Das Gespräch wurde allgemein; die Gäste besiegten, ja vergaßen ihr

heimliches Staunen. Clarissas Witz und schalkhafte Laune übten eine

hinreißende Wirkung. Dabei lag ein sinnlich prickelnder Hauch um sie,

was Männern nicht entgeht, ihre Gebärden hatten etwas Schmeichlerisches,

ihre Augen schimmerten in schwärmerischem Feuer. Beunruhigt, widerwillig

lauschend, konnte sich Herr von Seguret doch dem Zauber, der seine Gäste

gefangen nahm, nicht ganz entziehen. Eine Macht, die stärker war als

sein Vorsatz, zwang ihn zur Milde, er nahm schüchternen Anteil an der

Unterhaltung, trotzdem seine Brust wie von Bergeslast bedrückt war. Es

wurde von Politik, von Büchern, von Kunst, von der Jagd, vom Krieg

gesprochen, von allem und von nichts, ein glitzerndes Hin und Her

geschliffener Sätze und funkelnder Beobachtung, von Lächeln und Beifall,

Spott und Ernst. Es war manchmal wie in einer meisterhaft geführten

Schauspielszene oder als ob ein leichter Champagnerrausch die Geister

beflügelt hätte; jeder gab das Beste und suchte sich selber

zuvorzukommen, und Clarissa hielt und spannte das Ganze wie eine Fee,

die auf einem Wolkenwagen einen Zug von Tauben lenkt.

Kurz nach Mitternacht erhob sie sich, ein kurzes, sattes, wildes Lächeln

blitzte über ihr Gesicht, sie verbeugte sich beinahe geziert und verließ

den Raum, die Männer in einem wunderlichen, jähen Schweigen

zurücklassend. Als Herr von Seguret seine Gäste hinausbegleitete, war er

verstört, und jene entfernten sich still wie Diebe aus dem Schloß.

Der Präsident wandelte eine Weile in der Vorhalle auf und ab und seine

Gedanken liefen nebeneinander her wie ein flüchtendes Rudel Wild. Da ihn

das Widerklingen seiner Schritte unangenehm berührte, trat er in den

Garten hinaus und auf den verschlungenen Wegen spazierend, atmete er

erleichtert die frische Nachtluft ein. Als er die Taxusallee verließ,

fiel ein Lichtschein über den Weg; Herr von Seguret stellte sich auf die

Mauerbrüstung einer kleinen Fontäne und konnte so in Clarissas Zimmer

sehen, dessen Fenster offen standen. Mit Mühe enthielt er sich eines

erstaunten Ausrufs, als er Clarissa im losen Nachtgewand mit

hingenommenem Ausdruck und leidenschaftlicher Bewegung tanzen sah. Die

Augen waren ganz geschlossen, gleichsam versperrt, die Brauen

kokett-angstvoll in die Stirn hinauf verzogen, die Schultern wiegten

sich in einem Bad unhörbarer Töne, deren Tempo jetzt gehetzt, jetzt

übermäßig langsam schien. Plötzlich griff sie nach einem Gegenstand und

hielt ihn sich vor, -- es war ein Spiegel; hineinblickend, schauerte sie

zusammen und ließ ihn fallen, so daß der Lauscher die Scherben klirren

hörte, dann trat sie ans Fenster, riß das Kleid über der Brust auf,

legte die Hände auf die bloße Brust und sah gerade nach der Richtung, wo

Herr von Seguret stand. Dieser duckte sich, als hätte man eine Flinte

auf ihn gerichtet, doch Clarissa sah ihn nicht, sie starrte eine Weile

in die ziehenden Wolken und machte dann das Fenster zu. Der Präsident

stand noch geraume Weile da und wurde seiner Gedanken nicht Herr. Wen

betrügt sie? dachte er mit Kummer, sich selbst, oder die Menschen oder

Gott?

Seit langem zum ersten Mal hatte Clarissa wieder ruhigen Schlaf. Doch

als sie sich in das weiße Bett legte, schienen die Kissen eine

Purpurfarbe anzunehmen und sie fiel in den Schlummer wie in eine

Schlucht. Sie träumte von Landschaften, von unheimlichen alten Häusern

und von einem Himmel, der wie geronnenes Blut aussah. Sie selbst ging im

Silberschein wie eine Braut und ohne daß sie eine Berührung spürte oder

eine Gestalt sah, hatte sie doch auf den Lippen das Gefühl starker

Küsse und in ihrem Schoß regte es sich, als ob Leben darin entstehe.

Dieselbe wunderliche Lust und Wallung verließ sie auch während der

folgenden Tage nicht. Ein silberner Schleier lag zwischen ihr und der

Welt. Aus Furcht ihn zu zerreißen, sprach sie leise und ging langsam;

hinter ihm hatte die Sonne nicht mehr Leuchtkraft als sonst der Mond.

Als sie am Vorabend des Verhandlungstages von einem Gang über die Felder

zurückkehrte, sah sie am Eingangstor des Schlosses zwei Frauen stehen.

Die eine eilte ihr entgegen, warf sich auf die Kniee und packte ihre

Hände. Es war Charlotte Arlabosse. »Was haben Sie getan,« flüsterte das

schöne Mädchen keuchend, »er ist unschuldig, bei Christi Leiden, er ist

unschuldig! Erbarmen, Madame, und wenn auch nicht mit mir, so wenigstens

mit seiner alten Mutter!«

Die Röte der Abendsonne lag auf den flehentlich verzerrten Zügen. Hinter

Charlotte stand eine sehr beleibte Dame mit großen Warzen auf den

Händen; doch der Kopf war hager und das Gesicht regungslos wie das einer

Toten. Sie glich einem kraftstrotzenden Baum, dessen Krone verdorrt ist.

Clarissa machte eine abwehrende Bewegung, doch blieb ihre Miene

freundlich und gelassen. Eine Sekunde lang glaubte sie in der Knieenden

sich selbst zu sehen, die Doppelgängerin zu sehen und grausamer Triumph

erfüllte ihr Herz. »Keine Sorge, mein Kind,« sagte sie leise und

lächelnd, »was Bastide betrifft, so ist alles schon entschieden.« Damit

öffnete sie das Tor und schritt ins Haus. Charlotte erhob sich und sah

starr durch das Gitter.

An diesem Abend ging Clarissa bald zur Ruhe, erwachte aber schon um vier

Uhr morgens und begann sich anzukleiden. Sie wählte ein schwarzes

Sammetkleid und befestigte als einzigen Schmuck einen Diamantstern am

Saum unter dem entblößten Hals. Ihr Herz klopfte in verdoppelten

Schlägen, je näher die Stunde kam. Um acht Uhr fuhr der Wagen vor; es

war eine lange Fahrt bis Alby, wo das Assisengericht tagte. Herr von

Seguret war schon am frühen Morgen fortgeritten, niemand wußte wohin.

Kaum daß die Mauern der alten Stadt sichtbar geworden, zeigte sich schon

so viel Volk auf den Wegen, daß die Pferde im Schritt gehen mußten. Die

Leute umlagerten die Kutsche und schauten gespannt in die offenen

Fenster; Frauen hoben ihre Kinder in die Höhe, damit auch sie die

berühmte Madame Mirabel sehen konnten. Sie verbarg sich nicht der

allgemeinen Neugier, mit einem hochzeitlichen Lächeln saß sie da, die

feinen schwarzen Brauen waren weit in die Stirne hinauf verzogen.

* * * * *

Punkt zehn Uhr erschien Präsident Enjalran, der Leiter des Prozesses, im

menschenüberfüllten Saal, und nach Verlesung der weitläufigen

Anklageschrift wurde Bastide Grammont zum Verhör aufgerufen.

Fest wie aus Bronze stand er vor dem Tisch der Richter. Seine Antworten

waren kühl, knapp und klar. Von Anfang bis zu Ende durchschaute er

jetzt das unsinnige Märchen, gewoben aus Dummheit und Schlechtigkeit.

Durch beißenden Spott gab er die namenlose Verachtung gegen all das zu

erkennen, wessen man ihn bezichtigte, und setzte damit den Verteidiger,

den das Gericht ihm in letzter Stunde bestimmt hatte und mit dem zu

unterhandeln er sich hartnäckig geweigert hatte, in nicht geringe

Bedrängnis.

Bisweilen wandte er den Blick gegen die kirchenartig hohen Fenster, und

als er einen Vogel gewahrte, der sich auf das Sims gesetzt hatte und den

gelben Schnabel in die Brustfedern grub, verlor er einen Augenblick die

Fassung und sein Mund öffnete sich schmerzvoll.

Seine Vernehmung dauerte nur kurze Zeit. Sie war eine Formsache, denn

sein Schicksal war besiegelt. Mit Bach, Colard und den übrigen

Mitschuldigen hatte Herr von Enjalran leichtes Spiel; ihre Aussagen

waren gleichsam schon versteinert. Bousquier war im Gefängnis gestorben.

Von den andern suchte jeder für sich selbst noch ein Restchen Unschuld

zu ergattern, sie machten den Eindruck von zerbrochenen und völlig

willenlosen Menschen. Aufsehen erregte der alte Bancal, der während des

Verhörs in einen Weinkrampf fiel und sich dann, seine Unschuld

beteuernd, wie ein Rasender gebärdete. Der bucklige Missonier grinste,

wenn von seiner Anwesenheit beim Mord die Rede war; er war vertiert

durch die lange Gefangenschaft und das viele Verhörtwerden. Die kleine

Magdalena Bancal benahm sich komödiantisch und grüßte mit Handküssen

ihre Bekannten und Gönner, die unter den Zuhörern saßen. Rose Feral

wurde beim Anblick der blutigen Lumpen, die auf dem Tisch des Richters

lagen, totenbleich und vermochte nichts zu reden. Frau Bancal erinnerte

sich, daß Monsieur Fualdes von sechs Männern in ihr Haus geschleppt

worden war, daß er einige Schriften habe unterzeichnen müssen, der Länge

und Quere nach, wie sie sagte. Am Tage darauf habe sie einen dieser

Wechsel, auf Stempelpapier, gefunden, habe ihn aber, weil er mit Blut

befleckt gewesen, verbrannt. Mehr wollte sie durchaus nicht bekennen,

setzte allen Fragen ein stumpfsinniges Schweigen entgegen und äußerte

schließlich, was sie noch wisse, wolle sie nur ihrem Beichtvater

anvertrauen.

Die Zeugen bekundeten das Unglaublichste mit Seelenruhe. Ihr Gedächtnis

war so stark, daß sie sich der geringfügigsten Dinge, die man von einem

zum andern Tage vergißt, auf Stunde und Minute entsannen. In Nacht und

Nebel hatten sie Menschen gesehen und erkannt, ihre Gesichtszüge, ihre

Gebärden, die Farbe ihrer Kleider. Sie hatten Reden, Flüstern, Seufzen

durch dicke Mauern hindurch gehört. Ein Bettler namens Laville, der in

Missoniers Stall zu schlafen pflegte, hatte nicht nur die Orgelspieler

und Lärm und Schreien vernommen, sondern er hatte auch gehört, daß vier

Leute mit einer Last gingen, etwa wie Männer, welche ein Faß schleppen.

Bastide Grammont lachte oft bei Aussagen, die er für unverschämte Lügen

erklärte. Als die Bancal anfing zu gestehen, sagte er, da es so spät vor

sich gegangen, habe er erwartet, daß das alte Weib noch mit mehr

Umständen niederkommen werde. Einer andern Zeugin hielt er bebend vor,

wie des Himmels Hand schwer auf ihr laste und gemahnte sie an den

fürchterlichen Tod ihres Kindes. Er glich einem Fechter, der gegen den

Nebel ficht; niemand stand ihm eigentlich Rede, er war allein, die

Widersprüche, die er nachzuweisen glaubte, blieben eben Widersprüche.

Zuerst schien er zuversichtlich, bewahrte seine Haltung, blickte den

Zeugen fest ins Gesicht, dann war es, als schwinde ihm der Sinn für die

Bedeutung der Worte, nicht nur seiner eigenen, sondern aller Worte der

Welt, oder als verliere er den Boden unter den Füßen und falle

unaufhaltsam von Raum zu Raum ins grauenvoll End- und Grenzenlose hinab.

Er begriff nicht mehr; er fragte sich entsetzt, ob dies noch Leben sei,

noch Leben heißen dürfe, der herrliche Bau der Natur schien ihm

verwüstet wie eine vom Sturm geborstene Mauer, der redende Mund all

dieser Leute dünkte ihn nichts andres als ein in widerlichen Krämpfen

auf- und zuklappender Schlund, sein Geist öffnete sich der Finsternis,

Scham durchflammte ihn, er schämte sich im Gefühl des namenlosen Gottes

und er schämte sich, daß sein Körper so gestaltet war wie der dieser

Geschöpfe rings um ihn. Er hatte die Welt geliebt, er hatte einst die

Menschen geliebt, jetzt schämte er sich dessen. Ihn schmerzte, daß er

jemals Hoffnungen gehegt, daß er sein Herz mit Versprechungen

hingehalten, daß Himmel und Sonne ihm einen frohen Blick, Scherzworte

ihm ein Lächeln hatten entlocken können, er wünschte wie der Stein am

Weg sein Inneres nie verraten zu haben, um nicht Schicksalszeuge sein zu

müssen vor dem eigenen gebrandmarkten, gepeitschten und unerhört

erniedrigten Selbst. Schon das Denken erschien ihm Schmach, um wie viel

mehr erst das, was er hätte sagen können; es war nichts, war weniger als

der Atem. Worauf sich stützen? worauf harren? Sie glaubten nicht, nicht

einmal den Hohn, nicht einmal das Schweigen. Und Bastide schloß sich zu

und blickte dem Tod ins aufdämmernde Antlitz.

Es war schon gegen Abend, als endlich die Kronzeugin, Madame Mirabel, in

den Saal gerufen wurde, und die ganze schon ermüdete Versammlung zuckte

auf wie ein einziger Körper. Sie kam, und trotz der schwülen Luft, die

den Raum erfüllte, schien sie zu frösteln. Als sie den Eid ablegte,

zitterte sie sichtbar. Herr von Enjalran forderte sie auf, der Wahrheit

gemäß zu berichten. Mit fremder, gleichmäßig matter Stimme, doch

ziemlich hastig redend, gab sie dieselbe Aussage ab wie vor dem

Untersuchungsrichter. Im Saal herrschte eine beängstigende Stille und

infolgedessen wurde ihre Stimme immer leiser. Sie wußte jetzt eine Menge

von Einzelheiten, hatte das lange Messer auf dem Tisch liegen sehen,

hatte gesehen, wie Bancal und Colard eine hölzerne Wanne hereintrugen

und daß der Advokat Fualdes währenddessen neben der Lampe saß und mit

tiefgebeugten Schultern schrieb. Sie hatte auch den geheimnisvollen

Fremdling mit dem Stelzfuß gesehen und hatte beobachtet, daß Bach und

Bousquier ein großes weißes Laken entfalteten. Auf die Frage, weshalb

sie in Männerkleidern gekommen sei, gab sie keine Antwort. Und als sie

dann flüsternd, mit zusammengekrampften Fingern, den Kopf geduckt, den

mageren Rumpf etwas vorgebeugt, wie unter den Krallen eines Tieres sich

kaum merkbar windend und doch mit jenem selig-süßlichen Lächeln, das

ihrem Gesicht einen Ausdruck stiller Raserei gab, erzählte, wie Bastide

sie im dunklen Nebenraum umarmt und geküßt habe, da sprang dieser

plötzlich auf, schlug verzweifelnd die Hände zusammen und eilte ein paar

Schritte vorwärts, bis er neben Clarissa stand. Alle hörten, wie schwer

sein Atem ging.

Der Vorsitzende verwies ihm sein Benehmen, das er als unzart

bezeichnete, Bastide aber rief mit starker, schmetternder Stimme aus:

»Vor Gott, der mich hört und richten wird, erkläre ich, daß dies alles

grauenhafte Lügen sind. Ich habe niemals dies Weib mit einem Finger

berührt, noch mit Augen gesehen.«

Clarissa wurde weiß wie Kalk. Ihr war als höre sie jetzt erst das

Klirren des zerbrochenen Spiegels, den sie nach dem Tanz zu Boden

geworfen. Als der Generalprokurator sie aufforderte, fortzufahren,

schwieg sie; ihre Augen verdrehten sich und der ganze Leib schauderte

konvulsivisch.

»Sprechen Sie doch!« rief ihr Bastide Grammont zu, und die Empörung

erstickte fast seine Stimme, »sprechen Sie! Ihr Schweigen ist noch

verderblicher für mich als alle Lügen.«

Da schlug Clarissa die Augen zu ihm auf und fragte wunderlich bewegt:

»Kennen Sie mich wirklich nicht, Bastide?«

»Nein! nein! nein!« brach dieser aus und nach oben blickend, stöhnte er

qualvoll: »Sie ist eine Närrin.«

Innerhalb einer Sekunde wurde Clarissa glühendrot und wieder

totenbleich. Und indem sie sich abermals zu Bastide wandte, sagte sie

mit furchtbarem Ton des Vorwurfs: »O Mörder!«

Das Publikum applaudierte. Endlich war das Wort der Wahrheit gesprochen.

Doch Clarissa wankte, ein Gerichtsdiener sprang herbei und fing sie in

seinen Armen auf, mehrere Damen verließen ihre Plätze und bemühten sich

um sie, und es dauerte eine halbe Stunde, bis sie wieder zu Bewußtsein

kam; sie bot aber einen so veränderten Anblick, als sei sie plötzlich um

zwanzig Jahre gealtert. Herr von Enjalran suchte das Verhör

fortzusetzen, doch sie antwortete nur in halben Worten: sie wisse nicht;

es sei möglich; sie wolle nicht widersprechen. Bastide Grammont hatte

sich wieder auf der Anklagebank niedergelassen; auf seinem Antlitz malte

sich unermeßliche Trauer und Bestürzung. Sein Verteidiger bat Clarissa,

da sie doch nun einmal gesprochen, so solle sie weiter reden. »Ich

beschwöre Sie, Madame, seien Sie deutlich,« sagte er, »von Ihnen hängt

es ab, einen Unschuldigen zu retten oder ihn aufs Blutgerüst zu

bringen.« Clarissa schwieg, als höre sie nicht; in ihrem Herzen wogte,

wie Morgennebel über dem Wasser, ein tröstliches und bestrickendes Bild.

Nun wandte sich der Rat Pinaud mit strenger Mahnung an sie; sie möge

nicht glauben, daß sie ihre Aussagen nach Gutdünken machen und

verschweigen könne, was sie wolle; aber darauf nahm der Prokurator für

sie das Wort und sagte, man wisse, warum sie schweige, sie habe ja

selbst versichert, daß sie eine Überzeugung habe, deren Gründe sie nicht

darlegen könne, man möge zufrieden sein, daß man aus ihrem Mund das

Wichtigste gehört habe, ja er erklärte sogar jedes weitere Drängen für

unschicklich. Er war noch nicht zu Ende mit seiner Rede, als ihn

Clarissa unterbrach; sie erhob den rechten Arm und sagte feierlich

beteuernd: »Ich habe keinen Eid geschworen.«

Bastide Grammont schaute empor. Er entriß sich seiner Betäubung, stand

schwerfällig auf und begann mit ruhiger, doch um so mehr ergreifender

Stimme: »Die Mauern der Kerker sprechen nicht. Einst aber werden sie

dennoch reden und sie werden die angezettelten Heimlichkeiten mit Namen

nennen, die man angewendet hat, um alle diese Elenden zu zwingen, aus

der Lüge die schimpfliche Schutzwehr ihres Lebens zu machen. Fualdes war

nicht mein Feind, er war nur mein Gläubiger. Wenn Habsucht einen sonst

anständigen und mäßigen Mann irregeleitet, wenn sie meinen Arm bewaffnet

hätte, so hätte ich ihn doch nimmer gegen einen wehrlosen Greis erhoben.

Wollt ihr ein Opfer haben, so nehmt mich; ich bin bereit, aber vermengt

mein Schicksal nicht mit dem dieser Brut. Meine Familie, die stets auf

dem Land lebte und die Sitte und Einfachheit des Landlebens übte, ist

entehrt. Meine Mutter weint und erliegt. Urteilt, ob ich, in dieses Meer

von Unglück gestürzt, noch Liebe zum Leben haben kann. Ich liebte einst

die Freiheit, ich liebte die Tiere, das Wasser, den Himmel, die Luft und

die Früchte der Bäume; jetzt aber bin ich geschändet und läge noch eine

Zukunft vor mir, sie wäre klebrig von Schande und die Zeit schmeckte mir

übel. Ist es ein Gericht, vor das man mich gestellt hat? Nein, es ist

eine Treibjagd, der Richter ist zum Jäger geworden und richtet den

Schuldlosen her zu einem Braten für den Pöbel. Ich verlange keine

Gerechtigkeit mehr; es ist zu spät, mir Gerechtigkeit widerfahren zu

lassen, zu spät, und wenn man mir die Krone Frankreichs anböte. Ich gebe

mich euch zur Vernichtung dar, euer Gewissen soll mit dieser Bürde

beladen sein, ein Schuldiger macht tausend und eure Kindeskinder werden

noch dafür die lebendige Erde mit Schmach überfluten.«

Lähmende Stille folgte diesen Worten. Plötzlich aber brach ein

unbeschreiblicher Tumult aus. Zuhörer und Geschworene erhoben sich,

ballten die Fäuste gegen Bastide Grammont, schrieen und heulten

durcheinander und Herrn von Enjalrans donnernde Mahnung verhallte

ungehört. Und ebenso plötzlich entstand wieder eine Totenstille. Ein

matter, langgezogener Schrei, der sich im Getöse erhoben hatte und nun

klagend weitertönte, machte die Gesichter versteinern. Aller Augen

richteten sich auf Clarissa. Sie fühlte die Blicke auf sich herabstürzen

wie Balken eines zusammenbrechenden Gebäudes.

Ihr Herz war von ungeheurem Sühnewunsch wie verbrannt ...

Die Rede des öffentlichen Anklägers sammelte noch einmal die Waffen des

Hasses, welche die Fama gegen ihre Opfer geschmiedet; mit abgefeimter

Kunst verstand er die Mordnacht in solchen Farben zu malen, daß das

Grauen wie zum ersten Mal lebendig wurde. Der Verteidiger Bastides

dagegen genügte sich an hochtrabenden Phrasen; ihm wurde warm, die Hörer

ließ er kalt. Während er sprach, entstand ein Schieben und Drängen im

Hintergrund; einige Damen kreischten, ein mittelgroßer schwarzer Hund

lief durch eine Öffnung der Schranken, schaute sich mit glitzernden

Augen um und kauerte sich vor den Füßen Bastides kurz aufbellend nieder.

Dieser legte in tiefer Bewegung die Hand auf den Hals des Tieres und

wehrte den Huissier gebieterisch ab, der es entfernen wollte.

Als der Gerichtshof sich zur Beratung zurückzog, wagte niemand laut zu

sprechen. Irgendein Frauenzimmer schluchzte und man verwies sie zur

Ruhe; es war die Dirne Benoit, Colards Geliebte. Sie hatte den

armseligen Menschen bei den Schultern umschlungen und das in Tränen

gebadete Gesicht drückte kein andres Verlangen aus, als sein Schicksal

zu teilen. Ein Verwandter Bastides trat zu diesem, um mit ihm zu

sprechen; Bastide schüttelte den Kopf und sah den Mann nicht einmal an.

Etwas Schlaftrunkenes war in seinen Zügen, jedenfalls hatten Worte kein

Gewicht mehr in seinen Ohren. Doch geschah es, daß seine Augen sich noch

einmal erhoben und, nachdem sie unermessene Fernen durchlaufen hatten,

denen Clarissas begegneten. Da schien ihm das fremde Weib nicht mehr so

sehr fremd. Er hörte wieder den Ton ihrer Stimme, als sie ihn Mörder

genannt hatte; war es nicht vielmehr ein Hilferuf als eine

Beschuldigung gewesen? und dieser flehentliche Blick, als hätten

unsichtbare Fäuste sie am Hals gewürgt? und diese zarteste Gestalt, so

seltsam alterslos, zitternd wie ein junger Birkenbaum im Herbst?

Zwei einsame Schiffbrüchige werden durch den unterirdischen Meeresstrom

in ein und dieselbe Bahn getrieben, jeder von einer andern Welt,

diesseits und jenseits des Meeres, nicht imstande das Brett zu

verlassen, woran ihr Dasein hängt, nicht einmal imstande sich die Hand

zu reichen, bloß hingetrieben vom allmählich erschöpften Wind zu

unbekannten Tiefen. Es liegt etwas Geisterhaftes in dem Erbarmen des

einen für den andern. Doch Bastides schmerzliches und finsteres

Erstaunen gärte wieder in den Rausch und Traum der Müdigkeit hinüber und

die aufmerksamen Augen seines Hundes erschienen ihm wie zwei rötliche

Sterne zwischen schwarzen Baumkronen. Er vernahm das Todesurteil, als

der Gerichtshof zurückkehrte; er war aufgestanden und lauschte den

Worten des Präsidenten; es klang, als ob Regenwasser auf mürbe Blätter

plätscherte. Er hörte sich selbst etwas sagen, aber was es war, wußte er

kaum. Viele Gesichter sah er in ungenügender Beleuchtung gegen sich

gewandt, sie machten ihm den Eindruck wurmstichiger und verwesender

Äpfel.

* * * * *

Das Verdikt gegen die übrigen Angeklagten sollte erst am folgenden Tag

verkündigt werden. Die Menschenmenge im Saal, in den Gängen und auf der

Straße verlief sich langsam. Als Clarissa durch den Korridor schritt,

wich alles scheu zur Seite.

Sie hatte in Erfahrung gebracht, daß Bastide nicht nach Rhodez

zurückgeführt würde, sondern im Gefängnis von Alby bleibe. Darauf

schickte sie den Wagen fort, der auf sie wartete, und begab sich in ein

nahegelegenes Gasthaus, wo sie ein Zimmer forderte und einen Brief an

ihren Vater schrieb, ein paar fieberdurchwühlte Sätze: »Ich weiß nicht

mehr was Wahrheit ist und was Lüge; Bastide ist unschuldig, und ich habe

ihn vernichtet, während mein Wille zu ihm stand; Ja und Nein sind in

meiner Brust wie zwei gestorbene Flammen; würde ich dorthin

zurückkehren, woher ich kam, ich würde einen beständigen Tod erleiden,

darum und weil so die Menschen leben wie sie leben, gehe ich dorthin

wohin ich muß.« Es war schon Mitternacht vorüber, trotzdem begehrte sie

den Wirt zu sprechen. Sie bat ihn, den Brief am nächsten Morgen durch

einen sicheren Boten nach Schloß Perrié zu senden, dann ersuchte sie den

verdutzten Mann, ihr ein Körbchen frischer Früchte zu verkaufen. Der

Wirt bedauerte höflich, er habe nichts mehr in der Kammer.

Leidenschaftlich drängend, bot sie den zehn- und zwanzigfachen Preis und

warf ein Goldstück auf den Tisch. »Es ist für einen Sterbenden,« sagte

sie, »alles hängt davon ab.« Der Mann betrachtete ängstlich das

bleich-leuchtende Antlitz der vornehmen Dame und überlegte, erklärte

endlich seinen Nachbar aufwecken zu wollen und hieß Clarissa warten. Als

sie allein war, kniete sie vor dem Bett nieder, wühlte die Stirn in die

Kissen und weinte. Nach einer halben Stunde kam der Wirt zurück und

brachte einen Korb voll Birnen, Trauben, Granatäpfel und Pfirsichen.

Kopfschüttelnd sah er der Davoneilenden nach und hielt den

verschlossenen Brief, den er besorgen sollte, neugierig gegen das Licht.

Die Schwestern: Drei Novellen · 第 9 / 10 段