Drei Tage später verließ Donna Johanna die flandrische Stadt und zog mit

neugeworbenen Söldnern den Rhein hinauf gegen Köln und Mainz und über

Franken an die Donau und weiter, wochen- und monatelang, Sommer und

Winter hindurch, manchmal bei Tage und öfter bei Nacht. Da und dort nahm

sie Aufenthalt; in Regensburg blieb sie acht Monate, in Landshut sechs,

in Augsburg fünf. An den Hof des Kaisers zu gehen wagte sie nicht. Die

Schlösser der Edelleute gaben ihr gute Unterkunft, denn es war bekannt,

daß sie mit königlichen Geschenken lohnte. Zu Memmingen ließ sie eine

Kapelle erbauen und in Ulm eine ganze Kirche. Es war ihr trostreich, in

diesem Land der vielen Flüsse, der Berge und der schönen Seen zu weilen;

oft schien ihr ein Stück von Philipps Seele in der milden Luft zu ruhen,

und wenn der Frühling kam, mußte sie sich mit doppelter Kraft

verschließen, um nicht teilzunehmen an dem holden Erwachen der Natur.

Sie mied Plätze, wo das Volk in Freudigkeit zusammenströmte, und wenn

sich ein Kindergesicht unschuldig-froh ihr zuwandte, schloß sie die

Augen. Deswegen liebte sie auch am meisten des Nachts zu reisen, weil da

Dinge und Menschen erstarben und die Flammen der Fackeln wie Opferfeuer

hinausstrahlten über den Sarg ihres Herrn Liebsten. Empfindungslos gegen

Sturm und Regen, weder Mühsal noch Entbehrung scheuend, so trieb sie die

Zeit vor sich her wie einen lahmen Hund.

Jahr auf Jahr floß vorüber. Johanna zählte sie nicht im Kalender,

sondern maß sie an ihrer Hoffnung. Doch mit der Zeit ist es wunderlich

beschaffen: sie hat ein Zeugnis der Wahrheit in sich, das selbst den

umschlossensten Sinnen nicht verborgen bleiben kann. Johanna zog einem

Bild entgegen, und je mehr sie sich ihm zu nähern gedachte, je mehr

schrumpfte es zusammen, und von all den vergeudeten Flammen des Herzens

wurde sie nicht reicher, ja, ihr Herz glich endlich der blassen Qualle,

die das Meer an den Strand spült, und frierend stand sie da als die

letzten Fetzen ihrer Armut von der zuckenden Schulter sanken. Philipp!

wer war Philipp? der bloße Name schien zu verfließen, und gab es noch

einen Mann auf Erden, der so hieß, so war er sicherlich nur der Schatten

seiner selbst. Und obwohl sie das leblose Abbild von Philipps Leib

täglich vor sich ruhen sah, verlor sie die Erinnerung an ihn und wußte

nicht mehr, wie er aussah und wie er sprach, wußte nichts mehr von der

Farbe seiner Augen und der Form seiner Hände und es ward ihr bang und

banger, als sie so seinen Namen durch die Länder schleppte, nichts

weiter als seinen Namen. Die Finsternis in ihr verlor gleichsam ihre

Grenzen, überdeckte Himmel, Erde und Wasser, erfüllte die Schöpfung mit

eisiger, bodenloser Trauer.

In den rhätischen Gebirgen erkrankte Jan Dalaunes und blieb in einem

Dorf zurück. Erst im Savoyischen holte der ergebene Mann die Herrin

wieder ein und kam gerade recht, um die Söldner und Diener zu ermutigen

und anzufeuern, als sie sich weigerten, am Abend über einen verschneiten

Paß zu wandern.

Es war ein schauriges Unwetter, als sie die Höhen erreichten. Die

Vordersten verloren den Weg und sanken tief in den Schnee. Einige

blieben ermattet liegen, schliefen ein und erfroren. Die Fackeln

verlöschten und zum Glück entdeckte der vorauseilende Jan Dalaunes die

Hütte eines Hirten. Da fanden die Zuflucht, die sich noch retten

konnten; der Sarg blieb draußen und wurde vom Schnee zugeweht.

Noch in der Nacht erwachte Jan Dalaunes, tastete sich zur Tür des vom

schlechten Atem der Schläfer erfüllten Raums und trat hinaus. Angst um

die Herrin hatte seinen Schlummer verscheucht.

Der Himmel war klar und die Sterne funkelten in erhabener Pracht und

Ruhe. Über einem fernen Schneefeld herauf bog sich die Milchstraße über

das dunkelblaue Gewölbe wie erstarrter Rauch. Zwischen zwei mächtigen

Felszacken glitzerte grünlich das Eis, gähnten ungeheure Spalten.

Bisweilen kam ein schneidend kalter Windstoß und wirbelte den Schnee zu

dünnen leuchtenden Säulen empor. Es herrschte ein Schweigen, welches den

Atem stocken ließ.

Im unsicheren Licht gewahrte Jan Dalaunes die Herrin. Sie saß auf einem

niedrigen Holzblock, hatte die Arme um die Kniee geschlungen und starrte

mit gefrorenem Blick in die gewaltige Stille. Sie schien die Kälte nicht

zu spüren. Eine Pferdedecke umhüllte ihre Schultern.

»Ihr müsset krank werden, edle Donna,« sagte Jan Dalaunes, indem er sich

näherte. Die Infantin antwortete nicht.

Der Falkner ging ins Haus zurück und klaubte Späne und Reisig zusammen.

Dann kam er wieder und machte auf einer schneefreien Stelle Feuer an.

Das Mitleiden mit der Herrin würgte ihm die Kehle und während er immer

neues Holz in die aufprasselnden Flammen warf, war sein bärtiges Gesicht

vom Kummer förmlich verwüstet. Es drängten sich Worte auf seine Lippen:

Verse, die er einmal gehört oder gelesen oder geträumt.

»Was sprecht Ihr da?« hörte er auf einmal die dunkle Stimme der Herrin.

Ihr Gesicht hatte sich auf der schneebewehten Decke fremd und düster wie

das Antlitz einer Sphinx ihm zugedreht. Er schüttelte befangen den Kopf

und kniete vor dem Feuer hin. Nach einer Weile kehrten die seltsamen

Worte traumhaft wallend wieder.

Wo des Nebels Silberbogen

über eine Gletscherwand

groß und feierlich gezogen,

dort liegt meiner Sehnsucht Land.

Sah ich eisige Gestalten,

schaudernd im gefrornen Strahl

grünkristallne Kerzen halten,

tanzen in dem weißen Saal.

Sah ich eine, die beklommen

nur des Mantels Saum bewegt,

und ihr Herz vom Tisch genommen,

der den ganzen Himmel trägt.

Wie im Schlaf hält sie die schwere

Purpurkugel sanft empor,

und es öffnet sich die Sphäre,

Gottes Arm streckt sich hervor.

Er empfängt des Lebens Schale,

jene aber steht beglückt,

schaut hinunter zu dem Tale,

wo ein Knabe Blumen pflückt.

Lautlos wälzte sich eine bläuliche Wolke von Schneestaub heran und

entfernte sich wieder.

Da sank Johannas Haupt etwas vorne über. Wie um es zu halten, schlug sie

die Hände vors Gesicht und gleichzeitig brach sie in ein furchtbares

Weinen aus. Es klang wie der dumpfe Schlag eines Hammers gegen eine

hohle Wand. Unwiderstehlich hatte sie der Schmerz um das eigene Leben,

um die eigene vernichtete Seele ergriffen. Es war als sei ihr Herz bis

jetzt durch einen künstlichen Mechanismus in Gang erhalten worden, der

nun zu versagen drohte.

Sie fühlte die Kraft der Erinnerung völlig aus ihrer Seele entschwinden,

sie spürte nur sich selbst, nur den eigenen unermeßlichen Jammer, es

ergriff sie wie Flammen eines Scheiterhaufens, sie schrie und schlug um

sich und als eine Wahnsinnige wurde sie von ihren Leuten zu Tal

gebracht.

Der zertrümmerte Sarg mit dem sehr entstellten Leichnam ward erst viele

Wochen später in einem Schneeloch aufgefunden, wo er hinabgestürzt war.

Der Herzog von Savoyen ließ die sterblichen Reste des Fürsten nach

Burgos schaffen. In einer Gruft der Kirche San Andrea fand endlich

Philipps Körper seine irdische Ruhe.

* * * * *

Zwischen den Städten Palencia und Valladolid lag in unfruchtbarer Ebene

das öde Schloß Tordesillas. In einem Turm dieses Schlosses lebte die

wahnsinnige Infantin. Der Turm war rings von Wasser umgeben; die

Zugbrücke war stets emporgezogen. Auf dem Wasser schwammen Schwäne.

Längst war Johanna Königin von Spanien, freilich nur dem Namen nach.

Doch wurden in ihrem Namen alle Regierungshandlungen ausgeübt und die

Dekrete gesiegelt. Aber diese Königin herrschte in Wirklichkeit bloß

über ein Reich von Katzen. Der treue Jan Dalaunes war Majordom von

Tordesillas. Täglich fuhr er auf einem Boot hinüber und sah zu, wenn die

Herrin mit den Katzen spielte, als ob es ihre Kinder wären. Jedes der

Tiere trug ein buntes Bändchen um den Hals und jedes hatte seinen Namen

und seine Würde.

Gleichmäßig flossen die Jahre an Donna Johanna vorüber wie Wasser an

einer steinernen Mauer. Lange, viele Jahre. Sie alle fanden die edle

Frau versunken in ein Spiel, ja, nur in den kargen Abglanz eines Spiels,

in stumpfer Unwissenheit von sich selbst, in niemals erleuchtetem

Frieden.

Draußen in der Welt hatte sich mancherlei begeben. Der Knabe Carlos war

zum Mann geworden, und die Fürsten hatten ihn zum römischen Kaiser

gewählt. Er führte Kriege gegen die Ketzer und warf sie zu Boden. Er war

stark in der Tat und stark im Wort. Sein ganzes Leben war ein Krieg:

voller Blut, voller List. Heißdrängender Ehrgeiz lockte ihn von

Enttäuschung zu Enttäuschung. Sein wahres Gesicht trug er verborgen

hinter vielen andern Gesichtern. Er hatte viele Gesichter gegen die

Menschen, aber sein Gesicht vor Gott war immer dasselbe: schwermütig und

krank.

Einst war er ausgezogen mit einem weißgeschliffenen Schild, auf welchem

das Wort strahlte: Nondum, noch nicht. Nachdem die Jahre verflossen

waren und er alle Macht in Händen hielt, die einem Menschen gewährt

sein kann, da sagte sein müder Verzicht: nicht mehr. Er war ein so

gewaltiger Fürst, daß er zwei Weltkugeln im Wappen führen durfte, und

seine Leute nannten ihn bloß »den Herrn«. Nichtsdestoweniger schien ihm

die Ruhe eines Klosters über alles begehrenswert.

Als er fünfzig Jahre alt war, reiste er nach Santander und zog über

Burgos nach Tordesillas.

Eines Tages im Herbst rasselte die Brücke über den Wassergraben und ein

ansehnlicher Zug glänzender Herren betrat den halbverfallenen Hof. Der

Kaiser allein ging hinauf.

Ungeachtet des sonnigen Tages herrschte im Zimmer Dämmerung; die

beklemmende Luft roch nach Weihrauch und Räucher-Essenzen. Inmitten des

Raums stand Johannas Bett und auf der morschen Damastdecke lagen Katzen:

weiß und schwarz, alt und jung; andere hockten auf dem Sims, andere in

einem Winkel oder auf Stühlen.

Donna Johanna hatte sich erhoben. Ihr schmales, fast runzelloses Gesicht

mit dem hochgeschwungenen Munde erschien wie aus Holz geschnitzt.

Neugierig blickte sie auf die schmächtige Gestalt im schwarzen Barett

und mit dem roten, bis auf die Knie reichenden Spaniermantel; verwundert

sah sie dies totenblasse, kalte, müde Angesicht.

Mit gravitätischem Schritt näherte sich der Kaiser und indem er sich auf

ein Knie niederließ, zitterte die Unterlippe ein wenig und er murmelte:

»Euren Segen, Mutter.«

Donna Johanna duckte sich, und als sie die feindurchäderten Lider in

krankhafter Erregung noch weiter öffnete, war es, als fasse ihr Blick,

als halte ihre Wimper noch einmal den ganzen Ernst und die Furchtbarkeit

des längst verschwundenen Lebens fest.

Die Zugbrücke rasselte hinauf, und an der Spitze seiner Herren ritt der

Kaiser schweigend der untergehenden Sonne zu.

Da verließ auch Donna Johanna ihr Gemach, zum ersten Mal seit langen

Jahren. Wie schlafend stieg sie die Turmtreppe empor, bis sie zu einem

runden Fensterchen gelangte, das freien Ausblick über die Ebene gab.

Hier stand sie und verfolgte mit dem Blick den glänzenden Reiterzug. Als

der Horizont, im goldnen Lila schwimmend, das farbige Bild einzusaugen

drohte, stieg sie eine Treppe höher. Sie gewahrte noch ein paar

funkelnde Lanzenspitzen, und ihre dürren Lippen flüsterten: der Kaiser,

der Kaiser.

Es dunkelte, und sie stieg herab. Ihr Herz verschnürte sich bang und mit

dem letzten Funken des vergehenden Bewußtseins seufzte sie einem

ungetrösteten Tod entgegen.

Sara Malcolm

Zu Ende des Jahres siebzehnhundertzweiunddreißig, unter der Regierung

König Georgs des Zweiten geschah es, daß der Londoner Nachtwächter bei

seinem vierten Rundgang in der Nähe von Templebar ein junges Mädchen

leblos auf der Straße liegen sah. Er versuchte die Besinnungslose

aufzurichten und zu erwecken, und als seine Bemühungen vergeblich

blieben, begab er sich zum Tor des nächsten Hauses und klopfte die

Bewohner wach. Bald erschienen einige Mägde der Mistreß Lydia Duncomb.

Auch Master John Kerrel, der im zweiten Stock dieses Hauses sein

Quartier hatte und zu der späten Stunde erst vom Wirtshaus heimkehrte,

gesellte sich der Gruppe hinzu, die alsbald die Ohnmächtige umstand. Sie

schien den Ärmsten der Armen anzugehören; abgerissene und schmutzige

Gewänder hingen um den vermagerten Körper, der graue Wollrock bedeckte

kaum noch die Kniee, das Haar, von jener kupfrigen Farbe, wie es viele

Irländerinnen haben, war vom Straßenschmutz besudelt und hing aufgelöst

um den Kopf und um die Schultern. Auch ein wenig Blut klebte daran, und

man entdeckte beim Nachsehen eine Riß- oder Schlagwunde am Arm, etwas

unterhalb der Schulter.

Master John Kerrel, ein Mann, der alle Schlupfwinkel der Stadt kannte

und sich auf die Menschenarten Londons verstand, erklärte, das Mädchen

gehöre wahrscheinlich zu den Wäscherinnen vom Temple. Indessen trug man

die Leblose ins Haus; der Nachtwächter leuchtete mit seiner Laterne

voran. Mistreß Duncomb, eine Greisin von fünfundsiebzig Jahren, war von

dem Tumult erwacht und kam in den Flur. Sie ließ die Verwundete in die

Küche tragen und befahl, ihr ein Lager neben dem Herd zu bereiten; dann

holte sie ein Stück Linnen und war behilflich, den verletzten Arm

einzubinden.

Am Morgen war das unbekannte Mädchen noch immer nicht aus der Betäubung

erwacht. Augen und Mund waren fest geschlossen, der Leib war ohne

Merkmal des tätigen Atems. Es wurde über die Straße nach dem Doktor Rush

geschickt; als er kam und sah, daß er seine Kunst an ein armseliges

Dirnlein verschwenden sollte, zuckte er die Achseln und verordnete einen

Aderlaß, ohne die Wunde am Arm zu bedenken, durch die schon genug

Lebenssaft entflossen war. Das Rezept blieb wirkungslos; es verging der

ganze Tag und die Fremde lag da wie in der ersten Stunde; man hatte

nichts über sie erfahren können, nicht, woher sie kam, wie sie hieß und

durch welche Umstände sie ums Leben gekommen war, -- denn allmählich

durfte man annehmen, daß es mit dem Kind vorüber sei und nichts mehr

anderes zu geschehen habe, als für die geheimnisvoll Hingegangene ein

Grab zu besorgen. Die Hausbewohner waren lebhaft erregt durch den

Vorfall. John Kerrels Freund und Zimmerkamerad, Master John Gehagan, der

in der vergangenen Nacht zu früher Zeit heimgekehrt war, wollte gegen

ein Uhr ein heftiges Geschrei aus der Richtung von St. James gehört

haben, aber dadurch war nichts erklärt. John Gehagan ging hinunter in

Mistreß Duncombs Küche, besichtigte das regungslose Mädchen mit dem

Mißtrauen eines Menschen, der alle Tücken und Schliche des Bettelvolks

kennt und gab den Rat, man solle der Person einen Blasebalg unter die

Nase führen oder ihre Fußsohlen mit glühendem Eisen kitzeln. Trotzdem

betrachtete er nicht ohne Erbarmen die kindlich schmale Gestalt, aus der

das Leben unmerkbar zu fließen schien wie Wasser aus der hohlen Hand.

Die Dunkelheit war schon angebrochen, da begann plötzlich die

Ohnmächtige sichtbar zu atmen. Nur die Zofe und das Laufmädchen waren in

der Küche, und jene rief sogleich ihre Herrin. Als Mistreß Duncomb an

das Lager trat, blieb sie voll tiefen Staunens wie angewurzelt stehen.

Sie blickte in ein Gesicht, das von aller irdischen Qual gelöst war. Ein

sanftes Lächeln hatte sich über den Mund gebreitet und, gleichsam von

innen heraus, die Lippen auseinandergedrängt. Zweifellos umfing ein

Traum die gefesselten Sinne und erschloß ihnen das Tor zu einem Land der

Wunder und des Glücks. Es war, als ob die Schläferin Engelstimmen höre,

denn sie schien zu horchen; es war, als ob ein göttliches Wesen ihr nahe

sei und die Last gefürchteter Leiden von ihrem Herzen hebe, denn sie

schien zu sehen und auf ihrer Stirne lag es wie ein Schimmer von

Dankbarkeit und Erleichterung. Die übrigen Mägde, die sich nach und nach

einfanden, umgaben verwundert das Bett. Das Lächeln der Träumerin faßte

jede einzelne tief an in ihrem Innern. Andächtig standen sie, die Hände

über den weißen holländischen Schürzen gefaltet, und blickten in das

Feuer dieses Traums, bis ihre Augen glänzten und sie etwas wie

Unzufriedenheit mit den Zuständen dieser Welt und ihres eigenen Daseins

verspürten. Schließlich begann eine der Letztgekommenen laut zu beten,

und davon erwachte das Mädchen aus ihrem Todesschlaf und öffnete die

Augen.

Da war es nun wieder ein Gesicht wie alle Gesichter oder wenigstens wie

viele; die Fremdheit sank von ihm herunter, und die Weiber, die im Kreis

standen, fühlten sich beschämt und geärgert. Man wollte den Namen einer

so seltsam sich gebärdenden Person wissen, und sie gab bereitwillig

Auskunft, daß sie Sara Malcolm heiße. Sonst war nichts aus ihr

herauszubringen. Je mehr man in sie drängte, je verstockter wurde sie.

Sie gab sich so scheu und verschlossen, daß selbst das Wohlwollen der

gutmütigen Herrin daran Anstoß nahm, die ihr immer von neuem

versicherte, daß sie in ihrem Hause bleiben könne, daß sie hier Arbeit

und Brot finde und Gefahren nicht mehr zu fürchten brauche, deren

Andenken ihr vielleicht das Herz beschwerten. Vergeblich; argwöhnisch

und ängstlich flogen ihre Augen von Gesicht zu Gesicht, blieben auf

keinem sanfter ruhen, und als sie mit der Musterung aller fertig war,

seufzte sie bang und schaute verdrossen zu Boden. Die nachsichtige

Mistreß Duncomb ließ ihr zu essen bringen, und mit Gier schlang Sara bis

auf den letzten Bissen Brot alles hinunter. Darauf mußte sie ihre Lumpen

ablegen und erhielt anständige Kleider, und ein Mädchen war ihr

behilflich, das wunderbare rote Haar auszukämmen, das bis zu den

Schenkeln reichte und so dicht war, daß es an Stelle eines Mantels

hätte dienen können.

Sara Malcolm blieb im Hause. Sie mußte niedrige Arbeit verrichten und

des letzten Dieners Dienerin sein. Sie mußte treppauf treppunter laufen,

für die Mietsherren über die Straße rennen, das Schoßhündchen der Frau

suchen, wenn es sich verloren hatte, und aus der Schenke das Bier für

den Stallknecht holen. Sara! rief es früh und spät, Sara! hier und dort.

Und nicht genug mit all dem Eilen, Hasten, Schaffen und

Kommandiertwerden, hatte sie auch noch die frechen Zumutungen der Männer

abzuwehren, vom noblen Gentleman, der um Mitternacht besoffen die Stiege

hinaufstolperte, bis zum pockennarbigen Bäckerjungen, der nach

Tagesanbruch ans Haustor pochte. Viel Arbeit hatte Sara und wenig

Schlaf. Wenn die Stiefel geputzt und die Gewänder gebürstet waren, stand

die Uhr schon weit in der Nacht, das Haus lag im Schlummer, und sie

taumelte in einen Verschlag neben der Kellerluke, wo sie und das

Laufmädchen auf Strohsäcken liegen mußten.

Doch war sie in ihrem Gemüte zufrieden, wenn man sie nur mit Worten in

Ruhe ließ, nur nicht an ihr herumfragte und nach vergangenen Dingen

forschte. Die Warums und Wanns schmeckten ihr bitterer als Hunger und

Regenwetter. Das eine hatte sich bald herausgestellt, und John Kerrel

hatte recht geraten; sie war im Tempelbar Wäscherin gewesen. Aber es war

länger her denn ein Jahr; man wollte wissen, daß sie sich einem

unehrbaren Wandel ergeben habe und der eine oder andere behauptete sie

in verrufenen Kneipen gesehen zu haben mit Leuten, denen ein anständiger

Mann nirgends begegnen möchte.

Bei solchem Gemunkle hatte es sein Bewenden, zum Schluß kümmerte man

sich nicht mehr viel um Sara. Man ließ sie leben und atmen, das war

alles, -- für sie genug. Den Himmel zu sehen, hatte sie kein häufiges

Verlangen, und wenn sie von der Sonne nur gerade gestreift wurde, ihr

war es genug. Den auf sie gerichteten Blick erwiderte sie nicht, für ein

Lächeln hatte sie kein Gegenlächeln, Scherze wußte sie nicht zu deuten

oder sie schlüpften an ihren Ohren vorbei wie die Blicke an ihren Augen.

Sie klagte nicht, somit schien sie mit ihrem Los einverstanden und jener

Sorte von Geschöpfen anzugehören, die ohne den Anblick froher Dinge und

ohne Freude mühselig-stumpf dahinweben.

Dennoch hatte sie eine Eigentümlichkeit, durch die ihr Wesen immer

wieder als etwas Besonderes, ja Verdächtiges von den Hausleuten

empfunden wurde. Am Sonntag, wenn andere Geselligkeit suchten, spazieren

gingen und die besten Gewänder umhingen, blieb Sara einsam zu Hause

sitzen und starrte vor sich nieder mit einem Ausdruck des Besinnens,

einem Ausdruck des gewaltsamen Nachdenkens, der stundenlang ihrem

Gesicht die Unbeweglichkeit einer Maske gab. Ihre indigoblauen Augen

verloren den Blick nach außen; ihre um die Kniee geschlungenen Arme

zogen Kopf und Schultern nach vorwärts, und so saß sie, der Spott aller

Wachen und die Beängstigung aller Frommen, die der Meinung zuneigten,

daß Sara Malcolm ein Hexlein sei, das mit dem Bösen Umgang habe und am

Tage des Herrn dafür zur Erstarrung verurteilt werde.

Es war der Traum, der Solches bewirkte, der vergessene Traum. Die einmal

beglückt gewesene Seele wollte das verlorene Bild wiederhaben und fand

es nicht. Sie erinnerte sich deutlich, wie etwas Herrliches aufgequollen

war, damals aus der Finsternis des langen Schlafes; ein nie zuvor

gespürtes Glück hatte ihr Herz zum Bersten voll gemacht und war

emporgesproßt bis zum Munde und war als ein Lächeln um die Lippen

erblüht. Dann war das Erwachen gekommen, -- die Augen sahen nichts mehr,

das Herz fühlte nichts mehr. Abergläubisch schaudernd dachte sie an

diese Stunde, die ihr nichts zurückgelassen hatte als die Sehnsucht nach

etwas rätselhaft Unbekanntem.

Einmal kam Master Gehagan nach Hause und trat in den Hof, um zu den

Fenstern John Kerrels hinauf zu pfeifen, und ihm zuzurufen, daß Francis

Rhymer, der junge Freund beider Männer, noch diesen Abend zu seiner

Hochzeit aus Schottland in London ankomme; ein Eilbote habe die

Nachricht gebracht. Kerrel freute sich und erwiderte, es sei wohl das

beste, ihn für die nächsten Tage hier im Haus zu herbergen. Master

Gehagan wollte den Hof wieder verlassen, da fiel sein Blick durch die

beginnende Dämmerung auf Sara, die vor der offenen Stalltüre eine frisch

geschlachtete Gans rupfte. Obwohl er sich sagte, daß es kaum der Mühe

verlohne, hatte er Lust, das unscheinbare, sommersprossige Mädchen zu

küssen. Er ging auf sie zu, ergriff wortlos mit beiden Händen ihren Kopf

und spitzte seine Lippen; aber was er für leicht gehalten, zeigte sich

unausführbar. Wild aufgerissene Augen starrten ihn an, und zwei Arme

stemmten sich stählern gegen seine Brust. Da wuchs die Begierde; er

packte sie bei den Schultern, schleppte sie in den Stall, wo über den

leeren Krippen ein Lämpchen düster flammte, und warf sie aufs Stroh. Als

er sich nun zu ihr niederbeugen wollte, prallte er mit einem

erschrockenen Aufschrei zurück. Das ganze Gesicht Saras war mit Blut wie

bestrichen, so daß es einen grauenhaften Anblick darbot; wohl erkannte

er den natürlichen Grund: aus dem Hals des toten Tieres, das Sara nicht

aus den erhobenen Händen gelassen, war das Blut noch einmal entflossen

und hatte das Antlitz des Mädchens bedeckt; aber mit seiner Liebesgier

war's vorbei und er floh ängstlich und erregt.

Als Sara allein war, ging sie zum Brunnentrog und wusch Gesicht und

Arme, dann setzte sie sich auf den Rand des Brunnens und grübelte.

Indessen wurde es Nacht und zwischen zwei steilen Mauern stieg am

bläulichen Himmel der Mond herauf. Sie wünschte, daß das Gestirn zur

goldenen Schale werde und ihr vor die Füße fallen möchte; sie wünschte,

daß aus der Dämmerung ein edler Geist hervortrete, um ihr das Gefühl der

drückenden Gegenwart zu nehmen. Aber da rief es schon wieder: Sara!

Sara! Mistreß Duncomb begrüßte im Flur einen eben angekommenen

Fremdling, der vor der Stiege stand und langsam Schritt um Schritt

hinaufging. Vor dem Haus hielt die Karosse, in der er gereist war. John

Gehagan half auf der Straße dem Diener, das Gepäck abladen. »Gib acht,

daß nichts vergessen wird, John!« rief die Stimme des jungen Mannes; es

war eine wohllautende Stimme ohne Schwere, der man es anhörte, daß sie

zu scherzen liebte. Er kehrte noch einmal zurück und nahm mit

fürsorglichem Wesen dem Bedienten einen Gegenstand ab. »Was ist es?«

fragte Gehagan, »am Ende gar das Brautgeschenk?« Der andere nickte, und

in einer Wallung der Freude oder des Übermuts öffnete er die Hülle und

zeigte John Gehagan einen Pokal aus purem Golde und mit Edelsteinen

verziert, die einen feurigen Kreis unterhalb des Mundrandes bildeten.

Master Gehagan griff erstaunt danach und rief lachend aus: »Ein Ehepfand

der Art wird man in England nicht mehr auftreiben. Eines solchen

Kleinods kann sich nicht einmal des Königs Schatzkammer rühmen.« Und er

folgte dem Freund und trug den Pokal selbst hinterdrein.

Die Schwestern: Drei Novellen · 第 3 / 10 段