Die beiden Balkankriege

Schon im Februar 1912 war zwischen Serbien und Bulgarien

unter nachdrücklicher Förderung Rußlands ein geheimer Vertrag

zustandegekommen, der im Laufe der nächsten Monate inhaltlich

erweitert und durch einen bulgarisch-griechischen Vertrag, durch

Militärkonventionen zwischen diesen Staaten, sowie durch Abmachungen

mit Montenegro ergänzt wurde. Diese Verträge, die den sogenannten

»Balkanbund« schufen, richteten sich in erster Linie gegen die Türkei,

deren albanische und mazedonische Provinzen das Kriegsziel waren.

Daneben aber enthielten die bulgarisch-serbischen Abmachungen die

Verpflichtung zum gegenseitigen Beistand im Falle eines Angriffs

Österreich-Ungarns; darüber hinaus verpflichtete sich Bulgarien zur

Waffenhilfe für Serbien, falls dieses durch Österreich-Ungarn an einer

Erweiterung seines Gebiets bis zum Adriatischen Meer durch Besetzung

albanischer und mazedonischer Landesteile verhindert werden sollte. Der

russische Zar war in den serbisch-bulgarischen Verträgen für den Fall

von Meinungsverschiedenheiten als Schiedsrichter ausersehen.

Im August 1912 begann Bulgarien, seine Forderungen nach Reformen in

Mazedonien bei der türkischen Regierung zu stellen. Ende September

folgte ein einheitliches Vorgehen der sämtlichen Balkanmächte, und am

8. Oktober eröffnete Montenegro mit dem Einmarsch in türkisches Gebiet

die Feindseligkeiten.

Kiderlen hatte sich nach Kräften bemüht, eine Einigung zwischen

Österreich-Ungarn und Rußland zum Zwecke der Verhinderung des Kriegs

oder -- wenn sich das als unmöglich erweisen sollte -- zum Zwecke der

Lokalisierung des Kriegs herbeizuführen. Das Petersburger Kabinett

war scheinbar auf diese Bemühungen eingegangen, aber seine Vertreter

in Belgrad, Herr Hartwig, und in Paris, Herr Iswolski, arbeiteten mit

Erfolg im entgegengesetzten Sinn. Das Verhalten der französischen

Regierung war undurchsichtig. Angesichts der großen französischen

Interessen, die sowohl in der Türkei wie in den Balkanstaaten auf dem

Spiel standen, schien sie Neigung zu haben, im Sinne der Erhaltung

des Friedens zu wirken; andrerseits war der Einfluß Iswolskis

unverkennbar. London hüllte sich in den kritischen Tagen in völlige

Zurückhaltung; Sir Edward Grey blieb trotz der Zuspitzung der Lage

in seinem Landaufenthalt, und Sir Arthur Nicolson, der ihn vertrat,

gab auf die Sondierungen über das Verhalten der britischen Regierung

keine Antwort. Am 8. Oktober meldete das Reutersche Telegraphenbureau

die Kriegserklärung Montenegros an die Türkei. Das Wiener amtliche

Telegraphenbureau brachte zunächst ein Dementi, meldete aber dann noch

an demselben Tage die Abberufung des montenegrinischen Gesandten in

Konstantinopel und die Zustellung der Pässe an den türkischen Gesandten

in Cetinje.

Am gleichen Tage passierte der russische Minister des Äußern auf der

Durchreise von Paris nach Petersburg Berlin. Ich sah Kiderlen am

Abend, nachdem er vorher eine lange Unterredung mit Ssasonoff gehabt

hatte. Kiderlen hat Ssasonoff auf den Kopf zugesagt, daß Rußland

die Balkanstaaten zum Krieg gegen die Türkei zusammengebracht habe.

Ssasonoff leugnete die russische Vaterschaft am Balkanbund nicht,

behauptete aber, Rußland habe den Bund lediglich zu defensiven

Zwecken ins Leben gerufen. Kiderlen antwortete: »Il y a quelqu'un

à Paris qui pourrait vous renseigner là-dessus.« Gemeint war

der Botschafter Iswolski. Kiderlen brachte außerdem bei dieser

Gelegenheit die Inspektion der französischen Grenzfestungen durch den

Großfürsten Nicolai Nicolajewitsch zur Sprache, ferner die zwischen

Rußland und Frankreich damals abgeschlossene Marinekonvention,

den von der russischen Flotte gleichzeitig mit der britischen in

Kopenhagen geplanten Besuch, die von Rußland damals vorbereitete

Probemobilmachung. Das sei etwas viel auf einmal und könne von uns

nicht unbeachtet bleiben.

Auch in den folgenden Tagen geschah weder von Rußland noch von England

oder Frankreich ein wirksamer Schritt, der den Krieg hätte verhindern

können.

In rascher Folge erlitt die türkische Armee in Mazedonien und Thrazien

schwere Niederlagen. Das ganze Gebiet der europäischen Türkei bis

auf das unmittelbare Vorgelände von Konstantinopel ging im Verlauf

weniger Wochen verloren. Erst an der Konstantinopel schützenden

Tschataldjalinie vermochte die Türkei einen wirksamen Widerstand zu

organisieren.

Die Großmächte, deren Vertreter auf Anregung Kiderlens beim Ausbruch

des Krieges in London zu einer ständigen Konferenz zusammengetreten

waren, hatten zunächst die Aufrechterhaltung des status quo auf dem

Balkan ohne Rücksicht auf den Gang, den die militärischen Operationen

nehmen sollten, proklamiert. Dieser Standpunkt wurde angesichts der

großen und raschen Erfolge der Balkanstaaten unhaltbar. Die Balkanfrage

war jetzt in vollem Umfang und in ihrer ganzen Gefährlichkeit

aufgerollt.

Das Bestreben der deutschen Politik war, einmal zu verhindern, daß

Österreich-Ungarn in den Konflikt hineingezogen würde, ferner die

österreichisch-ungarischen und die italienischen Interessen in Einklang

zu bringen; schließlich England und womöglich auch Frankreich gegenüber

dem russischen Ungestüm für eine Politik des kalten Blutes zu gewinnen.

Unmittelbar vor Ausbruch des Krieges hatte die türkische Regierung

das sofortige Eingreifen Österreich-Ungarns durch das Angebot des

Sandschaks Novibazar herbeizuführen versucht. Kiderlen setzte sich

in Wien für die Ablehnung dieses verlockenden Angebotes ein, dessen

Annahme wohl den sofortigen Krieg mit Rußland zur Folge gehabt hätte.

Nachdem der status quo unwiederbringlich verloren schien, nahm

Österreich-Ungarn das lebhafteste Interesse daran, daß Albanien nicht

unter serbische Herrschaft komme und daß Serbien sich nicht bis zur

Adria ausdehne. Gegenüber den teilweise römisch-katholischen Albanesen

hatte Österreich sich schon seit längerer Zeit als Schutzmacht gefühlt

und war in diesem Sinne für dieses Bergvolk bei der Pforte eingetreten.

In einem Vordringen der Serben über albanesisches Gebiet bis zum Meer

sah die österreichisch-ungarische Politik eine nicht erträgliche

Steigerung der großserbischen Bedrohung vom Südosten her.

Über ihren Standpunkt in dieser Frage hatte die Wiener Regierung

von Anfang an keinen Zweifel gelassen. Als Anfang November der

französische Ministerpräsident Poincaré den Vorschlag machte, die

sämtlichen Großmächte möchten ihr vollständiges Desinteressement an den

balkanischen Dingen erklären, konnte man deshalb in diesem Vorschlag

nur einen bewußten und gewollten Vorstoß gegen Österreich-Ungarn

erblicken.

Der Vorstoß wurde abgeschlagen. Ebenso wie die

österreichisch-ungarische Regierung war die italienische Regierung

entschlossen, sich bei Veränderungen des territorialen Status auf der

Balkanhalbinsel nicht beiseiteschieben zu lassen. In Unterhaltungen

mit San Giuliano, dem italienischen Minister des Auswärtigen, der

in jenen Novembertagen zur Besprechung über die Erneuerung des

Dreibundes in Berlin weilte, gelang es, eine einheitliche Politik

der Dreibundmächte in der Balkanfrage festzulegen. Vor allem einigte

man sich über die Schaffung eines autonomen Albaniens, das unter

österreichisch-ungarischem und italienischem Schutze stehen sollte.

Das geschlossene Auftreten der Dreibundmächte tat seine Wirkung. Vor

allem rückte die britische Regierung von dem Vorstoß Poincarés ab.

Kiderlen erzählte mir am 9. November, England zeige uns gegenüber eine

auffallende Beflissenheit. Der britische Botschafter sei in seiner

ganzen Amtszeit noch nie so häufig unaufgefordert zu ihm gekommen

und habe sich noch nie so eingehend mit ihm ausgesprochen wie in den

letzten acht Tagen; und ebenso lasse Sir Edward Grey fortgesetzt

den deutschen Geschäftsträger zu sich bitten. Das Ergebnis dieser

deutsch-englischen Konversationen kam zum Ausdruck in einer Rede des

britischen Premierministers Asquith beim Lordmayorsbankett am 9.

November, in der er sagte: England sei an den Veränderungen auf dem

Balkan nicht unmittelbar interessiert; es seien aber andere Mächte

vorhanden, von denen nicht erwartet werden könne, sie würden nicht

verlangen, daß ihre Stimme gehört werden müsse, wenn die Zeit für die

endgültige Regelung gekommen sei. Solange der Kriegszustand andauere,

lehne es die britische Regierung ab, einzelne Fragen zu behandeln,

die getrennt und sogleich aufgeworfen wahrscheinlich nicht wieder

gutzumachende Differenzen hervorrufen würden, die aber wohl ein

besseres Aussehen annehmen würden, wenn man sie zurückstellte, um sie

dann unter dem weiteren Gesichtspunkt des allgemeinen Ausgleichs zu

behandeln.

Also im Gegensatz zu dem Vorschlag Poincarés eine glatte Anerkennung

der Berechtigung des österreichisch-ungarischen und italienischen

Verlangens, bei der Neuregelung der territorialen Verhältnisse auf

dem Balkan mitzureden; aber im Einverständnis mit der deutschen

Politik Zurückstellung der Einzelfragen bis zu dem Zeitpunkt, der eine

Gesamtregelung gestatten würde.

Auffallend, aber bezeichnend für die englische Politik, ist die

Tatsache, daß jenes Abrücken der britischen Regierung von dem von der

französischen Regierung unklugerweise eingenommenen Standpunkt und ihre

Zusammenarbeit mit der deutschen Diplomatie zeitlich fast zusammenfiel

mit einer starken formellen Bekräftigung der diplomatischen und

militärischen Entente mit Frankreich. Am 22. und 23. November 1912,

also vierzehn Tage nach der Guildhall-Rede des Herrn Asquith, wurde

der Schriftwechsel zwischen Sir Edward Grey und M. Paul Cambon

ausgetauscht, der zum erstenmal die seit 1906 getroffenen mündlichen

Abreden über eine englisch-französische Kooperation im Falle eines

»nicht herausgeforderten Angriffs« schriftlich niederlegte. Die

Vermutung eines ursächlichen Zusammenhangs liegt nahe. Die französische

Regierung fühlte sich durch das englisch-deutsche Zusammengehen in

den Balkanfragen zweifellos beunruhigt, und die leitenden britischen

Staatsmänner hielten es für angezeigt, diese Beunruhigung dadurch

zu beheben, daß sie dem französischen Ententegenossen ein stärkeres

formelles Pfand, als es bisher gegeben worden war, in die Hand drückten

und ihm dadurch die Gewißheit gaben, daß durch eine gelegentliche

Meinungsverschiedenheit in Fragen der diplomatischen Taktik an dem

britisch-französischen Bundesverhältnis nichts geändert werde.

Während England auf diese Weise Wasser auf beiden Schultern trug, kam

die deutsche Regierung in die Lage, einen ernstlichen Druck auf die

verbündete Donaumonarchie auszuüben.

Der Vormarsch der Serben durch albanisches Gebiet nach der Adria und

die Nachrichten über entsetzliche Greuel, die von der serbischen Armee

in Albanien begangen wurden, weckten in Wien starke Erregung und die

Neigung zu einem sofortigen Eingreifen. Rußlands Haltung, das unter

dem Titel der Probemobilmachung starke Streitkräfte an der galizischen

Grenze zusammenzog, war nicht geeignet, diese Erregung zu mildern.

Für die Haltung des Deutschen Kaisers in dieser für die deutsche

Politik schwierigen Lage, die eine große Ähnlichkeit mit der Lage vom

Juli 1914 hat, ist ein Telegramm bezeichnend, das Wilhelm II. damals

an den Reichskanzler richtete, des Inhalts: Der Bündnisvertrag mit

Österreich-Ungarn zwinge uns, zu marschieren, wenn Österreich-Ungarn

von Rußland angegriffen werde. Dann werde auch Frankreich hineingezogen

werden, und England werde unter solchen Umständen wohl auch nicht ruhig

bleiben. Die jetzt schwebenden Streitfragen ständen zu dieser Gefahr in

keinem Verhältnis. Es könne nicht der Sinn des Bündnisvertrages sein,

daß wir, ohne daß Lebensinteressen des Verbündeten bedroht seien,

für eine Laune des Verbündeten in einen Kampf auf Leben und Tod gehen

müßten. Wenn sich allerdings zeigen sollte, daß die andere Seite einen

Angriff beabsichtige, dann werde man jede Gefahr auf sich nehmen müssen.

Dieser ruhige und feste Standpunkt, der allein den Frieden erhalten

konnte, war für die deutsche Politik auch in der weiteren Entwicklung

maßgebend. Er wurde durchgehalten sowohl gegenüber einem starken

russischen Druck wie auch gegenüber anders gerichteten Tendenzen und

vorübergehenden Verstimmungen in Wien.

Rußland suchte in Berlin mit Drohungen zu wirken. So sagte mir am 18.

November der erste Sekretär der russischen Botschaft, Herr Botkin,

den Serben könne der Zugang zur Adria unmöglich verweigert werden;

wenn Österreich-Ungarn sich dagegenstelle, werde Rußland in Rücksicht

auf seine öffentliche Meinung gezwungen sein, einzugreifen, und das

bedeute den Weltkrieg. Zwei Tage später hatte ich den Besuch des

Herrn Davydoff, früher Chef der russischen Reichsrentei und rechte

Hand des Herrn Kokowzoff, jetzt Präsident der Russischen Bank für

auswärtigen Handel. Er kam aus Paris, wo er eine Anleihe zugunsten

von Bulgarien durchgesetzt hatte. Er erzählte mir viel von dem großen

wirtschaftlichen und finanziellen Aufschwung Rußlands; allein in

Deutschland habe Rußland jetzt Guthaben in Höhe von 700 Millionen

Mark. Dann sprach er über die politische Lage und fragte mich, ob ich

glaube, daß es wegen der serbischen Aspirationen zum europäischen

Krieg kommen werde. Ich antwortete, das müsse er besser wissen als ich,

denn die Entscheidung liege bei Rußland. Er entgegnete, Deutschland

müsse Österreich zur Vernunft bringen; wenn die Lage sich weiter

zuspitze, müsse er sich als Finanzmann mit seiner Verantwortlichkeit

abfinden und sich fragen, ob es richtig sei, so viel Geld im Ausland

stehenzulassen. -- Also ein deutlicher Wink, daß uns im Falle einer

weiteren Komplikation die russischen Millionen abgezogen werden würden,

deren Höhe Davydoff übrigens beträchtlich übertrieben hat. Ich stellte

damals fest, daß die Deutsche Bank an Rußland weit größere Forderungen

hatte, als umgekehrt Rußland bei ihr an Guthaben verfügte. Die Summe

der russischen Guthaben bei sämtlichen deutschen Banken war zweifellos

erheblich geringer als die von Davydoff genannte Ziffer, und von dieser

geringeren Summe waren die sehr erheblichen kurzfristigen deutschen

Forderungen an Rußland abzusetzen. Die deutsche Politik ließ sich durch

solche Bluffversuche nicht beirren.

In Wien war man mit der deutschen Unterstützung keineswegs ganz

zufrieden. Gegenüber den beunruhigenden Gerüchten über ein

österreichisch-ungarisches Ultimatum an Serbien, bevorstehende

österreichisch-ungarische Mobilmachung usw., die von Wien

aufflatterten, brachte die »Norddeutsche Allgemeine Zeitung« am 26.

November ein energisches Dementi, dem ein Zusatz beigefügt war, die

Mächte seien sich einig, die albanische und adriatische Frage erst

im Verein mit den andern aus den Vorgängen am Balkan entstandenen

Fragen zu diskutieren und zu regeln. Das war die gleiche Richtlinie,

wie sie Asquith in seiner Guildhall-Rede verkündigt hatte. In Wien

war man über die ausdrückliche Festlegung dieses Standpunktes in dem

offiziösen Organ der deutschen Regierung nicht sehr erfreut. Das Echo

in den Wiener offiziösen Blättern war, die k. u. k. Regierung behalte

völlige Freiheit in der Wahl des Zeitpunktes, der ihr zur Regelung der

albanischen und adriatischen Frage gut scheine. Kiderlen sagte mir am

nächsten Abend: Graf Berchtold wisse nie, was er wolle. Die Wiener

Regierung könne sich nicht entschließen, die Besetzung Albaniens und

der adriatischen Häfen durch Serbien zu verhindern; sie könne sich

aber auch nicht dazu entschließen, klar zu sagen, daß die Regelung

dieser Fragen für später vorbehalten bleiben solle. Wir seien bereit,

uns hinter Österreich-Ungarn zu stellen; aber gerade deshalb hätten

wir ein Recht, zu hören, was die Wiener eigentlich wollten. Er fürchte

sich nicht vor dem Krieg; aber gerade für diesen Fall sei es ein

enormer Vorteil, England draußen zu halten. Diese Möglichkeit sei nicht

ausgeschlossen; er wisse darüber mehr als die Wiener und mehr, als

er diesen sagen könne. Ein Vergnügen sei es nicht, an seiner Stelle

zu stehen. Gott sei Dank habe er die nötigen Nerven, um die Partie

durchzuhalten.

Wenige Wochen später, am 30. Dezember 1912, erlag Kiderlen einem

Schlaganfall. Die deutsche Diplomatie verlor mit ihm ihre stärkste

Kraft.

Im Januar wurde zwischen den Balkanstaaten und der Türkei ein

Waffenstillstand abgeschlossen. In London wurde unter Mitwirkung der

Botschafter der Großmächte über den Frieden verhandelt, sehr zum Ärger

Poincarés, der die Friedenskonferenz gern unter seinem Vorsitz in Paris

gehabt hätte und nun darauf bestand, daß die mit dem Balkanfrieden

zusammenhängenden finanziellen und wirtschaftlichen Fragen in einer

Sonderkonferenz in Paris behandelt würden. Diese Sonderkonferenz,

zu der ich wegen meiner Vertrautheit mit den türkischen Finanz-

und Eisenbahnfragen von der deutschen Regierung neben dem Pariser

Botschaftsrat Freiherrn von der Lancken und den Herren Dr. Schwabach

und Generalkonsul a. D. Pritsch, dem deutschen Delegierten bei der

türkischen Staatsschuldenverwaltung, als Vertreter entsandt wurde, ist

im Frühjahr 1913 zusammengetreten.

Inzwischen spitzte sich der Gegensatz zwischen Österreich-Ungarn

einerseits, Serbien und Rußland andrerseits in der albanesischen Frage

weiter zu. Serbien verlangte große Teile rein albanesischen Gebiets;

Österreich-Ungarn setzte diesen Forderungen den stärksten Widerstand

entgegen. Ich war mit meinem Kollegen von Gwinner am 31. Januar und 1.

Februar 1913 zu wichtigen Verhandlungen über die Orientbahnen, für die

sich die österreichisch-ungarische Regierung interessierte, in Wien.

Der Staatssekretär von Jagow, den wir vor der Abreise besuchten, hatte

uns auf den Weg gegeben: »Sagen Sie den Herren am Ballplatz, daß uns

hier die albanesische Sache einige Sorge macht.« Ich hatte zunächst

Gelegenheit, mit dem Sektionschef im Auswärtigen Ministerium, Grafen

Wyckenburg, über diese Dinge zu sprechen. Er sagte mir, die große

Gefahr halte er eigentlich für überwunden, aber Österreich-Ungarn

müsse jetzt in den sehr wichtigen Einzelheiten durchhalten. Man

brauche Albanien als Damm gegen die wachsende südslawische Hochflut.

Der Damm müsse so ausgestattet werden, daß er stehen könne. Das

gelte namentlich auch für die Abgrenzungsfrage; aber gerade hier

mache Rußland die ärgerlichsten Schwierigkeiten und lasse sich jeden

Fußbreit albanesischen Bodens abnötigen und abringen. Das müsse eben

durchgefochten werden. Ich äußerte meine Zweifel an dem Wert des

albanesischen Damms. Die Albanesen unterschieden sich nach meiner

Kenntnis von den andern Völkern dadurch, daß das Wort des Aristoteles,

der Mensch sei ein »zoon politikon«, auf sie nicht zutreffe; sie hätten

niemals staatsbildende Kraft bewiesen, und ich könne die Besorgnis

nicht loswerden, daß ein albanesischer Staat für seine Väter keine

Sicherung, sondern eine Quelle von Unruhen und Sorgen sein werde.

Mit dem Grafen Berchtold hatte ich am 31. Januar nach einem Frühstück

bei dem Gouverneur der k. u. k. Bodenkreditanstalt, Herrn Sieghard,

eine Unterhaltung, die folgendermaßen verlief: Graf Berchtold fragte

mich ziemlich unvermittelt, was man in Deutschland eigentlich über

die Situation denke, und ob man, wie es den Anschein habe, wirklich

unter allen Umständen den Frieden durchhalten wolle. Ich antwortete,

nach meiner Überzeugung wollten in Deutschland alle verantwortlichen

Leute ernsthaft den Frieden. Graf Berchtold entgegnete, mit einem

sehr ernsten Hinweis auf die immer stärkere Zuspitzung der Gefahr,

die der Monarchie und damit dem Deutschtum vom Südosten her drohe:

er besorge, daß auf die Dauer die große Auseinandersetzung zwischen

Germanen und Slawen sich nicht werde vermeiden lassen. Ich erinnerte an

Bismarcks Wort, daß man der Vorsehung nicht in die Karten sehen könne;

aber auch wenn eine solche Auseinandersetzung sich als unvermeidlich

erweisen sollte, so sei nach meiner Ansicht jedes Jahr, in dem der

Friede erhalten bleibe, für Deutschland gewonnen, das fortgesetzt an

Bevölkerung, wie an wirtschaftlicher und finanzieller Kraft zunehme.

Es ist mir bei dieser Unterhaltung völlig klargeworden, wie sehr die

großserbischen Bestrebungen in der Auffassung der Staatsmänner unseres

österreichisch-ungarischen Verbündeten sich zu einer Lebensgefahr für

die Monarchie zugespitzt hatten. Zwar ist bald darauf, im März 1913,

der akute Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Rußland beigelegt

worden. Aber ich konnte in dieser Beilegung nur eine Atempause

sehen. Ich habe seit jener Zeit die Vorgänge auf dem Balkan mit

verdoppelter Sorge beobachtet, in der Überzeugung, daß die Beziehungen

zwischen Österreich-Ungarn und Serbien einer neuen starken Belastung

nicht gewachsen seien und daß bei der Haltung Rußlands jeder

österreichisch-serbische Konflikt die eminente Gefahr des Weltkriegs

unmittelbar heraufbeschwören würde.

Meine Wahrnehmungen bei der Pariser Konferenz zur Regelung der aus

dem Balkankrieg erwachsenen finanziellen Fragen bestärkten diese

Überzeugung. Die Konferenz übertrug mir den Vorsitz der Kommission,

die über die Übernahme eines Teiles der türkischen Staatsschuld

durch die Balkanstaaten, denen im Londoner Präliminarfrieden der

größte Teil der europäischen Türkei zugesprochen worden war, beraten

sollte. Ich hatte Gelegenheit, zu beobachten, bis zu welchem Grade

der Überhebung und Herausforderung die kriegerischen Erfolge gegen

die Türkei die serbischen Gemüter erhitzt hatten, wie der russische

Botschafter Iswolski nicht nur die Vertreter der Balkanstaaten

dirigierte und aufreizte, sondern auch die französischen Vertreter

an der Leine hielt. An einer gerechten Lösung gerade der in meiner

Kommission zu entscheidenden Fragen war Frankreich, als weitaus

größter Gläubiger der Türkei, weitaus am stärksten interessiert. Aber

die französische Regierung und ihre Vertreter stellten selbst diese

großen Interessen zurück, um nicht mit Rußland in Differenzen zu

kommen. Der englische Vertreter, Sir Paul Harvey, der Berichterstatter

in meiner Kommission war, verhielt sich sachlich und loyal. Dagegen

erwies sich die italienische Vertretung, die hauptsächlich durch Herrn

Volpi, den Unterhändler des Friedens von Lausanne, geleitet wurde, als

unzuverlässig und hinterhältig und als stets geneigt, mit Serbien,

Montenegro und Rußland gemeinschaftliche Sache zu machen. Alles in

allem wuchs bei mir in jenen Monaten die Gewißheit, daß Rußland die

Balkanstaaten in ihrer Begehrlichkeit nicht nur unterstützte, sondern

anstachelte und damit den Herd der Weltkriegsgefahr fortgesetzt

anheizte; daß Frankreich gelegentlich mit ins Feuer blies und

jedenfalls sich von Rußland unter keinen Umständen trennen wollte,

auch wenn große eigne Interessen auf dem Spiele standen; daß England

in äußerlich korrekter, aber undurchsichtiger Haltung abwartete; daß

auf Italien trotz der mit Österreich-Ungarn über Albanien erzielten

Einigung, die übrigens sofort Sprünge und Risse zeigte, keinerlei

Verlaß war.

Ein positives Ergebnis hatte die Pariser Konferenz nicht. Ehe

sie ihre Beratungen dem Abschluß nahebringen konnte, führten die

Streitigkeiten zwischen Bulgarien einerseits, Serbien und Griechenland

andererseits über die Verteilung des von der Türkei nach dem Londoner

Präliminarfrieden abzutretenden Gebiets zu dem zweiten Balkankrieg.

Rumänien griff gegen Bulgarien ein. Die Türkei stieß unter Führung

Envers nach Adrianopel vor. In kurzer Zeit sah sich Bulgarien genötigt,

die Waffen zu strecken. Der Bukarester Friede ließ Bulgarien nur

einen geringen Teil des ihm ursprünglich zugedachten Landgewinnes und

nahm ihm zugunsten Rumäniens einen Teil der Süd-Dobrudscha, während

Griechenland und vor allem Serbien eine gewaltige Vergrößerung erfuhren.

Die österreichisch-ungarische Diplomatie, die Serbien nicht zu

groß werden lassen und sich in dem allerdings stark geschwächten

Bulgarien ein Gegengewicht gegen Serbien sichern wollte, verlangte

zugunsten Bulgariens eine Revision des Bukarester Friedens. Sie setzte

sich dabei über die Tatsache hinaus, daß Bulgarien ein Jahr zuvor

-- trotz der Unterstützung, die es an Österreich-Ungarn bei seiner

Unabhängigkeitserklärung erfahren hatte -- jenen Vertrag mit Serbien

abgeschlossen hatte, der letzterem auch gegenüber Österreich-Ungarn

Waffenhilfe zusagte. Sie stellte ferner nicht genügend in Rechnung, daß

angesichts der hervorragenden Beteiligung Rumäniens an dem Bukarester

Frieden ein solcher Einspruch Rumänien vor den Kopf stoßen und die

ohnedies starken entente-freundlichen Bestrebungen in Rumänien noch

fördern und begünstigen mußte. Die deutsche Politik trat in sichtbarem

Gegensatz zur österreichisch-ungarischen für die Aufrechterhaltung des

Bukarester Friedens ein, in der Absicht, die beiden nichtslawischen

Balkanstaaten, Rumänien und Griechenland, für die Mittelmächte günstig

zu stimmen. Österreich-Ungarn zog angesichts der Haltung Deutschlands

verstimmt und grollend sein Verlangen nach Revision des Bukarester

Friedens zurück.

Die großserbische Gefahr blieb für Österreich-Ungarn nach dem zweiten

Balkankrieg nicht nur in vollem Umfang bestehen, sie war vielmehr

größer geworden als je zuvor. Das auf nahezu das Doppelte seines

bisherigen Umfangs vergrößerte Serbien war weit entfernt, gesättigt zu

sein; im Gegenteil, mit dem durch seine kriegerischen Leistungen und

Erfolge gesteigerten Selbstbewußtsein wandte es seine Augen nun erst

recht gegen Westen, und lauter denn je verkündigte die großserbische

Propaganda als ihr der Verwirklichung nahes Ziel die Angliederung der

südslawischen Gebiete Österreich-Ungarns.

Dazu kam, daß die vorübergehende Besserung des Verhältnisses zwischen

Österreich-Ungarn und Italien nicht standhielt. Das autonome Albanien

wurde ein neuer Zankapfel. Zwar einigte man sich auf die Person des

Prinzen zu Wied als Fürsten des neugeschaffenen Staatswesens. Aber

schon bei den Verhandlungen über die Beschaffung eines ersten Kredits

für das neue Fürstentum, die ich auf Wunsch des Fürsten unmittelbar

vor dessen Abreise nach Durazzo mit einer österreichisch-ungarischen

und einer italienischen Bankengruppe führte, mußte ich mich von der

Eifersucht und dem Mißtrauen überzeugen, das beide Teile gegeneinander

hegten. Der weitere, sich immer unglücklicher gestaltende Verlauf der

albanischen Angelegenheit machte die während des Tripoliskriegs und des

ersten Balkankriegs so mühsam erreichte Wiederannäherung Italiens an

die beiden Zentralmächte zunichte.

So hinterließen die Balkankriege eine beklemmende, gewitterschwangere

Atmosphäre.

Der Weltkrieg, I. Band Die Vorgeschichte des Weltkrieges · 第 35 / 41 题