nicht mehr zugänglich. Hätte auch die Vernunft eines Einzelnen zu
widerstreben versucht, es wäre nutzlos gewesen; die riesige Lawine
konnte nicht gehemmt werden. Es wurde ein teuflischer Plan erdacht, und
der Präfekt Graf d'Estournel war es, der ihn so vervollkommnete, daß er
den besten Erfolg versprach. Gegen ein Uhr nachts rollte ein Wagen in
den Schloßhof; Clarissa mußte darin Platz nehmen, der Präsident, der
Richter, der Präfekt fuhren mit. Der Wagen hielt vor dem Bancalschen
Haus. Herr von Seguret führte seine Tochter in das ebenerdige Zimmer zur
Linken, einen höhlenartigen Raum, dumpf wie das schlechte Gewissen. Auf
dem Ofensims brannte ein ärmliches Lämpchen, in dessen Schein lehnten
zwei Huissiers und ein Schreiber mit starren Gesichtern an der Wand. Die
Fenster waren mit Lappen verhängt, aus dem Alkoven äugte tiefe
Finsternis, im ganzen Haus war es lautlos still.
»Kennen Sie diesen Ort, Madame?« fragte der Präfekt mit feierlicher
Langsamkeit. Alle blickten Clarissa an. Um die gräßliche Spannung über
ihrer Brust zu mildern, lauschte sie auf den Regen, der draußen an die
Mauer klatschte; all ihre Sinne schienen sich hiezu im Ohr versammelt zu
haben. Ihr Leib wurde schlaff, ihre Zunge war nur zu einem Nein oder Ja
gewillt, und da jenes neue Qual und Marter, dieses aber vielleicht Ruhe
versprach, so hauchte sie ein Ja: ein kleines Wörtchen, aus Schrecken
und Erschöpfung geboren und, kaum lebendig, von einer geheimnisvollen
Kraft beflügelt. Ihr Geist, verwirrt und von Sehnsucht durchflammt,
machte ein Spukgebilde, das von tausend gärenden Gehirnen erschaffen
war, zum Erlebnis. Das halbbewußt Vernommene, halbzerstreut Gelesene
wurde brennendes Geschehen. Wunderbar verstrickt schien ihr Dasein mit
dem jenes Mannes in Busch und Baum, der sich brünstig zum Himmel gereckt
und mit dem Ausdruck eines durstigen Tieres die Luft durchschnuppert
hatte. Jetzt stand sie auf der Brücke, die zu seinem Reich führte; sie
sah sich zu seinen Füßen sitzen, von seiner ausgestreckten Hand fielen
Blutstropfen auf ihren demütigen Scheitel. Grauen und lieblichste
Hoffnung faßten ihr Herz, jedes von einer andern Seite und dazwischen
loderte wie eine Fackel, jauchzte wie ein Schlachtschrei der Name
Bastide Grammont, ein Spiel für ihre Träume.
Erleichtertes Aufatmen flog nach dieser ersten Silbe eines
bedeutungsvollen Geständnisses über die Gesichter der Männer. Der
Präsident Seguret bedeckte die Augen mit der Hand. Im Innern beschloß
er, der Liebe zu dem mißratenen Kind zu entsagen. Clarissa spürte es;
alle Verträge, die sie an die bisherige Existenz geknüpft, waren
gebrochen.
Sie sei also am Abend des neunzehnten März hier in diesem Raum gewesen?
wurde gefragt. Sie nickte. Wie sie denn hierher gelangt sei? fragte
Monsieur Jausion weiter, und er gab seiner Miene und seiner Stimme etwas
Vorsichtiges und Delikates, um die noch zaghaften Geister der Erinnerung
nicht bei der Arbeit zu stören. Clarissa schwieg. Ob sie durch die Rue
des Hebdomadiers gegangen sei? fragte der Präfekt. Clarissa nickte.
»Sprich! sprich!« donnerte plötzlich Herr von Seguret und selbst die
beiden Huissiers schraken zusammen.
»Es begegneten mir mehrere Personen,« flüsterte Clarissa so leise, daß
alle unwillkürlich den Kopf vorstreckten. »Ich fürchtete mich vor ihnen
und aus Furcht lief ich ins erste offene Haus.«
Monsieur Jausion gab dem Schreiber einen Wink. »In dieses Haus also?«
fragte er liebevoll, indes der Schreiber auf der Bank beim Ofen Platz
nahm und in verkauerter Stellung schrieb.
Clarissa fuhr mit demselben klagenden Flüstern fort: »Ich öffnete die
Tür dieses Zimmers. Jemand ergriff mich beim Arm und führte mich in den
Alkoven. Er gebot mir stille zu sein. Es war Bastide Grammont.«
Endlich der Name! Aber wie anders war es, ihn auszusprechen als ihn bloß
zu denken! Clarissa machte eine Pause, während sie die Augen schloß und
die Hände ineinanderkrampfte. »Nachdem er mich eine Weile allein
gelassen,« begann sie wieder, wie im Schlafe redend, »kam er zurück,
hieß mich ihm folgen und brachte mich ins Freie. Da blieb er stehen und
fragte, ob ich ihn kenne. Ich sagte erst nein, dann ja. Darauf fragte
er, ob ich etwas gesehen hätte und ich sagte nein. Gehen Sie fort!
befahl er, und ich ging. Doch war ich noch nicht bis zum Hauptplatz
gekommen, als er wieder neben mir war und meine Hand in seine nahm. Ich
gehöre nicht zu den Mördern, sagte er beteuernd, ich traf Sie und wollte
nichts als Sie retten. Schwören Sie zu schweigen, schwören Sie beim
Leben Ihres Vaters. Ich habe geschworen, darauf ließ er von mir. Und das
ist alles.«
Monsieur Jausion lächelte skeptisch. »Sie wollen, Madame, von der Straße
aus hier herein geflüchtet sein,« bemerkte er, »es ist aber durch
einwandfreie Zeugen festgestellt, daß das Tor von acht Uhr ab
verschlossen war. Wie erklären Sie das?«
Clarissa schwieg.
»Und wie ist es ferner zu erklären, daß Sie nichts gesehen haben,
während Sie durch das hellerleuchtete Zimmer gingen? nichts gesehen,
niemand gesehen und kein einziger hingegen, der nicht Sie gesehen
hätte?«
Clarissa blieb stumm, sogar ihr Atem schien zu stocken. Der Präfekt
machte Monsieur Jausion ein abwehrendes Zeichen; vorerst war genug
erreicht, genug, daß Bastide Grammont von Clarissa erkannt worden war.
Der Beschluß, den jede Schuld ableugnenden Verbrecher durch eine
überraschende Konfrontation mit der Zeugin zum Geständnis zu zwingen,
ergab sich jetzt von selbst.
Die Herren brachten Clarissa zum Wagen, da sie vor Schwäche kaum fähig
war zu gehen. Zu Hause geriet sie in einen seltsamen Zustand. Erst lag
sie lethargisch in einem Sessel, plötzlich sprang sie auf und schrie:
»Schafft mir die Mörder fort!« Die Tür wurde geöffnet und ein
erschrockenes Dienergesicht zeigte sich in der Spalte. Das ganze Gesinde
stand wartend auf dem Flur, die meisten waren gewillt, den Dienst beim
Präsidenten zu verlassen. Clarissa sah sich jedes Schutzes der Liebe
beraubt und ausgestoßen aus dem Kreis, wo man das Herkommen achtet und
gebundene Form als die geringste der Pflichten anerkannt ist. Sie war
jedem Auge preisgegeben, der frechste Blick durfte ihr Innerstes
betasten, sie war ein öffentlicher Gegenstand geworden, und nichts an
ihr war mehr ihr eigen, sie fand sich selbst nicht mehr, nichts mehr in
sich selbst, um dabei zu ruhen, sie war gebrandmarkt von außen und von
innen, Speise der allgemeinen Lüsternheit, wehrlos herumgeschleudert auf
den schmutzigen Fluten des Geredes, Mittelpunkt eines entsetzlichen
Ereignisses, von dem ihre Gedanken nicht mehr loskommen konnten. Wehmut,
Trauer, Angst, Verachtung, das waren keine Gefühle mehr für sie, dazu
war ihr Blut zu sehr gejagt; Selbstungewißheit beherrschte sie, Zweifel
an ihrer Wahrnehmung, Zweifel am Sichtbaren überhaupt und bisweilen
stach sie sich mit einer Nadel in den Finger, nur um die Wirkung zu
erfahren und den Schmerz zu empfinden, der als ein Zeugnis ihres
Wachseins gelten und ihr Herz vor Verwesung bewahren konnte. Dabei die
Qual, die sie von den Zudringlichen litt: Die Aufforderung zur Wahrheit,
das Höhnen und Murren von unten, der Befehl von oben, die Rachsucht und
Unvergeßlichkeit des einmal gesprochenen Worts; schließlich sah sie die
ganze Welt erfüllt von roten, unablässig geschwätzigen Zungen, auf sie
gerichteten, schlangenhaft bewegten, blutigen Zungen; jeder Gegenstand,
den sie berührte, wurde zur schlüpfrigen Zunge. Die Menschengesichter
verdämmerten bis auf eines, ein heldenhaft leidendes, eines das trotz
Schuld und Verdammnis hoch über den andern thronte, ja ausgezeichnet
schien durch seine Schuld wie durch seinen Trotz. Und als der Tag kam,
wo man ihr mitteilte, daß sie Bastide Grammont gegenübertreten solle, um
ihn zu bezichtigen Aug in Auge, da klopfte ihr Puls zum ersten Mal
wieder in freudigen Schlägen und sie kleidete sich wie zu einem Fest.
Die Begegnung sollte im Amtszimmer des Richters stattfinden. Außer
Monsieur Jausion und seinen Schreibern war noch der Rat Pinaud anwesend,
der wieder zurückgekehrt war. Monsieur Jausion warf ihm über die
Brillengläser hinweg einen boshaften Blick zu, als Clarissa Mirabel
spitzengeschmückt hereinrauschte, sich lächelnd vor den Herren verneigte
und dann ihren Blick mit heitrer Gelassenheit durch den ungastlichen
Raum schweifen ließ. Aus einem Bilderrahmen in der Mitte der Wand
schaute das fette und verdrießliche Gesicht des Königs auf sie herab, so
verdrießlich, als sei ihm jeder einzelne seiner Untertanen ganz
besonders zuwider. Sie vergaß, daß nur ein Bild vor ihr hing und sah mit
einem kokettschmollenden Spiel ihrer Lippen hinauf.
Der Richter gab ein Zeichen, eine Seitentüre wurde geöffnet und zwischen
zwei Justizsoldaten, mit aneinandergefesselten Händen trat Bastide
Grammont herein. Clarissa stieß einen leisen Schrei aus und ihr Gesicht
wurde fahl.
Um Bastide hauchte Kerkerluft. Das verwildert hängende Haar, der lang
gewachsene Bart, der starre, etwas geblendete Blick, die leichte, an
Lastenträger gemahnende Gebücktheit der Hünengestalt, die heimlich
zuckende Wut auf frisch gefurchter Stirn, all das verleugnete nicht
Grund und Herkunft. Ja, er schien die Mauern unsichtbar um sich herum zu
tragen, die seine Brust mit Dunkelheit und Pein füllten und von Monat zu
Monat mit hoffnungsloserm Glanz die Gemälde der Freiheit zeigten, bis
sie sich schließlich weigerten, einen blühenden Baum, einen strotzenden
Acker vorzulügen; dann glichen sie dem öden Grau eines herbstlichen
Abends, wo die Luft schon nach dem Winter roch, der Leichenwagen öfter
als sonst am Gartentor vorbei nach dem kleinen Kirchhof rasselte und der
aufgehende Halbmond wie ein blutendes, geteiltes Riesenherz flammend
über den feuchten Azur schwamm.
Und dennoch dieses stolze Auge, in dem der Entschluß funkelte, sich
selbst getreu zu bleiben? Dennoch dieser seltsam knisternde Spott in den
Mienen, der dem vorsichtigen und dabei majestätischen Ducken der
gefangenen Tigerkatze vergleichbar war? Diese unendliche Verachtung, mit
der er auf die schreibbereiten Hände der Schreiber blickte, die
innerliche Freiheit und große Losgebundenheit, trotz der Handfessel und
der beiden Soldaten?
Das war es, was Clarissa den Schrei entlockte und die törichte
Munterkeit aus ihrem Gesicht jagte. Nicht etwa, weil sie den Waldmann
und Erddämon von damals gebunden und gebrochen erblicken mußte, sondern
weil sie wie unter Blitzesleuchten erkannte, daß diese Hand kein
Mordmesser geführt haben konnte, daß eine solche Tat den Kreis seines
Wesens nicht berührte, wenn er auch vielleicht dazu fähig gewesen wäre,
und daß dies alles nun umsonst war, ein unverständlicher Rausch und
Wahnsinn, das undurchsichtige Grauen selbst, ein Schauspiel von
Heuchelei und Krankheit. Es packte sie ein Schwindel, als ob sie von
einem hohen Turme herunterstürzte. Sie schämte sich ihres prunkvollen
Gewandes, des herausfordernden Aufputzes und in leidenschaftlicher
Wallung riß sie die kostbaren Spitzen von den Ärmeln und warf sie mit
einer Grimasse des schmerzlichsten Ekels zu Boden.
Monsieur Jausion durfte das anders deuten. Wieder lächelte er Herrn
Pinaud zu, aber diesmal triumphierend, als wollte er sagen: das Exempel
stimmt. »Kennen Sie diese Dame, Bastide Grammont?« wandte er sich an den
Gefangenen. Bastide wandte den Kopf zur Seite und ein Blick voll
nachlässiger und bitterer Geringschätzung ging Clarissa durch Mark und
Bein. »Ich kenne sie nicht,« entgegnete er finster, »ich habe sie
niemals gesehen.«
Und neuerdings lächelte Monsieur Jausion, wie um einen vorübergehenden
Irrtum zu berichtigen und säuselte: »Das ist nicht gut möglich; Madame
Mirabel, damals in Männerkleidung und mit einem Hut mit grünen Federn,
war in der Bancalschen Wohnung und ist von Ihnen selbst auf die Straße
geführt worden, wo Sie ihr den Eid abnahmen. Ich bitte, sich dessen zu
entsinnen.«
Bastides Gesicht zog sich zusammen wie vor der lästigen Zudringlichkeit
einer Fliege und er wiederholte energisch und laut: »Ich kenne die Dame
nicht. Ich habe sie niemals gesehen.« Und das Aufeinanderpressen seiner
Lippen verriet den unerschütterlichen Vorsatz, von nun ab zu schweigen.
Monsieur Jausion schob seine Perücke zurecht und sah bekümmert aus. »Was
haben Sie darauf zu entgegnen, Madame?« wandte er sich an Clarissa, die
verloren starrte.
»Er kann es nicht wissen, daß ich ihn gesehen habe,« flüsterte sie, doch
hatte dabei ihre Stimme etwas so Durchdringendes wie das Zirpen einer
Zikade.
Jetzt wandte sich Bastide abermals zu ihr und in dem etwas schrägen
Blick seines müd glänzenden Auges mischten sich Neugierde und Hohn, doch
nicht mehr von beiden, als etwa einer sonderbaren Spielart von Pilz oder
Spinne zukommt. In seinem Innern wog er gleichsam diese zarte
Kindergestalt, wunderte sich flüchtig über das Bebende jeder Gebärde,
das fliegende Auge, das ratlose Zucken der Lippen, wunderte sich über
die am Boden liegenden Spitzen und glaubte zu träumen, als er gewahrte,
daß eine flehentliche Bewegung ihrer Hände ihm galt.
Der Richter sprang auf und rief mit entstelltem Gesicht Clarissa zu:
»Scherzen Sie nicht mit uns, Madame, es könnte Ihnen teuer zu stehen
kommen. Sprechen Sie endlich! Ein abgezwungener Eid gilt nicht! Der
Frieden Ihrer Mitbürger, die Ruhe des Landes steht auf dem Spiel. Lösen
Sie sich aus der Bezauberung des Elenden! Ihr infames Lächeln, Grammont,
wird Ihnen angerechnet werden am Tage des Gerichtes.«
Der Rat Pinaud trat vor und murmelte Bastide ein paar Worte ins Ohr,
der dann die Arme erhob und die geballten aneinandergeketteten Fäuste
mit einer Miene fressenden Ingrimms vor die Augen drückte. Clarissa
wankte zum Tisch des Richters vor und indem sich ihre Wangen mit
Leichenblässe überzogen, schrie sie: »Es ist alles Lüge! Lüge! Lüge!«
Monsieur Jausion musterte sie von oben bis unten, dann sagte er kalt:
»So versetze ich Sie in den Anklagezustand, Madame, und erkläre Sie für
verhaftet.«
Ein Schimmer düstrer Genugtuung überlief Clarissas Züge. Rasch, mit der
blitzartigen Drehung einer Tänzerin kehrte sie sich zu Bastide Grammont,
sah ihn an wie man nach einem schwülen Tag in den Gewitterhimmel schaut
und nannte schmerzhaft aufatmend mit leiser Stimme seinen Namen. Er aber
trat einen Schritt zurück wie bei unreiner Berührung, und niemals zuvor
hatte Clarissa solchen Blick und Ausdruck der Verachtung gespürt. Ihre
Kniee bebten, es ward ihr übel im Gaumen, die Wimpern füllten sich mit
Tränen. Erst als sich die Türe des Gefängnisses hinter ihr geschlossen
hatte, wich der kraftlose Zustand des Gepeitschtseins. Scham und Reue
überwältigte sie, kaum fand sie einigen Trost in dem Geheimnisvollen
ihrer Lage. Von keinem Gesetz überwacht, schien sie aus dem Gleise
gehoben, wo sonst Ursache und Folge, schwerfällig aneinandergekoppelt,
den langsamen Gang des Geschehens kriechen.
Ihrem Stande entsprechend, hatte sie den besten Raum des Gefängnisses
erhalten. In den ersten Stunden lag sie auf dem Strohbette und wand sich
in Krämpfen. Als der Wärter auf ihre dringende Bitte Licht brachte, da
sie in der Finsternis wahnsinnig zu werden fürchtete, fiel der
Kerzenschein auf das Bild des Gekreuzigten mit der Dornenkrone, das an
der graugetünchten Wand hing. Sie schrie auf, ihre überreizten Sinne
fanden eine Ähnlichkeit in den Zügen des Heilands mit jenen Bastide
Grammonts. Dasselbe qualvolle Rund hatten seine Lippen gezeigt, als er
die Fäuste an die Augen gepreßt.
Noch einmal lehnte sie sich auf gegen die maßlose Unbill. Mit der Welt
zu leben war ihr eigentliches Element, ihr ganzes Wesen war auf ein
liebenswürdiges Einverständnis mit den Menschen gestimmt. Sie verlangte
Tinte und Papier und schrieb einen Brief an den Präfekten.
»Gerechtigkeit, Herr Graf!« schrieb sie. »Noch ist es Zeit, das Äußerste
zu verhindern. Erinnern Sie sich der Mühe, die Sie gehabt haben, das von
mir zu erpressen, was die Wahrheit sein soll, erinnern Sie sich der
Drohungen, durch die ich nachgiebig geworden bin. Ich bin ein Opfer der
Umstände. Was immer ich gestanden habe, ist Lüge. Kein Mann von Vernunft
kann an meinen Aussagen das Gepräge der Wahrscheinlichkeit entdecken. In
einem Mutwillen der Verzweiflung hab' ich falsches Zeugnis abgelegt.
Sagen Sie meinem Vater, daß seine Grausamkeit ihm sicherer die Tochter
raubt als mein scheinbares Vergehen. Schon weiß ich nicht mehr, was ich
glauben darf, die Vergangenheit entschwindet meinem Gedächtnis, meine
Sicherheit beginnt zu wanken. Wenn es zu viel ist, Gerechtigkeit zu
fordern, dann bitte ich um Mitleid, Herr Graf. Mein Schicksal will mich
prüfen, aber mein Herz ist rein wie der Tag.«
Es war erfolglos. Es war zu spät für Worte, selbst wenn der Mund eines
Propheten sie hinausgedonnert hätte. Am andern Morgen wurden viele der
Zeugen und Eingekerkerten Clarissa vorgeführt. So kamen Bach, die
Bancals, der Soldat Colard, Rose Feral, Missonier und die kleine
Magdalena Bancal. Bousquier war krank. Der Anblick der vernichteten,
schlotternden, in ein Phantom verlorenen, von hundertfältigen Martern
eingeschüchterten, rachsüchtig zu allem bereiten Geschöpfe beunruhigte
Clarissa bis ins Mark und gab ihr zugleich ein Gefühl unauslöschlicher
Besudelung. Ist sie es? wurde jeder von den Unglücklichen gefragt und
mit verwegener Gleichgültigkeit antworteten sie: sie ist es. Bloß
Missonier stand da und lachte wie ein Idiot.
Clarissa war erstaunt. Solche Bestimmtheit und Selbstverständlichkeit
der Antwort hatte sie nicht erwartet. Mit innerlichem Schluchzen hielt
sie das Unleugbare des gegenwärtigen Zustands von sich ab und suchte in
ihrem Gedächtnis schaudernd einen Weg zu jenem Vergangenen, auf den er
sich gründete und den man von ihr bekräftigt wissen wollte. Ihr
erschütterter Geist kroch zurück in früher gelebte Jahre, bis in die
Jugend, bis in die Kindheit, um den doppelgängerischen Feind zu
entdecken; was unheimlich und fremd gewesen, ward allmählich Kern und
Schwerpunkt ihres Daseins und die Mordnacht in Bancals Haus wurde wie
die ganze übrige Welt zu einer Vision von Blut und Wunden.
Aber durch die düstern Phantasien führte der Weg zu Bastide Grammont;
ein Blumenpfad zwischen brennenden Häusern. Es dünkte ihr schön, ihn
schuldig zu wissen. Vielleicht hatte er seine Lippen auf die ihren
gedrückt, ehe seine Hand nach dem Mordmesser gegriffen. Sie vermählte
die eigene, finsterempfundene Schuld mit seiner größeren. Was ihn von
der Menschheit abschnitt, knüpfte ihn an sie. Seine Gründe zu der Tat?
Sie fragte nicht darnach. Sicherlich hatte die Tat damals Wurzel
geschlagen, als sie ihn zuerst gesehen, als er den ganzen Wald, den
ganzen Frühling in sich hineingeschluckt hatte. Gleichviel, ob er die
Hände in Sonnenlicht oder in Blut tauchte, beides gehörte zu seinem
Bild, zu ihrer dunklen Leidenschaft und Fualdes war der böse Dämon und
das verderbliche Prinzip. Ach, dachte sie in ihrem sonderbaren Grübeln,
hätte ich es gewußt, so hätte ich selbst es vollbracht und hätte eine
Heldin sein können wie Charlotte Corday. Doch warum leugnete, warum
schwieg Bastide? warum jener Blick zermalmender Verachtung, den sie
nicht vergessen konnte und der noch immer auf ihrer Haut wie ein
Schandmal brannte? War er zu stolz, sich einem Spruch zu beugen, der
seine Tat nicht besser erachtete als die jedes Straßenräubers? Kein
Zweifel, er erkannte seine Richter nicht an. So konnte sie ihn also zu
sich niederziehen, ihn abhängig machen vom Hauch ihres Mundes, das freie
wilde Tier bändigen, und sie vergaß, was auf dem Spiele stand, vergaß
das eherne Entweder-Oder, vor welches hier die Geschicke gestellt
waren, und gab sich hin wie ein Kind, das nichts vom Tode weiß.
Für den sechzehnten Oktober war die Verhandlung vor den Assisen
anberaumt. Am Mittag des zehnten begehrte Clarissa Monsieur Jausion zu
sprechen. Vor den Richter geführt, sagte sie, sie wisse um alles, sie
wolle auch alles bekennen. Mit erregt zitternder Stimme rief Monsieur
Jausion seine Schreiber.
»Ich kam in die Stube und sah das Messer blitzen,« gestand Clarissa.
»Ich flüchtete in den Alkoven, Bastide Grammont eilte mir nach, umarmte
mich und küßte mich. Er vertraute mir an, Fualdes müsse sterben, denn
der alte Satan habe ihm sein Glück zerstört und das Leben unwert
gemacht. Bastide war wie trunken von Begeisterung, und als ich Einwände
machte, schloß er mir abermals mit Küssen den Mund, ja er küßte mich so,
daß ich keinen Widerstand leisten konnte. Dann ließ er mich einen Schwur
tun, dann ging er und ich hörte stöhnen, ich hörte ein schreckliches
Geschrei, die kleine Magdalena Bancal, die im Bette lag, richtete sich
plötzlich auf und weinte, da verlor ich das Bewußtsein und als ich
wieder zu mir kam, war ich auf der Straße.«
Diese Erzählung brachte sie in einem mechanisch-abgemessenen Ton vor;
ihre Stimme klang gläsern und fast verstellt, ihre Augen waren umflort
und halbverschlossen, ihre kleinen Hände hingen schwer neben den Hüften
und als sie schwieg, lächelte sie süßlich vor sich hin.
»Sie haben also schon vordem mit Bastide Grammont verkehrt?« fragte der
Richter.
»Ja. Wir trafen uns im Wald. In der Nähe von La Morne ist ein alter
Brunnen im Feld; auch dort trafen wir uns häufig; besonders des Nachts
und bei Mondschein. Einmal nahm mich Bastide auf sein Pferd und wir
ritten in rasender Geschwindigkeit bis an die Schlucht von Guignol. Ich
fragte: wovor fliehen Sie, Bastide? denn mir war kalt vor Schrecken, und
er flüsterte: vor mir und vor der Welt. Doch sonst war er stets sanft.
Nie kannte ich einen bessern Mann.«
Immer silbriger klang ihre Stimme und schließlich sprach sie wie eine
Verzückte oder wie eine Schlafende. Die Aussage ward ihr vorgelesen, sie
unterschrieb ruhig und ohne zu zaudern, darauf erklärte ihr Monsieur
Jausion, daß sie frei sei.
Im Schloß empfing sie feindselige Ruhe. Die wenigen Dienstboten, die
geblieben waren, zischelten frech hinter ihr her. Niemand sorgte für
ihre Bequemlichkeit, den Krug Wasser mußte sie selbst aus der Küche
holen. Indes, als Herr von Seguret nach Hause kam, wußte er wie die
ganze Stadt um Clarissas Geständnisse. Der Umstand ihrer verliebten
Beziehungen zu Bastide erleuchtete nun mit jähem Schein das
Vorhergegangene und wob eine Glorie um ihr früheres Schweigen. Doch Herr
von Seguret schloß sich nur um so fester zu und als er vorüberkam, da
Clarissa auf der Schwelle ihres Zimmers stand, wandte er das Gesicht ab
und machte eine Gebärde des Abscheus.
Am Abend hatte der Präsident einige Freunde bei sich zu Gast. Während
des Mahls öffnete sich die Türe und Clarissa erschien. Herr von Seguret
sprang vom Stuhl empor, Zorn raubte ihm die Sprache. »Wag' es nicht,«
stammelte er heiser und mit ausgestrecktem Arm, »wag' es nicht.«
Des ungeachtet schritt Clarissa bis an den Rand des Tisches. In ihrem
Gesicht war ein strahlender, bezaubernder Ausdruck. Mit vollem Auge
blickte sie auf den Vater, so daß dieser den Blick wie geblendet sinken
ließ. »Schmähe nicht, Vater,« sagte sie sanft und in einem bestrickenden
Ton anmutigen Werbens.
Mit alltäglicher Frage wandte sie sich an einen der Herren. Der
Angeredete zauderte, schien bestürzt, verwundert, vermochte aber nicht
zu widerstehen. Ihre von Gefängnisluft gebleichten Züge hatten etwas
traumhaft Geistiges angenommen; das gewöhnlichste Wort aus ihren Lippen
war von besonderem Reiz umglänzt.