Die letzten Verständigungsversuche

Um die Gefahren, die dem Weltfrieden drohten, nach Möglichkeit zu

beschwören, setzte die deutsche Politik mit verdoppeltem Nachdruck

ihre Bemühungen fort, das Verhältnis Deutschlands mit den Westmächten

durch die Verständigung in wichtigen Einzelfragen und die Liquidation

alter Streitpunkte zu verbessern. Man hoffte, auf diese Weise gegenüber

der fortdauernden Drohung im Südosten eine Friedenssicherung schaffen

zu können. Insbesondere schöpfte man aus Englands Verhalten während

des Balkankriegs die Hoffnung, daß es auf dem Wege der Verständigung

über Einzelfragen gelingen könne, das britische Mißtrauen gegen

Deutschland zu beseitigen und -- unbeschadet allen wirtschaftlichen

Wettbewerbs -- eine Interessengemeinschaft zwischen England und

Deutschland an der Erhaltung des Weltfriedens zu schaffen. Man konnte

über die Möglichkeit, ein solches Ziel zu erreichen, zuversichtlich

oder skeptisch denken -- ich bin auch heute noch der Ansicht, daß der

ehrliche Versuch unter allen Umständen gemacht werden mußte, durch

eine Verständigung über konkrete Fragen mit derjenigen Macht, die

das Schicksal des Weltfriedens mehr denn irgendeine andere in ihren

Händen hielt, der drohenden Weltkatastrophe entgegenzuwirken. Schon um

denjenigen Elementen in England, die getreu den Traditionen der alten

Gewaltpolitik auf die Zerschmetterung der stärksten Kontinentalmacht

und des stärksten Rivalen in der Weltwirtschaft und in der Seegeltung

ausgingen, nach jeder Möglichkeit die Arbeit zu erschweren und ihr

Kriegsvorwände, die der britischen und internationalen Meinung

einleuchten konnten, zu nehmen.

Es sind zwei große Fragenkomplexe, in denen mit England damals eine

Verständigung versucht und bis zum Ausbruch des Weltkriegs auch

materiell erreicht wurde: die afrikanischen Kolonialfragen und die

vorderasiatischen Wirtschafts- und Eisenbahnfragen.

Der Weltkrieg, I. Band Die Vorgeschichte des Weltkrieges · 第 36 / 41 题