Spiegel hinein: »Gregoria!« -- »Was befehlt Ihr, edle Donna?« antwortete
diese zitternd. -- »Er muß sterben, Gregoria,« sagte die Infantin. Donna
Gregoria schwieg. »Hörst du, Gregoria, er muß sterben,« wiederholte
Johanna, und das letzte Wort erstickte in einem schnelleren Atemzug,
während die Hände, wie leblos geworden, von der Brust heruntersanken.
Und Donna Gregoria hauchte kaum vernehmlich: »Ja, edle Donna.« Dann
näherte sie sich der Infantin, fiel auf die Kniee und lehnte die
eiskalte Stirn gegen Johannas starre Hand. Johanna beugte sich herab,
weit, mit Anstrengung beugte sie sich nieder und flüsterte ins Ohr der
Dienerin.
Es lebte ein Verwandter von Donna Gregoria am Hof, ein Edelknabe namens
Morales, und dieser war Donna Gregoria mit Leib und Seele zugetan. Sie
sprach mit ihm noch am selben Abend und sagte ihm, er könne an einem
Bach bei Murcia gewisse Kräuter finden und fertigte ihm auch eine Liste
von den Kräutern an. Morales reiste fort, sammelte die Kräuter und ritt
damit nach Molina in Arragon zu einem Apotheker, den er kannte. In
seiner Wohnung destillierte der Apotheker den Saft aus den Kräutern und
zum Beweis, wie furchtbar das entstandene Gift sei, gab er einen Tropfen
davon einem Hahn ein, der sogleich verendete.
Einige Tage darauf gab der Herzog in einem Haus bei Burgos, welches
Cordon genannt wurde und damals dem Grafen Punon-Rostro gehörte,
mehreren Granden des Landes ein Essen. Die Ordnung für die Mahlzeit war
diese: sobald man von der Mittelhalle ins Haus trat, fand man im ersten
Saal zwei Schenktische, einen für die Speisen und einen für den Wein.
Links davon war der Speisesaal, dessen Fenster aufs freie Feld gingen.
Zwischen beiden Räumen war ein enger Durchgang. Während getafelt wurde,
verstand Morales es so einzurichten, daß, so oft Don Philipp zu trinken
verlangte, kein anderer als er ihm den Wein brachte. Dreimal reichte er
ihm den Becher; vor dem dritten Mal schüttete er in jenem dunklen
Korridor heimlich und schnell das Gift hinein. Es war ungefähr soviel
als eine Nußschale gefüllt hätte.
Wenige Minuten darauf fühlte sich der Herzog krank. Er ging hinaus,
indes die Herren ahnungslos sitzen blieben um zu spielen. Eine halbe
Stunde nachher rief sie der Haushofmeister in großem Schrecken, denn
Philipp lag bereits im Fieber. Er wurde eilends nach der Stadt
geschafft, es ward aber späte Nacht, ehe sie ankamen und die Ärzte
erschienen. Gleich hernach verstarb er unter gräßlichen Schmerzen.
Don Gotor begab sich zur Infantin. Er glaubte sie noch schlafend und
weckte die Diener und Kammerfrauen. Da erschien Donna Gregoria und
führte ihn schweigend in einen Saal, wo Johanna vor einem Kohlenbecken
saß. Mit einem Gesicht, starr und fahl wie Eisen, berichtete der Arzt in
sonderbar gemessener Form den Tod seines Herrn. Das Auge der Infantin
wandte sich langsam der regungslosen Gestalt des Greises zu, dessen
Blick furchtlos und brennend dem ihren begegnete. Doch wie der Schwamm
von einer Faust wurden Johannas Züge von Ekstase zusammengepreßt, es
zog ein Freudenschimmer darüber hin, und die Beine, der ganze Leib
streckten sich wie im Bade.
* * * * *
Der Leichnam war begraben. Böses Gerede schwirrte über der Gruft und
erstickte wieder in abergläubischer Furcht. Als einst mehrere Edelleute
auf dem Hauptplatze standen und ungescheut die Vermutung aussprachen,
daß Philipp durch Mörderhand umgekommen sei, erschütterte ein Erdbeben
die Stadt, die Fenster des Rathauses zerbrachen und die erschreckt
Flüchtenden sahen die Türme der Kirchen wanken. Der Herr von Mingoval,
hochbetrauter Oberstallmeister, wollte währenddem die Infantin mit
fliegenden Haaren auf dem Dach des Palastes bemerkt haben, wo sie einen
weißen Zauberstab schwang.
Es fiel auf, daß Donna Gregoria ihren Abschied nahm und sich auf einen
Ruhesitz bei Barcelona begab. Der Ritter Franz von Kastilalt floh übers
Gebirge und nahm Dienste beim König von Frankreich. Der Edelknabe
Morales wurde nächtlicherweile von einem betrunkenen Söldner erstochen.
Donna Benigna kehrte in ihre Heimat zurück und nahm den Schleier.
Die Infantin lebte in hohen Gemächern voll gläserner Luft. Ihre Frauen
mieden sie, die Diener jeglicher Art fürchteten sie. Es war später
Herbst, der Sturmwind rüttelte an den Mauern des Schlosses. Welche
Unruhe in Johannas Herz! Trat jemand unerwartet vor sie hin, so
erschrak sie und ihr angstvoll fragendes Auge zeigte den matten Glanz
der Schlaflosen. Bisweilen war ihr Gesicht in rätselhafter Zärtlichkeit
wie gegen eine unsichtbare Gestalt gerichtet und die Hand krümmte sich
gleich einem dürren Blatt, das sich zusammenrollt, bevor es Winter wird.
Bei der Tafel saß sie still und in sich gekehrt und berührte selten eine
Schüssel. Einmal lief ein Sonnenstrahl, durch eine Kristallvase
zerteilt, als siebenfarbige Brücke durch den Raum, bis er ihre Hand
erreichte und dem Flügel eines Insektes ähnlich geheimnisvoll auf- und
abzitterte. Da sprang sie empor und schluchzte laut. Ihr war wie einem,
der ein schönes Bild von der Wand gerissen hat; nun strömt Finsternis
und Grauen von der Stelle aus, die vorher so freundlich geschmückt war.
In Philipps Zimmern konnte sie ein wenig Frieden finden, trotzdem alle
Gegenstände zu fragen schienen: wo ist Philipp? Sie erwiderte in ihrem
Innern, um sich und die Dinge zu besänftigen: er ist verreist, er kommt
wieder. Und sie behängte sich manchmal für die Stunde seiner Wiederkunft
mit Edelsteinen und schönen Kleidern. Als einst Frau von Dutselle
fragte: »Warum schmückt Ihr Euch wie zum Balle, Fürstin, derweil Ihr
doch Trauer um Don Philipp tragen solltet?« Da erwiderte sie mit dem
Aufseufzen eines von Träumen gequälten Kindes: »Ich schmücke mich, weil
ich auf Philipp warte.«
Sie schmückte auch sein Zimmer mit Blumen und legte einen Teppich über
die Schwelle. Aus den Truhen holte sie seine Waffenkleider und küßte
die goldenen Ketten, Armspangen und Fingerringe. In seinem Bett spürte
sie mit ihrer flachen Hand die Wärme seines Körpers und an seinem Tisch
saß sie an demselben Platz, wo er gesessen. Dabei erstaunte sie, daß
alles so war, wie es war, daß die Sonne schien, daß es Abend werden
konnte und wieder Morgen.
Es war an einem Novembertag, als sie einige von den Dienern rief und an
ihrer Spitze durch das nördliche Tor gegen Millaflores ritt. In der
Kartause zu Millaflores lag Herzog Philipp begraben. Die erschrockenen
Mönche mußten das Tor aufsperren, sodann ließ sie den Stein vom
Gruftgewölbe nehmen und den Sarg herausheben und öffnen. Alle waren
gerührt beim Anblick der wohlerhaltenen Züge ihres Herrn. Das Gesicht
schien länger, die Züge ernster.
Ein düsteres Lächeln bewegte den Mund der Infantin. Der Pater Guardian
meinte später, sie habe gelächelt, weil der Teufel sie, wie er deutlich
wahrgenommen, am Ohr gekitzelt habe. Johanna gebot allen, sich zu
entfernen, -- unwidersprechlicher als das Wort war ihr Blick -- und als
sie allein war, kniete sie hin, kreuzte die Hände hoch über der Brust,
so daß die Daumen schier den Hals umschlossen und fing an zu beten. Doch
unversehens und während ihre Lippen noch mit Gott verkehrten, verlor sie
die Demut aus der Brust, es war, wie wenn ein Opfer plötzlich von
unheiligen Fingern entwendet würde, das Gebet verwandelte sich zur
Forderung, und die Arme streckten sich aus, nicht um zu erflehen,
sondern um zu empfangen und die Stirne leuchtete wie von Bereitschaft
und der Leib zitterte und bebte gleichwie in den Wehen der Geburt, und
Atem, Gebärde, Pulsschlag, alles schrie: Gib mir Philipp wieder!
Darauf schien ein Hauch durch die Luft der Kapelle zu gleiten und
Johanna spürte, daß ein süßes Jasagen die Wölbung erfüllte. Sie sprang
empor. Sie rief die Leute. Des Einspruchs der Mönche nicht achtend, ließ
sie den balsamierten Leichnam auf eine Bahre heben. Sie wurde ganz
Antrieb, peitschte die Träger förmlich vorwärts und blieb unbewegt und
blickte nicht zurück, da jene schauderten, weil die Mönche unter dem Tor
standen und wehklagten. Es wurde Nacht, der Boden war aufgeweicht, sie
verloren den Weg; Johanna hieß die Männer rasten und schickte einen
Diener voraus, um Fackeln zu holen. Im Regen ging sie ruhlos hin und
her, das Kleid emporgerafft, den Schritt von qualvoller Ungeduld bald
bekämpft, bald befeuert, und als endlich eine Fackelflamme in der
sturmdurchwühlten Dunkelheit aufloderte, schrie sie jubelnd, so daß die
am Gehölz lautlos wartenden Begleiter erbleichten.
Im Palast angelangt, bekleidete sie den Körper Philipps mit einem
prachtvollen Gewand aus Silberschuppen, ließ ihn in einen gläsernen Sarg
legen, der oben und an der Seite zu öffnen war, und ließ den Sarg in
ihrem Schlafgemach neben dem Bett aufstellen. Unverwandten Auges
betrachtete sie die edel hingegossene Gestalt, an der sich jede Form im
geheimen von selbst vollendet zu haben schien. Es war kein Jüngling
mehr, sondern ein Mann und ein König.
Kein weibliches Geschöpf durfte den Raum betreten, auf den Gängen und in
den Nebengemächern durfte keine Stimme laut werden. Johanna war es, als
sei vor allem die große Stille auch von außen erforderlich, die in
Philipps Antlitz so tief innen wohnte, sei notwendig, damit sie in diese
Stille eintauchen könne, wach und lauschend, um ihre Ursache und ihr
Wesen zu ergründen, in einem begnadeten Augenblick das ungeheure Rätsel
zu lösen, und dann den Funken in der triumphierenden Hand zu halten, der
das Auge wieder mit Leben zu speisen vermochte. Und so beugte sie sich
immer wieder über den Leichnam, wie sich der Habgierige über einen
Schacht beugt, worin rote Klumpen Goldes funkeln, angeschmiedet und
verwachsen an die gewaltige Erde.
Schon am zweiten Tag erschien der Bischof und befahl der Infantin, die
Leiche wieder zu bestatten. Johanna weigerte sich dessen und wies
endlich, rasend vor Angst, daß man sie des toten Gemahls berauben könne,
den Kirchenherrn aus dem Palast. Die Folge war, daß die Dominikaner den
Pöbel aufregten und verlauten ließen, der unbegrabene Leichnam mache das
Glück vom Lande abspenstig, der Wein müsse verderben und die Ernte
mißraten. Indes die Räte beratschlagten, wie man der Gefahr steuern
könne, die das Land bedrohte, erschien vor der Infantin ein wunderlicher
Mönch, der Bruder Alonso de Jesu Maria, der viele Jahre in einer Einöde
der Estremadura nur seinen göttlichen Visionen gelebt hatte und für
einen Propheten galt.
Eines Tages erschallte großer Lärm aus der Vorhalle, und als die
Herzogin zornig und befremdet heraustrat, schwiegen alle bis auf einen
halbnackten bleichen Fremdling, der sich in Anrufungen und
Verwünschungen erging, weil Diener und Wachen ihm den Eintritt
verwehrten. Dies war der Bruder Alonso, ein noch junger bartloser
Mensch, verwüstet durch Askese, hager wie ein Pfahl, beredt wie ein
Trunkener, feurig wie ein Verliebter. Diesem armseligsten der Geschöpfe
lieh Johanna das Ohr, so vielleicht zum ersten Mal dem Zuspruch eines
Andern untertan.
Er begann damit, daß er der Infantin von einem König erzählte, welcher
nach der Zeit von sieben Jahren aus dem Tod wieder zum Leben
aufgestanden sei. Auch mit Philipp werde ein gleiches geschehen, wenn
die keusche Liebe Johannas und ihr unerschütterlicher Wille jeden
eigenen Schmerz vergesse, keine selbstische Lust mehr begehre, sondern
einzig dem Gedanken der Wiedererweckung hingegeben sei. Dies daure
sieben Jahre; denn sieben sei die heilige Zahl der Bibel. In sieben
Jahren erneure sich das Feuer der Sterne und des Mondes; nach sieben
Jahren zerschelle immer wieder dieselbe Woge am Strand; nach sieben
Jahren grüne der Baum des Lebens und siebenfach geteilt sei seine
Wurzel.
Als sie solches vernahm, kniete die Infantin nieder, beugte das Haupt
tief vor dem Bruder Alonso und berührte mit den Lippen den Saum seines
Kleides. Sie bewirtete den Mönch und beschenkte ihn, aber sie redete
nicht mit ihm und allmählich wurde dem Heiligen beklommen zumut in ihrer
Nähe und er machte sich unter einem schicklichen Vorwand davon. Johanna
sah ihn ohne Teilnahme scheiden. Sie empfand das Leben der Lebendigen
nicht mehr; dem eigenen Körper entfremdet, begriff sie auch von den
Menschen nichts als die Gestalt und ein schattenhaft-spielendes Hin und
Her, alles Licht der Welt sammelte sich am Sarge Philipps und je weiter
der Fuß sich davon entfernte, je finsterer wurde der Raum. Doch wenn sie
an der Seite des Toten kauerte und wieder wie einst seinen Blick zu
erhaschen, sein Auge aufzugraben suchte und ihn doch fester hielt als
ehedem, wo er auf lautlosem Wasser durch Nebel glitt, da sehnte sie sich
nach einem Zeugnis seiner Gegenwart, nach irgend einem Laut aus dem
Innern dieser starren Hülle und sie verfiel auf einen absonderlichen
Einfall.
Es lebte in Burgos ein brabantischer Uhrmacher mit Namen Symon Longin,
ein Mann von großer Geschicklichkeit in seinem Fach. Don Philipp, der
viel Vergnügen an Uhren gehabt und manche müßige Stunde damit verkürzt
hatte, ein feingefügtes Werk behutsam auseinanderzulegen, hatte den
Meister in hoher Schätzung gehalten. Die Infantin ließ ihn kommen und
erteilte ihm einen Auftrag, der Herrn Symon sehr in Verlegenheit setzte
und ihm viel Kopfzerbrechen machte. Er sollte nämlich ein Werk
anfertigen, das man in die Brust des Leichnams schließen könne und das
den Schlag eines lebendigen Herzens nachzuahmen vermöchte. Nach einigem
Besinnen versprach Symon Longin, sein Bestes zu tun und die Infantin
stellte ihm eine Belohnung von zweitausend Dublonen in Aussicht.
Nach Verlauf zweier Wochen brachte der Meister das kunstreiche
Pendelwerk. Der Rücken der Leiche wurde aufgeschnitten und der
Mechanismus in die linke Seite der Brust geschoben. Unter der Schulter
war ein Stift mit einer Drehscheibe angebracht, vermittelst deren das
Werk wieder in Gang zu setzen war, wenn es nach vierundzwanzig Stunden
ablief. Als Johanna zum ersten Mal ihr Ohr auf das Kleid des Toten legte
und den wundersam dumpfen Schlag vernahm, schloß sie die Augen, als
lausche sie der Musik von Engelchören. Die halbe Nacht lang lag sie und
horchte; die linke Hand hielt sie ans eigne Herz gepreßt und hatte ein
seliges Gefühl des Gleichklangs, wenn dessen natürliches Pochen mit
jenem künstlichen in denselben Pausen erfolgte.
Die Sache sprach sich herum und steigerte das Entsetzen vor der Infantin
immer mehr. Sie mußte darauf sinnen, dem allgemeinen Drängen zu
entfliehen und sagte denen, die sie um Bestattung des Leichnams
bestürmten, sie wolle den Körper des Herzogs nach seiner Heimat bringen
und ihn im Dome von Sankt Stephan beisetzen. Damit waren Philipps
Landsleute einverstanden, und sie schufen eine kleine Partei zugunsten
der Herrin. Johanna hielt Auswahl unter den Dienern, und wenige, die
treu, aber viele, die habsüchtig waren, -- denn sie achtete des Geldes
nicht -- boten sich aus freien Stücken an, mitzuziehen, wohin sie wolle.
Auch warb sie an hundert Söldner zu hohem Lohn und ließ Pferde und
Maultiere herbeischaffen.
So gerüstet, begab sie sich auf die Reise. Es war wie eine Wettfahrt
mit der Zeit oder als wolle sie die Zeit zu größerer Eile reizen. Der
Worte des Mönchs blieb sie eingedenk zu jeder Stunde.
* * * * *
Am Tag der heiligen Katharina, vor Anbruch der Nacht, verließ die
Infantin Burgos, zog bis in die arragonischen Berge, kam am Morgen bei
heftigem Unwetter vor das Schloß Armedilla, und schon in der nächsten
Nacht ging es weiter: nach Olmedo, nach Escalona und San Francisco, von
Dorf zu Dorf über die unwirtlichen Hochtäler nach Norden.
Vier Maultiere trugen den Sarg, vierundzwanzig Männer mit Fackeln in den
Händen ritten ihm zur Seite. Schrecklich war das Aussehen dieser Männer,
ihre Gesichter waren kohlschwarz vom Flammenruß. An vielen Orten
verkrochen sich die Menschen beim Anblick des schauerlichen Zuges. Auch
unter Johannas eigenen Leuten verbreitete sich eine düster-ahnungsvolle
Stimmung, und einige ergriffen heimlich die Flucht. Andere sagten, sie
wollten eine Stadt beschauen, gingen und kehrten nicht wieder.
Vor dem Sarge ritt ein Fahnenträger mit einem schwarzen, für die Augen
durchlöcherten Tuch vor dem Gesicht. Auf der Fahne brannte in goldnen
Buchstaben das Wort Nondum, noch nicht.
Bei Tag gewährten die Hütten der Bauern, die Häuser der Herren Rast und
Aufenthalt. Johanna bevorzugte die Orte in der Ebene, wo ihr Blick die
Fernen fassen konnte, ehe sie sich zu kurzem Schlaf neben Philipp
bettete. Sie liebte nicht Blumen in ihrer Nähe, aus Furcht, daß dann ein
flüchtiges Vergessen ihre Sinne kraftloser machen könnte. Sie gab kein
Ziel an, denn so erschien es ihr, als ob Philipp Richtung und Weg
befehle. Nach Osten, Westen oder Norden zu ziehen, galt ihr gleich, wenn
nur die Tage hinabflossen zur Zukunft. Während die Welt an ihr
verschlossenes Ohr vergebens pochte, sammelte sie in ihrer Brust Leben.
Der Tote war gereinigt von aller Schuld, sie selbst hatte für ihn die
Verantwortungen des Daseins übernommen. Im voraus schmückte sie sein
Auge mit jener Glut, mit welcher er ihr danken würde für die Freiheit
und Leichtigkeit seiner Seele. Einst hatte sie Ungeheures gewollt, ihr
anmaßender Traum hatte von ihm verlangt, daß er einem Gott gleich sei;
jetzt wollte sie nichts weiter als einen Menschen und sie schmachtete um
den leersten seiner Blicke und die knabenhafteste seiner Gebärden, so
wie er einmal um sie geschmachtet hatte auf dem Krankenlager der
Sinnenliebe. Der blaue Himmel war ihr nichts, sie mußte erst die Bläue
von Philipps Auge darin sehen, der süße Duft burgundischer Gärten
nichts, außer er schien Hauch aus seinem Munde, kein Schmerz war außer
dem seinen um das frühverlorene Leben, kein Ding war betrachtenswert
außer dem erstarrten Leichenantlitz.
Unter ihren Begleitern war ein Mann, der ihr tief im Herzen ergeben war.
Er hieß Jan Dalaunes und war ein ehemaliger Falkner, dem bei einer Jagd
ein Auge ausgeschossen worden. Seitdem hatte er sich der Dichtkunst
gewidmet, wobei ihn seine melancholische Gemütsart unterstützte, und er
schrieb auch Stücke geistlichen Inhalts. Er wußte von Johannas ehern
umschlossenen Mienen die Müdigkeit abzulesen, die sie sich selbst
verhehlte, und er wurde zum kühnen Redner, wenn es galt, die immer rege
Widerspenstigkeit der Söldner zu besänftigen. Das nächtlich lautlose
Wandern mit einer Leiche, in deren Brust ein Räderwerk den Schlag des
Lebens nachahmte, verdüsterte den Geist der Leute. Kam es doch vor, daß
rauhe, kriegsgewohnte Burschen von Krämpfen befallen wurden, wenn
mitternächtiger Sturm die Bäume bog, oder daß sie schrieen wie
Besessene, wenn das Irrlicht übers Moor tanzte und der Mond grünliche
Schleier auf den Felsen spann. Sie atmeten auf, sowie der erste
Morgenschein den Osten färbte, und als sie nach Monaten ins flandrische
Gebiet kamen, verließen sie den Dienst der Infantin.
Jan Dalaunes überredete die Herrin, in der Stadt Gent zu verweilen. Er
trug dabei in seinem stillen Sinn die Hoffnung, daß sie nach ihrem Sohn
Carlos Verlangen haben würde und durch seinen Anblick von der
unergründlichen Schwermut geheilt zu werden vermöchte. Doch seine
Rechnung ging fehl. Als der Graf von Croy, der ihr Wohnung in seinem
Palast angeboten hatte, vor ihr erschien und sie fragte, ob sie den
jungen Prinzen zu sehen begehre, da zuckte es auf in Johannas Gesicht,
wie wenn eine Fackel durch einen finstern Raum fällt. Dann aber
entgegnete sie kopfschüttelnd und mit kaltem Ausdruck, sie wolle Don
Carlos nicht sehen. Die Worte des Mönchs erhoben sich wie Wächter in
ihrem Innern, wenngleich sie ihrer nur als Formel gegen die feindlich
andringende Welt bedurfte.
Sie schloß sich in ihre Gemächer ein, um nichts zu sehen, als ihren
Toten, nichts zu hören als das täuschungsvolle Klopfen des Uhrwerks. Ja,
zwischen Täuschung und Vision lag sie in einem Krampf, der halb Schmerz
und halb Lust war. Sie mußte Weib sein, um Philipp zu lieben, Mann, um
ihn noch einmal zu zeugen und Mutter, um ihn noch einmal zu gebären. Sie
mußte in diesem fertigen Leib Kindheit und Jugend wiedererschaffen, das
erwachende Auge mit allen Erinnerungen füllen, nichts von dem vergessen,
was solch ein königliches Leben hält und trägt; daher mußte sie auch er
selbst werden, damit Einheit entstehe zwischen dem Philipp von einst und
dem der Zukunft und, wie alle Schuld, auch der grauenvolle Zustand des
Nichtseins ausgelöscht werde aus seinem Geist. Dies zu vollbringen,
still, allein, den Menschen unverständlich, ja scheinbar auch Gott
zuwiderhandelnd, forderte übermenschliche Anspannung und mußte das Blut
in unaufhörlichem Fieberlauf durch die Adern treiben.
Frühling, Sommer und Herbst verflossen zum zweiten Mal. In dieser Zeit
war der junge König Karl sehr krank gewesen. Einst war er nämlich des
Nachts aufgeweckt worden, um eine angekommene Depesche von geringer
Wichtigkeit zu lesen. Sein Gouverneur, der ihn nach römischen
Grundsätzen erzog, hielt unerbittlich darauf, daß er sich trotz seiner
großen Jugend an die Geschäfte gewöhne. Als der Knabe durch einen
dunklen Korridor in ein Zimmer gelangte, in welchem nur eine matte Ampel
brannte, hielt er still, da er sich verirrt zu haben glaubte und
belauschte ohne zu wollen das Gespräch zweier Diener, die in einer
Nische kauerten.
»Wißt Ihr denn, daß die spanische Königin hier ist?« fragte der eine,
schläfrig gähnend. Und der andre erwiderte: »So? ist die hier? ich wußt
es nicht.« Darauf der erste: »Es ist die Mutter unsres jungen Herrn. Ein
schlechtes Weib.« Und wieder der andre: »Warum lebt sie nicht beim
Sohn?« -- »Das böse Gewissen ist schuld,« flüsterte der erste, »hat sie
doch ihren Herrn und Gemahl mit Gift vergeben.«
Ein leiser Schrei unterbrach die Erschreckenden. Der Knabe war zu Boden
gestürzt. Er mußte fortgetragen werden und lag lange darnieder.
Viele Wochen später gab der Graf von Croy ein großes Maskenfest, welches
drei Tage währte. Die Musik und das Lachen der Gäste tönte bis in die
Zimmer der Infantin. Als Jan Dalaunes vor seiner Herrin erschien,
entsetzte er sich, denn so durchwühlt und erregt hatte er sie niemals
gesehen. Sie raste durch den Raum, immer querüber von Ecke zu Ecke und
hielt die Hände gegen die Ohren gepreßt. Offenbar war das Spiel der
Flöten und Geigen daran schuld. Der Falkner ging hinaus, beriet mit dem
Kastilianer Antonio Vacca, was zu tun sei, dann kehrten beide zurück
und Jan Dalaunes schlug der Infantin vor, ihm in den Luxemburger Palast
zu folgen, der nur wenige Straßen entfernt lag. Johanna, qualvoll
bedrängt, hatte nicht übel Lust, zu willfahren. Doch näherte sie sich
zuerst der Leiche Philipps, beugte sich nieder, umschlang den Toten,
wisperte in sein Ohr, küßte die wächserne Stirn, lächelte
beschwichtigend wie eine Mutter, wenn sie den Säugling verlassen muß,
wandte sich endlich mit fahl glänzenden Augen zu den beiden Männern und
sagte heiteren Tons: »Er fängt schon an zu träumen.«
Dann ging sie, tief in sich gekehrt. Und so, nach innen webend, schritt
sie im Luxemburger Palast über einen von Dämmerlicht erfüllten Flur, als
plötzlich der Kastilianer vor der offenen Türe eines Saals stehen blieb
und lächelnd den Arm ausstreckte. Vor einem länglichen Tisch stand ein
feister Mann im Samthabit und mit weißer Halskrause und neben ihm, ein
Buch in der Hand, saß ein Knabe von etwa zehn Jahren.
Donna Johanna hob langsam die schweren Augenlider und starrte hinein.
Durch die Marienglasscheiben der schmalgebogenen Fenster fiel ein
gelblicher Perlenschein in den stillen Raum. »Wer ist der Knabe?« fragte
Johanna beklommen. Antonio Vacca antwortete mit demselben diensteifrigen
Lächeln: »Es ist Euer Sohn Karl, edle Donna, und der würdige Herr Cernio
ist mit ihm, der beste Grammatikus weit und breit. Ich selbst habe die
Ehre, seine Hoheit in den Rechtswissenschaften zu belehren.«
Flüsternd trat der Kastilianer an den Tisch. Der Knabe erhob sich und
schritt gravitätisch zur Schwelle. Dann stand er vor seiner Mutter:
regungslos, schmalen Antlitzes, bleich, schweigend und schwermütig.
Ein Laut drängte sich auf Johannas Lippen. Ihr war, als seien Brust und
Leib mit Feuer angefüllt. Schon wollte sie reden, da gedachte sie noch
zu rechter Zeit der Worte des Mönchs: zu vergessen jeden eigenen Schmerz
und jede eigene Lust.
Stumm und kühl nickte sie dem Knaben zu, wandte sich ab und ging weiter.
Mit tief gesenktem Haupt folgte ihr der treue Falkner Jan Dalaunes.
* * * * *