Und nun hieß es erzählen, den Schauplatz beleben. Auf dem großen Tisch

in Bancals Zimmer lag nicht etwa der Ballen Tabak, um dessentwillen er

gerufen worden, sondern eine Leiche. Er wollte fliehen, da eilte ihm

der große starke Mann nach und bedrohte ihn mit der Pistole.

Der Richter schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. »Mit der Pistole?« fragte

er. »Denke nach, Bousquier, war es nicht vielleicht ein Gewehr? war es

nicht eine Doppelflinte?« Gut denn, dachte Bousquier wütend, wenn man

auf eine Flinte versessen ist, kann es auch eine Flinte gewesen sein; er

nickte, als fühle er sich beschämt, und fuhr fort, daß er, solchermaßen

am Leben bedroht, in Bancals Stube bleiben und den Helfershelfer machen

mußte. Der Tote wurde in ein leinenes Tuch gewickelt, mit Stricken

umwunden und auf die Tragbahre gelegt. Diese Tragbahre war mit Hilfe des

Gefängniswärters in Bousquiers Phantasie bis zur Vollkommenheit

vorbereitet. Doch als er nun den Leichenzug beschreiben sollte, verlor

der gemarterte Mensch die Besinnung, und wie er am späten Abend noch

einmal zum Verhör geführt wurde -- selten versagte die Nacht und das

Kerzenlicht im öden Saal seine gespenstigen Wirkungen --, da leugnete er

wider Erwarten alles ab, weinte, schrie, betete und benahm sich völlig

sinnlos. Um ihn zu ermutigen und zu beruhigen, griff Monsieur Jausion zu

einem ebenso einfachen als kühnen Mittel; er sagte nämlich, Bach und

Colard hätten heute gleichfalls ein Geständnis abgelegt, und es sei

erfreulich, daß ihre Angaben mit denen Bousquiers übereinstimmten; wenn

er sich nun vernünftig benehme, so sollte er bald das Gefängnis

verlassen dürfen.

Bousquier stutzte. Je länger er überlegte, einen je tieferen Eindruck

machte ihm das Vernommene. Sein Gesicht wurde bleich und am ganzen Leibe

wurde ihm kalt. Es war wie wenn ein wüster Traum plötzlich unleugbares

Wachen wird oder wie wenn jemand, der in halber Trunkenheit die erlogene

Geschichte eines Unglücks erzählt und mit jeder neuen Einzelheit

gewaltiger ins Lügen verwoben wird, plötzlich erfährt, daß sich alles in

Wirklichkeit so zugetragen. Eine wunderliche Schwermut nahm von ihm

Besitz, ihm graute vor dem Alleinsein in seiner Zelle und er spürte

Angst vor dem Schlaf.

In fieberhafter Gier hatte ganz Rhodez den Angaben Bousquiers gelauscht.

Endlich erhielt die Gestalt des Unbekannten mit der Doppelflinte Nähe

und Greifbarkeit. Daß er ausgesehen wie ein Herr, stachelte die Wut des

Volkes, und die legitimistische Partei, die sich zumeist aus den Reichen

und Vornehmen zusammensetzte, begann zu zittern. Wahrscheinlich wurde in

ihrer Mitte zum ersten Mal der Name genannt, der erst vorsichtig, dann

ungescheut, dann anklagend von Mund zu Mund lief und über dem die

Wetterwolke, die sich aus einem Nebelstreif gebildet hatte,

blitzezuckend stille stand. Es war bekannt, daß Bastide Grammont, der

Pächter von La Morne, trotz seiner Verwandtschaft mit dem Advokaten

Fualdes in Feindseligkeit oder doch in der drückenden Abhängigkeit eines

Schuldners zu dem Alten lebte. Jedermann wußte oder glaubte doch zu

wissen, daß es oft stürmische Auftritte zwischen Oheim und Neffen

gegeben hatte. War das nicht genug? Dazu das herrische Temperament und

herbe Wesen Bastides, der rasche Verkauf von La Morne und eine

wohlgegliederte Kette kleiner Verdachtsmerkmale, wer durfte noch

zweifeln?

Der unermüdliche Schmied, der da irgendwo in den Lüften oder unter der

Erde am Werk war, sorgte dafür, daß der Ring des Verderbens sich schloß

und warb mit tückischer Laune seine Gesellen auf allen Gassen, bei hoch

und niedrig. Am Vormittag des neunzehnten März waren Fualdes und

Grammont auf der Promenade von Rhodez auf- und abgegangen. Eine

Trödlerin hatte gehört, wie der Junge zum Alten sagte: »Also heute abend

um acht Uhr.« Ein Maurer, der an einem Neubau Sand schaufelte, hatte

vernommen, wie Monsieur Fualdes ausrief: »So hältst du mir Wort?« Worauf

Bastide Grammont erwiderte: »Beruhigen Sie sich, heute abend werde ich

Ihnen die Rechnung machen.« Der Musiklehrer Lacombe erinnerte sich

deutlich, wie Bastide dem Alten mit zornfinsterem Gesicht zugerufen:

»Sie treiben mich zum Äußersten.« Das zufällige Geschwätz eines

Schwätzers gewann im geschäftigen Hörensagen dieselbe Wichtigkeit, wie

die ehrlich bewiesene Wahrnehmung, und was etwa vorher oder was nachher

geredet worden, vermischte und verknüpfte sich zu frecher Willkür. So

wollte Professor Vignet, eines der Häupter der Royalisten, gegen sieben

Uhr abends, kurz vor dem Mord, in einen Obstladen gekommen sein und dort

einen Kollegen getroffen haben. Er erzählte, daß er Bastide Grammont

gesehen, der in ziemlicher Eile an ihm vorübergegangen war. Er

behauptete, ausgerufen zu haben: »Finden Sie nicht, daß Grammont ein

unheimliches Gesicht hat?« Worauf der andere bejahte und erwiderte, man

müsse sich vor dem Manne hüten. Es meldeten sich Zeugen, die dieses

Gespräch bestätigten. Es meldeten sich Zeugen, die Bastide vor dem

Bancalschen Haus gesehen haben wollten; er habe mehrmals einen scharfen

Pfiff ausgestoßen und sich dann in den Schatten geduckt.

Seit fünf Jahren hauste Bastide Grammont auf La Morne. Er war vielleicht

der einzige Mann im ganzen Bezirk, der sich niemals um Politik

bekümmerte und allem Parteitreiben fernblieb, und diese stolze

Unabhängigkeit gab ihn dem Übelwollen, ja dem Haß seiner Mitbürger

preis. Als einmal in Rhodez eine Kundgebung für die Bourbonen

stattfinden sollte und die Straßen von einer aufgeregten Menge erfüllt

waren, ritt er auf seinem Apfelschimmel gravitätischkühl durch die

erhitzten Gruppen und lächelte den beleidigten wilden Blicken, die ihn

trafen, mit Geringschätzung entgegen.

Man erzählte, daß er seine Jugend und ein beträchtliches Vermögen in

Paris vergeudet habe und daß er von dort menschensatt in die Heimat

zurückgekehrt sei. Seine Gepflogenheiten deuteten auf einen das

Absonderliche liebenden Geist. In früheren Jahren war ein gelehrter

Pater der benachbarten Benediktiner-Abtei oftmals bei ihm zu Gast

gewesen; es hatte geschienen, als ob der stille Mann und Menschenkenner

an dem ungebundenen Wesen und der heidnisch-brünstigen Naturvergötterung

des Einsiedlers Bastide seine heimliche Freude habe; aber als Bastide

eine Näherin aus Alby, die hübsche Charlotte Arlabosse, gewaltsam

entführt hatte und in wilder Ehe mit ihr lebte, mußte der Benediktiner,

dem Befehl seiner Oberen gehorchend, den Verkehr abbrechen.

Von da an verzichtete Bastide überhaupt auf jeden vertraulichen Umgang.

Er hatte keinen Freund, wünschte keinen Freund. Hochmütig schloß er sich

ab; der Anblick eines neuen Gesichts machte seine Züge fremd und kalt;

den Leuten aus der Gesellschaft begegnete er mit verletzender

Gleichgültigkeit. Vielleicht war es nur die Furcht vor Enttäuschung,

wenn er sich auch dem herzlichsten Werben schroff versagte, denn es lag

bisweilen in der Tiefe seines Auges die Sehnsucht selbstungewisser

Liebe. Hart werden, weil unerfüllte Ansprüche die Seele beschweren und

verdunkeln, einsam bleiben, weil überhebender Stolz sich scheut, das

erglühte Herz frei darzubringen und ohne Gerechtigkeit sein, aus Scham

und mißverstehendem Trotz, das war vielleicht sein Los und sicher seine

Schuld.

Tagelang trieb er sich mit seinen Hunden in den Tälern der Sevennen

herum. Er sammelte Steine, Pilze, Blumen, fing Vögel und Schlangen,

jagte, sang und fischte. Ging ihm etwas in die Quere und war sein Blut

in Wallung, so nahm er das feurigste Pferd aus dem Stall und ritt etwa

über die gefährlichen Felsenpfade nach Rieux. Im Winter, in kalter

Morgenstunde, sah man ihn im Wasser des Flusses baden, in schwülen

Sommernächten lag er nackt und fiebernd unter freiem Himmel. Er

behauptete dann, er sähe die Sterne tanzen und fühle die Erde zittern.

Um die Zeit der Weinlese war er, ohne je zu trinken, wie im Rausch; er

veranstaltete Feste mit Musik und Fackelzügen und machte den

Schutzpatron aller Liebesverhältnisse unter dem Winzervolk. Bei

langdauerndem schlechten Wetter wurde er blaß, schlaff und

überempfindlich, verlor Schlaf und Appetit und geriet in plötzliche

Wutanfälle, die der Schrecken seiner Leute waren; bei einer solchen

Gelegenheit fällte er einmal mit der Axt ein halb Dutzend der

herrlichsten Bäume im Garten, die er, wie alle wußten, so

leidenschaftlich liebte, als ob sie seine Brüder wären.

Daß bei seiner ungeordneten Verwaltung der Ertrag des Gutes von Jahr zu

Jahr geringer wurde, war keinem erstaunlich als ihm allein. Er geriet in

Schulden, aber davon zu sprechen oder daran zu denken, bereitete ihm den

größten Widerwillen und was er dagegen unternahm, war eine regelmäßige

Beteiligung an verschiedenen Lotterien, deren Ziehungstermine er stets

mit kindlicher Ungeduld erwartete.

* * * * *

Als das Gericht, der unüberhörbaren Meinung und Anklage des Volkes

gehorchend, die Verhaftung Bastides anordnete, wußte dieser schon, was

gegen ihn im Werke war. Er saß, mit einer Holzschnitzerei beschäftigt,

unter einer mächtigen Platane, als die Huissiers auf dem Hof erschienen.

Charlotte Arlabosse stürzte zu ihm und packte seinen Arm, doch er machte

sich los und sagte: »Laß sie nur gewähren, die Eiterbeule ist schon

lange reif.« Mit ironischer Grandezza trat er den Bewaffneten entgegen

und rief: »Euer Diener, meine Herrn.«

Die Bewohner von La Morne wurden einem strengen Verhör unterworfen. Nach

Bastides eigener Angabe war er am Nachmittag des neunzehnten März nach

Rhodez geritten; um sieben Uhr abends sei er schon bei seiner Schwester

im Dorfe Gros gewesen, dort habe er übernachtet, sei am Morgen nach La

Morne zurückgekehrt, dann auf die Nachricht vom Tode des Oheims wieder

nach Rhodez geritten und habe sich ungefähr eine halbe Stunde lang in

Fualdes Haus aufgehalten. Seine Schwester bestätigte, daß er die Nacht

in ihrem Hause verweilt habe, und fügte hinzu, er sei im Gespräch

besonders heiter und liebenswürdig gewesen. Auch die Magd, die ihm

aufgewartet und das Bett bereitet hatte, sagte aus, daß er sich um zehn

Uhr schlafen gelegt habe.

Diesen Zeugen wurde nicht geglaubt, ja sie wurden bald darauf als

verdächtig in Haft genommen. Von den Leuten auf La Morne schwatzte der

eine dies, der andere das. Um nur irgend etwas zu sagen und nicht als

Dummköpfe oder Mitschuldige dazustehen, verwickelten sie sich in Reden

von bedeutungsvoller Dunkelheit, und so äußerte ein Diener, daß die

graue Stute des Herrn, wenn sie zu sprechen vermöchte, von sauren Ritten

in jener Nacht erzählen könnte. Die Mägde faselten oder vergossen

Tränen, Charlotte Arlabosse entfloh sogar, wurde in den Weingärten

ergriffen und ins Stadtgefängnis gebracht.

Bousquier und seinen Gefährten blieben diese Ereignisse keineswegs

verborgen, ja es wurden ihnen geringfügige Umstände mit wichtiger

Betonung mitgeteilt, um sie sicher zu machen und ihrem Gedächtnis

nachzuhelfen. Hauptsächlich auf den Schmuggler Bach hatte es nun der

Untersuchungsrichter abgesehen, den man zuerst wie auch das Ehepaar

Bancal zu keiner Angabe hatte bewegen können. Er hatte Richter und

Wärter mit heftigen Wutausbrüchen erschreckt und war zur Strafe und

Bändigung in Ketten gelegt worden. Ohne es eigentlich zu wissen, litt

dieser Mensch an ungeheurer Sehnsucht nach seiner Freiheit, denn er war

das Muster eines schweifenden Vagabunden und Strolches. In einer Nacht,

als er versucht hatte, sich durch Zusammenpressen der Kehle zu töten,

machte ihn Monsieur Jausion mit den Geständnissen seines Kameraden

Bousquier bekannt und ermahnte ihn, auch seinerseits der fruchtlosen

Verstocktheit zu entsagen. Da verwandelte sich plötzlich das Benehmen

des Menschen; er schien heiter, wurde mitteilsam und sagte boshaft

grinsend: »Nun gut, wenn Bousquier viel weiß, so weiß ich noch mehr.«

Und in der Tat, er wußte mehr. Er war ein Stotterer und nutzte dieses

Übel aus, um Zeit zur Überlegung zu gewinnen, wenn die Einbildungskraft

erlahmen wollte, und so oft er sich ins Gebiet des Märchenhaften

verirrte, führte ihn der scharfsinnige Monsieur Jausion sanft auf die

Straße der Wirklichkeit zurück.

Er erzählte also: Als er mit Bousquier ins Zimmer trat, saß der Advokat

Fualdes auf einem Stuhl beim Tisch und mußte Wechsel unterschreiben.

Der große starke Mann, Bastide Grammont nämlich, -- kein Zweifel, es war

Grammont; Bach vertraute darin den Mitteilungen des Richters und der

beredsamen Fama -- steckte die unterschriebenen Papiere in seine

Brieftasche. Währenddessen kochte Frau Bancal einen Imbiß, Hühner mit

Gemüse und Kalbfleisch mit Reis; eine wichtige Schattierung, durch

welche die Kaltblütigkeit der Mörder bezeichnet wurde. Kurz vor acht Uhr

kamen zwei Tamboure herein, aber das Gesicht des Wirts oder des fremden

Herrn mißfiel ihnen, sie glaubten zu stören und gingen wieder, worauf

das Haustor versperrt wurde. Doch wurde dann noch mehrmals gepocht; das

verabredete Zeichen waren drei kurze Schläge mit der Faust und nach und

nach kamen der Soldat Colard mit seiner Geliebten, der bucklige

Missonier, eine vornehme verschleierte Dame mit grünen Federn auf dem

Hut und ein Tabakshändler im blauen Rock. Der Hut mit grünen Federn war

ein besonderer Beweis von Bachs Erfindungsgabe und stach malerisch

glaubhaft ab von dem blauröckigen Tabaksmann.

Um halb neun Uhr brachte Frau Bancal ihre Tochter Magdalene in die

Dachkammer zum Schlafen, und nun erklärte Bastide Grammont dem alten

Mann, daß er sterben müsse. Das beschwörende Flehen des Opfers hatte

keinen andern Erfolg, als daß ihn der starke Bastide ergriff und trotz

seines heftigen Sträubens auf den Tisch legte, von welchem Bancal rasch

zwei Brote wegnahm, die irgend jemand mitgebracht hatte. Fualdes schrie

jämmerlich, man möge ihm einen Augenblick Zeit lassen, damit er sich

mit dem Himmel versöhnen könne, doch Bastide Grammont entgegnete barsch:

»Versöhne dich mit dem Teufel!«

Hier unterbrach Monsieur Jausion die Erzählung und fragte mit

treuherziger Neugier, ob nicht vielleicht in diesem Moment eine

Drehorgel vor dem Haus zu spielen angefangen hätte. Bach bestätigte es

eifrig und fuhr in seinem Bericht fort, der nun ihm selber Spannung und

Grauen verursachte: Colard und Bancal hielten dem Alten die Beine,

während der Tabakshändler und Colards Geliebte Arme und Kopf packten.

Ein Herr mit einem Stelzfuß und einem dreispitzähnlichen Hut hielt die

Kerze hoch. Das Auftauchen dieser neuen Figur hatte etwas Unheimliches

und wenn sie nichts darstellen sollte als einen die Schauer der

Mordnacht vervollständigenden Schnörkel, so erfüllte sie ihren Zweck

trefflich. Der kerzenhaltende Stelzfuß glich einem verruchten Schatten

aus der Unterwelt, und es war nicht vonnöten, das schmale Kinn, das

feixende Maul, das geisterhafte Auge besonders zu schildern.

Mit einem breiten Messer versetzte Bastide Grammont dem Alten einen

Stich; durch eine übermenschliche Anstrengung gelang es Fualdes, sich

loszureißen, er sprang auf, rannte, schon zu Tod verwundet, mit heiserem

Gurgeln durch das Zimmer; Bastide Grammont ihm nach, umklammerte ihn,

warf ihn abermals auf den Tisch, der Tisch wankte, ein Bein brach; nun

trug man den Sterbenden auf zwei rasch zusammengerückte Bänke und

Bastide Grammont stieß das Messer tief in seinen Hals. Mit dem letzten

Seufzer des Greises kamen Bancal und seine Frau und fingen das

herunterfließende Blut in einem irdenen Tiegel auf; was über die Dielen

rann, scheuerten die Weiber ab. In den Taschen des Ermordeten fand sich

ein Fünffrankenstück und mehrere Soustücke. Bastide Grammont warf das

Geld in die Schürze der Bancal und sagte: »Nehmt! wir töten ihn nicht um

dieses Geldes willen.« Es wurde auch ein Schlüssel gefunden, den steckte

Bastide zu sich. Frau Bancal hatte Lust zu dem feinen Hemde des Toten

und bemerkte lüstern, es sähe wie ein Chorhemde aus, doch lenkte man sie

von ihrer Begierde ab, indem man ihr einen Amethystring von Fualdes

Finger schenkte. Dieser Ring wurde am andern Tag von einem unbekannten

Herrn gegen eine Entschädigung von zehn Franken wiedergeholt.

Als Bachs Erzählung mit ihrer ganzen Umständlichkeit und ihrer

heuchlerischen Fülle seltsamer und einleuchtender Einzelheiten bekannt

wurde, fehlte nicht viel und man hätte den phantasievollen Schurken wie

einen Erlöser gefeiert. Die Entrüstung nährte den Glauben und Kritik

erschien als Verrat. Das Publikum, die Zeugen, die Richter, die

Behörden, alle glaubten an die Tat und alle begannen mitzudichten. Bach

und Bousquier, die einander gegenübergestellt wurden, stritten sich und

einer schimpfte den andern Lügner; der eine wollte vor, der andere nach

dem Mord ins Bancalsche Haus gekommen sein, der eine behauptete,

zugegriffen zu haben, der andere wollte bloß die in ein Betttuch und mit

Stricken umschnürte Leiche aufgeladen haben. Der blödsinnige Missonier

bezeichnete noch eine Reihe anderer Personen, die er im Bancalschen

Hause gesehen hatte, zwei Notare aus Alby und einen Koch. In der Kneipe

der Rose Feral, wo allerlei schlechte Individuen verkehrten und alte

Kriegstaten und Diebstähle zur Sprache kamen, wurde am Mordabend die

Plünderung eines Hauses besprochen, das einem Liberalen gehörte. Dieses

Gerücht war darauf berechnet, den Schrecken der ruhigen Bürger zu

vergrößern, und daß sich nachher alle Verschwörer, auch wohlhabende

Leute, in Bancals Wohnung einfanden, mochte weiter nicht auffallen.

Alles stimmte in dem verworrenen und höllischen Gewebe; in den Kleidern

des toten Fualdes war kein Geld, an seinen Fingern kein Ring gefunden

worden; Grammont hatte noch am siebzehnten März den Gerichtsvollzieher

im Hause gehabt und dieser Umstand, rechtzeitig emporgetrieben aus dem

Lügensumpf, gab Sicherheit. Bastide war unrettbar verstrickt. Die

Gefangenen untereinander gerieten in Bedrängnis durch die fühlbare

Unruhe des Volkes; jeder erschien dem andern als schuldig, jeder gab,

was man nur wissen wollte, vom andern zu, um sich selber zu entlasten;

sie kannten ihr Schicksal nicht, sie verloren den Sinn für die Bedeutung

der Worte, sie spürten nicht mehr sich selbst, ihren Leib, ihre Seele,

sie fanden sich umspannt von einer unsichtbaren Klammer und jeder suchte

sich auf eigene Rechnung zu lösen, ohne zu wissen, was er denn

eigentlich getan oder unterlassen habe. Täglich fanden neue Verhaftungen

statt, kein durchreisender Fremdling war seiner Freiheit sicher und

nach einigen Wochen war halb Frankreich von dem Rausch der Wut, des

Racheverlangens und der Furcht ergriffen. Aus den Gestalten des

lächerlich-grauenvollen Mordgetümmels tauchte bald diese, bald jene

deutlicher und wesenhafter empor, und am wichtigsten erschien

schließlich, weil immer von neuem genannt, die verschleierte Dame mit

den grünen Federn auf dem Hut; ja sie wurde allmählich zum Mittelpunkt

und zur treibenden Gewalt der blutigen Handlung, vielleicht nur, weil

ihre Herkunft und Existenz ein Geheimnis blieb. Von vielen Stimmen wurde

Charlotte Arlabosse verdächtigt, aber sie konnte ihre Unschuld durch

kaum angreifbare Zeugnisse erhärten, auch erschien sie als zu harmlos

und zu sehr als das Opfer von Bastides tyrannischer Grausamkeit, um dem

dämonischen Bilde der mysteriösen Unbekannten zu entsprechen.

Während Bach und Bousquier in einem Wetteifer, durch den sie ihr eigenes

Verderben beflügelten, mit immer neuen Erfindungen die Behörde zur Milde

bestachen und durch Bezichtigungen, zu welchen sie das unterirdisch

ihnen zusickernde Gerede ermunterte, den trüben Quellen frische Nahrung

zuführten; während der Soldat Colard und das Ehepaar Bancal infolge der

harten Gefangenschaft, der unnachsichtigen Behandlung der Wärter und der

folternden Verhöre in Delirien des Wahnsinns gestürzt wurden, so daß sie

Dinge berichteten, welche selbst der an ein Übermaß schon gewöhnte

Monsieur Jausion als Traumgeburten bezeichnen mußte; während die übrigen

Häftlinge, haltlos zwischen eigenen Erlebnissen und krankhaften

Visionen steuernd, immer einer den andern verdächtigte und heute

widerriefen, was sie gestern beschworen, bald um Gnade winselten, bald

sich trotzig verschlossen; während die Bewohner der Stadt, der Dörfer,

der ganzen Provinz mit einem Fanatismus, dessen Feuer von dunklen Hütern

bewacht und gespeist wurde, die Beendigung des langwierigen Verfahrens

und die Bestrafung der Missetäter forderten; während endlich das Gericht

in der unbeherrschbar anwachsenden Flut der Beschuldigungen und

Verleumdungen Weg und Richtung verlor und im Begriffe war, ein Werkzeug

in den Händen des Pöbels zu werden; -- währenddessen war es den uferlosen

Kräften gelungen, das Gemüt eines Kindes zu vergiften, welches als Zeuge

auftrat gegen Vater und Mutter und das betörte Volk glauben machte, Gott

selbst habe durch ein Wunder die Zunge einer Unmündigen gelöst.

Schon am Anfang war die elfjährige Magdalena Bancal vom

Untersuchungsrichter befragt worden; sie hatte nichts gewußt. Darnach

kam das Kind ins Hospiz, und auf einmal meldeten sich Personen, die von

andern und diese, die wieder von dritten und vierten Personen gehört

hatten, das Mädchen habe gesehen, wie man den alten Mann auf den Tisch

gelegt und wie man ihrer Mutter Geld gegeben habe. Freilich ermittelte

der Gerichtsrat Pinaud, der einzige Mann, der in dem wüsten Wirrsal

Klarheit und Urteil behielt, daß Magdalena von dem Ökonomen des

Hospizes, sowie von andern Leuten Geschenke erhielt; aber da war es

schon zu spät, um die Wurzel der Lüge zu entdecken und zu töten. Immer

fester wurde dem Kind seine erste Aussage eingeredet und die Erzählung

erweiterte sich, je mehr man ihm Aufmerksamkeit schenkte und seiner

Eitelkeit schmeichelte, so daß es in Wahrheit alles erlebt zu haben

glaubte und sich in der Teilnahme und dem Bedauern der Erwachsenen wohl

fühlte. Ihre Mutter hatte sie auf den Dachboden geführt, so berichtete

Magdalena, aber dann war sie aus Furcht vor Kälte heimlich wieder

heruntergeschlichen und hatte sich im Bett des Alkovens versteckt. Durch

ein Loch im Vorhang konnte sie alles gewahren und belauschen. Als der

Alte erstochen werden sollte, lief die Dame mit den grünen Federn

entsetzt in die Kammer und suchte durchs Fenster zu fliehen. Bastide

Grammont zog sie hervor und wollte sie umbringen. Bancal und Colard

baten um Schonung für sie und sie mußte einen furchtbaren Eid schwören,

der sie zum Schweigen verband. Ein wenig später sah Grammont, dessen

Argwohn nicht stille wurde, auch im Bett nach. Magdalena stellte sich

schlafend. Er betastete sie zweimal und sagte dann zur Mutter, sie möge

sehen, sich des Kindes zu entledigen, was Frau Bancal um vierhundert

Franken zu tun versprach. Am andern Morgen wurde das Kind von der Mutter

aufs Feld geschickt, wo der Vater gerade ein tiefes Loch gegraben hatte.

Sie glaubte, der Vater werde sie hineinwerfen, aber er umarmte sie

weinend und ermahnte sie zur Frömmigkeit.

Wäre man auch jedes andere Zeugnis zu bezweifeln bereit gewesen, der

Bericht des Kindes galt als unwiderleglich, und niemand fragte darnach,

wie er zustande gekommen, wie man das unwissende Geschöpf umworben,

bestochen und durch Beifall und Zärtlichkeit oder gar durch Furcht

trunken gemacht hatte. Man zog aus seinen Schreckträumen Nutzen, indem

man es nachts aus dem Schlaf zerrte; jeder neue Einfall war willkommen,

das Mädchen glaubte etwas Vortreffliches zu leisten und gab sich immer

bereitwilliger an seine Rolle. Solcherart formte sie Dinge aus dem

Nichts heraus, die geeignet waren, auf das Fieberbild der Mordnacht ein

wunderliches Wirklichkeitslicht zu werfen, zum Beispiel, wie die Mutter

am Morgen mit demselben Messer Brot geschnitten hatte, mit dem der alte

Herr erstochen worden war, und wie Magdalena das Brot zurückgewiesen

hatte, weil ihr davor geschaudert; oder wie das im Tiegel aufgefangene

Blut einem der Schweine zu trinken gegeben und wie das Tier darnach wild

geworden und schreiend durch den Hof gerast sei.

Die Schwestern: Drei Novellen · 第 6 / 10 段