Ablehnung behandelten serbischen Antwortnote, mich mit einer
russischen Persönlichkeit, die enge Beziehungen zu den maßgebenden
Regierungskreisen hatte, über die politische Lage eingehend unterhalten
zu können.
Der früher bereits erwähnte Präsident des Direktoriums der Russischen
Bank für auswärtigen Handel, Herr Davydoff, teilte telegraphisch mit,
daß er am Sonntag, 26. Juli, abends 11 Uhr, für ganz kurzen Aufenthalt
in Berlin eintreffen werde und großen Wert darauf lege, meinen Kollegen
Mankiewitz, zu dessen Geschäftskreis in der Direktion der Deutschen
Bank die russischen Geschäfte gehörten, und mich möglichst bald nach
seiner Ankunft zu sprechen. Herr Mankiewitz und ich suchten Herrn
Davydoff alsbald nach seiner Ankunft im Hotel Adlon auf. Die Fenster
seines Salons gingen nach den Linden. Von der Straße herauf brauste das
Gewoge der Volksmenge, die sich, wie schon am Abend vorher, in großer
Erregung und vaterländische Lieder singend durch die Hauptstraßen der
inneren Stadt bewegte.
Herr Davydoff empfing uns sichtlich beeindruckt durch die Kundgebungen,
deren Zeuge er auf der Fahrt vom Bahnhof nach dem Hotel gewesen
war. Schon aus seinen ersten Worten ergab sich, daß er nicht in
geschäftlichen Angelegenheiten nach Berlin gereist war, sondern zu
Zwecken der politischen Orientierung, und zwar mit Wissen und im
Auftrag maßgebender russischer Kreise.
Er berief sich auf seine langjährigen Bemühungen um die Herstellung
eines guten Verhältnisses zwischen Deutschland und Rußland und bekannte
seine großen Besorgnisse wegen der Weiterentwicklung der serbischen
Angelegenheit. Die größte Gefahr liege darin, daß in Petersburg nahezu
an allen Stellen die Überzeugung bestehe, daß die deutsche Regierung
Österreich-Ungarn zu seinem Vorgehen gegen Serbien aufgestachelt habe
und der eigentliche Verfasser des Ultimatums sei; daß die Aktion
gegen Serbien nur ein Glied in der Kette unfreundlicher Handlungen
Deutschlands gegen Rußland bedeute, und daß, wenn Rußland sich jetzt
füge, in kurzer Zeit neue Demütigungen folgen würden. Diese gefährliche
Auffassung werde mit Nachdruck und Erfolg von Iswolski vertreten,
der mit ihm von Petersburg hierher gereist sei und direkt nach Paris
weiterfahre. Er fügte hinzu, daß er von dem Wiedereintreffen Iswolskis
in Paris Schlimmes befürchte.
Ich trat der Auffassung, als ob Deutschland Rußlands Demütigung
suche, mit Entschiedenheit entgegen. Davydoff, der sich selbst
mit dieser Auffassung nicht identifizierte, konnte an Fällen, in
denen Deutschland die russischen Wege gekreuzt habe, außer unserem
Eintreten für unsern österreichisch-ungarischen Bundesgenossen in
den verschiedenen serbischen Konfliktsfällen nur die Angelegenheit
der deutschen Militärmission für Konstantinopel nennen, in der doch
Deutschland sich schließlich dem bei uns als unberechtigt empfundenen
russischen Einspruch gefügt hatte. Auch der Auffassung, als ob die
deutsche Regierung Österreich-Ungarn vorgeschoben hätte und der
eigentliche Verantwortliche für das Belgrader Ultimatum sei, konnte
ich nach meiner eigenen Kenntnis der Vorgänge widersprechen und
dabei auf die von den deutschen Botschaftern bei den verschiedenen
Regierungen abgegebenen Erklärungen, die Davydoff noch nicht kannte,
hinweisen. Davydoff erwartete eine gute Wirkung davon, wenn er die
offiziellen Erklärungen durch Berufung auf Mitteilungen von seiner
Regierung bekannten Privatpersonen bekräftigen könne. Ich erklärte
mich gern damit einverstanden, daß er meine Äußerung in diesem Sinne
verwerte. Ich bat ihn jedoch, zur Vermeidung einer jeden Zweideutigkeit
hinzuzufügen, daß man in Deutschland, wenn unsre Regierung auch an
dem österreichisch-ungarischen Ultimatum nicht mitgewirkt habe,
unverrückbar auf dem Standpunkt stehe, daß Österreich-Ungarn in seinem
Rechte sei und daß niemand Österreich-Ungarn hindern dürfe, sein
Verhältnis zu Serbien nach seinen Lebensinteressen zu ordnen.
Im weiteren Verlauf der Unterhaltung suchte Davydoff meine Ansicht
darüber zu erfahren, ob Österreich-Ungarn durch Deutschland nicht zu
einer Milderung seiner Note veranlaßt werden könnte. Als ich dies
nach dem Stand der Dinge als unwahrscheinlich bezeichnete, ließ er
durchblicken, es komme in dieser Sache weniger darauf an, den Serben
entgegenzukommen, als darauf, Rußland einen Ausweg aus der furchtbaren
Situation zu zeigen, die sonst unvermeidlich zum Weltkrieg führen
müsse. Es gebe, wie mir bekannt sei, in Rußland eine sehr starke und
einflußreiche Kriegspartei; wir Deutschen hätten das Interesse, der
Friedenspartei und allen denjenigen, die ein dauernd gutes Verhältnis
zu Deutschland wünschen, zu helfen und ein Auskunftsmittel zu suchen,
das es Rußland möglich mache, ohne Krieg das Gesicht zu wahren.
Ich versprach, mein Bestes zu tun, und behielt mir vor, am nächsten
Morgen auf diese Anregung zurückzukommen und vielleicht einen Vorschlag
zu machen.
Es war inzwischen fast halb zwei Uhr geworden. Im Begriff, mich zu
verabschieden, fragte ich Davydoff nach seinen weiteren Dispositionen.
Davydoff antwortete, er wolle Dienstag abend abreisen, also Donnerstag
in Petersburg zurück sein. Auf meine Bemerkung: »Und Sie glauben,
daß bis dahin nichts Entscheidendes und Unwiderrufliches passiert?«
antwortete er: »Ich glaube, es wird nichts Entscheidendes geschehen;
wir werden wohl einen Teil unserer Armee mobil machen, aber --«
Ich fiel ihm ins Wort: »Sie meinen also, eine russische Mobilmachung
sei nichts Entscheidendes? -- Da bin ich allerdings anderer Ansicht.
Ich bin auf das bestimmteste überzeugt, daß eine russische Mobilmachung
die deutsche Mobilmachung zur sofortigen Folge hat.«
Davydoff: »Nun und --? Dann demobilisiert man wieder! Das kostet zwar
Geld, braucht aber doch noch kein Blut zu kosten.«
Mir war bekannt, daß unsere Regierung aus zwingenden militärischen
Gründen die russische Mobilmachung als gleichbedeutend mit dem
Kriegsfall ansah. An demselben 26. Juli, an dessen Abend ich diese
Unterredung mit Herrn Davydoff hatte, war unser Botschafter in
Petersburg angewiesen worden, der russischen Regierung eine Erklärung
abzugeben, in der es hieß:
»Vorbereitende militärische Maßnahmen Rußlands werden uns zu
Gegenmaßnahmen zwingen, die in der Mobilisierung der Armee bestehen
müssen. Die Mobilisierung aber bedeutet den Krieg. Da uns Frankreichs
Verpflichtungen gegenüber Rußland bekannt sind, würde die Mobilmachung
gegen Rußland und Frankreich gerichtet sein. Wir können nicht annehmen,
daß Rußland einen solchen europäischen Krieg entzünden will.«
Daß diese deutsche Auffassung auch von den Verbündeten Rußlands
als ganz selbstverständlich anerkannt wurde, zeigt der Bericht des
britischen Gesandten in Petersburg vom 25. Juli (Blaubuch Nr. 17), in
dem es heißt:
»I said all I could to impress prudence on the Minister for foreign
Affairs, and warned him that, if Russia mobilised, Germany would not
be content with mere mobilisation, or give Russia time to carry out
hers, but would probably declare war at once.« (Ich sagte alles, was
ich konnte, um dem Minister des Auswärtigen Vorsicht nahezulegen, und
warnte ihn, daß im Falle einer russischen Mobilisation Deutschland
sich nicht auf eine bloße Mobilisation beschränken oder Rußland Zeit
zur Durchführung der seinigen geben, sondern wahrscheinlich sofort den
Krieg erklären werde.)
Daß die leitenden militärischen Kreise in Rußland selbst die
eigne Mobilmachung als gleichbedeutend mit der Kriegserklärung
an Deutschland ansahen, ist später außer Zweifel gestellt worden
durch eine von uns in Polen aufgefundene Anweisung des russischen
Kriegsministers vom September 1912, lautend: »Allerhöchst ist befohlen,
daß die Verkündigung der Mobilmachung zugleich die Verkündigung des
Krieges gegen Deutschland ist.«
Die russische Mobilmachung war also -- das war damals auch meine
innerste Überzeugung -- von allen für den weiteren Verlauf der Dinge
zu befürchtenden Komplikationen die verhängnisvollste; sie mußte allen
Versuchen, den Frieden zu erhalten, ein kurzes Ende bereiten. Es gab
mir damals einen förmlichen Ruck, Herrn Davydoff so leichthin über
diese Möglichkeit sprechen zu hören.
»Sie können überzeugt sein,« antwortete ich ihm, »daß die Mobilmachung
den sofortigen Krieg bedeutet.«
Davydoff war stark betroffen.
Nach einer kurzen Pause des Schweigens äußerte er Zweifel. Ich
verwies ihn darauf, daß unsere raschere Mobilmachung uns gegenüber
der russischen Überzahl einen Vorsprung gebe, der durch kein
Zaudern verloren werden dürfe; davon sei Zivil und Militär bei uns
durchdrungen. Deshalb sei Mobilisieren und Losschlagen für uns
gleichbedeutend.
Davydoff überzeugte sich von dem Ernst der Sache. Er erklärte diesen
Punkt für so außerordentlich wichtig, daß er noch in der Nacht darüber
nach Petersburg telegraphieren müsse.
Am nächsten Vormittag, Montag, 27. Juli, machte ich dem
Unterstaatssekretär Zimmermann von der nächtlichen Unterhaltung mit
Herrn Davydoff Mitteilung und fragte ihn, welche Andeutungen ich
eventuell Herrn Davydoff über einen Ausweg machen könne, der nach
seinem Wunsch Rußland ermöglichen solle, »das Gesicht zu wahren«. Das
Ergebnis der Besprechung mit Zimmermann war, daß ich Herrn Davydoff als
meine persönliche Anregung nachstehenden Gedanken mitteilte:
Österreich-Ungarn hat in seiner Zirkularnote an die Mächte gesagt, daß
es das Beweismaterial für den der Note an Serbien zugrundeliegenden
Tatbestand zur Verfügung der Regierungen halte. Da die russische
Regierung Zweifel in die Richtigkeit der von Österreich-Ungarn
behaupteten Tatsachen setze, bleibe vielleicht die Möglichkeit,
der Wiener Regierung zu suggerieren: Die österreichisch-ungarische
Regierung teilt sua sponte und ohne eine Anfrage der russischen
Regierung abzuwarten, dieser ihr Beweismaterial mit. Die russische
Regierung könne, wenn es ihr auf einen Ausweg aus der Sackgasse
ankomme, diesen freundschaftlichen Schritt benutzen, um sich für
überzeugt zu erklären und Österreich-Ungarn freie Hand für ein Vorgehen
gegen Serbien zu lassen.
Davydoff griff den Gedanken auf und meinte, Rußland müsse wohl außerdem
darüber vergewissert werden, daß die österreichisch-ungarische Aktion
keine Verschiebung des Gleichgewichts auf dem Balkan zur Folge haben
werde. Auf meinen Hinweis, daß Österreich-Ungarn bereits feierlich
erklärt habe, daß es keine territorialen Ziele verfolge, antwortete er,
daß es vielleicht möglich wäre, noch zu präzisieren und zu ergänzen, um
dadurch Rußland den Rückzug zu erleichtern.
Im Einverständnis mit Zimmermann setzte ich mich dann mit dem
österreichisch-ungarischen Botschaftsrat Baron Haimerle in Verbindung.
Baron Haimerle sagte mir, daß die Beweise für die in der Note an
Serbien aufgeführten Tatsachen in Form eines Mémoires von der Wiener
Regierung den sämtlichen Großmächten in den nächsten Tagen zugestellt
werden sollten. Damit werde meiner Anregung in der Sache entsprochen.
Darüber hinaus seiner Regierung einen besonderen Schritt gegenüber
Rußland zu empfehlen, lehnte er ab, da in der augenblicklichen Lage
jeder besondere Schritt Österreich-Ungarns gegenüber Rußland als
Schwäche ausgelegt werde und damit die Entwirrung der Lage erschwere.
Ich legte nun -- immer im Einverständnis mit dem Unterstaatssekretär
Zimmermann -- Herrn Davydoff, der mich um eine Formulierung gebeten
hatte, die er nach Petersburg telegraphieren könne, folgende Fassung
vor:
»Dr. Helfferich glaubt Grund zu der Annahme zu haben, daß die
österreichisch-ungarische Regierung spontan der russischen Regierung,
und ebenso den Regierungen der übrigen Großmächte, das Material
betreffend die Verschwörung gegen das Leben des Erzherzogs Franz
Ferdinand und deren Zusammenhang mit der großserbischen Agitation
vorlegen wird, um auf diese Weise den Regierungen Gelegenheit zu geben,
sich von der Richtigkeit der in der Note an Serbien aufgeführten
Tatsachen und von der Berechtigung der Forderungen Österreich-Ungarns
zu überzeugen.«
Ich war mir ganz klar darüber, daß dieser Strohhalm äußerst dünn
war. Trotzdem äußerte Davydoff, nachdem er die Fassung aufmerksam
durchgelesen hatte: »Das ist immerhin schon recht viel.«
Auch am folgenden Tag bezeichnete Davydoff den von mir suggerierten
Weg als gangbar und erklärte, daß er in Petersburg dafür eintreten
werde, daß man diesen Weg benutze. Er äußerte ferner bei dieser letzten
Unterredung, daß er sich ganz besonders viel von einer Initiative
des Kaisers gegenüber dem Zaren, der hierfür sehr zugänglich sei,
verspreche.
Unmittelbar vor seiner Abreise am Abend des 28. Juli ließ mir Davydoff
noch bestellen, er habe in der russischen Botschaft eine hoffnungsvolle
Mitteilung über die letzte Unterhaltung zwischen Ssasonoff und dem
Grafen Pourtalès gesehen. Beide Staatsmänner hätten sich gegenseitig
zugesagt, daß beiderseits zunächst keine weiteren militärischen
Vorbereitungen getroffen werden sollten.
Zimmermann war von einem solchen Austausch von Zusagen über ein
beiderseitiges Unterlassen militärischer Vorbereitungen nichts
bekannt. Vom Grafen Pourtalès liege kein Bericht vor, der auf etwas
Derartiges schließen lasse; im Gegenteil, es häuften sich die
Nachrichten, daß die Russen auch an unserer Grenze mobil machten.
Auf meine Mitteilung der Anregung Davydoffs, ob der Kaiser dem Zaren
gegenüber nicht eine Initiative ergreifen wolle, sagte mir Zimmermann,
daß der Kaiser aus eigenem Antrieb bereits einen sehr herzlichen
Friedensappell an den Zaren gerichtet habe.
In der Tat war die russische Friedenspartei, die sich wohl
hauptsächlich um Kokowzoff gruppierte und in deren Auftrag Davydoff --
wie ich ohne weiteres annehme, guten Glaubens und mit dem besten Willen
-- sich betätigte, zu schwach, um die Partie gegen die übermächtig
gewordene russische Kriegspartei durchzuhalten. Der Minister des
Auswärtigen, Herr Ssasonoff, besorgte, wie später aus den verschiedenen
amtlichen Veröffentlichungen und vor allem auch aus den Aussagen im
Ssuchomlinoff-Prozeß einwandfrei bekannt geworden ist, zusammen mit dem
Kriegsminister Ssuchomlinoff und dem Generalstabschef Januschkewitsch
unbeirrbar die Geschäfte der Kriegspartei. Schon am 24. Juli, dem Tag
nach der Übergabe des Ultimatums, hatte er den Botschaftern Englands
und Frankreichs erklärt, daß Rußland die Mobilmachung, über die ein
Kronrat am nächsten Tage beschließen werde, unter allen Umständen
durchführen werde. Ein solcher Beschluß ist in der Tat am 25. Juli
gefaßt worden, und zwar mindestens für die südlichen und südöstlichen
Gouvernements. Der Beschluß wurde vor Deutschland und Österreich-Ungarn
zunächst geheimgehalten. Ebenso wie Davydoff mir am 28. Juli abends
Mitteilung von einer angeblich in Petersburg erfolgten Verständigung
darüber machen ließ, daß weitere militärische Vorbereitungen
unterbleiben sollten, hatte schon am 27. Juli der russische
Kriegsminister dem deutschen Militärattaché beruhigende Versicherungen
gegeben. In Wirklichkeit wurde am 29. Juli der Welt die Mobilisierung
der Korps von Odessa, Kiew, Moskau und Kasan als vollzogene Tatsache
mitgeteilt, und die Nachrichten, daß die Mobilisierung in den an
Deutschland angrenzenden Gouvernements in vollem Gange sei, wurden
immer zahlreicher und bestimmter.
Die Hoffnung auf ein Dazwischentreten des Zaren konnte bei der
bekannten Willensschwäche dieses Herrschers nicht allzu hoch
veranschlagt werden. Sein erstes Antworttelegramm an unsern Kaiser
bestätigte diese Auffassung.
So gab es nur noch eines, was die russische Kriegspartei von der
Entfesselung des Krieges abhalten konnte: ein starker Druck Frankreichs
und Englands zugunsten des Friedens.
Österreich-Ungarn hatte einer solchen Einflußnahme Frankreichs und
Englands die Wege geebnet durch seine alsbald nach Überreichung des
Ultimatums abgegebene Erklärung, daß es weder eine territoriale
Vergrößerung noch eine Beeinträchtigung der Integrität Serbiens,
sondern nur seine eigene Sicherheit erstrebe. Als aber der deutsche
Botschafter unter Hinweis auf diese Erklärung an die französische
Regierung herantrat, um dieser anheimzustellen, bei der russischen
Regierung im Interesse des Friedens zu intervenieren (26. Juli), da
lehnte die französische Regierung diese Anregung mit der Begründung
ab, Rußland habe keinen Anlaß zu Zweifeln an seiner Mäßigung gegeben;
aber Deutschland möge bei seinem Bundesgenossen intervenieren, um
ihn von militärischen Operationen gegen Serbien abzuhalten. Aus
keinem der zahlreichen von den Ententeregierungen über den Ursprung
des Krieges veröffentlichten Dokumenten ergibt sich ein Anhalt
dafür, daß die französische Regierung in irgendeinem Stadium der
Krisis auch nur den kleinen Finger gerührt habe, um auf Rußland in
versöhnlichem Geiste einzuwirken und es von den mit ihrer Kenntnis
eingeleiteten militärischen Maßnahmen, die den Krieg bringen mußten,
zurückzuhalten. Das ganze Bestreben der französischen Regierung in
jener Zeit war darauf gerichtet, von der britischen Regierung formelle
und bindende Zusicherungen darüber zu erhalten, daß England im Falle
des Kriegsausbruchs sofort auf der Seite Frankreichs und Rußlands
eingreifen werde.
Bei dieser Sachlage hielt England die Entscheidung in den Händen. Die
britische Regierung hatte die Wahl, entweder durch eine Aufmunterung
an Frankreich und Rußland, vielleicht auch schon durch ein passives
Gewährenlassen, den Krieg zu entzünden, oder durch eine nachdrückliche
Bekundung, daß sie wegen der österreichisch-serbischen Angelegenheit
nicht in den Krieg gehen werde, den Brand im Keime zu ersticken.
Die Nachrichten, die in jenen Tagen aus London herüberkamen, amtliche
und private, ließen zunächst einige Hoffnung, daß die britische
Regierung, insbesondere Sir Edward Grey, sich ernstlich im Interesse
des Friedens bemühen werde. Es sickerte durch, daß England dem Drängen
Rußlands und Frankreichs nach einer sofortigen Solidaritätserklärung
einigen Widerstand entgegengesetzt hatte. In der Tat billigte Sir
Edward Grey ausdrücklich die am 24. Juli von Sir George Buchanan
in Petersburg gegenüber Ssasonoff gemachten Ausführungen, daß die
britische öffentliche Meinung einen Krieg wegen der serbischen
Streitfrage nicht sanktionieren werde. Allerdings sprach er sich auf
der andern Seite scharf mißbilligend über das österreichisch-ungarische
Ultimatum an Serbien aus und betonte, daß die serbische Antwort der
Wiener Regierung hätte genügen müssen; desgleichen legte er dem
deutschen Botschafter nahe, daß die deutsche Regierung im Sinne des
Friedens auf Wien Einfluß nehmen müsse.
Letzteres ist von deutscher Seite geschehen, nachdem die deutsche
Regierung den Vorschlag Greys, die österreichisch-serbische
Angelegenheit einer Konferenz, bestehend aus Grey als Vorsitzendem
und den Botschaftern Frankreichs, Deutschlands und Italiens,
zu unterbreiten, mit dem Hinweis darauf abgelehnt hatte, daß
nach Petersburger Nachrichten Herr Ssasonoff einen direkten
Meinungsaustausch mit dem Grafen Berchtold beabsichtige, dessen
Ergebnis zweckmäßigerweise zunächst abgewartet werden müsse. Sir Edward
Grey hat diesen Hinweis als berechtigt anerkannt; er telegraphierte am
28. Juli an den britischen Botschafter in Berlin, daß er jeden andern
Vorschlag suspendieren wolle, da der direkte Meinungsaustausch den
Vorzug vor allen andern Methoden verdiene.
Aber ehe noch dieser direkte Meinungsaustausch in Fluß kam und ehe
eine deutsche Einwirkung auf Wien sich zeigen konnte, hatte die
englische Regierung Schritte getan, die nur als direkte Aufmunterung
Rußlands und Frankreichs wirken konnten. Ich erwähne die am 28. Juli
erfolgte Bekanntgabe der Aufrechterhaltung des mobilen Zustandes der
zu Manöverzwecken in Portland konzentrierten Nordseeflotte, ferner die
Unterhaltung Sir Edward Greys mit dem französischen Botschafter am
Vormittag des 29. Juli, in der Sir Edward Grey Herrn Cambon eröffnete:
er habe die Absicht, dem deutschen Botschafter zu sagen, daß er sich
durch den freundschaftlichen Ton der bisherigen Unterhaltung nicht
irreführen lassen dürfe zu irgendeinem Gefühl falscher Sicherheit, daß
England beiseite stehen werde, wenn alle Anstrengungen, den Frieden
zu erhalten, die England jetzt in Gemeinschaft mit Deutschland mache,
scheitern sollten.
Mit dieser Eröffnung Greys an Paul Cambon waren die Würfel zugunsten
des Krieges gefallen. Jetzt glaubte der französische Botschafter
über das sofortige Eingreifen Englands in den Krieg an der Seite
Frankreichs und Rußlands vergewissert zu sein. Noch am Abend desselben
Tages konnte die russische Regierung Herrn Iswolski beauftragen, der
französischen Regierung die aufrichtige Erkenntlichkeit der russischen
Regierung für die Erklärung der unbedingten Waffenhilfe auszudrücken
(russ. Orangebuch Nr. 58). Schon am 25. Juli hatte Ssasonoff dem
englischen Botschafter erklärt: »Wenn Rußland der Hilfe Frankreichs
sicher ist, wird es alle Risiken des Krieges auf sich nehmen« (engl.
Blaubuch Nr. 17). Jetzt hatte Herr Ssasonoff diese Sicherheit von der
französischen Regierung erhalten, nachdem diese am Morgen des gleichen
Tags durch die Eröffnung Greys an Paul Cambon über die englische Hilfe
vergewissert war.
In Berlin traf der Bericht über die Unterhaltung zwischen Sir Edward
Grey und dem Fürsten Lichnowsky in der Nacht auf den 30. Juli ein.
Der Inhalt deckte sich mit der Ankündung Greys an Cambon. Ich gewann,
als ich am Vormittag des 30. Juli das Auswärtige Amt besuchte, den
Eindruck, daß auch die Optimisten, die bisher immer noch an »russischen
Bluff« geglaubt hatten, jetzt zur Erkenntnis des ganzen Ernstes
der Lage gekommen waren. Man setzte jetzt den schwachen Rest von
Hoffnungen, die man noch für die Erhaltung des Friedens hatte, auf die
im Einvernehmen mit Sir Edward Grey in Wien eingeleitete Aktion.
Schon am 28. Juli hatte der Deutsche Kaiser an den Zaren telegraphiert,
er setze seinen ganzen Einfluß ein, um Österreich-Ungarn dazu zu
bestimmen, eine offene und befriedigende Verständigung mit Rußland
anzustreben. Die deutsche Regierung beschränkte sich gegenüber der
österreichisch-ungarischen nicht auf allgemeine Ratschläge zur
Mäßigung; sie bestand vielmehr nachdrücklich auf der Einleitung
direkter Besprechungen mit Rußland, zu denen Herr Ssasonoff sich bereit
erklärt hatte, und sie gab als Grundlage für diese Besprechungen
einen Vermittlungsvorschlag nach Wien weiter, den Sir Edward
Grey gemacht hatte. Graf Berchtold erklärte sich zur sofortigen
Aufnahme der direkten Besprechungen mit der russischen Regierung
bereit. Als der Reichskanzler am Abend des 29. Juli aus Petersburg
die Nachricht erhielt, daß die Aufnahme der Besprechungen von dem
österreichisch-ungarischen Botschafter abgelehnt worden sei, ließ er
eine Instruktion an den Botschafter nach Wien telegraphieren, in der es
hieß:
»... Wir können Österreich-Ungarn nicht zumuten, mit Serbien
zu verhandeln, mit dem es in Kriegszustand begriffen ist. Die
Verweigerung jedes Meinungsaustauschs mit St. Petersburg aber würde
ein schwerer Fehler sein. Wir sind zwar bereit, unsre Bundespflicht zu
erfüllen, müssen es aber ablehnen, uns von Österreich-Ungarn durch
Nichtbeachtung unsrer Ratschläge in einen Weltbrand hineinziehen zu
lassen. Euer Exzellenz wollen sich gegen Grafen Berchtold sofort mit
allem Nachdruck und großem Ernst in diesem Sinne aussprechen.«
Der Reichskanzler hat seinem Schritt bei der Wiener Regierung durch ein
zweites Telegramm folgenden Inhalts noch einen besonderen Nachdruck
gegeben:
»Falls die österreichisch-ungarische Regierung jede Vermittlung
ablehnt, stehen wir vor einer Konflagration, bei der England gegen uns,
Italien und Rumänien allen Anzeichen nach nicht mit uns gehen würden,
so daß wir mit Österreich-Ungarn drei Großmächten gegenüberständen.
Deutschland würde infolge der Gegnerschaft Englands das Hauptgewicht
des Kampfes zufallen. Das politische Prestige Österreich-Ungarns,
die Waffenehre seiner Armee sowie seine berechtigten Ansprüche gegen
Serbien könnten durch die Besetzung Belgrads oder anderer Plätze
hinreichend gewahrt werden (das entsprach dem Vorschlag Greys). Wir
müssen daher dem Wiener Kabinett dringend und nachdrücklich zur
Erwägung stellen, die Vermittlung zu den angebotenen Bedingungen
anzunehmen. Die Verantwortung für die sonst eintretenden Folgen wäre
für Österreich-Ungarn und uns eine ungemein schwere.«
Die deutsche Regierung hat also von der Bewegungsfreiheit, die sie
sich durch ihre Nichtbeteiligung an der Festlegung der Einzelheiten
der österreichisch-ungarischen Aktion gewahrt hatte, im entscheidenden
Augenblick Gebrauch gemacht, um im Sinne des Friedens auf die Wiener
Regierung einen Druck auszuüben, und zwar -- wie der Reichskanzler von
Bethmann Hollweg später mit Recht sagte -- »in Formen, welche bis an
das Äußerste dessen gehen, was mit unserm Bundesverhältnis verträglich
ist«. Jedenfalls haben die französischen und englischen Staatsmänner
diesem deutschen Druck auf Österreich-Ungarn keinerlei auch nur
entfernt ähnlich geartete Aktion bei der russischen Regierung zur Seite
zu stellen.
Der Erfolg des deutschen Druckes auf Wien war, daß der
österreichisch-ungarische Botschafter in Petersburg alsbald Weisung
bekam, die infolge eines russischen Mißverständnisses bisher
unterbliebene Konversation mit Herrn Ssasonoff sofort aufzunehmen,
und zwar auch, was die Wiener Regierung bisher hartnäckig verweigert
hatte, über den materiellen Inhalt des Ultimatums; daß ferner Graf
Berchtold die deutsche Regierung wissen ließ, er sei bereit, dem
Vermittlungsvorschlag Greys näherzutreten; daß schließlich noch am
Nachmittag des 30. Juli eine Unterredung zwischen dem Grafen Berchtold
und dem russischen Botschafter in Wien, Herrn Schebeko, stattfand,
die alle einer direkten Aussprache zwischen Wien und Petersburg noch
entgegenstehenden Schwierigkeiten aus dem Wege räumte. Der französische
Botschafter in Wien, der ebenso wie sein englischer Kollege von Herrn
Schebeko alsbald über den Verlauf dieser Unterredung unterrichtet
wurde, telegraphierte nach Paris, daß er nun wieder eine Hoffnung auf
Lokalisierung des Konfliktes sehe. Sir Edward Grey telegraphierte am
folgenden Tag an den britischen Botschafter in Petersburg, daß er mit
großer Genugtuung von dieser Wiederaufnahme der direkten Aussprache
zwischen Österreich-Ungarn und Rußland Kenntnis genommen habe.
Es war also der Bemühung Deutschlands am Nachmittag des 30. Juli
gelungen, die Wiener Regierung zu einem Schritt des Entgegenkommens zu
veranlassen, der den bereits verschlossen scheinenden Weg zum Frieden
wieder öffnete.
In Berlin sah man mit der größten Spannung der Wirkung der
österreichisch-ungarischen Nachgiebigkeit auf Rußland und die
Westmächte entgegen. Die Meinungen über den Erfolg gingen am
Freitag (31. Juli) im Auswärtigen Amt auseinander. Während die
einen neue Hoffnung zeigten, sagte mir Herr von Stumm am Freitag
(31. Juli) vormittag, er sehe keine Hoffnung mehr, England vom Krieg
zurückzuhalten. Churchill und die City wollten den Krieg, und sie
seien die Stärkeren. Während ich mit Herrn von Stumm sprach, kam
die Nachricht, daß die Bank von England ihren Diskontsatz auf acht
Prozent erhöht habe. Sturmsignal! Ferner die Nachricht, daß Asquith im
Unterhaus die Vertagung der Diskussion über Homerule verlangt habe, »da
England eine geschlossene Front zeigen müsse«. Aus Petersburg keine
Nachricht über die Aufnahme des Wiener Nachgebens; dagegen Berichte,
daß trotz des von dem russischen Generalstabschef dem deutschen
Militärbevollmächtigten gegebenen Ehrenwortes die Mobilisation der
russischen Truppen auch gegen Deutschland unentwegt ihren Fortgang
nehme. Unsere leitenden Militärs, die sich den für das Schicksal
Deutschlands wesentlichen Vorteil unserer rascheren Mobilisation durch
die russischen Vorbereitungen entgleiten sahen, wurden ungeduldig
und drängten auf eine Entscheidung. Die Erregung der Berliner
Bevölkerung war ungeheuer; sie war tags zuvor schon auf das äußerste
gesteigert worden durch eine sofort dementierte Falschmeldung des
»Lokalanzeigers«, der Mobilmachungsbefehl sei ergangen.
Da kam um die Mittagszeit des 31. Juli aus Petersburg die Meldung,
daß der Zar die Mobilmachung der gesamten russischen Armee und Flotte
befohlen habe.
Die Generalmobilmachung war also Rußlands Antwort auf die
durch den Druck Deutschlands herbeigeführte Nachgiebigkeit der
österreichisch-ungarischen Regierung! Die Generalmobilmachung, die nach
dem russischen Erlaß vom September 1912 für das russische Heer als
Kriegserklärung an Deutschland zu gelten hatte und die nach Kenntnis
der Regierungen Rußlands und aller Großmächte auch für Deutschland den
sofortigen Krieg mit Rußland bedeutete.
Schon vor der Aufhellung der inneren russischen Vorgänge durch den
Ssuchomlinow-Prozeß ließ dieser Schritt Rußlands, der über alle
Friedensbemühungen hinweg den Krieg entfesselte, nur eine Erklärung zu:
»Die in jenem Augenblick in Rußland entscheidenden Persönlichkeiten
wollten angesichts der auf deutsches Betreiben zutagetretenden
Nachgiebigkeit der österreichisch-ungarischen Regierung alle Brücken
zum Frieden abbrechen und den Krieg unvermeidlich machen.«[8]
Die Aussagen im Ssuchomlinow-Prozeß haben diese Erklärung bestätigt.
Wir wissen heute, daß der Zar am 30. Juli den Mobilmachungsbefehl
bereits unterzeichnet hatte und daß am Nachmittag des 30. Juli die
Generalmobilmachung in vollen Gang gesetzt wurde; daß am Abend des 30.
Juli der Zar, stark beeindruckt durch die inzwischen eingegangenen
Nachrichten, insbesondere das Telegramm des Deutschen Kaisers von 1 Uhr
nachmittags, in dem dieser den Zaren nochmals eindringlich auf »die
Gefahren und schweren Konsequenzen einer Mobilisation« hinwies, seinem
Generalstabschef Januschkewitsch und seinem Kriegsminister Ssuchomlinow
telephonisch den Befehl zur Einstellung der Mobilisation gab; daß
Ssuchomlinow dem General Januschkewitsch auf dessen Frage, was er auf
diesen Befehl des Zaren veranlassen solle, die klassische Antwort
gab: »Tun Sie nichts!«; daß der Mobilmachungsbefehl noch in der Nacht
amtlich veröffentlicht wurde, und daß dem Zaren am nächsten Tag, wie
Ssuchomlinow sagte, »eine andere Überzeugung beigebracht wurde«.
Wir wissen ferner, daß diesen Verbrechern der Rücken gestärkt war
durch die am 29. Juli abends erlangte Sicherheit der französischen und
britischen Waffenhilfe. Am 29. Juli vormittags hatte, wie ich oben
dargestellt habe, Grey an Cambon jene Mitteilung über seine geplante
Eröffnung an den Fürsten Lichnowsky gemacht, die Cambon nicht anders
denn als Zusage des sofortigen britischen Eingreifens an der Seite
Frankreichs und Rußlands auffassen konnte; und am Abend desselben Tags
hatte Herr Ssasonoff Herrn Iswolski beauftragt, der französischen
Regierung für die Zusage der unbedingten Waffenhilfe zu danken. Tags
darauf wurde dem Zaren der Mobilmachungsbefehl entlockt und dann die
Mobilmachung ohne Rücksicht auf den Gegenbefehl des Zaren durchgeführt.
Wer diesen Zusammenhang bezweifelt, lese nach, was der belgische
Geschäftsträger in Petersburg, Herr de l'Escaille, am 30. Juli 1914 an
seinen Minister in Brüssel berichtet hat:
»Unbestreitbar bleibt nur, daß Deutschland sich hier, ebenso sehr wie
in Wien, bemüht hat, irgendeinen Weg zu finden, um einen allgemeinen
Konflikt zu vermeiden ... England hat zuerst zu verstehen gegeben,
daß es sich nicht in einen Konflikt hineinziehen lassen wolle. Sir
George Buchanan sagte das offen. Heute (30. Juli) hat man in Petersburg
die feste Überzeugung, ja man hat die Zusicherung empfangen, daß
England an der Seite Frankreichs mitgehen wird. Dieser Beistand ist
hier von entscheidender Wichtigkeit; er hat nicht wenig zum Sieg der
Kriegspartei beigetragen.«
So liegen die Verantwortlichkeiten!
Aber auch jetzt noch machte die deutsche Politik einen letzten Versuch,
das unabwendbar Gewordene abzuwenden.
Bisher schon hatte Deutschland gegenüber den russischen militärischen
Maßnahmen eine nur durch den aufrichtigsten Friedenswillen erklärbare
Langmut gezeigt. »Vorbereitende militärische Maßnahmen Rußlands
werden uns zu Gegenmaßnahmen zwingen, die in der Mobilisierung
der Armee bestehen müssen. Die Mobilisierung aber bedeutet den
Krieg« -- so hatte es in der am 26. Juli an den Grafen Pourtalès
telegraphierten Instruktion geheißen. Trotzdem hatte man davon
abgesehen, die von der russischen Regierung plump abgeleugneten, aber
durch zahlreiche zuverlässige Berichte und Einzelheiten bestätigten
»vorbereitenden militärischen Maßnahmen« Rußlands durch Gegenmaßnahmen
zu beantworten; ja man hatte davon abgesehen, auf die am 28. Juli
verfügte Mobilmachung in den Gouvernements Moskau, Kiew, Kasan und
Odessa mit Mobilmachungsmaßnahmen zu reagieren. Und sogar jetzt noch,
wo der Befehl des Zaren zur Mobilisierung der gesamten russischen
Streitkräfte zu Land und zu Wasser amtlich bekanntgemacht worden war,
zögerte man in Berlin mit der Mobilmachungsorder. Man begnügte sich
damit, den »Zustand der drohenden Kriegsgefahr« zu verkündigen und mit
der Bekanntgabe dieser Verkündigung an die russische Regierung die
Mitteilung zu richten, daß dem Zustand der drohenden Kriegsgefahr,
die noch nicht Mobilmachung sei, die Mobilmachung folgen müsse, wenn
Rußland nicht binnen 24 Stunden seine militärischen Maßnahmen gegen die
beiden Mittelmächte einstelle und Deutschland davon in Kenntnis setze.
Gleichzeitig erhielt der deutsche Botschafter in Paris die Weisung,
an die französische Regierung die binnen 18 Stunden zu beantwortende
Anfrage zu richten, ob sie im Falle eines Krieges mit Rußland neutral
bleiben wolle.
Deutschland sah also noch immer, trotz der unmittelbaren Bedrohung
durch die russische Generalmobilmachung, von dem äußersten Schritt
ab, auf die Gefahr hin, dadurch kostbare und uneinbringliche Zeit zu
verlieren, lediglich um noch einen letzten Spielraum für Anstrengungen
zur Erhaltung des Friedens zu lassen.
Wenn überhaupt noch eine letzte Möglichkeit bestand, das Verhängnis
abzuwenden, so lag sie in den Händen der britischen Regierung.
Deutschland hatte Österreich-Ungarn auf den von Sir Edward Grey
gewünschten Weg gebracht. Sir Edward Grey hielt mit dem Ausdruck seiner
Genugtuung über diesen Erfolg nicht zurück. Wie würde er sich zu der
russischen Generalmobilmachung stellen, die diesen Erfolg und jede
Aussicht auf die Erhaltung des Friedens brutal zunichte machte?
Die deutsche Regierung konzentrierte alle ihre Anstrengungen darauf,
das britische Kabinett zu einer Haltung zu bestimmen, die im letzten
Augenblick die Katastrophe noch hätte verhindern oder wenigstens
einschränken können, und setzte, um diesem letzten Versuch noch Raum zu
geben, gegen das Drängen der verantwortlichen militärischen Instanzen
beim Kaiser noch einen letzten Aufschub durch.
Aber ihre Bemühungen in London schlugen fehl.
Die von der britischen Regierung veröffentlichten Dokumente enthalten
auch nicht die Spur einer Andeutung irgendeines Versuchs der Einwirkung
auf Rußland, um eine Aufschiebung der Mobilmachung oder eine
befriedigende Aufklärung an Deutschland zu erlangen. Sir Edward Grey
beschränkte sich vielmehr darauf, durch den Berliner Botschafter an die
deutsche Regierung die von vornherein aussichtslose und auch alsbald
zurückgewiesene Zumutung zu stellen, Deutschland möge im mobilen
Zustand stillhalten und weiterverhandeln. Ferner warf Sir Edward Grey
jetzt, am 31. Juli, in der durchsichtigen Absicht, einen für die
britische öffentliche Meinung plausibeln Kriegsgrund zu gewinnen, die
Frage der belgischen Neutralität auf.
Der deutsche Botschafter in London stellte zunächst die Gegenfrage, ob
im Falle einer Verpflichtung Deutschlands zur Achtung der belgischen
Neutralität England sich seinerseits zur Neutralität verpflichten
wolle. Grey antwortete gewunden, aber doch mit dem Schlußergebnis,
daß England allein auf Grund dieser Bedingung seine Neutralität nicht
zusagen könne. Darauf stellte Fürst Lichnowsky die dringende Frage, ob
Grey nicht die Bedingungen formulieren könne, unter denen England zur
Neutralität bereit sei; seinerseits bot er die Garantie der Integrität
Frankreichs und seiner Kolonien an. Ja, die deutsche Regierung ging
noch weiter: sie erklärte, daß die deutsche Flotte, solange England
sich neutral verhalte, die Nordküste Frankreichs nicht angreifen und
im Falle der Gegenseitigkeit keine feindlichen Operationen gegen
die französische Handelsschiffahrt vornehmen werde. Aber Sir Edward
Grey hatte auf alles nur die Antwort: er müsse endgültig jedes
Neutralitätsversprechen auf Grund solcher Bedingungen ablehnen und
könne nur sagen, daß England seine Hände frei zu halten wünsche
(englisches Blaubuch Nr. 123). --
Deutschland hat also für die Neutralität Englands, die nicht nur die
Lokalisierung, sondern wahrscheinlich in letzter Stunde noch die
Verhinderung des Krieges bedeutet hätte, die Integrität Belgiens und
Frankreichs einschließlich seiner Kolonien, außerdem den Verzicht auf
jede Flottenaktion gegen die französische Küste und die französische
Handelsschiffahrt angeboten; aber nicht einmal um diesen Preis, und
auch nicht um irgendeinen andern, war die britische Neutralität
zu haben. Das Wort Sir Edward Greys vom 1. August: »England will
seine Hände frei halten«, das so genau mit dem Ausklang der
Haldane-Verhandlungen vom Frühjahr 1912 übereinstimmt, hieß nichts
anderes als: England ist entschlossen, den Krieg nicht zu verhindern
und im Krieg gegen Deutschland einzugreifen.
Die Nachrichten über diesen Verlauf des letzten Versuchs trafen im
Laufe des 1. August in Berlin ein, während dort der Kaiser mit seinen
ersten Ratgebern über die letzte Entscheidung beriet. Die Rußland
und Frankreich gestellten Fristen näherten sich ihrem Ablauf, ohne
daß Antworten vorlagen. Da schien sich noch einmal ein Lichtblick zu
zeigen: ein Telegramm des Fürsten Lichnowsky, Sir Edward Grey habe
telephonisch bei ihm anfragen lassen, ob Deutschland, wenn Frankreich
neutral bliebe, es nicht angreifen werde. Der Fürst hatte sich für
ermächtigt gehalten, zu antworten, er glaube das zusichern zu können,
falls England mit Heer und Flotte diese Neutralität garantiere. In
Berlin wirkte diese neue Friedensaussicht wie eine Befreiung vom
stärksten Druck. Aber alsbald folgte ein weiteres Telegramm des Fürsten
Lichnowsky, das die neue Aussicht zunichte machte: Sir Edward Grey
erklärte, seine telephonische Anfrage sei mißverstanden worden[9].
Deutschland hatte alle Mittel erschöpft, um die Weltkatastrophe des
Kriegs zu verhindern. Die russischen Heeresmassen rollten unaufhaltsam
nach den deutschen Grenzen. Die Antworten auf die befristeten
deutschen Anfragen in Petersburg und Paris blieben immer noch aus.
Vor dem Berliner Schloß, in dem jetzt die Entscheidung fallen mußte,
wartete das Volk in atemloser Spannung. Am Nachmittag verbreitete sich
plötzlich das Gerücht, Rußland habe seine Mobilmachung eingestellt.
Aber ebenso rasch war festgestellt, daß immer noch keine Nachricht
vorliege. Um halb sechs Uhr riefen Generalstabsoffiziere, vom Schlosse
über die Linden fahrend, aus ihren Autos: »Mobilmachung!«
Schon vorher, um 3 Uhr 40 Minuten nachmittags, hatte die französische
Regierung die allgemeine Mobilmachung verfügt.
Das Rad des Schicksals war jetzt im unaufhaltbaren Rollen. Ein Zurück
gab es nicht mehr. In allen beteiligten Ländern standen die Entschlüsse
fest. Alles, was jetzt noch geschah, war Taktik und Formalität.
So sehr ich auch heute noch, nach dem unglücklichen Verlauf des
Krieges, überzeugt bin, daß uns in der Sache keine andere Wahl blieb,
daß unsere Feinde den Krieg gewollt und uns den Weg des Krieges
vorgeschrieben haben, ebenso sehr war ich damals schon als nicht
unmittelbar beteiligter Zuschauer und Beobachter der Meinung, daß in
den Fragen der Taktik und der Formalitäten unsere Gegner uns überlegen
waren. Ich habe z. B. damals schon die förmlichen Kriegserklärungen an
Rußland und Frankreich als einen überflüssigen und schädlichen Ausfluß
übertriebener formalistischer Gewissenhaftigkeit angesehen. Wir wußten,
daß Rußland den Krieg unter allen Umständen wollte und durch nichts --
außer durch den nicht einsetzenden englischen Gegendruck -- zu halten
war. In der Tat haben russische Truppen und Banden die ostpreußische
Grenze bereits vor Ablauf der von uns am 31. Juli gestellten Frist und
vor der Überreichung unserer Kriegserklärung überschritten und damit
den Kriegszustand herbeigeführt. Wozu hatten wir es nötig, durch eine
förmliche Kriegserklärung uns auch nur rein formell in die schlechtere
Position des Angreifers zu bringen? -- Wir wußten, daß Frankreich
Rußland gegenüber zur Waffenhilfe verpflichtet und entschlossen war.
Wozu mußten wir durch eine formelle Kriegserklärung der französischen
Regierung den Nachteil der Vorhand abnehmen? -- Nach meinem Gefühl
wäre es richtiger gewesen, nach dem Wort eines klugen Franzosen zu
verfahren: »Il ne faut jamais mettre les points sur les I's!« Durch
unsern formalistischen Eifer haben wir das Spiel der Gegner gespielt
und den äußeren Anschein der tatsächlichen Vorgänge zu unsern Ungunsten
verschoben. -- Dasselbe gilt nach meiner Ansicht für unsre Behandlung
der belgischen Neutralitätsfrage. Auch hier haben wir uns formal ins
Unrecht gesetzt, wie mir später erklärt worden ist, um der belgischen
Regierung eine goldne Brücke zur Nichtbeteiligung am Krieg zu bauen.
Belgien hat diese Brücke nicht betreten, während das von uns selbst
anerkannte Unrecht an uns haften blieb.
Dagegen hat der Hauptspieler in unserm diplomatischen Gegenspiel, das
britische Foreign Office, gerade die belgische Neutralitätsfrage, in
der es selbst so schwer durch die seit dem Jahre 1906 eingeleitete
militärische Zusammenarbeit mit Belgien belastet war, in virtuoser
Technik zum Angelpunkt seiner diplomatischen Aufmachung des Krieges
ausgestaltet.
Die serbische Sache war in sich zu schlecht, um gegenüber der
englischen öffentlichen Meinung und gegenüber der Welt als
Ausgangspunkt für Englands Eintritt in den Krieg dienen zu können. Die
pazifistische Bewegung war auch in England zu stark geworden und zählte
gerade in der herrschenden liberalen Partei zu viele Anhänger, ja sie
hatte selbst im britischen Kabinett einen zu starken Einfluß, als
daß sich die serbische Angelegenheit zu einer wirksamen Kriegsparole
hätte machen lassen. Ich erinnere daran, daß Sir George Buchanan am
24. Juli 1914 Herrn Ssasonoff gegenüber die von diesem verlangte
Solidaritätserklärung abgelehnt hatte mit der tags darauf von Sir
Edward Grey ausdrücklich gebilligten Begründung, nicht etwa: es sei ein
Verbrechen an der Menschheit, wegen der schlechten serbischen Sache
einen Weltkrieg heraufzubeschwören -- solche »Sentimentalität« lag der
britischen Politik fern --, sondern mit der Begründung: »die direkten
britischen Interessen in Serbien seien gleich Null und ein Krieg wegen
dieses Landes werde niemals durch die englische öffentliche Meinung
gebilligt werden.«
Noch in jener verhängnisvollen Unterhaltung, die Sir Edward Grey am
Vormittag des 29. Juli mit Paul Cambon hatte, wies der britische
Staatsmann, so sehr er die britische Bereitschaft zur Waffenhilfe
durchblicken ließ, darauf hin, daß die serbisch-österreichische
Frage und selbst ein russisch-deutscher Konflikt für England kein
geeigneter Ausgangspunkt zum Eintreten in den Krieg sei. Herr Cambon
antwortete auf diese Bemerkung nach Sir Edwards eigener Mitteilung an
den großbritannischen Botschafter in Paris: »Er verstehe, daß England
keinen Beruf fühle, in einen Balkanstreit oder auch in einen Kampf um
die Vorherrschaft zwischen Deutschen und Slawen einzugreifen; wenn
aber andere Ausgangspunkte entstehen und Deutschland und Frankreich
hineinverwickelt werden sollten, so daß der Fall zur Frage der
Hegemonie über Europa werde, so werde England zu entscheiden haben, was
es zu tun habe.« -- Mit andern Worten, Herr Cambon verstand, und Sir
Edward widersprach nicht nur nicht, sondern gab selbst das Stichwort
an seinen Pariser Botschafter weiter: die serbisch-österreichische und
auch eine deutsch-russische Frage genügen für uns nicht, um England in
den Krieg zu führen; wenn ihr aber aus der serbisch-österreichischen
oder deutsch-russischen Frage etwa eine deutsch-französische und
damit eine Frage der Vorherrschaft in Europa macht, dann habe ich den
Ausgangspunkt, den ich brauche.
Diesen Ausgangspunkt zu schaffen, lag in Frankreichs Hand: Frankreich
brauchte nur seine unbedingte Solidarität mit Rußland zu erklären, was,
wie ich oben gezeigt habe, noch an demselben 29. Juli geschah.
Daß Sir Edward Grey hier eine starkklingende Saite anschlug, zeigt
der Brief, den die Führer der konservativen Opposition in den
beiden Kammern, Mr. Bonar Law und Lord Lansdowne, am 2. August an
den Premierminister richteten; sie betonten in diesem Brief, es
würde »verhängnisvoll für die Ehre und Sicherheit des Vereinigten
Königreichs sein, mit der Unterstützung Frankreichs und Rußlands in der
gegenwärtigen Krisis zu zögern«; falls das Kabinett diese Unterstützung
gewähre, böten sie ihm die rückhaltlose Unterstützung der Opposition an.
Aber im liberalen Kabinett selbst gab es Leute, und erst recht in der
liberalen Partei und der Arbeiterpartei, sowohl im Parlament wie im
Lande, die auch mit dieser Parole sich nicht blindlings in den Krieg
führen lassen wollten. Darunter, wenn unwidersprochen gebliebene
Mitteilungen englischer Blätter[10] stimmen, sogar Lloyd George.
Noch am 30. Juli mußte Grey dem französischen Botschafter mitteilen,
das Kabinett sei zu dem Schluß gekommen, es könne im gegenwärtigen
Moment keine Verpflichtung übernehmen. Diese Mitteilung war nicht nur
Herrn Cambon, sondern sichtlich auch Sir Edward, dessen Eröffnungen
vom Tage vorher an Herrn Cambon durch das Kabinett gewissermaßen
desavouiert waren, sehr unangenehm. Sir Edward beeilte sich,
tröstend hinzuzufügen, weitere Entwicklungen könnten die Lage ändern
und Regierung und Parlament von der Berechtigung einer britischen
Intervention überzeugen; die Neutralität Belgiens könne, wenn nicht
ein entscheidender, so doch mindestens ein wichtiger Faktor für die
Bestimmung der Haltung Englands sein. Und Sir Arthur Nicolson, der
Vater der britisch-russischen Entente, der wohl von allen britischen
Staatsmännern mit dem größten Zielbewußtsein auf den Koalitionskrieg
gegen Deutschland hinarbeitete, gab Herrn Cambon, als dieser ihm beim
Verlassen des Kabinetts des Staatssekretärs begegnete, vertraulich
zu verstehen -- so berichtete Herr Cambon nach Paris --, daß der
Staatssekretär nicht verfehlen werde, die Diskussion im Kabinett
wiederaufzunehmen.
In all dem kann niemand auch nur die Spur eines Bemühens nach
Verhinderung des Krieges finden; was klar und unverhüllt zutagetritt,
ist das Suchen nach einem für das britische Kabinett und die britische
öffentliche Meinung genügend zugkräftigen Kriegsgrund. Man stelle das
Verhalten Sir Edward Greys gegenüber dem französischen Botschafter
und gegenüber dem deutschen Botschafter in Vergleich: In seinen
Unterhaltungen mit dem Fürsten Lichnowsky lehnte er jede Andeutung über
die Bedingungen ab, unter denen es für England möglich sei, dem Kriege
fernzubleiben. Dagegen erörterten seine Gespräche mit Herrn Cambon
fast ausschließlich die Frage nach einem geeigneten Ausgangspunkt für
ein sofortiges Eingreifen Englands in den Krieg. Dieser Unterschied
zeigt das wahre Gesicht der jedenfalls in jenem Stadium auf den Krieg
gerichteten britischen Politik.
Nachdem auch der »Kampf um die Hegemonie in Europa« als Kriegsparole
keinen unbedingten Erfolg versprach, griff Sir Edward Grey die
Frage der belgischen Neutralität auf. Er operierte gegenüber den
Zögernden mit der ungenügenden, weil ausweichenden Antwort, die
der Staatssekretär von Jagow auf die erste Anfrage des britischen
Botschafters in Berlin am 31. Juli gegeben hatte. Als ihm dann der
Fürst Lichnowsky am 1. August die Gegenfrage stellte, ob England
bereit sei, im Fall der Respektierung der belgischen Neutralität
durch Deutschland selbst neutral zu bleiben, enthielt Grey seinem
Kabinett das in dieser Gegenfrage liegende, von ihm alsbald abgelehnte
Angebot vor, das der britischen Regierung die Sicherung der belgischen
Neutralität um den Preis der eignen Neutralität ermöglicht hätte;
ebenso wie er dem Kabinett das deutsche Angebot vorenthielt, gegen
Zusicherung der Neutralität Englands von jedem Angriff auf die
atlantische Küste und Schiffahrt Frankreichs abzusehen und die
Integrität Frankreichs und seiner Kolonien zu gewährleisten[11].
Am Abend des 4. August stellte der britische Botschafter in Berlin dem
Reichskanzler jene bis Mitternacht befristete Anfrage, ob Deutschland
sich verpflichte, die belgische Neutralität zu respektieren. Damals
hatten deutsche Truppen die belgische Grenze schon überschritten. Das
britische Kabinett hatte seinen Kriegsvorwand und seine Kriegsparole.
Wie stark die militärische Notwendigkeit war, selbst auf die Gefahr
hin, England einen wirksamen Kriegsvorwand und eine zugkräftige
Kriegsparole zu liefern, die belgische Neutralität außer acht
zu lassen, vermag ich nicht zu beurteilen. Unsere moralische
Berechtigung, durch Belgien zu marschieren, steht für mich nach
allem, was vorausgegangen war, außer Zweifel. Ebenso außer Zweifel
steht für mich, daß auch die peinlichste Respektierung der belgischen
Neutralität England nicht vermocht hätte, dem Kriege als unser Gegner
fernzubleiben[12].
Letzteres ergibt sich aus der ganzen langen Vorgeschichte des Krieges,
in der England die treibende Kraft war; aus den Besprechungen zwischen
dem Foreign Office und Herrn Cambon, die sich schließlich nur noch um
die Frage des Ausgangspunktes für das britische Eingreifen drehten; und
schließlich aus folgendem wichtigen Umstand:
Am 2. August, ehe ein deutscher Soldat auf belgischem Boden stand
und ehe die erst am Abend dieses Tages in Brüssel gestellte deutsche
Anfrage wegen des Durchmarsches vorlag, bestätigte Sir Edward Grey auf
Grund eines Kabinettsbeschlusses dem französischen Botschafter eine
Eröffnung, die er ihm tags zuvor schon auf eigne Verantwortung gemacht
hatte. Nach dem von Herrn Cambon nach Paris erstatteten Bericht lautete
diese Eröffnung:
»Falls das deutsche Geschwader in den Kanal einfahren oder die Nordsee
passieren sollte, um die britischen Inseln zu umschiffen, in der
Absicht, die französischen Küsten oder die französische Kriegsflotte
anzugreifen und die französische Handelsflotte zu beunruhigen (!),
würde die britische Flotte eingreifen, um der französischen Marine
ihren Schutz zu gewähren, in der Art, daß von diesem Augenblick an
England und Deutschland sich im Kriegszustand befinden würden.« (Franz.
Gelbbuch Nr. 143.)
Das war die Entschlossenheit zum Krieg, unabhängig von der Verletzung
der belgischen Neutralität, für einen bestimmten Fall, der bei einem
Krieg zwischen Deutschland und Frankreich der Natur der Dinge nach
sich einstellen mußte. Das britische Kabinett hatte sich gegen den
Widerstand seiner friedensfreundlichen Mitglieder zu dieser Erklärung
entschließen müssen, weil auf Grund der dem Kabinett seit 1911
bekannten militärischen und maritimen Abmachungen mit Frankreich die
französische Flotte im Mittelmeer konzentriert war und infolgedessen
für England die moralische Verpflichtung bestand, die atlantische Küste
und Schiffahrt Frankreichs zu schützen.
Aber dieser casus belli wurde nicht praktisch. Die britische Politik
behielt den Vorteil der in der deutschen Verletzung der belgischen
Neutralität enthaltenen Kriegsparole.
* * * * *
Am Abend des 4. August stand fest, daß Deutschland durch einen
unerbittlichen Kampf auf Leben und Tod mit einer überlegenen Koalition
werde gehen müssen. Durch das ganze deutsche Volk ging eine grimmige
Entschlossenheit, den uns aufgezwungenen Krieg aufzunehmen und
durchzuführen. Vor dem Schloß in Berlin staute sich die Menge und
huldigte dem Kaiser, der seinem Volke sechsundzwanzig Jahre lang den
Frieden erhalten hatte und der es jetzt in Worten, die jedem zu Herzen
gingen, aufrief zum Kampf um Hof und Herd, um das Recht auf Leben und
Arbeit.
Wenige Wochen später, am 28. August, sah ich den Kaiser im Schloß
zu Koblenz. Der Aufmarsch unsrer Heere war in glänzender Weise
durchgeführt; die französischen Armeen und das britische Hilfskorps
waren geschlagen; unsere Truppen waren überall im Westen in siegreichem
Vormarsch; aus dem Osten kamen die ersten Nachrichten von Hindenburgs
gewaltigem Sieg bei Tannenberg. Es schien alles über Erwarten gut
zu gehen, und die Hoffnungsfreudigen glaubten an ein rasches und
glückliches Ende des Krieges.
Der Kaiser ging nach dem Frühstück länger als eine Stunde mit mir
im Park auf und ab und sprach sich über die gewaltigen Ereignisse
der letzten Wochen in der rückhaltlosesten Weise aus. Ich hatte
von ihm den Eindruck eines Mannes, der, trotzdem das Glück seiner
Sache günstig zu sein schien, innerlich auf das tiefste erschüttert
war und schwer an der Verantwortung für seine Entschlüsse trug. Er
schilderte mir in der ihm eigenen Lebhaftigkeit die Vorgänge, die zum
Krieg geführt hatten, und seine persönlichen Bemühungen, den Krieg
abzuwenden. Er rief Gott zum Zeugen dafür an, daß er in seiner ganzen
Regierungszeit keinen höheren und heiligeren Wunsch gekannt habe,
als seinem Volke den Frieden zu erhalten und es durch friedliche
Arbeit zu besseren und glücklicheren Lebensbedingungen zu führen. Er
erinnerte an sein letztes Zusammensein mit seinen Vettern, dem Zaren
und dem König von England, im Schlosse von Berlin bei Gelegenheit
der Hochzeit seiner Tochter mit dem Herzog von Braunschweig im Jahre
1913, an die Beruhigung, die er damals über die friedlichen Absichten
Rußlands und Englands gewonnen zu haben glaubte. Er habe sich gar
nicht an den Gedanken gewöhnen können, daß alle die Freundschafts- und
Friedensversicherungen nur Lug und Trug gewesen seien; und doch habe
er sich aus dem Gang der Dinge überzeugen müssen, daß damals unter
seinem eignen Dach seine Gäste die Verschwörung gegen Deutschland
bereits im Herzen trugen. Er habe von dem Augenblick an, in dem ihm
der Ernst der Lage zum Bewußtsein gekommen sei, den König von England
und den Zaren beschworen und gebeten, ihm zu helfen, das Unheil des
Krieges von der Welt abzuwenden, er habe seinerseits bis zur Grenze
des Möglichen auf den Kaiser Franz Joseph gedrückt, so schwer es ihm
geworden sei, dem Verbündeten beim Durchfechten seiner gerechten Sache
in den Weg zu treten; aber er habe vom König Georg und dem Zaren nur
kaltes Achselzucken und leere Ausflüchte zur Antwort bekommen. Er
habe den Zaren noch in der letzten Stunde geradezu angefleht, die
Mobilmachung zu unterlassen, die uns in unsrer geographischen und
politischen Lage zum sofortigen Losschlagen zwingen müsse. Er habe nach
der russischen Mobilmachung gegen alle Beschwörungen seiner eignen
Militärs noch einmal den Russen eine Frist gegeben. Alles sei umsonst
gewesen. Dreimal habe er die Feder wieder aus der Hand gelegt, ehe er
die Mobilmachungsorder unterschrieben habe. Die Verantwortung für das
eigene Volk habe ihm schließlich keine andere Wahl gelassen. Jetzt
stehe unser Schicksal in Gottes Hand.
In derselben Unterhaltung sprach sich der Kaiser darüber aus, wie
er sich die künftige Gestaltung der Dinge denke, wenn uns der Sieg
beschieden sei. Das Wichtigste sei für ihn, daß aus dem Krieg der
durch die gesunde Vernunft und die Natur der Dinge gebotene friedliche
Zusammenschluß der Völker des europäischen Kontinents hervorgehe.
Das sei bisher infolge des deutsch-französischen Gegensatzes nicht
möglich gewesen. Der Friede müsse so geschlossen werden, daß dieses
Ziel erreichbar werde. Die Franzosen seien stets eine ritterliche
Nation mit einem hohen Ehrbegriff gewesen, vor der er stets Achtung
gehabt und deren Versöhnung mit Deutschland er stets gewünscht habe.
Er verstehe, daß es dieser Nation schwer geworden sei, sich der
Entscheidung von 1870 ohne den Versuch eines neuen Appells an das Glück
der Waffen zu fügen. Er hoffe, daß nach diesem Krieg auch der Franzose
das Gefühl haben werde, daß der Ehre Genüge geschehen sei und daß
sich beim Friedensschluß die Grundlagen für ein freies und ehrliches
Zusammenwirken der beiden großen europäischen Kulturvölker in Politik
und Wirtschaft werden schaffen lassen.
Das ist der Mann, den heute unsre Feinde und -- was schlimmer ist
-- Leute unsres eignen Blutes zum Urheber des Krieges, zu einem
blutdürstigen Eroberer und Unterdrücker stempeln möchten. Ich bin im
Innersten überzeugt -- und das Bekenntnis glaube ich dem Kaiser zu
schulden --, daß Wilhelm II. kein höheres Ziel gekannt hat, als dem
deutschen Volk und der Welt den Frieden zu erhalten, daß er seinen
Ruhm nur darin gesucht hat, Deutschland in den Werken friedlicher
Arbeit fortschreiten zu sehen. Niemand, der ihn näher kannte, wird
sich durch seine im Hohenzollernblut steckende Freude an soldatischem
Wesen oder durch den Überschwang des ihm leicht zur Verfügung stehenden
Wortes über den Kern seines Wesens täuschen lassen. Ebensowenig,
wie Kenner des deutschen Volkscharakters sich durch Unebenheiten
und Schroffheiten, die schließlich ihre Begründung in unsrer
vielhundertjährigen Leidensgeschichte haben, dazu verleiten lassen, das
deutsche Volk für kriegslustig, gewalttätig und eroberungssüchtig zu
halten.
Der Deutsche Kaiser und das deutsche Volk wollten den Frieden und sahen
in der friedlichen Arbeit ihre Zukunft. Wo die Kräfte, die den größten
Krieg der Weltgeschichte heraufbeschworen haben, ihren Sitz hatten,
glaube ich in den vorstehenden Blättern gezeigt zu haben.
Großbritannien hat wieder einmal sein Ziel erreicht. Die stärkste
Kontinentalmacht, sein stärkster Wettbewerber auf den Märkten der Welt
liegt am Boden, wie vordem Spanien, die Niederlande und Frankreich.
Unsere Kraft ist gebrochen in einem Krieg, den England so wenig
unmittelbar entzündet hat wie etwa den Spanischen Erbfolgekrieg, den
Siebenjährigen Krieg und die Napoleonischen Kriege; den es aber, genau
wie jene großen Koalitionskriege, mit unübertrefflicher diplomatischer
Kunst aus dritter Ursache duldend und fördernd hat entstehen lassen,
um dann einzugreifen und seinen stärksten Rivalen zur Mehrung seiner
eigenen Macht und Herrlichkeit niederzuwerfen.
So werden die unbestechlichen und unbeirrbaren Augen der Geschichte die
Entstehung des Krieges sehen.
Der Weltkrieg
von
Karl Helfferich
Der zweite Teil des Werkes,
der den Anteil des Verfassers
an den politischen Vorgängen
der Kriegszeit selbst
zum Gegenstand hat,
erscheint in
Kürze
[Illustration: Ullstein & Co Berlin]
Fußnoten:
[1] Der belgische Gesandte in London, van Grootven, berichtete damals
an seine Regierung, Sir Edw. Grey habe bei verschiedenen Gelegenheiten
den in London beglaubigten Botschaftern wiederholt, England sei in der
Marokkofrage an Frankreich gebunden und werde seine Verpflichtungen
bis zum Letzten erfüllen, selbst im Falle eines deutsch-französischen
Krieges und auf jede Gefahr hin.
[2] Daß diese einseitigen Beratungen mit einer bestimmten Mächtegruppe
ein schwerer Verstoß gegen die belgische Neutralität waren, kann nicht
wohl bestritten werden. Der Einwand, daß die in diesen Beratungen
getroffenen Abmachungen nur im Falle einer Verletzung der belgischen
Neutralität durch Deutschland in Kraft treten sollten, schlägt nicht
durch. Die Beratungen selbst mußten der einen Partei einen tiefen
und wertvollen Einblick in die belgischen Kriegsmittel geben, der
der andern Partei nicht zuteil ward. Überdies hat später, am 23.
April 1912, der damalige britische Militärattaché dem belgischen
Generalstabschef rundheraus erklärt, daß die englische Regierung
während der letzten Krisis (Marokkokrisis von 1911) eine Landung in
Belgien auf jeden Fall vorgenommen haben würde, auch wenn Belgien keine
Hilfe verlangt hätte.
[3] Bericht vom 22. Juni 1907.
[4] Worte des Fürsten Bülow in seiner Reichstagsrede vom 30. April 1907.
[5] Siehe E. D. Morel, Truth and the War, London 1916, S. 148 ff.
[6] Staatssekretär a. D. Zimmermann in der »Deutschen Allgemeinen
Zeitung« vom 28. November 1918.
[7] Siehe »Norddeutsche Allgemeine Zeitung« vom 3. Januar 1915.
[8] Siehe meine »Entstehung des Weltkriegs«, S. 25.
[9] Die aus Anlaß dieses »Mißverständnisses« von der deutschen
Regierung eingenommene Haltung zeigt, wie fern der deutschen Regierung
Angriffsabsichten auf Frankreich lagen. Der französische Minister
des Auswärtigen hat das Gegenteil zu beweisen versucht durch die
Veröffentlichung eines Chiffretelegramms, enthaltend eine Instruktion
des Reichskanzlers an den deutschen Botschafter in Paris, Baron von
Schoen, nach der dieser von Frankreich als Sicherheit für den Fall der
französischen Neutralitätserklärung die Auslieferung der Festungen
Toul und Verdun verlangen sollte. Die Instruktion ist nicht praktisch
geworden, da Frankreich die Erklärung seiner Neutralität verweigerte.
Hervorgegangen war sie aus der militärischen Notwendigkeit einer
unbedingten Rückendeckung nach Westen für den Fall des Aufmarsches
unseres Gesamtheeres gegen Osten. Das »Mißverständnis« vom 1.
August hat bewiesen, daß die deutsche Regierung, falls Frankreich
überhaupt zur Neutralität bereit gewesen wäre, sich statt der
militärischen Sicherung durch Auslieferung der Grenzfestungen sich
mit der diplomatischen Sicherung durch die Garantie Englands für die
französische Neutralität begnügt hätte.
[10] Z. B. »Labour Leader« vom 18. März 1915.
[11] Vgl. die Anfrage Keir Hardies im Unterhaus am 27. August 1914.
[12] Dies wird gelegentlich von englischer Seite selbst offen
zugegeben. Schon im Dezember 1914 schrieb der »Spectator«:
»Wenn Deutschland beschlossen hätte, zu versuchen, auf dem direkten Weg
statt auf dem Weg über Belgien in Frankreich einzudringen, so hätten
wir trotzdem unter einer tiefen Verpflichtung gestanden, Frankreich
und Rußland zu helfen ... Alle unsere Abmachungen mit Frankreich
-- unsere Sanktion der Linie seiner Politik, unsere militärischen
»Konversationen« mit seinem Stab, unsere endgültige Assoziation mit
seinen Handlungen draußen -- hatten uns seine Sache anvertraut, so klar
wie wenn wir eine bindende Allianz mit Frankreich abgeschlossen hätten.
Und was wahr ist für unser Einvernehmen mit Frankreich, ist kaum
weniger wahr für unser Einvernehmen mit Rußland.«
Und ein Leitartikel der »Times« vom 19. März 1915 bekannte, daß
England durch seine Ehre und sein Interesse gezwungen worden wäre,
an Frankreichs und Rußlands Seite zu treten, »auch wenn Deutschland
die Rechte seines kleinen Nachbars gewissenhaft geachtet und sich
den Weg nach Frankreich hinein durch die französischen Ostfestungen
gebahnt hätte«. -- Der Artikel fährt fort: »Weshalb verbürgten wir
uns für die Neutralität Belgiens? Wegen eines gebieterischen Grundes
des Selbstinteresses, aus dem wir von jeher verhinderten, daß eine
Großmacht sich unserer Ostküste gegenüber festsetzte, wegen des
Grundes, der uns bewog, die Niederlande gegen Spanien und gegen
das Frankreich der Bourbonen und Napoleons zu verteidigen ... Wir
spielen nicht den internationalen Don Quichotte, der zu jeder Zeit
jedes Unrecht bekämpft, auch wenn es ihm keinen Schaden zufügt.
Herr von Bethmann hat ganz recht, selbst wenn Deutschland nicht in
Belgien eingefallen wäre, hätten Ehre und Interesse uns an Frankreich
gebunden ... Wir kehrten zu unserer traditionellen Politik des
Gleichgewichts zurück, aus demselben Grund, aus dem unsere Ahnen sie
angenommen hatten. Gefühlsgründe gab es weder für unsere Väter, noch
gibt es sie für uns. Es handelt sich um in sich selbst begründete, um
selbstische Gründe ... für England und seinen Herrschaftskreis kämpfen
und bluten seine Söhne.«
* * * * * *
Anmerkungen zur Transkription:
Der Originaltext wurde beibehalten, offensichtliche Druckfehler wurden
berichtigt. Parallele Schreibweisen von Eigennamen (»Eduard« und »Edward«,
»Ssuchomlinoff« und »Ssuchomlinow«) wurden beibehalten. Folgende Änderungen
wurden vorgenommen:
Seite 94: nach »ihre Kraft verlieren sollte« wurde ein Punkt ergänzt
Seite 106: »Freiherrrn« wurde geändert in »Freiherrn«
Seite 109: »Iswolksi« wurde geändert in »Iswolski«