Als das Abendläuten von den Türmen der Kathedrale klang, for

Produced by Markus Brenner and the Online Distributed

Proofreading Team at http://www.pgdp.net

Die Schwestern

Drei Novellen von

Jakob Wassermann

Dritte Auflage

S. Fischer, Verlag, Berlin

1907

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.

Published, May 10, 1906. Privilege of copyright in the United States

reserved under the act approved March 3, 1905 by S. Fischer, Verlag,

Berlin.

Inhalt

Donna Johanna von Castilien Seite 9

Sara Malcolm " 69

Clarissa Mirabel " 99

Donna Johanna von Castilien

Die Infantin Johanna wurde geboren beim Sterbensgeschrei von mehr als

hundert Ketzern, die in derselben Stunde den Feuertod erlitten und unter

demselben Fenster, hinter dem die Königin Isabella in Wehen lag.

Des Kindes Haut zeigte eine bernsteingelbe Farbe und seine Augen waren

groß, tief, still und düster. Außerdem hatte es unter der Brust ein Mal

in Form eines liegenden Kreuzes, von sonderbaren helleren Linien

umgeben, die züngelnden Flammen glichen. Am Hof entstand später das

Gerücht, daß die Infantin den Anblick des Feuers nicht ertragen könne.

Nicht wie andere Kinder hatte sie Freude an Spiel und Tand und bei

festlichen Gelegenheiten verbarg sie sich und suchte die Einsamkeit. Sie

lernte spät sprechen und galt bei allen, die sich auf den menschlichen

Geist verstehen, alsbald für blöde. Ihren Eltern brachte sie wenig Liebe

entgegen, auch sah man sie niemals mit wahrer Inbrunst beten, doch immer

wenn die Nacht kam, wurde sie noch scheuer als sonst und im Schlaf

schrie sie wie ein Teufel aus peinigenden Träumen auf.

Der König, dem das Kind ein ängstlicher und trübsinniger Anblick war,

suchte sie mehr und mehr aus seinen Augen zu entfernen, und als sie elf

Jahre zählte, schickte er sie ins Kloster Santa Maria de las Huelgas bei

Burgos; sein Entschluß hiezu wurde durch den Vorfall mit dem englischen

Windspiel bekräftigt.

Johanna besaß nämlich ein englisches Windspiel von edler Rasse; sie

hing mit großer Liebe an dem Tier, es mußte des Nachts neben ihrem Bette

schlafen, sie gab ihm selbst zu fressen und führte es selbst in die

Gärten. Das Tier war auch seinerseits der jungen Herrin treu ergeben.

Eines Nachts aber geschah es, daß sich Johanna aus dem Schlaf erhob; es

war ein Gewitter, und in dunkler Furcht schritt sie zum Fenster. Das

Windspiel aber, mochte es nun durch Donner und Blitz erschreckt und

erregt sein oder ein Traum seinen Instinkt getrübt haben, knurrte

plötzlich und biß Johanna ins Bein. Die Wunde war ungefährlich, doch

Johanna, obwohl sie das Tier noch eben so zärtlich liebte, hatte

beschlossen, es müsse sterben und nichts konnte sie von ihrem Vorsatz

abbringen. Sie wußte sich ein Dolchmesser zu verschaffen, lockte den

Hund in einen abgelegenen Teil des Gartens und schnitt ihm dort, während

er zu ihren Füßen lag, ruhig und schnell die Kehle durch.

Diese Tat wurde bekannt und erzeugte teils Verwunderung, teils mehrte

sie das stille Grauen vor der Infantin. Sie hatte auch eine Art,

Menschen anzublicken, daß die betreffenden am liebsten Reißaus genommen

hätten, sich jedenfalls aber heimlich bekreuzten.

Das traurige Land um Burgos, seine kahlen Hügel, die nur, wenn die Sonne

unterging, in einem Bad aus Purpur wie ungeheure Rubine funkelten; die

düstere Stadt mit ihren krummen Gassen, den hohen getürmten Häusern, den

alten Palästen mit halbverfallenen Schwibbögen, vergitterten Torwegen

und kleinen Fenstern; dazu die Abgeschiedenheit des Klosters selbst,

dies alles war dazu angetan, Schleier auf Schleier um das Gemüt der

Infantin zu weben. Nur ihre Augen strahlten aus der Dämmerung der Seele

wie der Widerschein zweier Sterne aus dem Wasser eines tiefen Brunnens.

Als sie an den Hof zurückkehrte, hieß es, daß sie sich auf die magischen

Künste verstehe. Einige sagten offen, daß sie mit Spiegeldeutern,

Menschenmachern und Rosenkreuzern zu tun habe, daß sie aus kochendem

Wasser weissagen könne und daß sie von einem dänischen Schwarzkünstler

gelernt habe, Mumien wieder zu beleben. Sicherlich verstand sie sich auf

den Ringgang der Planeten um die Sonne, und eines Tages erzählte der

Greffier, der es wiederum vom Turmwart wußte, daß sie oft um Mitternacht

regungslos auf dem Balkon liege und in den gestirnten Himmel blicke.

Auch befand sich in ihrem Schlafgemach ein Astrolabium und die

Marmormaske eines hellenischen Gottes.

Um diese Zeit zog einmal der Hof nach Toledo, wo in der Charwoche eine

Reihe von Ketzergerichten abgehalten wurde. Vom Schaugerüste aus

erblickte Johanna ein schwangeres Weib am Pfahl. Durch die Heftigkeit

der Flammen sprang das Kind aus der Mutter Leibe, doch nach einer kurzen

Beratung der Priester schleuderte man es als eine Ketzerbrut wieder ins

Feuer. Niemals vergaß Johanna den tierisch-jammervollen Schrei der

Mutter. Ihr in eine weite Ferne, gleichsam auf ein fernes Licht

gerichteter Blick suchte nach einem Pfad zu diesem Licht; die Erwartung

besiegte die Erfahrung.

Kaum hatte sie das siebzehnte Lebensjahr vollendet, als sich von vielen

Ländern und Thronen her Bewerber um ihre Hand meldeten, denn diese Hand

verfügte über die Reiche Castilien und Arragon, welche ihr elterliches

Erbe bildeten. Was den König betrifft, so hatte er nur einen ins Auge

gefaßt: Philipp von Österreich, des römischen Kaisers Sohn. Aber der

Kaiser war anfangs nicht zum höchsten von dem Plan erbaut, seinen

einzigen Sohn der Spanierin zu vermählen.

Es war eine Hatz von Intriguen und wurde in der Sache endlos viel Papier

verschrieben und Boten reisten hin und her zwischen dem Connetable und

dem Hofmarschall. Viele Stimmen erhoben sich dawider, der Prinz selber

verhielt sich schwankend, da hatte einer unter den Spaniern den Einfall,

die Schönheit der Infantin durch eine poetische Floskel zu beleuchten

und er schrieb über sie an den Hof zu Wien: Johannas Haut sei so fein,

daß man den roten Wein, den sie trinke, ihr durch den Hals gleiten sehen

könne. Die Metapher wurde von den einen belächelt, von den andern für

bare Münze genommen, doch wurde Philipp neugierig nach einem solchen

Weibe.

Endlich waren die Verträge feierlich besiegelt und beschworen, und mit

einem großen Gefolge von edlen Herren, worunter sich auch sein Spezial,

der Pfalzgraf Friedrich befand, zog der achtzehnjährige Philipp über

Savoyen und Südfrankreich nach dem ehrwürdigen Burgos, wo er zu Beginn

des Herbstes ankam. Er trug beim Einzug ein weißes Kleid von offner

weißer Seide und ritt auf einem weißen Pferd. In der engen Straße beim

Tor stolperte das Pferd und fiel auf die Kniee; darin sahen viele ein

Ereignis von übler Vorbedeutung.

Beim ersten Anblick ihres zukünftigen Gemahls blieb Johanna, alles

Zeremoniell vergessend, bleich und kühl wie ein steinernes Bild inmitten

ihrer Frauen stehen. Sie rührte sich nicht, bis Madame de la Marche sich

ihr näherte und mit einer dringlich zugeflüsterten Mahnung der

erschreckenden Starrheit ein Ende machte. Gegen den befremdeten Prinzen

wurde die Ausrede erfunden, die Infantin habe den Tag über in einem

finstern Gemach in Gebetsandacht verweilt und sei durch den reichen

Kerzen- und Fackelschein geblendet gewesen; außerdem habe die Schönheit

Don Philipps sie gewiß der Sprache und des Ausdrucks schuldiger

Höflichkeit beraubt.

Philipp, nicht gewohnt in den Mienen anderer Menschen zu lesen, legte

dem Vorfall keine Wichtigkeit bei, auch nahmen die Vergnügungen einer

ununterbrochenen Geselligkeit seine Gedanken völlig ein. Am Tag vor der

Hochzeit ward er unter einem köstlichen Baldachin durch sieben

Triumphbögen in die Kathedrale geleitet und verrichtete dort seine

Andacht. Es war schon in der dritten Stunde der Nacht, als er mit der

Infantin im geschmückten Saal des Schlosses zusammenkam, darnach folgte

der päpstliche Legat, der sie ehelich verband, und der Erzbischof von

Toledo hielt die Messe. Als sie ihre Sünden gebeichtet, so erzählt ein

namenloser Chronist, haben sie das hochwürdige Sakrament empfangen und

nach dem Segen des Kardinals heilig und christlich Hochzeit gehalten.

Aber als die Nacht verstrichen war, sah man den Herzog bleich und wild

aus dem Gemach stürzen, während die Infantin von ihren Frauen ohnmächtig

aufgefunden wurde. Es hieß alsbald, doch nur im Geheimen wurden solche

Stimmen laut, daß Johanna sich der Hingabe an ihren Gatten weigere.

* * * * *

Das Gebot der Kirche drang nicht in Johannas Seele; das priesterliche

Wort war ihr nicht viel mehr als eine auf die Mauer gemalte Formel. Ihr

Körper lebte, er wurde befehligt vom Blut und das Blut ward entzündet

von der Sehnsucht. Der in die weite Ferne gerichtete Blick war des

Pfades noch ungewiß, welcher zum Licht führte.

Unter dem Meeresspiegel, unberührt von Stürmen, für Menschen nicht

erreichbar, wächst ein Zauberkraut, das den Tod besiegt. So wuchs in

Johannas einsamem Gemüt ein Bild von Liebe: eine Blume, die den Tod

besiegt. Sie konnte nicht geraubt werden, sie konnte nur langsam bis an

die Oberfläche des Lebens wachsen. Völlig vom Zweck entblößt, in

Erwartung und Zuversicht so gesammelt, daß es wie Himmelsflammen Geist

und Leib durchdrang, der Vision unterworfen, von der Speise des Traums

genährt, Wort, Wunsch und Hoffnung musikalisch füllend, so empfand sie

Liebe.

Schnell wird Tugend zum Wahn und Wahn zur Krankheit; und wieder ist das

Edelste an den Geschöpfen nicht ohne einen Hauch von Krankheit. In

einem arragonischen Tal gab es ein Weib, die seit Jahr und Tag auf einem

Stein saß, um den Heiland zu erwarten, und die weinend das Gesicht

verbarg, wenn einer vorbeiging, der eben nur Mensch war. Dieser war es

bestimmt, ihr Herz an ein Etwas zu binden, was nicht aus Erde gemacht

ist, und sie webte hin in geheimnisvoller Glut.

Johannas Unschuld hatte sich bewahrt beim Anblick der tückischen

Leidenschaften, die ihr Vaterland mit Blut düngten. Sie hatte sich im

Frost der Lieblosigkeit wie ein winterliches Kleid um das Herz

geschmiegt. Johanna hatte vieles gesehen, was den Schlummer ihrer Jugend

zerrissen hatte, und es war Zwang von außen, der ihr das Schicksal an

den Lauf der Sterne zu knüpfen befahl. Auch war es eine Zeit, vor der

der Nachdenkliche in Bangnis geraten konnte: der Ozean gebar neue

Länder, Ost und West gaben unerhörte Mysterien preis, das Wort Christi

starb hin, als wäre es nie gewesen, über das Firmament schauerte wie ein

Fieber der Gedanke der Unendlichkeit.

Sie träumte von einem Antlitz, das im Schmerz die Züge großer Liebe

annahm wie der glühende Stahl sich unter dem Hammer biegt; von einem

Auge, nicht getrübt, sondern verklärt durch das Verlangen; von einer

Gebärde, vertrauenswürdiger als Eide; von einem Laut aus dem innersten

Innern des Herzens; von einer Gewalt, die sie ergriff und trug,

Niedriges zerstampfte, Häßliches unsichtbar machte. Ihre Sinne waren

geschärft für Blick, Gebärde, Laut; für den Schmerz, den die Gelegenheit

erzeugt, und für den, der das Dasein verdunkelt; für die aus Qual und

Lust geborenen Versprechungen, welche die Züge der Redlichkeit heucheln,

und für diejenigen, die von Gott selbst geheiligt werden und wie ewige

Säulen den Bau der Seele tragen.

Oft war ihr, als risse sie eine ungeheure Faust vom Boden empor und

hielte sie so zwischen Himmel und Erde, daß sie nicht fallen konnte,

jedoch fortwährend zu fallen fürchten mußte. Sie schien hoch über allen

zu schweben und verging vor Angst, tief unter alle hinab zu fallen. Es

kam vor, daß sie nächtelang auf den Knieen lag und für Philipp betete;

aber nicht wie das Weib für den Gatten betet; Philipp stand schattenblaß

vor ihrem innern Auge, fast wie ein Gespenst, noch ohne feste Gestalt,

wie etwas aus weiten Fernen, was auf einer schwanken Brücke ging oder

auf lautlosem Wasser glitt. Sie wünschte, daß Philipp kommen, daß er

werden, daß er leben möge.

Sie hatte soviel Finsternis in sich, daß ihr die Nacht bisweilen wie ein

leuchtender Nebel erschien. Dann schoben sich alle Dinge auf einfachste

Linien zusammen, alles wurde Gesicht, Steine atmeten, tote Räume

redeten. Wie unfaßlich und überwältigend war es dann, auf dieses Wesen

zu warten, das da wurde, aus dem Wirrsal der Kreaturen emporstieg,

zugleich kristall- und pflanzenhaft. Sie selbst spürte sich wie eine

Blume, ihr Menschenleib löste sich ab, und sie schaute in ihr eigenes

Antlitz, das welk und schlafend schien.

* * * * *

Es liegt den geringen Naturen nahe, daß sie, an das Los einer größeren

gekettet, nicht an Schicksalsvollzug glauben wollen, sondern die Flucht

ergreifen und zu den niedrigen Neigungen eilen, die ihnen die Herrschaft

in ihrem Eigenkreise sichern.

So auch Philipp. Den Spott seiner Leute fürchtend, bemühte er sich, der

Alte zu sein, sich selbst zu überbieten, und gab acht, daß die Sache,

die insgeheim seine Ehre benagte, nicht durch die Mäuler geschleift

werde. Wurde nach und nach seine Hoffnung geringer, die Infantin zur

Vernunft zu bringen, so verbarg er doch so gut als möglich die wachsende

Ungeduld. Er dachte an Gewalt; dies hatte gute Weile, es brachte zuviel

Lärm mit sich, außerdem durfte er die Meinung des Volkes nicht

mißachten, dem er noch ein Fremdling war.

Zuviel Kopfzerbrechen. Diesem Jüngling war es nicht gegeben, am Menschen

Schwierigkeiten zu entdecken. Er suchte Zerstreuungen und trieb es

unverhohlen mit der hübschen Anna Sterel, der Gattin eines schwäbischen

Edelmannes. Seine Phantasie malte ihm das Bild einer eifersüchtigen

Infantin, die sich so, schlau erdacht, in den eignen Stricken fing.

Nächtlicherweise ging er mit dem Freund, dem Pfalzgrafen Friedrich, auf

Abenteuer. Sie verkleideten sich und trieben allerhand Unfug.

Der Pfalzgraf war ein Held, eine Leuchte des Rittertums, deutscher Herr,

aber ganz nach dem neuen spanischen Schnitt, voller Galanterien, voller

Schulden. Er war auch musikalisch und schlug den Herrn von Moncada, der

behauptet hatte, die Musik mache weibisch, beim Turnier so darnieder,

daß er taub wurde. Als Reiter hatte er nicht seines gleichen; es war

sprichwörtlich zu sagen: er reitet wie der Pfalzgraf. Dieser Bramarbas

brach in ein höllisches Gelächter aus, als ihm Herr Hughes von Melun,

der die Kunde von Frau von Molembais besaß, vorsichtig zuflüsterte, wie

es um Philipp und Johanna stand. Er rasselte von Kopf bis zu den Füßen,

er rasselte mit Kette, Schwert und Augen, als er erwiderte: »Gemach,

gemach! der Herzog wird wohl wissen, wie man ein störrisches

Frauenzimmer traktiert. Es ist nicht lange her, daß der muntere Philipp

zu jedem Nachtessen ein warmes Weiberherz verspeist hat.«

Nun mußte der Pfalzgraf im Frühjahre nach Deutschland zurückkehren.

Philipp war traurig wie einer, der beim Wein sitzt und dem plötzlich der

Wind Becher und Flasche davonträgt. Er verlor die Sicherheit und begann

mißtrauisch und mit verhaltener Wut auf das Wispern zu horchen, in dem

sich Herren und Diener gefielen, wenn er vorüberging.

Das Gerede war nicht mehr zu dämmen. Ein Hoffräulein hatte das Geheimnis

dem Granvella anvertraut, der hinterbrachte es dem König nach Madrid.

Der König war außer sich und schickte seinen Kanzler zu Philipp, die

Königin ihre erste Dame zu Johanna. Scheidung und Kerker wurden der

Infantin in Aussicht gestellt; wo heilige Satzungen verletzt würden,

dürfe der König das eigene Geschlecht nicht schonen. Im August mußte Don

Philipp nach Italien ziehen, und der König befahl der Infantin, sich

nach Medina del Campo zu begeben. Sie wurde dort gleich einer Gefangenen

gehalten, ein fanatischer Dominikaner, durch ihre Ruhe getäuscht,

glaubte mit wilden Predigten ihr Gewissen schrecken zu sollen und

krächzte ihr wie ein böser Rabe dreimal täglich das Register der

höllischen Strafen vor.

Nach seiner Heimkehr ließ Philipp die Infantin zu sich kommen und

versprach ihr aus freien Stücken, sie vor allen Verfolgungen zu

schützen. Einige meinten, Furcht vor ihren Zauberkünsten hätte ihn dazu

bewogen. Andere sagten, ihre Schönheit habe plötzlich seine Begierde

erregt, und aus List habe er sie bestimmt, sich vorerst zum Schein zu

fügen.

Indes brachten giftige Zungen sein Blut in Aufruhr, und ihn wurmte der

düstere Spott in allen Gesichtern. Dem versteckten Spaniertum war seine

aufrichtige Jugend nicht gewachsen. Wie eitel ihre Blicke, wie

verräterisch ihr Händedruck, und der Ton ihrer Rede so süß, daß man

Honig auf der Zunge zu spüren glaubte. Eingesponnen von

wirbelnd-schwüler Luft, des öftern schlaflos liegend, von Gier und Groll

gewürgt, ließ sich Philipp von seinem ungelenkten Trieb zu einer

Handlung niederträchtiger Art hinreißen.

Er verabredete sich mit den beiden Kämmerlingen, Herrn von Fyennes und

Herrn Florys von Ysselstein. An einem Abend drangen sie zu später Stunde

durch einen geheimen Gang und, indem sie eine verschlossene Tür

erbrachen, in das Schlafgemach Johannas. Mit dem gezückten Schwert

stellte sich der Herzog vor das Bett und forderte die Infantin auf,

sein rechtmäßig leibliches Weib zu werden; sträube sie sich aber, so

müsse sie den Tod erleiden.

Die schöngeflächten Wangen von fahlem Glanz übergossen, richtete sich

die Infantin auf und bedeutete den beiden Edelleuten, das Zimmer zu

verlassen. Diese dachten nicht anders, als ihrem Herrn geschehe der

Willen, und gehorchten. Darauf entkleidete sich Johanna, band ein

schwarzes Tuch über die Augen und sagte: »So könnt ihr mich nehmen,

sehend nicht, so könnt ihr euren Wunsch befriedigen und zugleich eure

Drohung wahr machen. Gott sei mir gnädig.«

Philipp, eben noch toll und heiß, stand eine Weile nachdenklich. Dann

fing er an zu zittern und zitternd, mit scheu gesenkten Blicken, verließ

er den Raum. Von Stund an war er verwandelt. Im Palast verbreitete sich

Sorge und Befremden. Nur für Johanna begann sich sein Körper langsam aus

dem Chaos der Ungestalten zu lösen.

* * * * *

Anfangs lag er noch der Jagd und dem Ballspiel ob, erschien auch noch

regelmäßig bei der Tafel. Dann schloß er sich ab. Seine Hautfarbe ward

grau, sein Auge trüb und krank, sein Gang gebückt. Don Diego Gotor, der

Leibarzt, sagte, daß ein Fieber in seinen Knochen wühle. Es schien, als

wäre er nicht mehr imstande, ein vernünftiges Gespräch zu führen; jede

Aufmunterung nahm er ohne Anteil hin.

Er gab die notwendigen Befehle schriftlich und sprach nur mit Donna

Gregoria, Johannas einziger Vertrauten, die täglich zu ihm kam.

Es ist Zauberei, sagten die Hofleute. Wenn Diego Gotor aus dem Zimmer

des Herzogs trat, umringten sie ihn neugierig. Das Greisengesicht Don

Diegos, das durch ein dauerndes Wechselspiel von tausend Falten und

Fältchen Ähnlichkeit mit einem stürmischen Wolkenhimmel hatte, war

traurig und ratlos. In einem Leben von siebzig Jahren hatte Diego Gotor

das Gemüt der Menschen mit derselben Begierde erforscht, mit welcher der

unscheinbare Wurm das Innere der Erde durchhöhlt.

Er sagte: »Im Morgenland erfuhr ich, daß Jünglinge, denen der Gegenstand

ihrer Liebe sich entzog, in ein Leiden verfielen gleich dem unseres

Herzogs. Ein solcher Mensch lag wie im Starrkrampf da, schwebte zwischen

Schlaf und Tod, und sein Geist hatte nicht mehr die Kraft, den Körper zu

regieren. Konnte sein Begehren nicht gestillt werden, so siechte er

allmählich hin und mußte sterben oder es brauchte viele Jahre und

dauernde Entfernung von der geliebten Person, bis er wieder unter

Menschen wandeln konnte, der Freude freilich beraubt. So geschieht es

wie gesagt im Morgenland, wo das Blut von dicker und schwarzer

Beschaffenheit ist. Doch versicherte mich ein gelehrter Mann, daß, wie

der Blitz nur in die höchsten Bäume schlägt, bloß Auserwählte von

solchem Unheil betroffen werden können, und daß gemeine Fleischeslust

damit nicht mehr verwandt ist als das Küchenfeuer mit dem Blitz.«

Die Ritter fluchten der Infantin. Wie kann Johanna einem Jammer ruhig

zusehen, dessen Ursache sie selber ist, ließen sie sich vernehmen; wie

erträgt sie es vor ihrem Gewissen, den herrlichen Mann so sich verzehren

zu lassen, als wäre sie stumm, taub, blind und lahm.

Bald fing Philipp an, Trank und Speise von sich zu weisen, versagte sich

dem Gebet, und sonst heilsame Mixturen übten keine Wirkung. Seine Augen

erloschen, die Hand schloß sich nicht mehr zum Druck beim Gruß.

Des Nachts richtete er sich auf und streckte die Arme aus, als wolle er

ein Luftbild umschlingen. Die heiße Lippe lallte einen zärtlichen Laut.

Wenn er in den Spiegel sah, so erblickte er nicht sein eigenes Antlitz

und bisweilen küßte er in der Verblendung den eigenen Mund.

Die Infantin trat oft an Philipps Lager, sie erhaschte seinen Blick und

hielt ihn fest, sie grub gleichsam das Innere seines Auges auf. Die

blauen Sterne schwammen auf der milchigen Iris in einer Art von Wahnsinn

langsam von Eck zu Eck. Das korngelbe Haar klebte naß auf der steilen

Stirn. Der schmale Körper, auf der Seite liegend, glich einem gespannten

Bogen. Donna Johanna schüttelte den Kopf; noch schritt Philipp auf

lautlosem Wasser in trüber Ferne.

Aber ihre Sehnsucht wurde so groß, daß es, als wäre die Erfüllung schon

geschehen, wie ein Strom der Verzücktheit durch ihre Brust floß. Sie sah

den blauen Himmel besät mit smaragdenen Blumen und die myrten- und

lorbeerbeladene silberne Erde hob sich schwellend dem Firmament

entgegen. Oft eilte sie in der Dämmerung durch die Galerien in die

Gärten, so schnell, daß Donna Gregoria kaum zu folgen vermochte.

Begegnete ihr jemand auf diesem Weg, so blieb sie stehen und schaute ihn

an, streng und wild. Wer ist der Mann? fragte sie ihre Begleiterin mit

ihrer wunderlich flötenden oder gurrenden Stimme. Und Donna Gregoria

erwiderte etwa: es ist einer von Don Philipps Freunden. Doch Johanna

hörte die Antwort nicht mehr; sie war schon weiter geschritten; die

gelben dünnen Lider, von zahllosen blauen Äderchen übersponnen, schienen

die vollflammenden Augen zu begraben, der Kopf senkte sich nach vorn,

von ihrer Schulter wehte der Abendwind den Schleier herab, und der

entblößte Nacken leuchtete wie das Holz eines frischgeschälten jungen

Baumes...

Da geschah es, daß Herr von Carancy und Herr von Aymeries übereinkamen,

dem König neuerdings von allem Bericht zu erstatten und dringend zu

fordern, daß die Infantin in ernste Rechenschaft gezogen würde, deren

Verhalten sie als eine Frucht und einen Beweis der teuflischen

Schwarzkunst ansahen. Sie versicherten sich des Einverständnisses der

übrigen Granden und Räte, und Herr von Carancy sollte den Wortführer

machen. An einem Freitag zu Anfang September ritten sie mit ihren Leuten

gen Valladolid, in welcher Stadt der König damals gerade Hof hielt. Am

Hoflager angelangt, ließen sie sich melden, und Herr von Carancy trug

mit zornverhaltener Beredsamkeit vor, was im Palast von Burgos die

Gemüter verfinsterte.

Der König wurde vor Ingrimm totenbleich. Schon lange hegte er der

schmählichen Angelegenheit wegen gerechte Besorgnis. Es wurde ein

Haftbefehl ausgefertigt, demzufolge Johanna auf das feste Schloß

Portillo in Ketzergewahrsam zu bringen sei. Der Kommandant von Burgos

habe zweihundert Mann unter den Befehl des Herrn von Carancy zu stellen;

mit ihnen und in Begleitung des Ober-Alguazils, damit den Waffen auch

das Gesetz zur Seite stehe, solle dieser in den Palast dringen und die

Infantin fortführen.

Die zwei Herren waren zufrieden; Ketzergewahrsam hieß so viel, als unter

Foltern langsam sterben. Sie kehrten ehestens nach Burgos zurück und

handelten ohne Verzug. Der Stadtkommandant, sehr betroffen über den

königlichen Befehl, wagte nicht zu widersprechen, trotzdem er eigentlich

nur dem Herzog zu gehorchen hatte. Er sandte aber im geheimen Botschaft

an den Haushofmeister im Schloß, um die Leute der Infantin vorzubereiten

und zu warnen.

Als das Abendläuten von den Türmen der Kathedrale klang, forderte Herr

von Carancy mit seinen Bewaffneten im Namen des Königs Einlaß in den

Palast, ließ sämtliche Tore besetzen, postierte einen Teil der Leute in

den Gängen und auf den Treppen und schritt, von seinem Genossen und dem

Oberrichter gefolgt, nach den Gemächern der Infantin. Madame de Bevres,

die ihm entgegentrat, antwortete auf seine rauhen und herrischen Worte

mit Ruhe, daß sich Donna Johanna im Bade befinde.

Herr von Carancy war mißtrauisch, mußte sich aber zu warten

entschließen. Da jedoch beinahe eine halbe Stunde verfloß, ohne daß

weder die Herzogin noch eine ihrer Damen sich zeigte, übermannten ihn

Argwohn und Ungeduld, er öffnete die nächste Türe, die in ein leeres

Zimmer führte, durchschritt diesen Raum und gelangte zu einer zweiten

Türe, die er gewalttätig aufwarf.

Die Infantin saß vor einem Porphyrtisch, auf dem ein goldner Leuchter

mit fünf brennenden Kerzen stand. Sie saß in einem Stuhl mit hoher

Lehne, doch nicht hingelehnt; ihr Oberkörper war seltsam steif

aufgerichtet und diese Steifheit wurde vermehrt durch die regungslos

niederhängenden Arme. Sie trug ein kastanienbraunes Kleid, das man für

ein Mönchsgewand hätte halten können, wäre nicht die zartgelbe Stickerei

am Saum und an den Ärmeln gewesen.

Hinter ihr stand Donna Gregoria und kämmte der Herrin das Haar. Donna

Gregoria war klein, schlank, gelenkig, spitzgesichtig. Sie hatte etwas

von einer Äffin und etwas von einer Schwalbe. Liebkosend hielt sie das

bläuliche Haar in der Linken und lauschte dem knisternden Geräusch, das

ihr Kamm hervorbrachte.

Auch der Alguazil und andere Herren waren inzwischen herbeigekommen und

starrten nicht ohne Scheu über die Schwelle. Von gegenüber, aus offenen

halberleuchteten Räumen eilten Kammerfrauen herzu und blieben mit

gefalteten Händen stehen. Donna Gregoria hörte auf zu kämmen und schaute

über die Schulter hinweg hochmütig fragend auf Herrn von Carancy, dem

die Sprache versagte und der rückwärts griff nach dem Pergament in den

Händen des Richters. Donna Johanna erhob sich; sie war weder erstaunt

noch erzürnt. Es war, als lausche sie auf den verworrenen Lärm, der von

draußen hereinschallte, und ihre gelben dünnen Lider bewegten sich kaum,

als sie fragte: »Was hat seine Herrlichkeit der König über mich verfügt?

denn nur in seinem Namen kann vielleicht ein solcher Überfall sich

rechtfertigen.«

Herr von Carancy zuckte zusammen und über seine Haut rann ein Schauder.

Doch antwortete er, was er antworten mußte.

Bei dem Worte Ketzerhaft stieß Donna Gregoria einen gellenden Schrei

aus. Die Infantin machte eine abwehrende Bewegung. Ihre Stirn schien

beinahe unsichtbar zu werden unter der sinkenden Wolke des Kummers. Ihr

Gesicht lag wie ein Stein im Bett des schwarzaufgelösten Haares. »Ich

bin bereit,« sagte sie mit einem verlorenen Lächeln, denn der Wille zu

leiden umflutete sie wie Wollust.

Donna Gregoria ergriff den Leuchter und wollte damit, planlos, sinnlos,

der Herrin vorauseilen. Die fünf brennenden Lichter, im Zugwind wehend

und hoch emporgehalten, erschienen Johanna auf einmal als untrügliche

Verheißung, so daß was nun folgte, ihrem atemlosen Erwarten schon wie

ein tiefes, sattes Ruhen war, und indem sie es lebte, spürte sie es

schon als Erinnerung, dankbar und müde.

Besorgt über die Wirkung, die Johannas Gefangennahme auf Philipp haben

würde, hatte Don Diego Gotor dem Herzog in kurzer Frist von dem was im

Werke war Mitteilung gemacht. Zwischen seinem letzten Wort und der

Sekunde, die ihn nun Aug in Aug mit der Infantin sah, war nicht soviel

Zeit verflossen, als man braucht, um bis fünfzig zu zählen. Der Herzog

strauchelte keuchend herein. Sein Auge, das den Eindruck von etwas

Morschem, Faulendem machte, haftete auf nichts, auf keinem. Er sank vor

Donna Johanna auf die Kniee, und als sie ein wenig zurückwich, sank er

noch weiter hin, platt an die Erde. Wie er lag, fing er an zu weinen.

Alle dachten, nun sei es zu Ende mit ihm, und starrten bestürzt einander

an.

Die Infantin hatte die Fingerspitzen beider Hände zusammengepreßt. Ihr

Haupt fiel auf den gedehnten Hals nach rückwärts. Sie lauschte beseligt

dem Weinen, das wie Flügelrauschen zu ihr emporwirbelte. Jetzt sah sie

Philipp, jetzt war er da, er lebte. Mit jähem Ruck beugte sie sich herab

und drückte sanft die Hand auf sein Haar. Philipp schwieg, schaute auf,

ihre Blicke verschmolzen, es hob ihn wie von selbst, er umfaßte mit den

Armen ihre Schenkel und trug sie kurz und heiser aufjubelnd durch einen

purpurnen Nebel von Glück hindurch.

Johanna lachte lautlos in die Luft hinein, und es war ihr, als ginge es

über Mauern, die vor Philipps Schritt zerbarsten, über Wälder, deren

Finsternis wie Glas zersprang, und über das Meer, das wie flüssiges

Morgenrot schäumte.

Die ganze Nacht hindurch war das Schloß von heiterster Ausgelassenheit

erfüllt, auch in der Stadt herrschte alsbald festliches Wesen. Die

vornehme Familie der Stuniga ließ auf offener Straße eine Zechtafel für

das Volk errichten.

* * * * *

Fahrende Sänger und Liederdichter flochten nun in ihre oft rezitierten

Strophen gern einen Vers ein zum Preis der innigen Liebe zwischen

Philipp und Johanna von Castilien.

Aber der Hof zu Burgos wurde allmählich eine Stätte des Schweigens. Den

Pagen, Rittern und Edelfrauen ging der Stoff zu schwatzen aus. Ein

vereinzeltes Lanzenstechen half auch nur über ein paar Tage hinweg. Die

Herren saßen oft betrübter da als nach verlorenen Schlachten, und manche

erbaten den Abschied, um nach Rom, Madrid oder Flandern zu ziehen.

Kamen die spöttischen Granden zusammen, so hieß es: was macht Philipp?

schläft er noch? Und es wurde erwidert: wenn der Dürstende trinkt, so

spricht er nicht.

Der Herzog zeigte sich selten öffentlich. Sobald die Ratsgeschäfte

erledigt waren, bei denen er ein ernst-wohlwollendes Betragen an den Tag

legte, zog er sich wieder in seine Gemächer zurück. War eine Jagd

angesagt, so ließ er die Geladenen oftmals allein ziehen oder entfernte

sich von der Gesellschaft, wenn es gerade am lustigsten war, und ritt

davon. Dann berichteten Hirten, daß sie ihn in einem einsamen Tal

angetroffen hätten, wo das Pferd sich selbst überlassen an einem Abhang

graste, indes Philipp ruhvoll auf der Erde lag und den Blick in die

Wolken sandte.

Einige ließen schüchtern verlauten, er sei eben im Bann gewisser

Zauberkünste. Doch mit Bestimmtheit wußte man nur, daß Johanna ihm

italienische Gedichte vorlas, auch die Berichte der Seefahrer über die

indischen Länder und die neuen Traktate über den Sternenhimmel, die in

Deutschland gedruckt wurden. Das Gerede blieb haltlos; zudem war der

Herzog nach wie vor ein eifriger Kirchengänger und bei den geistlichen

Umzügen zeigte er solche Andacht, daß es ergreifend war, in sein helles

Jünglingsgesicht zu schauen.

* * * * *

Es kam aber die Zeit, wo in diesem Gesicht bisweilen eine rasche Angst

aufzuckte. Da wurde dann die glattgespannte Stirn schlaff und warf eine

ermüdete Falte. Doch mußte Philipp allein sein, um den Mut zu finden,

diesem Ziehen außerhalb der Haut nachzugeben. Etwa wenn er in der

Dämmerung am Fenster stand und über die Baumwipfel hinwegspähte, in

deren Ästen der Frühling prickelte. Auch geschah es vor dem Einschlafen

in der Nacht, daß ein Seufzer über seine Lippen eilte.

Vor dem Traum flog sein Geist an die fernen Ufer der Donau. Dort war das

Leben viel leichter; es schien, als könne man dort mit plötzlich

unbelasteter Schulter wandeln.

Philipp sehnte sich nach einem Spiel. Nicht nach ritterlichem Spiel, --

er hatte häufig Lust, sich mit Landsknechten an einen schmutzigen

Kneipentisch zu hocken und mit ihnen Karten zu spielen. Es reizte ihn,

an ihren rohen Scherzen teilzunehmen, für sich allein trieb er Rede und

Widerrede, vergnügte sich innerlich an einer unflätigen Wendung und

kicherte, wenn er den Beifall der eingebildeten Hörer erworben zu haben

glaubte.

Ja, er trug Begierde nach etwas Gemeinem, Lüsternem, Schmutzigem und

Verruchtem. Diese Begierde wuchs, da er sie vor der Welt und sich selbst

mit Sorgfalt zu verbergen trachtete.

Nach längerem Beisammensein mit Johanna fielen ihm vor Erschöpfung die

Augen zu, und er sah aus, als schlafe er im Gehen und im Stehen. Denn

sie spannte seine Seele, sie dehnte seine Seele über alles Vermögen.

Wenn sie sprach oder schwieg, war es gleich schwer, immer gegenwärtig zu

sein. Ihr Schweigen war wie ein Marmorblock, den er auf seinen Händen

tragen sollte. Hände, Arme und der ganze Leib gerieten durch das Gewicht

des Blocks nach und nach ins Zittern, und die Kraft versagte. Sie ahnte

nichts davon, die mit aufgereckter Inbrunst ihm zur Seite ging,

beständig trunken von derselben dünnen Luft.

Hier war ein geheimnisvoller Kreis, in dem zu schreiten die Nerven bis

zum Klingen auseinanderzerrte. Ihn zu verlassen, schien bedenklich, denn

jenseits war vielleicht der Tod. Philipp fürchtete sich vor seinem Weib.

Einst gedachte er der nächtlichen Streiche, die er verkleidet in

Gesellschaft des Pfalzgrafen verübt. Er verkleidete sich ebenso, und als

es Nacht war, trieb er sich in den Gassen herum, mischte sich in die

Händel zwischen ein paar französischen Buschkleppern, brach einem

schwarzen Hund, der ihm bellend an die Schulter sprang, mit einem Griff

das Genick, fand eine Schenke voll schwäbischer Söldner, denen er soviel

Wein auftischen ließ, daß sie schließlich allesamt wie tot auf der Erde

lagen, und gelangte beim Morgengrauen unerkannt wieder ins Schloß. Es

war ein Auf- und Ausatmen.

Eine Woche vor Johannas Niederkunft kam der Connetable mit einer

vertraulichen Botschaft des Königs. Er gab dem Herzog zu verstehen, wie

große Bedenken es habe, das Kind in den Händen einer Frau zu lassen, die

nach dem Zeugnis aller Urteilsfähigen der gesunden Vernunft entbehre.

Wenn auch neuerdings das Unwesen sich gemildert habe, so bestehe doch

keine Sicherheit, schon der nächste Tag könne den Geist der Infantin

wieder verdunkeln. Der Herzog möge besserer Einsicht Gehör schenken und

das Kind aus dem dämonischen Bereich entfernen; der Hof von Madrid

erklärte sich bereit, die Erziehung zu übernehmen.

Philipp sträubte sich zuerst, gab aber bald nach. Es kam ein Mädchen zur

Welt, das am siebenten Tag seines Alters der mütterlichen Hut entwendet

wurde. Als die Infantin sich aus ihrem Bett erhob, konnte ihr der

Sachverhalt nicht verheimlicht werden. Man stellte aber alles so dar,

als ob ein Beweis der gnädigen Gesinnung des Königs vorliege.

Johanna hörte ruhig zu. Sie verlangte den Herzog zu sprechen. Es wurde

ihr bedeutet, Don Philipp habe in dringenden Geschäften verreisen

müssen.

In Wirklichkeit hielt sich Philipp auf einem Schloß in Arragon

versteckt, bis er annehmen durfte, Johanna habe sich dem Unvermeidlichen

ergeben. Er hatte ein paar gesellige Kumpane mit sich genommen,

darunter den Ritter Franz von Kastilalt, einen Abenteurer und

Possenreißer. Dieser wurde sein unzertrennlicher Trabant; auf die Gunst

des Herzogs bauend, verübte er mancherlei Untaten und wurde der

Schrecken friedlicher Bürger. Er war ein so gewaltiger Fresser, daß ihn

einst der Graf von Aranda um Gottes willen ersuchte, sein Gebiet zu

verlassen, weil er und seine Leute eine Hungersnot herbeiführen könnten.

Dem Herzog wurde die Stadt zu eng und von Castilien sprach er als von

einer Provinz des Teufels. Verhaßt wurde ihm sein Haus, verhaßt der

Himmel, der es bedeckte. Schien die Sonne, so beklagte er sich über ihre

Glut, fiel Regen, so meinte er höhnisch, ein Land, das Wasser gebäre

statt Wein, müsse man fliehen. Und er floh. Als die Unruhen in Flandern

ausbrachen, begab er sich übers Meer nach Antwerpen, dort blieb er aber

auch nicht lange, sondern zog den Rhein hinauf nach der fröhlichen Stadt

Köln und zu seinem getreuen Pfalzgrafen. Dann hetzte es ihn weiter, er

suchte die Heimat auf und verließ sie wieder, enttäuscht, beklommen und

grundlos erbittert. Die Herren am kaiserlichen Hof wunderten sich über

die unverträgliche Natur des Prinzen und seine hitzige Art; denn Philipp

war ehedem sanft gewesen.

Im ersten Monat des neuen Jahrhunderts, als die Kometen Unheil

ankündeten und die schwarze Pest aus Asiens Wüsten hauchte, machte sich

Don Philipp abermals auf und zog nach der niederländischen Stadt Gent.

Wie er nur noch eine Stunde von den Mauern entfernt war, kamen ihm der

Audiencier und Meister Jakob von Goudebault entgegen und teilten ihm

mit, daß Donna Johanna, hochschwangeren Leibes, seiner im Schloß harre.

Sie war wenige Tage zuvor von Spanien eingetroffen, voll Sehnsucht nach

dem Gemahl.

Don Philipp klopfte das Herz. In den sieben Monaten seiner Abwesenheit

hatte er Johanna gleichsam aus seinem Innern verloren. Er wußte nicht

mehr, wie sie aussah, wie sie sprach; er erinnerte sich nicht mehr an

die Farbe ihrer Augen und an die Form ihrer Schultern; ihre Stimme klang

ihm nicht mehr im Ohr, seine Gedanken hatten sich ihrer entwöhnt.

Geblieben war nur die zunehmende Bangigkeit, wenn er sich vorstellte,

eines Tages wieder Angesicht in Angesicht mit ihr sein zu sollen.

Er hatte ihren Namen durch die Länder geschleppt; nichts weiter als

ihren Namen. Sie mit Leib und Geist in der Stadt Gent zu wissen,

überraschte und erschreckte ihn. Er verzögerte den Einzug auf alle

Weise, so daß seine Leute nicht wußten, was sie davon denken sollten.

Dennoch durchflammte ihn gleichzeitig die äußerste Ungeduld und suchte

ihn zu bereden, daß die alte Leidenschaft wieder erstanden sei.

Als er Johannas Lippen auf den seinen spürte, starrte er offenen Auges

und stockenden Atems auf ihre bernsteingelben Lider, die sich tief

herabgesenkt hatten wie in einem Schlaf der Liebe. Ihm war, als müsse er

mit einem Messer die beiden zitternden Hautkugeln durchritzen, um

Sonnenlicht durch diese Behälter der Finsternis zu gießen.

Das große Gent gab dem Herzog zu Ehren ein Fest. Um Mitternacht, als

Tanz und Lustbarkeit im besten Zuge waren, fühlte sich die Infantin sehr

unwohl. Ehe man sie hinwegführen konnte, gebar sie im dichten Kreis

ihrer Damen ein Kind. Es war ein Knabe und er wurde Carlos genannt. Die

Herzogin Margarete nahm ihn in Obsorge. Diesmal kam der Entschluß, das

Kind in der flandrischen Stadt zu lassen, von Philipp selbst.

Als man das Schiff zur Rückkehr nach Burgos betrat, war die Infantin

noch des Glaubens, ihr Knabe sei mit an Bord. Erst auf hohem Meer erfuhr

sie, daß dem nicht so war. Mit einem langen Schrei stürzte sie aufs

Verdeck, um sich in die Wellen zu werfen, um zurückzuschwimmen und das

Kind zu holen. Ein Matrose packte sie noch am Arm. Bewußtlos fiel sie

hin.

* * * * *

Dieses Kind hatte sie mit dem Wissen einer Mutter im Schoß getragen. Die

lange Trennung von Philipp hatte ihr Gefühl zur Tiefe gedrängt. Der

höfisch gemessene Stil ihrer Briefe an ihn war die Schanze, hinter der

sie die Zuckungen und Tränen ihrer einsamen Leidenschaft verbarg. Auf

das unsichtbare, jedoch so nahe, ja mit ihr selbst verschmolzene

Geschöpf bürdete sie die Schönheit und den Reichtum der Erde wie man das

Bild der Muttergottes mit Rosen und Kostbarkeiten behängt. Sie hatte

den Strahl seines Auges aus der Dämmerung des Nochnichtseins

aufgefangen, sie hatte es schon ganz im Besitz und es mit verzückten

Armen über sich und über Philipp hinausgehoben, um es Gott näher zu

bringen. Mit entzündeter Phantasie hatte sie seine Seele erschaffen. Sie

hatte seinen Geist aus Träumen gemeißelt und ihre Liebe, bisher

körperlos verschwebend, hatte ein Gefäß erhalten, atmende, zeugende

Gegenwart.

Durch den neuerlichen Raub sah sie sich ausgestoßen aus der Welt und aus

sich selbst. In frierender Blöße war sie schamloser Neugier

preisgegeben. Sie erschien sich entkräftet und zweigeteilt. Sie verlor

die seltsam umschleierte Sicherheit von Rede, Schritt und Haltung,

bewahrte aber doch ihre Ruhe. Wie ehemals formte sich alles zur

geduldigen Erwartung, doch war es nicht mehr die Erwartung vor dem

Anbruch des Tages, sondern diejenige vor dem Kommen der Nacht.

Es träumte ihr, daß sie zwei Teller sah, die wie zwei gefallene Monde

anzuschauen waren. Auf jedem der beiden Teller lag ein Herz, auf dem

einen das ihre, auf dem andern Philipps Herz. Ihr Herz war

scharlachfarben, von den Seiten rann Blut und quoll über die bläulich

leuchtende Schale. Philipps Herz war blaß und schleimig; es erinnerte an

jene Quallen, die das Meer bisweilen an den Strand spült. Da trat eine

Gestalt heran, packte Johannas Herz und warf es empor. Es stieg aber

kaum über Baumeshöhe und fiel schwer zurück. Dann schleuderte dieselbe

Hand Philipps Herz empor, und dies flog leicht wie eine Rakete bis in

die Wolken und kam nicht mehr zum Vorschein.

Fürchterlich zu denken, daß sie die unreife Frucht gepflückt haben

sollte und daß Süßes plötzlich bitter geworden war. »Öffne deine Hände!«

gebot sie Philipp nach einer Gewitternacht, die sie zusammen auf der

Burg bei Illescas verbracht hatten. Er öffnete seine Hände und sie

gewahrte, daß es die kleinen Hände eines Pagen waren. Der eine

Daumenballen war von einer Falkenkralle zerrissen. »Warum lächelst du?«

fragte sie verwundert; sie erkannte, daß dies Lächeln sein Schild war,

hinter dem sich niedrige Geheimnisse versteckten.

Auf die Wand der Kapelle, in der sie zu beten pflegte, war eine Szene

gemalt: ein schöner Jüngling, der vor der geisterhaften Erscheinung des

heiligen Jago die Flucht ergreift. Wenn sie in Philipps dunkelgrüne

Augen blickte, sah sie in unendlicher Verkleinerung das Bild des

fliehenden Jünglings darin. Stets ergriff er die Flucht vor ihr. Sein

geringstes Wort, seine zufälligste Bewegung ergriff die Flucht vor ihr.

Wenn sie sprach, senkte er den Kopf und alles an ihm verstummte. Ging

sie mit den Frauen über die Galerien und er stand mit seinen Freunden im

Hofe, so hörte er auf zu scherzen und legte mit bekümmerter Miene den

Arm über den Hals des Pferdes.

Fünfundzwanzig Tage des Monats war er fort vom Schlosse. Die Bringer von

wichtigen Nachrichten mußten warten. Wo ist Don Philipp? fragten die

Räte. Geantwortet wurde: er jagt mit dem Grafen Balduin; oder er zecht

mit dem Ritter Kastilalt; oder er ist zum Winzerfest nach Saragossa

geritten. Es gab auch Auskünfte, die man nur heimlich zu raunen wagte;

denn nicht selten spielten die schönen Maurinnen eine Rolle bei den

Zerstreuungen der Herren.

Wenn Philipp, wie es selten geschah, zur Nachtzeit das Gemach Johannas

betrat, war er fast jedesmal trunken. Seine Liebkosungen rochen nach

Wein, seine Leidenschaft war geräuschvoll und prahlerisch. Sein Gemüt

war im Rausch der Lüge wie sein Blut im Rausch des Weines. Er merkte

nicht, wie dann alles an Johanna lautlos schluchzte und ihr Kuß ein

Krampf der Reue wurde. Er hatte noch immer nicht gelernt, in

Menschengesichtern zu lesen; er hatte den Geist eines Pagen. Wenn er auf

dem Pferde saß und den Kopf stolz zur Seite drehte, dann mochte er als

ein Wesen für sich erscheinen. Aber seine Zunge war von Gott versiegelt,

und er wußte nichts von dem Schmerz um sich selbst.

Wie die Tage sich ausspannen zu Wochen und die Monate sich zu Jahren

dehnten, empfand Johanna kaum. Sie brachte ein drittes Kind zur Welt,

ein viertes, ein fünftes. Sie trug sie unter einem verödeten Herzen und

gebar sie -- hoffnungslos. Alle wurden ihr genommen wie jenes Kind der

Liebe; ihr war, als setze sie Gespenster ins Leben, Dinge, die zu Luft

verrannen, wenn ihr sehnsüchtiger Arm nach ihnen griff. In ihre tiefe

Verlassenheit blickten aus weiter Ferne, von hyperboreischer Meeresküste

her die lebendigen Augen ihres Sohnes Karl. Sie wußte nicht mehr von

ihm, als man von den Sagenfiguren aus der Vorzeit erfährt.

Ihr vernichtetes und gescheuchtes Herz grub sich weiter in die Nacht. In

fremdartiger Hitze rollte ihr Blut. Beim Anblick der Sterne konnte sie

vor Ungeduld zittern und die Hand auf die zum Aufschrei geöffneten

Lippen pressen. Des Schlafes bedurfte sie kaum. Was sie sprach, klang

feindselig und verworren. Einmal nahm sie Petrarcas Sonette zur Hand und

las; plötzlich schleuderte sie das Buch, von Wut, Gram und Haß

überwältigt, weit weg, hob es wieder auf, riß es in Fetzen und

zerstampfte, was davon übrig war, mit den Füßen. Ihre Ruhelosigkeit

erregte den Schrecken aller Bewohner des Palastes; selbst ihr

Beichtvater hatte Angst vor den lodernden Augen. Wenn alles schlief,

ging sie mit der Kerze langsam durch ihr Zimmer, doch schritt sie nie

durch die Mitte des Raumes, sondern an den Wänden entlang. Und ihr

bloßer Hals leuchtete über dem dunklen Kleid wie der Stengel einer

Blume, die sich vor dem Sturme senkt.

* * * * *

Es ereignete sich nun, daß eine schöne Portugiesin an den Hof zu Burgos

kam, deren Name Benigna von Latiloe war. Sie wohnte im Hause Don Inigos

de Stuniga, dort sah sie auch den Herzog zum ersten Mal und sie geriet

in solche Liebe zu ihm, daß alle, die zugegen waren, es sogleich

merkten. Philipp jedoch verhielt sich kühl, trotzdem die Dame von

bezaubernder Anmut war und auch einigen Geist besaß. Bei späteren

Begegnungen wich er um so weniger von seinem höflichen, aber gemessenen

Betragen ab, als ihm der Eifer Donna Benignas lästig zu werden begann

und ihre Nachstellung den Stoff des öffentlichen Geredes bildete. Wäre

sie geschickt und kokett genug gewesen, seine Eroberungslust zu reizen,

so wäre sie vielleicht Gunstfräulein geworden, denn andere, die sich

nicht solcher Gaben rühmen konnten wie sie, wurden dieses Vorzugs leicht

zuteil; ihr schlug es fehl. Die Aufrichtigkeit ihrer Leidenschaft war zu

groß.

Das Unheil wollte es, daß der Ritter Franz von Kastilalt, der noch immer

der unzertrennliche Begleiter Don Philipps war, sich mit ebensolcher

Heftigkeit in die schöne Portugiesin verliebte, wie diese in den Herzog.

Er fand aber kein Gehör, und seine ungestümen Bemühungen machten ihn

bloß zum Gegenstand des Abscheus für das Fräulein. Als er sah, daß ein

Glück, welches Philipp gleichgültig verschmähte, ihm verwehrt sein

sollte, wurde er von tödlichem Haß erfüllt, nicht nur gegen Donna

Benigna, sondern auch gegen seinen Herrn, und seiner tückischen

Gemütsart entsprechend, sann er darauf, an beiden sich zu rächen. Häufig

war er Helfer und Anstifter bei den Liebesabenteuern Philipps gewesen.

Er wußte, daß dieser mit ängstlicher Sorgsamkeit darüber wachte, sein

Treiben vor Donna Johanna geheim zu halten und nur auf Schleichwegen den

leichtsinnigen Neigungen fröhnte. Wie alle war auch Ritter Kastilalt

davon überzeugt, daß die Infantin mit unsichtbaren Mächten im Bündnis

sei, und er beschloß, den Herzog und Donna Benigna bei Johanna zu

verraten, als ob sie in verbotener Beziehung ständen. Zu diesem Zweck

wußte er sich die Briefe anzueignen, welche die Portugiesin fast täglich

an Philipp sandte, und wählte diejenigen aus, deren hingebender und

zärtlicher Ton wohl darauf schließen lassen konnte, daß die Anklage des

Ritters auf Wahrheit beruhe.

Er ließ sich bei der Infantin melden, gab sich ein demütig-ergebenes

Ansehen, als ob ihm auf der Welt nichts im Sinn läge, als das Wohl der

Herzogin und als ob ihn sein Gewissen der Ruhe beraubt und ihn endlich

gezwungen habe, sich der Last des Verschweigens zu entledigen. Darnach

brachte er das Gespinnst ans Licht, das er in seinem schwarzen Innern

gewoben, gab die Briefe Donna Benignas zum Beleg und ging wieder, seiner

Sache keineswegs versichert, denn die Infantin hatte ihn mit unbewegter

Miene angehört und kein einziges Wort gesprochen. Ehe noch der Stein

seinem Auge entschwunden war, den er so ränkevoll den Abhang hinunter

gerollt, nisteten sich schon Angst und Reue bei ihm ein.

Als der Ritter fort war, preßte Donna Johanna ihre beiden Hände gegen

die Brust, schritt zu dem hohen Spiegel, der zwischen zwei Halbsäulen

aus gelbem Marmor hing, und betrachtete mit großer Aufmerksamkeit ihr

Gesicht. Im Zimmer befand sich niemand als Donna Gregoria und diese

verfolgte das Tun ihrer Herrin bang und lautlos.

Die Schwestern: Drei Novellen · 第 1 / 10 段