Sara mußte Wein aus dem Keller holen. Ihre Ohren vernahmen den Befehl,

aber in ihrem Sinn ging anderes vor. Während sie sich mit dem Wachslicht

die Kellertreppe hinuntertastete, sah sie im Dunkel vor sich immerfort

den schönen Becher. Ihr deuchte, daß alles Glück des Lebens mit seinem

Besitz verbunden sein müsse, und wenn sie ihn auch nicht haben, nicht

Eigentum nennen konnte, einmal wollte sie ihn in der Hand halten, ganz

zwischen den Händen, ihn mit den Fingern umfangen wie etwas, das man mit

aller Kraft des Herzens begehrt hat. Während ihr aus dem niedrigen

Gewölbe die kühlfeuchte Luft in Wellen ins Gesicht schlug, nahm das

unerklärliche Verlangen so überhand, daß eine glühende Bangigkeit ihr

die Brust verschnürte. Was war es nur? Nicht das Gold, nicht das

Edelgestein lockte so, nicht die Vorstellung vom hohen Wert des Bechers

und daß etwas anderes, gleich Wertvolles dafür zu erkaufen sei; nein, es

erschien ihr wie ein Talisman, begabt, das dunkle, enge Leben irgendwie

in die Helle und Weite zu zaubern und mit einem Trank, den man aus ihm

trinke, den durstigen Leib zu stärken und zu beseligen. Nie hatte sie

etwas mit gleicher Inbrunst begehrt. Wenn sie mit Mary Tracy und den

beiden Brüdern Alexander nächtlicherweile, gehorsam durch Zwang, auf

Diebstahl ausgezogen war, hatte sie das Erbeutete mit Verachtung und

Leid angesehen und ihren Anteil nicht selten verschenkt.

Zitternd kam sie in die Küche, und von den Flaschen, die sie brachte,

entfiel eine ihrer Hand und zerbrach auf den Steinfliesen. Die Köchin

nahm ein brennendes Scheit vom Herdfeuer und wollte es im Zorn nach Sara

schleudern, die mit blanken Füßen im fließenden roten Wein stand. Sie

deckte die Hände über das Gesicht und lief stumm davon. Die Arbeit ging

nicht mehr von statten, Arme und Beine schienen aus Blei, Lippen und

Zunge brannten. Vom unwiderstehlichen Trieb geplagt, schlich sie die

Stiegen hinauf bis vor das Zimmer, in das der junge Mann eingezogen war.

Das Schlüsselloch war durch den Schlüsselbart verdeckt; unten aus der

Spalte schimmerte Licht. Während sie ihr Ohr an das Holz legte, hörte

sie ihn mit seiner leichten Stimme singen; sie verstand auch die Worte:

Mißraten Herz, was schreist du nach dem Golde,

Halt es nur fest, auf daß es nicht entgleite,

Die wilde Braut, die alles haben wollte,

Trägt ein Gewand aus himmelblauer Seide.

Und hast du nichts und kannst du ihr nichts geben,

So fordert sie dein junges Blut und Leben.

Im oberen Stock wurde John Kerrels Tür mit großem Lärm aufgemacht und

seine Baßstimme dröhnte durch das Haus. Sara schlich wieder hinab, die

wütende Unrast ihres Innern konnte sie nicht mehr dämpfen. Allmählich

kam Nachtstille und die Stunde, wo selbst Saras Füße ruhen durften. Das

Tor ward zugetan, der Wächter schrie seine Zeiten ab. Auf ihrem harten

Lager warf sich Sara von einer Seite auf die andere. Kaum schloß sie die

Augen, so erblickte sie den goldenen Pokal, und ihr wurde kalt und heiß.

Nach Mitternacht erhob sie sich leise, zog Rock und Kittel an, ging

unsicheren Schritts auf den Gang und schlich langsam, auf jeder Stufe

innehaltend und lauschend, die Treppe zu Francis Rhymers Zimmer empor.

Es war nicht völlig finster; durch das runde Fensterchen oberhalb des

Haustors schien der Mond herein und bemalte das breite Stiegengeländer

mit einem grünen Streifen. Bald stand sie wieder vor der Tür und

horchte. Es war alles still, nur das eigene Herz schlug wild und laut.

Sie legte die Hand auf die metallene Klinke, und spürte eisigen

Schrecken, als die Tür sich wie von selber auftat und das Zimmer in

wunderlicher Doppelbeleuchtung vor ihr lag. Durch die Fenster strahlte

der helle Mond, und auf einer Konsole am Bett brannte die Öllampe. Der

junge Fremde schlief, noch halb in seinen Kleidern, und ein Buch, in dem

er gelesen, war der herabhängenden Hand entglitten und auf den Boden

gefallen; dies, wie das unverriegelte Türschloß waren Anzeichen, daß er

den Schlaf noch nicht gesucht hatte, sondern daß er von ihm überwältigt

worden war. Wenn Sara in ihrem verblendeten Sinn eine günstige Schickung

darin hätte erblicken wollen, so mußte der höhere Wille in ihren Augen

unbezweifelbar werden, als sie das Ziel ihrer Begierde dicht vor sich

auf dem Tisch stehen sah: den goldenen Becher, auf der einen Seite grün

beglänzt vom Mondlicht, auf der andern rötlich vom Licht der Nachtlampe.

Sie ging und griff danach, legte ihre Hände um das Kleinod und fühlte

die Beseligung über den Besitz durch jeden Finger einzeln in den Körper

strömen. Im Übermaß der unheimlichen Glut setzte sie den Bechersrand an

den Mund, als ob sie trinken wollte; es entstand ein Rauschen und

Brausen im Innern des leeren Pokals, und es war, als ob irgend etwas

Laues, Wohliges den Schlund hinabflösse und den Leib bis zu den Zehen

und Haarspitzen ausfüllte.

Da sie nun den Pokal hatte, gedachte sie fortzueilen und aus dem Haus zu

fliehen. Aber eine flüchtige Lust wandelte sie an, das Gesicht des

jungen Menschen zu sehen und sich auszumalen, wie seinen Zügen das Leid

stehen möchte, das er morgen um das verlorene Brautgut tragen würde.

Sie trat hin. Sie beugte sich ein wenig und gewahrte die freundlichen

Züge. Sie wollte einen Schrei ausstoßen, doch die Lippen hielten ihn

noch rechtzeitig zurück. Ihre Augen erweiterten sich, und sie atmete

schwer. Mein Traum, dachte sie innerlich schluchzend, mein Traum. Diesen

Jüngling hatte sie im Traum gesehen, mit denselben schlummergefärbten

Wangen. Erst in seinem Schlaf erkannte sie ihn. Lächelnd war er zu ihr

gekommen, sie waren mitsammen in ein strahlendes Haus gegangen, und dort

hatten sie sich vermählt. Um ihretwillen war er ins Haus getreten, ihr

brachte er den Becher und dennoch: sie mußte fliehen. Zusammengeduckt

wandte sich Sara um und eilte aus dem Zimmer, vergaß die Tür zu

schließen, ging die Stiege hinunter, begab sich in die Kammer, wo die

Schlafgenossin schnarchte, warf sich auf ihr Lager und stierte in die

Luft. Den Pokal hatte sie noch immer im Arm. Er bekam an ihrem Körper

eine lebendige Gewalt und redete zu ihr. Da packte sie die Furcht; sie

wühlte an der Wandseite des Lagers das Stroh auf und versteckte ihn.

Aber er war nicht genug verborgen, er redete noch lauter. Sara konnte es

nicht ertragen. Sie stand auf, frierend lief sie in den Flur und

wünschte, daß die Nacht vorüber wäre. Sie schob den Riegel vom Haustor,

öffnete und lief auf die Straße. Ein herrenloser Hund eilte brummend auf

sie zu. Das helle Mondlicht scheuend, flüchtete sie ins Dunkel, ohne zu

wissen, wohin sie sich wenden sollte. Es trieb sie zu einer Kirche, sie

wollte beten, sie wollte vor Gottes Angesicht erscheinen. Die Liebe

hatte sie ergriffen, und nun wußte sie, daß Liebe Mark und Bein

verzehrt und das Blut so schnell antreibt, daß alle Adern brennen. Sie

hatte den Herrgott nie gekannt, jetzt kannte sie ihn; hatte Christum

verleugnet; jetzt glaubte sie ihn.

Indessen geschah es, daß sich vor Mistreß Duncombs Haus eine

Gesellschaft von drei Personen zusammenfand, zwei Männer und eine Frau.

Es waren die beiden Brüder Alexander und die gelbe Mary Tracy. Die

beiden Alexander, berühmt in der Verbrecherzunft, waren Zwillingsbrüder

und sahen einander so ähnlich, daß man einst in Whitechapel, als sie

betrunken waren, dem einen das linke Ohr abgeschnitten hatte, damit man

sie fürder unterscheiden könne. Sie waren es, die vor Wochen mit Sara

Malcolm aus Aldermans Bierspelunke aufgebrochen waren, um einen wohl

vorbereiteten Streich am Bullhead in Breadstreet auszuführen. Da

verweigerte Sara plötzlich ihre Teilnahme, denn aus den Reden der zwei

Kumpane hatte sie herausgehört, daß diesmal Blut fließen müsse. Es

entstand ein kurzer Wortwechsel, Tom Alexander schlug das Mädchen nieder

und Bill Alexander, der Ohneohr, tat ihr Gewalt an, während sie

ohnmächtig dalag; dessen rühmte er sich später, denn Sara hatte ihren

Spießgesellen alles zu Willen getan, nur ihren Leib hatte sie nicht

gegeben. Es vergingen Wochen; Mary Tracy erfuhr zufällig, daß Sara bei

Mistreß Duncomb in Diensten stehe. Sofort wurde beschlossen, diesen

Umstand auszunützen, aber die Versuche, sich Sara zu nähern, waren

erfolglos; bei Tag durfte man sich nicht blicken lassen, schon aus

Furcht, daß Sara Verrat üben würde, und in der Nacht glich das Haus

einer versperrten Festung. Doch als die Spionin Kunde brachte, ein

reicher, schottischer Edelmann, Francis Rhymer, habe bei Mistreß Duncomb

Quartier bezogen, wollten Tom und Bill um jeden Preis etwas unternehmen.

Mit Strickleitern, Spreng- und Sägewerkzeugen machten sie sich auf den

Weg und kamen genau zu der Zeit an, wo der Mond hinter die Dächer der

Häuser sank. Zuerst wollten sie an das Tor pochen in einer Weise, die

Sara kennen mußte und, weil sie nahbei schlief, auch hören konnte. Wenn

dann ein anderer aufmachte, so war es eben um ihn geschehen, falls er

unbewaffnet und ahnungslos war. Sehr überrascht waren nun die Elenden,

als sie das Tor offen sahen; sie dachten an eine Falle. Vorsichtig

warteten sie; nichts Verdächtiges zeigte sich. Mary Tracy blieb auf

Wache, die beiden Alexander begaben sich hinein, krochen zur Treppe, ein

Lichtschimmer von oben erleichterte den Weg, und sie fanden eine

offenstehende Stubentüre. Mary Tracy, die in der Dunkelheit

dabeigestanden, als der Schotte aus dem Wagen gestiegen, hatte ihnen

seine Erscheinung beschrieben, und als sie den Schlafenden gewahrten,

zweifelten sie nicht, daß sie ihr Opfer erreicht hatten. Sie waren

kundige Köpfe und geschickte Arbeiter; sie wußten, wo Schätze verborgen

sein konnten, der Zweck verlangte eine grauenvolle Tat von ihnen; und so

geschah es, wie es geschehen mußte, weil es von Anfang an durch den Lauf

der Dinge besiegelt war.

Als Sara zurückkam und im Finstern vor dem Duncombschen Hause eine

Gestalt sah, erschrak sie, denn jetzt wurde ihr bewußt, wie sträflich

sie gehandelt, daß sie das schlafende Haus unverwahrt gelassen. Sie kam

näher, und Mary Tracy, forschend wer es sei, trat ihr entgegen. Da

erkannten sich die beiden. »Du bist's, Sara,« sagte Mary vertraulich und

legte den Arm um die Schulter des Mädchens. Saras Herz füllte sich mit

düstern Ahnungen. Sie war so bestürzt, daß sie außerstande war, sich auf

den Beinen zu halten und sich auf die Steintreppe niederließ. Mary Tracy

fragte mit verstellter Zärtlichkeit, wie es ihr gegangen sei, wo sie

jetzt in tiefster Nacht herkomme und ob sie nicht wieder mit

hinauskommen wolle in das freie Leben. Sara horchte geistesabwesend in

die Luft hinein, sie spürte, daß im Haus etwas Böses vorging, dann

schlug sie die Hände vors Gesicht und fing bitterlich an zu weinen. »Hör

doch auf,« gebot Mary Tracy, schaute ängstlich straßauf straßab und zu

den Fenstern. »Hör doch auf, wir geben dir Geld.« »Nun war ich bis unter

dem Schwibbogen bei Fig-tree-Court,« wehklagte Sara in ihr Weinen

hinein. »Ich wollte zu einer Kirche und wollte beten, und als ich eine

fand, war alles verschlossen. Warum ist Gott in seinem eigenen Haus

eingesperrt?« Noch fester hielt sie die Hände ans Gesicht gepreßt, noch

stürmischer wurde ihr Weinen. Aus dem Tor huschten hastig die beiden

Alexander; nacktfüßig huschten sie, horchten vorwärts, horchten verstört

zurück, lauschten in die Straße hinein und raunten, die Hände zum Mund

emporgehoben: »Fort! fort! fort!« Darauf sprangen sie davon, ohne Sara

nur gesehen zu haben. Mary Tracy folgte ihnen mit einem Wutschrei; sie

fürchtete um die Beute betrogen zu werden.

Das Frührot dämmerte. Sara ging ins Haus und sperrte den Riegel ab.

Innen war alles still wie zuvor. Sie wankte in ihre Kammer und fiel aufs

Stroh. Schlafen konnte sie nicht. Die Glieder ruhten, aber Augen und

Brust brannten. Ich bin ein verloren Weib, dachte sie. Es wurde heller.

Da gewahrte sie oben an der Decke einen roten Fleck. Gerade über dem

Raum, wo Sara lag, war Francis Rhymers Zimmer. Was für ein Flecken mag

das sein? fuhr es ihr durch den Kopf, und siehe, es tropfte etwas herab,

und nach einem Weilchen wieder, es tropfte auf ihr Hemd. Bei dem klarer

werdenden Licht erkannte sie, daß es Blut sein mußte. Nun wurde ihr

Inneres so starr, als ob der Tod hineingegriffen hätte. Ich bin ein

verloren Weib, wiederholte sie, als sie aufstand. Der Bäcker klopfte

schon ans Haus. Eine halbe Stunde später wurde das Laufmädchen wach und

sah das Blut und lief entsetzt auf die Diele. Sara war um die Milch für

den Molkensekt gegangen; als sie wiederkam, stand eine Menge Volks vor

dem Hause. »Einer ist umgebracht worden,« erzählten sie einander. Master

Knight, der ebenfalls zu den Bewohnern des Logierhauses gehörte, schaute

vom zweiten Stock im Nachthemd herab und schrie. Sara drängte sich

schweigend durch die Leute und gelangte ins Tor. Eben wurde Mistreß

Duncomb ohnmächtig von Anne Love und Miß Oliphant die Stiege

herabgetragen; ihre Jungfer Elisabeth Harrison, ein kränkliches

Geschöpf, hatte wie leblos den Pfosten umklammert. Darauf kam Master

Kerrel die Stiege herab; er war schneeweiß im Gesicht, man sah es ihm

an, daß er etwas sagen wollte und nicht konnte, vor Entsetzen blieb ihm

die Sprache aus. Er war erst um fünf Uhr morgens nach Hause gekommen, so

lange hatte er sich in den Kaffeehäusern von Coventgarden umgetrieben.

Er hatte nichts Verdächtiges bemerkt, Francis Rhymers Zimmer war

geschlossen gewesen. Oben hörte man John Gehagan brüllen vor Schmerz,

denn er beklagte in dem Ermordeten den teuersten Freund. Der Pöbel

drängte ins Haus. John Kerrel und der Stallbursche hatten Mühe, die

Leute zu verhindern, daß sie die Stiege stürmten. Sara schaute eine

Weile regungslos dem allen zu, plötzlich zuckte sie konvulsivisch

zusammen und fuhr mit beiden Händen an die Schläfen. Sie sprang die

Treppe empor, stürzte in das Zimmer des unglücklichen Jünglings und warf

sich vor das Bett hin, ohne daß ein Laut von ihren Lippen kam. »Du

Höllenhure, scher' dich fort!« schrie John Gehagan, packte sie bei den

Haaren und wollte sie vom Bett wegzerren, auf dem der bleiche Mensch mit

durchschnittenem Hals lag. Da sah ihn Sara mit Augen an, vor denen er

erstarrte. Jetzt erinnerte er sich an ihr blutbedecktes Gesicht von

gestern, und ihm wurde unheimlich zumute. Einige Mädchen standen an der

Schwelle und beobachteten, was vorging, unter ihnen die Köchin, und auch

sie erinnerte sich, wie Sara am Abend im roten Wein gewatet wie in Blut.

Der Konstabler erschien. Die Volksmenge draußen hatte sich vermehrt,

doch es war gelungen, das Tor abzuriegeln. Wie vom Fieber getrieben,

ging Sara aus dem Zimmer, taumelte hinunter, machte sich in der Küche zu

schaffen, stellte sich mit gerunzelter Stirne zum Feuer und wärmte die

Hände. Bald kam die eine bald die andere von den Mädchen. Sie flüsterten

und tuschelten; Stunden mochten verflossen sein, da hieß es: »Sara, du

sollst hinaus zu Master Gehagan.« Sara ging hinaus, floh an John Gehagan

und John Kerrel, die beide im Flur warteten, mit gesenktem Haupt vorbei

in ihre Kammer. Dort stand sie zitternd, horchend, schnell atmend, bis

die Männer nachfolgten. »Hast du die Nacht über geschlafen?« fragte der

mildere Master Kerrel. Keine Antwort. »Warum ist dein Rock vor den

Knieen blutig?« fragte John Gehagan. »Ich habe oben gekniet, das wißt

Ihr doch,« erwiderte sie mit kaum vernehmbarer Stimme. »Dein Benehmen

ist sonderbar. Hast du Geld am Leibe versteckt, Mädchen?« forschte John

Gehagan weiter. Zugleich trat er auf sie zu, steckte die Hand in ihr

Busentuch, suchte die Brüste hinunter, und wie er ihr unter den Arm

fühlte, erschrak sie und ihr Kopf flog zurück. Da wurde ein Stück Hemd

mit dem Blutfleck sichtbar. »Und woher ist dies Blut?« fragte Master

Gehagan rauh. Sara deutete in die Höhe; »dort ist es her,« entgegnete

sie, ohne des Doppelsinns inne zu werden. Mittlerweile hatte sich John

Kerrel an das Durchsuchen des Strohlagers gemacht, und auf einmal zog er

mit einem heiseren Schrei den Pokal hervor. Das Gefäß schwankte in

seiner Faust, John Gehagan drückte fassungslos die Hände gegen das

Herz.

»Ich weiß, ich bin ein verloren Weib!« schrie Sara. »Ich will ja gern

den Tod erleiden.« Sie fiel nieder und umklammerte die Beine John

Gehagans so fest, daß er sich kaum losmachen konnte. Ihre Augen rollten

und vergingen fast, und ein furchtbares Seufzen drang aus der Tiefe

ihres bedrängten Innern. John Kerrel eilte hinauf, bald kamen zwei

Konstabler und führten Sara ins Gefängnis nach Newgate, wie sie war, mit

ihrem Arbeitsrock und der blauen Kappe.

Vor den Richter, Sir Roger Brocas gebracht, konnte sie nicht sprechen.

Es war ein Jammer, sie anzusehen. Sir Roger fühlte Erbarmen, verschonte

sie für diesen Tag und ließ sie in die Zelle zurückbringen. Sie legte

sich nicht hin, sie ging nicht umher, sie stand regungslos am

vergitterten Fenster und blickte hinaus auf den finstern Hof und sah zu,

wie es zu regnen anfing und wie es Nacht wurde, und hörte den Wind

heulen. Und als es nun so einsam und dunkel um sie geworden war, da

spürte sie plötzlich ein wundersames Pochen in ihrem Leibe. Zuerst

achtete sie kaum darauf, es schwieg auch eine Zeitlang, dann wiederholte

es sich stärker. Verwundert dachte sie nach, was das Pochen zu bedeuten

habe, und als es zum dritten Mal wiederkehrte, da verklärte dasselbe

himmlisch selige Lächeln ihre Züge, wie damals im Traum bei Mistreß

Duncomb. Sie hatte ein Kind im Schoß. Im Traum hatte sich der Geliebte

ihr vermählt, im Traum war er gekommen, im Traum hatte er sie beglückt.

Sie kroch in einer Ecke des kalten finstern Raums in sich zusammen, denn

so eng ihn vorher ihre Bangigkeit und Trauer gefunden hatte, so weit

wurde er jetzt ihrer Verzückung. Sie lauschte in das Innere ihres Leibes

hinein, und abermals regte es sich, sie glaubte es zu spüren, glaubte

jedes der kleinen Gliederchen zu fühlen, und nun war sie Gott dankbar

für die auferlegte Prüfung und freute sich darauf zu sterben, das

Geheimnis unter dem Herzen. Gewiß war es derselbe lustgekrönte Engel,

der sie mit dem Geliebten zusammengeführt und der sie den Todesweg

hinaufgeleiten würde bis an das Tor des Paradieses. »Armes kleines

Wesen,« so redete sie lächelnd vor sich nieder und in ihren Schoß

hinein, »bist jetzt noch in der Finsternis, bald aber wirst du flügge

sein, mein Vögelchen, und wirst Flügel haben und wirst dich im Lichte

baden.« So schlief sie allmählich ein. Kein leisester Zweifel regte sich

gegen das Wunder, das sich an ihr ereignet.

Wie erstaunt war am andern Tag Sir Roger, als Sara Malcolm heiter und

ruhig vor ihn hintrat, auf alle Fragen runde, klare Antwort gab und

weder die Reue und Zerknirschung einer Schuldigen noch das Staunen und

den Schmerz einer Unschuldigen zeigte. Die Frage, ob sie den Mord verübt

habe, erwiderte sie mit nein. Sie erzählte, daß sie aus dem Haus

gelaufen, daß sie vor dem Kirchlein bei Fig-tree-Court, wo die Lampe

brennt, gewesen sei, daß sie sogar dort den Master Oaks aus der

Themsestraße gesehen habe. Was sie denn dort gemacht? fragte der

Richter. Sie habe gebetet, antwortete sie. Dann sei sie zurückgegangen

und habe vor Mistreß Duncombs Haus Mary Tracy getroffen, und sie

erzählte, was sich darnach zugetragen. Sie erzählte auch, wie sie

ehemals die Diebsgenossin der beiden Alexander geworden sei, als sie

elend und verhungernd durch die Straßen geirrt war. Elternlos,

heimatlos, freundelos war sie stets gewesen. Sie erinnerte sich, als

Kind einmal auf dem Meer gefahren zu sein, aber woher und wohin, das

wußte sie nicht. Überhaupt besaß sie nur wenig Erinnerungsvermögen.

Als aber der Richter auf den Pokal zu sprechen kam, den man doch in

ihrer Lagerstatt gefunden, da schwieg sie beharrlich, -- nicht wie eine

Verbrecherin, die sich zu verraten fürchtet, sondern wie ein Mensch, der

ein Geheimnis bewahren will und muß. Das Rätsel, das ihr selbst unlösbar

und ungelöst blieb, konnte sie nicht preisgeben, ihre Zunge fand keine

Worte dafür, und eine innere Stimme befahl ihr zu schweigen. Darauf

wurde sie wieder in die Zelle zurückgeführt und zwei Scharwächter kamen,

vor denen sie sich völlig entkleiden mußte, und die ihre Gewänder

untersuchten, die Haare aufbanden und sie fragten, ob sie irgend etwas

vergraben habe, es sei auch Geld geraubt worden. Sara schüttelte den

Kopf. »Da müßt ihr euch an die beiden Alexander wenden,« sagte sie, und

trotz ihrer Nacktheit benahm sie sich so, daß sich die beiden Alten

darüber wunderten.

Mary Tracy und die Brüder Alexander konnten nicht aufgefunden werden. Am

andern Tage wurde Sara aus dem Gefängnis geholt und man brachte sie vor

die Leiche des gemordeten Jünglings. Der Richter und die Unterrichter

waren dabei, ferner John Gehagan und ein Konstabler. Sie blickte stumm

auf das wächserne Antlitz, ihre Augen schimmerten naß und sie faltete

innig bewegt die Hände. John Gehagan, außer sich vor Gram und Wut,

ballte die Faust und schlug sie, ehe es jemand verhindern konnte, ins

Gesicht. Sie taumelte, aber sie schrie nicht; bald stand sie wieder

aufrecht und bedeckte nur mit dem Arm die Augen, vor denen es flammte.

»Was tut ihr mir, Master Gehagan?« murmelte sie klagend.

Dann ging es wieder nach Newgate, und sie wurde den Zeugen

gegenübergestellt. Es waren hauptsächlich die Frauenzimmer, die sich

über Saras seltsames, verstecktes, hexenhaft scheues Wesen äußerten,

auch die Geschichte mit dem vergossenen Wein kam zur Sprache. Andere

stellten sich ein, die Sara in früherer Zeit gekannt, und sagten Böses

aus; wenn ein Mensch im Unglück sitzt, wollen alle, denen er einmal

mißfallen, ihr Mütchen auslassen. Sie zeigte sich würdig und fest. Kein

überflüssiges Wort kam von ihren Lippen, aber keine leichtsinnige

Verdächtigung ließ sie hingehen, ohne dem Urheber mit scharfer, ja

scharfsinniger Frage und Weiterfrage an den Leib zu rücken, so daß sie

die Betreffenden oft sehr in Verlegenheit brachte. Ihre Art und Weise

erregte schließlich Aufsehen. Gebildete Leute kamen, sie zu sehen und

ihr zuzuhören. Es war ein fremdes, stolzes Wesen in ihr aufgewacht, seit

sie im Gefängnis saß. Die Wärter, die Konstabler, der Türenschließer,

alle konnten ihre Sanftmut, ihre Gefälligkeit, ihr munteres und

gesammeltes Wesen nicht genug rühmen, und sie genoß Freiheiten wie kein

anderer Gefangener. Daß es um sie geschehen war, daran war nicht zu

zweifeln; man wollte ihr die Tage leicht machen.

Ende März wurde sie zum Tode verurteilt, und der Wärter teilte ihr

abends mit, daß sie in Fleetstreet mit sechs oder sieben andern gehängt

werde. Sie antwortete nichts und blickte klaren Auges, klaren Ausdrucks

in die Höhe. Das schmale Gesicht mit dem schmalen Kinn veränderte sich

in dieser Minute zu einem Bild ergreifender Menschlichkeit. Hinter der

Stirn wohnte der Wunderglaube und machte sie leuchtend, in den Augen

dunkelte der Tod.

Es war ein greulicher Sturm an jenem Abend. Sara schritt in ihrer Zelle

auf und ab. Sie hatte nur noch die einzige Sorge, daß niemand ihre

Schwangerschaft merken möge, die jetzt schon ein wenig vorgeschritten

war, denn eine Schwangere durfte nicht gerichtet werden. Während sie hin

und her ging, kam der Geistliche in die Zelle, ein milder Mann, der die

Sünder gnädig mit Worten bedachte und die Gnade nach dem Maß der Buße

verteilte. Lange redete er in Sara hinein, sie möge ein offenes

Bekenntnis ablegen, aber sie entzog sich allen Ermahnungen durch ein,

wenn auch freundliches, doch starrsinniges Schweigen, und am Ende sagte

sie mit Wärme: »Wenn ich eine Weile im Grabe gelegen, wird die Wahrheit

aufstehen.«

Die Schwestern: Drei Novellen · 第 4 / 10 段