ergehen. Seine trocken-hochmütige Würde, sein spöttisches Lächeln, sein
stummes Achselzucken setzten Monsieur Jausion nicht selten in
Verlegenheit. Doch kam es wohl vor, daß er, von Ungeduld hingerissen,
dem Richter kurzweg das Wort entriß und kühn und beredt an dem
gebrechlichen und dennoch unzerstörbaren Bau der Indizien rüttelte.
»Falls es in meinem Plan und Interesse gelegen war, den Oheim ums Leben
zu bringen, bedurfte es dann einer Verschwörung von so vielen
Personen?« so fragte er etwa und die Verachtung machte seine Züge
flammen. »Soll ich so dummschlau sein und mich mit Bordellwirten,
Dirnen, Schmugglern, alten Weibern und abgestraften Verbrechern
verbünden, Leuten, die zeitlebens meine Meister und Mahner geblieben
wären, selbst wenn Stillschweigen zu ihren Tugenden gehörte? Läßt sich
etwas Sinnloseres ausdenken, als einen Mann auf offener Straße zu
ergreifen und ihn in ein ohnehin verdächtiges Haus zu schleppen? Wozu
das alles? Gab es für mich keine bessere Gelegenheit? Konnte ich den
Alten nicht auf das Gut locken, ihn im Wald erschießen und verscharren?
Ich hätte ihn zum Unterschreiben von Wechseln gezwungen, -- wo sind sie,
die Wechsel? Sie müßten doch zum Vorschein kommen und mich bloßstellen.
Sie sagen selbst, das Bancalsche Haus sei so verwahrlost, daß man von
der Wohnung der Spanier durch die morschen Bretter in Bancals Stube
blicken kann; warum hat dann Monsieur Saavedra nichts gehört? Aha, er
hat geschlafen. Guter Schlaf das. Oder ist er auch im Komplott, wie
meine Mutter, meine Schwester, meine Geliebte, meine treuen Diener? Und
alles zugegeben, genügten nicht die Bancalschen Eheleute zur Hilfe,
einen schwachen Greis zu töten und beiseite zu schaffen, mußte ich dazu
noch ein halb Dutzend verdächtige Kerle aus den Kneipen holen? Warum hat
mein Oheim nicht geschrieen? Er war geknebelt, schön; aber der Knebel
ist auf dem Hofe gefunden worden. So hat er doch geschrieen, als der
Knebel entfernt war, und ich habe die Leiermänner spielen lassen. Sehr
geistreich, das mit den Leiermännern, aber solche Drehorgeln machen
doch Lärm und locken Leute an die Fenster und auf die Straße. Und warum
das Opfer schlachten, da so viele starke Männer es leicht hätten
erwürgen können? Zeigen Sie mir den ärztlichen Befund, Monsieur, ob
darin von einem Stich und nicht vielmehr von einem Riß die Rede ist. Und
welches Geschwätz, das mit dem Leichenzug, welche verräterischen
Anstalten in einem Land, wo jeder Grenzpfahl Augen hat! Man beschuldigt
mich, am andern Morgen in meines Oheims Haus gestürmt zu sein und
Papiere geraubt zu haben. Wo sind diese Papiere? Mein Oheim starb fast
arm. Seine Forderung an mich ist an den Präsidenten Seguret
übergegangen. Wozu also die Tat? Was will man von mir? Wer, der Augen
hat, sieht meine Hände befleckt?«
Diese Sprache war herausfordernd. Sie erweckte den Unwillen des Gerichts
und den gesteigerten Haß der Menge, die davon entstellte Kunde erhielt.
Aus Angst vor dem Volk wagte kein Advokat, die Verteidigung Bastide
Grammonts zu übernehmen. Monsieur Pinaud, der allein den Mut hatte, auf
die Unwahrscheinlichkeiten und die abenteuerliche Herkunft der meisten
Zeugenaussagen zu verweisen, hätte seinen Eifer für die Wahrheit fast
mit dem Leben bezahlen müssen. Eines Nachts zog ein Pöbelhaufen,
darunter auch Bauern, vor sein Haus, zertrümmerte die Fensterscheiben,
demolierte das Tor und legte Feuer auf der Treppe an. Nur mit Mühe
konnte sich der erschrockene Mann ins Freie retten, und er floh nach
Toulouse.
Wohl erkannte Bastide Grammont, daß es für ihn zunächst keinen
Widerstand gab; er entschloß sich, alle Tapferkeit in Geduld zu
verwandeln und seine Lippen so zu verschließen, als ob sie die Türen
wären, durch welche die Hoffnung entfliehen könnte. Er, der freieste der
Menschen, mußte die strahlenden Tage des Frühlings, die duftigen Abende
des Sommers in einem feuchten Loch zubringen, das den eigenen Atem ekel
machte; er, zu dem die Tiere redeten, den die Blumen mit Augen
anblickten, für den die Erde zu gewissen Zeiten etwas wie einen Glanz
von Verliebtheit hatte, der zu gehen, zu schreiten, zu wandern, zu
reiten wußte so wie Künstler entzückende Werke schaffen, er mußte, durch
ein widersinniges Spiel unbegreiflicher Umstände bezwungen, den
Vorgeschmack des Grabes kosten und entbehren, was ihm das innerste und
eigenste des Lebens war. Häufig wurden die Nächte des Trotzes, wo der
Blick überfloß und stumpf wurde im Gedanken der Schmach; häufiger die
Tage nicht zu beherrschender Sehnsucht, wo jedes von der nassen Mauer
bröckelnde Sandkorn an das wunderbare Wirken und Weben der Erde, der
Wiese, des Waldes gemahnte. Von den Ereignissen, die sein Schicksal
verdunkelt hatten, wandte er alles Nachdenken angewidert ab, und er
hörte es kaum, als eines Morgens der Wärter erschien und ihm frohlockend
mitteilte, daß die geheimnisvolle Unbekannte, welcher es bestimmt war,
Haupt- und Kronzeugin zu werden, die Dame mit den grünen Federn endlich
gefunden sei; sie habe sich selbst gemeldet und es sei die Tochter des
Präsidenten Seguret, Madame Clarissa Mirabel.
Bastide Grammont blickte finster vor sich hin. Aber von Stund an
umflatterte dieser Name sein Ohr wie der Flügelschlag des unabwendbaren
Fatums.
* * * * *
So war es: Madame Mirabel hatte bekannt, daß sie während der Mordnacht
im Bancalschen Haus gewesen sei. Doch geschah dies Geständnis im Drang
eines sonderbaren Augenblicks, und es verfloß nicht so viel Zeit, wie
das flinke Gerücht brauchte, um offenbar zu werden, da nahm sie alles
wieder zurück. Aber das Wort war gefallen und zeugte Tat auf Tat.
Clarissa Mirabel war das einzige Kind des Präsidenten Seguret. Sie war
auf dem Land erzogen worden, in dem alten Schloß Perrié, das ihr Vater
beim Anbruch der Revolution gekauft hatte. Die politischen Stürme und
die Unsicherheit der Zustände waren schuld, daß sie in ihrer Kindheit
keines regelmäßigen Unterrichts genoß. Die tiefe Abgeschiedenheit, in
der sie aufwuchs, begünstigte ihre Anlage zur Schwärmerei. Sie
vergötterte ihre Eltern und in den bewegten Zeiten der Anarchie zeigte
die erst vierzehnjährige Jungfrau an der Seite ihres Vaters einen
solchen Opfermut und solche Hingabe, daß sie dadurch die Aufmerksamkeit
des Obersts Mirabel erregte, der dann fünf Jahre später kam und um sie
warb. Sie liebte ihn nicht, -- kurz vorher hatte sie ein
seltsam-romantisches Verhältnis mit einem Hirten der Gegend angeknüpft,
-- doch heiratete sie, weil ihr Vater es befahl. Die Ehe war nicht
glücklich; nach drei Monaten trennte sie sich von ihrem Mann; der Oberst
ging mit dem Heer nach Spanien. Als der Krieg zu Ende war, kam er
zurück und ließ Clarissa sein Verlangen andeuten, daß sie bei ihm wohnen
solle, doch weigerte sie sich, erklärte auch schriftlich ihre Weigerung,
zornig darüber, daß er fremde Leute schickte, um mit ihr zu
unterhandeln. Doch erfuhr sie, Mirabel sei verwundet, und dies änderte
ihren Sinn. In der Nacht, auf verborgenen Wegen, unter umständlichen
Förmlichkeiten wurde der Oberst ins Schloß getragen, und in einem
abgelegenen Zimmer pflegte ihn Clarissa mit treuer Sorgfalt. Solange es
geheim blieb, fesselte sie die neuartige Beziehung zu dem Mann als
Liebhaber, doch die Mutter entdeckte alles und glaubte, der völligen
Aussöhnung zwischen den Gatten stehe nichts im Wege. Clarissa wußte
ihren Mann zu entfernen; in einem Gehölz beim Dorf hatte sie abendliche
Zusammenkünfte mit ihm. Oberst Mirabel wurde aber des wunderlichen
Treibens überdrüssig; er erhielt eine Anstellung in Lyon, starb aber
kurz darauf an den Folgen seiner Ausschweifungen.
Jahre gingen hin; auch die Mutter starb und die Trauer Clarissas war so
groß, daß sie tagelang nicht vom Grabe wich und nur durch den Einfluß
des leichter getrösteten Vaters zu bewegen war, sich wieder in das
einsam-leere Dasein zu fügen. Völlig sich selbst überlassen, ergab sie
sich dem Genuß ungewählter Lektüre und ihre Wünsche richteten sich mit
verborgener Glut auf große Erlebnisse. Sie brachte sich durch auffällige
Neigungen und Gewohnheiten in das kleinstädtische Gerede; sie ließ
Kinder und halbwüchsige Knaben und Mädchen ins Schloß kommen,
deklamierte ihnen Verse und richtete sie zum Theaterspielen ab. Ihr
zwangloser Charakter erweckte Feinde; sie sagte, was sie dachte,
verletzte ohne böse Absicht, stiftete Verwirrung und Klatsch in aller
Unschuld, übertrieb das Geringfügige und übersah das Große, gefiel sich
zuweilen in Maskeraden, Verkleidungen und erdichteten Rollen und
bezauberte doch wieder den Empfänglichen durch die Anmut ihrer Rede, die
heitere Beweglichkeit ihres Geistes, das gewinnend Herzliche ihrer
Manieren.
Sie war jetzt fünfunddreißig Jahre alt; aber nicht nur, weil sie
außerordentlich schlank, klein und zart war, sah sie aus wie ein
achtzehnjähriges Mädchen, sondern es war auch in ihrem Wesen eine tiefe
und ungewöhnliche Jugend, und wenn ihr Auge voll und nachdenklich auf
einem Gegenstand ruhte, hatte es die Klarheit und träumerische Süße des
Kinderblicks. Sie war gleichsam ein Erzeugnis der Grenze: südliche
Lebhaftigkeit und nordische Schwere waren zu ruheloser Mischung
gediehen; sie grübelte gern und wie ein Tierlein spielend, vermochte sie
in Männern aller Art ein mit Scheu gemengtes Begehren zu erregen.
Von der Flut der Gerüchte über den Tod des Advokaten Fualdes blieb sie
zunächst unberührt, obwohl ihr Vater durch den Kauf der Domäne La Morne
mittelbar an den Ereignissen beteiligt schien und täglich neue
Nachrichten ins Schloß getragen wurden. Der Vorfall war ihr zu
verwickelt und alles was damit zusammenhing, roch zu sehr nach Schmutz.
Erst als der Name Bastide Grammonts genannt wurde, horchte sie auf,
verfolgte die Dinge und ließ sich den geglaubten Hergang vom Vater oder
von den Dienerinnen berichten, wobei sie mehr Teilnahme als Verwunderung
bezeigte.
Sie wußte nichts von Bastide Grammont. Des ungeachtet fiel sein Name,
kaum daß sie ihn gehört, wie ein Gewicht in ihr lauschendes Innere. Sie
fing an, sich nach ihm zu erkundigen, unternahm heimliche Ritte nach La
Morne und brachte den einen oder andern seiner Leute über ihn zum Reden,
ja einmal gelang es ihr sogar, mit Charlotte Arlabosse zu sprechen, die
um jene Zeit schon wieder in Freiheit war. Was sie vernahm, erzeugte in
ihr ein eigentümliches, schmerzhaftes Staunen; ihr war zumut, als hätte
sie eine wichtige Begegnung versäumt.
Dazu kam, daß sie sich plötzlich erinnerte, ihn gesehen zu haben. Er
mußte es gewesen sein, wenn sie die verworrenen Schilderungen seiner
Person nur halbwegs recht verstand. Es war ein Jahr zuvor gewesen, an
einem frühen Morgen im ersten Frühjahr. Von der allgemeinen Unruhe
gepackt, durch die der erwachende Lenz das Blut aufwühlt und den Schlaf
schneller als sonst beendigt, hatte sie das Schloß verlassen und war zu
Fuß über die Weinbergwege in das bewaldete Tal von Rolx gewandert. Und
während sie durch die sonnebeglänzten, feuchten Gebüsche schritt, über
sich das Jubeln der Singvögel und das glühende Blau der Himmelskugel,
unter sich die wie ein Leib atmende Erde, hatte sie einen Mann von
mächtigem Gliederbau gewahrt, der aufrecht dastand, barhäuptig, die Nase
in der Luft und mit einer überirdischen Begierde, mit aufgerissenen
Augen genoß, was eben zu genießen war: die Düfte, die Sonne, die
berauschende Feuchtigkeit, den Glanz des Äthers. Er schien dies alles zu
riechen, er schnupperte wie ein Hund oder wie ein Hirsch und indes sein
nach oben gekehrtes Gesicht eine entfesselte, lachende Befriedigung
zeigte, zitterten die herabhängenden Arme wie in Krämpfen.
Damals hatte sich Clarissa gefürchtet; sie war entflohen, ohne daß jener
sie bemerkte, ohne daß er das Rascheln der Zweige und den Schall ihrer
Tritte vernahm. Jetzt gewann das Bild eine andere Bedeutung. Oft wenn
sie allein war, gab sie sich der Ausmalung jener Stunde hin: wie sie dem
Sonderling entgegentrat, ihm durch ein tiefberechnetes Spiel von Fragen
Antwort um Antwort von den trotzigen Lippen raubte und wie er dann,
unfähig sich länger zu verstellen, aus eigenem Trieb sein Herz
aufschloß. Und eines Nachts kam er auf wildem Pferd, drang ins Schloß,
nahm sie und ritt mit ihr davon, so schnell, daß es schien, als sei der
Sturm sein Diener und als sei das Roß vom Sturm beflügelt. Wenn die Rede
bei Tisch oder in Gesellschaft auf Bastide Grammont kam und seine von
allen unbezweifelte Mordschuld, beschäftigte sich Clarissa niemals mit
dem Entsetzlichen der Tat, die einen solchen Mann auf ewig von der
Gemeinschaft der Guten trennen mußte, sondern, umhüllt von wollüstigem
Dunst, empfand sie die Wirkung einer Kraft, das Heroische einer Gebärde,
die Wahrheit einer Existenz und die Gewißheit von der erreichbaren Nähe
jener Gestalt, die aus ihren bangen Träumereien nicht mehr weichen
wollte. Sie erschrak über sich selbst, sie staunte in die gefürchteten
Abgründe der eigenen Brust hinab und oft war ihr, als läge sie, sie
selbst im Kerker und als ginge er, Bastide, draußen auf und ab und sinne
auf Mittel, die Türe zu sprengen, während sein beflügeltes Pferd
triumphierend wieherte.
Nun war sie versponnen in all das Reden, Raunen und Fabulieren und der
ganze Knäuel von Scheußlichkeiten, in welchem Plan und Willkür unlösbar
verwühlt waren, rollte stetig anwachsend auch vor ihren Weg. Es ergriff
sie immer sonderbarer, und sie glaubte in vergifteter Luft zu atmen; sie
ging durch eine Straße in Rhodez und wähnte aller Augen Rechenschaft
fordernd auf sich gerichtet, so daß sie ihren Schritt beschleunigte,
bleich und verwirrt nach Hause eilte und mit stockenden Pulsen vor einem
Spiegel stille stand.
Vor nicht langer Zeit war sie auf dem Gut einer Familie zu Gast gewesen,
die ihrem Vater befreundet war. Eines Tages geriet der Herr des Hauses,
ein Gelehrter, über den Verlust einer wertvollen Handschrift in Unruhe
und Sorge. Die Dienstleute wurden aufgeboten, jeden Raum zu
durchstöbern, doch eines Diebstahls wurde niemand verdächtigt. Clarissa
geriet nach und nach in einen qualvollen Zustand; sie bildete sich ein,
man beargwöhne sie; in jedem Wort spürte sie den Stachel, in jedem Blick
eine Frage, mit Angst und Eifer nahm sie am Suchen teil, schon hatte sie
Fiebergesichte von Kerker und Schande, wollte zum Vater eilen, ihre
Unschuld beteuern, -- da fand sich plötzlich die Handschrift unter alten
Büchern, Clarissa atmete auf wie von Todesgefahr errettet und nie zuvor
war sie so witzig, gesprächig und hinreißend liebenswürdig gewesen wie
in den darauffolgenden Stunden.
Als in der Phantasie der Menge mit den übrigen bei der bestialischen
Abschlachtung des armen Fualdes Beteiligten die Dame mit den grünen
Federn zu immer deutlicherer Gestaltung erwuchs, wurde Clarissa von
einer Bestürzung erfaßt, mit der sie anfangs nur spielte, wie um sich
auf einem Ungefähr zu erproben oder auf einer Möglichkeit zu schaukeln,
gleich einem Knaben, der mit angenehmem Gruseln die gefrorene Decke
eines Flusses auf ihre Festigkeit prüft. Sie verschlang die Berichte der
Zeitungen. Das zaghafte Tändeln ward zu einer plagenden Vorstellung,
hauptsächlich durch den Umstand, daß sie einen Hut mit grünen Federn
wirklich besaß. Daran konnte nichts Auffälliges gefunden werden. Die
Mode erlaubte es, grüne, gelbe oder rote Federn zu tragen; trotzdem
wurde der Besitz des Hutes für Clarissa zur Qual. Sie wagte nicht mehr,
ihn zu berühren, ihr schien, als seien die Federn mit einem blutigen
Schimmer umhüllt und schließlich versteckte sie ihn in einer
Rumpelkammer unter dem Dach.
Sie beschäftigte sich mit Reiseplänen, wollte nach Paris, aber der
Entschluß wurde täglich wieder wankend. Indessen kam der Juni. Eine
wandernde Theatergesellschaft kündigte in Rhodez Vorstellungen an, und
ein Offizier namens Clemendot, der Clarissa seit langem mit
Liebesanträgen verfolgte, von ihr aber seiner Gewöhnlichkeit und
offenbaren Roheit halber stets kühl, ja bisweilen schimpflich
zurückgewiesen worden war, brachte ihr ein Billett und lud sie ein, mit
ihm gemeinschaftlich das Theater zu besuchen. Sie lehnte ab, doch in
letzter Stunde hatte sie Lust hinzugehen und mußte es dulden, daß sich
Kapitän Clemendot nach dem Aufgehen des Vorhangs auf den leeren Platz zu
ihrer Rechten setzte.
Die Truppe führte ein Melodram auf, dessen Handlung das Unglück und den
schaudervollen Mord eines schuldlosen Jünglings mit Behagen in die
Breite zerrte. Am Schluß des ersten Aktes trat eine als Mann verkleidete
Dame auf die Bühne; sie trug einen spitzen, runden Hut und eine Maske
vor dem Gesicht. Eine hastige, im Flüsterton gehaltene, von der düsteren
Lampe eines Verbrecherquartiers beschienene Liebesszene mit dem Haupt
der Mörderbande besiegelte das Schicksal des unglücklichen Opfers, das
betend auf den Knieen lag. Im Zuschauerraum herrschte gieriges
Schweigen, alle Augen brannten. Clarissa glaubte die hundert Herzen wie
ebensoviele Hämmer schlagen zu hören, ihr wurde heiß und kalt, es
entschwand jedes Gefühl sicherer Gegenwart und als in der
darauffolgenden Pause Kapitän Clemendot in seiner halb demütigen, halb
schamlosen Weise zudringlich ward, überflog ein Schauder ihren Körper
und der Weindunst seines Mundes brachte sie einer Ohnmacht nahe.
Plötzlich warf sie den Kopf zurück, bohrte den Blick auf sein
verschwommenes Trinkergesicht und fragte mit leiser, scharfer, eilender
Stimme: »Was würden Sie sagen, Kapitän, wenn ich es wäre, ich, die im
Bancalschen Hause dabei gewesen ist?«
Kapitän Clemendot erblaßte. Sein Mund öffnete sich langsam, seine
Backen zitterten, seine Augen bekamen einen furchtsamen Glanz, und als
Clarissa in ein weiches, spöttisches, aber nicht ganz natürliches
Gelächter ausbrach, erhob er sich mit verlegenem Gruß und ging. Er war
ein einfältiger Mensch, ungebildet wie ein Trommler und stand wie jeder
andere in Rhodez wehrlosen Geistes unter dem Einfluß der blutrünstigen
Gerüchte. Als die Vorstellung zu Ende war, näherte er sich Clarissa, die
in apathischer Haltung zum Ausgang schritt, wo ihr Wagen wartete, und
fragte, ob sie sich einen Scherz mit ihm habe machen wollen, und sie,
mit trockenen Lippen, etwas wie neugierigen Haß im Gesicht, antwortete
abermals lachend: »Nein, nein, Kapitän.« Darnach wurden ihre Züge wieder
ernst, fast traurig und sie senkte die Stirn.
Clemendot ging verstört nach Hause, durchaus in der Meinung, er habe ein
wichtiges Geständnis empfangen. Er fand sich verpflichtet zu reden und
vertraute sich am andern Morgen einem Kameraden an. Dieser zog einen
zweiten Freund ins Geheimnis, es wurde Rat gehalten und schon am Mittag
wurde der Richter verständigt. Monsieur Jausion ließ den Kapitän und
Madame Mirabel zu sich entbieten. Nach langem und merkwürdigem Überlegen
erklärte Clarissa alles für einen Spaß und der Richter mußte sie
zunächst entlassen.
Aber nicht Spaß wollten die Herren, sondern Ernst. Der Präfekt, von dem
Vorgefallenen unterrichtet, erschien am Abend beim Präsidenten Seguret
und hatte eine kurze Unterredung mit dem würdigen Mann, der, in
tiefster Brust erschüttert, vernehmen mußte, welche Schmach seine
Tochter über ihn und sich heraufbeschwor und so den Frieden seines
Alters bedrohte. Clarissa wurde herbeigeholt; wie entgeistert stand sie
vor den beiden Greisen und der in jeder Bewegung und Miene des Vaters
sich bekundende Kummer rührte schmerzlich an ihre Seele. Sie berief sich
auf den unbesonnenen Augenblick, auf eine tolle Laune und Verwirrung des
Gemüts; umsonst, der Präfekt legte seinen Unglauben offen dar. Herr von
Seguret, der trotz einer zum heiteren geneigten Lebensführung überaus
mißtrauischen Gemütes war, auch des festen und klaren Urteils über
Menschen ermangelte, konnte nicht umhin, das bedrückte Wesen der Tochter
als einen Beweis von Schuld aufzufassen und er erklärte ihr mit
schneidender Strenge, daß er nur um den Preis der Wahrheit sie nicht von
seinem Herzen stoßen wolle. Clarissa verstummte; die Worte drangen
gleich würgenden Teufeln auf sie ein. Der Präsident verlor Schlaf und
Ruhe und wanderte mit zerwühlten Sinnen die ganze Nacht über im Schloß
herum. Seine Überlegungen bestanden darin, Clarissas Natur nach der
Seite jener furchtbaren Möglichkeit hin zu erforschen, und bald genug
sah er ihren undurchdringlichen Charakter mit den Flecken und Brandmalen
eines romantischen Lasters bedeckt. Auch er war völlig im Bann der
fanatisierten Meinung von aller Welt, seine Erfahrung hielt dem
Pesthauch des verleumderischen Wesens nicht stand; die Furcht, am
Ungeheuren teil zu haben, war stärker als die Stimme des Herzens; der
Argwohn wurde Gewißheit und das Leugnen zur Lüge. Wenn er Clarissas
Vergangenheit bedachte, ihre unbändige Lust, die vorgeschriebenen Wege
zu verlassen, -- eine Eigenschaft, die ihm jetzt als die Pforte zum
Verbrechen erschien -- dann war keine Annahme verwegen genug, und ihr
Bild verwob sich von selbst in das düstere Gewebe.
Auch Clarissa schlief nicht. Im Dämmergrauen des Tages überraschte sie
den Vater bei seinem verstörten Schreiten durch die Räume und
schluchzend warf sie sich ihm zu Füßen. Er machte keine Anstalten sie zu
trösten oder zu erheben; ihre verzweifelte Frage, was sie denn dort im
Bancalschen Hause hätte suchen sollen, da ihr, als einer Witwe, keine
Freiheitsfessel den Schritt verkürze und sie der Heimlichkeiten entraten
dürfe, beantwortete der Präsident mit einem vielsagenden Achselzucken,
und so fest war schon die schwarze Überzeugung genistet, so fern jede
Milde, daß er auf ihre edle Forderung um ein gerechtes Erwägen nichts
als die Worte hinwarf: »Sprich die Wahrheit.«
Die Kunde war nicht lahm. Verwandte und Freunde des Präsidenten kamen:
bestürzt, erregt, lüstern, schadenfroh. Die undurchsichtig fremde,
gleitend unnahbare Clarissa in den Kot geworfen zu sehen, war ein
Anblick, den zu genießen alle begierig waren. Einige ältere Damen wagten
ein heuchlerisch sanftes Zureden und Clarissas verachtendes Schweigen
und ihr wehvolles Auge schienen Geständnisse zu geben. Der Präfekt kam
neuerdings und in seiner Begleitung befanden sich zwei Beamte. Für die
Regierung und die Behörde stand alles auf dem Spiel; der Racheruf, der
um ihre Sicherheit besorgten Bürger, der Hohn und Groll der
Bonapartisten wurden täglich ungestümer, die Zeitungen forderten die
Verurteilung der Schuldigen, eine Empörung des Landvolks war im Zuge.
Eine an der Tat selbst unbeteiligte Zeugin wie Madame Mirabel konnte
alles schnell wenden und beenden, man redete ihr zu, versprach, was den
im Bancalschen Haus geleisteten Eid anlangte, schriftlichen Dispens aus
Rom und ein Jesuitenpater, den der Bürgermeister ins Schloß führte,
mußte dies ausdrücklich bestätigen. Als alles vergeblich war und
Clarissa dem frevlerischen Eindringen eine steinerne Ruhe
entgegenzusetzen begann, drohte man ihr mit dem Gefängnis, drohte, ihre
Schmach und Lasterhaftigkeit zu einer öffentlichen Sache von ganz
Frankreich zu machen und bei diesen Worten des Präfekten warf sich ihr
Vater vor ihr auf die Kniee, so wie sie am Morgen vor ihm getan und
beschwor sie zu sprechen. Das war zu viel; mit einem Aufschrei stürzte
sie ohnmächtig zu Boden.
Clarissa glaubte sich zu erinnern, daß sie den Abend des neunzehnten
März bei der Familie Pal in Rhodez verbracht habe; sie glaubte sich zu
erinnern, daß Frau Pal selbst am andern Tag zu ihr gesagt hatte: wir
waren so lustig gestern und vielleicht ist um dieselbe Zeit der arme
Fualdes ermordet worden. Als sie sich darauf berief, stellten die Pals
alles mit Bestimmtheit in Abrede, sie leugneten den Besuch Clarissas,
ja, in ihrer unbestimmten feigen Angst erklärten sie sogar, mit Madame
Mirabel seit Jahren verfeindet zu sein.