Der Tripoliskrieg

Inzwischen hatten die deutsch-französischen Verhandlungen über Marokko

eine neue Komplikation ausgelöst:

Italien, das schon seit Jahren durch französische und englische

Zusagen über Tripolis abgefunden worden war, glaubte jetzt, wo sich

das französische Protektorat über Marokko verwirklichte, nicht länger

zuwarten zu können. Noch ehe die deutsch-französischen Verhandlungen

über Marokko formell zum Abschluß gekommen waren, Ende September

1911, kündigte der italienische Botschafter der Pforte an, Italien

werde angesichts der fortdauernden Nichtachtung seiner Interessen

in Tripolis und der Cyrenaika die Wahrung seiner Interessen in die

eigne Hand nehmen und zu diesem Zweck diese beiden afrikanischen

Provinzen der Türkei besetzen; die türkische Regierung möge Vorkehrung

treffen, daß dieser Besetzung kein Widerstand geleistet werde. Auf die

Ablehnung dieser Zumutung durch die Türkei folgte die italienische

Kriegserklärung.

Noch mehr als Österreich-Ungarns Vorgehen bei der Annexion von Bosnien

und der Herzegowina war dieser Gewaltstreich des italienischen

Bundesgenossen eine Belastung des deutschen Verhältnisses zur Türkei

und darüber hinaus eine Belastung des Dreibundes. Die deutsche

Diplomatie hat diese Belastungsprobe bestanden. Das Verhältnis

zur neuen Türkei war inzwischen -- nicht zum wenigsten durch die

finanzielle Hilfe, die Deutschland im Jahre zuvor in einer kritischen

Lage der Türkei gewährt hatte -- so weit gekräftigt, daß es sich

der neuen Belastung gewachsen zeigte, zumal da Deutschland und

Österreich-Ungarn bei Italien die Abstandnahme von Angriffen auf die

Küsten der europäischen Türkei durchzusetzen vermochten. In Italien

erkannte die Regierung die loyale Haltung, die ihre Verbündeten in

einer heiklen Lage betätigten, dankbar an.

Dagegen rief der Tripoliskrieg vorübergehend eine scharfe Spannung

zwischen Italien und Frankreich hervor, als Frankreich heftig und in

verletzenden Formen gegen die Aufbringung französischer Schiffe, die

Kriegsgerät für die in Tripolis kämpfenden türkischen Truppen an Bord

hatten, protestierte. Auch gegen England kam es in Italien zu einer

Verstimmung, als jenes bald nach Ausbruch des Tripoliskrieges den

bisher zu Tripolitanien gehörigen Hafen von Solum, nahe der ägyptischen

Grenze, kurzerhand besetzte. Dazu kam, daß auch zwischen Rußland

und England aus Anlaß des Tripoliskrieges eine nicht unerhebliche

Schwierigkeit entstand, über die bisher meines Wissens in der

Öffentlichkeit nichts bekanntgeworden ist. Die türkische Regierung

hatte aus Besorgnis vor italienischen Angriffen die Dardanellen

gesperrt. Die sich daraus ergebende Behinderung der russischen

Handelsschiffahrt wurde von der russischen Regierung benutzt, um die

Dardanellenfrage aufzuwerfen. Der russische Botschafter Tscharikoff

stellte bei der Pforte weitgehende Forderungen. Die englische

Diplomatie hielt sich demgegenüber vorsichtig zurück, offenbar in der

Hoffnung, daß Deutschland und Österreich-Ungarn gegen die russischen

Forderungen, dem ihr bekannten Wunsch der Türkei entsprechend,

Einspruch erheben würden. In der Tat wurde ein solcher die Türkei gegen

Rußland deckender Einspruch von den Botschaftern Österreich-Ungarns und

Deutschlands bei ihren Regierungen dringend befürwortet. Freiherr von

Marschall ging sogar so weit, die Kabinettsfrage zu stellen. Kiderlen,

der keine Neigung hatte, den Engländern das Odium des Einspruchs bei

Rußland abzunehmen, setzte seinen Standpunkt durch, und Deutschland

und Österreich-Ungarn blieben Gewehr bei Fuß. Die Wirkung war, wie

Kiderlen mir erzählte, daß der russische Botschafter in London, Graf

Benckendorff, den russischen Minister des Auswärtigen, Ssasonoff,

kniefällig bat, im Interesse der Erhaltung der britisch-russischen

Entente die in Konstantinopel gestellten Forderungen zurückzuziehen.

Dies geschah, und Tscharikoff, der lediglich die ihm gegebenen

Weisungen ausgeführt hatte, wurde geopfert.

So hat der Tripoliskrieg die Wirkung gehabt, einerseits in einem

wichtigen Punkte ein gegensätzliches Interesse zwischen England und

Rußland zutagetreten zu lassen, andrerseits die Freundschaft zwischen

Italien und Frankreich-England wenigstens vorübergehend zu trüben

und Italien seinen Verbündeten wieder näherzubringen. Die Erneuerung

des Dreibundvertrags, die erst im Jahre 1914 erforderlich gewesen

wäre, wurde unter diesen Verhältnissen schon im Frühjahr 1912 in

Verhandlung genommen und im Dezember 1912 unterzeichnet. Es schien

einen Augenblick, als ob die von König Eduard VII. eingeleitete

Einkreisungspolitik nach dem Tode dieses Monarchen (Mai 1910) nun doch

allmählich ihre Kraft verlieren sollte.

Aber das Unheil war im Rollen.

Noch ehe es, unter wirksamer Förderung seitens der deutschen Regierung,

zwischen Italien und der Türkei zum Frieden kam, zog sich auf dem

Balkan ein neues Gewitter zusammen.

Der Weltkrieg, I. Band Die Vorgeschichte des Weltkrieges · 第 34 / 41 题