beglückt zu, wie ungestüm sich das Kind in ihrem Innern bewegte, als
könne es die Zeit nicht erwarten, um ans Licht zu gelangen. »Hab' nur
Geduld, Traumseelchen,« flüsterte Sara, »bald werden wir auf die Reise
gehen, und du wirst ein herrliches Bett bekommen bei deinem Vater, das
ist der schönste Mann.« Sie schlief ein und schlief ruhig bis in den
Tag, der so finster und stürmisch war, daß er sich hier in der Zelle nur
um weniges von der Nacht unterschied. Am Nachmittag kamen einige Leute
in ihre Zelle, der Lord Oberrichter und ein schottischer Edelmann, ein
Vetter des Ermordeten. Er hatte in seinen Zügen einige Ähnlichkeit mit
Francis Rhymer, aber besonders erregte er Saras Aufmerksamkeit durch
einen Blick des Erbarmens, der anders als des Pfaffen Blick bis in die
Nieren drang. Sara breitete die Arme aus, und ein schneller Krampf
zuckte über ihr Gesicht. »Nur einmal laßt mich noch den Mund an meinen
goldenen Becher drücken!« rief sie über und über schaudernd aus; aber
niemand verstand sie, man glaubte, sie fasle oder rede irr.
Um sechs Uhr kam der Ausrufer nach Newgate, der im Hof die Namen
derjenigen verlas, die am nächsten Morgen sterben sollten. Ein gewisser
Chambers, der sich in der gegenüberliegenden Zelle befand, ein höchst
grausamer Mörder, bat Sara, sie möge doch um Gottes willen acht geben,
ob sein Name vorkomme. Sara stellte sich ans Fenster und hörte zu;
gleich nach ihrem eigenen kam der Name Chambers. Sie beschloß, es dem
Unglücklichen zu verheimlichen, damit er eine ruhige Nacht habe, aber
er erfuhr es doch. Der Wärter kam auf seiner letzten Runde. Ohne Mühe
erreichte es Sara, daß er sie hinübergehen ließ zu dem weinenden Mörder.
Sie fragte ihn, ob sie mit ihm beten solle. »Ja, Sara!« rief er, »von
ganzem Herzen.« Sie begann inbrünstig mit ihm zu beten, und tief in die
Nacht hinein lagen sie auf den Knieen, bis alles Licht ausgebrannt war.
Ohne daß sie es gewahr wurden, kamen die andern Todgeweihten, denen der
Wärter die Türen geöffnet hatte, und beteten mit. Wie auf eine Heilige
blickten sie auf Sara, und je näher die bittere Stunde kam, je mehr
fühlten sie ihre Seelen entlastet. Die Wärter vergaßen des Schlafes in
dieser Nacht und dachten, nun seien auch einmal des Himmels Heerscharen
eingezogen in die Hölle von Newgate.
Der Morgen graute und die Hellebardiere erschienen, um die Verurteilten
nach Fleetstreet an den Galgen zu führen. Fünf Männer waren es: ein
Mörder, zwei Brandstifter, ein Hochverräter und ein meuterischer
Matrose. Sie zogen singend über den Hof des Gefängnisses und nahmen Sara
in ihre Mitte. Damit sie durch den Regen nicht litte, zog Chambers seine
Jacke aus und legte sie ihr um die Schultern. Die beiden Brandstifter
gingen ihr zur Seite und beteuerten, daß sie den Tod nicht fürchteten.
So kamen sie vor dem Blutgerüste an. Sara durfte zuerst hinansteigen.
Selbst der rohe Pöbel, der sich auf dem Schauplatz versammelt hatte,
starrte in schweigender Ergriffenheit empor und keiner vergaß den
jubelnd-totbereiten Ausdruck ihres Antlitzes. Als der Strick um ihren
schlanken Hals gelegt wurde, glaubten viele zu sehen, daß sie einen Kuß
in die Luft hauchte. Auch die Sonne befreite sich für einen Augenblick
aus Wolkendunst und schaute zu.
Nicht im Wirklichen und Greifbaren spielt sich das entscheidende Leben
der Menschen ab. Das Tiefste, woran der Sterbliche seine Seele bindet,
ist Rauch, ist Traum. So werden Glück und Unglück zu bloßen Namen.
Clarissa Mirabel
In der kleinen Stadt Rhodez, die im Westen der Sevennen liegt und vom
Flusse Aveyron bespült wird, wohnte der Advokat Fualdes, ein
unbedeutender Mann, weder gut noch böse. Trotz seinem vorgerückten Alter
hatte er sich erst unlängst von den Geschäften zurückgezogen, und seine
Vermögensumstände waren so zerrüttet, daß er im Anfang des Jahres
achtzehnhundertsiebzehn seine Domäne La Morne veräußern mußte. Mit dem
Erlös wollte er sich an einem stillen Fleck des Landes zur Ruhe setzen
und von seiner Rente leben. Eines Abends, es war der neunzehnte März,
erhielt er vom Käufer des Gutes, dem Präsidenten Seguret, den Rest der
Kaufgelder in Papieren und Wechseln ausbezahlt und nachdem er die
Dokumente in seinem Schreibtisch verschlossen hatte, verließ er das Haus
und sagte der Wirtschafterin, er müsse noch einmal nach La Morne
hinüber, um mit dem Pächter einige notwendige Abmachungen zu treffen.
Er kam weder nach La Morne, noch kehrte er in seine Wohnung zurück. Am
andern Morgen sah die Frau eines Schneiders aus dem Dorfe Aveyron seine
Leiche in einer untiefen Stelle des Flusses liegen, rannte nach Rhodez
und holte Leute herbei.
Die felsige Böschung der Ufer war an jener Stelle senkrecht steil und
über zwölf Meter hoch. Von dem schmalen Fußpfad, der aus Rhodez gegen
die Weinberge führte, war ein großes Stück losgebröckelt; kein Zweifel,
daß der unglückliche Mann dadurch in die Tiefe gestürzt war. Es hatte am
Tage zuvor heftig geregnet, und das Erdreich oben war, nach dem Zeugnis
einiger Winzer, schon längst locker gewesen. Auffallend erschien eine
tief einschneidende Rißwunde am Hals des Toten; da aber aus dem Gestein
des Abhangs überall scharfe schiefrige Platten hervorragten, erklärte
sich eine solche Verletzung von selbst. Bei der Untersuchung der steilen
Wand wurden keine Blutspuren an Stein und Erde gefunden; der Regen hatte
alles abgewaschen.
Die Kunde des Ereignisses verbreitete sich rasch, und den ganzen Tag
über standen fortwährend zwei bis dreihundert Rhodezer, Männer, Weiber
und Kinder, an beiden Ufern und starrten mit einem Ausdruck der
Lüsternheit und des selbstgeschaffenen Gruselns in die Tiefe der
Schlucht. Es wurde erwogen, ob nicht etwa ein Irrlicht den alten Mann
verführt habe. Eine Frau wollte mit einem Hirten gesprochen und dieser
Hirt wollte einen Hilferuf vernommen haben; allerdings war das schon
gegen Mitternacht gewesen und Fualdes hatte um acht Uhr das Haus
verlassen. Ein dicker Töpfer bestritt, daß die Finsternis so dicht
gewesen sei wie alle glaubten; er selbst sei um neun Uhr von La Valette
her über die Felder gegangen und da habe der Mond geschienen. Ihn wies
der Zollaufseher unwillig zurecht und bedeutete ihm, daß gerade gestern
Neumond gewesen sei, man brauche ja nur den Kalender aufzuschlagen.
Jener zuckte die Achseln, als wolle er sagen, in solchen Zeitläuften sei
sogar dem Kalender nicht zu trauen.
Um die Dämmerungsstunde wanderten die Leute heimwärts, paarweise und in
Gruppen, bald plaudernd, bald schweigend, bald streitend, bald
geheimnistuerisch flüsternd. So wie argwöhnisch gemachte Hunde immer um
dieselbe Stelle im Kreis herumrennen, schnappte ihre hungrige Begier
nach neuer Erregung. Sie spähten mit aufmerksameren Augen vor sich hin,
sie vernahmen mit wacheren Ohren jedes gesprochene Wort. Manche blickten
einander mißtrauisch von der Seite an; wer Geld liegen hatte, versperrte
seine Tür und überzählte es. Abends in den Weinkneipen wurde von den
ungeheuern Reichtümern erzählt, die der geizige Fualdes im Lauf der
Jahre aufgestapelt; das Gut La Morne habe er nur deswegen verkauft, weil
er Scheu getragen, den Pächter Grammont, der sein Neffe war, mit den
Rechtsmitteln zur Bezahlung der seit zwei Jahren fälligen Pachtsumme zu
zwingen.
Das geredete Wort blieb lauernd auf der Lippe stehen und riß ein noch
halbgedachtes mit. Unter den Bürgern galt es als eine ausgemachte Sache,
daß Fualdes, der liberale Protestant, der ehemalige Beamte des
Kaiserreichs, mit Drohungen gegen sein Leben verfolgt worden sei. Die
verdüsterten Gedanken spannen emsig an dem Gespinst der Furcht. Die noch
an einen Unfall glaubten, verschwiegen ihre Gründe, sie mußten sich
hüten, daß nicht Verdacht auf sie falle. Schon wurde eine Reihe von
Verbündeten bezeichnet, der feindlichen, drohenden, übermütig gewordenen
Partei der Legitimisten entstammend. Der dunkle Haß deutete auf die
Jesuiten und ihre Missionen als Urheber der ungewissen Tat. Wie oft
hatte die Gerechtigkeit gezaudert, wenn die Macht der Mächtigen den
Verbrecher beschirmte!
Die Frühlingssonne des nächsten Tages leuchtete in gespannte,
aufgewühlte, suchende, zu langsamer Wildheit sich entflammende
Gesichter. Die Royalisten fingen an, um Hab und Gut besorgt zu werden;
um sich zu schützen, auch angesteckt vom allgemeinen Schauder, den das
Unbekannte ausströmte, gaben sie zu, daß ein Frevel geschehen sei. Aber
wie? und wo? und durch wen?
Ein Schuster hat gewöhnlich ein besseres Gedächtnis und einen
geschäftigeren Geist als andere Leute. Der Schuster Escarboeuf pflegte
bisweilen in der Vesperstunde seine Nachbarn und Getreuen um sich zu
versammeln. Er erinnerte sich genau dessen, was der Doktor beim
Leichenbefund gesagt hatte; er war daneben gestanden und hatte es Silbe
für Silbe gehört. »Das sieht ja beinahe aus, als ob der Mann
geschlachtet worden wäre«; dies waren die verwunderten Worte des Doktors
gewesen, während er die Verletzung am Hals untersucht hatte.
»Geschlachtet? was sprichst du da, Mann?« fiel einer ein. »Ja,
geschlachtet!« rief der Schuster triumphierend. -- »Aber es soll doch
Sand an der Wunde geklebt haben«, bemerkte ein junger Mensch schüchtern.
-- »Ach was, Sand, Sand!« eiferte der Schuster, »was beweist denn Sand!«
-- »Nein, Sand beweist gar nichts«, gaben alle zu. Und schon am Mittag
hieß es in allen Häusern des Viertels: Fualdes ist geschlachtet worden,
sie haben ihn abgeschlachtet. Das Wort gab den entzündeten Gehirnen ein
Bild, den raunenden Zungen einen Hinweis.
Nun hatte ein unheimlicher Zufall es gefügt, daß der Nachtwächter an dem
verhängnisvollen Abend vor dem Bancalschen Haus, das durch die finstre
Quergasse de l'Ambrague vom Haus des Advokaten Fualdes getrennt lag,
einen Stock mit Elfenbeingriff und vergoldetem Ring gefunden und in der
Wachtstube abgegeben hatte. Fualdes' Wirtschafterin, ein altes taubes
Weib, bezeichnete den Stock mit Sicherheit als Eigentum ihres Herrn;
ihre Behauptung schien unwidersprechlich. Viel später stellte es sich
heraus, daß der Stock einem durchreisenden Kaufmann gehörte, der mit
einigen Dirnen die Nacht verlumpt hatte; aber jetzt richtete sich die
Aufmerksamkeit auf einmal und mit vorbereiteter Glut auf das
übelberufene Bancalsche Haus, ein verfallenes, dumpfes Gebäude mit
feuchten schmutzigen Winkeln. Früher hatte es ein Schlächter besessen,
und auf dem Hof wurden noch Schweine gehalten. Es war ein
Gelegenheitshaus und wurde allnächtlich von Soldaten, Schmugglern und
verdächtigen Mädchen besucht; auch dichtverschleierte Damen und vornehme
Herren huschten bisweilen dort ein und aus. Im Erdgeschoß wohnten außer
dem Ehepaar Bancal der ehemalige Soldat Colard mit seiner Geliebten, die
Dirne Bedos und der bucklige Missonier, oben hauste ein alter Spanier
namens Saavedra mit seiner Frau, ein politischer Flüchtling, der in
Frankreich Schutz gesucht.
* * * * *
Am Nachmittag des einundzwanzigsten März stand der Soldat Colard am Eck
der Rue de l'Ambrague und blies auf der Flöte eine eintönige Melodie,
die er von den Schafhirten der Pyrenäen gelernt hatte. Da kam der Krämer
Galtier des Weges, blieb stehen, stellte sich als ob er zuhöre,
unterbrach aber schließlich den Musikanten und sagte streng: »Was
treibst du dich herum und gibst dich unwissend, Colard? Weißt du denn
nicht, daß in euerm Haus der Mord geschehen sein soll?«
Colard schob den struppigen Schnurrbart von den Lippen und erwiderte, er
und Missonier seien an dem Abend in der Weinwirtschaft bei Rose Feral
gewesen, neben dem Bancalschen Haus. »Hätt' ich Lärm gehört,« sagte er
prahlerisch, »so wär ich gekommen und hätte gerettet, denn ich habe zwei
Gewehre, Herr.«
»Wer war denn sonst noch bei Rose Feral?« forschte der Krämer. Colard
dachte nach und nannte Bach und Bousquier, zwei berüchtigte Schmuggler.
»Die Strolche, sie mögen sich hüten,« sagte der Krämer, »und du, Colard,
komm' mit, der arme Fualdes wird begraben, da ist es nicht in der
Ordnung, Flöte zu blasen.«
Kaum waren sie auf die Hauptstraße gelangt, wo sich eine zahlreiche
Menschenmenge angesammelt hatte, so gesellte sich plötzlich Bousquier zu
ihnen, der ein seltsames Betragen zeigte, bald lachte, bald den Kopf
schüttelte, bald blöde vor sich hinglotzte. Colard sah ihn scheu von der
Seite an, und der Krämer, der an nichts andres dachte als an den Mord
und in alledem die Kapriolen des bösen Gewissens zu sehen vermeinte,
beobachtete den Mann scharf. Auch die Umstehenden wurden aufmerksam und
jedem leuchtete es sogleich ein, daß, wenn irgendwer von dem in Bancals
Haus geschehenen Verbrechen wissen könne, dies Bousquier sei. Der
aufgeregte Galtier fragte ihn geradezu und mit lauter Stimme. Bousquier
war angetrunken, der ungewohnte Menschentumult berauschte ihn noch mehr,
er schien verlegen, empfand sich aber zugleich als wichtige Person. Erst
tat er so, als wollte er nur ungern herausrücken, dann erzählte er mit
feierlicher Umständlichkeit, daß er in der Mordnacht von einem
Tabakshändler in blauem Rock gerufen worden sei; dreimal habe der
Unbekannte nach ihm geschickt, dann sei er gekommen, habe einen schweren
Ballen tragen müssen und sei mit einem Goldstück bezahlt worden.
Schon während des Redens rann der Schrecken über das Gesicht des
schwatzhaften Menschen; er wurde sich der Bedeutung seiner Worte langsam
bewußt. Die Zuhörer hatten einen dichten Kreis um ihn gebildet, und eine
schmetterndschrille Stimme erschallte aus dem Haufen: »Sicherlich hat
die Leiche in dem Ballen gesteckt!«
Bousquier schaute beklommen drein. Er mußte immer wieder von neuem
anfangen, und die gespannt auf ihn gehefteten Blicke zwangen ihn zur
Erfindung neuer kleiner Einzelheiten, wie daß der Tabakshändler
plötzlich auf unerklärliche Weise verschwunden sei und daß er eine
schwarze Maske vor dem Gesicht gehabt habe. »Wohin hast du denn die
Leiche tragen müssen?« fragte Galtier mit aufeinandergepreßten Zähnen.
Bousquier schwieg entsetzt, dann, durch die vielen drohenden Augen
eingeschüchtert, erwiderte er leise: »Gegen den Fluß hinaus.«
Zwei Stunden später war er verhaftet und hinter Schloß und Riegel
gesetzt. Noch am selben Abend wurde er vor den Untersuchungsrichter,
Monsieur Jausion, geführt, und wie nun der Unselige gewahrte, daß es
Ernst wurde, daß sein Geschwätz zum Zeugnis werden sollte, daß jedes
seiner Worte aufgeschrieben ward und daß er dafür einstehen müsse mit
der Freiheit, ja vielleicht mit dem Leben, da packte ihn die Angst. Er
leugnete die Geschichte mit dem Tabakshändler und dem schweren Ballen,
und als der Richter zornig wurde, verstummte er ganz. In die Kerkerzelle
zurückgebracht, verfiel er in dumpfes Brüten. »Nur frisch darauf los,
Bousquier,« redete ihm der Wächter zu, »man darf die Herren nicht
langweilen; wenn du störrisch bist, wirst du böse Nächte zu überstehen
haben.«
Bousquier schüttelte den Kopf. Der Wärter holte einen dicken Folianten
herbei, und da er selbst des Lesens unkundig war, rief er einen andern
Gefangenen, und dieser mußte die Gesetzesstelle vorlesen, wonach
derjenige, der einem Verbrechen gezwungenermaßen beigewohnt und es
freiwillig bekenne, mit einem Jahr Gefängnis davonkomme. Der Wärter
hielt die Laterne neben das ledergelbe Gesicht des Vorlesers und nickte
Bousquier ermunternd zu. Bousquier leierte ein Vaterunser vor sich hin.
In großer Unruhe und nach einem Ausweg aus der Bedrängnis irrend, sagte
er endlich, es sei alles so gewesen, wie er zuerst erzählt, aber der
Tabakshändler habe ihm nicht ein Goldstück gegeben, sondern nur ein paar
Silbermünzen. Er wiederholte das Geständnis vor dem Richter, der
ungeachtet der späten Stunde gerufen wurde.
Am nächsten Morgen wußte ganz Rhodez, Bousquier habe gestanden, daß
Fualdes im Bancalschen Haus abgeschlachtet und daß die Leiche in der
Nacht zum Fluß getragen worden sei. Auf einmal öffneten sich Lippen,
denen bisher die Furcht ein Siegel auferlegt hatte. Jemand, dessen Name
nicht zu erfahren war, wollte vor dem Haus des Kaufmanns Constans
schleichende Schatten gesehen haben; auch hatte er beobachtet, daß sie
wenige Schritte weiter Halt gemacht und zur Beratung zusammengetreten
waren, worauf er selbst, das Gräßliche ahnend, entfloh. Es wurde
vergeblich nach diesem Zeugen geforscht, dessen Stimme hinter andern
Stimmen so schnell verklang und der doch, wie mit unsichtbarer Hand, die
erste Skizze zu dem Bild des nächtlichen Todeszugs entworfen hatte. Jede
Phantasie malte im stillen daran weiter; man sah die Leiche selbst auf
der Tragbahre; die Bahre ward mit einer Deutlichkeit beschrieben, als
stellte sie das Merkmal der geheimnisvollen Tat vor; ein Tischler
zeichnete sie sogar mit großen Kreidestrichen auf die Mauer des
Rathauses. Eine an Schlaflosigkeit leidende Dame gab an, sie sei in
jener Nacht am Fenster gesessen und habe trotz der Dunkelheit Bancal
sowie den Soldaten Colard erkannt, welche die Bahre an den zwei
vorderen Stangen trugen. Ferner habe sie den Arbeitsmann Missonier, der
den Zug beschloß, fluchen gehört. Vor dem Richter vernommen, geriet sie
in ein widerspruchsvolles Wesen, was mit ihrer begreiflichen Erregung
entschuldigt wurde. Die Worte waren einmal da; welches Gewicht sie
tragen mußten, lag in der Gewalt und Sonderbarkeit der Umstände; das
Leichtgesprochene wog im Ohr des zufälligen Hörers schon schwer wie
eigene Schuld, so daß er sich der Last zu entledigen trachtete und es
weitergab, als brenne es ihm die Zunge wund, falls er im geringsten
zögerte. Vielleicht war es diese Schlaflose, vielleicht der namenlose
Mund der Fama selbst, welche das Gemälde der Mordkarawane um die Gestalt
eines großen, breitschultrigen Mannes bereicherte, der mit einer
Doppelflinte versehen war und dem Zug als Anführer vorausschritt. Nun
hatte das graue Gewebe einen Mittelpunkt und erhielt eine Art
Beleuchtung und Belebung durch die wahrscheinliche und ergründbare
Ruchlosigkeit eines einzelnen. Noch zwölf Stunden, und jedes Kind wußte
um die genaue Anordnung des nächtlichen Zuges: erst der große starke
Mann mit der Doppelflinte, dann Bancal und Colard und Bach und
Bousquier, die Bahre tragend, dann der bucklige Missonier als Aufpasser
und Nachhut. Bei den letzten Häusern der Stadt wurde der Weg zum Flusse
schmal und abschüssig; es war nicht Raum genug für zwei Leute
nebeneinander, Bousquier und Colard mußten den Leichnam allein tragen,
und Bousquier war es, nicht Missonier, der bei diesem Anlaß fluchte, so
laut fluchte, daß der Lizentiat Coulon davon aus dem Schlaf erwachte
und nach seinem Diener rief. An der steilen Stelle vor den Weinbergen
wurde der Körper des Toten losgewickelt, ins Wasser geworfen und als
dies geschehen war, legte der große starke Mann den Teilnehmern mit
vorgehaltenem Gewehr ewiges Stillschweigen auf.
Durch diese Handlung trat der Unbekannte mit der Doppelflinte völlig aus
dem Nebel des Sagenhaften und des bloßen malerischen Dabeiseins; aus
seiner drohenden Gebärde quoll Licht über das Vergangene. Was nach dem
Mord geschehen war, hatte nun Umriß und Bewegung. Aber hatte kein Auge
den armen Fualdes auf seinem letzten Gang begleitet, hatte niemand
gesehen, wie er ahnungslos sein Haus verlassen und, vielleicht munter
vor sich hinpfeifend, durch die finstre Rue de l'Ambrague gegangen war,
in welcher die Mordgehilfen sicherlich auf der Lauer standen? Doch.
Derselbe Lizentiat, den Bousquiers Fluch aus dem Schlummer geschreckt,
hatte den Greis um acht Uhr abends in das Gäßchen einbiegen sehen und
kurz darauf war ihm jemand mit Eile gefolgt, ob ein Mann oder eine Frau,
dessen konnte sich Herr Coulon nicht entsinnen. Ferner meldete sich ein
Schlossergeselle, der vor dem Haus des Bürgermeisters Leute gewahrt
hatte, die einander Zeichen gaben. Das Haus des Bürgermeisters lag zwar
in dem entgegengesetzten Teil der Stadt, das aber kam bei einer so weit
versponnenen Verschwörung wenig in Betracht, hatte man doch das Zeugnis
eines Kutschers, der um elf Uhr in der Rue des Hebdomadiers zwei Leute
unbeweglich stehen sah. Jetzt erinnerten sich viele Bewohner dieser
Straße, daß sie beständig flüstern, räuspern und rufen gehört hatten,
natürlich ohne in ihrer damals arglosen Stimmung sonderlich darauf zu
achten. Es war eine ausgemachte Sache, daß an allen Ecken Wächter
postiert waren, ja man hatte sogar eine weibliche Schildwache im Torweg
des Zunfthauses bemerkt. Der Schneider Brost behauptete, das Flüstern
oder Seufzen deutlicher als alle anderen gehört zu haben; er hatte dann
das Fenster geöffnet und sah fünf oder sechs Leute ins Bancalsche Haus
gehen, darunter auch den großen starken Mann. Geraume Weile später hatte
sein Nachbar beobachtet, wie man einen Menschen über das Pflaster
schleppte; er hatte geglaubt, es sei eine Dirne, die man betrunken
gemacht, und hatte weiter keinen Sinn dahinter gesucht. Viel
bedeutungsvoller als so verworrene Gerüchte schien es, daß noch zwischen
neun und zehn Uhr ein Leiermann auf der Rue des Hebdomadiers seine Orgel
gedreht hatte. Die Absicht war klar: das Todesgeschrei des Opfers sollte
übertönt werden. Es stellte sich bald heraus, daß es zwei Leiermänner
gewesen sein mußten, von denen einer, ein Krüppel, am Prellstein vor der
Rue de l'Ambrague gehockt war. Freilich war an jenem Tage Jahrmarkt in
Rhodez gewesen und die Anwesenheit von Leiermännern hätte deshalb nichts
Rätselhaftes gehabt, wenn die späte Stunde sie nicht dem Argwohn
preisgegeben hätte. Einige nannten sogar die Mitternacht als Zeit ihres
Spiels. Es wurde nach den Musikanten gefahndet und die Dörfer der
Nachbarschaft wurden nach ihnen abgesucht, doch sie waren ebenso
spurlos verschwunden wie der verdächtige Tabakshändler.
An demselben Vormittag, an dem das Bancalsche Haus durchsucht wurde und
ein Polizist im Hof ein weißes Tuch mit dunklen Flecken fand, wurden das
Bancalsche Ehepaar, der Soldat Colard, Bach und der Arbeitsmann
Missonier festgenommen und mit Ketten beschwert ins Gefängnis gebracht.
Stumpf hinstierend saßen die fünf Menschen auf dem Leiterwagen, der sie
durch die Straßen fuhr, und den die Volksmenge schwatzend, fluchend und
fäusteballend umgab. Im Nu hatte sich die Nachricht von dem gefundenen
Tuch verbreitet; daß die Flecken darauf Blutflecken waren, unterstand
keinem Zweifel; daß es dazu gedient hatte, Fualdes zu knebeln, war
selbstverständlich.
Indes hatte Bousquier, in seiner armseligen Lage allen Halt verlierend,
von Verhör zu Verhör gejagt, durch Drohungen geängstigt, durch Hunger
gefoltert, durch Freiheitshoffnungen und trügerische Versprechungen
verführt, täglich mehr und mehr gestanden. Ihn trieb der Wärter, ihn
trieb der Richter, denn dieser handelte unter der Ungeduld und Wut des
Volkes und unter dem Gefabel der Zeitungen wie unter einer Peitsche.
Bousquier schien verstockt; der Vorhalt seiner früheren Erzählungen, die
nun seine Gläubiger waren und ihm immer höhere Wucherzinsen der Lüge
erpreßten, genügte schon, ihn kirre zu machen. Er schien müde, er schien
unfähig, dem, was er wahrgenommen, Worte zu verleihen, was er gehört, zu
beschreiben, -- Monsieur Jausion unterstützte ihn durch Fragen, in denen
die geforderte Antwort enthalten war.
So gab er zu, daß er ins Bancalsche Haus gekommen sei und daß die
Eheleute Bancal, der Tabakshändler, der Soldat Colard, der Schmuggler
Bach, zwei junge Frauenzimmer und eine verschleierte Dame im Zimmer
gewesen seien. Je mehr Personen er nannte, einen je versöhnlicheren
Ausdruck zeigte das Gesicht des Richters, und wie vor den Rachen eines
hungrigen Tieres warf er gleichmütig Brocken um Brocken hin. Er mochte
sich wohl aus andern Nächten der bunten Gesellschaft in Bancals Stube
entsinnen, und so erschien ihm die Person der verschleierten Dame als
eine Zutat, die seinen Kredit steigern konnte. Aber Monsieur Jausion
fand, daß eine wichtige Figur fehle, und er fragte mit Strenge, ob
Bousquier nicht jemand vergessen habe. Bousquier erschrak und überlegte.
»Besinne dich gut, Bousquier,« drängte der Richter, »was du
verschweigst, kann zum Strick für deinen Hals werden. Also sprich: war
nicht auch ein großer starker Mann zugegen?« Bousquier sah ein, daß
diese neue Person dazu gehöre. Schattengestalt auf Schattengestalt,
zuchtlos und abenteuerlich, tauchte in seinem zerrütteten Kopf empor,
und er mußte die Puppen spielen lassen, um seine Peiniger zu
befriedigen. Auf die Frage, wie der große starke Mann ausgesehen und wie
er gekleidet gewesen, antwortete er: »wie ein Herr.«