Die Straßen waren öde und von verdämmertem Mondschein erfüllt. Die

kleinen Fenster kleiner Häuser blinzelten verschlafen; unter einem

Torweg stand der Nachtwächter mit der Hellebarde und murmelte wie ein

Betrunkener. Vor dem niedrigen Gefängnisbau war ein freier Platz;

Clarissa setzte sich auf eine Steinbank und da nebenan ein Brunnen rann

und sie Durst hatte, trank sie sich satt. Die sanftgeschwellten Ränder

der unfernen Hügel flossen kaum merklich in den Himmel über und hinter

einer Talsenkung lohte Feuerschein, auch glaubte sie bei gespanntem

Horchen Glockenläuten zu hören. So schlief doch nicht die ganze Welt und

sie durfte das bange Herz noch einmal an Menschendinge binden. Nach

einer Weile erhob sie sich, schritt zu dem Gebäude hinüber, stellte den

Fruchtkorb auf die Erde und pochte mit dem Türklopfer ans Tor. Es

dauerte lange, bis der Pförtner erschien und unwirsch nach ihrem Begehr

fragte. »Ich muß Bastide Grammont sprechen,« erklärte sie. Der Mensch

machte ein Gesicht, als habe ihn eine Wahnsinnige überfallen, knurrte

drohend und wollte das Tor wieder zuschlagen. Clarissa packte mit der

einen Hand seinen Arm, mit der andern riß sie die Diamantagraffe von der

Brust. »Da, da, da!« stammelte sie. Der Alte hob seine Laterne ein

wenig und besah sich das blitzende Schmuckstück von allen Seiten.

Clarissa mißverstand seine schmunzelnd-furchtsame Freude, dachte, es sei

ihm nicht genug und gab ihm noch ihre Börse. »Was ist in dem Korb?«

erkundigte er sich in devotem Mißtrauen. Sie zeigte ihm, was darinnen

war. Da gab er sich zufrieden, dachte, es sei wohl die Maitresse des

Verurteilten, und nachdem er die Tür zugeschlossen, ging er voran. Sie

schritten ein paar Stufen hinab, dann durch einen schmalen Gang. »Wie

lange wollen Sie drinnen bleiben?« forschte der Wärter, als sie vor

einer eisernen Türe standen. Clarissa schöpfte tief Atem und erwiderte

flüsternd, sie werde dreimal gegen die Türe klopfen. Der Alte nickte,

sagte, er wolle oben auf der Treppe warten, sperrte vorsichtig auf,

reichte der Frau seine Laterne und schloß hinter ihr zu.

Drinnen hielt sich Clarissa an der Mauer fest und schloß die Augen, um

zu warten, bis sich ihre rasenden Pulse beruhigt hatten. Es schien ein

mäßig großer, nicht ganz unwohnlicher Raum. Bastide lag auf einem

Strohsack an der gegenüberliegenden Wand; er schlief in seinen Kleidern.

Welche Stille! dachte Clarissa schaudernd und schlich nun auf den

Fußspitzen bis zum Lager des Schlafenden. Welche Stille auch in diesem

Antlitz, welch ein schöner Schlummer, dachte sie, und ihre Lippen

öffneten sich in lautlosem Schmerz. Sie stellte die Laterne so auf den

Boden, daß der Schein sein Gesicht traf, dann kniete sie hin und

lauschte den festen Atemzügen. Bastides Mund war ernst geschlossen, die

Lider vibrierten nicht, ein Zeichen von Traumlosigkeit; der lange Bart

umkränzte Wangen und Kinn wie braunes Buschwerk, der ganze Kopf war

etwas hintüber gesunken und die Haare glänzten feucht. Allmählich

strömte der Frieden seines Antlitzes auch auf Clarissa über, alle Worte,

alle Zeichen, die sie mit hereingetragen, schwanden hin, sie beschloß,

nichts weiter zu tun, als ihr Geschenk an sein Lager zu stellen und sich

zu entfernen. Sie leerte also den Korb und erschrak jedesmal und

wartete, wenn nur ein Sandkorn unter ihren Füßen knackte. Als sie nun

alle Früchte ausgelegt und jede einzelne wie ein lebendiges Geschöpf in

ihrer Hand zärtlich befühlt hatte, ward ihr immer ruhiger und leichter

zu Sinn, sie spürte sich dem Tode schon so wunderbar hingegeben, daß sie

den Gedanken, diesen Raum verlassen zu müssen, fast mit Schrecken abwies

und sich mit gefaßter Sicherheit anschickte zu tun, was sie tief

erfüllte. Es entstand das Verlangen in ihr, den schlafenden Bastide zu

küssen und sie beugte sich auch über ihn, doch eine gebieterische

Ehrfurcht hielt sie ab, mehr noch als die Angst, er könne erwachen. Ihr

Körper krampfte sich zusammen, sie umarmte ihn im Geiste und schien sich

losgelöst von der Erde wie eine Perle, die aus einem Ring gefallen ist.

Darauf erhob sie sich leise, ging auf den Fußspitzen auf die andere

Seite des Raums, legte sich hin, nahm ein kleines Federmesser aus der

Tasche und schnitt sich an beiden Handgelenken mit tiefen Schnitten die

Adern auf. Innerhalb einer Viertelstunde seufzte sie noch zweimal und

die Hand des Todes suchte vergeblich das trunkensüße Lächeln von ihren

erblaßten Lippen zu wischen.

Bastide schlief noch eine Weile in seiner abgründigen Tiefe hin, Glieder

und Geist von einem Allvergessen gefesselt und betäubt. Dann begann er

zu träumen. Er befand sich in einem großen, abgeschlossenen Raum, in

dessen Mitte eine kostbar gedeckte Tafel stand. Es saßen viele Menschen

da; sie zechten und unterhielten sich fröhlich. Auf einmal starrten alle

nach der Mitte der Tafel, wo ein Gefäß aus undurchsichtigem blauem Glase

stand, das vorher nicht dagewesen war. Was ist in dem Glase? was mag es

bedeuten? wer hat es gebracht? fragten dunkle Stimmen. Darauf trat ein

grauenhaftes Schweigen ein; die vielen Augen starrten bald auf das blaue

Gefäß, bald in düsterm Argwohn gegeneinander. Plötzlich erhoben sich die

vorher so heitern Zecher und einer beschuldigte den andern, die

verdeckte Schale auf den Tisch gestellt zu haben. Es entstand ein

heftiges Geschrei, manche zogen ihre Dolche, andere schwangen Stühle und

währenddessen wuchs aus dem Gefäß heraus ein magerer nackter Mädchenleib

wie weißer Rauch. Das Gesicht war Bastide bekannt, es war das der

Lügnerin Clarissa; mit schlangenhaft flimmernden Augen sah sie ihn an,

immer nur ihn. Alle Männer folgten dem Blick und stürzten über ihn her.

Du mußt sterben! du mußt sterben! schallte es aus heiseren Kehlen, aber

indes sie noch schrien, verhallten schon ihre Stimmen, die nebelhaften

Arme der Lügnerin streckten sich aus, zerteilten die eine Wand und man

konnte in einen blühenden Garten sehen, in dessen Mitte ein Schafott

stand, behangen mit Zweigen voll reifer Früchte. Bastide war zum Knaben

geworden; langsam schritt er hinaus, die Hände Clarissas schwebten über

ihm und pflückten die Früchte ab und seine Todesfurcht wurde besänftigt

von dem berauschenden Geruch dieser Früchte, der wie eine Wolke den

ganzen Saal, ja den ganzen Weltraum erfüllte.

Da erwachte er. Sein erster schlafbefangener Blick fiel auf das

flackernde Licht der Laterne, der zweite auf eine riesige Birne, die

gelb wie ein kleiner Mond neben seinem Bette lag. In dumpfbeglücktem

Erstaunen griff er darnach, aber indem er sie zum Mund führte, gewahrte

er, daß Blut daran klebte. Er schrak empor, noch wähnte er zu träumen.

Vor den Fenstern wogte schon das Grau der Morgendämmerung. Nun gewahrte

er die übrigen Früchte, eine Pracht und Fülle, als wäre das Paradies

geplündert worden. Doch klebte auch an ihnen Blut ... Ein kleiner

zweigeteilter Blutbach rieselte von der Mauerecke herüber.

Und Bastide sah ...

Er wollte aufstehen, allein der unvollendete Schlaf lähmte noch seinen

Körper.

Bitterer und wilder Kummer umklammerte ihm die Brust. Ihn gelüstete

nicht mehr nach dem Tag, der sich draußen so müd erhob; der Schläge

seines eigenen Herzens satt und voll Gewißheit dessen was geschehen war

und geschehen mußte, sehnte er das endliche Ende herbei, begehrte keine

besondere Kunde mehr von dem vollbrachten Schicksal drüben an der

andern Wand des Kerkers, das, von dunklen Gewalten befehligt, sich auf

seinen Weg gedrängt hatte, keine Kunde mehr von den Menschen und dem was

sie bauten oder zerstörten. Ein Greuel war ihm der Mensch.

Und dennoch, als sein Blick wieder auf die herrlichen Früchte fiel, da

jammerte ihn die Kreatur; er wollte der Bringerin wenigstens die Augen

zudrücken. Aber jetzt drehte der argwöhnisch gewordene Wächter draußen

den Schlüssel im Schloß.

_Ende_

Buchdruckerei Roitzsch, G. m. b. H., Roitzsch.

Von diesem Buche sind 25 Exemplare auf handgeschöpftem Büttenpapier

abgezogen, numeriert und in Ganzleder gebunden. Sie sind zum Preise von

10 Mark für das Exemplar direkt vom Verlage zu beziehen.

Von _Jakob Wassermann_ ist im gleichen Verlage erschienen:

Die Juden von Zirndorf. Roman. Neubearbeitete Ausgabe.

Die Geschichte der jungen Renate Fuchs. Roman. Neunte Aufl.

Der Moloch. Roman. Zweite Auflage.

Der niegeküßte Mund. Hilperich. Novellistische Studien.

Alexander in Babylon. Roman. Dritte Auflage.

[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf

Grundlage der dritten Auflage erstellt. Die Werbung für die

Sonderausgabe und die anderen Werke Jakob Wassermanns wurde vom Anfang

des Buches an das Ende verschoben. Die nachfolgende Tabelle enthält eine

Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

S. 012: sie hing mit große Liebe -> großer

S. 027: waren inzwischen herbeigekommen und starren -> starrten

S. 044: wie der Schwamm vor einer Faust -> von

S. 063: enfernte sich wieder -> entfernte

S. 076: [Komma ergänzt] hatte es sein Bewenden, zum Schluß

S. 077: sommersprssioge Mädchen -> sommersprossige

S. 080: mit gleicher Inbrust begehrt -> Inbrunst

S. 082: [Punkt ergänzt] um das verlorene Brautgut tragen würde.

S. 085: bei Mistres Duncomb Quartier bezogen -> Mistreß

S. 088: [Komma ergänzt] vor Schmerz, denn er

S. 102: und bedeutete ihn -> ihm

S. 122: ermahnte ihn, auch einerseits -> seinerseits

S. 126: [vereinheitlicht] Kneipe der Rose Féral -> Feral

S. 144: In Dämmergrauen des Tages -> Im Dämmergrauen

S. 148: sagte er beteurend -> beteuernd

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen

wurden folgendermaßen ersezt:

Sperrung: _gesperrter Text_

Antiquaschrift: #Antiquatext# ]

[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from scans of a third

edition copy. The notes advertizing the special edition and other works

by Jakob Wassermann have been moved from the beginning of the book to

the end. The table below lists all corrections applied to the original

text.

p. 012: sie hing mit große Liebe -> großer

p. 027: waren inzwischen herbeigekommen und starren -> starrten

p. 044: wie der Schwamm vor einer Faust -> von

p. 063: enfernte sich wieder -> entfernte

p. 076: [added comma] hatte es sein Bewenden, zum Schluß

p. 077: sommersprssioge Mädchen -> sommersprossige

p. 080: mit gleicher Inbrust begehrt -> Inbrunst

p. 082: [added period] um das verlorene Brautgut tragen würde.

p. 085: bei Mistres Duncomb Quartier bezogen -> Mistreß

p. 088: [comma added] vor Schmerz, denn er

p. 102: und bedeutete ihn -> ihm

p. 122: ermahnte ihn, auch einerseits -> seinerseits

p. 126: [unified] Kneipe der Rose Féral -> Feral

p. 144: In Dämmergrauen des Tages -> Im Dämmergrauen

p. 148: sagte er beteurend -> beteuernd

The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been

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Spaced-out: _spaced out text_

Antiqua: #text in Antiqua font# ]

Die Schwestern: Drei Novellen · 第 10 / 10 段